Piraten

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Die Bundesregierung hat sich zur Piraten-Frage geäußert - positiv geäußert: sie wird Piraten in fremde Gewässer schicken, ausgestattet mit einem Kaperbrief, der auch die Gewaltanwendung legitimiert. Der Piraten Aufgabe wird sein, die großen Piratenflotten der westlichen Handelswelt zu flankieren, sie zu schützen und die Reibungslosigkeit ihrer Ausbeutungsmethoden zu gewährleisten. Alles mit Segen der Bürger dieses Länder versteht sich - ein Francis Drake muß sich schließlich seine Kaperfahrt vom Souverän genehmigen lassen.

Vielleicht sollten wir die Termini überdenken; vielleicht sollten wir genauer hinschauen, wenn man Begrifflichkeiten vorkocht, damit wir diese runterschlingen, ohne auch nur darauf herumzukauen - erfahrungsgemäß erleichtert das Kauen die Verdauung. Machen wir es uns also leichter, kauen wir mal durch, was da zubereitet wurde: das griechische Wort πειρατής (peiratés) bedeutet soviel wie "Angreifer", in der Form πειραν (peiran) auch "wagen" - der Pirat ist demnach ein Angreifer, womöglich einer, der es wagt anzugreifen. Genau das trifft durchweg auf die Piraten der westlichen Vaterländer zu, sowohl auf die nun berufenen militärisch-uniformierten Piraten, als auch auf jene, die mit Kalkulationen, Stoppuhren, Kosten-Nutzen-Kalkül, Auswertungsstatistiken und dergleichen mehr, die Wirtschaft in der Dritten Welt kontrollieren - sie greifen auf ihre eigentümliche Weise an, benutzen den Rotstift anstatt eines Degens, Schmier- und Bestechungsgelder als Maschinengewehre.

Und dann sind da noch jene Burschen, die in den westlichen Medien durchweg als "Piraten" bezeichnet werden. Nicht die uniformierten Schlächter aus den Soldatenschmieden unserer Hemisphäre, sondern die ungestümen und ungeschlachten Kerle, die Schiffe überfallen und Menschen töten. Sie greifen auch an, sind Angreifer, sind keineswegs ausgewiesene Vertreter der Menschenrechte, weswegen uns das Motiv dieses Nihilismus zu interessieren hat. Wenn Angreifer gegen Angreifer steht, muß begriffen werden, warum wer angreift: Sie - jene, die man hierzulande "Piraten" nennt - greifen nicht aus einer satten Position heraus an, sondern weil sie an die Wand gedrückt werden. Es sind die Zukurzgekommenen, die sich hier auf bestialische und unmenschliche Art und Weise ihres Leides erwehren. Sie wähnen sich in den Glauben, dass sie sich sichern dürfen, was man ihnen auf ehrlichem Wege niemals zugestehen würde, woran man sie niemals teilhaben ließe - ein kleines bißchen Wohlstand, ein Krümelchen von großen Kuchen gesicherter Lebensentwürfe, etwas mehr materielle Sicherheit. Ein Leben auf dem Meer, auch heute noch, eingeordnet in einer drakonisch gesitteten Hierarchie unter einem nicht gerade humanistisch geschulten Hauptmann, ist kein Zuckerschlecken - wenn nicht die Armut, wenn nicht das An-die-Wand-gedrückt-sein drohen würde, würde mancher dieser Kerle so ein Leben nicht führen wollen. Das was man einst als Romantik des Piratenlebens verklärte, gilt heute so wenig wie damals, vielleicht noch weniger, weil man mit Blick gen Westen sieht, dass es andere, ganz andere Lebensentwürfe gäbe, wenn man ihnen nur Teilhabe am Wohlstand dieser Welt zusichern würde.

Vielleicht sollten wir also zurechtrücken, was uns da serviert wurde; sollten wir überdenken, ob wir künftig die Uniformierten aus unseren Landen als Angreifer, d.h. Piraten bezeichnen, während wir die vermeintlichen "Piraten" als Zukurzgekommene ansprechen sollten. Letzterer Terminus soll nicht rechtfertigen, aber verständlich machen, warum diese Menschen tun, was sie tun. Es ändert nichts daran, dass sie sich über jegliche Moral hinwegsetzen, Menschenleben opfern, um ihre eigene Misere zu lindern - dies bleibt in jedem Falle verwerflich. Die Deutsche Marine der Piraterie zu bezichtigen, greift aber deswegen keineswegs zu kurz. Sie macht sich zum Handlanger solcher Freibeuter, die ihre Produkte für teueres Geld in die Dritte Welt exportieren, dabei die Verschuldung betroffener Länder in Kauf nehmen - und die Dritte Welt in eine endlose Schuldenspirale stürzen, die sie handlungsunfähig macht und in Abhängigkeit geraten läßt -, gleichzeitig aber Rohstoffe für wenig Geld in den Westen importieren. Dies alles geschieht freilich "höchst legal", mit dem Segen des Welthandels, aber eben nicht mit dem "Ja und Amen" vieler aggressiv gemachter, förmlich zur Aggression herangezüchteter Zeitgenossen aus den Regionen der Zukurzgekommenen. Für die Zukurzgekommenen ist alles, was nur nach dem Westen riecht aggressiv, ist Ausgeburt des Weltaggressors, der ausbeutet und ausbluten läßt, der rücksichtslos Sozialstrukturen niederwalzt und seit Jahrhunderten den "minderwertigen Teil der Erde" als großes Schlaraffenland begreift, an dem man sich nur mit möglichst hemmungsloser Chuzpe bedienen muß.

Das Durchkauen der medial zubereiteten Begrifflichkeiten dient nicht dazu, die Gewalttätigkeiten der Zukurzgekommenen reinzuwaschen. Dazu gibt es keinen Anlass, selbst die größte Not kann nicht dazu mißbraucht werden, seiner eigenen Niedertracht und Brutalität freien Lauf zu lassen. Wozu sie aber dienen soll, ist die Schwarzweißmalerei auszuhebeln, sie als Metapher medialen Kampagnenjournalismus zu enttarnen: Hier tritt nicht Gut gegen Böse auf, nicht das Reich der Engel gegen das Reich der Dunkelheit, nicht der glorreiche Ritter gegen den von Natur aus bösen Drachen - diese Sichtweise dient nur dazu, vor dem Volk zu rechtfertigen, was bei genauer Betrachtung der Dinge nicht zu rechtfertigen wäre, was ja die gesamten Mechanismen des Welthandels, der ja vornehmlich ein Handelskodex der westlichen Industrienationen ist, zweifelhaft machen würde. Dazu bedarf es des absolut Bösen, dem Bösen um des Bösen willen, einer Bösartigkeit, die nur durch das Wort "böse" erklärbar wird - sie sind böse, weil sie böse sind und daher sind sie böse! Die Tautologie als Mittel dazu, das andere Böse, die uniformierte Weltgeltungssucht nämlich, als Weltenretter, als feinen Kerl, als erleuchtete Engelsgestalt darzustellen.

Das Zurechtrücken der Termini soll klarmachen, dass hier Niederträchtigkeiten aufeinandertreffen: das Böse - wenn man diesen Begriff so abstrakt benutzen will - gegen sich selbst, die Widerlichkeiten menschlicher Brutalität gegen die anderen Widerlichkeiten menschlicher Brutalität - Dunkelheit gegen Dunkelheit! Anhand der unkritischen Hofberichterstattung in der Piraten-Frage, wird deutlich, wie wichtig Begrifflichkeiten sind, um Stimmungen zu erzeugen. Der vermeintliche "Pirat" wird selbst in der westlichen Welt, und das in Zeiten, in denen wir vom Geburtstag der Menschenrechte sprechen, wie ein abzuknallendes Urwaldvieh behandelt, während der militärische Flankenschutz für die Weltausbeuter als vernünftige, löbliche, menschenliebende Tat deklariert wird. Wenn der Begriff und die dazugehörigen Konnotationen stimmig sind, dann kann man jede Unmenschlichkeit, jeden Gewaltakt, jeden Verstoß gegen Völker- und Menschenrechte wie einen Akt der Milde, wie gelebte Vernunft aussehen lassen.

17 Kommentare:

Anonym 11. Dezember 2008 um 10:46  

Man sollte den Film mit Jonny Depp statt "Fluch der Karibik" in "Fluch der Somalischen See", oder noch besser "Mega-Fischereiflotten produzieren Piraten" umbenennen.

Ich hab nämlich vor kurzem mitbekommen, dass der Grund für die Piraterie in diesen Gewässern die Überfischung der Meere ist, und die Tatsache, dass es im anarchistischen Somalia - im negativen Sinn - nur Chaos, und keine staatliche Ordnung, gibt, d.h. die Fischer müssen zu Piraten werden, um ihr Überleben zu sichern bzw. nicht zu verhungern.

Obwohl? Vielleicht bin ich da auch nur der Propaganda dieses westl. Nachrichtenmagazins auf den Leim gegangen?

Aber nachvollziehbar ist die Sache - wie die oben steht - irgendwie schon....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: Gab es nicht in der Frühzeit des Kapitalismus - vor ca. 200 - 300 Jahren nicht auch nur die Möglichkeit - bei uns hier - zum Räuberbaron zu werden, um nicht zu verhungern? Insofern erleben wir in Somalia wohl den Rollback der Geschichte, der auch der westl. Welt noch bevorsteht....

Andreas Bemeleit 11. Dezember 2008 um 11:20  

In meiner Lokalzeitung wurden am 10.12.2008 zwei Artikel auf einer Seite gedruckt.
"Kabinett plant Einsatz von 1400 Piraten" und direkt daneben "Angst vor Piraten - Columbus evakuiert".

Wenn dem deutschen Touristen die Möglichkeit genommen wird, aus der sicheren Burg eines Kreuzfahrtschiffes das Elend der Welt in Tagesausflügen zu besichtigen, dann scheint der Einsatz deutscher Soldaten zum Schutz der Touristen notwendig.

Anonym 11. Dezember 2008 um 11:54  

Guter Artikel Roberto. Hier treten wenn man so will die Schweine gegen die armen Schweine an, wenn man polemisch sein wollte. Bei dem Vorgehen gegen die "Piraten" zeigt sich wieder einmal, dass die Repression offenbar die einzige Option ist die wir kennen, was eigentlich nicht wirklich überrascht, basiert doch das was du als "Handelscodex" der Industrienationen bezeichnet hast auf den bestehenden Machtverhältnissen zwischen Erster und Dritter Welt, die von gleichberehtigter Partnerschaft weit entfernt sind und eher einer Kolonialisierung mit den Mitteln des Handels und des Finanzmarkts entsprechen. Ich finde bei der öffentlichen Wahrnehmung zeigt sich auch hier die seltsame Blindheit in der Analyse, wie wir sie auch immer wieder beim "Kampf gegen den Terror" sehen. Die andren sind das Böse und ausser ihrer Bösartigkeit gibt es auch keine erkennbaren Gründe für ihr Handeln. Dabei ist es genauso, wie du es beschrieben hast: die wenigsten werden als Traumberuf Terrorist oder Pirat angegeben haben wenn man sie als Kind danach gefragt hat. Wenn wir so fortfahren werden wir noch sehr viele Menschen umbringen müssen, um die Verhältnisse aufrecht zu erhalten. Es ist pervers aber vielleicht sind eines Tages die nicht mehr tragberen Kosten an Geld und eigenen Menschenleben, die einen Wandel herbeiführen.
btw: Kompliment für dein Blog und deine Fähigkeit, die Dinge auf den Punkt zu bringen

Anonym 11. Dezember 2008 um 13:52  

"[...]Wenn wir so fortfahren werden wir noch sehr viele Menschen umbringen müssen, um die Verhältnisse aufrecht zu erhalten.[...]"

Yep, der Bundwehreinsatz im Innern wird von Wolfgang Schäuble, dem schwäb. Oberterroristen, schon lange geplant....

Vielleicht dürfen wir dann auch in Deutschland - als Bundeswehr - "Räuber" jagen....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Anonym 11. Dezember 2008 um 16:01  

Vielen Dank für den hervorragenden Beitrag. Als ich die Nachricht zum Entscheid der Bundesregierung in der Zeitung las, gingen mir ähnliche Gedanken durch den Kopf - nur nicht so ausgereift formuliert. :-)

Eine wichtige Erklärung zur Motivation der "Piraten" wurde mit dem Hinweis auf die durch Überfischung zu Piraterie gedrängten Fischer schon gegeben.

Interessant finde ich neben den (für Politiker viel zu verschachtelten) Ursache-Wirkungsbeziehungen den finanziellen Vergleich direkter (für Politiker leicht zu verstehender und zu kommunizierender) Maßnahmen.

Militärische Ausgaben vs. humanitäre Hilfe:

"Die zusätzlichen Ausgaben für den deutschen Haushalt belaufen sich für das laufende Jahr auf bis zu 1,9 Millionen Euro und für 2009 auf bis zu 43,1 Millionen Euro."
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,595551,00.html

Im Vergleich dazu die humanitäre Hilfe:
"Im Jahr 2007 hatte das Auswärtige Amt 4,67 Mio. Euro für humanitäre Hilfsprojekte zugunsten somalischer Flüchtlinge und Binnenvertriebener zur Verfügung gestellt. Unter Einschluss der Leistungen des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) für entwicklungsorientierte Nothilfe in Somalia (2007 ca. 4,9 Mio. Euro) zählt Deutschland damit zu den größten internationalen Gebern humanitärer Hilfe für Somalia. 2008 hat das BMZ bereits 3 Mio. bereitgestellt."
http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Aussenpolitik/Themen/HumanitaereHilfe/Somalia.html

Das nur als ein Beispiel für Herumdoktern an Symptomen im Gegensatz zur Bekämpfung von Ursachen.

Auch ganz interessant ist diese Karte, die den menschlichen Einfluß auf die Ozeane darzustellen versucht.
http://www.nceas.ucsb.edu/GlobalMarine
Verbindet man diese noch mit einem Schaubild der Wasser-Handelsrouten und was auf denen (Anzahl Container) transportiert wird, könnte man schon auf frische Gedanken kommen.
(Finde leider online keine Übersicht, nur das hier: http://www.nationmaster.com/encyclopedia/Image:Merchant-marine-by-country.PNG)

m.ro

nescio quis 11. Dezember 2008 um 16:38  

Anzumerken wäre, daß industrieller Fischraub
nach dem Kollaps des somalischen Staates
[1991]viele somalische Fischer erst zu Piraten machte.

Bis zu 700 ausländische Fischereiboote,
darunter viele EU Fischtrawler unter
Billigflagge[FOC] d.h. unter Umgehung
internationaler Abkommen zu Fangbegrenzung
u. Artenschutz, sind auf der Jagd nach Tuna,
Hai u. Schwertfisch bis in küstennahe Gewässer eingedrungen, um ebendort reiche Lobster- u Shrimpvorkommen zu plündern.

Einheimische Fischer wurden gerammt, mit Wasserkanonen beschossen, Netze gekappt, Verlust von Menschenleben in Kauf genommen. Viele Boote einheimischer Subsistenzfischer wurden in diesen Zusammenstößen zerstört,die Fischer damit aus ihren Fanggründen vertrieben.

Wen wundert's, wenn zunächst "maritime Milizen" illegal fischende Trawler aufbrachten, eine "Lizenz-Zahlung" für Schwarzfischerei erhoben,
und versuchten damit ihre Lebendsgrundlage
zu verteidigten.

Demnach nach liegt die Wurzel dieser "Piraterie" in der illegalen Operation von hunderten Fisch-Trawlern aus EU, Russland u. Asien.

Jene Raubfischer,welche die "Piraterie" einst
provoziert haben, werden bei den verlockenden Summen[ca.94 Millionen Dollar laut FAO],ebenso vom Eu-Einsatz am Horn v. Afrika profitieren und ihre Profite wieder steigern können.

Reiseschutz für Kreuzfahrtschiffe...???
wohl eher Reiseschutz für europäische Thunfischfänger!

...bin ich jetzt ein Schelm der Böses denkt?

Anonym 11. Dezember 2008 um 16:50  

Es gibt da so eine Theorie, nach der ein Verteidiger durch die Verteidigung selber die Eigenschaften des Angreifers an-/übernimmt.


Was die Piraten vor Somalia angeht: das sind Probleme, die wir uns in unserer Gier selber schaffen. Es wäre möglich, alle Menschen auf dieser Welt pro Tag mit 2.000 Kalorien zu versorgen. Warum wird das also nicht gemacht?
Kapitalismus ist halt doch kein so gutes System, wenn man sich anschaut, ob er in der Lage ist, Organisations- bzw. Handelsstrukturen zu schaffen, die die GANZE Bevölkerung versorgen.


Was die Ausgaben für Entwicklungshilfe der Regierung angeht, bin ich mittlerweile skeptisch, wo die gut 4 Mio (mein vorposter) hinverschwinden? Angenommen, das Geld wird für langfristige "Hilfe zur Selbsthilfe" ausgegeben, wieso tut sich dann nix in Afrika? In den letzten Jahrzehnten sind zig Milliarden nach Afrika geflossen, Ergebnis: Bevölkerungswachstum.
Aber Hungern tun die immernoch, teilweise sogar mehr als vorher, weil sie das wenige, das sie haben, auf mehr Köpfe verteilen müssen.

Kurz und gut: wie man schon beim von der EU finanzierten Kosovo sehen kann, dürfte ein Gutteil westlicher Entwicklungshilfe-Gelder entweder in Korruptionssümpfen verschwinden oder sogar gezielt afrikanische Märkte kaputt machen.

Anonym 12. Dezember 2008 um 14:36  

Was die Ausgaben für Entwicklungshilfe der Regierung angeht, bin ich mittlerweile skeptisch, wo die gut 4 Mio (mein vorposter) hinverschwinden? Angenommen, das Geld wird für langfristige "Hilfe zur Selbsthilfe" ausgegeben, wieso tut sich dann nix in Afrika? In den letzten Jahrzehnten sind zig Milliarden nach Afrika geflossen, Ergebnis: Bevölkerungswachstum.

http://www.amazon.de/White-Mans-Burden-Efforts-Little/dp/0143038826/

Cardoso 12. Dezember 2008 um 19:29  

Bemerkensswert ist auch, dass dies alles bei uns erst zum Thema wurde, als ein Öltanker gekapert wurde. Die Seeleute, die schon vorher dort als Geiseln genommen wurde, waren uninteressant.
Ausserdem: Das Seegebiet ist nicht nur von grossen Trawlern leergefischt worden, es ist auch eine Müllkippe: "In Somalia wurden durch die Flutwelle des Tsunami vom 26.Dezember 2004 dutzende von Giftmüllfässern aus dem Meer auf Land geworfen, wo sie zerbarsten. Menschen erbrechen, leiden an Atembeschwerden und Hautkrankheiten. UN-Berichte erwähnen Symptome der Strahlenkrankheit und vermuten radioaktiven Müll und Chlororganika als Inhalt der Fässer.

Jahrelang hatten – wohl italienische – Firmen die unbewachten Küstengewässer der Staaten Somalia und wahrscheinlich auch Sudans als Giftmüllkippe benützt." Quelle:
http://www.greenpeace.de/themen/chemie/giftmuell/

Hörbert 12. Dezember 2008 um 21:03  

Besonders deutsche Schiffsbetreiber fordern die Hilfe der Deutschen Marine um gegen Piratenüberfälle vorzugehen.
Damit deren Schiffe geschützt werden.
In so ziemlich allen Medien wird von deutschen Schiffen gesprochen.
Zuletzt die MS "Astor" mag zwar deutsche Schiffseigner haben, ist aber definitiv kein deutsches Schiff!
Die Astor, wie die meisten anderen Schiffe, sind doppelregistriert. Das heißt, dass ein Schiff, welches einem deutschen Eigner gehört, eine Genehmigung zum Führen einer fremden Flagge erhalten hat. Dazu muss der Eigner diverse Bedingungen erfüllen, er darf es z.B. nicht mehr selbst und nicht vom deutschen Boden aus betreiben, er verliert die Reedereigenschaft, er darf es zwar vermieten und die Miete dafür kassieren, das ist aber auch schon alles und er muss nachweisen, dass er selbst das Schiff nicht liquide betreiben kann- u.a.
Die deutsche Registrierung ist lediglich eine Eigentumswahrung.
Dieses Schiff darf also nicht mehr vom deutschen Boden aus betrieben werden.Der neue Eigner muss es vom Ausland aus betreiben, besetzen u.s.w., das Schiff ist Rechts- und Territorialgebiet des Flaggenstaates und es gilt nur das Recht des anderen Staates, keines falls das deutsche- damit ist es kein deutsches Schiff mehr.
Deutsche Schiffseigener nutzen das deutsche Flaggenrecht seit den 70iger Jahren um sich über diesen Weg sämtlicher Arbeitgeberpflichten und auch sonstiger nach deutschen Recht zu entledigen. Der Trick besteht jetzt darin, das eigene Schiff an sich selbst zurückzuverchartern und dann nach wie vor vom deutschen Boden aus zu betreiben. Dabei wird völlig ignoriert, und von den Behörden geduldet, dass ein Schiff, welches vom deutschen Boden betreiben wird, zwingend die deutsche Flagge führen muss.
Ein Mißbrauch ist unter Strafe zu ahnden § 15 FlRG- eigentlich aber wer kennt schon das Flaggenrechtsgesetz §7 Abs.1.

Von daher ist es mehr als dreist, wenn ausgerchenet die, die sich allen Verpflichtungen gegenüber dem deutschen Staat entzogen haben, nun aber Pflichten von genau jenem einfordern.
Das Flaggenrecht ist uralt unter Kaiser Willi dem II eingeführt aus strategischen Gründen.
Heute läßt man den Betrug mit der Doppelregistrierung zu, wohl auch weil es noch einen Artikel 27 im GG gibt- man müßte eben doch noch aus strategischen Gründen ein paar Schiffe im Register halten- auch wenn diese dem deutschen Recht komplett entzogen sind- die Rückflaggung geht schnell.

Die Ursachen der Piraterie sind den kapitalstarken Schiffsfondsfürsten völlig egal- Es geht um die Ladung und die Zeit die durch so eine Attacke verloren geht.
Diese Schiffe fahren meist unter den Flaggen von Antigua&Barbuda, Zypern, Malta, Panama, Liberia, Burma, St.Vincent u.s.w. alles Flaggenstaaten, die in keinem Falle die Pflichten eines Flaggenstaates erfüllen. An diese hätten sich Schiffseigenr zu wenden, wenn sie Hilfe einfordern.
Die Seeleute übrigens bleiben meist immer die dummen.

im Internationalen Abkommen kann man alles nachlesen in Sachen Piratrie:
http://www.bsh.de/de/Meeresnutzung/Wirtschaft/Windparks/SrUe.pdf
oder hier:
http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:1998:179:0003:0134:DE:PDF

oder hier: http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Aussenpolitik/InternatRecht/Einzelfragen/Seerecht/Uebersicht.html

oder hier:
http://www.gesetze-im-internet.de/flaggrg/index.html

Anonym 13. Dezember 2008 um 00:55  

Man sollte mal durchsetzen, dass:

- alle Steuerhinterzieher und Steuerparadies-Firmeneigentümer auch in diesen Ländern leben müssen!
Allein mit der Schweiz würde es sowas von bergab gehen, wenn die ganzen Mafiaclans und russischen Oligarchen / Mafiafamilien und die ganzen afrikanischen und südamerikanischen Diktatoren dort einziehen würden!!!

- dass die Schiffseigner sich im Falle des Verlustes eines Schiffes an genau DASJENIGE Land wenden müssen, in dem selbiges Schiff registriert ist.


Vermutlich würden viele durchaus wohlhabende Menschen ihre tiefe Bindung ans Vaterland wiederentdecken ... Problem von zu wenig Steuereinnahmen für den Staat gelöst.

Jeder freut sich, wenn er in Thailand oder Goa billigst Urlaub machen kann. Aber wenn man dann da verhaftet/verletzt oder sonstwas wird, dann soll der Deutsche Staat gefälligst helfen... Bei Touristen gehts ja noch, aber bei diesen steuerhinterziehenden Geizkrägen geht einem doch echt langsam der Hut hoch.

jopa 14. Dezember 2008 um 21:37  

Etwas unangenehm an Deinem Beitrag ist, daß Du schwungvoll ignorierst, daß auf diesen Schiffen ganz normale Menschen sitzen, meist aus ebenfalls nicht besonders wohlhabenden Ländern dieser Erde, die irgendwie versuchen, mit harter Arbeit dem Elend in ihrer jeweiligen Heimat zu entfliehen, und die es bestimmt nicht lustig finden, mal eben entführt, mißhandelt und bedroht zu werden. Übergriffe von Piraten hat es schon langer gegeben, überall auf der Welt, aber solange es (meist) nur Warendiebstahl war, hielt sich die Problematik in Grenzen; Waren sind ersetzbar. Das erschreckend Neue an dieser Form von Piraterie ist, daß es sich de facto um eine menschenverachtende Entführungsindustrie handelt. Gerade von jemandem, der sich offensichtlich als "Linker" begreift, hätte ich hier etwas mehr Sensibilität erwartet.

Hess Ursling 14. Dezember 2008 um 23:14  

das Positive an diesem Blog ist, das unser angeblich so schlimmer Staat die Möglichkeit gibt, seine Meinung so frei zu äußern, wie es hier geschieht, wenn nicht andere Rechte geschmälert werden, was hier meiner Meinung nach auch geschieht.

das meiner Meinung nach Negative ist, daß dies auch ausgenutzt wird.

Anonym 15. Dezember 2008 um 03:02  

@jopa

"[...]Übergriffe von Piraten hat es schon langer gegeben, überall auf der Welt, aber solange es (meist) nur Warendiebstahl war, hielt sich die Problematik in Grenzen; Waren sind ersetzbar. Das erschreckend Neue an dieser Form von Piraterie ist, daß es sich de facto um eine menschenverachtende Entführungsindustrie handelt. [...]"

Die "menschenverachtende Entführungsindustrie" ist keineswegs neu - für dich vielleicht, weil die zu unseren Lebzeiten passiert. Jenseits von jeder "Piraten-Romantik" alá Jonny Depps "Fluch der Karibik" sollte dir aber schon klar sein, dass der Begriff "Seeräuber" nicht von ungefähr kommt. Daher auch meine Anspielung im ersten Beitrag als Antwort auf Robertos "Piraten"-Text - in 300 Jahren gibt es sicher, wenn dann noch Menschen existieren, Filme mit dem Titel "Der Fluch der Somalischen See", und die heutigen Seeräuber werden als Helden gefeiert. Übrigens im "Schwarzbuch Kapitalismus" des Kapitalismuskritikers Robert Kurz wird schon früh darüber berichtet, dass zwei brutale Unterformen des Kapitalismus von Anfang an die "moderne Kriegsführung" und die "Piraterie" waren - insofern prallen hier zwei wichtige Ideologiebestandteile des nicht naturgesetzlich, sondern politisch, geschaffenen Kapitalismus aufeinander - im 21. Jahrhundert, und dank Marktfundamentalismus auch Neoliberalismus genannt.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: Vor Jahren gab es schon Bücher mit dem Titel "Terror auf See", d.h. auch das "moderne Piratentum" ist keineswegs neu. Neu ist, dass nun auch die Bundeswehr auf diese angesetzt wird - frei nach Strucks Spruch - umgedeutet: "Die Verteidigung Deutschlands findet vor der Somalischen Küste statt". Interessant auch das hochaktuelle "Weißbuch der Bundeswehr", dass völlig unverschlüsselt zugibt, dass die Bundeswehr zur "Verteidigung der Rohstoffversorgung" - wozu wohl auch die Transportwege der Öltanker gehören - in den Krieg geschickt werden darf. Was die Opfer der Piraten angeht, die sind zunächst tatsächlich die armen Schlucker, die diese Schiffe steuern, aber die Reeder sind ja meist hochversichert, d.h.die armen Schlucker sind den Reedern egal, die ihre Schiffe steuern, denen geht es nur um das Rohöl drauf. Die Besatzung - aus neoliberaler Reedersicht gesprochen - kann dabei ruhig draufgehen. Sorry, aber so skrupellos schätze ich eben die Reeder der Öltanker ein, und bin damit sicher nicht allein....insofern gibt/gab es wohl schon immer 2 Formen von Piraten - die Schiffseigner, für die nur die Ware wichtig ist, und die Piraten, die Menschen und Rohstoffe erbeuteten - schon immer übrigens. Man könne auch verlangen die Verherrlichung der "guten" alten Piraterie zu stoppen - in Hollywood, und anderswo, aber ob dies geschieht ist fraglich. Ich denke ebensowenig, wie ein schonungslos harter Film über die mörderischen Seeräuber alter und neuer Tage....

Anonym 15. Dezember 2008 um 03:20  

Noch was:

Ich war gerade beim Internetbuchversandhandel - ich recherchierte wegen was anderem - und gab mal frei und frech "Piraten" ein. Ist schon der Hammer wie die Manipulation abläuft, die fängt schon bei Kinderbüchern an, und Bücher jenseits der Romantik der Piraterie von Anfang an muss man schon mit der Lupe suchen....auch so ein Fall von jahrelanger Manipulation der Öffentlichen Meinung in Deutschland. Vielleicht hat der Einsatz der Bundeswehr gegen Piraten hier auch sein gutes? Vielleicht wird jetzt auch Kleinkindern bewußt, dass erstens Piraten nicht freiwillig Piraten werden, dass man mit Schwarz-Weiß-Sicht der Dinge nicht weiterkommt, und dass die Romantisierung der Piraterie vergangener Zeiten kein Ausweg aus diesem Dilema ist - Piraten sind Räuber, wenn auch auf hoher See, aber immer noch Räuber und Kriminelle, wenn auch - manchmal - aus purer Not. Die Romantisierung der Räuber hat übrigens im Kapitalismus ja auch schon früh begonnen, wer denkt da nicht an Filme wie z.B. "Den Schinderhannes" oder "Der Pate I - III".

Hängt irgendwie alles zusammen - bei der Manipulation? Oder?

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: Spätere Zeiten werden auch heutige Piraten, und Kriminelle - egal ob an Land oder auf See - verherrlichen, da bin ich sicher. Ist wohl so, dass Menschen "vom Bösen" besonders fasziniert sind, und dies dann entweder schwarz-weiß sehen oder, was ich noch schlimmer halte, absolut weißwaschen wollen. Die Graustufe dazwischen dürfte wohl eher der Weg sein - die Piraten sind nicht die Engel als die die viele sehen wollen, aber auch die Gegner der Piraten sind keine Heiligen. Hier ist Roberto auf dem richtigen Weg - siehe "Schwarzbuch des Kapitalismus" von Robert Kurz.

jopa 15. Dezember 2008 um 21:53  

@ Anonym:

Manchmal ist es faszinierend, wie schnell man bestätigt wird. Ich merke an, daß es mich überrascht, daß auf einer sich dezidiert links gebenden Website keinerlei Mitleid mit den primär unter diesem Phänomen leidenden Seeleuten geäußert wird, und die einzige Reaktion ist ressentimentgeladener, vor irgendwo angelesenem Halbwissen triefender Wortschwall, der in der Tat genau diesen Eindruck noch einmal bekräftigt. Echt putzig, diese intellektuelle Spitzenleistung...

MfG

PS: Ihre Argumentation scheint man aauch auf den NDS eher nicht zu teilen (Orlando Pascheit: "Der Zusammenhang zwischen illegalem Fischfang und Piraterie mag etwas überstrapaziert sein,...", http://www.nachdenkseiten.de/?p=3632), womit ich jetzt aber den NDS auch keine übermäßige Informationsqualität unterstellen will...

Anonym 16. Dezember 2008 um 10:57  

@jopa

Auch "Linke" können irren.

Ich denke Roberto ging es einfach darum die offensichtlich zunehmende Militarisierung Deutschlands auch auf hoher See zu thematisieren. Das Thema "Piraterie" ist, das wolle ich eigentlich ausdrücken, auch heute noch ein relativ weitfächiges Gebiet. Eine moderne Abhandlung gibt es bereits - siehe mein Hinweis, auf ein 5 Jahre altes Werk eines Engländers mit dem Titel "Terror auf See". Deswegen wundert es mich eigentlich schon, dass unsere Bundesregierung das Thema erst jetzt entdeckt haben will.

Übrigens, als Mitglied der "Linken", bin ich Pazifist, d.h. gegen jegliche Kriegseinsätze der Bundeswehr, was aber noch lange nicht heißen will, dass ich alles schwarz-weiß sehe. Die Sache liegt wohl eher im Graubereich, d.h. in der neutralen Zone, die mit der Piraterie meine ich.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

PS: Eigentlich hätte ich auch einmal erwartet, auch wenn 1918 und 1945 schon einige Zeit her ist, dass die Piraterie der deutschen Marine im I. und II. Weltkrieg thematisiert wird, aber vielleicht kommt das auch noch. Hieß es nicht nach 1945 - nie wieder, und war damit nicht auch der heute wieder stattfindende Seekrieg der dt. Marine - wenn nicht in altem Ausmaß, aber es ist ein Seekrieg gegen den Terror - gemeint?

Was die NDS angeht, die halte ich -im Gegensatz zu Ihnen - für sehr gut und informativer als andere Medien in Deutschland, aber das ist ein anderes Thema....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

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