Seine despotische Heiligkeit

Samstag, 17. Mai 2008

Das Land ist voll der Verzückung, in einem berauschten Zustand. Ein "kleines Mönchlein" ist zu Besuch, wird von Volksvertretern und denen, die sich dafür halten, empfangen und dazu aufgefordert, seine mit gütiger Milde gefüllten Weisheiten an die Menschen zu bringen. Die Menschen hierzulande danken ihm die mit steter Fröhlichkeit verkündeten Heilsbotschaften mit einer sonderbaren Treue zu Tibet - dem selbsterklärten, aber auch vom Westen anerkannten Ort des irdischen Paradieses, in dem buddhistische Duldsamkeit und Weisheit den ewigen Kreislauf des Lebens, das beständige Wandern (Samsara), oder profan ausgedrückt: das Zusammenleben der Tibeter regeln. Der Dalai Lama, religiöser Führer der Tibeter - demgemäß kein demokratisch legitimierter Vertreter seines Volkes -, gilt in den wohlwollenden Augen der westlichen Hemisphäre als Inkarnation der Güte, Weisheit und Vernunft. Gemeinhin nimmt man es als verbürgte Erkenntnis wahr, dass jedes Volk einen Führer dieser Qualität benötigen würde. Hierzulande ergießen sich viele - von der esoterischen Bürokraft bis zum kritiklosen Journalisten (oder solche die vorgeben Journalist zu sein) - in schwülstigen Lobpreisungen, widmen sich der Vergötzung des buddhistischen Mönches.

Kritik am Dalai Lama, Kritik an den Autonomiebestrebungen Tibets findet sich keine. Bemängelungen gibt es aber wie Sand am Meer. Protibetisch vorgeprägt war das westliche Publikum schon seit Jahrzehnten, schon seitdem die ersten europäischen und amerikanischen Forscher das "Dach der Welt" erkundeten und von einer friedfertigen und noch von der Moderne unberührten Gesellschaft berichteten. Von dieser gesellschaftlichen Jungfräulichkeit inspiriert, verbunden mit den buddhistisch-esoterischen Heilslehren und deren Auslegung, Glaubende als Besitzer der absoluten Erkenntnis und Wahrheit zu verklären, machten sich daraufhin die Theosophen ans Werk, sich den Buddhismus und seinen irdischen Ort der Erscheinung - Tibet - als Stütze ihrer Lehre zu sichern. Bereits vor der chinesischen Invasion, hatte sich so ein romantisch-philanthropisches Bild Tibets in den Köpfen der Europäer und Amerikaner manifestiert. Für viele war - und ist - Tibet ein irdischer Garten Eden, in dem es keine Gewalt gibt, in dem Menschen sittsam und ohne Streitigkeiten miteinander leben, in dem jedem Wesen Würde zusteht. Der Dalai Lama stärkt diese Ansichten weiterhin in aller Welt, da sie der Sache seiner Exilregierung dienlich sind, im Westen Tür und Tor öffnen.

Bereits im Jahre 1997, anläßlich eines damaligen Besuches des tibetischen Religionsführers, berichtete das Magazin Panorama kritisch - eine Kritik, die heute gänzlich fehlt, wohl auch, weil eine Kritik Tibets als Bejahung des chinesischen Unterdrückerregimes mißverstanden werden kann. Im Panorama-Bericht werden die "vor-chinesischen" Zustände innerhalb Tibets dokumentiert. Damals regierte bereits der heutige 14. Dalai Lama, zwar nicht unmittelbar, da er noch minderjährig war, doch alles, was innerhalb seines Landes geschah, geschah in seinem Namen. Von drakonischen Strafen wurde berichtet - von denen auch Heinrich Harrer erzählt -, wie man Verurteilten Nasen und Ohren abschnitt, wenn sie eine Untat begingen. Die Angst der Bevölkerung vor der berüchtigten Mönchspolizei wird erwähnt, ebenso wie das streng hierarchische Gesellschaftswesen und die omnipräsente Dominanz der Mönchskaste. Der Dalai Lama verklärt heute die Geschichte seines Landes, indem er den Menschen erzählt, dass der Buddhismus aus dem wilden Tibet ein kultiviertes und menschenfreundliches Land gemacht habe - Hollywoodfilme wie Annauds "Sieben Jahre in Tibet", der auf Harrers Berichten basiert, unterstützen das Märchen vom unbefleckten Tibet ebenso. Das beschriebene Mönchsregime existierte aber bis 1951, viele Jahrhunderte nachdem der Buddhismus in Tibet einzog also. Damalige Tibetologen - sofern man sie damals schon so bezeichnen konnte - berichteten von einer offen zu Tage tretenden Ausländerfeindlichkeit, die allerorts zu spüren war. Auch Harrer, der Tibet durchaus positiv zeichnet, berichtet davon, wie er und sein Leidensgefährte Aufschnaiter aus Dörfern vertrieben wurden, weil man Ausländer nicht im Ort haben wollte. Politisches Asyl wurde ihnen zunächst aus demselben Grund verwährt. Nur ihre Hartnäckigkeit und die Neugier des Dalai Lamas auf die Europäer bescherten ihnen das begehrte Asyl. Hier schlug durch, was sich auch in der metaphysischen Welterklärungslehre der Nationalsozialisten äußerte: Die buddhistischen Tibeter sahen sich als reine Rasse, wollten nicht fremdunterwandert werden, fühlten sich durch die Lehren Buddhas und die daraus resultierende einzige Wahrheit, bestärkt darin.

Nun könnte man argumentieren, dass eine heutige Autonomie Tibets eine andere Innenpolitik mit sich bringen würde, dass der Dalai Lama doch regelmäßig auf den Segen der Demokratie zu sprechen kommt. Aber seine Exilregierung wird alles andere als demokratisch geführt und die inner-buddhistische Frage nach der Gottheit Shugden, offenbart mit welcher Rigidität der Dalai Lama nicht regiert, sondern herrscht. Diese Gottheit wurde - aufgrund fadenscheiniger Orakelbeschwörungen - zur verbotenen Gottheit erklärt. Shugden trage die Schuld für die Misere im eigenen Lande, sei schuld, weil die Chinesen nicht abziehen wollten. Und obwohl viele Buddhisten Shugden anbeten, setzt sich der Dalai Lama - gar nicht demokratisch - darüber hinweg und sanktioniert jeden, der weiterhin diesem zum Irrglauben gewordenen Glauben frönt. Er ermuntert Menschen gar zur Denunziation, sie sollen Verfehlungen ihrer Nächsten an die Exilregierung weiterleiten, damit diese zur Tat schreiten könne. Die Exilregierung erwies sich in dieser "theologischen Spitzfindigkeit" als willfähriger Gehilfe, änderte ohne großes Murren die tibetische Exilverfassung und macht es in diversen Paragraphen zum Gegenstand, dem Irrglauben an Shugden nicht mehr folgen zu dürfen. All dies verwundert auch insofern, da der Dalai Lama immer wieder betont, dass die tibetische Exilregierung penibel zwischen Religion und Staat unterscheidet.

Wenn aber Verfassungen schon vorschreiben, was geglaubt werden darf und was nicht; wenn also Glaubensfreiheit kein Merkmal einer tibetischen Gesetzgebung ist, wie kann man davon ausgehen, dass sich in Tibet ein frischer Wind auftut, wenn die Autonomie erstmal erwirkt ist? - In Glaubensfragen spielt sich das geistige Oberhaupt der Tibeter als Despot auf; das Tibet seiner Kindheit und Jugend, welches er zum Maßstab erhebt, war ein Ort der staatlichen Gewaltanwendung, der Unterdrückung der Bevölkerung und der drakonischen Bestrafung von Sündern im Sinne der buddhistischen Lehre. Am letzten Punkt wird meßbar, wie wenig man von der Trennung von Staat und Religion hielt - und weiterhin hält und halten muß. Ein buddhistisches Tibet kann nicht fern der Religion autonom sein, denn selbige ist Ausgangspunkt jeder politischen Überlegung, ist - wie im platonischen Staate - ethische Grundlage jeglicher Handlung. Das Lächeln des Dalai Lamas sollte nicht darüber hinwegtäuschen, sondern ehergehend begreiflich machen, dass wahre Unterdrückung sich immer lächelnd einen Weg bahnt. Ein freies Tibet hätte sicherlich ebenso ein lächelndes Oberhaupt, welches sich aber dann auf eine schmarotzende Mönchskaste stützen würde, die die Menschen ausbeutet, so wie es einst die Chinesen taten.

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Sit venia verbo

Freitag, 16. Mai 2008

"Denken kann gewiß nicht gelehrt werden, es ist die verbreitetste, spontanste und natürlichste Sache der Welt - aber auch die Tätigkeit, von der man sich am leichtesten ablenken läßt. Denken kann verlernt werden. Alles wirkt darauf hin. Sich dem Denken hinzugeben erfordert Kühnheit, da sich ihm doch alles entgegenstellt. Häufig genug stehen wir dem Denken selbst im Weg! Sich daranzumachen erfordert etwas Übung, man muß zunächst einmal die Epitheta vergessen, die das Denken als streng, verzwickt, abschreckend, leblos, elitär, lähmend und grenzenlos langweilig hinstellen. Und man muß die listigen Argumente widerlegen, die an die Kluft zwischen Intellekt und Irrationalität, zwischen Denken und Fühlen glauben machen wollen. Wenn man das erreicht, dann ist das fast eine Art Heilszustand! Denken kann jedem ermöglichen, im Guten wie im Schlechten zu einem Bewohner mit vollem Recht zu werden, einer, der - ganz unabhängig von seinem Status - frei ist. Daß so etwas kaum unterstützt wird, kann nicht überraschen.
Denn nichts mobilisiert so wie das Denken. Denken ist alles andere als ein trübsinniges Verharren, es ist vielmehr die Quintessenz des Tätigseins. Es gibt keine subversivere, keine gefürchtetere Tätigkeit. Es gibt auch nichts, was stärker verleumdet würde, und das ist weder zufällig noch harmlos: Denken ist politisch. Und zwar nicht nur das politische Denken. Bei weitem nicht! Die bloße Tatsache zu denken ist politisch. Deshalb der heimtückische und dadurch um so effizientere Kampf, der heute so heftig wie nie zuvor gegen das Denken geführt wird, gegen die Fähigkeit zu denken.
Denken ist eine Fähigkeit, die mehr und mehr zu unserer letzten Rettung wird."
- Viviane Forrester, "Der Terror der Ökonomie" -

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Sprachirritationen

Donnerstag, 15. Mai 2008

"Ella es de la derecha alemana, la misma que apoyó a Hitler y la misma que apoyó el fascismo, ésta es la Cancillería alemana de hoy." Sprach er und trat damit eine Lawine los. Unflätig und politisch inkorrekt nannte man diese Äußerung quer durch den Blätterwald und durchgezappt durch die TV-Landschaft. Was Hugo Chavez am Wochenende über Angela Merkel zum Besten gab, reicherte die öffentliche Diskussion um eine Nichtigkeit mehr an, gab dem Geschehen ein weiteres Ablenkungsmanöver. Was hat er da eigentlich vom Stapel gelassen? - Im Deutschen würde es soviel bedeuten - man kann Sprachen nicht übersetzen, kann nur Bedeutungen wahrnehmen - wie: "Sie ist von der deutschen Rechten, der gleichen, die Hitler unterstützt hat und der gleichen, die den Faschismus unterstützt hat. Das ist die deutsche Kanzlerin von heute."

Davon mag man halten was man will - gelogen oder Geschichte geklittert hat er jedenfalls nicht -, kann es witzig, dreist oder peinlich finden, doch eines kann man nicht: Man kann nicht behaupten, dass Venezuelas Präsident Merkel mit Hitler verglichen hätte! Gerade dies behaupten die deutschen Medien aber unisono. Man hat den Medien der westlichen Industrienationen auch schon im Falle Bin Ladens unterstellt, sie hätten dessen arabische Worte fehlerhaft gedeutet. Man kann sich vorstellen, dass bei einer derart fremdklingenden Sprache, mit all den Schattierungen in der Betonung - Betonungen durch Kehllaute, die ein Kind ab den sechsten Monat verlernt, sofern es nicht ständig mit diesen konfrontiert ist; weswegen Europäer bestimmte Wortklänge nie fehlerfrei zustandebekommen - und dem typisch blumigen Ausdrucksstil, schon mal Verständigungsschwierigkeiten mit sich bringt. Dem Spanischen aber eine so gänzlich andere Bedeutung beizumessen; einer Sprache, die verwandt im Ausdruck, aber auch im Denken ist - Sprachsysteme prägen das Denken außerordentlich, man denke z.B. an die fehlenden Zeitbegrifflichkeiten bei den Hopi-Indianern und deren Unverständnis für zeitliche Abläufe -, ist schier unerklärlich.

Gerade die deutschen Medien, die immer wieder jenen Moment der Chavez-Rede zeigten, in der er angeblich Angela Merkel mit Hitler verglich, erlaubten es dem Spanischkundigen nicht, sich die Stelle des Frevels anzuhören. Man wurde von der sensationsheischenden Off-Stimme abgelenkt, teilweise war sie so laut, dass man vom Orginalton nichts mehr hören konnte. Sollte man wohl auch nicht, denn indem man Chavez mundtot macht, ihm Worte und Absichten in den Mund legt, die er so nie gesagt oder gemeint hatte, lenkt man von der neoimperialen Großmannssucht, von der symbolträchtigen hacendado-Tour ab, die Merkel durch linientreue, d.h. USA-loyale Staaten Südamerikas führt. Sich über die Bestrebungen hinwegsetzend, die Lateinamerika aus den Klauen des "Konsens von Washington" befreien sollen. Damit bekennt die Kanzlerin Farbe, gibt sich als verkappte Anhängerin einer entfesselten Monroe-Doktrin zu erkennen, und spricht sich somit wortlos dafür aus, dass Südamerika weiterhin das Terrain für pervers-neoliberale Wirtschaftsexperimente bleiben muß.

Wer kann es Hugo Chavez da verdenken, dass er sich drastisch und provokativ zu Wort meldet? Wenn er voraussagt, dass ihm die Kanzlerin sagen wird, er solle den Mund halten - Porque no te callas? - und er damit zum Ausdruck bringen will, dass es jene linken Gesinnungsgenossen Lateinamerikas sind, denen die Kanzlerin allesamt gerne das Maul stopfen würde? Dies alles braucht man hierzulande nicht zu wissen. Deshalb wird Chavez zu demjenigen, der die feine Frau Bundeskanzlerin mit dem Wiener Postkartenkünstler in Verbindung bringt. Wird zum Politclown abgestempelt, zum dreisten Agitator, zum Abgesang auf Südamerika - kurz: er wird als Vertreter seines Landes verunmöglicht. Wenn nur alle Länder des Subkontinents den neoliberalen Reformkurs Chiles bestritten hätten, dann wäre für Washington - und für Merkel - die Welt in Ordnung...

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In nuce

Mittwoch, 14. Mai 2008

Zwangsarbeit kommt wieder in Mode. Diktatur ist wieder voll im Trend. Sofern Sie Ihre alten Kapo-Armbinden oder schwarze Uniformen noch im Schrank haben, sollten Sie sie nicht wegwerfen, denn ab den kommenden Sommer könnte sich das Einmotten der guten Stücke gelohnt haben. Mit romantischem Fernweh nach der guten, alten Zeit, in der noch Zucht und Ordnung herrschte, versucht man das Flair damaliger Tage wiederzubeleben. Freilich ist nicht alles so, wie es einst war, denn aus der rostigen Stahlkugel, die man keck um das Fußgelenk gewickelt trug, ist heute eine ordinäre "Pflicht zur Mitwirkung" geworden, und der drangsalierende Kapo steht nicht mehr mit der Gerte daneben, sondern sitzt fernüberwachend im Büro des jeweiligen Jobcenters, nennt sich dort euphemistisch "Sachbearbeiter", doch ist man versucht, Altbewährtes nach bestem Wissen und Gewissen zu reanimieren. Namentlich Wirtschaftsminister Glos tut sich hervor, um als Gründervater des BAD (Bundesarbeitsdienstes) in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen zu können. "Bürgerarbeit" nennt man diese feine Einrichtung; von Zwang wird aber nicht gesprochen. Man will ja niemand erschrecken. Und in Zeiten, in denen man wie verrückt auf die politische Korrektheit achtet, ist nicht wichtig, was wirklich politisch korrekt ist, sondern wie man es in politisch korrekter Weise bezeichnet. Deshalb darf man nicht von Zwang sprechen, auch wenn Zwang angewandt wird.
Das wird wieder schön romantisch werden, so wie damals: "Der Bundesarbeitsdienst ist Ehrendienst am deutschen Volke. [...] Der Bundesarbeitsdienst ist zur Durchführung gemeinnütziger Arbeiten bestimmt.“ Letztendlich ist dies die logische Konsequenz, nachdem vor einigen Jahren in Wirtschaftsministerium bereits von Schmarotzern und Parasiten die Rede war. Nun werden die Arbeitsscheuen zu braven Volksgenossen herangezogen. Aber "entartet" darf man weiterhin natürlich nicht sagen, und wenn ein besonders frecher Zeitgenosse seinen Drangsaleur "Kapo" nennt, dann wird wieder gewettert, der Nazi-Jargon angemahnt. Aber Zwangsarbeit fordern und es Bürgerarbeit nennen - sowas ist immer erlaubt, solange die Begrifflichkeit stimmt.

Vor einiger Zeit schrieb ein von mir geschätzter Kollege, dass es an der Zeit wäre, die Bonzokratie dieses Landes zu zerschlagen. Damit traf er natürlich auch meine Einstellung, nur war mir der Begriff "Bonzokratie" bis dato noch nie ins Bewußtsein gerückt bzw. ich hatte ihn wahrscheinlich vormals nie gehört. Anzeichen für Bonzokratie? - Ganz einfach, anhand der plötzlichen Hochzeit des Altbundeskanzlers: "Trauzeugen waren der Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, Kai Diekmann, und der Medienunternehmer Leo Kirch. Beide gelten als enge Freunde Kohls." Da trifft zusammen, was zusammengehört...

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Des Westens süßer Traum

Es darf darum gestritten werden, ob man das Aussetzen des Nilbarsches im Viktoriasee - welches in den sechziger Jahren geschah -, als "Darwins Alptraum" bezeichnen darf oder nicht. Betrachtet man freilich die Folgen, die diese Aktion mit sich brachte, die damit verbundene Ausrottung von über 400 kleineren Fischarten - der Nilbarsch, der ja nun zum Viktoriabarsch wurde, ist ein Raubfisch -, die unter anderem für die Beseitigung des Algenwuchses verantwortlich waren, so könnte man freilich zum dem Schluß kommen, dass es sich um einen dreisten und unnötigen evolutionären Eingriff seitens des Menschen handelt - um eine Anmaßung eines Wesens, das sich selbst zum Gott erhebt. Unnötig ist er - der Eingriff - durchaus gewesen, unethisch sowieso, denn er zerstörte nicht nur das Gleichgewicht innerhalb des Sees, hat ihn nicht nur eutrophiert und den Sauerstoffgehalt in tieferen Seeschichten ständig sinken lassen, sondern auch die Menschen, die an den Ufern des Sees leben, schwer beeinträchtigt. Ob es aber ein Alptraum im Sinne Darwins ist, wenn der Mensch - eine aus Evolution entstandene und in ihr fortschreitende Kreatur - evolutionistisch-schöpferisch tätig ist, darf als Frage offen gelassen werden, ist wohl Sachbestand ethischer, nicht aber naturalistischer Sichtweisen. Denn wenn, soviel sei dazu noch angemerkt, der Mensch sich evolutionistisch verkalkuliert, somit beweist er damit im Sinne der Evolution doch nur, dass er aus freien Stücken nicht überlebensfähig ist, den survival of the fittest irgendwann verlieren wird - verlieren muß. Die Evolution kennt eben keine menschlichen Züge, daher keine moralischen Bedenken.

Der gleichnamige Dokumentarfilm Hubert Saupers befaßt sich mit den Menschen Tansanias, die an den Ufern des Victoriasees leben, die an der Deformation ihrer unmittelbaren Umwelt leiden und an der Kommerzialisierung des Speisefisches zugrundegehen. Natürlich sind nicht alle betroffen, denn die großen fischverarbeitenden Unternehmen behaupten auch in Tansania, sie würden den Fortschritt auf dem Schwarzen Kontinent forcieren, denn sie böten Arbeitsplätze, schaffen gelegentlich sogar neue dieser begehrten Einrichtungen. Und während die Medien Tansanias berichten, dass eine Hungersnot im eigenen Lande bis zu zwei Millionen Menschen bedroht, liefert das Unternehmen Tausende von Tonnen Victoriabarsches nach Europa und Asien. Es ist, wie Jean Ziegler in seinem "Imperium der Schande" beschrieb, diese ewige westliche Märchenerzählung, es gäbe bei einer Hungersnot keine Lebensmittel an Ort und Stelle, die man verteilen könne. Ziegler beschreibt, wie im Norden Äthiopiens Lebensmittel vergammeln, weil sie überschüssig sind, während im Süden des Landes gehungert wird. Alleine die fehlende Infrastruktur und die nicht existierenden logistischen Mittel verhindern eine gerechte Verteilung. Vielleicht lebt es sich hierzulande mit der Autosuggestion, man könne nicht ernsthaft helfen, wenn keine Lebensmittel an Ort und Stelle seien (oder quasi direkt vor der Haustüre), leichter und weniger selbstvorwurfsvoll. In Tansania schlägt sich diese Gewißheit brutaler nieder. Da müssen zwei Millionen Menschen hungern, und obwohl Victoriabarsch in ausreichenden Mengen vorhanden wäre, gieren die Industrienationen nach diesem wertvollen Lebensmittel - ohne Rücksicht auf hungernde Einheimische. Aber ganz so schlecht sind wir ja nicht, ein wenig Generosität können wir uns schon noch leisten: Wir lassen den Einheimischen die Fischskelette zurück; und am gerösteten Fischkopf "laben" sich die Menschen rund um den See. Dem Kameramann der Dokumentarproduktion riet man, er solle den Lastwagen mit den Skeletten lieber nicht filmen, denn - man traute seinen Ohren kaum - diese seien ebenso für den menschlichen Verzehr bestimmt. Wer nachher sah, in welchem Dreck man die Fischkadaver zum Austrocknen aufhing, der wußte, wieso man davon abriet.
Hier bestätigt sich die oft angemahnte Selbstgerechtigkeit der Menschen im Westen, die glauben, indem sie einige Münzen - manchmal auch Geldscheine - für eine Hilfsorganisation abdrücken, dem Unrecht in Afrika ein wenig die Stirn geboten zu haben. Da wird sich nicht selten auf die Schulter geschlagen, sich selbst gratuliert ob der eigenen Menschlichkeit, um sich kurz danach ein schönes Filet vom Victoriabarsch zu leisten. So macht sich jeder Konsument früher oder später zum Mittäter, kann seiner Rolle auch gar nicht entfliehen - alle Alternativen sind ausgeschlossen.

Solcherlei Töne sind in Saupers Dokumentation aber nicht zu vernehmen. Still präsentiert er viele Geschichten und Einsichten, die sich an den Gestaden des Viktoriasees tummeln. Es ist ein Bild zwischen Resignation und Hoffnung, zwischen zum Himmel schreiendem Unrecht und der Gier nach Lebensfreude, selbst wenn diese im Elend zu ihrem Recht kommen muß. Da begegnet man einem Geistlichen, der in seinem Dorf, welches keine 400 Einwohner beherbergt, monatlich zwischen 10 und fünfzehn Todesfälle zu betrauern hat. Darunter natürlich viele, die der Aids-Seuche erliegen. Fast makaber wirkt der Priester, als er kundtut, dass er nicht für Kondome wirbt, seinen Schäfchen keine Präservative empfiehlt, weil der sexuelle Akt eine Sünde ist und er nicht für eine Sündentat mit Ratschlägen parat stehen kann und will. Hier bestätigt sich der bekannte Vorwurf, den viele Kritiker der katholischen Kirche erheben, wonach der Vatikan mit seiner dogmatischen Borniertheit, eine Mitschuld am Tode von Millionen Afrikanern trage, die aus Treue zum Glauben Präservative verteufeln und sich damit mit HIV infizieren. Der "papale Virus" zerrüttet einen ganzen Kontinent, läßt Menschen wie Fliegen sterben und die Pharmaindustrie wehrt sich weiterhin mit Händen und Füßen, billigere Aidsmedikamente zu fertigen.

Die Lehren der Kirchen, die die Menschen teils unmündig, teils mit fadenscheiniger Argumentation in Unwissenheit belassen, werden nur noch von den falschen Heilserwartungen des Kapitalismus überboten. Allerorten spricht man dort vom "big business", von Arbeitsplätzen, die aus Tansania ein fortschrittliches Land machen sollen, von einer Anpassung an westliche Standards. Es profitieren aber nur wenige Menschen davon, allen voran natürlich die besitzenden Klassen. Die Spitze des zynischen Spiels ist spätestens dann erreicht, wenn in "Darwins Alptraum" EU-Delegierte aufmarschieren, die sich selbst zu den wunderbaren Fortschritten innerhalb des Landes gratulieren, dabei verkünden, dass man mit Tansania und seinem heißgeliebten Victoriabarsch eine stabile Partnerschaft erreicht habe. Vom Leid der kleinen Fischer, die im moribund darniederliegenden See keinen ausreichenden Fang mehr machen können, von den obdachlosen, teils verkrüppelten Kindern, die hier Legion sind, spricht man nicht. Keine Silbe wird auf jene vergeudet, die nicht nutzvoll in den Versorgungsapparat der Industrienationen integriert werden können. Und es sind ja nicht nur die europäischen Eliten, die sich hier realitätsfern äußern. Ein einheimischer Minister bekommt vorgeführt, welch trauriges Umweltszenario im Viktoriasee geboten ist, wie schlimm es um den See steht, der kaum noch Sauerstoff in sich birgt. Lapidare Antwort des Volksvertreters: Man sollte nicht nur die negativen Seiten des Sees aufzeigen, sondern ist geradezu dazu verpflichtet, die schönen Aspekte in Szene zu rücken.

Oben war von Alternativlosigkeit die Rede, in der alle westlichen Konsumenten gefangen sind, ob sie es sich nun bewußt sind oder nicht. Einer der russischen Piloten, die den Fisch nach Europa fliegen, erzählt von den Machenschaften, in die er verstrickt ist, wenngleich nur als ausgelieferter Lohnempfänger. Er erzählt, wie er eines Weihnachtens ins angolanische Kriegsgebiet Panzer ausfliegen mußte, um auf den Rückweg - einen kleinen Schlenker eingerechnet - Weintrauben aus Johannesburg nach Europa zu bringen. Als Weihnachtsgeschenk, so stellte er traurig fest, hat er den Kindern Angolas Waffen geschenkt, den russischen Kindern aber Obst. Dabei sieht man ihm an, wie ihm dieses Ausgeliefertsein - immerhin hat er eine Familie zu ernähren - zusetzt. Auch er hat - gleich dem Konsumenten in den Industrienationen - keine Wahl, keine ernstzunehmende Alternative, die ihn aus seiner Mittäterschaft entlassen könnte. Dies läßt sich steigern, fast in bloße Depression verwandeln, wenn uns schlagartig klar wird, dass selbst unterlassene Waffenlieferungen gar nicht als Segen, sondern durchaus als Intervention gegen die Belange afrikanischer Interessen verstanden werden muß. Die Armee bietet für viele junge Männer die einzige Möglichkeit, ein geregeltes Leben, ausreichend Essen und eine gesicherten Schlafstätte zu erlangen. Nebenher gibt es sogar noch Sold. Dieser Preis scheint uns im Westen hoch, für jemanden aus Afrika, der das Elend täglich vor Augen hat, ist dies - Krieg! - ein bezahlbarer Preis. Krieg sei business, erklärt ein Nachtwächter, der ein kleines Unternehmen mit vergifteten Pfeilen und einem Bogen bewacht. Ausbleibende Waffenlieferungen, so können wir schlußfolgern, würden diesen jungen Männern einen letzten Rest an Hoffnung rauben. Wieder offenbart sich jene Aussichtslosigkeit, in der sich Afrika befindet, und die dazugehörige Ausweichmöglichkeit, die man als westlicher Beobachter vergebens sucht.

Sauper hat keine Anklage gefilmt. Aber die Stille, mit der diese Dokumentation begreiflich macht, wie tragisch es um Afrika steht, klagt dennoch an. Es sind gerade die zurückhaltenden Töne, die fehlende Sensationsgier, mit denen der Regisseur begreiflich macht. Er zeigt, dokumentiert eben - weiter nichts. Resignation ist der Unterton des gesamtes Filmes. Für den Mainstream ist "Darwins Alptraum" wahrlich nicht gemacht. Je weiter man in das filmische Werk eintaucht, mit jeder vergangenen Minute, wird mehr und mehr sichtbar, dass das, was Sauper mit "Darwins Alptraum" bezeichnet, eigentlich der wohlige und süße Traum der Industrienationen ist. Der Traum von der weit entfernten Speise- und Rohstoffkammer, die ausgeplündert werden kann nach Belieben, weil es innerhalb ihrer an jeglicher gesellschaftlichen Struktur, an ökonomischer und politischer Teilhabe der Bevölkerung mangelt und dafür soziale Zerrüttetheit floriert. Wo keine Strukturen mehr sind, weil jahrhundertelang Ausbeutung betrieben wurde; wo Gesellschaften hinterlassen wurden, die sich an westlichen Werten orientieren, aber deren ökonomische Grundlagen nicht heranreichen an das Vorbild; wo "soziale Teilhabe" ein Fremdwort blieb, weil ökonomisch nie Mündigkeit erlangt wurde, da lassen sich Unternehmen aufbauen, die uns als Zubringer dienen. Den oft hohen Preis bezahlen nicht wir an den Kassen unserer Warenwelten, sondern die jeweils dortige Bevölkerung - nicht selten mit ihrem Leben. "Darwins Alptraum" ist der wohltuende Schlaf, der angenehme Traum des Westens. Schon alleine darum wollen viele innerhalb der Industrienationen nicht wissen, wie es wäre, wenn wir diesen wohltuenden Schlaf nicht mehr genießen könnten...

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Ridendo dicere verum

Dienstag, 13. Mai 2008

"Dabei sparen wir bei Einsparungen im Zahnbereich gleich doppelt. Das haben die Politiker ja auch erkannt. Am weitesten geht die FDP. Die FDP möchte ja, dass die gesetzliche Krankenversicherung abgeschafft wird. Nicht die private, sondern die gesetzliche! Die FDP sagt: Die gesetzliche Krankenversicherung sei eine Zwangsversicherung. - Stimmt ja! Sie müssen sich ja versichern und zwar zu denselben Konditionen wie alle. Und da sagt der Westerwelle: Man kann einen mündigen Bürger nicht zwingen, sich zu denselben Konditionen zu versichern, wie alle anderen auch. Jeder müsse frei entscheiden können, ob er sich versichert - wenn ja, welchen Körperteil für wieviel. Das können Sie ja mit einer privaten Kasse frei aushandeln. Was Sie ausschließen, Selbstbeteiligung und so weiter. Das macht für FDP-Wähler sehr viel Sinn. Sehen Sie, FDP-Wähler benutzen ihren Kopf so gut wie nie. Das ist ja rausgeschmissenes Geld, was soll da kaputtgehen? Für einen FDP-Wähler reicht eine Torso-Versicherung völlig aus. Und der Chef-Torso - also der Westerwelle -, der hat auf einem Parteitag der FDP wörtlich gesagt: Gerade im Zahnbereich, das wäre purer Sozialismus. Und da hat er gar nicht so unrecht! Schauen Sie sich mal um in diesem Land. Hier haben wirklich fast alle Menschen alle Zähne im Maul. Das ist doch diese typische sozialistische Gleichmacherei. Waren Sie mal in den USA im Urlaub? Im "land of the free"? Waren Sie mal auf Kreta, in der Türkei, Südfrankreich oder Portugal? Überall laufen die alten Menschen sehr viel individueller rum als hier."
- Volker Pispers -

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De dicto

Montag, 12. Mai 2008

"Linke Antisemiten zweifeln nämlich an der Demokratiefähigkeit Israels. Gleichzeitig drücken sie beide Augen zu bei den autoritären, gewalttätigen Diktaturen der arabischen Länder. Israel-Kritik, auch die lächerlichste und inhaltloseste, wird oft als Vorwand und Tarnung für primitiven Antisemitismus missbraucht. Da sind die rechten Antisemiten wenigstens ehrlicher und direkter."
- BILD-Zeitung, Michel Friedman am 10. Mai 2008 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Mit unliebsamer Kritik konfrontiert, neigen wohl die meisten Menschen dazu, den Kritiker verächtlich zu machen, ihn in das Abseits von nicht begreifen wollender Dummheit zu drängen. Zuweilen versucht man für unberechtigt gehaltene Kritik mit niederen Beweggründen des Kritikers erklärbar zu machen. So weit scheint Friedmans beschränkte Argumentationskraft noch nachvollziehbar, doch ethisch verwerflich ist es trotzdem, wenn man berechtigte Kritik - die übrigens an jedem Staat, an jeder Ideologie, an jeder Denkweise vorfindbar ist - sofort in jene Richtung stößt, die gerade in Deutschland empfindliche Konsequenzen mit sich bringen kann.

Freilich beschreibt Friedman in der Folge, wie die Demokratie innerhalb Israels blüht und gedeiht. Doch linke Kritik richtet sich auch meist nicht an die innerpolitischen Verhältnisse - an der Demokratie innerhalb des Landes, sofern man nicht gerade Muslim ist, zweifelt kaum jemand -, sondern an jene Mißstände, die den Hass potenzieren, aber auch immer wieder neu erzeugen. Ein Form von Hass, der im Nahen Osten alltäglicher Spielgefährte zu sein scheint, der kaum noch wegzudenken ist. Die Kritik richtet sich im Regelfall gegen jene Doppelmoral, die Selbstmordattentate schärfstens verurteilt - zu recht! -, aber gleichzeitig Raketenangriffe, die sogenannte Kollateralschäden mit sich bringen, frag- und kritiklos in Kauf nimmt. Gegen jene Vorgehensweise, die palästinensische Siedler aus ihren dürftigen Häusern zerrt, selbige mit Baggern niederreißt und die nun Obdachlosen hinter einem gigantischen "Schutzwall" neu ansiedelt. Gegen jene Selbstgerechtigkeit, die Atomwaffen, die in Händen einer arabischen Nation sind, zu einem Verbrechen erklärt - zu recht! -, aber eigene Atomwaffen mit dem Recht auf Selbstschutz rechtfertigt. Dies alles entbehrt eines demokratischen Verständnisses, eines aufgeklärten und humanen Denkens und muß Kritik nicht nur dulden, sondern geradewegs abverlangen.

Es ist Gebot jeden aufgeklärten Sichauseinandersetzens mit der Welt, hier die Augen nicht zu verschließen und den Mund nicht zu halten. Dabei spielt es keine Rolle, ob jene die verfehlen jüdisch oder arabisch sind, oder europäisch und amerikanisch, ob weiblich oder männlich, gar hetero- oder homosexuell. All diese Oberflächlichkeiten sind nicht Grundlage einer Kritik - dürfen auch gar keine Grundlage sein. Würde die Kritik haltmachen, in der Annahme, dass jüdisches Fehlhandeln anders zu bewerten sei, wie das Fehlhandeln anderer Religionen oder Völker, so würde sich der Kritiker eines latenten Rassismus schuldig machen. Das Verbrechen, die Dummheit, die Dreistigkeit, die Gewalt, kurz: all jene Unwerte, deren sich Israel ebenso schuldhaft macht, wie es islamische Terroristen tun - egal wie verzweifelt sie in dem Moment sind, da sie sich einen Sprengstoffgürtel um die Hüften werfen -, sind keine Unwerte, die an eine Nationalität oder Religion gebunden sind. Sie sind unabhängig, geradezu international, in jedem Winkel der Erde anzutreffen. Schon alleine darum ist es eine Frechheit, ja geradezu ein intellektuelles Armutszeugnis Friedmans, jegliche Kritik am Staate Israel - sofern sie nicht von der Rechten kommt - a priori mit dem Prädikat "Antisemitismus" zu versehen.

Soll noch angemerkt werden, dass es ebenso dreist vom Springer-Primus ist, dieserlei geistige Bankrotterklärungen - das Thema offene Diskussion, freie Meinung und Kritik betreffend - abzudrucken? Doch wahrscheinlich konnte sich der verantwortliche Redakteur nicht dagegen wehren - gestehen wir ihm zu, dass er sich gerne dagegen gewehrt hätte -, denn auch er hat wohl die Zusatzvereinbarungen unterzeichnet, die seinem Arbeitsvertrag beigelegt waren. Darin haben sich alle BILD-Mitarbeiter an die fünf Grundsätze des Verlages zu halten. Unter anderem an den, zur Aussöhnung zwischen Deutschland und dem jüdischen Volk beizutragen. Wie aber freche Unterstellung und damit konform gehendes Mundtotmachen zur Aussöhnung beitragen sollen, wissen aber einmal mehr nur die BILD-Verantwortlichen. Wahrscheinlich dachte man sich dabei, dass jedes Mittel recht ist, um eine Diskussion über den Staat Israel im Keime zu ersticken. Im Zweifelsfall ist der Kritiker eben Antisemit - so wie er in anderen Fällen eben Sozialromantiker, Gutmensch oder potenzieller Terroristensympathisant ist.

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An die Arbeit!

Sonntag, 11. Mai 2008

Schon mehrfach wurde an dieser Stelle umschrieben, wie sich die Eindimensionalität des modernen Menschen, der sich in einer Absolutheit der herrschenden Zustände - die als einzig machbare Form gesellschaftlicher Strukturierung wieder und wieder schmackhaft gemacht werden -, in jeglicher Situation, ja in jeder Alltagshandlung, äußert. Die Verwertbarkeit menschlicher Arbeitskraft, damit die Ausbeutung menschlicher Energie, und folglich natürlich die sogenannte "Wertschöpfung", die man entkleidet gutmeinender Schönrederei als "Profitmaximierung" betiteln muß, stehen im Zentrum jeder Entscheidung. Diese Konstante, die sich wie ein roter Faden durch jeden Bereich, sogar durch jede noch so kleine Nische des alltäglichen Lebens spinnt, die selbst das Denken einfacher Angestellter, Arbeiter, Schüler etc. maßgeblich beeinflußt, bewertet den Nutzen einer Handlung, dasjenige also, welches dem Wohl einiger Menschen, vielleicht sogar dem Gemeinwohl dienlich wäre, nie isoliert, sondern zieht immer den Kostenfaktor heran, um ihn - den Nutzen - an den Kosten stumpfzuwetzen. Der vielpostulierte Fortschritt, der in der kapitalistischen Gesellschaftsstruktur als Silberstreif am Horizont winkt, der fast wie eine Heilsverkündung, wie eine jenseitige Idee sorglosen Daseins verkündet wird, rechtfertigt in Augen aller Protagonisten das Agens, schließt aber die Mehrzahl aller Menschen dieser Welt - einer Welt, die wirklich Fortschritte in vielen Bereichen bietet, man besehe den medizinischen Fortschritt - von dieser fortschrittlichen Verbesserung aus. Was nützt z.B. eine fortschrittliche Behandlungsmethode gegen AIDS, wenn der Nutzen einer solchen Behandlung - d.h. die Heilung eines menschlichen Lebens, die Zurückerstattung menschlicher Würde, weil man den Kranken davor bewahrt, sein Sterben auf Raten zu ausgemergelt, zu schnell zu erleben - an den Kosten plattgedrückt wird? Wenn die Kosten den Nutzen relativieren? - Hier hat die kapitalistische Sorglos-Welt versagt, falsche Versprechungen in die Welt gesendet, "Fortschritte der Produkte und Dienstleistungen" gesagt, aber "Fortschritte der Renditen" gemeint.

Die Eindimensionalität dieser Gesellschaft, die als Grundlage jeder Handlung den Kostennutzen heranzieht, äußert sich aber oberflächlich in anderer Weise, d.h. den Menschen wird nicht eindeutig klargemacht, dass es nur ihre Arbeitskraft zur Profitmaximierung ist, welche die Grundlage allen Geschaffenen ist. Für sie ist der "Wert Arbeit" erschaffen worden, die notwendige Heilsverkündung vom Schweiß, der täglich in Lohnarbeit rinnen muß, die Romantik vom arbeitenden, daher nutzvollen Menschen. Haben sich schon frühe Sozialisten skeptisch darüber geäußert, ob die Adelserhebung der Arbeit konform mit des Menschen Hang zum Müßiggang gehen - denken wir an Paul Lafargue und seinem Postulat "Das Recht auf Faulheit" -, so ist diese Aufwertung menschlicher Mühe, die nicht selten in totaler physischer und psychischer Ausbeutung mündet - auch Arbeitsschutzgesetze bieten nur einen begrenzten Schutz, wenn Unternehmer mit der "industriellen Reservearmee" Druck erzeugen können -, heute mehr und mehr ein Auslaufmodell, geradezu ein Relikt einer ausgestorbenen Epoche, als man noch von Arbeit in Hülle und Fülle predigen konnte. Die heutige kapitalistische Gesellschaft kettet ihre Population an Werte und Moralvorstellungen, die Arbeit zur maßgebenden, sinnverleihenden und hohen sozialen Status bescherenden Priorität vergöttlicht. Obwohl Arbeitsplätze rar werden - Arbeitsplätze, die diese Bezeichnung verdienen, keine Taschengeldarbeitsgelegenheiten, an denen man sich auf Raten in die Armut arbeitet; oft schneller als man denkt -, obwohl die Arbeitslosenstatistiken ausweisen - sofern man nicht die geschönten Statistiken liest -, dass es keinen Aufschwung hin zur Vollbeschäftigung gibt, ihn nicht mehr geben wird, legt man Menschen, die man dann gemeinhin "Arbeitslose" nennt, an die Leine, drängt sie zur täglichen Suche nach einem Gut, welches nicht in ausreichender Anzahl vorhanden ist, gar nicht mehr vorhanden sein kann.

Die Erfahrung lehrt uns täglich, dass der Mensch seine Jagd auf Arbeitsplätze gegen Maschinen und Rechner verliert. Gemeinhin haben wir wenig arbeitslose Elektronik, dafür regelmäßig ansteigende Zahlen menschlicher Arbeitsloser. Das Festhalten am "Wert Arbeit" als Fundament der kapitalistischen Gesellschaft, dominiert das Individuum innerhalb selbiger. Die Arbeit macht ihn zum Menschen, sie entscheidet, ob er dazugehört oder ausgeschlossen wird. Ihre Abwesenheit stürzt Familien ins Unglück, einzelne Unglückliche stürzen sich sogar ins Messer, um der Schmach zu entkommen. Überhaupt die Schmach: Gerade dieser Unwert ist es, der die Ökonomie trotz aller Mißverhältnisse weiter am Leben hält. Solange die Menschen sich der Schmach des Arbeitslosseins ausgeliefert fühlen, solange sie sich schämen, in einem Apparat, der immer weniger Arbeit bei immer mehr Menschen anbietet, ohne einen der begehrten Arbeitsplätze zu sein, solange kann man die Sozialgesetzgebung ohne Gegenwehr beschneiden; Menschen drangsalieren, etwas zu suchen, was kaum zu finden ist. Viviane Forrester ("Der Terror der Ökonomie") stellt treffend fest, dass man die Schmach an der Börse handeln sollte, denn sie ist der beste Rohstoff, der dieses Festhalten an antiquierte Heilsphantasien zur Arbeit ermöglicht. Und so wie die Arbeit entscheidet, wo man jemanden gesellschaftlich einzustufen hat, so glaubt der Mensch der arbeitsbasierenden Gesellschaft, dass nur die Arbeit seinem Leben Sinn verleihen kann. Zwar bietet das freizeitliche Treiben sicher auch ein gewisses Maß an Sinnschaffung, doch dies flankiert nur den konkreten Sinn der jeweiligen Existenz. Ist aber jemand ohne Arbeit, dafür aber mit Freizeit sinnvoll beschäftigt, macht man ihm diesen Sinn streitig, sieht ihn von der Seite schief an, weil er Energien für einen Sinn aufwendet, der für diese "Arbeitsmoralisten" nutzlos wirkt.
Wir sollten es auch nicht unterschätzen, dass wir immer und immer wieder von "Arbeit" sprechen, aber doch eigentlich "Verdienst" oder "Lohn" meinen. Auch hier spielt die Überhöhung dieses entschwindenden Guts hinein. Gemeinhin suchen Arbeitslose keinen Verdienst, sondern sie bemühen sich um Arbeit. Tritt jemand auf und bewirbt sich bei einem Unternehmen, nicht weil er es sympathisch findet oder weil er seine Arbeitskraft gerne dort ausgebeutet hätte, weil ihm vielleicht der wohlklingende Name des Unternehmens das Augebeutetwerden erleichtert, sondern weil er gerne verdienen würde, so hat er seine Absage schon sicher im Briefkasten. "Sozial ist, was Arbeit schafft" - und sozial angesehen ist, wer Arbeit sucht, nicht einen Lohn.

Wenn wir die Arbeit als Basis unserer Gesellschaft verleugnen, wenn wir nun einsehen, dass menschliche Arbeitskraft immer weniger benötigt, dass vielleicht nur noch eine geringe Anzahl von Menschen benötigt wird, um eine allversorgende Ökonomie zu betreiben, dann stellt sich zuallererst die Frage, was mit denen geschieht, die für den Produktionsabblauf nicht mehr nützlich sind. Unterwerfen wir sie auch einer Kosten-Nutzen-Analyse? Packen wir eines Tages das Unkraut an der Wurzel und tilgen es aus? Gerade das letzte Jahrhundert hat bewiesen, dass die menschliche Antriebskraft - auf der Gewißheit basierend, das Richtige und Gute zu tun - keine Humanität gelten läßt, kein Mitleid kennt. Und wie sieht eine Ökonomie aus, die jeden Menschen dieser Welt versorgen könnte - ginge sie nicht von Kosten und Nutzen aus -, die Fortschritt an alle Menschen weitergibt?

Wenn die Arbeit als Wert entschwindet, wenn man bloßlegt, dass arbeitsbasierende Gesellschaften, nicht die Gesellschaften der Zukunft sein können, dann entschwindet auch die Profit-Gottheit, dann wird das ganze System auf den Kopf gestellt, vielleicht sogar niedergerissen. Und war es nicht der Traum aller Menschen, in einer Welt zu leben, die jeden versorgt, jeden größtmögliches Glück bietet? Basieren nicht das religiöse Motiv vom Paradies oder die Utopie vom Schlaraffenland genau auf diesem ewigen menschlichen Traum? Versuchen wir nicht alle, unsere täglichen Verrichtungen so zu arrangieren, dass wir möglichst wenig Zeit dafür aufwenden müssen? Betreiben wir nicht alle eine gewisse Form der privaten Arbeitsrationalisierung? Man kann es den Unternehmen nicht übelnehmen, wenn sie schneller, effizienter, damit billiger produzieren wollen. Nur am alten Wert von den Segnungen der Arbeit dürften sie nicht festhalten. Auch die realsozialistischen Gesellschaften scheiterten vorallem auch daran, dass sie eine modifizierte Form des Kapitalismus übernahmen und im "Recht auf Arbeit" - die de facto eine Pflicht auf Leben und Tod war - manifestierten. Ein wahrer Sozialismus - der einzige wahre - hat den menschlichen Bedürfnissen, damit auch dem "Recht auf Müßiggang", Raum zu geben. Was wir im letzten Jahrhundert erlebten, war nicht der Kampf von Kapitalismus und Kommunismus, sondern der Kampf von zweieiigen Zwillingen. Es war das Jahrhundert des Widerstreits zwischen zwei Kapitalismen, zwei Erscheinungsformen von Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft und deren Glorifizierung zum Wertbegriff.

Man darf sich fragen, wielange es noch dauert, bis aus der segensreichen, sinn- und statusverleihenden Arbeit, wieder das wird, was es über Jahrhunderte - in der vorkapitalistischen Zeit - war: Eine Notwendigkeit, die gerne umgangen wird, wenn es sich schneller und bequemer anders erledigen ließe. Bis dahin liegt wohl noch viel Arbeit vor uns...

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Sit venia verbo

Samstag, 10. Mai 2008

"Der vierte Planet war der des Geschäftsmannes. Dieser Mann war so beschäftigt, daß er bei der Ankunft des kleinen Prinzen nicht einmal den Kopf hob.
"Guten Tag", sagte dieser zu ihm. "Ihre Zigarette ist ausgegangen."
"Drei und zwei ist fünf. Fünf und sieben ist zwölft. Zwölf und drei ist fünfzehn. Guten Tag. Fünfzehn und sieben ist zweiundzwanzig. Zweiundzwanzig und sechs ist achtundzwanzig. Keine Zeit, sie wieder anzuzünden. Sechsundzwanzig und fünf ist einunddreißig. Uff! Das macht also fünfhunderteine Million sechshundertzwei..."
"Fünfhundert Millionen wovon?"
"Wie? Du bist immer noch da? Fünfhunderteine Million von... ich weiß nicht mehr... ich habe so viel Arbeit! Ich bin ein ernsthafter Mann, ich gebe mich nicht mit Kindereien ab. Zwei und fünf ist sieben..."
[...]
"Dann sind es wohl die Sterne."
"Und was machst du mit fünfhundert Millionen Sternen?"
[...]
"Was ich damit mache?"
"Ja."
"Nichts. Ich besitze sie."
[...]
"Wenn ich einen Seidenschal habe, kann ich ihn um meinen Hals wickeln und mitnehmen. Wenn ich eine Blume habe, kann ich meine Blume pflücken und mitnehmen. Aber du kannst die Sterne nicht pflücken!"
"Nein, aber ich kann sie in die Bank legen."
"Was soll das heißen?"
"Das heißt, daß ich die Zahl meiner Sterne auf ein kleines Papier schreibe. Und dann sperre ich dieses Papier in eine Schublade."
"Und das ist alles?"
"Das genügt."
Das ist amüsant, dachte der kleine Prinz. Es ist fast dichterisch. Aber es ist nicht ganz ernst zu nehmen.
Der kleine Prinz dachte über die ernsthaften Dinge völlig anders als die großen Leute.
"Ich", sagte er noch, "ich besitze eine Blume, die ich jeden Tag begieße. Ich besitze drei Vulkane, die ich jede Woche kehre. Denn ich kehre auch den erloschenen. Man kann nie wissen. Es ist gut für meine Vulkane und gut für meine Blume, daß ich sie besitze. Aber du bist für die Sterne zu nichts nütze..."
Der Geschäftsmann öffnete den Mund, aber er fand keine Antwort, und der kleine Prinz verschwand."
- Antoine De Saint-Exupéry, "Der kleine Prinz" -

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In nuce

Freitag, 9. Mai 2008

Die Mittel seine Leserschaft auf Linie zu bringen sind mannigfaltig. Besonders raffiniert treibt es Online Focus, indem man die Leser - und jene, die sich danach auch schreibend innerhalb des Focus betätigen; kurz die Community also - selbst zu Einpeitscher der neoliberalen Weltsicht macht. Die Redaktion prüft alle Kommentare des laufenden Tages und reiht Tag für Tag die für sie beste Aussage in einer Galerie auf - diese nennt sich schlicht "Kommentar des Tages". Nun ist daran zunächst kaum Kritik anzubringen, ist es doch ein feiner Zug der Focus-Redaktion, die Aussagen der Community derart ernstzunehmen, dass man dafür jede Aussage prüft, um ihr eventuell die Ehre des Tagessieges zukommen zu lassen. Doch es ergibt sich ein fader Beigeschmack, wenn man mitliest, welcher Art diese Aussagen zumeist sind. Hier eine kleine Auswahl aus dem aktuellen, freilich noch kurzen Monat: "Jeder Mensch macht Fehler, nur ein Narr und Frau Ypsilanti leben damit weiter. Oder besser gesagt, diese Gattung Mensch rennt mit dem gleichen Kopf immer wieder gegen das gleiche Hindernis." Oder: „Die LIDL-Kunden folgen dem Gebot der Vernunft. Denn Boykott würde Absatzrückgang zur Folge haben und das heißt Entlassungen. Und wer will denn schon die guten Zahlen aus Nürnberg wieder gefährden." Oder: „Eine Diätenerhöhung für Abgeordnete ist in Ordnung, wenn gleichzeitig manche Vorteile bei der Altersvorsorge gestrichen werden." Oder: "Wir brauchen jedoch mehr kompetente Fachleute, vor allem für wirtschaftliche und steuerrechtliche Belange und die stehen in der Tat nicht für das Geld morgens auf, wenn sie in der freien Wirtschaft das 3fache verdienen können.“ Oder: „Über eine Diätenerhöhung für Bundestagsabgeordnete kann man durchaus nachdenken. [...] Aber: dieses Prinzip darf nicht nur für Abgeordnete im Bundestag gelten, sondern muss in gleichem Maßen für den Steuerzahler und normalen Arbeitnehmer gelten. Jeder muss das bekommen, was er sich verdient.“
Der übliche Schwachsinn, mit dem man Reformen anmahnt oder dreiste Entscheidungen aus Politik und Wirtschaft rechtfertigen will. Da wird die "ewige Ypsilanti" durchs politische Dorf gejagt und auch noch dazugehörige Kommentare des Hohns geadelt; da wird eine kritische Kundenhaltung als Irrsinn dargestellt, gleichzeitig die Zahlen aus Nürnberg zur baren Münze erklärt; indirekt spricht man sich für Privatrente aus, die weiter salonfähig würde, wenn Bundestagsabgeordnete riesterten; gibt sich kritisch, weil Bundestagsabgeordnete zuwenig verdienen, nicht etwa diverse Herrschaften der freien Wirtschaft zuviel; und ergreift ungeniert Partei für den sogenannten Intensivlohn, weil ja jeder das bekommen soll, was er sich verdient. Kurzum: Kritische Stimmen am Zeitgeist, offene Opposition zum gesellschaftlichen Kurs, finden im "Kommentar des Tages" des Focus sicher keinen Niederschlag. So zähmt sich die Focus-Community selbst, wählt sich die eigene "Kameradenpolizei".

Eigentlich müßte man sich die Frage stellen, aus welchem Land die BILD-Zeitung stammt, wo sie ihren Sitz hat, von woher sie berichtet. Aus der Bundesrepublik kann das jedenfalls nicht sein, denn ständig spricht man wie im Fieberwahn von einer "linken Politik" und einer möglichen "Linksregierung, die verhindert werden muß". BILD-Kommentator Rolf Kleine äußert sich mit kurzen, einprägsamen Sätzen zum SPD-Vorsitzenden Kurt Beck: "Egal, was der Vorsitzende anpackt – die SPD liegt in Umfragen wie Blei unter 30 Prozent. Egal ob Beck das Steuer ruckartig nach links reißt – oder eine Steuerreform ankündigt, ohne vorher wenigstens seinem Finanzminister im Kabinett Bescheid zu sagen." - Ruckartig nach links? Links? Nein, die BILD-Zeitung kann nicht aus diesem Lande sein und sie kann auch nicht die hiesige SPD meinen. Komisch eigentlich, dass irgendwo im Ausland, dort wo die BILD thront und woher sie berichtet, der Vorsitzende der Sozialdemokraten auch Kurt Beck heißt - genauso wie in der Bundesrepublik, in der es allerdings seit Jahrzehnten keine linke Politik der Sozialdemokratie mehr gibt. Im Gegensatz zur "BILD-SPD" ist die hier anwesende SPD auch keine Partei im eigentlichen Sinne mehr, sondern ein verwesender Wirtschaftsverein, ein Zwitterding zwischen parteipolitischer Willensbildung der Bürger und Lobbyistenspelunke.
Dort wo die BILD-Zeitung zuhause ist, dort muß noch Honig und Milch fließen, denn dort gibt es noch eine linke Sozialdemokratie. Marsch, marsch ins Springer-Utopia!

Manchmal muß man eben das Gesetz umgehen, um Mißstände ans Licht zu bringen, die man mit Gesetzeskonformität nicht aus dem Dunkeln hervorholen kann. Freilich hat sich Günter Wallraff unter falschen Tatsachen bei einem Lidl-Lieferanten eingeschleust - vielleicht erfüllt dies sogar den Tatbestand des Hausfriedensbruchs, der eine Anzeige rechtfertigen würde. Aber das macht die frustrierenden Arbeitsbedingungen in diesem "ehrenwerten Hause" nicht besser. "Nach einem einmonatigen Undercover-Einsatz hatte Wallraff in einer Reportage für "Die Zeit" schwere Vorwürfe gegen den Lieferanten des Discounters Lidl erhoben. Die Arbeitsbedingungen seien menschenverachtend, gravierende Sicherheitsmängel sorgten immer wieder für Verbrennungen und andere Verletzungen, sagte der 65-jährige Enthüllungsautor am Mittwoch in Köln." - Da fühlt sich wohl jemand derart ertappt und bloßgestellt, dass er wie wild um sich schlägt, mit Anzeigen um sich wirft, damit sein Versagen mit der angeblichen Kriminalität des Enthüllers kaschiert wird.

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"Politische Information" für politisch Kaltgestellte

Ein Interview soll erklären und manchmal aufklären; die Ansichten, Ideen oder Handlungen des Befragten nochmals gründlich darlegen; kurz: es soll informieren und dem Leser einen Erkenntnisgewinn bescheren. Freilich will es so nur die Theorie, die Praxis im herrschenden Medientheater zeigt aber immer wieder, wie aus der Informationsquelle ein Instrument werden kann, um die Leserschaft in eine beliebige Richtung zu stoßen. Mehr und mehr zeichnet sich ebenso ab, dass das politische Interview einen Schein wahren soll; es vorgaukeln soll, dass in einer Gesellschaft politischer und ökonomischer Entmündigung, doch noch Politik im Namen der Bürger betrieben wird; dass politische Parteien das Wohl aller im Blick haben, nicht nur das Wohl der Parteimitglieder und der Finanziers derselbigen.

Ein solches Interview, fern jeglichen Informationsgehalts, liefert erneut - wen überrascht es? - die BILD-Zeitung. Gekonnt unterwürfig leitet sie das Gespräch ein, läßt den Titel des Befragten ins Spiel kommen, damit die Leserschaft auch weiß, welch hohen Herrn sie da geistig zu folgen hat: Herr Dr. Stoiber - wie vornehm! Die Hauptaussage Stoibers, wonach die Große Koalition keine Zukunft mehr haben darf, ist so uninteressant wie unnütz. Denn letztendlich entscheiden die Wähler, welche Konstellation möglich sein wird und welche nicht - was ihm in der Folge auch schnell noch einfiel. Wünsche kann er ja haben, hat wohl jeder in der einen oder anderen Weise, aber ob Stoibers Wunschdenken in ein Interview fließen muß, sei einfach einmal dahingestellt.
Peinlich wird es kurz darauf: Da darf Stoiber sein erfundenes Feindbild attackieren. "Alles ist besser als eine Linksregierung. Die muss unbedingt verhindert werden!" - Wer eine Linksregierung führen soll, wo potenzielle Kandidaten für die Schaffung einer Linksregierung anwesend sind, bleibt ungesagt, bleibt im stoiberianischen Kosmos isoliert. Er darf seine Warnung sogar noch einmal wiederholen, damit durch stete Wiederholung dem BILD-Leser klar wird, dass der vielzitierte "Linksruck" der Untergang der Republik wäre. Nachdem er die Grünen in den Status "würdevoller Politiker" hievt hat, wird nochmals mit aller Deutlichkeit bewußt, welche Denkart diesen Herrn leitet: "Die Grünen sind keine politischen Schmuddelkinder mehr." - So also begreift Stoiber Politik. Wenn Bürgerinitiativen sich zu einer Partei zusammenschließen, so durch Wählers Willen in die Parlamente einziehen, dann scheint das ein schmuddeliges Politisieren zu sein. Heute, da aus den ehemaligen Mitgliedern der Bürgerinitiativen geschniegelte und gestriegelte Salon-Pseudo-Linke wurden, da kann man mit ihnen Staat machen, da sind sie endlich in der Politik angekommen.

"Die USA sind eine der attraktivsten Nationen. Ihr Credo von der Freiheit hat die ganze Welt erobert." - Sicher haben die USA die Welt erobert, ob es aber das "Credo von der Freiheit" war, das Feldzüge anführte, darf stark bezweifelt werden. Freilich ist es die Freiheit der Renditen, die die Welt erobert hat, aber ganze Völkerschaften erzählen andere Geschichten von US-amerikanischer Freiheitsideologie. Zudem, und das ist Stoiber in seiner unermeßlichen Weisheit wohl kurzzeitig entfallen, ist der US-amerikanische Freiheitsbegriff, der versucht war im Unabhängigkeitskrieg gegen die britische Krone, sich eine Realität zu schaffen, ein aus Europa importierter Wert. Inspiriert durch Aufklärer wie den Briten Locke oder den französisch-schweizerischen Schriftsteller Rousseau, machten sich die Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika daran - allen voran Thomas Jefferson, der für eine realpolitische Form amerikanischer Aufklärung steht -, die Werte von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in ein Verfassungsfundament zu gießen. Diese Freiheit, so revolutionär sie damals auch war, war bereits kaum ein Jahrhundert später überholt, war bereits ein Anachronismus, weil es eine Freiheit der Leistungsaristokratie war, die sich in den USA manifestierte, die ja auch im aufklärerischen Denken und nachher in den Köpfen der Jakobiner eine auf Aristokratie begründete Freiheit war - wohlgemerkt eine bürgerliche, d.h. durch Leistung begründete, d.h. wiederum: durch das Fassungsvermögen des Geldbeutels animierte Freiheit. Hier wäre noch soviel mehr anzubringen, aber diesen Gedanken abschließend sei festgehalten, dass diese Denkweise, dieses konkrete Analysieren US-amerikanischer Freiheitsideologie, keinen Einzug in ein Interview finden kann, vorallem dann nicht, wenn ein ausrangierter Politkadaver versucht ist, seine Leserschaft zu manipulieren, gezielt in eine von ihm erwünschte Richtung zu bugsieren.

Viel geredet und nichts gesagt. Freilich, so kennen wir beide Gesprächspartner, den stotternden Stoiber genauso wie den Staatsbüttel BILD. Diese Form "politischer Aufklärung", die man den Bürgern in Form eines Interviews mit einem an Reputation angereicherten Ex-Ministerpräsident zukommen läßt, ist die übliche Art und Weise politischer Kaltstellung der Massen. Man suggeriert ihnen, dass man sie informiert, dass da geballtes Wissen am Tun ist. Dabei packt man bereits gefaßte Ziele lediglich in eingängige Formeln und Schlagworte. Da wird dann z.B. nicht begründet, warum man eine Linksregierung nicht haben will - die es in diesem Land, zu diesem Zeitpunkt, gar nicht geben kann, denn in dieser politischen Richtung herrscht derzeit Personalmangel -, sondern man schmiedet eine einprägsame Satzformel und damit ist die Erklärung zwar nicht geliefert, aber geschickt verdrängt. Einmal mehr zeigt sich, dass in Zeiten medialen Dauerbombardements mit den einfachen, antiquierten Einsichten Gustave Le Bons, Massen zu steuern sind. Wichtig sind keine Analysen, tiefgreifende Erklärungen, das skeptische Hinterfragen von Gemeinplätzen, sondern das "schnelle Wort", der einprägsame Satz und dazu die durch Amtswürden verliehene Aura, die vorgaukelt, der Redende wisse, wovon er spreche.

Die BILD liefert natürlich ein besonders plattes Stück Desinformation, aber kaum besser - wenngleich eloquenter - sind die Plattheiten anderer Tageszeitungen und Magazine. Und es ist immer wieder überraschend, mit welch billigen Mitteln, welch aussagelosen Aussagen, man eine ganze Seite Interviews entstehen lassen kann...

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Schwein oder Mensch?

Donnerstag, 8. Mai 2008

Mit dieser Überschrift soll keinesfalls die plumpe RAF-Dogmatik angesprochen sein. Jenes berühmte Dogma, welches Menschen in Uniformen - dabei meinten die damaligen Protagonisten hauptsächlich Polizisten - zu Paarhufern erklärte. Gemeint soll damit das Rätselraten der orwellschen Farmtiere sein, die durch das Fenster des Farmhauses erblicken, wie die Herrscher der Tierfarm - die Schweine - mit dem Feind - den Menschen - verhandeln: "Die Tiere draußen blickten von Schwein zu Mensch und von Mensch zu Schwein, und dann wieder von Schwein zu Mensch; doch es war bereits unmöglich zu sagen, wer was war." - Wenn auch die meisten Tiere auf Orwells Farm, zum Zeitpunkt, da die Schweine mit den Menschen in Verhandlungen traten, zu beschränkt waren, andere über alle Maßen gleichgültig und mit sich selbst beschäftigt - die kritischen Tiere waren da längst liquidiert -, so wurde ihnen trotzdem offenbar, wenn auch vielleicht nur hintergründig, dass es an einer fundamentalen Eigenschaft menschlichen Daseins - jene Farmtiere sind anthropomorph gestaltet - mangelt: an der Verschiedenheit; dem Unterschied zwischen zwei Dingen, zwei Lagern, zwei Einstellungen oder Ideen, zwei Seiten...

In Zeiten, in denen die zwei dominierenden politischen Parteien eines Landes, nicht nur realpolitisch zusammenarbeiten müssen, weil es die Wahlergebnisse so geboten, sondern auch ideologisch wie eine Einheit wirken - weil dies das Primat der Wirtschaft so gebietet -, wird dieser Mangel an Vielheit oder zumindest an Dualität greifbar. Wenn sich Parteiprogramme nur an der Farbe des Buchrückens unterscheiden; wenn Gewerkschaften in den gleichen kapitalistischen Kategorien wandern, wie es ihre Gegenspieler, die Verbände von Arbeitgebern, tun; wenn Sozialverbände - wie erst kürzlich berichtet wurde - für private Finanzunternehmen werben und damit handeln wie ein Unternehmen, welches sich auf Profitmaximierung zu konzentrieren hat; wenn Bürgerinitiativen die Argumente der Versicherungs- und Finanzwirtschaft ungeprüft verwenden, um den Bürgern klarzumachen, dass der Kampf für eine bessere Gesellschaft nur innerhalb dieses vorgegebenen Rahmens geführt werden darf; wenn religiöse Instanzen genauso gesichts- und wesenlos geleitet werden, wie weltliche Industriekonzerne; wenn Gewerkschaftsfunktionäre ihren Posten aufgeben, um nahtlos auf der anderen Seite, beim ehemaligen Kontrahenten anzuheuern; wenn Arbeitnehmer das Wohl ihres Unternehmers als ihr eigenes Wohlergehen begreifen, dann ist ein Maß an Gleichschaltung erreicht, welches dem Einzelnen keine Alternative mehr beläßt, welches ihn in eine Schablone presst, der er sich anzupassen.

Diese manifest gewordene Alternativlosigkeit im alltäglichen Leben - und dies vielmehr als die Klüngelei und interne Rauferei der politischen Parteien, die zwar abstossend sind, aber noch erträglich - nähren die Resignation der Bürger. Eine Resignation, die von Politologen "Politikverdrossenheit" genannt wird. Doch ist es weniger eine Verdrossenheit, die sich alleine im Politischen gründet. Es wäre eine verknappende und irreführende Erklärung, wenn man den Mißstand breitgefächerter Interessenlosigkeit innerhalb dieser Gesellschaft - nicht nur der deutschen Gesellschaft - einzig mit den Handlungen im politischen Alltag abtun würde. Vielmehr ist es so, dass sich eine konstante Ideologie der Kommerzialisierung und Verwurstung menschlicher Arbeitskraft mehr und mehr den Menschen bemerkbar macht. Jede Organisation, egal auf welcher Seite sie Interessen vertritt, nimmt diesen Zustand als axiomatische, nicht zu hinterfragende Tatsache in Kauf und betoniert diese häßliche Stele in ihren Wirkungsbereich fest. Zwar ist man bemüht, die Stele, die häßlich und störend im Raume steht, mit allerlei Schönheitskorrekturen zu kaschieren, den Abriss derselbigen scheut man aber, entschuldigt sich in der Form, dass diese Stele eine tragende Funktion erfüllt, deshalb ein Abriss einen Einsturz zur Folge hätte. So ist also viel weniger der politische Zirkus, den die Clowns und Akrobaten der politischen Einheitsparteien betreiben, der die Menschen von der Wahlurne wegtreibt und sie politischer Bildung entfremdet, als die Gesamtheit der Stelen, die sich durch jedes einzelnes Unternehmen, jede Organisation, jeden Verein, jedem Gremium, jede Versicherung, jede Kirche ihren Weg bahnt. Es ist kafkaeske Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit, ein Gefühl der Ohnmacht und der vergebenen und enttäuschten Liebesmühe. Wie Joseph K., die Hauptfigur Kafkas im "Process", verharren viele zurückgelassene Menschen in Starre, auch weil sie nicht konkretisieren können, was ihnen aufstößt. Aber vage begreifen sie, dass sie ein "Bündel Arbeitskraft" sind, welches in der kapitalistischen Gesellschaft der Zukunft - und dies im immer größeren Maße - entweder nützlich oder aber nutzlos und damit ohne Existenzberechtigung - im Sinne des Systems - ist. Und zur Aussichtslosigkeit gesellt sich die Gewißheit, dass jede Initiative korrumpierbar ist, dass niemand für die Ausgestossenen Partei ergreift; "kein Gott, kein Kaiser, noch Tribun"...

Den Menschen wird offenbar, dass sich keine Alternative bietet, schlimmer noch: dass jede mögliche, neu entstehende Alternative, schnell den Weg ins Alternativlose einschlägt, quasi den "Keim der stumpfen Alternativlosigkeit", schon in sich trägt. Im Anwachsen zurückhaltender Gleichgültigkeit, dem die Menschen mehr und mehr zugeneigt sind, äußert sich einerseits die Unzufriedenheit am Status quo; andererseits wird ein revoltierendes Potential sichtbar. Die wohl einzige Alternative in dieser Welt der Alternativlosigkeit steckt im kollektiven Umdenken und sich entfremden von den durchweg überall anzutreffenden kapitalistischen Kategorien. Wenn die "Ideologie der vermeintlichen Ideologielosigkeit" schwindet, dann kann sich eine "vermeintliche Ideologie verschiedener Alternativen, Lebensentwürfe und Gedanken" Bahn schlagen. Erst dann - nur dann - kann man zwischen Schwein und Mensch wieder unterscheiden. Um Vielheit zu erreichen, um nicht den Wölfen im Schafspelz zum Opfer zu fallen, bedarf es des Auswegs aus der Eindimensionalität der kapitalistischen Welt.

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Nomen non est omen

Mittwoch, 7. Mai 2008

Heute: "Mehraufwandsentschädigung"

„Werden Gelegenheiten für im öffentlichen Interesse liegende, zusätzliche Arbeiten nicht nach Absatz 1 als Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gefördert, ist den erwerbsfähigen Hilfebedürftigen zuzüglich zum Arbeitslosengeld II eine angemessene Entschädigung für Mehraufwendungen zu zahlen; diese Arbeiten begründen kein Arbeitsverhältnis im Sinne des Arbeitsrechts; die Vorschriften über den Arbeitsschutz und das Bundesurlaubsgesetz mit Ausnahme der Regelungen über das Urlaubsentgelt sind entsprechend anzuwenden; für Schäden bei der Ausübung ihrer Tätigkeit haften erwerbsfähige Hilfebedürftige nur wie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer."
- § 16 Abs. 3 SGB II -
Die Mehraufwandsentschädigung (MAE) ist der bürokratische Begriff für den verpflichtenden Ein-Euro-Job eines ALG2-Empfängers. Wie in vielen anderen Bereichen, wie z.B. beim Praktikum, beim Blut spenden oder als Versuchsperson (Proband) eines Medikamentes, soll der Begriff die Entschädigung verdeutlichen, dass es sich um keine (tarif-)übliche Bezahlung handelt. Vielmehr wird die Bezahlung willkürlich festgelegt. Weiterhin verschleiert die Bezeichnung des Mehraufwandes, dass es sich faktisch um eine Arbeit als Zwang handelt. Denn wer einen Ein-Euro-Job ablehnt, hat mit Leistungskürzungen zu rechnen.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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Wir alle müssen den Gürtel enger schnallen

Immer dann, wenn eine Branche, wenn eine Gewerkschaft sich entschließt, für höhere Bezüge ihrer Mitglieder in einen Arbeitskampf zu treten, äußern Parteisprecher - und solche, die es gerne wären - ihre Bedenken. Mit besorgter Miene treten sie vor die Kameras und warnen vor einem aus Streik resultierenden Abschwung, vor dem Ärger der betroffenen Kunden und vor den Folgen, die eine höhere Entlohnung mit sich bringen würde. Und selbst wenn nur für die Verbesserung der Arbeitssituation gestreikt wird, kriechen Bedenkenträger aus ihren Löchern, um zur Räson aufzurufen, denn man solle den aktuellen Aufschwung - wo sie den sehen, verraten sie dabei nie - nicht gefährden. Jeder kleine Streik wird von ihnen kommentiert, wird zielgerecht zur "bloßen kommunistischen Aktion" geredet, wie sie nur in einem Gewerkschaftsstaat möglich ist. Dass dabei Deutschland ein streikarmes Land ist, dass nur 4,1 Arbeitstage pro tausend Beschäftigte Streiktage oder Tage der Aussperrung waren - im Jahre 2006 -, dass nebenher nur ein Land einen geringeren Wert aufweisen kann, wird von den Phantasten, die von sich behaupten, in einem Gewerkschaftsstaat leben zu müssen, einfach unter den Tisch gekehrt - dorthin wo man auch die anderen "ganzen Wahrheiten" hinkehrt. Selbst wenn der Arbeitskampf nur angedroht wird, weil Tarifverhandlungen zu scheitern drohen, dann wird die gesamte Maschinerie des Urteilen und Verurteilens aufgefahren. Ja, alleine schon "maßlose Lohnforderungen", die man am Tisch aushandeln will, stellen einen Angriffspunkt dar.

Als man aber im Öffentlichen Dienst herantrat, höhere Bezüge einzufordern, da war die Stimme der Kritiker ein laues Stimmchen; da wurde nicht posaunt, man lebe in einem Gewerkschaftsstaat. Und selbst die BILD-Zeitung hielt sich vornehm zurück. Freilich, sie äußerte sich zuweilen dazu, aber bot bei weitem nicht das auf, was sie zum Aufbieten im Stande wäre; agierte nur piepsend, nicht brüllend wie in vielen vormaligen Fällen. Überhaupt brüllt Springer nur dann, wenn eine Entscheidung sowieso schon so gut wie getroffen ist. Dann nimmt man die Rolle des kläffenden Dackels hinter dem Gartenzaun ein, der bellt um des Bellens willen, damit aber sowieso keine Wirkung erzielt. Kaum war dann der Tarifabschluss unter Dach und Fach, kommt ans Licht, warum man sich hier nicht den Mund verbrennen wollte: Die Abgeordneten des Bundestages wollen den Tarifabschluss im Öffentlichen Dienst nutzen, um sich selbst die Diäten zu erhöhen. Dabei beruft man sich auf das Bundesbesoldungs- und versorgungsanpassungsgesetz 2008/2009, welches gewährleistet, dass Erhöhungsstufen im Tarifabschluss des Öffentlichen Dienstes, mit jeweils einjähriger Verspätung auf Abgeordnete übertragen werden können.

Knapp 500 Euro sollen die Abgeordneten so erhalten. Und dies, nachdem man sich bereits vor sechs Monaten die Diäten selbst erhöht hat. Während bei einer Rentenerhöhung - man kann nicht von Erhöhung sprechen; nicht mal von Anpassung - von 1,1 Prozent jammerte, die "Rentner-Republik" beschwor und vom Untergang des nicht finanzierbaren Sozialstaates predigte; nachdem man ALG2-Beziehern fast schon täglich auf die Nase bindet, dass in diesem Land kein Geld mehr für sie zu holen sei, weil die Kassen leer und der Mensch an sich funktionell zu sein hat. Doch das muntere halbjährliche Erhöhen der Diäten scheint immer noch möglich zu sein, die Kassen noch nicht erschöpfend leer. Natürlich führen dann die Herren Bedenkenträger, die in anderer Funktion als Beschwichtiger fungieren, detailiert auf, dass 612 Bundestagsabgeordnete, die höhere Bezüge erlangen, den Staatshaushalt nicht bemerkbar belasten, weil es sich bei der kleinen Gruppe und den relativ zurückhaltenden Erhöhungen um "Peanuts" handelt. Was kann denn jeder einzelne Rentner dafür, wenn es von "seinesgleichen" einige Millionen gibt?

Im Talmud findet sich ein Lehrstück, in dem es heißt, man dürfe Menschen nicht mit Zahlen versehen, dürfe also im Grunde eine Gruppe von z.B. zehn Menschen nicht durchzählen, indem man jedem eine Zahl von eins bis zehn gibt. Menschen zählt man folgendermaßen richtig: Ein Mensch, ein Mensch, ein Mensch... Der Talmud stärkt also in diesem Lehrstück den Individualismus, deutet an, dass nichts von der Gruppengröße abhängig ist, sondern alles vom Einzelnen auszugehen hat. So ist also nicht das Heer an Rentner maßgebend, sondern jeder einzelne von ihnen, jedes einzelne Schicksal. Eine Einstellung, die sich später in die Aufklärung "schlich", dort das Wesen des Individualismus maßgeblich prägte und damit eine vollkommen neue politische und auch soziale Dimension erschuf. Grundsätzlich bezieht sich der moderne Verfassungsstaat auf diese Zählweise, die nicht von eins bis zehn oder von eins bis 82 Millionen durchzählt, sondern nur die Eins kennt - auch wenn dies immer wieder von den Gerichten vergessen oder verdrängt wird. Wer aber seine Bezugserhöhungen damit aufhellen will, die eigene Nichtigkeit hervorzuheben, gleichzeitig die Masse der Anderen verdeutlicht, der wandert - freilich ethisch gesehen - auf schmalem Grat.

Fraglich bleibt, auch wenn diese Herrschaften legitim - im Sinne unserer Verfassung - gewählt sind, welchen Gehorsam man den Entscheidungen unserer Parlamente zu leisten hat. Eine derartig korrupte Gruppe, wie wir sie in den Volksparteien zuhauf finden, kann und darf nicht die Geschicke - oder besser: Ungeschicke - dieses Landes leiten, damit im Namen der hier lebenden Menschen sprechen. Egal wer unter mir die Regierung führt, ich erkenne die Entscheidungen dieser Clique im Bundestag nicht an. Wenn ich denjenigen Verbrecher verachte, der mir an der Straßenecke den Geldbeutel stehlen will, warum soll ich den Verbrechern in Büros und Plenarsälen mehr Sympathie entgegenbringen?

So oder so, die Abgeordneten leben gut im so verachtenswerten Gewerkschaftsstaat...

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Ridendo dicere verum

Montag, 5. Mai 2008

"Ich möchte Ihnen etwas sagen, meine Damen und Herren. Mir geht diese verlogene Diskussion über die Rentengeschichte, die Herr Rüttgers losgetreten hat, gehörig aufs Gemüt, nicht wahr. Das ist eine ganz hinterlistige Sache. Wissen Sie warum? – Weil Rüttgers und all die anderen Politiker - die sich ja bis heute, diesem hochgelobten Rentenversicherungssystem in Deutschland gar nicht angeschlossen haben - ganz genau wissen, dass das Fundament der deutschen Altersversorgung überhaupt nicht mehr existiert. Heute schon nicht mehr! Ich gebe Ihnen mal ein konkretes Beispiel. Stellen Sie sich vor, Sie sind Anfang, Mitte 30 und verdienen - sagen wir mal - 2000 brutto im Monat. Damit gehören Sie derzeit bereits zur verarmenden Mittelschicht Deutschlands. Wenn Sie das 30 Jahre lang durchhalten, wird Ihre Rente dann am Ende Ihres Arbeitslebens auf Sozialhilfe-Niveau sein. Das ist der Status quo, meine Damen und Herren. Wenn Sie dem entgehen wollen, dann könnten Sie sich entweder bei Dignitas einen Parkplatz vorm Züricher Bahnhof mieten. Oder Sie folgen der Empfehlung unserer Bundesregierung und legen für eine private Altersversorgung zusätzlich etwas Geld auf die Seite, was bei 2000 brutto eine hochorginelle Idee ist. Aber, jetzt sagen wir mal, für Sie nicht sonderlich hilfreich. Nun ist es aber auch so: Diese Idee soll ja auch gar nicht für Sie hilfreich sein. Das Geld soll nicht Ihnen helfen, es soll denen helfen, den Sie es geben. Unseren Banken und Versicherungen - die ja gerade vorführen, wie vertrauensvoll sie im Sinne des Gemeinwohles damit umgehen können. Nun dürfen wir nicht folgenden Fehler machen, einen Politiker - Rüttgers oder die anderen - für dumm zu halten. Obwohl das im Einzelfall jetzt zutreffen wird. Diese Politik ist ja nicht einfach falsch; diese Politik ist für Teile der Bevölkerung richtig – goldrichtig sogar! Nur Sie sind nicht dabei. So müssen Sie das Ganze betrachten. Eine solche Betrachtungsweise läßt Ihre Wut noch größer werden, aber die intellektuelle Verwirrung läßt nach. Das ist ja auch nicht von der Hand zu weisen.
So, jetzt noch die letzte Herausforderung, meine Damen und Herren. Wir stellen jetzt das ganze Rentensystem in Gedanken mal auf den Kopf. Alles was man nicht machen kann, dass machen wir jetzt. Wir bilden ein Zwangsrentensystem, bei dem alle, aber auch alle die älter sind als 18, drin sind. Alle Rüttgers, alle Merkels, alle Becks, Ackermänner, Beamte, alle die aus irgendwelchen Gründen nicht drin sind, die kommen alle rein. Und die zahlen alle; und zwar vier bis acht Prozent ihres Einkommens, inklusive Dividende, Prämie, Abfindung - was man so alles kriegt mit 2000 brutto nebenbei, nicht wahr. Und das geht alles in die Kasse. Es gibt keine Höchstbeitragsgrenze wie bei uns, aber dafür gibt es eine Höchstrente - sagen wir zweieinhalbtausend. Es gibt auch noch eine Mindestrente. Also genau alles, was durch Gleichmacherei den Leistungswillen der Bevölkerung lähmt und kommunismusähnliche Zustände herbeiführt. Also der Untergang des Abendlandes! Heute Abend kann die Bundeskanzlerin diesen Untergang des Abendlandes beobachten. Sie ist nämlich in der Schweiz auf Staatsbesuch. Die haben seit Jahrzehnten genau ein solches Rentensystem. Und zwar ohne erkennbare Auszehrung des Leistungswillens oder der Wohlhabenden.
Wollte ich nur kurz gesagt haben."
- Georg Schramm alias Rentner Lothar Dombrowski, „Neues aus der Anstalt“ am 29. April 2008 -

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In nuce

Von Wortbrüchen, vielmehr von einem bestimmten Wortbruch, wurden sich hierzulande vor einiger Zeit Finger wundgeschrieben und Zungen aufgescheuert. Der Plan der hessischen Sozialdemokratie - namentlich Andrea Ypsilanti -, sich mit der LINKEN zu arrangieren, d.h. eine Minderheitskoalition von SPD und den Grünen von den LINKEN tolerieren zu lassen, wurde als Teufelspakt hingestellt. Großes Theater, nur weil Ypsilanti vor der Wahl meinte, sie würde mit der LINKEN nicht zusammengehen. Dass sie dies später weiterhin nicht plante, dass sie lediglich die Tolerierung brauchte, um den kochschen Mief zu beenden, spielte da in der öffentlichen Debatte schon keine Rolle mehr. Die kommunistische Sau wurde durch die Lande getrieben. Auch wenn die Einheitsfront von Medien und konservativen Parteien - damit ist auch ein breiter Teil der eigenen Partei, der SPD, gemeint - als Ärgernis zu bewerten ist, so hätte man doch annehmen können, dass die deutsche Öffentlichkeit nun für Wortbrüche sensibilisiert ist.
Und siehe da: Die Hamburger Grünen, nun der Vasall des deutsch-christlichen Konservatismus - was aufgrund des Werdegangs dieser Partei nicht sehr verwunderlich ist -, fallen nun von ihrem Versprechen ab, sich gegen die Studiengebühren stark zu machen. Jetzt will man sie, mit Rücksicht auf den Koalitionspartner, nicht zur Debatte stellen. Ein Wortbruch also, ein viel konkreterer Wortbruch als damals, denn die Tolerierung von der LINKEN und damit die Tolerierung der LINKEN, hätte den Wählern nicht wehgetan; aber die Studiengebühren, die nun weiter, unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten des Studierenden bezahlt werden müssen, bürden den Menschen Entbehrungen auf, tun folglich weh. Und tatsächlich, man kann es kaum glauben, die Sensibilisierung der deutschen Öffentlichkeit zum Thema Wortbruch ist... nie eingetreten! Noch immer ist dasjenige Wortbruch, was die Presse als ebendiesen verkündet. Der FOCUS fragt lapidar: "Realpolitischer Zwang oder Wählerbetrug?" - So hätte er vor einigen Wochen nie gefragt, denn da hatte er die Antwort schon parat. Damals schien es klar, dass es Betrug und Wortbruch sei; damals spielte die Realpolitik keine maßgebende Rolle.
Zur Ehrenrettung der hanseatischen Grünen sei angemerkt, dass auch die hessischen Kollegen dabei sind, sich der CDU an den Hals zu werfen: "Es scheint, als würden die Avancen, die Koch den Grünen macht, doch noch Wirkung zeigen. Das wäre dann - natürlich - keinesfalls ein Wortbruch oder Wahlbetrug, bewahre! Das wäre dann pragmatisch, vernünftig und wegweisend."

"Die Verheißungen der globalen Marktwirtschaft haben sich seit 1989 als Illusion erwiesen. Wer angesichts dieser unerwarteten Krise des Kapitalismus auf die Selbstheilungskräfte des Marktes vertraut, hängt einem Irrglauben an. Für den Philosophen und Schriftsteller Robert Kurz ist der Kapitalismus ein Auslaufmodell, das unaufhaltsam auf seinen Untergang zusteuert, unfähig Alternativen zu entwickeln, die den Weg aus der Krise weisen könnten." - Der Autor des "Schwarzbuch Kapitalismus - Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft", Robert Kurz, erläutert seine Thesen in einem spannenden und erkenntnisreichen Interview des Rotdorn-Radios. Unter anderem erklärt er die drei industriellen Revolutionen, die dem heutigen Kapitalismus sein Gesicht verliehen.

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Gesundheitswesen à la americaine

Sonntag, 4. Mai 2008

Als ich kürzlich durch ein - wie so oft - ödes TV-Programm zappte, beinahe den Kasten programmierter Langeweile ausschalten wollte, stach mir doch noch - quasi kurz vor dem Ausschalten - ein Bericht des Auslandsjournals ins Auge. Emsig funktionierten dort Menschen eine Turnhalle zu einer gigantischen Arztpraxis um, dazwischen medizinisches Personal, sich bemühend, die medizinischen Apparaturen funktionstüchtig zu machen. Währenddessen warteten draußen unzählige Menschen. Sich brav in eine Reihe einsortierend, harrten sie der Öffnung der Praxishalle. All jene, die teilweise schon seit Stunden warteten, so verkündet es die Stimme aus dem Off, seien nicht krankenversichert, würden dort nun eine kostenlose Behandlung erhalten.
Zunächst glaubte ich noch, dies alles spiele sich irgendwo in einem Entwicklungsland ab, zweifelte aber schnell daran, weil die Mehrzahl der Menschen "europäisch aussahen", also "caucasian" wirkten, wie man dies im anglo-amerikanischen Raum gemeinhin nennt. Und tatsächlich, hinter dem vermuteten Entwicklungsland steckten die USA; wir befanden uns mitten im tiefsten Tennessee.

Die Patienten für Zahnbehandlungen wurden bereits am Eingang selektiert. Rechts diejenigen, denen man gleich einen oder mehrere Zähne extrahieren wird; links die vermeintlich Glücklicheren, denen man die Zähne noch retten kann. Eine Frau betritt die Szenerie, der man andernorts empfohlen hatte - nur empfohlen, denn das Aktivwerden, d.h. die ärztliche Behandlung dort, hätte die Patientin selbst bezahlen müssen -, man solle den entzündeten Zahn, der sie plagt, schnellstens entfernen. Tut sie es nicht, so könnte dies gravierende Folgen mit sich bringen, könnte sogar zum Tode führen. Am Ende zog man ihr fünf Zähne und der behandelnde Arzt stellte klar, dass in der westlichen Welt eigentlich kaum jemand an Zahnentzündungen stürbe, dies aber in Entwicklungsländern häufig der Fall sei. Außerdem habe man sich zum Reißen mehrerer gefährdeter Zähne entschlossen, weil die Frau kein Geld habe, sich einer langfristigen Behandlung zu unterziehen. Lieber reiße man sofort, als dass man nachher Schmerzen leiden müsse, die nicht beseitigt werden könnten, schlicht weil der Kranke kein Geld zur Behandlung habe. Eine zynische Form der Prophylaxe, die in den Vereinigten Staaten an den Armen durchgeführt wird! Außerdem, so fuhr der Zahnarzt fort, sei diese Veranstaltung nicht jede Woche in der Stadt; die Patientin könne also auch in diesem Rahmen keine langwierige Behandlung erfahren, die ihre Zähne retten würde.
Eine weitere Frau erklärte, dass ihr Mann zwar eine Arbeitstelle habe, dass er daher auch krankenversichert sei - mit ihm ebenso sie und die Kinder -, aber dass diese Krankenversicherung jegliche Zahnbehandlung und die Kosten für einen Augenarzt nicht übernehme. Als sie am Abend die Turnhalle verläßt, hat man ihr zwei Zähne gezogen und eine neue Brille verpaßt, die in einer mobilen Glasschleiferei umgehend gefertigt wurde. Obwohl der Tag eine Tortur ist, man stundenlang warten muß, teilweise Zähne wie im Fließband gerissen bekommt, stellt sich Dankbarkeit bei den Bedürftigen ein.

Die Stimme aus dem Off liefert weitere wertvolle Informationen: Von den 300 Millionen US-Amerikanern müssen etwa 50 Millionen gänzlich ohne Krankenversicherung leben. Weitere Millionen von Menschen sind unterversichert, können die oft horrenden Selbstbeteiligungskosten nicht aufbringen oder erhalten keinen Zugang zur Zahnpflege. Nüchtern wird festgestellt, dass die USA das einzige Industrieland der Erde sei, welches keine allgemeine Krankenversicherung kenne. Die Gesundheitskosten seien dennoch in den letzten Jahren gestiegen, liegen derzeit bei 15 Prozent des Bruttosozialproduktes. Dies liege vorallem daran, dass es eben kein allgemeines und universelles System der Krankenversicherung gäbe, denn die medizinische Versorgung wird über mehrere einzelne Versicherungsysteme sichergestellt. Trotz des Mißstandes im US-amerikanischen Gesundheitswesen, so erfährt man, halten die Amerikaner nichts von staatlicher Intervention. Ein behandelnder Arzt meint, es habe ja schon staatliche Initiativen in der Vergangenheit gegeben, die letztendlich doch nichts brachten; dies sehen die meisten US-Bürger ähnlich. Wie weit die radikal-liberalen Ansichten ihren Weg bereits in die Köpfe der Menschen beschritten haben, erkennt man gerade hier, da Menschen unter Schmerzen nur resigniert abwinken, wenn man ihnen die Vorzüge einer staatlich gelenkten und gesetzlich garantierten Krankenversorgung vor Augen führen will. Die Ressentiments gegenüber Staatsinterventionen aller Art scheinen tief verankert in der amerikanischen Seele.

Initiator der kostenlosen Behandlung ist Remote Arial Medical (RAM). Besonders peinlich für das Gemeinwesen der Vereinigten Staaten ist es, dass diese Hilfsorganisation eigentlich aufgebaut wurde, um in der Dritten Welt ärztliche Versorgung zu gewährleisten. Doch eines Tages wurde dem britischen RAM-Gründer Stan Brock klar, dass die Not auch vor der eigenen Haustüre herrsche, dass in einem der reichsten Länder der Welt, Menschen von der ärztlichen Versorgung ausgeschlossen werden. Das Jahresbudget der Organisation ist allerdings sehr gering, beträgt gerade einmal 250.000 Dollar. Man hält sich mit oft sehr geringen Spenden über Wasser, wohl nicht selten aus den Geldbeuteln derer, die RAM benötigen und schon in Anspruch genommen haben. Mit diesem Budget und der Hilfe von ehrenamtlichen Helfern und Ärzten, die ihr Können kostenlos zur Verfügung stellen, werden an Wochenenden kostenlose Behandlungen durchgeführt. Allerdings ist der Andrang manchmal so groß, dass man auch da Patienten unbehandelt nach Hause schicken muß.

In vielen Bereichen des täglichen Lebens sind die USA tatsächlich noch in den Stand eines Entwicklungslandes geworfen. So gesehen war meine anfängliche Vermutung gar nicht so falsch. Und selbstverständlich ist mir auch bewußt, dass diese Art von Berichterstattung gerne verwendet wird, um den Menschen hierzulande aufzuzeigen, dass das deutsche Gesundheitswesen trotz erheblicher Sparmaßnahmen, immer noch leistungsfähiger ist, als jenes im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten". Treffender wäre es allerdings, wenn man solche Berichte nicht zur Selbsthuldigung gebrauchen würde, sondern als Warnung begriffe. Nicht "seht her Leute, andernorts ist es noch viel schlimmer", sondern "schaut, so darf es nicht bei uns ausarten" wäre das zu beherzigende Gebot. Medizinische Versorgung für jedermann ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Errungenschaft, die immer wieder erkämpft sein will. Alleine der Status, den eine Industrienation besitzt, ist nicht ausreichend, um allgemeine medizinische Versorgung zur unumstößlichen Gewißheit zu machen, gemäß dem oft vernommenen Ausspruch: "In Deutschland muß keiner an dieser oder jener Krankheit sterben." (Wahlweise ist dieser Ausspruch auch zu anderen Themen zu hören, wie z.B.: In Deutschland müsse niemand verhungern.) Das Beschwichtigen mit dem Status eines Landes, ist wohl die bequemste Form, sich seiner Kritikfähigkeit zu entledigen, um hedonistischeren Zielen folgen zu können. Der Status der USA würde demnach auch eine andere, sprich: bessere medizinische Grundversorgung voraussetzen. Doch da der Status nicht automatisch zur Verbesserung sozialer Sicherungsmechanismen führt, da letztere kein Effekt, sondern eine erkämpfte Errungenschaft ist, kann mit derartigen "Weisheiten" nichts bewirkt, aber viel zerstört werden. Und obwohl die USA eine Industrienation sind, werden also Millionen von US-Bürgern weiterhin von RAM abhängig sein...

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Sit venia verbo

"Ich fürchte mich nicht vor der Rückkehr des Faschisten in der Maske des Faschisten, sondern vor dessen Rückkehr in der Maske des Demokraten."
- Theodor W. Adorno -

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De dicto

Samstag, 3. Mai 2008

"Ohne Frage waren die Männer des 20. Juli Helden. Sie riskierten ihr Leben, um Hitler zu töten. Über ihre Motive und Vorstellungen sagt das noch nichts."
- Stern, Stefan Schmitz am 2. Mai 2008 -
Zum Gesagten sei angemerkt: "Über die Motive und Vorstellungen" verliert der Stern freilich kein Wort, würde es doch nicht in diese Form der Berichterstattung passen, die zwischen Heldenverehrung und profaner Hagiographie anzusiedeln ist. Nur wenn man diese "Motive und Vorstellungen" unerwähnt läßt, sie quasi aus dem Nachruf von Boeselagers ausblendet, kann man das Heldenprädikat aufrechterhalten. Das Gedenken an die Wehrmachtsoffiziere, die Hitler beseitigen wollten, animiert durch den Tod des letzten dieser "gewissenhaften Allianz", wird zum Selbstzweck des Artikels, entzieht sich jeglicher Kritik, trägt nicht zu Schaffung von Klarheit bei, sondern mystifiziert die Vorgänge im militärischen Untergrund der damaligen Tage. Die Bombe und die Männer darum werden zum Sujet einer eindimensionalen Auslegung von Historie. Diese Einseitigkeit, die die beteiligten Wehrmachtsoffiziere des 20. Juli zu versteckten Volkshelden stilisiert - ob willentlich oder nicht -, genährt auch durch die popularhistorischen Ergriffenheitsdokumentationen des Guido Knopp, ist das beliebteste aller Oppositionsmärchen, wonach die Deutschen aktiven und regen Widerstand leisteten. Der deutsche Soldat sei eben nicht gewissenloser Waffenträger gewesen, der wie der pawlowsche Hund anschlug, wenn man ihm nur ein Befehl oder Erlass verlesen oder verkünden konnte, sondern mit Gewissen und Verantwortungsgefühl ausgestatteter, aufgeklärter, freiheitlich gesinnter Mensch und Kosmopolit.

Der Holocaust, so liest man über Boeselager, sei das Hauptargument gewesen, Hitler zu liquidieren. Und ebenso, wie die Weiße Rose das Abschlachten der eigenen Volksgenossen an der Ostfront als Antrieb ihrer Oppositionsarbeit ansah, so war auch dies ein Grund innerhalb der Wehrmacht, warum man sich zu diesem Schritt - dem Bruch des Treueeides auf den Führer - entschlossen habe. Als Hitler von Erfolg zu Erfolg eilte, die Fesseln des Versailler Vertrages reihenweise abwarf, in Nachbarländer einmarschierte, Aufrüstung betrieb, da schwiegen die "Heldenoffiziere" noch, da gaben sie sich noch ganz hitlerianisch, folgten ihrem Messias zwar nicht so blind wie die Parteijünger, aber doch in ungesunder Kritiklosigkeit. Der Überfall auf Polen wurde nicht kritisiert, weil es einem Verstoß gegen den Briand-Kellogg-Pakt gleichkam, sondern weil er zu früh erfolgte, weil man die deutsche Wehrmacht noch nicht für bereit hielt, ein Ringen mit halb Europa bestreiten zu können. Vollends erblindet war man aber für die innenpolitischen Mißstände: Das Liquidieren von Oppositionellen und Andersdenkenden wurde gekonnt überspielt, die Ermordungen der SA-Oberen sogar begrüßt. Als man sich zur Umfunktionierung der "Operation Walküre" entschloß, war es niemals das Motiv der Umstürzler, Hitlers Politik zu revidieren, sondern das Erlangte zu erhalten und Friedensverhandlungen mit den Allierten anzustreben. Nicht Bescheidenheit trieb diese "Helden" zum ehrenvollen Umsturz, sondern die Einsicht, dass nur ohne Hitler die territoriale Expansion des Deutschen Reiches abgesichert werden kann. Eine Militärregierung sollte die Geschicke des Reiches vertreten und gegebenenfalls, sofern die Westallierten dazu bereit wären, beim Kampf gegen den Bolschewismus mitwirken. Selbst hier nahmen sich die Attentäter Hitler zum spiritus rector, indem sie seinen Irrtum aufgriffen, wonach die Allierten untereinander zerstritten wären und die USA und Großbritannien früher oder später das Dritte Reich benötigen werden, um gegen Stalin vorzugehen.

Demokratie, Individualismus und Freiheit waren die Leitmotive dieser Offiziersriege nicht. Aber man kann auch aus falschen Prämissen richtige Schlüsse ziehen - zumindest teilweise. Anspruch auf Heldenverehrung hat dieses "richtige Fehlverhalten" allerdings nicht. Da können Magazine, Fernsehdokumentationen und Tageszeitungen verklären was sie wollen, um sich einen Lichtblick in brauner Dunkelheit zu konstruieren. Als Helden taugen die Militärs des 20. Juli nicht. Sie waren vielmehr Repräsentant einer anderen Form von Diktatur...

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