Seine despotische Heiligkeit
Samstag, 17. Mai 2008
Das Land ist voll der Verzückung, in einem berauschten Zustand. Ein "kleines Mönchlein" ist zu Besuch, wird von Volksvertretern und denen, die sich dafür halten, empfangen und dazu aufgefordert, seine mit gütiger Milde gefüllten Weisheiten an die Menschen zu bringen. Die Menschen hierzulande danken ihm die mit steter Fröhlichkeit verkündeten Heilsbotschaften mit einer sonderbaren Treue zu Tibet - dem selbsterklärten, aber auch vom Westen anerkannten Ort des irdischen Paradieses, in dem buddhistische Duldsamkeit und Weisheit den ewigen Kreislauf des Lebens, das beständige Wandern (Samsara), oder profan ausgedrückt: das Zusammenleben der Tibeter regeln. Der Dalai Lama, religiöser Führer der Tibeter - demgemäß kein demokratisch legitimierter Vertreter seines Volkes -, gilt in den wohlwollenden Augen der westlichen Hemisphäre als Inkarnation der Güte, Weisheit und Vernunft. Gemeinhin nimmt man es als verbürgte Erkenntnis wahr, dass jedes Volk einen Führer dieser Qualität benötigen würde. Hierzulande ergießen sich viele - von der esoterischen Bürokraft bis zum kritiklosen Journalisten (oder solche die vorgeben Journalist zu sein) - in schwülstigen Lobpreisungen, widmen sich der Vergötzung des buddhistischen Mönches.
Kritik am Dalai Lama, Kritik an den Autonomiebestrebungen Tibets findet sich keine. Bemängelungen gibt es aber wie Sand am Meer. Protibetisch vorgeprägt war das westliche Publikum schon seit Jahrzehnten, schon seitdem die ersten europäischen und amerikanischen Forscher das "Dach der Welt" erkundeten und von einer friedfertigen und noch von der Moderne unberührten Gesellschaft berichteten. Von dieser gesellschaftlichen Jungfräulichkeit inspiriert, verbunden mit den buddhistisch-esoterischen Heilslehren und deren Auslegung, Glaubende als Besitzer der absoluten Erkenntnis und Wahrheit zu verklären, machten sich daraufhin die Theosophen ans Werk, sich den Buddhismus und seinen irdischen Ort der Erscheinung - Tibet - als Stütze ihrer Lehre zu sichern. Bereits vor der chinesischen Invasion, hatte sich so ein romantisch-philanthropisches Bild Tibets in den Köpfen der Europäer und Amerikaner manifestiert. Für viele war - und ist - Tibet ein irdischer Garten Eden, in dem es keine Gewalt gibt, in dem Menschen sittsam und ohne Streitigkeiten miteinander leben, in dem jedem Wesen Würde zusteht. Der Dalai Lama stärkt diese Ansichten weiterhin in aller Welt, da sie der Sache seiner Exilregierung dienlich sind, im Westen Tür und Tor öffnen.
Bereits im Jahre 1997, anläßlich eines damaligen Besuches des tibetischen Religionsführers, berichtete das Magazin Panorama kritisch - eine Kritik, die heute gänzlich fehlt, wohl auch, weil eine Kritik Tibets als Bejahung des chinesischen Unterdrückerregimes mißverstanden werden kann. Im Panorama-Bericht werden die "vor-chinesischen" Zustände innerhalb Tibets dokumentiert. Damals regierte bereits der heutige 14. Dalai Lama, zwar nicht unmittelbar, da er noch minderjährig war, doch alles, was innerhalb seines Landes geschah, geschah in seinem Namen. Von drakonischen Strafen wurde berichtet - von denen auch Heinrich Harrer erzählt -, wie man Verurteilten Nasen und Ohren abschnitt, wenn sie eine Untat begingen. Die Angst der Bevölkerung vor der berüchtigten Mönchspolizei wird erwähnt, ebenso wie das streng hierarchische Gesellschaftswesen und die omnipräsente Dominanz der Mönchskaste. Der Dalai Lama verklärt heute die Geschichte seines Landes, indem er den Menschen erzählt, dass der Buddhismus aus dem wilden Tibet ein kultiviertes und menschenfreundliches Land gemacht habe - Hollywoodfilme wie Annauds "Sieben Jahre in Tibet", der auf Harrers Berichten basiert, unterstützen das Märchen vom unbefleckten Tibet ebenso. Das beschriebene Mönchsregime existierte aber bis 1951, viele Jahrhunderte nachdem der Buddhismus in Tibet einzog also. Damalige Tibetologen - sofern man sie damals schon so bezeichnen konnte - berichteten von einer offen zu Tage tretenden Ausländerfeindlichkeit, die allerorts zu spüren war. Auch Harrer, der Tibet durchaus positiv zeichnet, berichtet davon, wie er und sein Leidensgefährte Aufschnaiter aus Dörfern vertrieben wurden, weil man Ausländer nicht im Ort haben wollte. Politisches Asyl wurde ihnen zunächst aus demselben Grund verwährt. Nur ihre Hartnäckigkeit und die Neugier des Dalai Lamas auf die Europäer bescherten ihnen das begehrte Asyl. Hier schlug durch, was sich auch in der metaphysischen Welterklärungslehre der Nationalsozialisten äußerte: Die buddhistischen Tibeter sahen sich als reine Rasse, wollten nicht fremdunterwandert werden, fühlten sich durch die Lehren Buddhas und die daraus resultierende einzige Wahrheit, bestärkt darin.
Nun könnte man argumentieren, dass eine heutige Autonomie Tibets eine andere Innenpolitik mit sich bringen würde, dass der Dalai Lama doch regelmäßig auf den Segen der Demokratie zu sprechen kommt. Aber seine Exilregierung wird alles andere als demokratisch geführt und die inner-buddhistische Frage nach der Gottheit Shugden, offenbart mit welcher Rigidität der Dalai Lama nicht regiert, sondern herrscht. Diese Gottheit wurde - aufgrund fadenscheiniger Orakelbeschwörungen - zur verbotenen Gottheit erklärt. Shugden trage die Schuld für die Misere im eigenen Lande, sei schuld, weil die Chinesen nicht abziehen wollten. Und obwohl viele Buddhisten Shugden anbeten, setzt sich der Dalai Lama - gar nicht demokratisch - darüber hinweg und sanktioniert jeden, der weiterhin diesem zum Irrglauben gewordenen Glauben frönt. Er ermuntert Menschen gar zur Denunziation, sie sollen Verfehlungen ihrer Nächsten an die Exilregierung weiterleiten, damit diese zur Tat schreiten könne. Die Exilregierung erwies sich in dieser "theologischen Spitzfindigkeit" als willfähriger Gehilfe, änderte ohne großes Murren die tibetische Exilverfassung und macht es in diversen Paragraphen zum Gegenstand, dem Irrglauben an Shugden nicht mehr folgen zu dürfen. All dies verwundert auch insofern, da der Dalai Lama immer wieder betont, dass die tibetische Exilregierung penibel zwischen Religion und Staat unterscheidet.
Wenn aber Verfassungen schon vorschreiben, was geglaubt werden darf und was nicht; wenn also Glaubensfreiheit kein Merkmal einer tibetischen Gesetzgebung ist, wie kann man davon ausgehen, dass sich in Tibet ein frischer Wind auftut, wenn die Autonomie erstmal erwirkt ist? - In Glaubensfragen spielt sich das geistige Oberhaupt der Tibeter als Despot auf; das Tibet seiner Kindheit und Jugend, welches er zum Maßstab erhebt, war ein Ort der staatlichen Gewaltanwendung, der Unterdrückung der Bevölkerung und der drakonischen Bestrafung von Sündern im Sinne der buddhistischen Lehre. Am letzten Punkt wird meßbar, wie wenig man von der Trennung von Staat und Religion hielt - und weiterhin hält und halten muß. Ein buddhistisches Tibet kann nicht fern der Religion autonom sein, denn selbige ist Ausgangspunkt jeder politischen Überlegung, ist - wie im platonischen Staate - ethische Grundlage jeglicher Handlung. Das Lächeln des Dalai Lamas sollte nicht darüber hinwegtäuschen, sondern ehergehend begreiflich machen, dass wahre Unterdrückung sich immer lächelnd einen Weg bahnt. Ein freies Tibet hätte sicherlich ebenso ein lächelndes Oberhaupt, welches sich aber dann auf eine schmarotzende Mönchskaste stützen würde, die die Menschen ausbeutet, so wie es einst die Chinesen taten.
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Kritik am Dalai Lama, Kritik an den Autonomiebestrebungen Tibets findet sich keine. Bemängelungen gibt es aber wie Sand am Meer. Protibetisch vorgeprägt war das westliche Publikum schon seit Jahrzehnten, schon seitdem die ersten europäischen und amerikanischen Forscher das "Dach der Welt" erkundeten und von einer friedfertigen und noch von der Moderne unberührten Gesellschaft berichteten. Von dieser gesellschaftlichen Jungfräulichkeit inspiriert, verbunden mit den buddhistisch-esoterischen Heilslehren und deren Auslegung, Glaubende als Besitzer der absoluten Erkenntnis und Wahrheit zu verklären, machten sich daraufhin die Theosophen ans Werk, sich den Buddhismus und seinen irdischen Ort der Erscheinung - Tibet - als Stütze ihrer Lehre zu sichern. Bereits vor der chinesischen Invasion, hatte sich so ein romantisch-philanthropisches Bild Tibets in den Köpfen der Europäer und Amerikaner manifestiert. Für viele war - und ist - Tibet ein irdischer Garten Eden, in dem es keine Gewalt gibt, in dem Menschen sittsam und ohne Streitigkeiten miteinander leben, in dem jedem Wesen Würde zusteht. Der Dalai Lama stärkt diese Ansichten weiterhin in aller Welt, da sie der Sache seiner Exilregierung dienlich sind, im Westen Tür und Tor öffnen.
Bereits im Jahre 1997, anläßlich eines damaligen Besuches des tibetischen Religionsführers, berichtete das Magazin Panorama kritisch - eine Kritik, die heute gänzlich fehlt, wohl auch, weil eine Kritik Tibets als Bejahung des chinesischen Unterdrückerregimes mißverstanden werden kann. Im Panorama-Bericht werden die "vor-chinesischen" Zustände innerhalb Tibets dokumentiert. Damals regierte bereits der heutige 14. Dalai Lama, zwar nicht unmittelbar, da er noch minderjährig war, doch alles, was innerhalb seines Landes geschah, geschah in seinem Namen. Von drakonischen Strafen wurde berichtet - von denen auch Heinrich Harrer erzählt -, wie man Verurteilten Nasen und Ohren abschnitt, wenn sie eine Untat begingen. Die Angst der Bevölkerung vor der berüchtigten Mönchspolizei wird erwähnt, ebenso wie das streng hierarchische Gesellschaftswesen und die omnipräsente Dominanz der Mönchskaste. Der Dalai Lama verklärt heute die Geschichte seines Landes, indem er den Menschen erzählt, dass der Buddhismus aus dem wilden Tibet ein kultiviertes und menschenfreundliches Land gemacht habe - Hollywoodfilme wie Annauds "Sieben Jahre in Tibet", der auf Harrers Berichten basiert, unterstützen das Märchen vom unbefleckten Tibet ebenso. Das beschriebene Mönchsregime existierte aber bis 1951, viele Jahrhunderte nachdem der Buddhismus in Tibet einzog also. Damalige Tibetologen - sofern man sie damals schon so bezeichnen konnte - berichteten von einer offen zu Tage tretenden Ausländerfeindlichkeit, die allerorts zu spüren war. Auch Harrer, der Tibet durchaus positiv zeichnet, berichtet davon, wie er und sein Leidensgefährte Aufschnaiter aus Dörfern vertrieben wurden, weil man Ausländer nicht im Ort haben wollte. Politisches Asyl wurde ihnen zunächst aus demselben Grund verwährt. Nur ihre Hartnäckigkeit und die Neugier des Dalai Lamas auf die Europäer bescherten ihnen das begehrte Asyl. Hier schlug durch, was sich auch in der metaphysischen Welterklärungslehre der Nationalsozialisten äußerte: Die buddhistischen Tibeter sahen sich als reine Rasse, wollten nicht fremdunterwandert werden, fühlten sich durch die Lehren Buddhas und die daraus resultierende einzige Wahrheit, bestärkt darin.
Nun könnte man argumentieren, dass eine heutige Autonomie Tibets eine andere Innenpolitik mit sich bringen würde, dass der Dalai Lama doch regelmäßig auf den Segen der Demokratie zu sprechen kommt. Aber seine Exilregierung wird alles andere als demokratisch geführt und die inner-buddhistische Frage nach der Gottheit Shugden, offenbart mit welcher Rigidität der Dalai Lama nicht regiert, sondern herrscht. Diese Gottheit wurde - aufgrund fadenscheiniger Orakelbeschwörungen - zur verbotenen Gottheit erklärt. Shugden trage die Schuld für die Misere im eigenen Lande, sei schuld, weil die Chinesen nicht abziehen wollten. Und obwohl viele Buddhisten Shugden anbeten, setzt sich der Dalai Lama - gar nicht demokratisch - darüber hinweg und sanktioniert jeden, der weiterhin diesem zum Irrglauben gewordenen Glauben frönt. Er ermuntert Menschen gar zur Denunziation, sie sollen Verfehlungen ihrer Nächsten an die Exilregierung weiterleiten, damit diese zur Tat schreiten könne. Die Exilregierung erwies sich in dieser "theologischen Spitzfindigkeit" als willfähriger Gehilfe, änderte ohne großes Murren die tibetische Exilverfassung und macht es in diversen Paragraphen zum Gegenstand, dem Irrglauben an Shugden nicht mehr folgen zu dürfen. All dies verwundert auch insofern, da der Dalai Lama immer wieder betont, dass die tibetische Exilregierung penibel zwischen Religion und Staat unterscheidet.
Wenn aber Verfassungen schon vorschreiben, was geglaubt werden darf und was nicht; wenn also Glaubensfreiheit kein Merkmal einer tibetischen Gesetzgebung ist, wie kann man davon ausgehen, dass sich in Tibet ein frischer Wind auftut, wenn die Autonomie erstmal erwirkt ist? - In Glaubensfragen spielt sich das geistige Oberhaupt der Tibeter als Despot auf; das Tibet seiner Kindheit und Jugend, welches er zum Maßstab erhebt, war ein Ort der staatlichen Gewaltanwendung, der Unterdrückung der Bevölkerung und der drakonischen Bestrafung von Sündern im Sinne der buddhistischen Lehre. Am letzten Punkt wird meßbar, wie wenig man von der Trennung von Staat und Religion hielt - und weiterhin hält und halten muß. Ein buddhistisches Tibet kann nicht fern der Religion autonom sein, denn selbige ist Ausgangspunkt jeder politischen Überlegung, ist - wie im platonischen Staate - ethische Grundlage jeglicher Handlung. Das Lächeln des Dalai Lamas sollte nicht darüber hinwegtäuschen, sondern ehergehend begreiflich machen, dass wahre Unterdrückung sich immer lächelnd einen Weg bahnt. Ein freies Tibet hätte sicherlich ebenso ein lächelndes Oberhaupt, welches sich aber dann auf eine schmarotzende Mönchskaste stützen würde, die die Menschen ausbeutet, so wie es einst die Chinesen taten.
