Shiting Bull

Freitag, 27. Mai 2016

Eine Frau Katzenberger steht kurz vor einer Traumhochzeit. Frau Wiegand hingegen vögelt mit ihrem Vetter fünften Grades. Sind wir nicht alle Brüder und Schwestern im Herrn? Frau Müller beklagt sich, man würde sie ständig nur angrabschen wollen. Herr Lau ist hingegen Vater geworden, ein Sohn, den er auch gleich strafte mit einem lächerlichen Vornamen. Der Knabe soll gleich mal lernen, dass es auf Erden kein Zuckerschlecken ist. Frau Wohlgemuth hatte schon ein Kind, nun aber auch noch einen Vater dazu, den sie jetzt allen zeigt, die ihn sehen möchten. Ich habe keinen Schimmer, wer diese Leute sind. Man reibt sie mir aber täglich unter die Nase. An Haltestellen, am Bahnhof, an Kiosken. Überall stehen so Säulen und Leinwände herum, die Meldungen von dieser Güteklasse absondern. Sind wir also gesellschaftlich mittlerweile so entfremdet, von unserem direkten Umfeld so isoliert, dass wir Klatsch und Tratsch bereits über Unbekannte betreiben?

Ich meine, früher kannte man die Schlampe von gegenüber noch persönlich, war live dabei, wenn sie ihre Eskapaden pflegte. Man grüßte sie im Laden, wechselte mit Dummchen oder Stelzbock noch einige Worte. Da wusste man noch, über wen man sich das Maul zerriss. Aber wer kennt heute noch seine Nachbarn, alles ist so isolationistisch geworden, alles geht so schnell, heute ziehen welche ein, morgen weiter, heute ziehe ich ein, morgen ziehe ich aus. Nachbarschaft ist ein Vabanquespiel. Also schafft man sich Redaktionen an, die den Klatsch und Tratsch gewissermaßen internationalisieren, von der regionalen Bühne holen, damit man - falls man sich doch mal mit jemanden unterhält - ein gemeinsames Opfer zum Lästern hat. Denn sich über Dritte abfällig zu unterhalten, so hat eine englische Studie schon vor Jahren herausgefunden, das stärke die gemeinsamen Bande. Nur eine Klatsch- und Tratschgesellschaft festige den Zusammenhalt. Solange, bis jemand so darunter leidet, sich so gemobbt fühlt, dass er ausrastet und jemand absticht. Kollateralschäden halt, man kann nicht alles haben.

Nein, aber mal weniger flapsig. Was ist das für eine Industrie, die uns solchen Bullshit als etwas verkauft, was man wissen sollte? Welcher Antrieb steckt denn dahinter, den Leuten, die gerade zu ihrem Regionalexpress oder ihrem ICE eilen, noch kurz mitzuteilen, dass irgendeine blonde Schweinefürstin gedenkt, sich nun einen Sugardaddy ins Haus zu holen? Reist man beruhigter, wenn man darüber informiert wurde, dass die Nutten tanzten, weil ein Playboy-König Laune hatte?

Nein, es verblödet nur gezielt, soll dem Verlust der Relevanzkompetenz Vorschub leisten. Diese Bullshit-Kultur ist einzig und alleine dazu da, um die Aufnahmefähigkeit für existenziellere Sujets unauslöschlich zu zersetzen, wichtige Zusammenhänge in der Nichtigkeit banaler Figuren und ihrer Vita zu ersäufen. Solange nur Fakten gesammelt werden, die irgendwo zwischen Kinderwunsch und Hochzeitsplänen, gemachten Brüsten und Libido und ähnlichem, feststecken, solange kurbelt sich das bisschen Denkfähigkeit, das im stressigen Alltag noch bleibt, mit Gegenständen ab, die den bestehenden Verhältnissen nicht schaden. Wer auf dem Eilmarsch zwischen verspäteter Regionalbahn und Anschlusszug die traurige Geschichte einer Frau liest, die mit ihrem Vetter ins Bett steigt, dem entfällt ziemlich schnell der Ärger, den eine total überforderte und schlecht finanzierte Bahngesellschaft einem täglich aufhalst und der hat nebenher gleich Ansatzpunkte für einen Dialog mit anderen, der als Gegenstand eben nicht die Bahn und ihre Firmenpolitik beinhaltet, sondern Unverfänglicheres.

Der Bullshit sei das »auffälligste Merkmal unserer Kultur«, schrieb Harry G. Frankfurter vor einigen Jahren zutreffend. Dabei hat es ihn immer schon gegeben, er war aber auf dem Friseurbesuch beschränkt. Also auf das vor Langeweile inspirierte Durchblättern von Druckerzeugnissen, die sich mit den privaten Larifari mittelprächtig bekannter Menschen befassten. Die Regenbogenpresse ist als Industrie zu einem Markt digitalisierter Omnipräsenz angewachsen. Via Fernsehen bahnte sie sich einen Weg aus Friseursalons und den Haushalten angeödeter Damen, um letztlich als Informationssäule die Menschheit mit Belanglosigkeiten zu beglücken. Nicht unbedingt mehr um Langeweile zu überbrücken, sondern um zu beschäftigen und mit Bagatellen auszufüllen. Das erfüllt vielleicht nicht, aber es füllt. Unterbindet das Nachdenken, kanalisiert eigene Unzufriedenheit, lässt an Glück und Trauer teilhaben und funktioniert als Ersatzbehelf in einem Alltag, der feststeckt in Trott und Ödnis.

Wie gesagt, früher kannte man so eine schrille Gerlinde noch selbst. Sie wohnte einen Eingang weiter, plante ihre Hochzeit zu laut, sodass alle über sie tuschelten. Dann lief ihr der Kerl noch vor der Hochzeitsnacht weg, also ließ sie sich die Brustwarzen drei Zentimenter nach oben verlegen, wie einen BH aus Fleisch und sie war redselig genug, es allen zu stecken, was wieder Getuschel fabrizierte. Mit dem Bullshit von Gerlindes Leben wertete man seine eigene beklemmende Existenz auf; Gerlindes waren so unsäglich wichtig. Heute sorgen hingegen fremde und unbekannte Gesichter wie Frau Katzenjammer, Frau Wohlgemuth und Herr Lau dafür, dass man was zu reden hat. Wer über die redet, der quatscht nicht von TTIP. Bullshit, das wissen Experten mittlerweile, verursacht Methan und verstärkt den Treibhauseffekt. Übrigens wurde Gerline nach ihrer OP die Gespielin ihres Cousins, der sie vor aller Welt antatschte, die Tuschelei folgte sofort auf den Fuß. Das Kind, das er ihr machte, hatte es nicht ganz so eilig, ließ sich neun Monate Zeit. Als es da war, erzählte sie allen, die es wissen wollten oder nicht, was für einen unmöglichen Namen es bekommen sollte: Shiting Bull.

2 Kommentare:

epikur 27. Mai 2016 um 10:20  

"wichtige Zusammenhänge in der Nichtigkeit banaler Figuren und ihrer Vita zu ersäufen"

Genau so ist es!

Ich befürchte allerdings auch, dass die Leute (vorzugsweise Frauen) das auch brennend interessiert. Alleine die Auswahl an Frauenzeitschriften, Boulevard-TV-Sendungen und der tägliche Klatsch in der Familie scheint das Thema für Millionen Menschen zu sein. Es hat sicher auch viel mit dem Rückzug ins Private zu tun, dem neuen Biedermeier.

Stefan Becker 28. Mai 2016 um 22:22  

Stanislav Lem hat zu diesem Thema bereits 1970 einen interessanten Sciencefiction Roman verfasst, in dem beschrieben wird, wie die Menschen vernebelt werden. Allerdings mit einer Art von Psycho-pharmaka, im Buch "Benignatoren" genannt.


Der Titel des Buches : Der futurologische Kongress

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