Die klassistische Lebensfreude an den Wetterkarten

Freitag, 13. Juni 2014

oder Die Diktatur meteorologischer Strahlemänner.

Tolle Aussichten fürs Wochenende, haben sie uns vorm Wochenende versprochen. Sonne satt, sagten sie. »Herrliches Wetter. Genießen Sie die Sonnenstrahlen.« Laue Nächte, schob der Vogel vor der Wetterkarte nach. Ich habe bei 36 Grad gelitten und die lauen Nächte waren schlaflos. Diese stereotypen Sprüche aus der Wettervorhersage, von Metereologen und Moderatoren, kotzen mich nicht nur an. Sie sind das Abbild einer Massenmeinung, die mir in meinem Lebensumfeld kaum begegnet.

Ich kenne fast niemanden, der bei diesen Temperaturen glücklich wäre. Die Leute, die ich kenne, scheinen mit den Leuten, für die das Wetter angesagt wird, nicht klimatisch verwandt zu sein. Man erkennt am Gesichtsausdruck sofort, wer leidet und wer nicht. Und fast alle haben sie einen hochroten Kopf, ihr Schweiß glänzt wie Zuckerguss auf Stirn und Wangen. Glücklich kommen sie einem nicht vor. Wenn dann noch schlaflose Nächte dazukommen, sehen sie gerädert aus, völlig fertig und kraftlos. Aber verdammt, freuen Sie sich gefälligst auf die Sonne, herrliche laue Nächte, Sonne tanken, genießen sie die Wärme! Klar, niemand kann was für diese Temperaturen, niemand ist dafür verantwortlich. Aber für diese gute Laune in der Hölle, dafür sind Menschen verantwortlich. Und wenn ich mir dann die Hinweise so anhöre, wie man die Hitze gut managt, dann ist klar, welche Sorte Mensch da für die »Freude am kostenlosen und daher egalitären Gut der Sonne« verantwortlich sind.

Fröhliche Hitzeberichterstattung scheint ein Sport, gemacht von Leuten in gut klimatisierten Räumen für Leute in gut klimatisierten Räumen zu sein. Eine Ausgestaltung von alltagsesoterischer »Das-Leben-kann-so-schön-sein«-Ideologie, die sich jemand, der sich die Hitze durch seine Finanzkraft nicht vom Halse halten kann, gar nicht leisten darf. Was empfehlen sie denn einem, um die Hitze in den Griff zu bekommen? Mancher TV-Sender empfiehlt den Umzug in ein klimatisiertes Hotel. Andere testen Klimageräte. Und ein Radiomoderator sagte seinen Hörern kürzlich, sie sollten einfach einen Kurzurlaub in kühlere Gefilde wagen. »Fliegen sie doch spontan nach Brasilien zur Weltmeisterschaft.« Ja, was glauben denn diese berufsbedingt fröhlichen Arschlöcher eigentlich, wie flüssig die Menschen in diesem Lande sind? Das sind Abziehbildchen von einer Lebensqualität, die die wenigsten Menschen besitzen.

Beleg dafür war letztes Jahr dieser Wagner von der »Bildzeitung«. Dieses Jahr wird er es in etwa so ähnlich schreiben, wie ich diesen Text in etwa schon letztes Jahr geschrieben habe. Wiederholung ist halt schnell verdientes Geld. Aber das ist ein anderes Thema. Er schrieb damals, wir hätten »einen tollen Sommer«, man könnte »bis zwei Uhr morgens beim Italiener sitzen«. Mir kam fast das Kotzen. Kommt mir bei Wagner immer. Aber bei diesem speziellen Wagner ganz besonders. Klar, der Typ kann es sich leisten, bis zwei Uhr morgens zu zechen. Dann legt er sich bis mittags hin, steht auf, trinkt nochmal zwei kalte Bier, braucht sich nicht anzuziehen, steckt seinen Fußpilz in eine Wanne unterm Schreibtisch, bringt zehn bis fünfzehn Sätze aufs Papier, gibt sie telefonisch durch und kassiert sicherlich ein vierstelliges Honorar. Auf Typen wie ihn ist die Wetterberichterstattung zugeschnitten. Auf Typen wie ihn, die bis zwei Uhr nachts Servicepersonal durch die tropische Nacht hetzen können und das dann »Ankurbelung der Wirtschaft« nennen.

Etwas weniger Hitzeverklärung würde auch heißen, die Probleme der Mehrheit zu verstehen, die aus diversen Gründen an der Hitze leidet. Nicht zuletzt diejenigen, die körperlich schwer schuften müssen. Aber so weit gehen die warmen Gefühle dann ja nicht. Erst wenn der Blitz eines Hitzegewitters in einen Ast fährt und der dann einen Radfahrer erschlägt, dann geben sie sich betroffen. Aber nicht lange, denn die Sonne kommt schon wieder raus. Wer will sich so ein Wetter schon mit traurigen Nachrichten vermiesen? »Hey, Bedienung, ich krieg noch ein Kühles. Aber bitte schneller als vorhin.« Und dann sitzt man da, lässt sich von schwitzendem Personal aushalten und findet es eine Frechheit, dass der Typ von Hermes heute Mittag nicht in den siebten Stock stieg, nur weil der Lift defekt war.

Die große Gleichheit vor der Hitze gibt es so wenig wie eine vor dem Gesetz oder der Steuergerechtigkeit. Wer nichts hat, der leidet eben mehr, der kann sich Linderung nicht kaufen. Die Freude an »36 Grad und es wird noch heißer« ist weitestgehend klassistisch. Und dieses normale Geschwafel vom Wetter ist ja schon mies. Es zeigt nur, wie dumpf die Masse ist, dass man sie täglich mit diesem Thema unterhalten kann. Aber dass im Falle der Hitze die Berichterstattung fast nur noch dieses explizite Wetter kennt, dass sie einen ständig daran erinnern, dass der Sommer da ist, bleibt oder gleich wieder kommt, setzt der Lethargie nur die Krone auf. Das ist so eine Art schwungvolle Diktatur meteorologischer Strahlemänner.

Dass ich schwitze wie ein Mastbulle, während ich diesen Text tippe, ist die eine Sache. Die fröhlichen Stimmen, die mir meinen Schweißgeruch auch noch als eine ganz besonders tolle Geschichte verkaufen wollen, das ist etwas ganz anderes. So einfach wie beim Wetter erkennt man selten, wie eklatant daneben die Medien an den realen Lebensumständen der Menschen vorbeimoderieren. Wenn der Typ im Radio sagt, dass diese lauen Nächte einfach nur schön seien, dann soll er mal in mein schwüles Schlafzimmer gehen und versuchen dort zu pennen. Die Hitze macht mich aggressiv. Solche Typen noch aggressiver. Ich kann es nicht leiden, wenn die Sonne aus all diesen Arschlöchern herausscheint. Sie sollten ihre Arschbacken zusammenkneifen und die Sonne darin lassen.


8 Kommentare:

Stefanie 13. Juni 2014 um 08:12  

Hallo Roberto,
da bin ich ganz bei dir und möchte noch etwas hinzufügen. Diese Jahreszeit ist auch die Zeit, in der täglich? irgendwelche Hecken geschnitten, Bäume kahlrasiert und Wiesen mit dem Mäher malträtiert werden. Wann? Natürlich um 7 Uhr morgens, damit der halb Ausgeschlafene nach der schwülen Nacht auch einen schönen Tagesbeginn hat.

Gruß und kühle Tage wünscht
Steffi mit den Augenringen

Anonym 13. Juni 2014 um 10:53  

Ich weiß nicht, ob die Olsenbande ein bekannter Begriff ist.
Es erinnert an den Anfang vom 7ten Film, "Die Olsenbande stellt die Weichen", als sie in Spanien leben.
Es war, in der Epoche gesehen, die Zeit, als man in West-Europa die Mallorca-Reisen entdeckte, zum einen, weil sie billig waren, zum anderen, weil es dort warm und sonnig war.
"Warm und sonnig" ist ein altes Attribut für "Wohlstand".

Zum Film: Am Anfang sieht man wie alle auf der Verranda zum Frühstück zusammenkommen.
Das Erste: Sie lassen sich in Spanien typische dänische Produkte liefern. (Sie stammen aus Dänemark.)
Als zweites dann äußert Kjeld in irgendeinem zusammenhang: "Ich würd' nach Hause fahren und arbeiten gehen, jeden Morgen bei Regenwetter!"
(Beim Mittagsschlaf sieht man noch deutlich mehr wie er unter der Temperatur leidet - die Füße in Wassereinmern, auf dem Kopf befindet sich ein Eisbeutel.)

Wenn einem die Film-Serie bekannt ist, dann weiß man - außer Millionäre zu werden, haben sie nie etwas anderes angestrebt, als nach Mallorca zu fahren.

Mit anderen Worten: Zuvor wollten sie nichts anderes als weg aus Dänemark "in den warmen Süden", kaum, dass sie aber dort leben, wollen sie nichts weiter als nach Dänemark zurück.
Unter anderem auch, weil ihnen das Klima auf den Kopf fällt.

So in etwa verhält es sich auch in diesem Land mit der Schönwetterfront.
Ein altes Wohlstandsklischee.

Stefan Becker 13. Juni 2014 um 11:22  

ja lieber Roberto , wie immer sehe und erlebe ich die Welt genau so wie du. Diese Gutwetter- und Gutelaunepropaganda geht mir fürchterlich auf den Sack.
Sie ist Grund genug, alle Radios und Fernseher solange aus zu lassen, bis
diese wieder frei sind von dieser Scheiße .

flavo 13. Juni 2014 um 11:58  

Scharf beobachtet! Das hab ich so gar noch nie betrachtet. Aber es scheint mir nun auch so. Arzt, Anwalt, Ingenieur, Controller und höherer Beamter scheint der Ansprechpartnter des Wetterbereichtes zu sein. Alenthalben der Professor und die Gemahlinnen all dieser Positionen. Nicht der Maurer oder der Lagerarbeiter oder die Putzfrau oder der Lieferant oder der Koch usw., nein wohlklimatisierte Etagen der Bewohlstandeten sind angesprochen. ein kühler Drink am Liegestuhl, beschwippst in den Vorabend in Erwartung des Gemahlen, welcher im klimatisierten Großwagen heim kehrt in die gekühlte Garage. Nicht der verschwitzte Monteur oder die Wäschereinigerin, die im Gedrängel auch noch eine Stunde mit der Bahn fahren muß und in der Tat völlig geschafft unter die Dusche eilt und ins Bett fällt. So scheint es mir nun auch.

Anonym 14. Juni 2014 um 19:22  

Ja, diese wunderbaren "Rat"schläge. Morgens und abends Durchzug machen - unmöglich, wenn man in einer Einzimmerwohnung lebt. Feuchte Tücher vors Fenster - bringt höchstens 0.5 Grad Abkühlung. Tagsüber Rolladen runter - dazu müsste die Mietwohnung erst mal Rolläden haben (geschlossene Vorhänge innen haben so gut wie keine Wirkung gegen direkte Sonneneinstrahlung).

Ich wohne im 4. Stock. Im Hochsommer wird es dort nachts nicht kälter als 27 Grad. Was ist mit Leuten, die sich nur eine Dachgeschosswohnung leisten können?

Das einzige, was halbwegs hilft, ist, nachts den Ventilator laufen zu lassen. Da schüttelt die gut situierte Vorortfraktion erschrocken den Kopf. Zugluft! Wie ungesund! Und die Stromverschwendung!

Luna

Anonym 15. Juni 2014 um 05:08  

"Arzt, Anwalt, Ingenieur, Controller und höherer Beamter scheint der Ansprechpartnter des Wetterbereichtes zu sein."

von wegen Arzt.. versuchen sie mal in einer Notaufnahme voll verschwitzt all die armen alten durch die Hitze ausgetrockneten Menschen zu versorgen :-).

Herr De Lapuente, vielen Dank für Ihren Artikel, ich empfinde es genau so, wenn ich einen vor Glück strahlenden Wettermann/Frau fröhlich über die Sonne und 36°C im Schatten berichtenden höre, habe ich ganz unchristlichen Gedanken und Wünsche.

Anonym 18. Juni 2014 um 23:34  

@Luna

Ein Tipp für's Kühlhalten der Wohnung: Alufolie außen mit Tesafilm in den Ecken auf die Fenster kleben, so dass halt jeweils ein kleiner Streifen links, rechts, oben oder unten noch frei bleibt. Die glänzende Seite ist dabei am Besten außen. Im Herbst kann man dann die Folie wieder weg machen, wobei dann allerdings etwas hartnäckig zu entfernende Tesafilmreste übrig bleiben können. Die macht man am Besten an einem noch warmen Tag mit Sonne weg, weil dann der Klebefilm weich ist. Außerdem können, zumindestens bei schrägen Dachfenstern, nach einiger Zeit so gräulich-weisliche Ausblühungen zwischen Alufolie und Fenster entstehen, die sich wie so Kalkränder auf dem Fenster ablagern. Die kann man aber beim Folie weg machen mit Essig wieder wegbekommen.

Das Ganze ist natürlich wegen dem praktisch nicht mehr Hinauskucken nicht mehr so toll, aber es bringt doch einige Grad. Man kann sich das Ganze ja auch ausrechnen: Ca. 800-900 Watt pro Quadratmeter kommen an Strahlungsleistung durchs Fenster und heizen den Raum auf, und das über Stunden, das ist wie eine Heizung auf volle Pulle im Winter. Mit Folie stellt man die Heizung ab.

Mit bestem Gruß von einem Ingenieur, der letztes Jahr von August bis November bei 40-45° Innentemperatur in einer Produktionshalle gearbeitet hat, wenn auch ohne Schlips und Kragen. ;-)

Jamestyle83 19. Juni 2014 um 03:59  

Ich liebe deinen Schreibstil...du nimmst kein Blatt vor den Mund - Weiter so, gibs ihn ;)

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