Ein luxuriöses Lebensgefühl

Freitag, 8. März 2013

Wenn jemand sagt, er habe Durchfall wie Wasser, ist es dann bald der Fall, dass dieses "wie Wasser" einen dekadenten Anklang findet, gleich dem Ausspruch, dass man über Geld nicht spreche, sondern es habe? Über Wasser spricht man nicht, man hat es - und wer so viel hat, es quasi sogar scheißen zu können, der schämt sich seiner Dekadenz offensichtlich nicht. Dem kommt der Luxus schier aus dem Arsch. Nobel geht die Welt zugrunde.

Im Dunst jenes Liberalismus, der sich neu nennt, der aber nur ökonomisch angewandt wird, sind stinknormale Redewendungen urplötzlich auch aus dekadenter Perspektive zu verstehen. Wer einem die Suppe versalzt: Wie kommt der an so viel Salz? Oder "zum Saufüttern": Der muss es ja haben! Noch kann man frei sagen, die Luft sei zum Atmen, was aber, wenn irgendwann ein Konzern auf die Idee kommt, dass Luft ein Rohstoff ist, der in seinen Bereich fällt? Wie in Cochabamba, wo man die Wasserversorgung privatisierte und das Konsortium Aguas de Tunari glaubte, auch das Regenwasser gehöre zum Betriebskapital, denn finge man es nicht in Fässern und Schüsseln auf, würde es im Boden versickern und Aguas de Tunari zur Verfügung stehen. Und genau das taten die Menschen in Cochabamba, sie fingen das Wasser auf, weil jenes Konsortium unter Beteiligung der Firmen Bechtel, Edison und Abengoa, den Wasserpreis schlagartig um den Faktor Drei erhöhte. Das Ende ist bekannt - oder sollte es wenigstens sein.

Dieser Liberalismus verwässert auch - und leider nicht ausschließlich - die Umgangssprache, macht sie zu einem herablassenden Duktus, zu einer hochnäsigen Sprechweise. Wenn fortan jemand etwas ausbaden muss, sollte er auch seine Wasserrechnung beglichen haben. Blut und Wasser schwitzen? Was kommt billiger? Stille Wasser sind tief? Und vermutlich nicht arm, denn tiefe Wasser muss man sich erstmal leisten. Und auf dem Schlauch zu stehen ist sodann nicht mehr Ausdruck von Begriffsstutzigkeit sondern von Sparsamkeit.

"Gehörte" der Himmel und die Wolken über Cochabamba dem Konsortium, so könnte doch der Rotz und Wasser heulende homo neoliberalis auch eine Gebühr dafür abdrücken müssen, dass ihm Wasser aus dem Körper rinnt. Wer Wasser zum Heulen hat, muss doch irgendwo auch Wasser konsumiert haben. Verbrauchssteuer auf Tränen? Wo Regenwasser Firmen gehört, kann auch ausgeschiedenes Körpersekret einer Gesellschaft gehören. Da wird es aber teuer, nah am Wasser gebaut zu haben.

Und wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, dann ist das nur in einer Gesellschaft, in der die Grundversorgung der Menschen nicht rein betriebswirtschaftlich geregelt ist, ein Zustand von Not, die schneller Linderung bedarf. Im Neoliberalia, in der alles privatisiert ist (oder sein sollte), ist derjenige, dem das Wasser bis zum Hals geht, ein wohlhabender Mann, der es sich leisten kann, den Wasserhahn aufzudrehen, bis ihm das Nass ans Kinn geht. Wasser predigen und Wein trinken ist hier als Verkehrung zu verstehen. Hieß es vorher, dass einer Sparsamkeit und Knappheit predigte, während er üppig lebte und soff, so predigt nun einer Wohlstand, volle Wasserreservoirs für jedermann, während er sich mit einem vergleichsweise billigen Schluck zufrieden gibt.

Wasser ist ein Gut, das so präsent in der Gedankenwelt der Menschen ist, dass es sich selbst in der Sprache niederschlägt. In jeder Sprache. Wir bestehen als Menschen aus 70 oder 80 Prozent aus Wasser. Wir sind Wasser, kommen aus dem Wasser und wir bauen Wasser mannigfach in unser Reden ein. Es scheint so selbstverständlich, so standardisiert in unseren Breiten, dass wir uns ein Leben mit unbezahlbaren Wasser gar nicht (mehr) vorstellen können. Was würde sich schon ändern, wenn kein Kommunalbetrieb mehr die Wasserversorgung sicherstellte, sondern ein vielleicht multinationaler Konzern?

Der Neoliberalismus schafft Luxus. Er produziert Luxusgüter für jedermann. Bildung wird zum Luxus; eine zahnärztliche Behandlung ebenfalls. Ärztliche Versorgung ganz generell. Vielleicht sogar anständiges Essen, nach dem, was man derzeit so liest. Der Neoliberalismus will, dass wir alle im Luxus leben. Dazu ist es nötig, Luxusartikel zu schaffen. Wasser könnte so ein Artikel werden.

Und obgleich - oder weil! - er Luxus erzeugt, benimmt er sich wie eine Großmutter, die die "schlechte Zeit" noch kannte und selbst Kartoffel mit Augen noch kocht, um sie noch zu verwerten. Oder wie eine arme Bäuerin, die selbst aus runzeligen Kartoffelschalen noch Kartoffelsuppe auf Wasserbasis kocht. Solange das Wasser noch bezahlbar ist. Alles ist noch verwertbar, alles kann noch aufgebraucht werden in der Luxuswelt des Neoliberalismus. Selbst wiehernde Lasagne. Die können noch Hartz IV-Empfänger fressen. Betriebswirtschaftlich denken, Reststoffe verwerten, alles kann zu irgendwas genutzt werden. Schöner neuer Luxus.

Sprichworte im Wandel: Macht doch kein Theater! - Kultur kostet, Kultur ist Luxus. Wer vom Theater spricht, der muss es aber dicke haben. Auf dem Zahnfleisch kriechen? Sie haben wahrscheinlich einen guten Zahnarzt, wie? Sprachlich macht uns der Neoliberalismus da reicher, wo wir real ärmer werden. Er schafft begriffliche Dekadenzien, weil er realiter Knappheit entwirft. Der Luxus ist fühlbar, endlich eine Ideologie, die messbaren Luxus schafft, die auch die kleinen Dinge des Lebens mit dem Flair luxuriöser Verschwendungssucht ausstattet. Und wenn man bedenkt, dass wir bis zu 80 Prozent aus Wasser bestehen, dann ahnen wir erst, für wie wertvoll der Neoliberalismus die Menschen wohl halten muss. Wenn man sie nur ausquetschen könnte - nicht umgangssprachlich, sondern ganz dem Wortsinn nach.

Wir hatten mal die optimistische Vorstellung, dass Sanitäreinrichtungen, der freie Zugang zu Wasser, eine Option für die gesamte Menschheit sein sollte; wir glaubten, es sei keine Zauberei, Wasseraufbereitung und die dazu nötigen Mittel und Strukturen überall dort auf der Welt zu schaffen, wo es das noch nicht gibt. Man glaubte nicht, dass es einfach würde, wohl aber machbar sei. Das Rad der Geschichte, so glaubten wir hegelgeprägten Mitteleuropäer irgendwie, würde den Fortschritt anwerfen. Nicht die Industrienationen würden zurückfallen, sondern die Entwicklungsregionen dieser Erde würden aufschließen zu uns. Mit der Privatisierung des Wassers geschieht nun die Verkehrung dieses optimistischen Glaubens.



10 Kommentare:

maguscarolus 8. März 2013 um 09:08  

Angleichung nach unten für die Vielen und eine Absetzbewegung nach ganz oben für Wenige. Dort oben absolute Freiheit, absolute Privatheit, absolute Gesundheit, absoluter Luxus. Und ganz unten die absolute Hoffnungslosigkeit.

Noch sind es nur die ärmsten Regionen dieser Welt, auf welche diese Endzeitbeschreibung zutrifft, aber der Reform®eifer hat einen Fortschritt® zu Ziel, welcher für alle Erdkreise gleichermaßen zugeschnitten werden soll.

Hartmut 8. März 2013 um 10:24  

Ein sehr interessanter Artikel, der m.M. nach mehr zum Weinen als zum Nachdenken anregt.

Spontan kamen mir die Zusammenhänge zwischen Erde und Mensch. Die Erde besteht bekanntlich aus ca. 70 Prozent Wasser - ebenso der Mensch. Hieraus möchte ich folgenden Gedankengang ableiten: haben wir nicht eine große Abhängigkeit und gleichzeitig Parallele zwischen Erde und Menschen ? - Wohlgemerkt, zwischen dieser Erde - und lebenden Menschen ?

Anonym 8. März 2013 um 11:26  

Tja, was soll man dazu sagen, Roberto. Da hast ja so recht! Mir fallen da zwei Filme ein, die sogar schon die Verwertung des Menschen zum Thema haben, beide aus den 60ern/70ern: "Themroc" mit Michel Piccoli, wo der Mensch aus Not zum Kannibalen wird und "Soylent Green" mit Charlton Heston, in dem der Protagonist entdeckt, dass die Menschen nach ihrem Tod zu mineralreichen Plätzchen (Hostien?) verarbeitet werden, um das Über/Leben der herrschenden Klasse zu sichern. Man nannte diese Filme mal "Science Fiction
Filme". Inzwischen scheint uns diese "fiction" einzuholen - einfach nur schauerlich. Aber auf der anderen Seite kann es uns doch auch optimistisch stimmen, dass es Netzwerke wie avaaz oder campact gibt, die dafür sorgen, dass die Alarmglocken schrillen und so schon manches perverse Vorhaben des Neoliberalismus gekippt haben.
Ohne Widerstand geht´s nun mal nicht.

MEINT ANMERKER

landbewohner 8. März 2013 um 13:01  

zu maguscarolus

Noch sind es nur die ärmsten Regionen dieser Welt, auf welche diese Endzeitbeschreibung zutrifft

das dürfte so manch einer in den usa oder der eu schon ganz anders sehen.

pillo 8. März 2013 um 20:14  

Zum Thema der Wasserprivatisierung in Cochabamba möchte ich hier zwei wirklich sehenswerte Filme empfehlen.

Zum Ersten die Dokumentation "DER GROSSE AUSVERKAUF", der sich an Hand von vier Beispielen den Folgen der Privatisierung ehemals öffnetlicher Betriebe bzw. Einrichtungen befaßt. Es geht um die medizinische Versorgung auf den Phillipinen, der Stromversorgung in Südafrika, der Bahn in England und eben der Wasserversorgung in Bolivien.
http://www.dergrosseausverkauf.de/frameset.html

Der Zweite ist der Spielfilm "Und dann der Regen" (también la lluvia) mit den großartigen Gael García Bernal und Luis Tosar.
http://www.und-dann-der-regen.de/

Roberto De Lapuente 8. März 2013 um 20:29  

Ich habe den Film gesehen und ich glaube, ich habe schon mal vor Jahren auf ihn hingewiesen. Kann mich pillo nur anschließen: Unbedingt ansehen!

Hartmut 9. März 2013 um 00:27  

Schon beim Ansehen des Filmes kamen mir Tränen.....

Wann begreifen Menschen endlich, dass privare - rauben heißt.....?

Wenn wir überleben wollen, gibt es nur einen Weg: "Kampf dem Imperialismus und seinen Regierungszuhältern,..basta"

Trauriger 9. März 2013 um 14:12  

Leider läuft es zu oft so ab: Die Entwicklungshilfe installiert Brunnen und bildet die Menschen vor Ort zur Wartung aus - Hilfe zur Selbsthilfe.
Schaut man sich später an, was daraus geworden, nachdem sich die Entwicklungshelfer zurückgezogen haben, findet man die Projekte nur allzu oft entweder in verwahrlostem Zustand wieder oder aber in den Händen von Mächtigen, die die Armen nicht ranlassen. Häufig auch beides zusammen.
Was da schon alles an gespendeter Technologie und ehrenamtlichem Einsatz aufgrund des Makels des Menschen vor die Hunde ging, ist schon arg.
Mich macht der Gedanke immer verzweifelt.

Anonym 10. März 2013 um 16:53  

die neger sind alle unfähig oder wie?
Trauriger was bist du ein rassiert?!?

Trauriger 12. März 2013 um 00:22  

@ Anonym, 10. März 2013 16:53
"die neger sind alle unfähig oder wie?
Trauriger was bist du ein rassiert?!?"

Geht's noch? Weder war von Negern die Rede, noch von "allen".
Mit einem genaueren Blick auf die Dinge wird man nicht zu einem "rassiert".

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