Der Brandanschlag als technischer Defekt?

Mittwoch, 13. März 2013

oder Gibt es keine rassistischen Motive und Erfahrungen in Backnang und Umgebung?

Durchaus denkbar, dass der Brandanschlag in Backnang, bei dem eine türkische Mutter und sieben ihrer Kinder umkamen, einem technischen Defekt geschuldet sind. Dass man von Seiten der Behörden stoisch auf nur diese Ursache hinwirkt, zeigt aber: Die NSU hat keine Sensibilität geschaffen.

Schon im März 2008 brannte es in Backnang. Anschlagsziel war ein vorwiegend von Türken bewohntes Haus. Zwei an die Wand geschmierte Hakenkreuze machten einen fremdenfeindlichen Hintergrund wahrscheinlich. Damals kam es lediglich zu einigen Rauchvergiftungen. In einer Studie der Universität Tübingen konnte man schon ein Jahr zuvor lesen, dass "die politische Kultur in der Region [Anm.: gemeint ist der Rems-Murr-Kreis, in dem Backnang liegt] ist durch eine rechtsgerichtete Stimmung geprägt."

Tatsächlich meldete man kürzlich, dass die NSU viele Kontakte im Rems-Murr-Kreis hatte. Und vor nicht mal zwei Jahren wurden in Winterbach im Remstal zwei junge Männer aus der rechtsradikalen Szene verurteilt, weil sie eine Gartenhütte anzündeten, in der türkische und italienische Männer sich vor den beiden Neonazis versteckt hielten. Schon im Jahr 2000 verübten drei Rechtsradikale einen Brandanschlag auf das Asylbewerberheim in Waiblingen, das nur zwanzig Kilometer von Backnang entfernt liegt.

Noch eine kurze Aufzählung in Stichpunkten: 2003, Übergriff auf einen indischstämmigen Fahrgast eines Regionalzugs bei Backnang; im selben Jahr, Brandanschlag auf einen Imbisswagen eines ausländischen Mitbürgers; abermals 2003, Molotowcocktails auf türkisches Vereinsheim in Murrhardt; 2005, Brandanschlag auf das Asylbewerberheim in Unterweissach. Die beiden letzteren Orte liegen keine 15 Kilometer von Backnang entfernt.

Man muss hier nicht künstlich beweisen wollen, dass der Rems-Murr-Kreis ein Flecken besonders deutscher Erde ist. Aber die jüngere Geschichte zeigt eindrücklich, dass es dort ein rechtsradikales Milieu gibt, das mehr als aktiv ist. Und nichtsdestotrotz entblöden sich im aktuellen Fall die Ermittler nicht, von einem technischen Defekt als Favoriten für die Ursache auszugehen. Vielleicht trifft er ja zu, man sollte da keine Panik entfesseln – aber mit gleicher Verve sollten sie sich auch der anderen Option widmen. Aus Gründen der Erfahrung im Kreis und mit der NSU bundesweit. Doch nichts davon scheint Sensibilität geschaffen zu haben. Und es verwundert nicht, dass man Ermittlern, die obgleich sie über regionale Erfahrungen verfügen und über überregionale Erscheinungen informiert waren, wenig Vertrauen entgegenbringen will seitens der türkischen Gemeinde in Deutschland.

Vor einiger Zeit berichtete eine bekannte Fernsehsendung zur Öffentlichkeitsfahndung von einem Täter, der in eine Runde von Jugendlichen mit Migrationshintergrund hineinschoss und dabei einen türkischen Jugendlichen tötete. Vielleicht sei das rassistisch motiviert, sagte man zwar, wollte diesen Ansatz aber nicht zu hoch bewerten. Das ist für diese Sendung durchaus ein Fortschritt, denn man berichtete einst von einigen der NSU-Morde, erkannte deren Zusammenhang aber nicht und schob alles auf das Milieu, in dem solche Migranten ja bekanntlich leben, schob also alles auf die Opfer. An eine zielgerichtete Mordserie wollte niemand denken. Wer sagt denn, dass es in Anbetracht der vielen kleinen und größeren Anschläge und Morde auf ausländische Mitbürger, nicht weiterhin ein Netzwerk des Todes gibt?

Die NSU-Geschichte sollte eigentlich gelehrt haben, immer zuerst von rassistischen Motiven auszugehen, um dann vielleicht doch auf "technischen Defekt" umzuschwenken. Und sie sollte aufgezeigt haben, dass die propagierte Einzeltäterschaft nur die Sedierung des öffentlichen Gewissens ist. Denn der rechte Terror ist vernetzt, was man gerade am oben genannten Rems-Murr-Kreis erahnen kann.

Die Aufdeckung der NSU sollte das Feingespür der Gesellschaft und speziell der Behörden endlich aktiviert haben. Das hoffte man wenigstens daraus gelernt zu haben. Man spricht aber weiterhin von technischen Defekten als Brandursache als ersten Lösungsansatz. Oder gilt es in einem Land, in dem rechtsradikale Gewalt alltäglich wird, schon als technischer Defekt, wenn man Ursachen ergebnisoffen behandeln möchte? Stört das den technischen Ablauf staatlicher Vertuschung?



10 Kommentare:

ninjaturkey 13. März 2013 um 07:25  

Die Behausung war in einem katastrophalen Zustand. Die Elektroinstallationen waren marode was gegenüber dem Vermieter/Eigentümer wohl schon mehrfach erwähnt worden war. Rauch-/CO-Melder hats wohl auch nicht gegeben, etc.

Ist dieser Alltag für Hundettausende etwa nicht fremdenfeindlich?

Roberto De Lapuente 13. März 2013 um 07:28  

Wahrscheinlich war es sogar ein technischer Defekt. Man sprach aber schon davon, als noch nichts darauf deutete. Und das bei der Vorgeschichte im Kreis. Das zeigt schon, dass es wenig Sensiblisierung gegeben hat.

Anonym 13. März 2013 um 09:54  

@Roberto J. de Lapuente

Stimme mit dir völlig überein.

Übrigens, als Baden-Württemberger hörte ich nur von einem Brand in Backnang, und dass dabei Menschen ums Leben kamen.

Die Tatsache, dass es eine türkischstämmige Familie war, und dass die in einem Kreis lebt wo Nazis die Bevölkerung schon seit Jahren terrorisieren hat das Südwest-Fernsehen erst tröpfchenweise an die Öffentlichkeit gebracht.

Erinnert das nicht auch an die Berichterstattung über den NSU-Terrorismus? Die Salami-Taktik bei der Informationsherausgabe der Mainstream-Medien in Deutschland ist gemeint.

Als Ergänzung las ich vor gar nicht langer Zeit, dass immer noch über 266 Nazis, dass Vorwort Neo- kann man getrost streichen, untergetaucht sind, und zwar hier:

http://www.stern.de/panorama/rechtsextremismus-hunderte-neonazis-in-deutschland-abgetaucht-1982650.html

....der Verdacht ist also gar nicht so abwegig, dass es wieder Rechtsterroristen waren, die hier gemordet haben....

Gruß
Bernie

Anonym 13. März 2013 um 10:27  

Hallo Roberto,

ich komme genau aus einem dieser Fleckchen das nur ein paar Kilometer von Backnang entfernt liegt und kann bestätigen, dass der alltägliche Rassismus hier zuweilen sehr stark ist.

Da in Backnang für die Wahrnehmung vieler Bürger hier sehr- für manche bestimmt auch zu viele ausländische Einwohner leben, wird Backnang auch gerne mal mit abwertendem Ton Bagdad genannt. Nur um ein Beispiel zu nennen.

Es dieser dumme, alltägliche Rassismus wie er auch hier schon des öfteren von dir beschrieben wurde. Daher konnte ich bei vielen deiner Blogeinträge zu diesen Themen auch nur bestätigend nicken.

Zwar denke ich auch, dass hier ein technischer Defekt die Ursache war, doch finde ich diese einseitigen Ermittlungsansätze auch bezeichnend für unsere Gegend hier.

Unsere hiesige Gesamtschule hat versucht dem Problem nach den Anschlägen 2005 wenigstens mit einem Schulprojekt entgegen zu wirken.
http://www.schule-ohne-rassismus.org/news-einzelansicht+M57453030c89.html

Danke für deine tollen und so gekonnt geschriebenen Beiträge. Es ist manchmal schon fast traurig wie recht du hast. ;)

Nette Grüße

Anonym 13. März 2013 um 10:52  

Beim swr liest es sich gar so: "Ein fremdenfeindlicher Übergriff WIRD ausgeschlossen."
http://www.swr.de/nachrichten
"Brandopfer sollen in der Türkei beigesetzt werden"

Anonym 13. März 2013 um 11:45  

ANMERKER meint:

Das Umfeld, das du aufzeigst,Roberto, ist wieder einmal erschreckend. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass nicht in alle Richtungen ermittelt wird. Wohl aber eine wohlfeile Erklärung: die herrschenden Medien wollen im Konsens mit den Regierenden-diesmal rotgrün oder umgekehrt die Flamme kleinhalten, aber wozu? Damit nicht noch mehr passiert? Damit nicht deutlich wird, wie tief der rechte Sumpf auch in BaWü zu finden ist? Allein die Tatsache, dass nicht verkündet wird, dass in alle Richtungen ermittelt wird, ist doch schon Wasser auf die rechten Mühlen. Gut dass es solche Berichte wie deinen gibt, Roberto.

MEINT ANMERKER

an on ym 13. März 2013 um 17:47  

mensch kinders

als ob ein technischer defekt einen anschlag ausschliessen würde? die rechten haben ja zur genüge nachrichtendienstliche techniker zur hand. die wissen, daß sie mit der alten brutalo-vorgangsweise während des nsu-untersuchungsausschuss keine sympathien einfahren.

alles im bereichc des möglichen

ausserdem stehts ja schon in der überschrift, wenn man so frei ist sich das fragezeichen zu schenken.

Anonym 13. März 2013 um 21:48  

Die Umstände des Brandes in Banknang werden von den Medien eindeutig manipuliert. Man kann in vielen Bildern sehen, dass das kein marodes Haus war. Die Gaststätte hatte außen einen Edelstahlabzugskamin, auf der Hinterseite des Hausdaches gab es fast flächendeckend Solarzellen. Unten war der türkische Kulturverein untergebracht. Und dann soll es in der Wohnung nur einen Ofen, kein warmes Wasser usw. gegeben haben?

Vom Vater der Großfamilie hört man nichts. Auch scheint der "Vermieter" des Hauses sich nach wie vor im Ausland zu befinden. Normalerweise würde doch geschrieben werden, wem das Haus gehört oder zumindest, dass es ein "deutscher" Hausbesitzer ist, wenn es so wäre.

Nun wurden die Särge mit türkischen und deutschen Flaggen bedeckt in Backnang "ausgesegnet". Bei der gesamten Medienberichterstattung über diesen Brand in Backnang gibt es KEINE Kommentarfunktionen (mehr).

Die ganze Angelegenheit wird auf Ministerebene gehoben: vom Land Baden-Württemberg und der Türkei. Vom äußerst agilen Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper darf man nichts hören. Es scheint Redeverbot verordnet worden zu sein. Nicht mal BILD oder die sonstigen Verdächtigen agieren wie sonst.

Hartmut B. 13. März 2013 um 22:01  

Aus der Überschrift deines Artikels geht ja schon hervor, wohin deine wage Vermutung deutet. - Hier denke ich ähnlich.

Hier ist eine ungeistige und tatsächliche Entwicklung im Gang, vor der nicht nur ich mich fürchte.

Banana Joe 14. März 2013 um 14:32  

...Die Aufdeckung der NSU sollte das Feingespür der Gesellschaft und speziell der Behörden endlich aktiviert haben. Das hoffte man wenigstens, daraus gelernt zu haben...

"Wir" hofften wenigstens, daraus gelernt zu haben: soweit zur Hoffnung, die ich mit Roberto teile. Liest man jedoch in den Kommentarspalten im Internet, so wird schnell klar, dass dem nicht so ist:

siehe z.B. SWR.de

Weil der abwägende und besonnene Mensch und Leser, zunächst "die Ermittlungen abwarten will" und deshalb nichts zu schreiben hat, dominieren von Vorurteilen geprägte und hasserfüllte Kommentare das Bild, geschrieben sowohl von Nationalen auf Deutscher als auch Türkischer Seite, die dieses tragische Ereignis für die jeweilige Propaganda missbrauchen. Die Schreihälse dominieren und feuern sich gegenseitig an; es dominiert der Hass. Die moderaten Töne gehen dabei leider unter.

Traurig.

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