An die statistischen 2.440, die noch kommen!

Freitag, 23. November 2012

oder Keine Warnung, aber gesagt will ich es haben!

53 Prozent mehr Spanier kamen im ersten Halbjahr dieses Jahres nach Deutschland. Wegen der Wirtschafts-, Euro- und Finanzkrise, die ja programmatisch nur noch Schuldenkrise heißen darf. 53 Prozent klingen dramatisch. Es handelt sich dabei um 11.000 Spanierinnen und Spanier, um 3.900 mehr, als im ersten Halbjahr 2011. Heißt umgerechnet, ohne Einbeziehung von Saisonalwerten, dass ab jetzt, ab heute, nach Zweidritteln des Novembers, noch etwa 2.440 Spanier nach Deutschland kommen werden. 2.440 fiktive Menschen aus Spanien, ohne Herausrechnen von Schwankungen bezogen auf Kälte und Weihnacht, fliehen aus der Perspektivlosigkeit nach Deutschland. Glauben diese Menschen, sie eilen in ein Elysium?

Glaubt das ja nicht zu stark, ihr dos mil cuatracientos cuarenta! Ich muss vorsichtig sein. Als Sohn eines Spaniers, der hier die meiste Zeit seines Lebens verbrachte, ist es nicht anständig, euch vom Herkommen abzuraten. Das wäre nicht fair. Und es mag ja sogar sein, dass ihr hier schneller einen Job findet, als auf der Halbinsel. Job wohlgemerkt, denn mehr als Jobs bieten sie hier selten an. Job sagt man in Deutschland mittlerweile fast nur noch. Job klingt aber für mich amerikanisch, nach hire, natürlich nach fire, nach Ausbeutung, nach fehlenden Mitarbeiterrechten und niedrigem Einkommen. Und dergleichen bieten sie hier vermehrt an. Einen Arbeitsplatz finden nur wenige. Die anderen finden einen Job. Manche nicht mal das.

Kann also gut sein, dass man euch 2.440 einen Job anbietet. Ihr seid ja illusions-, ihr seid perspektivlos - solchen Leuten gibt man irgendeinen Scheiß zum Geldverdienen und erhält dafür dankbare, loyale und anständige Angestellte. Befristeter Vertrag mit geringem Einkommen und einer Probezeit, die sich über die gesamte Befristung erstreckt? Muchas gracias, besser als nichts. Ich schließe Sie in mein Abendgebet mit ein, patrón! Und sonst? Liegt das große Glück an jener Stelle der Erde, die Gott selbstpersönlich geküsst hat? So ähnlich sangen das Die Prinzen vor Jahren in einem kühnen Moment deutscher Selbstkritik. Warum gibt es solche Texte eigentlich heute nicht mehr? War das Sommermärchen, war Du bist Deutschland! die Demarkationslinie, ab der antinationale Wagnisse der Kunst nicht mehr toleriert wurden?

Habe ich als Sohn eines Spaniers, eines Gastarbeiters, nicht die Aufgabe, denen zu berichten, die nun folgen wollen? Erwartet euch hier das Glück, la suerte? ¿Hay futuro? Ist hier Zukunft? Freude vielleicht sogar? Ihr 2.440 fiktiven Menschen aus Spanien dürft eines nicht glauben: Dass man euch hier mit offenen Armen erwartet. Ihr nehmt ja den Deutschen den Job weg. Die schlechte Bezahlung. Die miesen Arbeitszeiten. Das Beantragen von Aufstockleistungen trotz Vollzeitstelle. Bestimmte Kreise in Deutschland haben es nicht gerne, dass Fremde den Einheimischen die Prekärbeschäftigung stehlen. Und glaubt ja nicht, dass ihr fleißig sein könnt. Das heißt, ihr könnt es sein. Nur wird man das nie anerkennen. Mein Vater war ein viel zu fleißiger Mann, rieb sich in Wechselschicht auf, selbst als er zu alt für eine solche Unregelmäßigkeit war. Erst der Ernst, dann das Vergnügen, sagte er oft. Was hat mich dieser Spruch angekotzt! Ich meine, der Mann war Katholik, kein calvinistischer Prädestinationsanhänger - und dennoch diese Frugalität. Wenn der Ernst nicht halbwegs vergnüglich sein kann, dann hat er keinen Wert, finde ich. Jedenfalls, worauf ich hinauswollte: Anerkannt hat man seinen Fleiß nie, fadenscheinig war seine Herkunft immer.

Ich will niemanden abraten nach Deutschland zu kommen. Jeder muss seine Erfahrungen machen. Es gibt da eine Legende innerhalb unserer Familie. Ich bin mir sicher, ich bin der einzige, der sie noch kennt. Mein Vater ist nur noch selten Thema. Zu lange ist er tot. Sage nur keiner beim Ableben eines Menschen, man werde ihn nie vergessen. Man wird! Seine Stimme kann ich mir nicht mehr vorstellen. Man vergisst. Das ist der Lauf des Lebens, das in den Tod mündet. Legende ist, dass er, kurz bevor er nach Deutschland kam, das war Anfang der Sechzigerjahre, ihn ein Nachbar zur Seite zog und warnte, er solle den Deutschen nichts glauben, was sie sagten. Sie denken anders als sie sagten. Kann sein, dass die Geschichte wahr ist. Vorurteile gibt es überall. Heute würde ich aber behaupten, klänge diese Geschichte etwas anders. Er würde ihn warnen, dass man bei den alemanes wenig denke, dafür viel Unbedachtes sage. Hinterfotzig geschieht hier gar nichts mehr.

Man denke an diesen deutschen Konsul, diesen Herrn Fuchtel, der kürzlich erst meinte, dass 1.000 deutsche Beamte erledigen könnten, was 3.000 griechische nicht mal ansatzweise vollbringen würden. Diese Arroganz nennt er und die Presse hierzulande "ein Missverständnis". Schließlich gibt es in Griechenland sicherlich auch bürokratische Ungereimtheiten, die ominös sind. Die gibt es aber in Deutschland auch. Deren Glück ist es nur, dass sie nicht von der Troika geprüft werden. Mit dieser Überheblichkeit gegenüber den randständigen Völkern Europas werdet ihr 2.440 fiktiven Gastarbeiter zu ringen haben. Als ich bei Spiegel Online den Artikel zu diesem Fuchtel las, darunter die Kommentare verfolgte, kam mir das kalte Kotzen. Der Chauvinismus ist in diesem Lande Doktrin geworden, die Selbstherrlichkeit ist so unbeschreiblich, dass man ahnt, hier folgt noch etwas Schlimmes daraus. Was Fuchtel sagte ist das Produkt einer Agenda, die Europas südliche Völker unter die Fuchtel nehmen will.

Sicher, da ist die süße Aussicht auf Beschäftigung, die in vielen Fällen nicht mehr sein wird, als die Enttäuschung von Träumen. Aber sonst droht ein Leben in einem Land, in dem man als Mensch fremder Herkunft immer in Fremdheit verbleibt. Wiederhole ich mich, wenn ich schreibe, mein Vater sei das gewesen, was man hinlänglich als integriert bezeichnet? Ja doch, natürlich wiederhole ich mich. Man kann es nicht oft genug sagen. Eines der infamsten deutschen Märchen dieser Epoche ist es nämlich, dass Anpassung sich lohne, dass man als integrierter Fremdling akzeptiert, manchmal auch geliebt würde. Man Vater sprach die Sprache der Deutschen, er arbeitete in all der Zeit seines Daseins auf deutscher Erden, war nicht radikal, nicht politisch gefährlich, war meist ruhig und freundlich, soff nicht mehr, als all die deutschen Vertreter seines Milieus. Er hätte gleichwohl jemand sein können, der zu Führers Zeiten in einer deutschen Stadt geboren worden wäre. Er blieb immer fremd. Er fühlte sich fremd, weil sie ihn wie einen Fremden behandelten. Ich schrieb darüber mehrfach. Mit dem Intergrationsgeschwätz von heute will man doch nicht Akzeptanz schmackhaft machen, man will nur die Selbstherrlichkeit auskosten, die man als Volk im eigenen Lande ausüben kann, man will nur zeigen, dass man Herr in einem Haus ist, das sich mehr und mehr zu einem moralischen Gefängnis wandelt.

Ihr potenziellen 2.440 solltet wissen, wohin ihr abwandert. Oder anders: Ihr solltet wissen, wer ihr seid, wenn ihr euch auf deutschen Boden traut. Definition des Südländers: Ihr könnt nicht mit Geld umgehen, was den Schluss nahelegt, dass ihr faul und rückständig seid. Zudem seid ihr unkalkulierbar, weil ihr heißblütig seid, zu viel Stolz habt. Das unterstellte man meinen Vater, als er in den Sechzigerjahren seine Stelle kündigte, weil er keinen umgehenden Urlaub erhielt, um zu seinen sterbenden Vater zu eilen. Ihr nehmt Dinge wichtig, die in der schönen neuen Ökonomie unwichtig zu sein haben, woraus man wiederum ableitet, dass ihr zu gesellig, zu faul, zu wenig ökonomisch seid, woraus man ferner ableitet, dass die Krise in eurem Land, das ebenso das Land meines Vaters war, selbstverschuldet ist. Die Griechen sind schlimmer als ihr. Die Italiener nicht. Die Portugiesen sind ja eigentlich nichts anders wie Spanier. Eh alles dasselbe Gesocks! Für viele Jobs, so wird man gönnerhaft erklären, seid ihr dennoch gut genug. Aber nicht für alles, dazu seid ihr zu unqualifiziert, was soviel heißt wie: dumm. Man wird meinen, ihr kommt aus einem Land, in dessen Krankenhäuser noch Aderlass als höchste medizinische Maßnahme praktiziert wird. Davon läßt sich freilich ableiten, dass ihr alle irgendwie mittelalterlich seid. Meinem Vater hat man hierzulande nicht geglaubt, dass seine Schwestern in Spanien Haushalte haben, in denen es von Elektrogeräten so wimmelte, wie in einem stinknormalen deutschen Haushalt zu jener Zeit auch.

Letztens sagte mir jemand, dass Gott, als er die Erde geschaffen hatte, hierher, nach Deutschland kam, um zu scheißen. Diese Umkehrung von der geküssten Stelle auf Erden ist natürlich unsinnig. Gelacht habe ich trotzdem. Ich kann darüber lachen. Ihr 2.440 solltet wissen, dass man in diesem Lande nicht mehr viel über solche deutschenverächtlichen Kalauer lacht. Ihr landet in einer seltsamen Humorlosigkeit, wenn es euch hierher treibt. Mein Vater fand diese unhumorige Lebensart immer sehr lachhaft. Gleichwohl hat man Humor in diesem Land, über Griechen in Hängematten beispielsweise gackert man wie eine Halle voller debilem Bodenhaltungsgeflügel. Und merkt euch: Spanier sind stets lispelnd, sofern man sie deutschsprachig persifliert. Und natürlich dauergeil, immer scharf auf Weiber. Das ist witzig. Bringt mal einer von euch 2.440 Spaniern, die es sich noch überlegen können zu kommen, einen schlechten Witz über deutsche Wampen oder die Art, immer besonders intelligent tun zu wollen, nur um am Ende als Depp dazustehen. Da raucht aber der Nationalstolz!

Ich könnte sagen, dass ihr es euch überlegen solltet. Tue ich aber nicht. Aber wissen, wohin es einen verschlägt, sollte man schon. Gut, natürlich präsentiert die Öffentlichkeit immer gerne Ausländer, die ganz begeistert tun von der deutschen Freundlichkeit, von der Gastfreundschaft und so. Woher sie die herziehen, weiß ich nicht. Weiß man in Spanien von der NSU? Ob die von ihr getöteten Menschen fremder Herkunft wohl bevor sie ermordet wurden, dieselben schwärmerischen Äußerungen taten? Vertiefen wir nicht, denn es ist auch geschmacklos, Deutschland mit der NSU gleichzusetzen. Die Menschen hier sind ja nicht alle Mörder. Nicht mal alle Rassisten oder Chauvinisten. Aber Konjunktur haben beide Lebensformen durchaus. Und das nicht zu knapp. Das muss man wissen, wenn man in ein Land geht, das ohnehin immer schon prädestiniert dafür war, überheblich an seine Umwelt, an seine Nachbarn heranzugehen. Als mein Vater nach Deutschland kam, waren rassistische Äußerungen auch an der Tagesordnung, aber man musste sie verstecken, konnte Beim Adolf hätte es das nicht gegeben! nicht allzu offen sagen. Heute kann man das auch nicht. Man hat Rassismus und Fremdenfeindlichkeit von Adolf gelöst, als Kategorie einer gesellschaftlichen Mittelschicht installiert, die von sich glaubt, sie sei die Krone der Schöpfung innerhalb der Krone der Schöpfung, die sich Deutschtum nennt.

Es ist heute auf den Tag genau zwanzig Jahre her, dass in einer norddeutschen Kleinstadt Menschen türkischer Herkunft ums Leben kamen. Sie verbrannten in dem Haus, das Rechtsradikale angezündet hatten. Damals war ich Teenager und ich war voll der Wut. Ich war zu jung, um meine Gedanken konkret zu fassen. Aus purer Emotionalität wäre ohnehin nichts Verwertbares rausgekommen. Was mich aber noch mehr auf die Palme brachte, das war die lapidare Art der Menschen, die mit den Achseln zuckten, als ginge es sie nichts an. So war es bei der NSU-Geschichte letztlich auch. Wenn es um die Aufarbeitung der RAF geht, um die ewigen Bubackiaden, die durch den Blätterwald gejagt werden, dann haben ganz normale Menschen von der Straße wohl eine Meinung, die zwischen Kerkerhaft, Nie wieder freilassen! oder Kopf ab! für die damaligen Terroristen liegt. Gewöhnt euch an die Devise, die hier herrscht, ihr 2.440. Sie lautet: Nach oben buckeln, nach unten treten. Deshalb erinnert man dauerhaft an Bubacks Ermordung, macht schockierende Dokumentationen und gestaltet die Aufarbeitung als mediales Ereignis, während der Brandanschlag in Mölln relativ unerinnert behandelt wird. Deshalb erhält hier ein toter Eisbär nach zwei oder drei Jahren ein Denkmal, während Sinti und Roma mehr als sechzig Jahre auf ein Mahnmal warten mussten, das an den an ihnen begangenen Völkermord erinnert.

Der Protest im Süden Europas geht an der Realität vorbei. Wenn ihr Merkel Runen an eine fotomontierte Uniform tackert, dann ist das haltlos. Denn hier trägt keiner Uniform. Das braucht man nicht mehr. Es ist unfair, wie ihr protestiert. Die Uniform hat doch keinen etwas gemacht, um sie an Leiber selbstherrlicher Chauvinisten zu heften. Kennt ihr da drüben auch Kauder? Der meinte unlängst, in Europa spreche man wieder deutsch. Das ging ganz ohne Uniform. Früher zogen sie sich erst Runen über den Kopf, bevor sie das Deutsche in die Welt trugen. Heute geht es ohne. Uniform hat sich als Begriff gewandelt. Uniform meint heute, dass man sich auf den Unis des Landes Leute heranzieht, die mächtig in Form sein sollen, um den deutschen Weg in Europa weiterhin gehen zu können. In bester Uniform zu sein bedeutet, dort Examen mit Themen wie Deutsche Wirtschaft als Muster für Europa! oder Aussichten auf ein Europa unter deutscher Obhut! oder Am deutschen Wesen ...! abzulegen. Eure spanische Provinzialität kommt da nicht vor, höchstens als etwas, das es zu überwinden gilt. Der europäische Süden kann seinen Lebensstil nämlich nicht behalten. Die meinen hier ernsthaft, ihr würdet noch Siesta halten. Die gab es noch, als ich ein kleiner Bub war so halbwegs. Spanien schien mir im Urlaub so fremd, so anders, gemütlich irgendwie, aber auch nervig, weil meine spanische Familie ein Faible dafür hatte, etwas zeitlich einzuplanen, dann zu sagen "Gleich! Wir gehen gleich!" zu sagen, um dann mindestens nochmals eine Stunde rumzuhocken. Tranquilo hieß die Beschwichtigung und die Geduldsaufforderung. Tranquilo, tranquilo! Immer mit der Ruhe. Damit ist es aber seit mindestens zwanzig Jahren vorbei, das Dreischichtsystem hat die Sitten verändert.

Viele Italiener in Deutschland haben es geschafft, einerseits als liebenswert und als Urlaubserinnerung zu gelten, während man gleichzeitig diese italienische Art verachtet. Sie bauen in ihr niedlich anzuhörendes Deutsch italienische Worte. Bene. Grazie. Signora. Pronto. Und alle sind entzückt. Mensch, fast wie in Italien. Reizende Menschen. Gibt es Weilers "Maria, ihm schmeckt's nicht!" eigentlich in spanischer Übersetzung? Da kommt so ein Italiener vor, der sich reizend verstellte, um nicht anzuecken, um akzeptiert zu werden. Und was die andere von mir denke, egal - was wichtig, is in meine Kopf, sagt Weilers Protagonist. Das ist nichts weiter als innere Emigration, als Rückzug in Kopfwelten, Isolation. Spricht man hingegenvon der reizenden italienischen Wirtschaft, dann ist die Verzückung passé. Nette Leute sind sie ja, aber so schrecklich unproduktiv und ineffizient, korrupt und zu emotional sowieso. Das Italienische ist für die deutschen Wirtschaftsfeldmarschälle und ihre Landser ein Auslaufmodell. So kann man im 21. Jahrhundert nicht mehr leben. Gerne speisen, Meer genießen, mit dem Roller durch die Gegend düsen, gelato schlecken und dabei keine Abstriche für die Ökonomie akzeptieren - so geht es nun wirklich nicht! Als ob man in Italien nicht auch Schicht arbeitete, nicht auch malochte, nicht auch schwitzte! Die Mär will aber, dass der Süden etwas ist, der für das amtierende Jahrhundert und die folgende Zukunft nicht überlebensfähig ist. Nicht weil es strukturelle Probleme gibt, sondern weil die dortigen Menschen einfach fehlerhaft sind, nicht in die Zeit passen. Und die Wächter der Zeit, das sind die Deutschen und ihre angelsächsische economy. Ihr 2.440 Menschen aus Spanien, die ihr vielleicht kommt, wie die Italiener wird man euch romantisch verklären. Ach, Spanier sind so nett, so hilfsbereit und die Sprache und das Essen und dieses urbane Barcelona und dieses pittoreske Baskenland. Spanische Menschen lieben sicherlich gut, glaubt man in Deutschland. Die Glut in den Augen, sie muss auch im Bett abfärben. Manchmal verwechselt man hierzulande die in die Augen tretende Perspektivlosigkeit mit Glut. Was ich sagen will ist: Ihr werdet sicher manches Bett erobern. Und manche von euch werden begeistern. Und manche von euch werden enttäuschen. So ist das eben, im Schnitt vögelt jedes Volk in etwa so gut, wie es auch schlecht vögelt.

Sind auch einige von euch aus dem Baskenland dabei? Ich könnte ja mal ein statistisches Mittel errechnen. Etwa 4,6 Prozent aller Menschen, die in Spanien leben, leben im País Vasco. Das heißt, von den 2.440, die kommen, sind etwa 112 aus dem Baskenland. Hinweis an euch: Sagt, ihr kommt aus Cantabria. Das kennt man hierzulande recht wenig und es ist unverfänglich. Als mein Vater, ein gebürtiger Baske, der nie baskisch sprach, weil es Franco nicht wollte, dass die baskische Kultur erhalten bleiben sollte, als mein Vater also öfter mal sagte, er käme aus dem Baskenland, da erntete er nur zynische Zoten und man dichtete ihm Terrorbereitschaft an. Nicht völlig ernst, sondern in der typisch deutschen Art der Ehrabschneidung und das Lächerlichmachens. Damit kann man leben, das stimmt. Aber ja nicht glauben, quid pro quo spielen zu dürfen. Das ist nicht drin, sonst gilt man als nicht-integratives Element.

Nochmal, ich will es niemanden ausreden. Aber ein wenig Ahnung haben, in was man sich begibt, sollte man schon. Nur was bilde ich mir ein zu glauben, ihr würdet das, wahrscheinlich ohnehin des Deutschen unfähig, lesen? Selbst wenn, glaubt man mir? Ihr könnt aber in diesem Land jeden fragen ... oder lieber nicht, denn man bestätigt es euch sowieso nicht. Hier ist die Welt zu Gast bei Freunden. Gast, hört ihr? Gäste gehen auch wieder. Wie man sich fühlt, wenn ein Trottel behauptet, damals hätte die Regierung alles falsch gemacht, weil sie die Gastarbeiterschaft nicht zeitlich begrenzt hat? Man fühlt sich unwürdig behandelt als Sohn eines Gastarbeiters, deplaziert, ungewollt und als ein Produkt, dass es nie hätte geben sollen. Jemanden diesen Eindruck zu vermitteln, jemand das Gefühl zu geben, überflüssig zu sein, daran dürft ihr euch gewöhnen, wenn ihr nach Deutschland kommt. Fragt selbst mal Rentner, Kinder arbeitsloser Menschen und Arbeitslose, fragt chronisch Kranke und diejenigen, die nicht mehr vollschichtig einsetzbar sind. Die sagen es euch. Man muss nur die richtigen fragen, um richtige Antworten zu erhalten.



27 Kommentare:

Werner 23. November 2012 um 07:15  

Aus eigener Erfahrung,

das sage ich als Arbeiterkind, dass sich schon als jugendlicher für seinen Vater geschämt hat. Weil er z.B. nur in Kindssprech mit seinen Kollegen aus der Türkei, Spanien und anderen Ländern gesprochen hat. Und Zuhause diese Vorurteile runtergebetet hat. Das Erschreckende ist eigentlich, wie wenig es braucht, mit dem sich Menschen über andere heben wollen und können.

Anonym 23. November 2012 um 10:05  

Lieber Roberto,

Deine "Warnung" an die potentiell auswanderungs "willigen" Spanier war meiner Meinung nach viel zu dezent!

Ich predige meinen beiden Töchtern (20 und 23)schon länger, daß sie nach der Ausbildung alles daran setzen sollen, Deutschland zu verlassen, hier ist einfach alles grausam, vom Wetter bis zur Rente.
Und solange der Durchschnittsdeutsche morgens die Blöd-Zeitung kauft, dabei seinen Mercedes im Leerlauf vor dem Kiosk tuckern läßt wird sich nichts ändern.
Ich schäme mich dermassen meiner Staatsangehörigkeit, dass ich fast nur noch mit meinem in Frankreich zugelassenen Auto fahre und in der Öffentlichkeit meist französisch spreche.
Leider finde ich mit 58 Jahren in Frankreich auch keine Stelle mehr, ich probiere es nach wie vor, aber ich muss wohl bis zur Mini-Rente hier ausharren.
Und ich werde langsam aber sicher immer depressiver.
Wenn ich in Frankreich mich als Deutsche "outen" muß, dann habe ich Schuldgefühle, ich schäme mich für meine unendlich dummen und arroganten Landsleute und vor allem für unsere Politiker/innen!
Roberto, ich hoffe, Sie verstehen, dass ich als Deutsche mich auch in Deutschland fremd fühle...
Und in Frankreich sind meine Depressionen wie weggeblasen, ein kleiner Plausch im supermarché oder beim boulanger, sehr viel nette und vor allem respektvolle und höfliche Menschen gibt es in Frankreich.

Und wenn Deutschland die Toilette Gottes ist, dann ist mir auch klar, warum es hier noch so viel braunen Dreck gibt! Gott hatte die Klobürste noch nicht erschaffen!

Amicalement

Christine Reichelt

mann_von_nebenan 23. November 2012 um 10:43  

Ja, allgemein scheint der Hass der nordischen Barbaren auf die humanitär und kulturell weit überlegene hellenisch-romanisch-mediterrane Denk- und Lebensart
der eigentliche Motor aller aktuellen wirtschaftspolitischen Agenden zu sein.

Luis Racioneros >El Mediterraneo y los Barbaros del Norte< sollte zur Pflichtlektüre für alle >Germanen< erklärt werden, besonders für die Entscheider (oder eher Vollstrecker) unter ihnen.

Systemfrager 23. November 2012 um 10:47  

Großartig!
Einfach großartig!
In jeder Hinsicht!
Eine unerreichbare Perfektion in Inhalt (soziologisch) und Stil (literarisch)

Klingelhella 23. November 2012 um 11:14  

Lieber Roberto,

ein starker Text, bei dem mir sehr viele Erinnerungen hochkamen. Ich habe als Deutscher selbst jahrelang im Baskenland gelebt und gearbeitet; ich kann nur sagen, dass ich mich so gut wie nie ausgegrenzt gefühlt habe. Dass die Menschen dort verständnis- und rücksichtsvoll versucht haben, mich wieder auf den Boden zu holen, wenn ich anfangs etwas fremdelte (was wohl unvermeidlich ist). Muss aber auch dazu sagen, dass ich mich angestrengt habe, nicht nur mit dem Spanischen, sondern auch mit Euskara. Und auch wenn ich schon seit Jahren wieder in Deutschland wohne, habe ich Freundschaften dort, die bis jetzt gehalten haben. Fast möcht ich sagen: so könnte Integration auch ablaufen.

Nun zur Erinnerung: ich hatte die ersten Monate zurück in Deutschland einen wirklichen Kulturschock. Auch wenn man sich (unter Kollegen) jeden Tag sah, wurde nicht oder nur brummelnd gegrüßt, leere Blicke geisterten im öffentlichen Raum umher, rempelnde Menschen, die sich anscheinend ihrer Mitmenschen drumrum nicht bewusst waren, Menschen die oft mit Nabelschau und eigenem Klein-Klein beschäftigt waren, aber immer sofort Ratschläge (d.h. Anweisungen) für andere bereit hatten, die schneller waren im Aburteilen als im Zuhören und Verstehen...

Bei einem Besuch in Deutschland einige Zeit davor erzählte ich, dass ich im Baskenland lebte. Ein Bekannter in der Runde nahm mir daraufhin die Baskenmütze, die ich trug, vom Kopf, setzte sie sich auf, rannte umher und rief "ETA! ETA!" (Anm.: wir waren nicht besoffen). Er meinte das wohl lustig, aber ich fand das erbärmlich und fühlte mich tatsächlich verletzt. Ich verstehe gut, dass manchen Menschen, die nach Deutschland kommen, ein einziges solches Erlebnis reichen kann, um zu entscheiden, dass sie sich in so eine herablassende und armselige Gesellschaft besser erst gar nicht integrieren wollen...

Messinger 23. November 2012 um 11:32  

Der Rassismus und Antisemitismus,den ich in italienischen Fussballstadien erlebt habe,ist europaweit beispiellos...
Da verbietet man sich lieber den Gedanken,diese Tendenzen könnten repräsentativ für Italien sein....
Mussolini läßt grüßen.

Anonym 23. November 2012 um 11:44  

Anmerker meint:
Lieber Roberto!
Da legen Sie ja den Finger ganz heftig in die Wunde - mit Recht. Denn die Verlogenheit, mit der in unserer Gesellschaft permanent agiert wird, ist immer schwerer auszuhalten.Da gerieren sich Bundes - und Hessenpolitiker als die großen Menschenfreunde, die den armen Spanier_innen aus der Patsche helfen wollen, einer Patsche, an der, wie wir wissen, die BRD nun nicht gerade unschuldig ist. Wetten, sie erwarten auch noch Dankbarkeit für ihr geheuchelte Güte. Immer paart sich Zynismus mit Überheblichkeit, wenn von win-win-situation geredet wird. Dabei haben wir doch nichts anderes vor uns als eine fail-fail-situation: Von Deutschland maßgeblich mitverschuldete prekäre Spanier_innen werden eingeladen, um Deutschprekäre vom Arbeitsmarkt fern zu halten, weil denen etwas mehr Geld geboten werden müsste und das die Haushalte in Deutschland nicht leisten können, wie uns eingeredet wird. So wächst bei uns zugleich die Reservearmee, die gebraucht wird, um die Arbeitenden in Schach zu halten. Zu all dem schweigen auch noch unsere Gewerkschaften und sorgen graben fleißig mit am eigenen
Grab. Die, da kommen, sind also nicht zu beneiden. Schon deshalb ist der Brief an die Staistischen wichtig. Wird er sie erreichen? Dabei wäre doch alles so viel einfacher, wenn die Heuchler in Bund und Land von ihrer Austeritätspolitik Abschied nehmen und Politik für die Menschen machen würden statt fürs Kapital.

Till 23. November 2012 um 12:12  

2.440 Menschen... allein aus Spanien... allein in den nächsten wenigen Wochen bis Jahresende!
Diese Zahl macht mir bewußt, wie viele es sind.
2.440 Beweise für das Scheitern der EU allein aus Spanien in diesen Tagen.
Da ist es doch sonnenklar, dass es zum Kollaps kommen wird.
Die EU muss endlich als das erkannt werden, was sie ist: auf ganzer Linie gescheitert!
Meine Fresse, wie dumm sind diese Politiker!!

Moritz 23. November 2012 um 12:45  

Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr ich Menschen wie die hier kommentierende Christine Reichelt verachte.
Wetter, Rente und Croissants - es sind die gleichen Themen der deutschen Narzisten, auf die die deutschen Selbsthasser abfahren.
Und wie abwesend muss man sein, als Automobil des "Durchschnittsdeutschen" einen "Mercedes" anzunehmen?
Ich kann solchen verstiegenen Leuten nur bestenfalls ins Gesicht kotzen.

mann_von_nebenan 23. November 2012 um 12:58  

>So wächst bei uns zugleich die Reservearmee, die gebraucht wird, um die Arbeitenden in Schach zu halten.<

Und damit sie noch schneller wächst, wirbt man Söldner an. Ich möchte mit diesem Begriff die 2.440+ gewiss nicht verunglimpfen (die werden für diese Rolle schnöde missbraucht; man spielt mit/ auf ihren Hoffnungen zum Totentanz des Menschlichen auf)!
Warum muss ich jetzt an Emile Zolas >Thermidor< denken, und die Streikbrechersequenz – gegen arme Franzosen verelendete Belgier, Not gegen Not in Szene gesetzt …

Anonym 23. November 2012 um 13:02  

Du hast vermutlich den Sarkasmus in meinem "ALDI/LIDL"-Kommentar von heute morgen nicht erkannt oder sollte ich aus welchem Grund auch immer hier exkludiert sein?

mann_von_nebenan 23. November 2012 um 13:02  

Nachtrag zu meinem Beitrag i.S.v.
Korrektur: Zolas Referenzwerk heißt
natürlich >Germinal<.
Excusez moi …

Anonym 23. November 2012 um 13:02  

Dann kann ich mir das alles nämlich sparen.

Roberto J. De Lapuente 23. November 2012 um 13:53  

ALDI/LIDL?

Detlef 23. November 2012 um 14:31  

Für Deutschland ist das eine gute Nachricht: 2.400 weitere Konsumenten kommen. Sie werden vielleicht nicht viel konsumieren, aber konsumieren werden sie...
Spanien fehlen diese dann natürlich, blutet aus, der Exodus geht weiter, das frische Blut fliesst nach Deutschland.

mann_von_nebenan 23. November 2012 um 15:29  

@Moritz,

vernimmt man hier die Stimme des Patrioten: right or wrong – my country (in angelsächsischer Abschweifung)?
Und wieso dieser Narzissmusvorwurf – darf man in Ihrem Weltbild nicht einmal mehr sein Unbehagen an der (nativen Un-)Kultur artikulieren?

Anonym 23. November 2012 um 20:58  

Coup de Chapeau!
Als Nachkriegskind bin ich in diesem deutschen Mief aufgewachsen. Mit dem "Dreigeteilt niemals!" Mit den Kerzen in den Fenstern zur Weihnachtszeit und den Päckchen für unsere Brüder und Schwestern in der Zone

Dazwischen, noch Kind, unvermittelt auferlegt, ein Film über die deutschen Konzentrationslager. Abgemagerte Leichen auf einen Haufen geworfen. Nicht fähig diese Eindrücke zu erfassen und damit alleingelassen.
Eltern ja! Aber die waren damit beschäftigt sich eine neue Zukunft aufzubauen. Das hiess, arbeiten,arbeiten,arbeiten und so, als wäre es so selbstvertändlich einfach wieder fortzufahren wie immer.

Heutzutage vermeide ich, bestimmte Eigenschaften Nationalitäten zuzuschreiben. Ich spreche gern vom Europäer! Ich lebe im Ausland und habe dort vieles wieder angetroffen, was mir bereits aus meinem Geburtsland vertraut war.

Allerdings nicht so extrem. Aber was nicht ist, wird noch werden. In der Hinsicht bin ich ausnahmsweise mal zuversichtlich!




Anonym 23. November 2012 um 21:18  

Ich verstehe die Aufregung nicht. Mit dem richtigen Ratgeber klappt doch alles:
http://venturevillage.eu/how-to-be-german-part-1

Trojanerin 23. November 2012 um 23:11  

Ich möchte danke sagen für diesen großartigen Text.

Anonym 24. November 2012 um 09:09  

Immerhin werden die Fremdarbeiter wesentlich freundlicher behandelt als vor 70 Jahren...

(Der in diesem Land leider obligatorische Zusatz: Achtung Ironie!)

Manul 25. November 2012 um 00:03  

Lieber Roberto, ich glaube, deine spanischen Freunde wissen es insgesamt, dass sie in Deutschland allerhöchstens nur Geld verdienen können. Eine echte Zukunftsperspektive gibt es hier nun mal nicht und das ist mir sehr akut bewusst geworden, als ich dieses Jahr im Sommer für eine Weile in die Schweiz gegangen bin. Meinen Job, den ich dort machen wollte, hat übrigens eine von deinen spanischen Freundinnen bekommen, aber wer zuerst kommt, malt eben zuerst :) So konnte ich aber zumindest die Zeit für mich nutzen und habe mich mit der schweizer Lebensweise vertraut gemacht.

Die Unterschiede zwischen beiden Ländern sind jedenfalls teilweise richtig gravierend und das liegt nicht nur daran, dass in Zürich die gesamte Finanzmafia der Welt operiert. Man hat dort einfach ein wesentlich besseres Gespür für einen sozialen Ausgleich und vielleicht gerade deshalb mokiert sich niemand über die ganzen Reichen, die in und um Zürich herum wohnen und die auch schon mal in ihren schicken Kleidern durch den Park flanieren. Man merkt halt bis in die hinterste Ecke des Landes, dass man in einem der reichsten Länder der Welt ist und die Lebensqualität ist dort einfach besser.

Seit ich wieder hier bin kann ich jedenfalls über den Chauvinismus der Deutschen nur lachen. Hier gibt es nämlich de facto keinen richtigen Arbeitsmarkt, sondern nur einen Jobbazar, aber man tut so, als wäre man ein gefragtes Einwanderungsland. Naja, die Realität lässt sich trotzdem nicht verbiegen und man bekommt nur die Einwanderer, die man tatsächlich verdient hat. Also Billiglohnarbeiter von überall her und die guten Fachleute gehen einfach woanders hin.

Dirk 25. November 2012 um 11:30  

Manul, Was schreibst Du da? Das ist ja unfassbar! "Die ganzen Reichen, die in und um Zürich herum wohnen und die auch schon mal in ihren schicken Kleidern durch den Park flanieren" - Bist Du sicher, dass sie das tun? Im Park flanieren? Das ist ja unfassbar!

Fragezeichen 25. November 2012 um 12:59  

In Zürich also "operiert die gesamte Finanzmafia der Welt, man hat dort aber ein wesentlich besseres Gespür für einen sozialen Ausgleich."

Die Finanzmafia kann also sehr wohl von sich aus anders, wenn sie nur will?
Das stellt alle radikalen Forderungen nach Systemänderung ja auf den Kopf.
???

der Herr Karl 25. November 2012 um 13:51  

Schliesse mich Systemfrager an.

Manul 25. November 2012 um 17:06  

Ihr versteht es nicht. In Deutschland haben wir einfach eine etwas andere Geldelite und genau das ist der Punkt. In der Schweiz führt nämlich keiner Diskussionen darüber, dass die Löhne zu hoch sind, oder über befristete Verträge und Minijobs. Löhne unterm Existenzminimum gibt es dort nicht und selbst eine Aushilfe verdient den doppelten Monatslohn von mancheinem Facharbeiter in Deutschland. Man kann also selbst als Kellner oder Zimmermädchen ohne Existenzangst leben und Facharbeiter werden nicht nur anständig nach Tarif bezahlt, sondern werden auch auf Firmenkosten qualifiziert.

In der Schweiz gibt es übrigens auch kein Arbeitslosengeld, sondern eine ArbeitslosenENTSCHÄDIGUNG und schon die Bezeichnung signalisiert, dass man die Arbeitslosigkeit als ein Strukturproblem betrachtet, wofür der Arbeitslose selbst verantwortlich ist. Man diskutiert natürlich auch dort darüber, dass es Menschen gibt, die die Arbeitslosenkasse für sich missbrauchen. Es herrscht allerdings ein gesellschaftlicher Konsens darüber, dass der Staat nicht nur die Existenz, sondern auch den Lebensstandard sichern muss und so beträgt die Arbeitslosenentschädigung 70% des vorherigen Gehalts. Man unterhält parallel eine sehr effiziente Stellenvermittlung und hat daher auch keine großen Probleme mit Langzeitarbeitslosen.

Ich weiß, es ist schwer zu glauben, aber die Schweizer haben gut aufgepasst und haben viel von den Deutschen über die Soziale Marktwirtschaft gelernt. Sie haben sogar die alte deutsche umlagefinanzierte Rentenversicherung kopiert und haben es auf ihre Art verbessert. Alterarmut findet man dort daher kaum, da die Renten hoch genug sind, um damit einen guten Lebensstandard auch im Alter aufrecht erhalten zu können.

Die heutige Schweiz erinnert mich jedenfalls an Deutschland vor 25 Jahren und der Vergleich lohnt sich daher. In Deutschland haben nämlich die neoliberalen Reformen dafür gesorgt, dass der soziale Frieden aufgekündigt wurde und somit kämpft jeder nur noch um seine eigenen Pfründe und ist neidisch auf jeden, der mehr hat, als er selbst.

So teilt sich hierzulande die Gesellschaft praktisch in zwei Lager auf: die, die reich sind und die noch reicher werden wollen und die, die nichts haben und denen es an Perpektiven mangelt, dass es ihnen auch mal besser gehen wird.

Die normalen Menschen in Deutschland sind daher entweder völlig depressiv und lethargisch oder, wie wir, richtig wütend und habe ich sehr akut gemerkt, während meines Aufenthaltes in einem Kaff im Berner Oberland, wo viele normale Menschen leben, die normaler Arbeit nachgehen.

Anonym 25. November 2012 um 23:10  

Ob die Schweizer das Rentenmodell (gerade bezugnehmend auf die Änderungen der letzten 8 Jahre) wirklich verbessert haben, muss sich noch beweisen. Zu wünschen wäre es. Die Schweiz hat aber auch nicht 82 Mio. zu versorgen. Das muss man immer einbeziehen. Nachdem was unsere Medien hier so bringen, sind in der Schweiz auch gerne Kellner aus dem Osten gefragt. Da stellt sich für mich schon die Frage, ob das monetär nicht doch in unsere Richtung tendiert. Entscheidend sind ja immer Potenz und Tendenz.

lautenist 26. November 2012 um 12:22  

Ich lebe und arbeite nun schon eine ganze Reihe von Jahren in der Schweiz und kann Manul im Grossen und Ganzen nur zustimmen.
Für mich ist der entscheidende Unterschied, dass man hierzulande (in der Schweiz) ohne Angst leben und arbeiten kann (selbst als ungeliebter Deutscher). Das ist schon eine ganz andere Basis und ein ganz anderes Lebensgefühl als in Deutschland.

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