Absolute Mehrheit

Samstag, 10. November 2012

oder: Jetzt neu! Die Show zum demokratischen Abgesang.

Am Anfang war der Talk. Unaufhörlicher Talk, der aus unerfindlichen Gründen für politisch benannt wurde. Worthülsen und Satzpellen und mal ein bisschen und mal mehr Applaus. Alles ohne viel Gehalt, kalkuliert oberflächlich. Am Anfang der Postdemokratie war der Talk. Nur irgendwann ist auch das zu wenig – und zwar dann, wenn die Allgemeinheit glaubt, Politik entscheide sich auch im Studio, während Stichwortkarten Moderatoren halten. Dann ist es Zeit Politik zu zocken, sie zu trivialisieren, sie zum Quiz zu modellieren. Und die soll am Sonntag Realität werden.

Stefan Raab will in seine monatlich ausgestrahlte Sendung fünf Gäste einladen. Einige Politiker, einen Prominenten und einen Normalbürger. Letzterer vermutlich aus jener Klientel, die üblicherweise bei Schlag den Raab in Frage kommt. Jemand mit angesehenem Beruf, ach so engagiert und ach so eingespannt zwischen Familie, Karriere und unzähligen Hobbies. Sozial Starke eben.

Die TV-Zuschauer sollen per Telefon und SMS über das Gesagte votieren können. Der Redner, der am wenigsten überzeugt, scheidet aber nicht aus, er darf weiterdiskutieren, wird aber von der Möglichkeit ausgeschlossen, am Ende mit 100.000 Euro nach Hause gehen zu dürfen. Die gibt es, wenn in der Finalrunde einem die absolute Mehrheit zufällt. Absolute Mehrheit ist auch der Titel der Sendung. Anhand von dauerhaft eingeblendeten Quoten für jeden Gast, soll abgemessen werden, wie es um ihn steht. So soll gemessen werden, wer unter fünf Prozent fällt, damit ihm das Wort entzogen werden kann. So ähnlich hat Raab das schon beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest gehandhabt.

Blieb schon beim politischen Talk der Inhalt auf der Strecke, spielten sich Debatten nur zwischen vorgefertigten PR-Texten und Ablenkung von tatsächlichen Sujets ab, so ist Raabs politische Spielshow doch nicht weniger, als die Auslieferung von Phrasendrescherei an einen mit SMS und Anrufen um sich werfenden Pöbel, der gelernt hat, in kurzen Prozessen zu denken und zu gefälltmiren.

Diese Belobigung durch das TV-Publikum geschieht fernab jeglicher Regularien. Wenn es findet, dass der schnittige Normalbürger, den Raab geladen hat, eigentlich nicht falsch liegt mit seinem Überfremdungswahn und seiner Islamophobie, dann kann er damit vielleicht Prozente machen. Demagogischer Antihellenismus, beschult durch Springer, hat wahrscheinlich keine schlechten Chancen, billige Affekte und tolle Beißreflexe in Prozentpunkte umzulagern. In der Spielshow gibt es keine Instanzen der Vernunft, keinen Verweis auf das Grundgesetz, keine Opposition, die mit etwas Glück doch Kontrollmechanismus ausufernder Dummheit sein kann. Wenn das Publikum spricht, egal was es spricht, dann nennt sich das wohl Demokratie. Und vielleicht sogar absolute Mehrheit ...

Die Sendung erhebt das Majoritätsprinzip zur unantastbaren Instanz. Bei aller Richtigkeit eines Systems, das sich an den Interessen von Mehrheiten orientiert, so bleibt immer ein Rest, in dem die Mehrheiten keinen Platz finden dürfen. Vor über einem Jahr hat beispielsweise der Papst, als er im Bundestag sprach, genau das kritisiert. Bei der "Würde des Menschen und der Menschheit", so meinte er damals, reiche das Mehrheitsprinzip nicht mehr aus. Bei aller Kritik am König des Katholizismus: Da hat er recht! Das Majoritätsprinzip ist bis dorthin richtig, wo es an die menschliche Substanz geht, wo es menschliches Leid erzeugt und an die Menschenrechte tastet. Ab da hat es keine Geltung mehr zu haben. Beispielsweise können kriegsgegnerische Parteien ihnen verhasste Kriege nicht mit der Aussage stilllegen wollen, wonach die Mehrheit gegen diesen Kriegseinsatz sei. Denn was, wenn es eine Mehrheit dafür gäbe? Ist er dann weniger blutig, ist er dann ethisch rein? Die Würde des Menschen ist auch vom Willen der Mehrheit unantastbar.

Absolute Mehrheit haftet aber radikal an einem seltsamen Mehrheitsprinzip. Theoretisch ist jede politische Meinung dort mehrheitsfähig, wenn Charisma und Sympathiewerte stimmen. Der mündige Wähler, der wenigstens in der Theorie abwägt und vergleicht, wird bei Raab zum aktionistischen Pöbel, der undurchdacht wählen und eilig Tasten tippen soll.

Nachdem der politische Bildungsauftrag nun seit Dekaden vertalkt, im Bottich halbgarer Statements und radebrechender Binsenweisheiten verrührt und verwässert, als Karteikarte in den Händen der Christiansens und Jauchs zerknittert wurde, ist die Umgestaltung dessen, was von diesem Bildungsauftrag blieb, nur postdemokratisch folgerichtig. Das ganze Leben als ein Quiz! Und wir als Bürger sind nur die Kandidaten! Was als großer Wurf Raabs geplant ist, Politik wieder für ein Publikum interessant zu machen, das daran das Interesse verloren hatte, lockt nicht zurück zur Demokratie, sondern bettet in jenes postdemokratische Konzept, in das sich die westlichen Gesellschaften showträchtig zementiert haben - es ist, mit etwas Pech, falls sich dort der Springer-und der Bertelsmann-Mob durchsetzt mit seinem jämmerlichen Weltbild, nicht nur ein Stück postdemokratischer Kultur- und Ritualgeschichte, sondern ein Abbild und ein Motor der Entdemokratisierung.



16 Kommentare:

D.B. 10. November 2012 um 13:20  

Chapeau!


Nun ja, ich werde mir diese Sendung ansehen. Der Homo Bertelsmannus wird überwiegen...dennoch...irgendjemand muss sich das ansehen, um Kritik zu üben.

Anonym 10. November 2012 um 13:20  

"[...]Was als großer Wurf Raabs geplant ist, Politik wieder für ein Publikum interessant zu machen, das daran das Interesse verloren hatte, lockt nicht zurück zur Demokratie, sondern bettet in jenes postdemokratische Konzept, in das sich die westlichen Gesellschaften showträchtig zementiert haben - es ist, mit etwas Pech, falls sich dort der Springer-und der Bertelsmann-Mob durchsetzt mit seinem jämmerlichen Weltbild, nicht nur ein Stück postdemokratischer Kultur- und Ritualgeschichte, sondern ein Abbild und ein Motor der Entdemokratisierung[...]"

Als "Wessi" erinnert mich das fatal an die Diktatur des Erich Honecker - Der wäre ab solchen Typen wie Stefan Raab, und den Möglichkeiten des Privatfernsehens sicher noch immer an der Macht, und der autoritäre Sozialismus mit ihm.

Ich kann es nicht oft genug erwähnen:

Der Neoliberalismus hat hier von den totalitären Diktaturen gelernt, die eben nicht nur Meister der Massenknechtung sondern auch der Volksverdummung waren, die mit dem fundamentalistisch-autoritären Neoliberalismus von Merkel, Friede Springer und Liz Mohn fröhliche Urstände feiert - Nur diesmal um eben den "reinen Kapitalismus" in Deutschland durchzusetzen vom dem US-RepublikanerInnen nur träumen können seit Obama zum zweiten Mal wiedergewählt wurde.

Gruß
Bernie

PS: Merkel hat mit Romney wohl auf das falsche Pferd gesetzt, was ich vermute. Ein Beweis könnte die erste Auslandsreise des US-Präsidenten Obama nach Asien statt nach Europa sein - Ich würde mich nicht wundern, wenn tröpfchenweise herauskommt, dass Kanzlerin Merkel, ebenso wie in Frankreich, den ihr beliebigen markttalibanmäßigen Kandidaten unterstützt hat - Nur um, zumindest hier, wieder einmal zu scheitern.

Hartmut 10. November 2012 um 15:04  

Wie immer, prima ge- und beschrieben.

In den 90ern hörte ich einem kleinen
Kreis an, der Korrespondenzhilfe anbot, in Fällen, wo die Krankenkassen eine Kostenübernahme der Therapien verweigerten.

Bei jedem Schriftwechsel, sowohl der GKV als auch der PKV hatte ich das Gefühl, dass das wesentliche, demokratische Prinzip der Rechtsstaatlichkeit von Seiten der Krankenkassen nicht gern gesehen wurde. (Anhörung, Widerspruch, ggf. Klage)
Doch, dass die demokratischen Grundsätze, besonders die Grundrechte, seit Schröder- und jetzt Merkelregierung dermassen mißachtet werden, hatte ich mir damals nicht im Traum einfallen lassen.

Heute im Jahr 2012 sind wir soweit, daß ernsthafte Demokratie als Showbusiness und Klamauksendung
via Fernsehen dem Volk als Wa(h)re Demokratie verkauft wird.

- Ein postdemokratisches Trauerspiel- die Väter unseres GG würden sich alle im Grabe umdrehen....

landbewohner 10. November 2012 um 16:03  

eigentlich ists doch eine gute tat vom raab. politik, wie sie sich heute darstellt und de facto auch selbst versteht, als das darzustellen was sie ist. eine schmierenkommödie mit mittelmässigen bis grottenschlechten darstellern. leider gibt es aller dings in der wirklichkeit nur einen vorherbestimmten gewinner, alle anderen teilnehmer sind zum verlieren verdammt. und so als kleinen trost - besser mal bei raab einige poltikhanseln und -greteln in all ihrer erbärmlichkeit vorgeführt zu bekommen (ich bin optimist) als mir die sprechblasen dieser "herrschaften" bei "pseudo-investigatoren" a la jauch oder will anhören zu müssen.
ansonsten hast natürlich wieder einmal vollkommen recht.

Siebenstein 10. November 2012 um 16:36  

eins ist für mich klar: Der Popolitiker,der dort hin geht, hat sich disqualifiziert.

maguscarolus 10. November 2012 um 17:38  

Ich sollte das Geraabe eigentlich dringend ansehen, weiß aber nicht, ob ich es schaffe, diesen Medienrambo längere Zeit wirken zu sehen.

Wolfgang Buck 10. November 2012 um 18:28  

Das Format wird ohnehin scheitern.

Nicht das so ein Pöbelfernsehen kein Interesse finden würde, aber:

Der Raab ist da gut wo er sich selbst ins Zentrum rücken kann. Bei Schlag den Raab oder irgendwelchen Wok-Rennen. Als Moderator ist der manische Narzist Stefan R. eine absolute Fehlbesetzung. Da werden sich diejenigen um die es geht (die "Gäste") schwer tun.

Bin mal auf den Montag, den day after gespannt. Denke aber das Format ist tot bevor es so richtig Fuß fassen kann. DsdSS mit "Kinderschänder" Bohlen ist da nicht zu schlagen ...

Anonym 11. November 2012 um 11:05  

Die Grünen mit ihrem neuen Führungsgespann... spießiger als die Schwarzen. Und noch mehr, sie sind vor allem dogmatischer. Während die Schwarzen im Laufe der Zeit Toleranz erlernt haben, steht das den Grünen noch bevor. Damit dürften sie sich schwer tun, weil Toleranz nicht kompatibel ist mit den Resten einer missionierenden linken Grundhaltung.

Wenn auch Werte und Anschauungen bei beiden eine große Schnittmenge haben, vor allem Wertevorstellungen, so ist bei den Grünen eine Ideologie als Grundhaltung vorhanden, was es denen schwer machen wird Toleranz gegenüber Andersdenkenden zu üben. Ich betrachte diese Entwicklung mit Sorge.

Anonym 11. November 2012 um 11:51  

"[...]Die Grünen mit ihrem neuen Führungsgespann... spießiger als die Schwarzen[...]"

Begründung?

Ich weiß nicht, aber ich sehe hier keine Unterschiede bei der Neoliberalen Einheitspartei Deutschlands aus Schwarz-Gelb-Rot-Grün - Nicht einmal im Wahlkampf.....der schon begonnen hat....

Bei Nachdenkseiten las ich einmal folgenden - auf alle zutreffenden Satz von einem Nachdenkseiten-Moderator - "links blinken (vor der Wahl) und rechts abbiegen (nach der Wahl)"....

...genauso läuft seit Jahren die Volksverarschung in Deutschland ab, nun eben auch bei Schwarz-Geld (=absichtlicher Schreibfehler) und geldgeil rot-grün.....

...Wahlen? Wenn die wirklich etwas ändern würden in Deutschland, dann wären die von der Regierung Merkel/Rösler verboten....

Die Piraten haben sich ja als Alternative auch selbst demontiert, und die Linkspartei ist wohl - dank "Realos" auf dem Weg in Richtung Grüne....Alternativen? Die gibt es wohl nur noch außerhalb des politischen Alltagsbetriebes? Obwohl ist nicht auch z.B. Attac eine Karriereleiter für Grüne wie beispielsweise Sven Giegold, um in der Politik zu landen....ist mittlweile nicht alles käuflich in Deutschland??? Wie wäre es mit T-Shirts für alle Abgeordneten wo draufsteht wer die finanziert? Oder die "amerikanische Lösung"? Welche? Macht doch gleich Öl- und sonstige Lobbyisten zu mächtigen Politikern?

Zorniger Gruß
Bernie

Anonym 11. November 2012 um 15:27  

Ich denke, Wolfgang wird da richtig liegen.
Der Blödpöbel, der sonst bei Raab einschaltet, wird angesichts eines drohenden "politischen Inhalts" mit fliegenden Fahnen wegrennen und Normaldenkern faulen eher die Fingerkuppen ab, bevor sie den ach so witzigen, selbstverliebten Breitmaulfrosch Raab einschalten.
Wer dazu auch noch ernsthaft glaubt, dass so jemand wie Raab den Verdrossenen die Politik mit einem "neuen Format" wieder nahebringen will, glaubt auch dass Hänsel und Gretel noch im Wald wohnen. Das ist schlicht ein Versuch mit einem neuen, besonders perfiden Klamauk letztendlich Geld zu machen.
Anton Chigurh

DRESDNER FAMA NEWS 11. November 2012 um 20:50  

"zu gefälltmiren" -
einfach köstlich!!!

Und bevor Deine Rechtsanwälte mich wegen dem Zitieren eines Zitats vor den Unterlassungsrichter zitieren, hier meine reuige Selbstanzeige:
Im NARRENSPIEGEL meiner N111EXTRA (bei http://dresdnerfamanews.blogspot.de/ ) habe ich mir erlaubt, die Zeilen Rostand's zu übernehmen, die ich bei Dir fand...

Was den Raabe angeht - so schlimm hört er sich doch gar nicht an:
http://www.youtube.com/watch?v=PLJvywkf4vk
Iss doch auch irgendwie gesellschaftskritisch, odor?

Grüße in die Welt

Thorsten Reimnitz 11. November 2012 um 23:50  

1985 wäre ein solches Fernsehsendungskonzept Teil der Science-Fiction-Serie "Max Headroom" gewesen. Die Serie spielt Anfang des 21. Jahrhunderts und wollte eigentlich die sich langsam abzeichnende "Allmacht des Fernsehens" (bzw. der Medien) karikieren.
Mittlerweile bin ich allerdings ziemlich beunruhigt darüber, wie viele Konzepte dessen, was damals "Sci-Fi" war, heute Wirklichkeit werden oder schon sind. Vor allem, da man damals noch glaubte, sowas würde es nie geben, weil es viel zu durchgeknallt wirkte.

pillo 12. November 2012 um 00:19  

Muss man Raab nicht auch ein wenig dankbar sein? Kann man denn noch eindrücklicher zur Schau stellen, auf welchem Niveau Politik mittlerweile angekommen ist? Hier wird noch nicht einmal mehr versucht, dem Ganzen einen journalistischen Anstrich zu verpassen.

Politik als Show! Damit bringt Raab (sicher unfreiwillig) die ganze postdemokratische Farce konsequent auf den Punkt.

[...]Absolute Mehrheit haftet aber radikal an einem seltsamen Mehrheitsprinzip. Theoretisch ist jede politische Meinung dort mehrheitsfähig, wenn Charisma und Sympathiewerte stimmen.[...]

Und dies ist, neben der geballten Medien- und Meinungsmacht des Großkapitals, das wichtigste Argument GEGEN Volksentscheide. Viele politisch Interessierte vergessen nur allzu leicht, das im Falle des Falles nicht nur Leute ihres Schlages zur Abstimmung schreiten würden, sondern eben auch all die Dumpfbacken, Vollpfosten und geistigen Tiefflieger, von denen es in diesem Lande nur so wimmelt.

Dietmar Wischmeyer hat das mal wieder bitterbös, sakrastisch zusammengefasst.

http://www.youtube.com/watch?v=JnuS5IIOXY0

Anonym 12. November 2012 um 10:32  

Da haben wir den Salat: Die Kubicki-FDP hat die Allgemeinheit am meisten überzeugt gestern...

Anonym 12. November 2012 um 14:52  

Hier kann man die Sendung sehen:
www.myspass.de/myspass/shows/tvshows/absolute-mehrheit/Absolute-Mehrheit-vom-11-November-2012--/10635

Man muss leider sagen, dass Kubicki tatsächlich am souveränsten die Argumente der anderen entschärft, gerade auch der Linkspartei...
Warum gibt's da keine besseren Leute??

Anonym 12. November 2012 um 22:21  

"[...]Die Kubicki-FDP hat die Allgemeinheit am meisten überzeugt gestern...[....]"

....äehm...schon einmal etwas davon gehört, dass in Deutschland "alles käuflich" ist - auch und gerade Sendungen wie die des Stefan Raab, und dessen getürkte Meinungsumfragen? Wem gehört der wohl, der Sender, der Stefan Raab sendet? Ist da nicht eine gewisse Liz Mohn, die breschnewmäßig kontrolliert wer da was sendet?

Frägt sich
Bernie

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