De dicto

Montag, 8. Oktober 2012

"Vielen Sozialdemokraten ist möglicherweise nicht klar, welches Opfer Peer Steinbrück erbringt, indem er seiner Partei als Kanzlerkandidat zur Verfügung steht. Denn mit der einträglichen Tätigkeit als Vortragsreisender ist jetzt erst einmal Schluss."
- Michael Backhaus, BILD-Zeitung vom 3. Oktober 2012 -

"Die Kanzlerkandidatur wird ein teurer Spaß für Peer Steinbrück. Als Kandidat will er keine bezahlten Vorträge mehr halten, wovon er, als er noch ein freier Mensch war, offenbar sehr ordentlich leben konnte."
- Berthold Kohler, Frankfurter Allgemeine vom 3. Oktober 2012 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Steinbrück ist der rechtsgerichteten Presse nicht unangenehm. Er mag zwar gegen die eiserne Merkel kandidieren, gewänne er die Wahl jedoch, wäre es kein Verlust für die Verfechter des Washingtoner Konsens, besser bekannt als Anhänger des Neoliberalismus. Einen solchen Mann hält man sich warm, gegen so einen schreibt man nicht an. Jemanden wie ihn schreibt man um, macht ihn besser und edler, als er ist - gerade, wenn sich Stimmen mehren, die das Gegenteil behaupten.

Neokonservative Agenda ist es, Schmierenstücke und Fadenscheinigkeiten umzuwerten. Und so sind Steinbrücks üppige Expertenhonorare, die man ihm nun aus linken Kreisen anlastet, zwar durchaus prüfenswert, schreibt man in den Blättern der rechten Mitte oder mittigen Rechten, aber man müsse auch mal sehen, was der Mann aufgibt. Weil Deutschland ruft, läßt er Unsummen Geldes links - oder doch eher rechts? - liegen. Er hätte weiterhin Honorare einstreichen können, aber Steinbrück ist ehrenwert und idealistisch genug, darauf zu verzichten. Ja, er erbringt förmlich ein Opfer, weil er nicht weiterhin ist, was er eigentlich nie war: Experte. Edel sei der Peer, hilfreich und gut.

Aus einen Makel einen Vorzug herbeischreiben: das ist der publizistische Versuch einen Volkstribunen zu formen. Dabei geht man von der fehlerhaften Prämisse aus, er hätte seinen Expertenstatus und damit sein Honorar verdient - er hat es bekommen: das ist ein gewaltiger Unterschied. Das kann man ihm nicht mal ankreiden, zumal er seine Nebenverdienste angegeben haben soll - wobei zu klären ist, ob nicht eher seine Abgeordnetendiät nebenverdienstlich anzusehen ist; und natürlich darf die Metafrage hierzu nicht fehlen: Sollen Nebenverdienste nicht Zahl für Zahl angeben werden, anstatt in seltsamen aussagelosen Stufenvarianten? Dass man ihn aber zu einen Menschen schreibt, der einen unglaublich brutalen Verzicht übt, um der Allgemeinheit einen Dienst zu tun, das ist so infam und intellektuell verlottert, dass man von publizistischer Verdunklung sprechen muss.



18 Kommentare:

baum 8. Oktober 2012 um 06:54  

Ws für eine perverse Sicht auf Politik, Gesellschaft und Menschheit. Steinbrück opfert sich für uns alle, er lässt sich ans Kreuz der Einnahmslosigkeit nageln, um uns zu dienen. Kanzlerschaft ist Armut im Dienste des Volkes.

Welch eine Gnade, oh, Steinbrück, welch eine Gnade lässt du uns zuteil werden. OH HERR!

Sag mal Roberto, diese Art von Presse hat wohl ne Klatsche.?

Roberto J. De Lapuente 8. Oktober 2012 um 07:02  

Naja, die Presse und der Typ selbst auch. Der hat gestern verkündet, dass die Offenlegung seiner Bezüge ihn als Diktatur erinnere, denn da gäbe es den gläsernen Bürger. Wo war er denn, als man Bezieher von Sozialleistungen durchgläserte? Da fand er das demokratisch. Die werfen mit Systembegrifflichkeiten herum, wie es ihnen gerade beliebt - für den gemütlichen Faschismus der Mittelschicht ist alles Diktatur, was die Leistungsträgerschaft antastet und alles Demokratie, was die Minderleister einschränkt.

Anonym 8. Oktober 2012 um 07:45  

Steinbrück erklärte gestern bei Jauch, dass er der einzige Abgeordnete in deutschen Bundestag sei, der keine Abgeordnetenbezüge erhält. Weil..................er nämlich aufgrund der Versorgungsansprüche aus seiner Tätigkeit als Bundesfinanzminister und Ministerpräsident von NRW bereits so viel Geld bekommt. Da scheint ja dann wohl jeden Monat ein Tieflader mit Euroscheinen unterwegs zu sein.

Übrigens zeichnet es einen Minister für ein speziellen Geschäftsbereich in der Bundesregierung nicht als Experten aus, sonder vielmehr als reinen Repräsentanten.

In der Bundesregierung kann einer heute Finanzminister sein, morgen Verteidigungsminister und übermorgen Innenminister. Hochspezialisierte Multitalente? (Lach!)

Die sachliche Arbeit wird im Ministerium geleistet. Dort sitzen die Finanzjongleure mit Studienabschluss.

Anonym 8. Oktober 2012 um 07:58  

Schlimmer als das PR-Geseiere zwischen Jauch und Steinbrück war gestern Abend der Beifall des Publikums zu den Antworten von Peer. Entweder waren das alles handverlesene Sozen oder BILDungsbürger. Dett fiel mir uff.

Roberto J. De Lapuente 8. Oktober 2012 um 08:02  

Ich geh eher davon aus, dass sich da die Mittelschicht die Eier schaukelt - wer geht denn freiwillig in so eine Politshow als Zuschauer? Doch nur jemand der glaubt, da würde wirklich Politik gemacht, da würde etwas besprochen und bearbeitet. Kurzum Leute, die tief an das Mantra der Mittelschichtigkeit glauben, die meinen, in diesem Staat sei alles für sie arrangiert und alles bestmöglich konzipiert - die gehen dahin und die bejubeln natürlich diesen Helden der Mitte, der Antworten gibt, wie sie sie für richtig erachten. Da will die Öffentlichkeit einem fleißigen Mann ans Leder, will Offenlegung - das kann sich die Mittelschichtsbande nicht gefallen lassen, denn das ist Sozialismus und Diktatur und am Ende trifft es alle fleißigen Leute. Peer ist der Märtyrer und man unterstützt ihn klatschend.

Anonym 8. Oktober 2012 um 09:31  

Wenn peer zum märtyrer stilisiert wird, dann soll er doch bitte auch ans kreuz genagelt werden, ersatzweise würde auch eine laterne reichen, guillotinen werden wohl noch ein wenig brauchen und dann ginge er sicherlich nicht mehr als märtyrer durch, sondern die vergangenheit hätte an der spd stellvertretend revanche, meinethalben auch rache genommen.

Denn nichts anderes sind revolutionen - eine revanche der vergangenheit oder benjaminisch gesprochen eine notbremse, um an- und innezuhalten und eine andere richtung einzuschlagen. Ob es dazu kommt und was dabei dann herrauskommt "steht in den sternen".

Meiner meinung nach provozieren die charaktermasken momentan das herraufziehen einer situation, in der bürgerkrieg und/oder revolution möglich werden und an deren ende wahrscheinlich dann wohl doch die faschistische option "gezogen" wird.

oblomow

flavo 8. Oktober 2012 um 12:25  

ich muß sagen, mir ist die Logik der öffentlichen Meinung in Deutschland fremder geworden. Es entzieht sich mir ein Feindbild, ein Ideologiemaschinerie. Sie wandelt sich in Richtung einer nicht für denkbar gehaltenen Groteske. Die verkehrte Welt wird noch einmal verdreht. Die Verkehrung zum Quadrat. Mir ist auch völlig unverständlich, wie man diesen Mann innerhalb der SPD hat wählen können. Erstaunlich ist das. Er wirkt wie ein freches Großmaul, das polternd und hochenergetisch voranpirscht und grobschlächtig sich seine Ordnung installiert. Ein paar Interviews am SPD-Tag, als die K-Frage gelöst wurde, entlarvte doch einen Haufen sich kleiner fühlender Menschen, der einen Popanz gerade gewählt hatte. Er ist der Gulliver, der in die SPD gereist ist.
Die herrschende Ordnung in deutschen Landen scheint geradezu zu strotzen vor stählerner Sicherheit. Dieser Steinbrück hat sich aus der Regelhaftigkeit gelöst und in eine Position gebracht, in der er die Regeln nach seiner Willkür bestimmen kann. Innerhalb der SPD. Frech und spontan ist es ihm erlaubt zu agieren. Die Honarare? Wir haben ja keine Diktatur! Bams, die Gegner gehen ein Stück gedauchter und winseln vor sich hin. Schamlos wird noch eines drauf gelegt, der an die Moral erinnernde wird Gegenstand der Schelte: was glaubst du denn, was er sich da an Geld entgehen läßt, damit er diesen Ramschladen an Politik mal auf Fahrt bringen kann, damit er diesem maroden politischen Mobil namens SPD wieder Schwung geben kann, nachdem sie sich noch immer mit letztjahrhundertigen Ideen herumschlagen. Ja was glaubst du denn, was ihm da entgeht, während er mit altbackenen Buchkommunisten sich herumschlagen muß, die im linken Eck dieser Partei nach wie vor ausharren? Derart gescholten und zurecht gewiesen durch ein tiefe Scham erzeugende Rhetorik gleich einem Schlag ins Gesicht, entsteht Ruhe. Ent-rückungsarbeit, Remoraliserungsarbeit. Moral ist, was Steinbrück macht. Überhaupt, da rackert er im innovativsten und modernsten aller Tätigkeitsfelder, der Finanzwirtschaft und will seine guten Vorschläge verkaufen, so 'muß' er zurück in das ineffiziente Drecksgeschäft, Marktruinierungsgeschäft der Politik, weil er halt in dieser Partei nunmal ist und sie ihn braucht.
Die Linke wirkt überhaupt wie ein gedauchter Zwerg, der sich für die eigenen Ideen schämt. Anscheinend ist die neoliberale Moral in die Gewissen schon eingenistet und erzeugt schon die Dissonanz, die die Stimme zögerlich werden läßt.
Die herrschende Ordnung ist sich der Wirkkraft ihrer Ideen offensichtlich äußerst sicher geworden. Alles wirkt wie frisch geschmiert. Alles geht von der Hand wie von selbst, im großen Stil wird agiert, großzügig gleich umfassend, aber ruhiger und präziser gescholten und niedergeschmettert. Und derweil ist noch nicht das Wort der Königin der deutschen Ordnung erschallt. Steinbrück ist die Vorgruppe, bevor die Pol-Queen ihren glanzvollen Auftritt beginnen wird.

Der Duderich 8. Oktober 2012 um 12:53  

Was auch geflissentlich verschwiegen wird, ist seine (überraschende) Teilnahme bei der Bilderberger-Konferenz letztes Jahr. Sein Spezi Ackermann, der ihn für den besten SPD-Kandidaten hält, war natürlich auch geladener Gast.

http://aufzeichnungen-eines-gutmenschen.blogspot.de/2012/10/bilderbruck-und-steinberger.html

Micha 8. Oktober 2012 um 12:56  

"Da will die Öffentlichkeit einem fleißigen Mann ans Leder, das kann sich die Mittelschichtsbande nicht gefallen lassen?"
Moment, die Vorwürfe gehen doch von der Mittelschicht aus? Oder wer hat sie in die Welt gesetzt, die Vorwürfe? Doch wohl niemand aus der "Unterschicht".

Roberto J. De Lapuente 8. Oktober 2012 um 13:53  

Die Vorwürfe hat der politische Gegner aus demselben Lager in die Welt gesetzt.

Micha 8. Oktober 2012 um 14:06  

"Der politische Gegner aus demselben Lager" - also eben gerade nicht die Mittelschicht insgesamt, was Sie gerade eben noch schrieben:
"einem fleißigen Mann ans Leder - das kann sich die Mittelschichtsbande nicht gefallen lassen"

Colgata 8. Oktober 2012 um 16:06  

Das ist ja das Irrwitzige: der politische Gegner aus demselben Lager der SPD macht mit den Anschuldigungen an Steinbrück Politik gegen die eigenen Wähler aus der Mittelschicht... Die dann trotzdem durch die Bank Steinbrück applaudieren? Irgendwas kann da nicht stimmen.

Anonym 8. Oktober 2012 um 16:17  

klar das waren die ganzen leistungsträger aus der bürgerlichen mitte, die da geklatscht haben für steinbrück. steinbrück ist ihr mann. denn der sagte ja mal, dass nur für diese mitte politik gemacht werden sollte. das dankt man dem kerl mit zuneigung. das er nebenverdienste hatte interessiert die öffentlichkeit wenig. orginal aus der ubahn heute: der hat sich seine nebenverdienste verdient, weil er neben seiner arbeit auch noch das gearbeitet hat. das ist der neid der faulen, wenn die jetze an seine nebenverdienste wollen.

genova 8. Oktober 2012 um 18:05  

Rhetorisch interessant bei der Jauch-Sendung gestern war der Part, als Steinbrück auf die Frage nach Transparenz damit antwortete, dass Privatheit zur Würde des Menschen gehöre. Eine extreme Themenverschiebung, die von Jauch toleriert wurde und das Publikum allen Ernstes Beifall klatschte.

Mich würden vor allem mehr Informationen zu der Medienarbeit interessieren: Wie wurde und wird Steinbrück dargestellt, was läuft da im Hintergrund, dass der Typ ohne jede Basis als einer der beliebtesten Politiker Deutschlands gilt, auch als einer der besten Finanzpolitiker.

Precht und Döpfner lief gestern Abend übrigens auch, man könnte auch hier medienpraktische Fragen stellen:

http://exportabel.wordpress.com/2012/10/08/philosoph-dopfner-zu-gast-bei-philosoph-precht/

baum 8. Oktober 2012 um 19:07  

Ich entnehme den Kommentaren hier, dass die SPD hochgradig beliebt ist.

War heute beim Zahnarzt und hatte von daher Gelegenheit, im STERN vom 4. 10. zu lesen. Man gibt sich große Mühe, die menschliche Seite von Steinbrück dem Publikum nahezubringen. Seine Töchter, seine Ehefrau, sein Bastelkeller, seine lässlichen Jugendsünden. Es menschelte sehr auf diesen Stern-Seiten.

Anonym 8. Oktober 2012 um 19:44  

Über den organsierten Applaus bei Steinbrück gibt es auch einen Kommentar au den Nachdenkseiten.

Anonym 8. Oktober 2012 um 22:37  

Der Neoliberalismus hat die Unmenschlechkeit zur systemrelevanten Konstante erhoben.

Meine Vermutung, auch dieser Steinbrück wird, wie seine Vorgänger durch die Medien ins Marionettentheather gehievt.

Micha 8. Oktober 2012 um 22:58  

genova,
"dass der Typ ohne jede Basis als einer der beliebtesten Politiker Deutschlands gilt"

Steinbrück hat zumindest hier in Schleswig-Holstein große Sympathien aus seiner Zeit als Minister für Wirtschaft, Technik und Verkehr erlangt, wo er in kurzer Zeit einiges erreichte, wie die Wiedereröffnung kleinerer Bahnhöfe (auch für meinen Ort z.B.) und Verbesserungen des ÖPNV inkl. Ausbau des Radwegnetzes.
Wobei er mit seinen SPD-Kollegen hier nie gut konnte. Er ist ein enger Freund von FDP-Vize Kubicki, die beiden haben zusammen studiert, und es ist bekannt, dass Steinbrück nach Sitzungen lieber im FDP-Büro mit Kubicki bei einer Flasche Wein saß als mit seinen SPD-Kollegen zu reden.

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