Auf neoliberalen Bildungswegen

Freitag, 26. Oktober 2012

oder: wie Hessen Schule macht. Ein persönlicher Einblick.

Ich gehöre zu jenem privilegierten Teil der Elternschaft, die sich derzeit wenig Sorgen um den schulischen Werdegang, die schulischen Leistungen des eigenen Nachwuchs machen müsste. Doch tue ich dies. Nicht, weil ich einen Leistungsabschwung fürchtete - der kann natürlich kommen, die Pubertät lauert schon. Auch nicht, weil ich zu jener Elternschaft gehöre, die bei dem Gedanken an schlechtere Zensuren erschaudert im Hinblick auf die Zukunftsaussichten und Arbeitsmarktperspektiven - denn a) sind gute Zensuren keine Garantie für ein zukünftiges Eiapopaia, b) sind hingegen schlechte nicht gleich absolute Perspektivlosigkeit und c) ist der Druck, den das Ausmalen eines solch schaurigen Szenarios bewirkt, nicht förderlich für die kindliche Motivation und die elterlichen Nerven. Dennoch sorge ich mich, denn mein Kind besucht eine hessische Realschule, die stark an neoliberalen Leitwerten arbeitet.

Das Funktionieren

Der Rektor sprach beim Elternabend davon, dass die Kinder funktionieren müssten. Er tat das im Kielwasser von rhetorischen Ausbünden wie jenem, dass man als Elternteil und Schüler sozusagen Kundschaft sei und er als Rektor Anbieter einer Leistung. Aber funktionieren müssten die Kinder in jedem Falle. Nach den Regeln seiner Schule. Funktionieren sie nicht, tanzen sie aus der Reihe und das letztlich vielleicht sogar dauerhaft, so würde hart durchgegriffen, um den reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Er erzählte etwas von einem Schüler, der keine Schule in Hessen mehr besuchen dürfe, weil der einem Mitschüler via sozialem Netzwerk Gewalt angedroht habe. Um das Funktionieren von Unterricht, Lehrkraft und Schüler zu gewährleisten, sind solche Maßnahmen nicht abzulehnen. Ich weiß nicht, was da genau passierte, mit diesem Schüler, dem man die Schulpflicht gekappt hatte, aber was hatte das beim Elternabend als Vorwort zu suchen? Drohung, Einschüchterung schon zu Beginn? Natürlich alles in flapsiger Form vorgetragen, alles in scheißfreundlicher Weise, zwar nicht pädagogisch, aber doch nicht schroff und boshaft, sondern um Verständnis heischend. Man kennt es ja, das lächelnde Konterfei des Neoliberalismus.

Tage später, Telefonat mit dem Klassenlehrer. Die Klasse sei kompliziert, viele Unruhequellen, viel Geschwätze, einige Kasper. Er brauche Kinder die funktionieren. Nur so könne er arbeiten. Wirklich sein Orginalton: Kinder die funktionieren ...

Die Funktion des Kindes, die mit allen Mitteln hergestellt werden soll und falls das nicht gelingt, die Dysfunktion des Kindes auszumerzen, indem man das Kind suspendiert, aussperrt, es auf eine andere Schule überführt, ist die eine Säule neoliberalen Gedankenguts an Schulen. Die Funktionierung des Kindes zu einem reibungslosen Rädchen im Unterricht, läuft im Rahmen eines Maßnahmenkataloges, der sich der Effektivierung des schulischen Alltages verschrieben hat. Wie Unterrichtsstoff effektiv eingetrichtert werden soll, so soll sich auch der Schüler wirksam verhalten. Diese Forderung ist unpädagogisch, weil sie das Wesen des Kindes nicht erkennt, nicht wahrnimmt, sie fordert am kindlichen Wesen vorbei. Natürlich sind Gewaltbereitschaften zu unterbinden, aber nicht jede "Dysfunktion" ist ein vorkrimineller Akt. Schwätzen, Hineinreden, Quatschmachen und Klassenclownerie gehören ins kindliche Repertoire, sie können nicht aus dem Schulalltag herausreguliert, sie müssen hingegen ins Lernen eingebunden und als teils unabänderbare Tatsache und teils als kindlicher Entwicklungsprozess verstanden werden. Das funktionierende Kind ist ein theoretisches Faible des Neoliberalismus, wie er alles gerne funktionierend und reibungslos machen würde, was vermenschelt und fürderhin störend ist.

Kurzer persönlicher Einwurf

Mein Kind funktioniert. Mehr oder weniger. Ich habe mittlerweile auch schon vernommen, dass es geschwätzig ist, dass es sich ablenken läßt, die Leistungen sind aber durchweg gut und sehr gut - die Lehrerkollegen mahnten diese Diskrepanz zwischen guter Leistung und lapidarem Lerneifer stets an, meinte der Klassenleiter in einem Gespräch. Lehrer mahnten zu allen Zeiten "schwieriges Verhalten" ihrer Schüler an. Aber mit dieser Leichenbittermiene, mit dieser So-können-wir-nicht-arbeiten-Manier, mit diesem Hang zum Dramatisieren solcher schulischer Nickligkeit, kannte man das bislang nicht. Man erzog Schüler einst sehr hart, aber die moralische Verurteilung der mangelnden Funktionsfähigkeit, die dürfte heute härter vollzogen werden als dazumal.

Wundert es da, dass ich mich sorge? Was, wenn mein Kind noch weniger funktioniert, wie es derzeit funktioniert? Was habe ich sodann zu erwarten? Mir graut jeden Tag, was kommen könnte. Etwa wieder ein Anruf, tief besorgte Stimme dran?

Ich muss mir ja nur mal anschauen, wie mit dem Kind verfahren wurde, dass nachhaltig zu laut, zu derb, zu unfunktionell war. Plötzlich ward es für Tage nicht mehr gesehen. Abgesäbelt, aussortiert. Ein schwieriger Fall, ich gebe das zu. Schwierige Familienverhältnisse - aber für Mitleid, für Einfühlen ist keine Zeit an der effektiven Schule. Nur nicht verweichlicht sein - Linie durchziehen! Schnelles Kapitulieren als Lösung des Problems. Das Kind hat man schon aufgegeben. Das Schuljahr ist kaum zwei Monate alt und es ist schon aufgegeben. Das nenne ich mal effektiv! Und sehr pädagogisch! Wer nicht funktioniert, fliegt ganz schnell.

Als Vater bin ich cool genug, nicht zu verzagen. Aber was tun andere Eltern, um ihre Kinder funktionierend zu halten? Der Präzedenzfall in der Klasse zeigt doch, wie man ticken muss, wenn man weiterticken will. Und wenn die Pubertät dem allen ein Schnippchen schlägt, die Hormone durchdrehen, das Kind nicht mehr so richtig funktioniert. Was dann? Streit mit Lehrern? Anlegen mit der Schule? Im Wahn, möglichst effektiv Schule zu machen, kennt man nur kurzen Prozess. Der kurze Prozess ist etwas, was sich gut getrimmte Schulen aufs Revers stecken.

Die Säulen

Der Neoliberalismus baut im wesentlichen auf drei Säulen: Deregulierung, Privatisierung und Freihandel. Neoliberal geschliffene Bildungseinrichtungen gründen auf privatisierte Verhältnisse, auf Effektivierungsmaßnahmen und auf Selektionskriterien.

Schulsysteme, die sich an dieser Denkschule orientieren, sind stets bei knapper Kasse, suchen immer und überall Finanziers, die mal Spenden, mal aber Partnerschaft mit einem Privatunternehmen sein können und die somit auch in den Lehrstoff hineinwirken; bleiben die Mittel aus, so fehlt es an Material, an Personal, leiden Kinder und Eltern darunter und wird das Recht auf Bildung zu einer bloßen Pflicht, die Kinder in Schulräumlichkeiten zu bringen. Die Schulpflicht wird ausgehöhlt, sie wird zur Schulräumlichkeitsanwesenheitspflicht unter Obliegenheit einer Aufsicht, die kein Lehrer sein muss - jedenfalls hier in Hessen. Um an Gelder zu gelangen gibt das hessische Schulgesetz die Möglichkeit vor, Ganztagsangebote zu schaffen, die subventioniert werden. Zwanghaft stellen Schulen darauf um, auch wenn die Infrastruktur nicht gegeben, wenn die kindliche Versorgung nur schlecht gewährleistet ist. Zur Erlangung von Zuschüssen segnen Schulelternbeiräte diese Vorhaben ab; die Voraussetzungen spielen zumeist keine Rolle mehr.

Nochmal persönlicher Einwurf, ich fasse mich kurz: Bei einer solchen Sitzungen war ich zugegen. Ich stimmte nicht dafür - auf verlorenem Posten und unter angewiderten Blicken anderer Klassenelternbeiräte, die meine Sichtweise nicht mal hören wollten. Der Rektor vermittelte sein Vorhaben unter der Rubrik "Sachzwang" - dass da Elternbeiräte relativ unkritisch und unhinterfragt zustimmen, wundert nicht. Der Zwang kennt keine Fragen, keine Hintergrundinformationen, er kennt nur den aktionistischen Impetus.

Die Effektivierung betrifft mehrere Bereiche. Wesentlich ist die Wirksammachung des Kindes, wie oben erklärt. Der neoliberale Entwurf will effektive Strukturen, um kostengünstig und zeitsparend zu sein. Lehrpläne werden bereinigt, so genanntes unnützes Wissen aussortiert. Schulsport ist ein seltenes wöchentliches Gut, Fächer wie Geschichte und Geographie werden beschränkt, um den wichtigen Zensurfächern noch mehr Platz zu gewährleisten. Kinder sollen rechnen, lesen und schreiben können - eine allgemeine Bildung auf anderen Feldern scheint hingegen lästig und auch wenig notwendig, um später auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Was nützt einem Hauptschüler adäquates Wissen in Geschichte, wenn er bestenfalls KFZ-Mechaniker wird? Warum soll sich eine Realschülerin mit der Topograhie und der historischen Einordnung des Odenwaldes aufhalten, wenn sie später Bürokram verwalten soll?

Der Selektionswahn geschieht einerseits im Rahmen der Effektivmachung der Kinder, wenn man Störenfriede nicht mehr integriert, sich ihnen pädagogisch annähert, sondern auf schnelle und probate Mittel wie Aussperrung und Desintegration baut, und andererseits geschieht sie auf sozialer Ebene. Hauptschüler werden in Klassen mit Realschülern gesetzt, weil die Mittel fehlen, Hauptschulklassen und dazugehöriges Personal loszueisen. Noch gärt dieser Unterschied in der Klasse meines Kindes nicht, aber ich sehe die Konfrontation zwischen den Realschülern und den Hauptschülern heraufziehen - die Schulen gehen sehenden Auges in diese infantil-klassistische Katastrophe, die den weiteren Werdegang eines Kindes, das geschmäht wurde, das man sozial und intellektuell ausgrenzte, verlachte und verspottete, schwer beeinflussen wird. Ich warte nur darauf, dass man mir berichtet, die Realschüler hätten aufgemuckt, weil sie schwerere Klassenarbeiten schreiben müssen, als es die Hauptschüler tun -  ich warte auf die ersten Elternreaktionen, die dann lauten: Der Klassenschnitt ist mies, weil die Hauptschüler alle intellektuell nach unten ziehen. Hier wird ein unglaubliches Potenzial zur Spaltung der Gesellschaft geschaffen; die Schule fungiert hier als klassistische Selektionsrampe, an den nicht nur aussortiert, sondern auch die Keim der Ablehnung und der Schmähung gesät wird.

Unwohlsein im Kindeswohl

Diese Gesellschaft pflichtet denen bei, die meinen, die Beschneidung eines männlichen Säuglings würfe Traumatisierungen auf - selbst gestochenen Ohrlöcher schreibt man diese Wirkung zu. Das totale Kindeswohl wandelt auf extremen Spuren, degradiert Eltern zu Behütungsapparaturen infantiler Tabuzonen. Da wird überkandidelt behütet und übertrieben beschirmt. Jedes noch so theoretische und vorstellbare Leid soll vom Kind abgehalten werden. Ohrlöcher und medizinisch fachgerecht entfernte Vorhäute könnten ja aus dem erwachsenen Menschen ein psychisches Wrack machen, also jubelt die Gesellschaft im Taumel des Kindeswohles, wenn man das verbieten möchte. Das totale Kindeswohl hat uns auf der einen Seite im Griff, interessiert uns auf der anderen Seite nur marginal.

Das Kindeswohl ist ein Rechtsgut im deutschen Familienrecht - im effektiv gehaltenen Schulwesen ist es unbekannt. Hier schickt man Kinder auf Schulen, in denen sie verwaltet werden wie Lernaggregate, die man programmieren und systematisch organisieren sollte, um sie ergebnisreich heranzubilden. Dort werden sie selektiert und ausgemustert, auf Funktionsfähigkeit getrimmt und tyrannisch zu absoluter Anpassung komplimentiert, also dem Zuckerbrot und der Peitsche des Neoliberalismus ausgeliefert, in dem man mit Komplimenten tyrannisiert, mit netten und seriösen Worten unfreundliche und unseriöse Umstände vermittelt.

Sein Kind einer Lehranstalt auszuliefern, die nicht an Bildungsideale anknüpft, wie wir sie schon bei Humboldt finden, es in eine effektiv gestaltete Lernagentur zu schicken, das kann fürwahr Angst machen. Jedes Kind ist dann eine tickende Bombe, denn es könnte aus der Reihe tanzen, dann würde die Schule keifen, das Jugendamt alarmiert (auch davon ist hin und wieder schon geredet worden), eine Schulpsychologin eingeschaltet, nur weil das Kind nicht ganz genau so funktioniert, wie man es gerne hätte.



20 Kommentare:

Gabriele 26. Oktober 2012 um 09:02  

Das gewünschte "Funktionieren" eines Kindes wie ein aufgezogenes Kinderspielzeug ist leider weit verbreitet. Ich höre seit Jahren, mittlerweile 11.Klasse, regelmässig zweimal im Jahr an Elternabenden, die Klasse wäre nicht HOMOGEN. Die Jugendlichen wären zwar durchaus intelligent (50 % der Klasse hat übrigens jedes Jahr Preise und Belobungen), aber sie würden durch teilweise zuviel Hinterfragen den Unterrichtsfluss behindern......

Stefan Rose 26. Oktober 2012 um 10:25  

Tja, so ist das, wenn alles nur auf Effizienz getrimmt wird, da bleibt so was wie Pädagogik schon mal auf der Strecke. Es gab auch zu meiner Schulzeit eine Minderheit von Lehrern, die qua pädagogisch-didaktischer Minderbegabung auch andauernd was von "Funktionieren!" schnarrten. Nur waren die damals das Gespött der Schule, incl. größerer Teile des Lehrerkollegiums.

totschka 26. Oktober 2012 um 11:02  

Mir wird regelmäßig übel, wenn die Angehörigen des "Bildungsbürgertums" stolz berichten, dass ihre Dreijährigen im Kindergarten bereits Englischunterricht bekämen...

Die neoliberale Dressur des Menschen beginnt schon, bevor die zukünftigen Arbeitnehmer in die Schule kommen.

Anonym 26. Oktober 2012 um 11:53  

Man sollte es nicht glauben, was dieser Descartes mit seiner Behauptung: "l`homme est une machine"
angerichtet hat. - Nicht nur die Erwachsenen, nun auch die Kinder(Schüler/innen) haben zu funktionieren wie die Maschinen....

Schöne, neue Welt.....

Hartmut

Thomas 26. Oktober 2012 um 12:55  

Auf der anderen Seite sind die Lehrer auch dem neoliberalen Druck ausgesetzt. Ein Lehrer wird heute genauso beurteilt und unter Druck gesetzt, die Lehrziele zu erreichen.

In diesem System gibt es nur Verlierer

Fritz Koch 26. Oktober 2012 um 15:53  

Solange sich die vorwiegend verbeamteten Lehrkörper selbst reproduzieren, wird sich in der Schule nichts ändern. Denn die größten Streber mit Kurzzeitgedächnis und die zu sonst nichts fähigen Langweiler einer Klasse werden Lehrer. Es herrscht das Lernziel, den faden „Leer“-stoff schnell auswendig in sich reinzufressen und ihn bei der nächsten Klassenarbeit wieder auszukotzen (Bulimie-Wissen). Von wegen „non scholae ...“ Es gibt keine akademische Berufsgruppe mit so grottenschlechter Allgemeinbildung wie die Lehrer.
Ich bin wirklich kein Pseudoliberaler, aber warum werden ausgerechnet Lehr auf Lebenszeit verbeamtet? Diese selbstherrlichen und selbstgerechten Pauker, die nicht anderes begeistert, als ihrem unverdienten Vorruhestand entgegen zu dämmern. Sie machen sich ihre Arbeit einfach, indem sie unsere Kinder schinden und uns Eltern als Hilfslehrer zwangsverpflichten, weil sie den Lehrstoff kaum selbst beherrschen geschweige ihn, so verständlich vermitteln können, daß es einer Nachhilfe nicht mehr bedarf.
Echte Lehrer sind leider heute so selten wie zu meiner unseligen 40 Jahre zurückliegenden Schulzeit, an die ich mich bis heute nur mit allergrößtem Schaudern erinnere.
Wie sagt doch der einstmals große Dichter Wolf Biermann, bevor er den Nationalpreis erhielt:
Und sagt mir mal: Wozu ist gut
Die ganze Bürokratenbrut?
Sie wälzt mit Eifer und Geschick
Dem Volke über das Genick
Der Weltgeschichte großes Rad
- die hab ich satt!
Die Lehrer, die Rekrutenschinder
Sie brechen schon das Kreuz der Kinder
Sie pressen unter allen Fahnen
Die idealen Untertanen:
Gehorsam - fleißig - geistig matt
- die hab ich satt!

Jutta Rydzewski 26. Oktober 2012 um 16:33  

Dass die Seuche der Privatisierung und Ökonomisierung nahezu alle Lebensbereiche, u.a. die Schulen und Hochschulen erfasst hat, ist ja schon grauer Alltag. Mittlerweile "kümmert" sich die neoliberale Religion auch um unsere Kleinsten (totschka hatte bereits erwähnt, wie stolz das verblödete (Ver)Bildungsbürgertum über den Englischunterricht ihrer Dreijährigen ist). Doch damit nicht genug, nun haben die Banken das Taschengeld von Kindern als "Geschäftsmodell" entdeckt. Es soll sogar eine spezielle Kindergeldkarte gebe. Zukünftig wird also Klein-Clara zur Mama sagen: Mama, nicht zum Spielplatz, erst muss Clara zur Bank. ... Es kommt aber noch doller. Ich wollte es gar nicht glauben, dass Erstklässler einer Grundschule in Gummersbach bereits von schneidigen Herren der Bundeswehr über den "humanitären" Einsatz in Afghanistan "informiert", und sogar zu Kasernen- und Waffenbesichtigungen "eingeladen" werden. Eine Lehrerin dieser Grundschule "integrierte" dann auch, sozusagen folgerichtig, Informationen zum deutschen Einsatz in Afghanistan in den täglichen Schulalltag ihrer Erstklässler: "Jeden Morgen wird seither bei Unterrichtsbeginn die aktuelle Uhrzeit im Einsatzland und das dortige Wetter verkündet. Außerdem schließen die Kinder die im Einsatz befindlichen deutschen Soldaten täglich ins morgendliche Gebet ein". Näheres dazu unter: http://www.heise.de/tp/blogs/8/152676 . Mir ist übel geworden, als ich diesen Artikel las. Dagegen dürfte sich "unser" ständig bewegter und ergriffener Sehnsuchts- Herzens- und Freiheitspräsident, der so gerne liebevoll und mit leidenschaftlicher Inbrunst, wie bei seinem Auftritt vor der BW, die deutsche Fahne küsst, über diese "Entwicklung" sicherlich freuen. Wenn schon Sechs- und Siebenjährige auf den "Ehrendienst" mit der Waffe "vorbereitet" werden, dann dürfte die Forderung des Gaucklers, nach mehr Offenheit für Auslandseinsätze der Bundeswehr, in der vergauckelten Bevölkerung auch "Früchte" tragen. Noch kürzlich hat sich dieser neoliberale Präsidentenprediger vor dem Herrn der Märkte bitterlich darüber beklagt, dass sich diese glücksüchtige Gesellschaft erdreistet, es tatsächlich schwer erträglich zu finden, weil es wieder deutsche Gefallene gibt. Für das Vaterland am Hindukusch oder an anderen Orten der Welt zu sterben, pardon, zu fallen, ist eine große Ehre, und hat "uns" gefälligst, neben der verordneten (Staats)Trauer, auch mit Stolz und Dankbarkeit zu erfüllen. Und genau das kann den Kleinen und Kleinsten nicht früh genug beigebracht werden, denn schließlich sind wir ja wieder wer, und in Europa wird ohnehin teutsch gesprochen. Jawoll!! Es ist mir bereits wieder übel.

mfg
Jutta Rydzewski

Anonym 26. Oktober 2012 um 16:37  

Anmerker meint:
Chapeau lieber Roberto!

Hier wird glasklar aufgezeigt, was eine neoliberal aufgebürstete Frau Wolff, ehemals Kultusministerin in Hessen, mit Erfolg auf den Weg gebracht hat: die totale Verdinglichung schulischer Erziehung.
Die vom Hessischen Unternehmerverband vorgegebene Maxime: Schulisches Handeln muss sich empirisch erfassen und messen lassen wurde von Wolff und Co exekutiert und feiert nun „fröhliche“ Urständ!
Ziel erreicht: Alle/s funktioniert/en! Und wer das nicht tut, wird ausgesondert!
Nicht nur bei Schüler_innen, auch im „Lehrkörper“ : Da die Damen und Herren Rektor_innen inzwischen über das Disziplinarrecht an „ihren Schulen“ verfügen, ist es nicht mehr so schwer wie früher, ein Kollegium gefügig zu machen, auf Linie zu trimmen. Und die vielfach im Angestelltenverhältnis agierende Lehrerschaft hat leider noch nicht gelernt, solidarische Gegenwehr zu entwickeln. Außerdem wird den Lehrer_innen jegliche Kraft fürs Pädagogische geraubt, weil alle 5 Minuten eine neue „Reform“ durch die Schule gejagt wird, ganz zu schweigen von den permanenten obrigkeitlichen „Qualitätskontrollen“, die zum größten Teil nichts anderes sind als Funktionierungskontrollen.
Solidarität? Nichts als 68er Geschwafel! Von da rührt eh alles Böse in der/unserer Welt!
Dabei wäre gerade das Anknüpfen an die pädagogischen Ideen und Handlungen der 68er ein guter Weg aus der gegenwärtigen Misere. Denn ohne Solidarität geht gar nichts. Die müssen alle in einer Schulgemeinde einfordern – vorneweg die Eltern, auch gegenüber Lehrer_innen, denn es geht um die Zukunft aller Kinder und unserer Gesellschaft.
Also dran bleiben!

maguscarolus 26. Oktober 2012 um 18:28  

@Fritz Koch 26. Oktober 2012 15:53

Solche Pauschalschelten kommen stets aus einschlägig vorbelasteten Köpfen.

Freilich wäre eine selbstbewusste, nicht dem Beamtenrecht unterworfene Lehrerschaft wünschenswert.

Wer sie so vehement fordert sollte allerdings bedenken, welchen Einflüssen sie dann unterworfen wäre.

Was in dem Blog-Artikel beschrieben wird ist ja gerade eine Folge der Infiltration von Schule durch wirtschaftliche Inhalte und Interessen – der Unterordnung des Schulwesens (genau wie des Gesundheitswesens) unter das Primat der Wirtschaft. Solche Prioritätsverschiebungen werden den Schulen durch Politikermarionetten im Auftrag einflussreicher gesellschaftlicher Gruppen aufoktroyiert. Dafür pauschal die gesamte Lehrerschaft zu schelten zeugt von wenig Einblick in das Bildungswesen.

Anonym 26. Oktober 2012 um 22:57  

Ich möchte hinzufügen, dass der Neoliberalismus neben den genannten Säulen noch eine weitere hat, die ebenfalls sehr wichtig ist.

Das ist die Betrachtung eines Jeden als sein eigenes kleines Unternehmen.

Arbeitslos, Obdachlos, zu wenig Geld trotz Arbeit?
Dann funktioniert das Unternehmen nicht richtig.
Da kann der freie Markt nichts für, da darf man auch nicht eingreifen.

Von daher kommt auch der Begriff Ich-AG.

Grilleau 28. Oktober 2012 um 12:14  

Prof. Dr. Gerald Hüthe

Wie Kinderseelen vergiftet werden
https://www.youtube.com/watch?v=R8q3as8wgmc

Offizielle Webseite:
http://www.gerald-huether.de/

Anonym 28. Oktober 2012 um 13:18  

Wie immer - ein Artikel der mit dem Finger auf die Wunde zeigt.

Möchte zu einigen Kommentaren, die sich mit der BW in Afgh. befassen, einen Link anfügen, der sich ausschließlich mit der Militarisierung sowohl in Deutschland, der EU als auch weltweit befasst. www.imi-online.de

Immi hat auch auf die dem Kommentar von Jutta angesprochene Grundschullehrerin, geschrieben und zwar - ich weiß ihn nicht mehr genau: "Schutzengel für Soldaten".

Ansonsten kann ich dem Artikel zustimmen und ich frage mich, wie die Schulen vor den 68-iger waren.

Auch da ging es ausgesprochen hart zu, schreibt Roberto auch,und ich suche nach dem Unterschied zu heute.

Wenn die Deregulierung alles de-reguliert, warum sollte sie nicht dann auch die Menschen insgesamt de-regulieren, was heißt, regellos machen ?

Höre ich von Lehrkollegien, stelle ich zu häufig fest, dass sie selbst sehr chaotisch, egoistisch und rachsüchtig sind.

Warum sollte sich deren Verhalten nicht auch auf die Kinder - quasi - nonverbal übertragen ?

Dass Kinder anders sind, wissen die Lehrkräfte alle, aber wie oft gehen sie in die Schule und sind schon fertig, bevor sie den Tag angefangen haben ?

Wenn Kinder funktionieren müssen wie Maschinen ist das genauso schlimm wie in vergangenen Zeiten, in denen man Kinder sehen, aber nicht hören durfte.

Ich schiebe dem Neoliberalismus auch alles in die Schuhe - aber sind auch die Eltern, die diesen ganzen Schul-Scheiß mitmachen und hoffen, dass, wenn sie Ja und Amen sagen, ihr Kind eine bessere Note bekäme.
Nach dem Motto: Nur nicht auffallen.

Dann noch ein Punkt, der gar nicht erwähnt wurde, nämlich die Pathologisierung kindlichen Verhaltens, wobei die Medizin wieder einmal eine unrühmliche Rolle spielt. ADHS oder wie das heisst und das Wundermittel Ritalin. (Buch dazu: Die Ritalingesellschaft, Autor vergessen)
Auch da machen die meisten Eltern gerne mit, denn Erziehung, bzw. Umgang mit Kindern strengt an.

Noch ein Punkt: Elternabende mal nicht im Klassenkinder der Kinder sondern in der Aula oder sonstwo, wo alle auf normalen Stühlen sitzen.

Psychologische Untersuchen haben ergeben, dass Eltern unbewusst regredieren, wenn sie bei Elternabenden sind - im Grunde kann man sie dann nicht ernst nehmen.

Die LeherInnen wissen von diesem Phänomen und stellen es bewusst nicht ab durch andere Räumlichkeiten.

Aber "Kopf hoch, Roberto" du hast viele auf deiner Seite und es lohnt sich gegen diese menschenfeindlichen Unsitten in Schule und Gesellschaft, anzugehen. Tue es, wann immer du kannst.

Anonym 28. Oktober 2012 um 13:39  

Ich möchte noch hinzufügen, dass Disziplin, die man sehr wohl auch schon Kindern beibringen kann, nichts Unanständiges ist, wenn diese nicht verwechselt wird mit dem Kadavergehorsam, der in Militärs und Klöstern des Mittelalters von den Obrigkeiten von den unteren Schichten eingefordert wurde.

Lazarus09 28. Oktober 2012 um 18:18  

Schau das du deinen Kindern "Werte" vererben kannst statt zu vermitteln denn dann können diese Dumm wie Brot sein und es klappt trotzdem mit dem Lebensweg.

Bildung hilft nur begrenzt wie wir seit den Entqualifizierungsmaßnahmen in der Goslarer ARGE wissen ...

Billig ist das Schlagwort, sollte deine Tochter oder Sohn billig sein könnte es von Vorteil sein bei der Beschäftigungsbeschaffung ... und das meine ich in wirklich jeder Beziehung.

Vielleicht mal noch beiläufig, es ist unsere Generation die zugelassen hat das dass geschehen konnte , auf Bequemlichkeit und Ignoranz.

Sigl Martin 28. Oktober 2012 um 21:37  

Seit der Entstehung der ersten Klassengesellschaften in Babylon, Ägypten, Indien und China, etc. gibt es das Unterrichten, damit Menschen in Zukunft das tun, was das System braucht, damit es funktioniert. Das System dient vor allem dem Vermehren des Vermögens von rund 10 % der Bevölkerung. Hierfür müssen die anderen 90 % arbeiten. Daran hat sich seit dem nichts geändert: http://www.humonde.de/artikel/10047
Die Arbeitsdisziplin ist äquivalent zur Unterrichtsdisziplin: Schweigen, Zuhören, Ruhigsein, Pünktlichsein, usw. - sprich die ach so geliebten "bürgerlichen" Tugenden. Sie werden durch den Unterricht so nebenbei "nonverbal" eingetrichtert und sind mit den vermittelten Denksystemen kongruent. Der Gehirnwäsche entspricht auf Körperebene das Hamsterradtraining. Eigensinn, selbstorganisierte Zusammenarbeit und Selbstdisziplin interessieren im Unterricht niemanden. Moderne Unterrichtsmethoden wie Partner- und Gruppenarbeit tun zwar so als ob, werden aber im Sinne des Unterrichts zweckentfremdet und funktionalisiert.
Progressive Lehrer, die es ja auch noch gibt, werden jetzt massiv protestieren, leben sie doch davon, dass sie es besser machen würden als die traditionell konservativen Frontalunterrichtler.
Doch auch sie müssen "Unterricht durchziehen" und die Zahl wie die Intensität von Übergriffen, welche nicht funktionierende Kinder und Jugendliche im Unterricht maßregeln und demoralisieren müssen, kann bei genauem Hinsehen nicht weniger sein als bei den Frontalunterrichtlern.
Der Zensurendruck, der ja vom Schulrat kontrolliert wird, ist ein extrem funktionales Gängelungsinstrument, welches das System unentrinnbar macht. Nicht nur in der Schule, sondern auch im Leben: "scolae non vitae discimus":

Wer kein ABI hat, gehört mit 99 %iger Wahrscheinlichkeit zu den 90 Prozent, welche für die 10 Prozent arbeiten "dürfen". Nicht umsonst garantiert der Zensurenzwang, dass bei jeder Klassenarbeit sich das Verhältnis von "Guten" und "Schlechten" etwa 10 zu 90 Prozent einzupendeln hat. Die Synergie von Gehirnwäsche und Hamsterradtraining und die damit verbundene "Erhöhung" der Guten wie die Demoralisierung der "Schlechten" macht das so "alternativlos" wie diese "soziale Marktwirtschaft" mit der ach so hoch gelobten "Demokratie" der Eliten, der sich mit deren Hilfe eine feudalstrukturelle Konzern- und Finanzwirtschaft bemächtigen kann.

Wie sich in der Schule der eingangs beschriebene Rektor der Eltern bemächtigt, in dem er an die Ängste der Ausgrenzung von vorneherein rührt und damit auch bei den Eltern jenen Stress erzeugt, der die "bürgerlichen" Tugenden als in jedes Subjekt eingravierte Gewohnheiten mobilisiert und jeden Gedanken an wirklich zielorientierte Alternativen von vorneherein ausmerzt.
Zum Beispiel: http://www.cog.psy.ruhr-uni-bochum.de/papers/2012/Schwabe_Goal-Directed%20Action%20Cort&Yoh&fMRI_JNeurosci(2012).pdf

Dieser Rektor versteht sein Geschäft. Im Übrigen handelt es sich bei dieser "Praxis" um uraltes Herrschaftswissen. Wer die Schule der Nation (Bundeswehr) hinter sich bringen durfte, sollte das am eigenen "Leib" in aller erforderlichen Intensität erlebt haben. Schließlich ist das stehende Heer, das ja von Anfang an an die Entstehung der Klassengesellschaft gebunden war, und seine Produktion der Vorläufer einer jeden Unterrichtung.
Drohende Ausgrenzung ist der größte denkbare Stress, den man einem Menschen antun kann: Das zieht! Früher tat das die Rute.

Hartmut 28. Oktober 2012 um 23:01  

@Sigl, Martin

ein sehr treffender Kommentar. In konzentrierter Form ist hierin der gesamte neoliberalistische Bildungsstress (Inhumanität) zusammengefaßt.

Der Kommentar zeugt von solchen ausserordentlichen Kenntnissen von soziologischen, pädgogischen und psychologischen Zusammenhängen, daß ich hiermit meine Hochachtung aussprechen möchte. Vielen Dank.

Sigl Martin 29. Oktober 2012 um 10:48  

Hallo Hartmut,
ich habe zu danken.

Das größte Glück eines Menschen besteht darin, etwas wirklich verstanden zu haben und wenn es mitgeteilt wird, verstanden zu werden.

Das haben alle Glücksforscher leider noch nicht begriffen.
Im Übrigen wäre zum obigen Thema noch viel zu sagen.

Ich werde wohl in einem Jahr mein Buch über "Psychodynamisches Lernen" fertig haben, in dem ich ausführlich darlege, was den Menschen zum Menschen macht (die positive Sicht). Dann kommt meine Arbeit über "Die Vernichtung der inneren Natur des Menschen" in der ich darstelle, wie das alles so gekommen ist, wie es jetzt immer noch ist. Psychodynamik hat dabei mit dem, was Psychoanalytiker sich zusammenreimen nichts zu tun.
Sie finden mehr über mich wenn Sie google nach Psychotherapie und Martin Sigl fragen.

Schön, dass es so einen kritischen Blogg gibt.

Sigl Martin 29. Oktober 2012 um 20:03  

Wenn Dank geschuldet ist, so dem Autor des Hauptartikels zu diesem Blogg.
Das Leid der Elternschaft eines Schulkindes so treffend, wenn auch hinreichend abgeklärt, dargestellt entzieht sich jeglicher "empirischen" Erforschung von Schulkontexten.
Mein Mitgefühl hat mich getrieben einen Rundumschlag zu formulieren, der wie Goethe gesagt hätte zugleich ein Durchgang durch die Weltgeschichte und ein Marsch über "den Globus" sein muss. Auch wenn der erforderlichen Kürze wegen das meiste ausgelassen wurde.

Natürlich hat die Schule für manche Menschen auch ihr Gutes: Ich war ein Kind aus armen Verhältnissen, immer ein guter Schüler, nie ein Streber und habe Erziehungswissenschaften in München Pasing und dann Psychologie an der TU Berlin studiert. Das geht, wenn man sich abgrenzen kann, nicht dem Meer des Irrsinns verfällt und weiß, dass Zeugnisse Eintrittskarten in Berufswelten sind, die durchaus erstrebenswert sind.

Zu den Problemen "dysfunktionaler" Kinder, die ja wiederholt angesprochen worden sind:
Wenn Kinder so verpeilt (= unaufmerksam) sind, dass sie nicht einmal das kapieren, was die Lehrerin/der Lehrer will, dann braucht es Hilfe, definitiv. Dass allerdings die etablierten Psychotherapeutischen Praktiken diese Hilfe bieten ist durchaus fraglich.

In jedem Falle aber sind die Eltern dieser Kinder gefordert.
Die Kraft und Energie, die ein Kind benötigt, um in der Schule klar kommen zu können, muss es zuhause einfahren können. Für Eltern, die hier Probleme haben rate ich die Beschäftigung mit der Bindungstheorie. Zum Einstieg vielleicht: "Ein guter Start ins Leben" von Mechthild Papoušek http://liga-kind.de/downloads/Papousek%2030-5-2006.pdf
Hier geht es nicht um Ratschläge, sondern um ganz banale und einfache, grundlegende Haltungen zum Kind.

Anonym 31. Oktober 2012 um 11:56  

Kinder, Kinder, einstmals auf den Kaiser dressiert, später auf den "Führer" und heute auf den Markt ...

Wer ständig von "funktionieren" redet, der meint damit im Grunde nur eines: die negative, (da manipulative), Ausübung von Autorität.

Roberto J. De Lapuente 6. November 2012 um 15:35  

Dem letzten Kommentator: Ich habe Ihren Kommentar erhalten, kann ihn aber nicht veröffentlichen, um mich rechtlich nicht angreifbar zu machen. Da Sie Interna wissen, bitte ich Sie einfach um Kontaktaufnahme per e-Mail.

  © Free Blogger Templates Columnus by Ourblogtemplates.com 2008

Back to TOP