De dicto

Dienstag, 21. August 2012

"Aber nur die Gemeinschaft von Mann und Frau ist auf die Hervorbringung von Kindern angelegt. Sie ist Keimzelle der Gesellschaft. Daher wird sie als Institution geschützt."
- Reinhard Müller, Frankfurter Allgemeine vom 13. August 2012 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Lassen wir mal beiseite, dass es durchaus richtig ist, die Familie als Institution zu schützen - und lassen wir auch beiseite, wie wir als Gesellschaft den Familienbegriff interpretieren wollen, ob nun homosexuelle Paare mit oder ohne Kinder Familien sein sollen oder nicht. Es soll hier um etwas Grundsätzliches gehen: Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft zu benennen ist nämlich ein beliebtes Vorurteil, das sich wissenschaftlich nicht bestätigen läßt.

Die Anthropologie und die Evolutionsbiologie geben durchaus nicht vor, dass Mann und Frau als Keimzeile aller Gesellschaft zu sehen sind. Der Blick auf vom Menschen artverwandte Spezies läßt Rückschlüsse zu, dass die Erziehung und Anleitung der Jungen, einst nicht einem Paar, sondern der Gruppe übertragen wurde. Die Paarung ergibt zwar den Nachwuchs, aber die Kinder gehörten letztlich nicht Mann und Frau, modern gesagt: das Sorgerecht lag nicht bei den Eltern, sondern wurde vergesellschaftet. Die Kinder hatten auch keine explizite Bindung zu den Erzeugern, schliefen nicht abends selbstverständlich in deren Nestwärme und wurden nicht ausschließlich von jenem Weibchen gestillt, das die Mutter war, sondern von einem mehrerer Weibchen, die nicht abgestillt hatten. Richard David Precht schreibt, dass dies mit dem Einzug der Liebe zwischen Männchen und Weibchen einen Abbruch fand, weil Liebe immer auch Absonderung von anderen und damit Exklusion von lästigen Dritten bedeutet. Damit ändert sich an der Keimzelle, die Müller ja zitiert, nichts. Nicht die klassische Familie nach dem Schema "Mann, Frau und Kinder" ist Keimzelle, sondern der archaische "kommunistische Impetus", Fürsorge als Gesellschaftsauftrag zu leisten.

Auch diese These ist natürlich nicht hundertprozentig sicher; sie ist auch nur eine Vermutung. Eine jedoch, die im Hinblick auf Beobachtungen schlüssiger erscheint und die nicht sehr gut in ein Lebenskonzept passt, in dem Eigenverantwortung und soziale Vereinsamung wesentliche Stützpfeiler sind. Hätte nämlich der Mensch ursprünglich Erziehung als Verantwortung für die gesamte Gesellschaft begriffen, wäre er also in seiner Keimzelle ein Kommunist, so würde das bedeuten, dass der homo neoliberalis in einem nicht artgerechten Zustand weilte, kein richtiges Leben im falschen finden könne. Der Mensch ist freilich flexibler, existenzialistisch gesagt, kann er das sein, was er sich einzubilden meint; als Wesen, das sich selbst reflektiert, ist ihm die Selbstdefinition gegeben und die kann in alle Richtungen ausschlagen. Niemand will heute seine Kinder vollauf der Gesellschaft übertragen - denn der heutige Mensch definiert sich (auch) über seine Kinder. Das muß kein künstlicher Zustand sein, sondern ist dieser Gabe zur Selbstdefinition geschuldet.

Dass aber kommunistische Impulse nicht per se ideologisch sind, sondern der conditio humana entsprechen, das reicht aus, um dem konservativen Leitbild von der Keimzelle der Gesellschaft immer wieder Auftrieb zu geben. Denn es darf nicht sein, was nicht sein soll. Mit der Familie aus Mann, Frau und Kindern läßt sich die Hierarchie einer Gesellschaft sauber und ein wenig naturalistisch erklären. Richtig muß dieses Konstrukt aber deswegen noch lange nicht sein. Und ist es vermutlich auch nicht...



11 Kommentare:

Anonym 21. August 2012 um 08:31  

JETZT will uns Lapuente auch noch die kinder weg nehmen. Kommunistenschwein.

Roberto J. De Lapuente 21. August 2012 um 08:42  

Ohje, Lesekompetenz und so... da fehlt es ja weit.

Du hast also Kinder - wie lernen die je lesen, wenn du es nicht kannst?

pit 21. August 2012 um 08:49  

Kaum sagt mal jemand etwas schlaues, schon wird er als Kommunist verschrien.

Anonym 21. August 2012 um 09:05  

... wollte mal fragen, ob du eigentlich weißt, woher der Kommunismus kommt - und wozu er gedacht war?

Adam Wisehaupt

PeWi 21. August 2012 um 09:38  

Richtig. In der jungen Menschenzeit, als die Frau noch das Haupt des Stammes war, soll sie sich mit mehreren Männer durchaus gepaart haben. Die Kinder wurden in der weiblichen Linie "gezählt" und in den Langhäusern, wie festgestellt wurde, gemeinsam erzogen. Die "Keimzelle" wurde erst installiert, als aus dem Matriarchat das Patriarchat wurde und das etwas da war, das vererbt werden konnte. Der Mann wollte das Erbe natürlich nur seiner eigenen Blutlinie zur Verfügung stellen. Das hört sich bei mir vielleicht recht dilletantisch an, wird in August Bebels "Die Frau und der Sozialismus" gut untermauert. In den Anfangsjahren der Kibbuze wurden die Kinder auch gesellschaftlich erzogen. Aber auch christliche Utopisten gehen von diesem Bild aus, der gemeinschaftlichen Erziehung von Kindern, z.B. in dem Buch "Christianopolis", so hieß es - glaube ich -. Liebe und Ehe gehörten im Prinzip lange Zeit überhaupt nicht zusammen. Ehe war mehr eine Zweckgemeinschaft, um Vermögen zu sichern, Macht zu sichern oder in ärmeren Schichten die Alltagsarbeit des Überlebens meistern zu können. Heute ist das Bild der Familie verklärt, vor allem von unsäglichen, vor allem amerikanischen, Serien. So war Familie in der Geschichte eigentlich nicht angelegt. Das nur mal klein angemerkt.

Anonym 21. August 2012 um 09:41  

Geschlechterverhältnisse von Paul Lafargue könnte man dazu lesen.
Da werden auch allerhand Gesellschaftsformen dargestellt, die eben nicht der heutigen entsprechen.

Anonym 21. August 2012 um 10:43  

Ein interessanter Artikel.

Vom ersten Kommentar bin ich regelrecht geschockt. Doch weiß ich jetzt, welche Klientel hier mitliest.

Zurück zum Artikel:
Als erster Gedanke kam ich auf die Mitochondrien, die ja nur von weiblicher Seite weitergegeben werden. Diese kleinen, aber sehr wirkungsvollen "Kraftwerke" in unseren Zellen bewirken unter anderem, dass wir als Spezies "Mensch" eine verhältnismäßig hohe Lebenszeit haben.

Nun aber retour zur gesellschaftlichen Sicht:

Die hier beschriebenen Möglichkeiten teile ich durchaus; Kernaussage: es ist wissenschaftlich nicht bestätigt.

Hartmut

Anonym 21. August 2012 um 13:42  

War der erste kommentar etwa nicht ironisch gemeint? Ansonsten guter artikel: fürsorge als gesellschaftsauftrag - dagegen das kapitalistische projekt atomisierung aller "sozialen/gesellschaftlichen beziehungen", quasi der gegenentwurf zum klimawandel: mehr wärme in der atmosphäre wird ausgeglichen durch frostigere atmosphäre in der gesellschaft.

gruß
oblomow

Enja 21. August 2012 um 13:49  

Ich halte es für doch sehr logisch und aus meiner Erfahrung bestätigt, dass man in das, was aus einem selbst heraus entstanden ist, die meiste Fürsorge und Aufmerksamkeit steckt. Diese Intensität bzw. Opferbereitschaft äußert sich besonders in schwierigen und kräftezehrenden Phasen.
Zweifellos können als Sonderfall aber auch Adoptiveltern diese Bindung entwickeln.

Ich weiß nicht, was die Wissenschaft dazu sagt, auf Wikipedia findet man zumindest unter "Mutterliebe" stützenden Thesen:
Mutterliebe ist demnach "eine vor allem durch die Geburt herausgehobene besonders starke Gefühlsbindung zu ihren leiblichen Kindern".
"Eine biologische These ist, dass Mutterliebe-analoges Verhalten (bei Tieren spricht man eher von Mutter-Kind-Bindung) evolutionär entstanden sei und bei manchen Säugetierarten, besonders bei Primaten, die eine lange Entwicklungszeit der Kinder haben, der Arterhaltung und sozialen Lernprozessen diene."

Anonym 21. August 2012 um 14:46  

Wissenschaftlich nicht bestätigt. Wie so vieles, das unseren Alltag heute bestimmt.

Ich behaupte, dass sich dieses Bild der Familie als Keimzelle (Familie = Vater + Mutter + Kind(er)) einzig und allein herleitet aus der momentan aktuellen Fassung des größten (christlichen) PR-Katalogs zum Moralverkauf der vergangenen Jahrtausende: der Bibel. Da stecken so einige noch immer gepflegte Irrtümer drin, angefangen von der "Verderbtheit, Schuldhaftigkeit der Frau" über den "Mann, Vater als Oberhaupt, Herr" bis hin zum über allem stehenden Irrtum, dass es sich bei der Schöpfungsgeschichte um die Erschaffung von NAtur handle (statt dass man drauf käme, es handle sich um die ERschaffung von KULtur, was unendlich viel logischer ist, als alle kreationistischen Dummheiten).

Wir müssen endlich alle zusammen aufwachen, auferstehen (!) vom geistigen Tod durch die Religionen! Durch sie wird die Dummheit geboren. Sie müssen wir loswerden. Sonst wird das nichts mehr mit der Menschheit. Und wahrscheinlich auch zu recht. Wer so doof ist, als Gesamtheit, jahrtausendelange Geschichtsläufe bestehend aus Kriegen und Zeiten dazwischen (die man nur mit böswillig manipulatorischen Absichten als "Frieden" bezeichnen kann) als "normal" oder gar "gottgegeben" hinzunehmen, und nicht anfängt, an den sogenannten "Göttern" oder dem jeweils verordneten "Gott" zu zweifeln und seine(ihre) Funktion(en) als Herrschaftsinstrumente zu hinterfragen und so zu verstehen, dass man sie anschließend als bewältigt hinter sich lässt, der hat es als Spezies vermutlich wirklich nicht verdient, ein oder zwei Zeitalter auf diesem ansonsten wunderschönen Planeten zu verbringen.

Der Zins ist der Vater des Kapitalismus. Der Kapitalismus ist der Vater des Staates. Und der Staat ist der Vater des Krieges. Ganz einfach. Nur wo in dieser Zinsgeldökonomie Sachkapitalien (regelmäßig) zerstört werden, können Sachkapitalien (regelmäßig) wieder aufgebaut werden. Je mehr das Volk aufmuckt, desto observatorischer, oppressiver wird der Staat. Und desto mehr werden die sogenannten Werte der Moralverkäufer hochgehalten und verrechtet. Wie wunderbar, dass uns das Opium Religion so herrlich (denk)faul hält.

Freundlicher Gruß
tinitussi

Enja 22. August 2012 um 17:28  

tinitussi, leider hast du hier offenbar einigen Religionsdiskurs verpasst - such dir doch mal ein paar der letzten Artikel von Roberto raus zu dem Thema. So einfach wie du es siehst, ist es nicht.

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