Freundschaft als Feigenblatt

Donnerstag, 15. März 2012

Das liest sich wie ein Plädoyer für Interessenspolitik, was die FAZ, in persona Reinhard Müller, da publizierte. Denn niemand hat behauptet, so wie Müller schreibt, dass Politiker keine reichen Freunde mehr haben dürften - das ist auch nicht die Lehre aus dem Stück, dessen Hauptdarsteller Wulff war. Es geht nicht mal so sehr um Freundschaft, sondern viel eher um den Reichtum, der sich auf die politische Macht wirft, wie Fliegen auf noch dampfende Scheiße. Wobei Macht ein viel zu hohes Wort ist - noch entscheidet die Politik, noch geht die Wirtschaft den Umweg über diejenigen, die vom Gemeinwesen mandatiert wurden, die Ungeschicke zu lenken. Betonung auf Noch - und die Macht, von der die Rede war, ist nur das letzte Häuflein an Kompetenzen, das nach Deregularien und Entstaatlichung, nach Entschlankung und Entschlackung der öffentlichen Hand, verblieben ist. Auch hier schickt sich die Betonung an: Kompetenzen, die noch vorhanden sind. Von Macht sollte man hier nicht mehr reden.

Wenn Müller anführt, dass manche nun fordern, der Politiker sollte ein entfreundschaftlichter Mensch sein, einer, der schon gar keine reichen Freunde haben dürfe, dann bringt er das Problem nicht auf den Punkt, er umgeht es nur geschickt, indem er einen Popanz errichtet. Es geht nicht um einzelne Politiker und deren gutbetuchte Freunde - es geht darum, dass die gesamte Politik so nahe am dicken Geld sitzt, dass eine unabhängige Gestaltung des öffentlichen Lebens, eine, die Vor- und Nachteile von Entscheidungen abwägt und zum Wohle des Volkes fällt, gar nicht mehr möglich ist. Wulff war, sollten sich die Vorwürfe als justiziabel erweisen - was wahrscheinlich gar nicht der Fall sein wird -, nur ein kleiner Fisch.

Sich Geld auf Leihbasis zustecken zu lassen, um etwaiges Privatvergnügen zu finanzieren, gilt als Korruption - vielleicht ist es das auch, denn jemanden, der einen in seinen Kalamitäten hilft, wird man nicht im Wege stehen, wenn er sich anschickt, durch sein unternehmerisches Tun, dem Gemeinwesen zu schaden. Wenn aber jemand Gesetzesentwürfe von Rechtsanwälten diverser Unternehmen schreiben läßt und hernach auf Tingeltour im Namen eines Konzerns geht, der von diesem Gesetz profitierte, dann nennen wir es Marktwirtschaft - so einer riestert sich aber sicherlich mehr ein, als jemand, der sich einen freundschaftlichen Kredit einheimste. Denken wir doch nur an den Innenminister, der biometrische Pässe einführte und jetzt in einem Unternehmen sitzt, das solche Dinger herstellt. Ist das besser? Und wer sagt eigentlich, dass dieser Innenminister Freunde in diesem Unternehmen habe? Nein, man muß keine Freunde haben, um sich korrumpieren zu lassen - es reicht, wenn man jemanden zur Seite stehen hat, der Geld besitzt. Freundschaft wird da überbewertet.

Müller trägt da nicht zur Sichtbarmachung bei. Im Gegenteil, er glaubt, die Nähe der Wirtschaft und des Geldes zur Politik bedinge sich. Dazu braucht er die Freundschaft - sie ist der Trick, mit der er die Nähe des Geldes zur Politik rechtfertigen möchte. Denn Freundschaft aus gesellschaftlichen Gründen zu verbieten, kann niemand verlangen. Dabei geht es allerdings, wie schon erwähnt, nicht um Freundschaft - es geht um Interessen, die sich der Politik anbiedern. Und dieses Gebaren kann man sehr wohl verbieten - Freundschaften freilich nicht...



7 Kommentare:

Siebenstein 15. März 2012 um 07:43  

In diesem Zusammenhang ein
sehenswerter Beitrag gestern Abend im ZDF: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/1315152#/beitrag/video/1591226/ZDFzoom:-Mister-Karstadt.
Er zeigt exemplarisch wie Politik und Wirtschaft verbandelt ist

Anonym 15. März 2012 um 12:18  

Selbst unter Leuten, die sich in der Notwendigkeit einer Kehrtwende des Systems einig sind, besteht häufig grundsätzlicher Dissenz, wie es stattdessen laufen soll.
Der Artikel hier macht glauben, dass es mit Korrektürchen am Bestehenden weitergehen kann und trägt damit auch nicht zur Sichtbarmachung der Notwendigkeit einer viel, viel grundsätzlicheren Wende bei.

Roberto J. De Lapuente 15. März 2012 um 12:52  

Soso... die Welt ist ein guter Ort und der Kapitalismus reformiert sich... alles wird gut.

Anonym 15. März 2012 um 13:57  

Guten Tag Herr Lapuente

So ist es. Nicht die dicken Überschriften, derer wir hier und da gewahr werden, über die man sich die Köpfe heiß redet, sondern überwiegend wirken die Lobbyisten still und leise, langsam, hoch strategisch und natürlich, alle "freundschaftlich" fest verbunden.

Und ebenso wird jede Kritik daran automatisch durch gewollte Fehlinterpretation in die polemische Ecke gestellt, als Versuch, sie der Lächerlichkeit preis zu geben.

Mittlerweile, so mein Eindruck, macht man sich damit jedoch beim Puplikum lächerlich. Immer häufiger kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, die Welt sei voller erwachsener Kinder, bzw. Erwachsener, die sich wie Kinder benehmen.

Denn das einfache an einer solch demagogischen Unterstellungs-Strategie ist, man braucht nicht einmal selbst davon überzeugt zu sein oder es gut überdacht zu formulieren.

Sie haben Recht Herr de Lapuente, niemand stört sich an echter Freundschaft. Doch man darf die geschäftliche "freundschaftliche" Verbundenheit, was letztlich reine Zweckgemeinschaften bedeutet, nicht mit der wahren Freundschaft verwechseln.

Es ist schon eine böse Unterstellung, was Herr Müller in seinem Artikel betreibt, der Versuch, das Thema in diese Richtung zu lenken, ist in vielen Talkrunden - m.E. vergeblich - gestartet worden.

Gehe davon aus, er weiß, dass er demagogische Nuckeltuch-Taktik betreibt. Doch ich denke, diesmal verläuft es sich ins Leere. Denn sowohl das Thema, als auch dieser Tenor ist abgenutzt; an dieser Stelle noch einmal nachzusetzen erinnert an ein bockiges Kind, nicht mehr und nicht weniger.

Auch für jene wird es langsam Zeit, erwachsen zu werden. Denn dem Volke verlangt man das dem Munde nach stets ab, dessen gelebte Realität verlangt ein solches automatisch, wie man es ihm gleichzeitig regelmässig abspricht. (Ist schon ein wenig verrückt, unsere Welt.)

U.a. arbeitet dies auch der ZDF-Betrag sehr fein heraus (inkl. Nuckeltuch). Insoweit ergänzen sich die Ausführungen von Ihnen und die Arbeit des ZDF hervorragend.
(Vielen Dank Kommentator Siebenstein, den Beitrag hatte ich glatt übersehen).


@Anonym 15. März 2012 12:18
?????????Ägypten? Regenschirm????????

Der Artikel hier macht glauben, ...
Glauben, werter Anonym, ist eine höchst flexible und subjektive menschliche Eigenschaft. Die einen glauben dies, die anderen das, einige sind leichtgläubig, andere wiederum nicht ... usw. usf..

Meiner einer weiß nicht, wie Ihr Glaubensfazit - über das, was der Artikel glauben machen soll - zustande gekommen sein könnte.

Deutlich ausgedrückt, sind Ihre Worte derart unlogisch aus dem Zusammenhang gerissen, so würde ich vermuten, Sie haben schlicht den falschen Textbaustein zu den Ausführungen gewählt. Oder Sie waren im Geiste mit einem ganz anderen Artikel beschäftigt bzw. der Kommentar platzierte sich möglicherweise unter dem falschen Text, wäre also ein technische Problem (?)

Gruss
rosi

Anonym 15. März 2012 um 14:56  

Die Unschärfe um den Begriff „Freundschaft“ gründet in einer realen gesellschaftlichen Veränderung, die selbst die Interessen des Kapitals widerspiegelt: „Gute Freunde kann niemand trennen, gute Freunde sind nie allein“ zitiert Reinhard Müller und ergänzt: „heute (…) wirkt es auch inhaltlich oberflächlich.“ Tatsächlich wirkt der Begriff „Freundschafft“ heute antiquiert, entfernt im Sinne Günther Anders‘ „Antiquiertheit des Menschen - Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution“.

„Wir sind eine Familie“ hörte ich manchmal bei Bewerbungsgesprächen in der IT-Branche, also den Repräsentanten der dritten industriellen Revolution. Als ich in einer Bar mal meinem Unbehagen darüber Ausdruck verlieh (ich denke dann eher an „la famiglia“ im Sinnne der italienischen Mafia), pflichtete mir jemand bei, er sei regelrecht schockiert gewesen, als ein Bekannter von ihm, der bei Google als Informatiker arbeitet, erzählte, dass dort ganz selbstverständlich erwartet werde, dass mensch die Arbeitskollegen als „Freunde“ zur eigenen Hochzeitsfeier einlädt.

Ein ehemaliger Schulkollege von mir erzählte, wie tief er in ein seelisches Loch gefallen sei, als er seine Stelle bei einer Versicherung verlor: Er hatte jahrelang dort gearbeitet und seine Arbeitskollegen bildeten ganz selbstverständlich gleichzeitig seinen sozialen Freundeskreis. Plötzlich stand er nicht nur ohne Stelle, sondern auch ohne Freunde da. Genau diesen historisch spezifischen Begriff der „Freundschaft“ verteidigt aber Reinhard Müller als Freundschaft im Allgemeinen.

Anonym 15. März 2012 um 19:40  

Im Nachgang zu den Kommentaren von Siebenstein und rosi

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/436#/beitrag/video/1589934/Schulen-im-Visier-der-Privatwirtschaft

Das passt dann auch zum Thema. Man versucht bereits Kindergartenkinder zu instrumentalisieren. Ist ja auch einfach bei den Zwergen; und auch Schüler und Schülerinnen sind ein leichtes Opfer der Manipulation, wie man beim Anschauen des Beitrages leicht feststellen kann.
Letztlich geht es um Abzock-Spielereien an denen sich beide Parteien, also sowohl Politik und Wirtschaft maßgeblich beteiligen, und zwar dem eigenen Vorteil dienend.
Ich sehe das als große Gefahr für unsere Staatsform der Demokratie und halte entschiedenen Widerstand und die Suche nach Öffentlichkeit für extrem wichtig.

Beste Grüße
onlyme

Anonym 15. März 2012 um 20:41  

Vor vielen Jahren habe ich aufgehört, die Kollegen als Familie oder Freunde einzustufen - wenn es mir schlecht geht, dann stehe ich alleine da. So und nicht anders.

Bei Geld, Karriere und auch politischem Denken hört die Freundschaft auf. Einen Antrag zur Mitgliedschaft in der deutschen Leitkultur und des Unterdrückertums habe ich bis heute abgelehnt.

Theo

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