Öffentlichkeit verteuern, versteuern

Donnerstag, 19. Januar 2012

Eine kurze polemische Streitschrift.

Die Apologeten des wehrhaften Gesundheitssystems fordern Fettsteuer oder Dickenabgabe - manchmal auch Zulagen für Versicherte, deren Sport es zum Beispiel ist, Blindekuh auf Dachterrassen zu spielen. Die Freunde des wehrhaften Rechtsstaates sprachen sich schon häufig dafür aus, dass man die Gewährungskriterien zur Prozesskostenhilfe umstellen sollte - nicht jeder falsche Hartz IV-Bescheid sollte richterlich begutachtet werden können, um die Kassen zu schonen.

Mit demokratischer Gesinnung hat dieser Protektionismus natürlich wenig zu tun. Er erinnert an Zeiten, da an Krankheit laborierende Volkswirtschaften mit Schutzzöllen Einfuhren erschwerten, um die Binnenkonjunktur nicht abzuwürgen. Das war, das ist (oder wäre, denn Schutzzölle werden ja mittlerweile als Verbrechen an der Freiheit verunglimpft und afrikanische Staaten, die sie noch kennen, werden zu Diktaturen erklärt) nicht übel - das ist auch ein nützliches politisches Mittel, um die Wirtschaft zu steuern. Eine Demokratie ist aber keine Volkswirtschaft. Letzteres kann in die Demokratie eintreten - mehr aber auch nicht. Doch eine aufgeklärte Demokratie benötigt geboten Schutzzölle. Aber vor wem schützen?

Platonischer Staat

"Wenn nicht entweder die Philosophen Könige werden […] oder die, die man heute Könige nennt, echte und gründliche Philosophen werden, und wenn dies nicht in eines zusammenfällt: die Macht in der Stadt und die Philosophie […] so wird es mit dem Elend kein Ende haben." Platon wie er leibte und lebte. Die Politeia, ein elitärer Zirkel, eine Welt, in der jeder seine feste, unverrückbare Stellung einnimmt. Platon ins Modische übersetzt: lasst die Gescheiten regieren! - oder: die mit hohem IQ sollen herrschen! Herrschen klingt dabei etwas sehr machtgeil. Herrschen ist gar nicht modisch übersetzt - heute sagt man dazu aufgehübscht regieren oder verwalten. Das klingt gezügelter, klingt nicht nach Herrschaft, auch wenn sie es dennoch ist. Sagen wir es anders, mit den Worten des fiskalisierten Steuerbürgertums: die mit hohem IQ sollen bevorzugt werden!

Wenden wir hierzu das Prinzip der antidemokratischen Wehrhaften, der Kumpanen der Fettensteuer und der Erschwerung der Prozesskostenhilfe, an, so müsste es auf eine steuerliche Mehrbelastung für Personen mit niedrigem IQ hinauslaufen. Dazu braucht es Grenzwerte. Sagen wir, ab IQ 130 oder 135 wird man steuerlich bevorzugt. Das wäre relativ großzügig bemessen, denn der durchschnittliche IQ liegt bei etwa 115 - eine Intelligenzbemessungsgrenze von 130 ist somit immer noch generöser angesetzt, als die Toleranzen bei der Geschwindigkeitsüberwachung im Straßenverkehr. Das ist auch richtig so, denn Intelligenz braucht zuweilen große Toleranzen - und der Intelligente braucht sie gegenüber denen die intelligent tun, es aber nicht sind.

Nur: was besteuern, was verteuern? Lebensmittel für Minder-IQler? Tragen die dann halbamputierte Hirnmassen-Embleme am Revers, damit Edeka und Aldi weiß, dass hier der Mehrwertsteuersatz von 7 und 19 auf 27 und 39 Prozent steigt? Eine Intelligenztransaktionssteuer für alle, deren Aktien in Sachen Klugheit im Baisse liegen? Nein, man sollte ganz einfach bloß die Öffentlichkeit besteuern. Dringt einer mit einem IQ von 110 in ein öffentliches Amt, wird öffentlich wahrgenommen, so soll er eine Abgabe bezahlen. Oder wenn so einer interviewt wird: zahlen! Dringt so einer ins Öffentlich-Rechtliche ein: blechen! RTL könnte als Freihandelszone laufen - dort darf der Minder-IQler ohne Steueraufwand schwallen - die Minderintelligenzquotiensabgabe zum Schutz der Demokratie wird dann jedoch vom Sender getragen. Sonst wäre es ja Steuerhinterziehung.

Die Verteuerung der Öffentlichkeit für Blödiane, sollte der Demokratie nur billig sein. Das ist nur die gängige Wehrhaftigkeit mit den Maßstäben, die man sonst im Sozial- und Arbeitswesen anlegt, um sich vom Pöbel abzuschotten.

Platonische Liebe

Das Konzept ist Theorie. Nicht mal humane Theorie, sondern elitärer Feuchttraum. Das waren die Träumereien um Platons Philosophenkönige immer. Die Theorie hinkt außerdem. Was denn, wenn ein Misanthrop wie Sarrazin einen IQ von 142 hätte? Oder ein Aristokrat wie Westerwelle einen von 139? Oder so ein Scripted Reality-Laienidiot mit 131 gerade noch über die Bemessungsgrenze rutscht? Denen könnte man nicht mal ihre Öffentlichkeit versteuern. Und jemand wie Gysi, der vielleicht nur 129 hätte - das ist nur eine Annahme, eine Hypothese, der Mann hat sicher mehr! -, den würden wir immer weniger öffentlich sehen. Dass Sarrazin und Westerwelle über 130 rumkrebsen ist sicherlich möglich, denn Dummheit hat manchmal einen hohen Intelligenzquotienten. Und Intelligenz hat nichts mit IQ zu tun - der IQ ist eine Möglichkeit, die sich auftut, eine Möglichkeit, die nicht genutzt werden muß. Oder falsch genutzt werden kann. IQ-Intelligente sind manchmal besonders dämlich.

Platons Staat wäre somit dringend mit dem EQ, der emotionalen Intelligenz zu verquicken. Nicht die Philosophen also sollen herrschen, sondern die mildtätigen, die fürsorglichen und verständnisvollen Philosophen - wenn es so was überhaupt gibt. Diejenigen, die eine Philosophie des Miteinanders kennen, die die praktische Intelligenz leben, könnten im Sinne einer wehrhaften Demokratie freien Zugang zur Öffentlichkeit haben, während die emotionalen Krüppel, begutachtet von Psychologen, eine Sonderabgabe leisten müssten, wenn sie vor Kameras drängen. Minder-IQler zu bestrafen wäre ohnehin unfair - niemand kann was für seine cerebrale Verfassung. Gut, Niedrig-EQler sind oft auch unschuldig, sind Produkte eines manchmal traurigen Lebens, böser Eltern und schlechter Lehrer - unschuldig sind Dicke aber häufig auch, und trotzdem würde man sie finanziell schröpfen. Und es sind ja ausgerechnet diese Prekär-EQler, die solche Forderungen stellen - warum also nicht die Geschichte umdrehen und das emotionale Monstrum sanktionieren?

Platonische Hiebe

Natürlich ist das Hirngespinst. Polemik. Ungerecht ist es ohnehin. Und nicht durchdacht, denn selbst jemand mit hohem EQ kann ein Arschloch sein - oder so hohl, dass auch warme Worte nichts mehr retten. Und die Gleichheit aller Menschen wäre aufgehoben. Aber die ist sowieso aufgehoben. Die Öffentlichkeit gehört nicht allen gleich. Und über sie funktioniert die Demokratie - theoretisch ist das jedenfalls so. Die Zeiten im globalen Wettbewerb sind rauh - borstige Typen haben da Konjunktur. Das ist das Einfallstor der emotionalen Blödheit, die in die Öffentlichkeit gerät, dort markige Sprüche abliefert und Schlagzeilen fabriziert. Manchmal intelligent genug, um das ungehobelte Benehmen hinter vornehmen Sprechblasen zu verstecken. Der niedrige EQ belagert die Öffentlichkeit und die Demokratie müsste sich eigentlich schützen, müsste sich wehren.

Die Mechanismen der Zeit sind fiskal ausgerichtet. Man stellt sich vor, dass Menschen nicht mit brachialer Gewalt passend gemacht werden, sondern mit finanziellen Engpässen. Der Fette verschlankt sich vielleicht, wenn er finanziell schlechter da steht - falls nicht, dann hat er wenigstens mehr bezahlt. Der ALG II-Leistungsberechtigte nimmt eventuell falsche Berechnungen in Kauf, wenn er mehr Geld aufwenden muß, um sein Recht zu erlangen. So geht das heute. Gewalt ist out - man steckt unpassende Charaktere nicht mehr in Zuchthäuser oder -lager, man belagert sein zu knappes Geld - und das hat immer zu knapp zu sein. Mit verknappten Bezügen statt mit nicht zu knappen Hieben gestaltet sich staatspolitische Erziehung. Und der Bevorteilte bekommt seine Vorteile nicht direkt und unmittelbar, er erhält sich indirekt, indem er anderen finanziellen Toleranzen unterliegt.

Dieses Prinzip ist krämerisch, scheindemokratisch, weil es so tut, als seien alle gleich. Werden sie doch einfach reich!, ist der dekadente Wahlspruch, gerade so, als hätte jeder die Chance, seinen Reichtum einfach mit etwas Engagement anzugehen. Man sollte die emotionale Idiotie, die uns umgibt, die in wichtige Ämter drängt, finanziell in die Enge treiben. Ein Auftritt bei Jauch kostet dann Emotionsrelevante Öffentlichkeitsabgabe - nicht zu knapp. Und diejenigen, die nicht darunter leiden, die können kostenfrei ins Fernsehen. Wehrhafte Demokratie eben - eigentlich traurig, dass keine besseren Mittel einfallen als solche. So weit ist es gekommen...



15 Kommentare:

ninjaturkey 19. Januar 2012 um 07:56  

Zudem wäre es an der Zeit die Begriffe Intelligenz und Intelligenzquotient ein für allemal zu definieren. Ist der intelligent, der mit Lebenserfahrung, Güte und Weisheit gerechte Entscheidugen zu fällen vermag oder der, der einen Intelligenztest (nach welchen Kriterien) möglichst erfolgreich (eben den Kriterien des Test genügend) zu absolvieren versteht?
Ist ein Sloderdijk intelligent, der trotz akademischer Meriten und unbestrittener philosophischer Kenntnisse dennoch gern neoliberalen Unsinn schwafelt oder ein Professor (Un-)Sinn, dessen Erkenntnisse sich eher nach dem Marktoportunismus orientiert als an objektiven Kriterien.

Vielleicht lässt sich Intelligenz im Angesicht komplexer, oft gar chaotischer Prozesse auf die eine klare Erkenntnis reduzieren, die schon so alt ist wie die antiken Überlegungen zur Politeia:
Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Dominik Hennig 19. Januar 2012 um 08:19  

Schutzzölle sind ein Verbrechen - an den Schwächsten in der Gesellschaft!

Ansonsten: immer wieder faszinierend bei Dir, wie haarscharf Du am Libertarianism vorbeischrammst! :)

Roberto J. De Lapuente 19. Januar 2012 um 08:24  

Gut, vielleicht sind sie ein Verbrechen - aber keine zu haben, das ist meist glatter Mord, lieber Dominik.

Anonym 19. Januar 2012 um 09:53  

Da müßte man erst einmal einen wirklichen Intelligenztest erfinden, denn was ist denn Intelligenz ?
Und Gewalt ist alles was einen Zwang ausübt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, da ist es egal ob ich Dir mit der Keule eins überbrate, Dich anschreie bis Du mir Deine Brieftasche "freiwillig" gibst oder Deinen "Lohn" einbehalte weil Du ja "faul" und "gewinnminimierend" warst ...

Anonym 19. Januar 2012 um 10:33  

Danke" Ein sehr schöne Artikel - wieder mal!

Ich hab ein Zitat zum Thema Intelligenz, das ich sehr mag (auch wenn es vermutlich auf Widerspruch stoßen wird ;) ) ...

"Was genau ist Intelligenz? Und in welcher Beziehung steht die Intelligenz des Herzens zu der Intelligenz des Verstandes? Intelligenz ist die naturgegebene Fähigkeit, zu sehen, wahrzunehmen.
Jedes Kind wird intelligent geboren und dann von der Gesellschaft verdummt. Wir erziehen unsere Kinder zur Dummheit. Früher oder später promovieren sie in Stumpfsinn.

Intelligenz ist eine ganz natürliche Erscheinung, genauso
wie das Atmen oder die Sehkraft. Intelligenz ist die innere, intuitive Fähigkeit, zu sehen und hat nichts mit dem Intellekt zu tun – vergesst das nicht.

Verwechselt Intelligenz nie mit Intellekt – das sind zwei
völlig entgegengesetzte Dinge. Der Intellekt ist im Kopf. Er wird dir von anderen beigebracht, er wird dir aufgezwungen. Du musst den Intellekt kultivieren; er ist etwas Entliehenes, etwas Fremdes, nichts Angeborenes. Aber Intelligenz ist angeboren, Intelligenz ist der Kern deines Wesens, deine ureigentliche Natur.

Jedes Tier ist intelligent, Tiere sind keine Intellektuellen, das ist wahr, aber sie sind intelligent. Die Bäume sind intelligent, die gesamte Existenz ist intelligent, und jedes Kind
kommt als intelligentes Wesen auf die Welt. Seid ihr jemals einem dummen Kind begegnet? Das ist unmöglich! Aber man trifft nur selten einen intelligenten Erwachsenen. Irgendetwas geht in der Zwischenzeit schief."

http://www.pranahaus.ch/share/pdf/0316275.pdf

Anonym 19. Januar 2012 um 11:30  

Sehr seltsam muten nur die zwei plötzlichen weiten Gedankensprünge an - erst ein Sprung hin zu den "Dicken" und später der Spagat zu den "Fetten".
Vielleicht muss man selbst etwas "beleibter" sein, um von diesen Sprüngen nicht irritiert zu sein.

persiana 19. Januar 2012 um 12:45  

Es macht mir wirklich Angst, wenn ich sehe, dass das, was so mancher "Verschwörungstheoretiker" schon vor Jahren prophezeithat, doch tatsächlich eintritt. Schon vor einigen Jahren haben einige vor dieser Art von Steuer gewarnt, oder besser gesagt eigentlich vor dem Schritt, der dann folgt, nämlich: Unterschiedliche Preise für unterschiedliche Kunden, je nachdem wer kauft. Für einen übergewichtigen wären fett- und zuckerhaltige Produkte unerschwinglich teuer. Errechnet wird der Preis auf der Datenbank der Bankkarte. Mit dem Zusammenbruch unserer Währung kann wahrscheinlich auch bald nur noch bargeldlos bezahlt werden. Da kommt keiner mehr aus. Irgendwann wird das Überleben nur noch für diejenigen erschwinglich sein, die mit dem 'System' willig kooperieren.

Nebelwind 19. Januar 2012 um 12:47  

@ Anonym 11Uhr30: Roberto ist selbst beleibt, der weiß wovon er redet. *gg*

Ich hab ja auch so meine Definition von Intelligenz. Im Grunde bedeutet sie ja nur, dass jemand in der Lage ist, Fakten im Kopf zu behalten. Schulwissen zum Beispiel. So kann man auf gute Posten kommen, weil man gute Noten hatte und über viele Informationen verfügt.

Der kluge Mensch aber ist in der Lage, aus all den Informationen auch gute, menschliche Schlüsse zu ziehen.

Anonym 19. Januar 2012 um 12:53  

"[...]Veranstaltungsbericht
25.10.2011 · Nr. 12179

Betörend aktuell: Esther Vilar

FRANKFURT (hpd) Nichts von seiner provozierenden Schärfe hat Esther Vilars Essay „Der betörende Glanz der Dummheit“ verloren. Dies zeigte sich, als sie am Rande der Frankfurter Buchmesse aus der soeben erschienenen Neuauflage des Buches las.

Der Einladung der Humanistischen Union Frankfurt waren über 60 Personen gefolgt, der Club Voltaire war bis auf den letzten Platz besetzt. Peter Menne stellte die in London lebende Schriftstellerin als überzeugte Humanistin und streitbare Essayistin vor. Er erinnerte an ihr Buch „Der dressierte Mann“, das in den 1970er Jahren leidenschaftliche Debatten ausgelöst und ihr den Ruf der „Anti-Feministin“ eingebracht hatte. Und passend zur derzeitigen Debatte über die Finanzkrise, ihre Ursachen und Nebenwirkungen hatte die argentinisch-deutsche Autorin das Kapitel über „Dummheit & Reichtum“ ausgewählt[...]"

Quelle und kompletter Text:

http://hpd.de/node/12179

HPD-Gespräch zum Thema mit Esther Vilar:

"[...]Interview
23.11.2011 · Nr. 12353

„Die Dummheit ist ja tatsächlich überall“

(hpd) Sie ist Voraussetzung für jede Karriere, Garant für bleibenden Reichtum, Grundlage einer zufriedenen Existenz – die Dummheit. Diese These vertritt Esther Vilar in ihrem in einer Neuauflage erschienenen Buch „Der betörende Glanz der Dummheit“.


Der hpd sprach mit der Autorin über die Segnungen der Dummheit im Computerzeitalter, die Kunden von Überlebensversicherungsgesellschaften und die Hoffnung auf Veränderung.

Ihre Definition von Dummheit entspricht nicht so ganz dem landläufigen Verständnis davon. Warum meinen Sie, mit Ihrem Ansatz das Phänomen angemessener zu beschreiben?[...]"

Quelle und kompletter Text:

http://hpd.de/node/12353

Lieber Roberto J. de Lapuente,

dein Text deckt sich ja beinahe 1:1 völlig mit dem Text, den die Autorin Esther Vilar neu aufgelegt hat - in Essayform.

Du hast ihn aber nicht gelesen?

...ansonsten völlige Zustimmung...

Gruß
Bernie

Roberto J. De Lapuente 19. Januar 2012 um 13:03  

Nein, ich kenne Vilar nicht mal. Ist das schlimm, wenn man das zugibt?

Anonym 19. Januar 2012 um 13:07  

Schon der 1. Hauptsatz der naturgesetzlichen Prinzipien der menschlichen Dummheit (dt. Zusammenfassung von Jörg D. Becker), entdeckt vom italienischen Wirtschaftshistoriker und Schriftsteller Carlo Maria Cipolla, widerlegt jegliche Hoffnungen auf die praktische Durchführbarkeit einer Dummensteuer: Der Anteil dummer Individuen an einer Population wird wird unausweichlich immer unterschätzt, so dass dieser grundsätzlich numerisch nicht angegeben werden kann – mithin ist es objektiv unmöglich, eine Bemessungsgrenze festzulegen.

Dennoch ist das Grundprinzip empirisch korrekt und basiert auif Cipollas Erklärung a) des historischen Niedergangs einer Gesellschaft: Da da der Anteil der dummen Individuen – obwohl nicht angebbar – eine Naturkonstante ist, liegt die Ursache der Unbill darin, dass die Gesellschaft den Dummen zuviel Handlungsspielraum einräumt.

Daher wäre „die Verteuerung der Öffentlichkeit für Blödiane“, wäre sie denn realisierbar, eine plausible Idee, kann die Dummheit doch prinzipiell nur stochastisch und niemals individuell und spezifisch bekämpft werden, denn die Aktionen eines dummen Individuums sind dermassen irrational und wechselhaft, dass selbst intelligente Individuen diese nicht voraussehen and damit adäquat beantworten können. Weiter gibt jeder derartige Versuch dem dummen Individuum Gelegenheit, seine spezifische Begabung zu trainieren. Der 4. Hauptsatz lautet denn auch: „Die nicht-dummen Individuen unterschätzen stets das Schadenspotential der Dummen. Insbesondere führt jeder Versuch, sich mit Dummen zu beschäftigen, unweigerlich zu immensen Verlusten.“ Cipolla zitiert Schiller: „Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.“

Objektiv einzig nicht-dumm ist daher die Beschäftigung mit Cipollas Erklärung b) des Niedergangs einer Gesellschaft, die sich um die historisch variable Zusammensetzung innerhalb des konstanten Anteils der Nicht-dummen Individuen einer Gesellschaft dreht. Becker fasst das Prinzip so zusammen: „So führt eine Zunahme der Intelligenten auf Kosten der Banditen und Altruisten zu einer Aufwärtsentwicklung, während eine Zunahme der Banditen und Altruisten (= Unfähigen) zu einer Abwärtsbewegung führt, insbesondere wenn diese sich unterhalb der Diagonalen ansiedeln.“ So verkürzt ist die Sache missverständlich, Interessierte mögen daher bitte das Original konsultieren.

Anonym 19. Januar 2012 um 14:40  

"[...]Nein, ich kenne Vilar nicht mal. Ist das schlimm, wenn man das zugibt?[...]"

Nein, lieber Roberto J. de Lapuente, aber lies mal das Interview - ist sehr aufschlußreich ;-)

Übrigens hier mal die der Lebensgeschichte von Frau Vilar aus dem Buch "Der betörende Glanz der Dummheit":

"[...]Esther Vilar ist Argentinierin deutscher Herkunft. Sie studierte Medizin und Soziologie und arbeitete unter anderem als Ärztin. Mit vielen ihrer Bücher und Theaterstücke hat sie Aufsehen erregt. Heute lebt sie hauptsächlich in Europa[...]"

Zum Buch aus derselben Quelle, eben dem Buch "Der betörende Glanz der Dummheit":

"[...]Esther Vilars brilliantes Psychogramm der bürgerlichen Gesellschaft von Mittelmaß und Selbstbezogenheit[...]"

"[...]Esther Vilars erstmals 1987 erschienener Essay ist eine bis heute lesenswerte Eliteforschung der etwas anderen Art[...]"

...wie bereits erwähnt, deckt sich fast 1:1 mit dem was Du geschrieben hast....und ist - leider - immer noch hochaktuell was unsere selbsternannten "Eliten" angeht.

Gruß
Bernie

Trojanerin 19. Januar 2012 um 18:34  

„Die Mechanismen der Zeit sind fiskal ausgerichtet. Man stellt sich vor, dass Menschen nicht mit brachialer Gewalt passend gemacht werden, sondern mit finanziellen Engpässen.(...) Der ALG II-Leistungsberechtigte nimmt eventuell falsche Berechnungen in Kauf, wenn er mehr Geld aufwenden muss, um sein Recht zu erlangen. (...)Gewalt ist out - man steckt unpassende Charaktere nicht mehr in Zuchthäuser oder -lager, man belagert sein zu knappes Geld - und das hat immer zu knapp zu sein. Mit verknappten Bezügen statt mit nicht zu knappen Hieben gestaltet sich staatspolitische Erziehung. Und der Bevorteilte bekommt seine Vorteile nicht direkt und unmittelbar, er erhält sich indirekt, indem er anderen finanziellen Toleranzen unterliegt.

Dieses Prinzip ist krämerisch, scheindemokratisch, weil es so tut, als seien alle gleich.“

Wir haben in einem Sozialrechtseminar einmal die Überlegungen diskutiert, ob Patienten an Behandlungskosten beteiligt werden können, wenn Kosten für die medizinische Behandlung aufgrund von selbstverschuldeten Unfällen oder Krankheiten anfallen. Alle Teilnehmer einschließlich des Dozenten sind zu dem Schluss gekommen, dass dies nicht praktikabel ist, weil man sich nicht anmaßen darf, zu beurteilen, ob ein Fehlverhalten zu der Erkrankung geführt hat oder die Vermeidung der Erkrankung für den Betroffenen nicht möglich gewesen ist.

Die Reaktion auf eine unvermindert anhaltende Klagewelle gegen SGB 2 Bescheide kann sein, den Zugang zu Klagen vor den Sozialgerichten zu erschweren. Damit wird jedoch nichts an den Ungerechtigkeiten dieses Gesetzes geändert. Dann könnte man die Kinderarbeit auch bekämpfen, indem man die Altersgrenze hierfür auf sechs Jahre herabsetzt. Es wäre dann immer noch Kinderarbeit, aber sie wäre toleriert.
Die Rede von der Gleichheit der Menschen birgt eine große Ungerechtigkeit, wenn man ungleiche Lebenschancen ignoriert.

Immer wenn gewisse Leute davon sprechen, den Sozialstaat könne man sich nicht mehr leisten, der Gürtel müsse enger geschnallt werden usw. dann meinen diese Leute aber nicht sich selbst, sondernbeispielsweise staatliche Fürsorgeleistungen bei Alg 2 Beziehern.
Das Kindergeld auch für Besserverdienende abzuschaffen bzw. mit anderen Steuervergünstigungen zu verrechnen kommt nicht in Bedracht.

awmrkl 20. Januar 2012 um 07:40  

@Roberto

Die Texte von Esther Vilar sind (auch heute noch) lesenswert. Außerdem gab es ein (m.E.) legendäres Aufeinandertreffen von ihr mit Alice Schwarzer, wow, da flogen die Fetzen (youtube-Suche!)

Bei Bedarf auch ihr 1. Buch von 1971 als pdf:
"Der dressierte Mann"
http://wikimannia.org/images/Esther-Vilar_Der-Dressierte-Mann.pdf

Viel Spaß damit!

PS: Sie ist übrigens auch Mitglied im wissenschaftl. Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung

LG, Adi

flavo 23. Januar 2012 um 12:03  

ad Intelligenz: sie wird mit Intelligenztest gemessen. Diese haben in der Regel eine Unschärfe von +/- 25 Punkten, d.h. im Bereich von 75 bis 125 kann kein Test genauer festellen, was der wert wäre. Die heute gängigen Tests sagen also aus, z.B. bei einem Wert von 112, dass man aller Wahrscheinlichkeit zwischen 87 und 137 liegt. Mehr nicht. Darüber hinaus gibt es das Grundproblem, ob das, was ein Test erhebt, auch tatsächlich die Intelligenz ist. Im akademischen Betrieb ist man sich dieser Probleme aller bewusst. Praktiker neigen manchmal dazu, das dann zu verengen und Hochbegabtensekten drehen den Spieß um und postulieren die Hochbegabung und konstruieren im nachhinein den passenden Test.

Abgesehen davon würde ich mir von Philosophen nichts erwarten. Zweifellos waren sie einmal stärker fokussiert auf die Welt, in der sie leben und manche waren inspiriert von historisch-materialistischen Utopien. Das ist im wesentlichen vorbei. Parallel dazu wurde die Philosophie wieder das, was sie lange Zeit war: eine Beschäftigung für das (Groß-, Bildungs-)Bürgertum. Entsprechend können Lebenspersektiven, die Probleme mit Geld, mit schwerer Arbeit, mit Bildung, mit Gesundheit usw. kennen, kaum mehr vor. Die Philosophie wurde gewissermaßen von innen her ausgedünnt und rekonfiguriert. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Das Bürgerliche Sein kennt alle diese Probleme nur aus den Medien,, aus der Ferne und dort werden sie in bekannter verzerrter Weise dargestellt. Ein Bürgerlicher muss sich dafür gar nicht interessieren, er muss all das ga nicht kennen, es gibt das alles für ihn nicht. In den Medien gibt es ja viel und alles muss einen nicht interessieren.
So konnte es kommen, dass es als lästig empfunden wird, wenn einen Bezug zur Praxis herstellen möchte. Nein, nein, das können wie hier nicht tun, das ist sicher alles wichtig, aber hier müssen wir uns mit Grundsätzlichem beschäftigen. Das kopuliert natürlich damit, dass das kulturelle Kapital beim Bürgerlichen schon liegt und ihm andere Kapitalsorten helfen, mit einem Philosophiestudium nicht brotlos zu werden. Der Brotlose hingegen zieht sich freilich aus der Philosophie zurück, dazu langt das Sein immer weniger aus. So revolutioniert sich die Philosophie über sozioökonomische Verhältnisse zu einer Praxisfernen Elitezunft, die Anerkennung sucht als Excellenzcluster, aber nicht als praxisrelevante, emanzipative Disziplin.

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