Ein einziges Trauerspiel

Donnerstag, 12. November 2009

Die Pietät gebietet es, an dieser Stelle keine Namen zu nennen. Selbst das ungenannte Abhandeln, das Erläutern im Inkognito könnte allerdings als pietätlose Verirrung begriffen werden. Einerlei, diesem Risiko will offensiv begegnet sein.

Immer dann, wenn jemand mediengerecht verstirbt, flutet eine Welle des Tourismus über den Ort des Unglücks. Horden von Event-Trauernden laufen auf, moderne Klageweiber, die ihre Trauer oder das, was sie dafür halten, in die Objektive streuen. Sie drapieren Kerzchen ins Rampenlicht, staffieren die Lücken innerhalb des Flammenteiches mit gut leserlich bereitgestellten Briefchen aus, liegen sich für RTL und ARD sachgerecht heulend in den Armen. Wir werden ewig an dich denken! und Wir werden dich nie vergessen! sind die hochtrabenden Inhalte jener handgeschmierten Zettel. Dem Verstorbenen völlig unbekannte Zeitgenossen lallen mit verheulter Front in die Kamera, rotzen in der Öffentlichkeit ordentlich ab. Jeder ist dabei, jeder muß dabei sein, wenn er im Trend des Augenblicks mitmischen will, muß seinen Senf draufschmieren, damit er in zehn Jahren seinen Kindern erzählen kann, was für ein abenteuerreiches Leben er schon hinter sich gebracht hat.

Die westliche Gesellschaft hat in den letzten Jahren eine Trauerkultur entwickelt, die diesen Namen nicht verdient. Weder ist sie kulturbeflissen, noch befriedigt sie das klassische Trauerrepertoire. Der Tod prominenter Menschen, auch der Tod von unbekannten Menschen, die im öffentlichen Interesse, medienwirksam verstorben sind, verendet im Event, wird zum Antrieb der Trauer- und Betroffenheitsindustrie. Schniefende Jammergestalten betreten die Bühne, Reporter analysieren, was meist nicht zu anaylsieren ist, fragen gedankenschwanger nach dem Warum? und Wieso?, nur um zur Erkenntnis zu gelangen, dass man darauf wohl keine Antwort finden werde. Obligatorische Pressekonferenzen treten die Traurigkeit des Moments noch einmal breit, nochmals Warum?, wieder Wieso?, dazu noch eine Portion Es war so sinnlos!, freilich weiterhin keine Antwort, denn die Antwortfindung braucht in solchen Momenten viel Zeit und noch viel mehr Besinnlichkeit. Das Versprechen aus vielen Mündern, den Verstorbenen nie zu vergessen, wird Gebot der Stunde. Lippenbekenntnisse, denn es ist nur menschlich, nach Jahren sogar den eigenen toten Vater zu vergessen; er entschwindet einem, man denkt nicht mehr täglich an ihn. Unsere Gedanken sind bei den Hinterbliebenen! An jeder Ecke derselbe Satz, der eigentlich nur selbstverständlich wäre für jene, die des Verstorbenen Familie nahestehen. Trauermarsch hier, Event-Trauern dort, Rotz und Wasser wildfremder Trauertouristen überall, die Ereignisse um den Tod Sonstwens machen uns betroffen! in jedes Mikrofon gesäuselt.

Was als Trauerkultur den öffentlichen Äther füllt, ist unbeschreibliche Respektlosigkeit gegenüber dem Verstorbenen. Der Moment der Trauer wird mit Spektakel erfüllt, das Bedürfnis nach Ruhe und innerer Einkehr wird lauthals übertüncht. Statt sich zurückzunehmen, den wirklichen Trauernden, denjenigen, die dem Verstorbenen persönlich nahestanden, die notwendige Stille zu gewähren, bricht die kollektive Selbstdarstellung aus. Ob Reporter oder Funktionär, ob Privatperson vor Ort oder in weiten Fernen, jeder hat eine Meinung, ein übriges Tränchen, einen Trostspruch wie Du bist unvergesslich!, ein schmalen Moment in eingefurchter Grabesmiene. Es wirkt, als würden in kühlen Zeiten, in denen normalerweise der Mensch wenig bis gar nichts zählt, genau solche Momente dazu auserkoren, sich in Mitmenschlichkeit oder dem, was man dafür halten könnte, wenn man nicht genau hinblickt, zu suhlen. Scheinbar kurzfristig aufkeimendes Zusammenstehen, diese Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der Open Air-Trauer, des Event-Jammerns, des Spektakel-Heulens, Pressekonferenzen bei denen der Trauertourist von der Straße mit dem hohen Vieh hinter dem Mikrofon auf einer Augenhöhe dasselbe Interesse aufweist - es wirkt wie eine breite Front gegen die Vergänglichkeit. Die kollektive Trauerunkultur vereint die Trauergesellschaft, erzeugt ein Gefühl von sozialer Wärme, kompensiert für einen klitzekleinen Moment die gesellschaftliche Eiszeit.

Es ist dieser einfältige Brei, diese Bombardierung mit immer denselben Floskeln, mit denselben Trauervisagen, die von werweißwoher heranpilgern, um dem Verstorbenen ihre Zettelchen mit notierten Kalenderweisheiten zur letzten Ruhe zu reichen, die das Ableben zum peinlichen letzten Akt des irdischen Daseins werden lassen. Es ist immer wieder dasselbe lächerliche Szenario, gestreut um eine Tragödie, instinktloses und unangebrachtes Mitwirkenwollen, Selbstdarstellung in Reinkultur, Dabeiseinwollen zum Erzählenkönnen. Der Tod als Massenspektakel, eigentlich unbeteiligte Menschen als blamable und unangebrachte Kummervolle, die das Fremdschämen zum Dogma trister Stunden krönen. Mit Trauerkultur hat das jedenfalls alles nichts zu tun.

Man könnte annehmen, eine Gesellschaft, in der rege Anteilnahme an öffentlichen Unglücksfällen stattfindet, sei eine liebevolle Gesellschaft. Tatsächlich scheint aber das Gegenteil richtig zu sein. Dort wo Wildfremde scheintrauern, so als ob sie Teil der unmittelbaren Hinterbliebenengemeinde seien, scheint sich die soziale Kälte, das eigentliche und alltägliche Gesellschaftsprogramm, vage zu kompensieren. Da findet man sein Plätzchen unter im Augenblick Gleichgesinnten. Endlich eine Heimstatt, endlich ein wenig zwischenmenschliche Wärme. Es wird sich lasziv gewärmt, wird leidenschaftlich getrauert, ein heimeliges Trauergerassel inszeniert, die Sehnsucht nach verbrüderten Menschen am Leben gehalten. Trauer inbrünstig, Trauer all inclusive! Morgen oder übermorgen geht es der industrialisierten Trauer, der künstlich hochkochenden Betroffenheit an den Kragen, dann schwappt man zurück in die Kühle des Alltags, dann vergisst man stückchenweise denjenigen, den man versprochen hat, man werde ihn niemals vergessen. Nach der Trauer ist vor der Trauer...

31 Kommentare:

Calwer-Wildnis 12. November 2009 um 01:58  

Richtiges Zusammenleben der menschen, mit allem was dazugehört, ist ja fast nicht mehr möglich. Das altwerden der einen neben dem Jungsein der anderen wird ausgemerzt, wie so vieles Gemeinsame, das es gegeben hat, früher. Vor allem anderen das daran hindert, ist keine Zeit mehr dafür. Wer dahinsiecht, wird abgeschoben, es ist kein 'Raum dafür in dieser Gesellschaft.

Also verschwindet auch die échte Trauer. Und wenn dann jemand stirbt, dann ist er plötzlich weg, für immer - perdu - entschwunden, nie wieder, das ist das Einzige, was im Gedächtnis haften bleibt.

Keine Zeit für ein wirkliches Miteinander, für das Leiden der Menschen an allem, auch an sich selber, an den anderen, und an den Umständen - nichts davon, weiter und weiter, bis eben zu diesem "nie wieder"...

"Wie ist der Opa denn gestorben?" - "Weiss ich nicht, er war im Pflegeheim, und gestorben ist er dann im Krankenhaus..." Nicht dabei gewesen, nicht viel wissen über den Tod mitten im Leben...

Nur noch die Schrecensszenarien bekommt man so richtig mit, via Glotze und manchmal auch sonst. Jene, die öffentlich verrecken, die zeigen es noch, dass es den Tod gibt, und genau so schrecklich, wie dieser in der Vorstellung ist, die man so hat. Das andere alles, das normale Sterben, sozusagen, das entzieht sich mehr und mehr.

Aslso, heult man öffentlich den ganzen Mist heraus - auch den, der sich aufstaut, die angst vor dem Tod, und alles Mögliche...

Eine beschnittene Welt,- auch um den Tod,- ist eine surreale Welt, die nichts Echtes und Reales mehr hat, ausser dem, was zurechtgemacht gelebt werden muss. Darum ist auch die sogenannte Trauer so surreal und künstlich geworden.

Ralf 12. November 2009 um 03:48  

Es ist schon komisch, denn so oder ähnlich empfand und dachte ich auch, konnte meine Gedanken und Empfindungen nur nicht in so schöne Worte kleiden.
Ich stelle mir dabei auch immer wieder die Frage, welchen Anteil an dieser Trauerunkultur die Medien haben. Okay, only bad news are good news... Aber der Hype à la "Komm' ich jetz in Fernseh'n?" liegt - so glaube ich wenigstens - doch nicht nur in den Genen der Deutschen. Obwohl...

Ich habe auch keine erschöpfende Antwort darauf. Vielleicht liegt das ja alles nur an dieser Medienkamarilla, die jedes noch so dämliche "Event" bis zum Erbrechen verwurstet. Denn irgendwie glaube ich immer noch an das Gute im deutschen Menschen, zumal die Menschen in meinem persönlichen Umfeld eher gelassen mit solchen Themen umgehen. Nicht nach dem Motto "Was kümmert mich fremdes Leid...", nein, aber ich empfinde Trauer bei der Heimfahrt eines mir nahe stehenden Menschen. Und so kenne ich das von vielen anderen Menschen in meinem Umfeld auch.

Ich komme immer mehr zu dem Schluss, dass es ursächlich am dusseligen Medienhype liegt und sich immer ein paar Trottel finden, die bei diesem unwürdigen Spiel mitspielen. Die Profis wissen schon, wie man niedere Instinkte im Fernsehvolk weckt.

P.S.: Ich hatte leider beim Zappen zu den lokalen Nachrichten die Deutsche Welle erwischt. Normalerweise habe ich nur diesen einen deutschsprachigen Sender hier und meide ihn eigentlich, ich Glücklicher... ;-)
Meine Frage war nur, wieso kann eine Witwe, die in kurzer Zeit mindestens zwei schwere Schicksalsschläge erlitt, kaum einen Tag später auf einer Pressekonferenz schon dermaßen gefasst Rede und Antwort stehen?
Letztlich ein trauriger Fall, aber Trauer? Nee!

schneidersitz 12. November 2009 um 08:29  

Diesmal, nach Deutschland und Papst, waren wir eben die Nr. 1.

Immer vorne, immer oben. Weiter so!

Und die Fanmeile ist auch organisiert. Michel, was willst du mehr!

maguscarolus 12. November 2009 um 08:35  

Wohl dem, der sein Leben medienunwirksam beschließen kann und an dessen Grab vielleicht zwei oder drei echte Trauernde sich gegenseitig halten.

Schon die offizielle Klagekultur der "schönen Leich" ist doch von derselben Machart wie die im Eingangstext beklagte. War es je anders?

Dass sich ein Gemeinwesen des Ablebens eines prominenten oder prominent verstorbenen Mitglieds bemächtigt, das war immer so und wurde schon immer von Kritikern als gefühlloser, äußerlicher Pomp verachtet.

Wenn heute die Medien jedes derartige Ereignis ins Unmenschliche aufblasen und mit ihrem Emotionsrummel massenhaft die Motten anlocken, dann ist das sicher eine neue Quantität. Ob es aber eine neue Qualität hat?

Anonym 12. November 2009 um 09:25  

Dazu passend finde ich gibt es ein Lied von Georg Kreisler, welches ich Euch nicht vorenthalten möchte.

http://www.youtube.com/watch?v=Q-29zboXZXM

MfG Oscar :)

Wolfgang 12. November 2009 um 09:32  

Es ist ganz richtig, was Du schreibst. Was mich ganz besonders anwidert ist bei solchen Anlässen, also ganz besonders bei Menschen, die den Freitod gewählt haben, die unsägliche Heuchelei der Trauergemeinde.

Funktionäre, die den armen Menschen unter Erwartungsdruck stellten, weil Millionen von Transferleistungen auf dem spiel standen.

Manager, die mit dem Erfolg ihres Klienten ebenfalls sehr gut verdienten und ihn zu fast übermenschlichen Leistungen anstachelten.

Die Medien, die jede Erkrankung, jede Schwäche, jedes Tor, das er kassierte zur Zukunftsfrage, zur Existenzfrage umformulierten.

Fans, die ihn ungeniert ausbuhten, wenn er ihrer Meinung nach schuld am Verlust eines ach so wichtigen "Spieles" war.

Alle jene, die Ihn permanent unter unglaublichen Erwartungsdruck setzten. All jene die es mehr oder weniger am Allerwertesten vorbei ging, wie er sich fühlte, hauptsche er funktioniert...all jene sind nun von Trauer übermannt.

Ob tatsächlich oder geheuchelt, es widert mich nur an. Heute wird dem Opfer nachgetrauert. Morgen wird der nächste Mensch verheizt und gejagt.

Zu Ehren des Vater, dem Mammon und des Sohnes, dem Konsum und des heiligen Geistes, der Leistung. Amen!

lupo cattivo 12. November 2009 um 09:33  

man muss aufpassen muss, dass ganze "Spiel" mitzubekommen, das seit Jahrzehnten gegen die Menschheit betrieben wird

Das Ziel ist, die Menschen zu vereinsamen, zu entsolidarisieren, z.B. auch Liebe, echte menschliche Emotionen als überholt zu bezeichnen
und durch z.B. Sex oder inszenierte Emotionen zu ersetzen.
Das Gegenmittel ist sicher neben der Verbreitung von Information: Gleichgesinnte finden , Emotionen ausleben und anderen dabei helfen ,das zu tun.

Anonym 12. November 2009 um 10:01  

Widerlich das ganze mediale Tamtam um Herrn Enkes Tod.Jedes Jahr sterben hier mehr Menschen durch Selbsttötung als im Strassenverkehr. Nach deren Motiven wird selten gefragt,viele hatten wahrscheinlich auch "Angst" zu versagen, dem Leben in der Wertegemeinschaft nicht mehr gewachsen zu sein oder waren alt und krank. Waren sie arm werden sie oft wie tote Tiere anonym verscharrt, damit es für die Stadtkassen billig bleibt.

landbewohner 12. November 2009 um 10:06  

event ist event - und das wird vermarktet. 100 klugscheisser können sich mit irgendwelchen cruden thesen wirksam in szene setzen, die nachrichten haben einen aufmacher,- die geheuchelte anteilnahme der medien und offiziellen kotzt einen an. und zur grossen masse: niemand kann ehrlich um jemanden trauern, den er nicht persönlich gekannt hat. sicher, es gibt menschen, die man vielleicht vermisst, weil sie auf bestimmten gebieten ausserordentliches geleistet haben, aber trauer setzt doch wohl eine persönliche emotionale bindung voraus. und wenn was los ist - wir gehn feiern, wir gehn shoppen, wir gehn trauern . fertig.

Georg Jonathan Precht 12. November 2009 um 10:10  

Lieber Roberto

Wahre, treffende Worte über dieses unwahr widerliche Schauspiel

Gruss Georg

Heinzi 12. November 2009 um 11:13  

Ihre Beobachtungen sind schon sehr zutreffend. Ich möchte den Vorschlag machen, diese Art des Umgangs aus der Sichtweise von Arno Gruens Arbeiten zu sehen. Dieser weist darauf hin, das unsere Gesellschaft an einer manifesten verbreiteten Gefühllosigkeit krankt und als Ersatzhandlung für echte Gefühle zwei Dinge zum Vorschein kommen: Eine Art Posing/Schauspielerei und damit verbandelt eine Sentimentalität, die sich in vielen Menschen manifestiert, die keine echte Empathie mehr kennen.

Daraus resultiert eine weniger aggressive weil ohne Schuldzuweisung auskommende Betrachtung der Situation. Denn diese Verhaltensweisen sind letzten Endes erlernt in einer so erkrankten Gesellschaft und wer keine authentischen Vorbilder kennt, wird sich höchstwarscheinlich diese Eigenschaften aneignen, insbesondere weil er nicht in der Lage ist das wirkliche Leiden zu fühlen, das eine echte Trauer einbringt.

Diese Betrachtung erklärt auch warum vielen diese geheuchelte Doppelmoral so sauer aufstößt, da diese eben das Sentimentalisieren und die Posenhaltung durschauen.


Arno Gruen - Der Fremde in Uns
In diesem Werk fasst der Psychotherapeut seine Erkenntnisse aus vielen Jahrzehnten Berufspraxis und seinen früheren Werken zusammen.

Margitta 12. November 2009 um 13:41  

"Event-Trauern" "Spektakel-Heulen" "Trauertorist" Fremdschämen"
Ja, diese Wortschöpfungen geben diesem Phänomen ein Gesicht. Sie lösen meine Zwiespältigkeit auf, die mich immer in solchen Momenten überfällt.
Danke

Liebe Grüße
Margitta

Anonym 12. November 2009 um 13:46  

Hier wurde die moderne und perverse Trauerkultur sehr treffend beschrieben!

Anonym 12. November 2009 um 13:49  

Es ist richtig, diese Trauerfeier ist eher ein Spektakel als ein Abschiedsnehmen von einem berühmten Sportler. Anderseits jedoch wird gerade bei solchen Anlässen gelogen, dass die Balken krachen, getreu nach dem Motto: : “ De mortuis nil nisi bene, also über Tote soll man nur Gutes berichten.Das Problem liegt in meinen Augen auch darin, dass wir es hier mit einem doppelten Tabu zu tun haben: einerseits die Tatsache, dass wir sterblich sind, die wir ja alle mehr oder weniger verdrängen und das andere Tabu des Suizids, das ja per se ein Affront gegen die Gesellschaft darstellt.
Gegen dieses doppelte Tabu sind Inszenierungen von öffentlicher Trauer hilflose Versuche, das Unausweichliche zu bannen. Diese Rituale sind ja seit Menschengedenken bekannt, nur haben sich die Formen der Inszenierungen durch den technischen Fortschritt verändert, ohne jedoch die" Krankheit zum Tode" zu beseitigen .
Ich denke, man sollte sollte vor der Majestät des Todes einfach die Lehre ziehen, mehr auf seine innere Stimme zu hören, bewusster leben also, nicht dem Tanz der Tausend Affen folgen, sondern versuchen sein Selbst zu entäußern, was letztlich heißt auf Ruhm , Erfolg und und derlei irdisches Glück zu verzichten.

Anonym 12. November 2009 um 13:58  

Nicht zu vergessen, die trauernde Witwe sich prostutierend in einer Pressekonferenz. Wirkliche Trauer sieht anders aus.

epikur 12. November 2009 um 14:07  

Sehr gut geschrieben, Roberto!

Vor allem ist diese ganze Trauer-Unkultur mittlerweile fest verankert. Zuletzt bei Patrick Swayze oder Michael Jackson.

Und wer nach Hintergründen des Todes fragt, ist ein pietätloses Schwein: "Jetzt lasst uns doch mal in Ruhe (!!) trauern!". Wie bei allem: ehrliche, aufklärerische Fragen des "Wieso?" und "Warum?" sind nicht erwünscht. Sie sind hier nur Mittel zum Zweck ordentlich losflennen zu können.

Für mich zeichnet zusehends vor allem eine Eigenschaft den Deutschen aus: Heuchelei!

Daisy 12. November 2009 um 15:11  

Ich fand diesen Hype auch sehr befremdlich. Überdies kam mir aber folgender Text in den Sinn, den vor kurzem die Nachdenkseiten verlinkt hatten:

http://www.zeit.de/2009/41/DOS-Deisler

Ich interessiere mich eigentlich nicht für Fußball, doch dieses Interview hat mich sehr beeindruckt, weil darin Probleme zutage treten, an denen nach meinem Eindruck auch große Teile unserer übrigen Gesellschaft leiden. Dass der Tod Enkes (was auch immer sein Motiv gewesen sein mag) die Öffentlichkeit zum Nachdenken über solche Strukturen bringen könnte, dürfte aber eine vergebliche Hoffnung sein.

Robert Reich 12. November 2009 um 18:01  

Wie viele Menschen haben Depressionen, aus diesem oder jenem Grunde, vielleicht weil sie vom Fordern bei der ArGe überfordert sind, deshalb Suizid begehen, aber das sind keine 'LEISTUNGSTRÄGER', daher wird es auch für solche Menschen kein pietätloses Medien-Event geben.
Was wäre gewesen, hätte sich der bedauerliche Todesfall gar am 09. November, dem Fest der Freiheit, ereignet??
Vielleicht eine Sondersendung beim ZDF - Mit dem Zweiten stirbt man besser?

lupo cattivo 12. November 2009 um 22:06  

Man könnte meinen, dieser "Freitod" kommt den Medien gerade recht und daraus könnte man alle möglichen Schlüsse ziehen,denn:
Plötzlich wird das thematisiert, das vom System seit Jahrzehnten gefördert wurde und in den nächsten Monaten weiter wird:

DEPRESSIONEN

je mehr Leute sich davon betroffen sehen, umso besser... es kann ein Riesengeschäft werden und je mehr man darüber berichtet und es thematisiert, desto mehr Leute werden diese Krankheit auch bei sich feststellen.
Dazu kommt noch Finanzkrise, Arbeitslosigkeit, Sterbeseuche mit Impfhilfe, die Panik mit dem Jahr 2012.

Na, auf Leute ... wer will denn da immer noch nicht depressiv werden ?

Und danach kommt dann der neue Welterlöser: HEIL, HEIL, HEIL

und alles wird gut !

und noch immer will keiner wahrhaben, dass alles auf Rothschilds FED-Plan basiert.

Anonym 12. November 2009 um 23:21  

Der Hype ist so groß weil jeder dabei sein muss ! der nicht als Schlagzeile als nächsten Hype lesen möchte warum war ... oder ... nicht bei der Trauerfeier. Yellow press wird wichtiger als kritischer Journalismus.

Frank Benedikt 12. November 2009 um 23:31  

Lieber Roberto,

zu diesem Thema wollte ich ja, wie schon erwähnt, öffentlich schweigen, aber Du hast es so würdig und angemessen besprochen, daß ich mir erlaubt habe, Dich in meinem Blöggle ein wenig zu zitieren.

LG
Frank

Franz B. 13. November 2009 um 11:09  

Es ist Roberto und den Kommentarschreibern nicht vorzuwerfen, dass sie von Robert Enke vielleicht nur wissen, dass er einige Male im Tor der Nationalmannschaft stand. Sonst aber nichts.
Die Trauer um ihn ist zu einem großen Teil nämlich sehr anders gelagert als dargestellt. (Die berechtigte Kritik an der Haltung bestimmter Medien bleibt unberührt).
Robert Enke wurde in der Stadt Hannover, und nicht nur dort, anders wahrgenommen als einer dieser üblichen Fußballstars. Er war kein Star. Er wurde geliebt als freundlicher, zugewandter Mensch, der unter dem Tod seiner Tochter litt. Es ist schon etwas Besonderes, wenn sich im Anschluss an eine ja gar nicht groß angekündigte Andacht gerade einmal 24 Stunden nach seinem Tod 35.000 Menschen versammeln und still durch die Stadt ziehen!

Anonym 13. November 2009 um 11:32  

"Nicht zu vergessen, die trauernde Witwe sich prostutierend in einer Pressekonferenz. Wirkliche Trauer sieht anders aus."

@anonym:

Ihre Ansicht mag auf den ersten Blick zutreffend sein, aber ich glaube, wenn jemand an der Seite eines Prominenten lebt, muß er sich in gewissen Situationen exakt dem vorgeschrieben Medienritus unterwerfen oder er wird in der Luft zerrissen.
Mit anderen Worten: Entweder du stehst die Pressekonferenz so durch wie der Boulevard es will oder du wirst auf ewig verfolgt. Ich kenne Frau Enke nur aus einer WDR Sendung "Tiere suchen ein zuhause", in welcher der Bauernhof der Enkes gezeigt wurde und das große Engagement der beiden für den Tierschutz vorgestellt wurde. Ich glaube nicht an eine "freiwillige" Teilnahme an dieser ekelhaften Pressekonferenz. Sie wird es wohl aus Selbstschutz und als Schutz für das Adoptivkind gemacht haben.

Gruß, Nachdenkseitenleser

Roberto J. De Lapuente 13. November 2009 um 12:05  

Nicht groß angekündigt ist gut. Jeder Sender hat im Vorfeld davon berichtet, jede Net-Plattform hat es angekündigt.

Letztlich bleiben die Motive, bei aller Tragik, die in vielen Leben herrscht, immer auch Privatsache. Selbst der Tod der Tochter ist Privatsache und die Öffentlichkeit hat kein Anrecht darauf, das Privatleben anderer Menschen erklärt zu bekommen. Ebenso das Motiv des Freitods. Wenn die Ehefrau es veröffentlichen will, was sie dann auch tat, ist das ihr Recht. Die Medien hätten darüber nicht zu spekulieren. Das gebietet der Anstand. Man hat es hinzunehmen und zu akzeptieren.

Ich verweise hier auf meinen geschätzten Kollegen, Kurt, der sich der Trauerei von anderer Seite nähert. Zwischen Aufrichtigkeit und Heuchelei der Trauernden mögen beide Sichtweisen, Kurts wie meine, den richtigen Ton getroffen haben. Dazwischen mag die Wahrheit begraben sein...

Kassandra 13. November 2009 um 13:49  

LEICHENFLEDDEREI!

durch die Herde.

Der Tod eines mehr oder weniger bekannten Anderen genutzt als emotionale, akquisitorische und mediale Wichsvorlage.

Das ist die ansteckende Grippe der Schweine. Besten Dank für diese verbale und sinnhafte Impfung!

In den heutigen Nachdenkseiten wird ein Artikel erwähnt (siehe die dortigen Hinweise des Tages):

"Stellenbewerber: Berlin stellt intime Fragen
Das Land Berlin erfasst die Gesundheitsdaten seiner rund 58.000 Angestellten vor der Einstellung mit einem Fragebogen, in dem detaillierte Angaben zu psychischen Krankheiten, Drogenkonsum, Alkoholgenuss und sogar Verhütungsmitteln verlangt werden. “Nehmen Sie Arzneimittel, zum Beispiel auch Abführmittel oder die Pille?”, heißt es im Fragebogen des Landesamts für Gesundheit und Soziales Berlin, der der Frankfurter Rundschau vorliegt. Zudem müssen Bewerber alle behandelnden Ärzte, Psychologen und Heilpraktiker nennen, alle psychischen Erkrankungen “mit Zeitangabe” und sogar Entbindungen auflisten. Sie sollen auch angeben, seit wann sie in Bezug auf Alkohol “abstinent” sind."

(In)Direkte Wechselwirkungen mit lebenden oder bereits Toten, diesen Einzelfällen, melden Sie bitte Ihrem Arzt oder Apotheker ... oder dem Leichenbestatter Ihres Vertrauens.

Eine imaginierte Antwort eines Landes Berlin als Stellvertreter für andere Betriebe:
Wir sind jedenfalls nicht verantwortlich, haben unser Qualitätsmanagement eingehalten und konnten ja nicht wissen, dass das Humanmaterial gegentlich zum Menschsein remutiert. Außerdem machen das alle oder immer mehr Betriebe so, dann kann es ja nicht falsch sein ... . Sicher, der Fall ist bedauerlich, aber wenn wir jedes Mal ..., nein, die Zeit und das Geld haben wir nicht. Die langfristigen Folgen? Dann sind wir bereits in Rente.

Anonym 13. November 2009 um 14:46  

Dazu darf man nicht vergessen, dass gerade bei dem Thema Depressionen, in den letzten Jahren erheblich im Krankheitssektor der Rotstift angesetzt wurde. Stellen gestrichen, immer weniger niedergelassene Ärzte, die Warteliste für Therapien sind lang. Der Mut der Betroffenen, der so hervorgehobenen wurde in dem ganzen Medienhype scheitert oft schon am Gang zum Hausarzt, was ist zu erwarten bei einem 5-minütigen Behandlungsgespräch? Nichts. Wenn dann die Diagnose vielleicht vernünftig gestellt wurde, stehst Du als Betroffener alleine da. Adressen von Fachärzten? Internet....
Die Praxen sind so überlaufen, dass Du in 3 Monaten ein Erstgespräch erwarten kannst. Verständnis für Depressive - Heuchelei.

Franz B. 13. November 2009 um 15:14  

"Nicht groß angekündigt ist gut. Jeder Sender hat im Vorfeld davon berichtet, jede Net-Plattform hat es angekündigt."
Sie glauben nicht wirklich, dass es sich bei den 35.000 um Nutzer von Net-Plattformen gehandelt hat, oder?

Anonym 13. November 2009 um 16:53  

Viele Kommentare hier erwecken den
Eindruck das jeder Mensch der um
R. Enke getrauert hat und ihn nicht
persönlich kannte ein Heuchler ist.

Dem möchte ich wiedersprechen.

Anonym 14. November 2009 um 11:22  

Die Witwe sitzt in der eilends verordneten Pressekonferenz,
erzählt Details aus Eheleben und seinem Krankheitsverlauf.
Nebendran sitzt sein behandelnder Arzt,
der läßt auch nix aus inklusive dem Statement
sinngemäß - er hätte eine Behandlung verweigert.
Dieser Text lief anschließend übers Laufband.
Gab das nicht irgendwann mal eine ärtliche Schweigepflicht ???
Zudem:Der Enke hatte wahrscheinlich teure Versicherungen.
Und wenn der Versicherungsnehmer
Behandlungen verweigert,ist das erst mal ein Grund
für eine ausführliche Prüfung und eventuell Nichtzahlung.
Und letztlich frage ich mich:
Hätte Robert Enke eine solche Vorgehensweise
mit anschließendem Dauermedienhype gewollt ?
DM

Herr Mühlheim 29. Juli 2010 um 17:23  

Guter Text!
Aktueller denn je!

(siehe Duisburg)

Andreas 30. Juli 2010 um 09:26  

Schwer auszumachen, ob die Gefühle echt sind. Ich finde allerdings, die Inszenierung der Medien ist das, was in dem Betrachter diese Gefühle auslöst. Ich gehe davon aus, dass Menschen mit einem Verlust ganz ehrlich trauern.

Insofern kann es gut sein, dass euch die Trauer nur als wie von "Klageweibern" vorkommt, weil alle das Objektiv draufhalten.

Trauer ist theatralisch, das liegt an der Sache. Weiß man erst, wenn's einen selbst trifft.

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