Suizidanten - ein kurzer Nachtrag

Freitag, 9. Januar 2009

Obschon Vieles zum Freitod des Milliardärs gesagt wurde, obschon man nun auch voranschreitet, den Suizid dieses Mannes in einer Gesamtheit wahrzunehmen, die nicht nur seine subjektive Entscheidung erfassen, sondern objektiveres Szenario widerspiegeln soll, so bleibt doch ein wesentlicher, ja beinahe muß man sagen: bezeichnender Punkt, in Verschwiegenheit gehüllt. Aus Pietätsgründen, so darf vermutet werden, wird kaum erwähnt, was über einen Toten Schlechtes zu erzählen wäre - eine Pietät, die aber dann irrelevant war und ist, wenn es an das Verunglimpfen von Unterschichten geht; eine Pietät, die in Kreisen, in denen sich der berühmte Selbstentleiber bewegte, kein Grund war, auch einmal zurückzustecken, anständig zu bleiben, sich zu beherrschen.

Damit wären wir beim bezeichnenden Punkt angelangt, der kaum Beachtung findet, weil nicht ausgesprochen werden darf, was das Andenken verunreinigen könnte. Die spitze Feder der Aufklärung hat aber den Auftrag, geradezu eine selbsterklärte Verpflichtung, auch solch unangenehme Positionen anzuprangern, selbst dann, wenn sie womöglich gegen den guten Geschmack, gegen bürgerlichen Traditionalismus mitsamt christlich-abendländischer Konditionierung verstoßen.

Verschiedene Medien berichteten vom Spekulationsfiasko dieses Mannes, der angeblich sein ganzes Firmenimperium an der Börse verspielt hätte. Milliarden hätte er verloren - Milliarden, so wurde zudem berichtet, die er als williger Bruder im Geiste des Profites, skrupellos akkumulierte, die er seinen Kontrahenten regelrecht aus der Tasche nahm. Der freie Markt dieses Herrn war der unfreie Markt all jener, die ihm in die Quere kamen. Wir erinnern uns an den Ausspruch, dass man an ein Milliardenvermögen nicht mittels Ehrlichkeit herankommt - und erfahrungsgemäß wissen wir, die wir nicht einmal fähig sind, eine Million ehrlich zu verdienen, dass diese proletarische Polemik in Spruchform, durchaus ein Korn Wahrheit in sich bergen könnte. Zwar wurde er als bescheidener Patriarch dargestellt, der privaten Asketismus lebte, zwischen Bundesverdienstkreuz, Alpenverein und Studentenverbindung, der aber im Geschäftlichen aufblühte, was soviel heißt wie: verwelkte, weil er alles Zwischenmenschliche absterben ließ. Menschen, ob Angestellte oder Vertreter aus Politik, waren für ihn nur Mittel zum Zweck, benutzbare Bestandteile aus einem Kollektiv verwertbarer Humanroboter, die zur Sicherung und Wahrung, aber natürlich auch zum Ausbau seines Vermögens heranziehbar seien.

Vor diesem Hintergrund ist sein letzter Akt zu sehen. Er suchte ein Gleis auf, weil er selbst nicht tun wollte oder konnte, was einem Menschen, selbst bei größter Lebensmüdigkeit, nicht leichtfällt. So bediente er sich der Deutschen Bahn, genauer eines Lokführers, der zum ungewollten Tötungsinstrument werden sollte. Letzterer wird wohl die nächsten Wochen und Monate damit zubringen, mit sich innerlich zu ringen, so wie es Lokführer häufig tun, wenn sie zwar schuldlos, aber doch an vorderster Front, einen Suizidversuch erfolgreich mitbewirkt haben. Der letzte Helfershelfer aus dem Kollektiv des Humanverwertbaren war demnach jener Lokführer, der den letzten Willen dieses Milliardärs erfüllte. Der Dank für diesen Akt der Unwissenheit wird sein, dass es ihn zu Psychiatern führen wird, die sich dann mit seinen Alpträumen beschäftigen müssen, die ihn womöglich plagen. Auch hier ist Undank des Milliardärs Lohn.

Wie im Leben so auch im Sterben. Dies ist der bezeichnende Punkt im Lebensende dieses elitären Menschen, der darlegt, wie wahllos und rücksichtslos diese Kreise voranpreschen, nur um ihren Willen erfüllt zu wissen. So wie im Leben wenig Rücksicht genommen wurde, Milliarden angehäuft - und später verspielt - wurden, während andere nichts hatten, oder durch das Verspielen des Imperiums ihren Arbeitsplatz einbüßten, so bediente er sich auch im Moment seines nahenden Todes dieser Rücksichtslosigkeit. Hier aber soll der gute Geschmack, ein bißchen Pietät an den Tag gelegt, nicht darüber spekuliert werden, welche Selbsttötungsart ihm wohl besser angeraten gewesen wäre - das wäre nämlich wirklich geschmacklos.

5 Kommentare:

Goldener Reiter 9. Januar 2009 um 10:38  

Kleine Zusatzbemerkung:

In Japan ist es wohl so, dass die Angehoerigen von Selbstmoerdern, die sich vor den Zug geworfen haben, der entsprechenden Bahngesellschaft die dadurch entstandenen Kosten ersetzen muessen.

Ob das in jedem Einzelfall angemessen ist, mag dahingestellt sein. Im vorliegenden Fall waere es sicherlich nicht unangemessen, wenn es eine analoge Regelung in Deutschland gaebe.

Anonym 9. Januar 2009 um 11:03  

Lieber Roberto J. de Lapuente,

du schreibst es völlig richtig.

Wie ich schon weiter unten las, dass familiäre Umfeld Merckles wird gar nicht ausgeleuchtet - es scheint nämlich dort heillos zerstritten zuzugehen - zu Lebzeiten hat sich der eigene Sohn von Merckle losgesagt.

Hier wäre - wenn es denn "Unterschicht" wäre - eine Springer-Kampagne der Bild-Zeitung längst am laufen - auch hier sieht man die Ungleichbehandlung zwischen Reich und Arm. Keiner behelligt die näheren Angehörigen von Merckle, weder mit Aufklärungs- noch mit Schutzkampagnen....

...die Angehörigen können sich Anwälte leisten, im Gegensatz zu Normalverdienern und Arbeitslosen, da schaut jede Bild-Kanallie lieber zweimal nach bevor die behelligt werden - nur als Beispiel....

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

Peinhard 9. Januar 2009 um 11:31  

Genau das ging mir auch doch den Kopf, als ich davon hörte: selbst für den Tod nimmt er sich noch Lakaien - denn nicht nur der Lokführer wäre zu bedenken, sondern auch diejenigen, die diese Schweinerei wegräumen mussten. 'Erschwerdend' kommt hinzu, dass dieser Herr einen ganzen Pharmakonzern sein eigen nannte. Und da soll er nicht an ein paar geeignete Pillen gekommen sein?

klaus baum 9. Januar 2009 um 11:42  

>>wie wahllos und rücksichtslos diese Kreise voranpreschen, nur um ihren Willen erfüllt zu wissen<<

Ich glaube, diese Charakterisierung trifft ein wesentliches Moment solcher Menschen. Wenn ich auch eine Haltung respektiere, die aus Pietät schweigt, so bin ich doch der Meinung, daß eine genaue Analyse solcher Typen wie Merckle vonnöten ist, und zwar deshalb, weil deren Verhalten uns beständig als allein gültiger ethischer Maßstab verkauft wird.

Anonym 9. Januar 2009 um 13:36  

@Peinhard

Da stimme ich dir völlig zu - darüber hat anscheinend noch niemand nachgedacht. Normalmenschen kommen nämlich nicht an Zyankali heran - aber bei Merckle wäre dies wohl der Fall gewesen, wenn er sein sterben nicht öffentlich - als Anklage - inszenieren wollte....

Er gab ja im Abschiedsschreiben vor seinem Selbstmord an, dass die Finanzkrise schuld daran sei....

Kabarettisten wie Georg Schramm machen wohl keine Witze mehr? Die könnten nämlich sonst ernst genommen werden.

War nicht bei Beginn der Finanzkrise mit Schild dabei vom Kabarettisten Georg Schramm gefordert worden, dass unsere Zocker es machen sollten wie von Demonstranten vor der US-Börse an der Wallstree verlangt: "Jump you fuckers!"

Tja, zynisch ausgedrückt, Merckle hat die Sendung wohl gesehen, und für gut befunden - sonst wäre er nicht gesprungen.

Fazit für Georg Schramm "Neues aus der Anstalt":

Bitte keine Witze mehr über Selbstmorde, die könnten ernster genommen werden als der Kabarettist Georg Schramm selbst dachte.

Gruß
Nachdenkseiten-Leser

  © Free Blogger Templates Columnus by Ourblogtemplates.com 2008

Back to TOP