Nasskaltes Wetter in Hessen

Montag, 19. Januar 2009

Warum veranstaltet man den Urnengang - jenen bei dem man ein Wahlzettelchen in einen Kartonschlitz steckt, nicht solchen, bei dem man einen verbrannten Korpus beisetzt, wobei sich mittlerweile beide Vorgänge sehr ähneln -, warum also läßt man einen solchen demokratischen Urnengang nicht im Mai oder Juni stattfinden? In Monaten, die viele schöne Tage in sich vereinen, mehr Sonnenschein als Regen kennen, in denen Kälte kein Thema ist? Schließlich spricht man auch immer wieder davon, die Legislaturperioden auf fünf Jahre zu standardisieren, da könnte man doch auch gleich dafür sorgen, dass niemals mehr das schlechte Wetter das Wahlverhalten der Bürger beeinflusst.

Denn folgt man der öffentlichen Berichterstattung, so läßt sich genau damit die spärliche Teilnahme an den Hessenwahlen begründen. Schon gegen Mittag, als sich eine niedrige Wahlbeteiligung abzeichnete, berichteten die erste Medien davon, dass wohl das feucht-kalte Wetter davon abrate, schnell ins Wahllokal hinüberzugehen, um seine Stimme loszuwerden. Gleichgültig wo man auch nachlas, ob auf diversen Onlinepräsenzen großer deutscher Zeitungen oder einfach nur im Teletext: das schlechte Wetter wurde zum Initiator der allgemeinen Lustlosigkeit erhoben. Das ist beileibe kein Einzelfall, denn sobald bei irgendeiner Wahl die Beteiligung sinkt, dann brauchen die Medien nicht lange zu suchen, kämmen ein wenig in Petrus' Bart herum, und finden darin ein wenig Regen, eine Portion Schnee, etwas Kälte, denen man die Schuld zuschieben kann. Und sollte doch einmal der Wahlsonntag sonniges Wetter bieten, dann war es eben die liebe Sonne, die den Wähler nicht ins Wahllokal, sondern ins Lokal seiner Wahl pilgern ließ, dann ist nicht mehr das Unwetter, sind die wärmenden Strahlen schuldig.

Würde man dem glauben, so müßte man davon ausgehen, dass seit nunmehr drei Jahrzehnten, seitdem die Wahlbeteiligungen schrumpfen, die Wetterlage dieses Landes zunehmend ins Extreme schlägt. Wenn immer weniger Menschen wählen, muß es entweder kontinuierlich immer kälter oder wahlweise immer wärmer werden. Oder liegt es gar nicht am Wetter?

Doch, tut es wohl, nämlich am schlechten Wetter innerhalb der journalistischen Zunft, an der immer extremeren Kälte, die in Form von Inkompetenz und Parteilichkeit daherkommt. Das ewige Herumschwadronieren um die Wetter-Entschuldigung ist eines dieser mahnenden Beispiele: So sieht es aus, wenn die Berichterstattung, namentlich diejenigen, die sich für diese Form der Berichterstattung verantwortlich fühlen müssen, unkritisch und unreflektiert niederschreiben und ins Mikrofon palavern. Was dann herauskommt ist oberflächliches Wichtiggetue, in der man nicht nur aus blanker Dummheit das Wetter-Argument bringt, sondern auch, weil man parteilich engagiert ist, d.h. weil man nicht objektiv berichtet, sondern in die Partei der Einheitsfront eintritt, die von sich behauptet, keine maßgeblichen Fehler gemacht zu haben, weswegen die Wahlzurückhaltung viele Gründe haben kann, aber keine die mit der Art und Weise zu tun haben, wie man Politik in diesem Lande betreibt. Es seien wohl nur einige Extremisten, die davon sprechen, dass die heutige deutsche Politik herabregiere auf das Volk, thronend über den Interessen vieler Menschen - aber die Mehrheit sehe das nicht so, deshalb muß die fehlende Wahlbeteiligung andere Gründe haben.

Demnach sind es nicht die sozialen Schweinereien, nicht die Machtspielchen, nicht das dumpfe, aber doch gut spürbare Gefühl, innerhalb dieser Demokratie nicht mehr als ein Wahlvieh zu sein, das zum Fernbleiben animiert - nein, es ist das Wetter. Am Wahlabend berichtet man dann voll aufgesetzter Ernsthaftigkeit von "Wählers Wille", tut so, als sei das Wollen der Bürger ein Heiligtum, aber gleichzeitig legt man dar, dass eben dieser Wähler ein vollkommen unverantwortlicher Geselle ist, den ja ein Paar Regentropfen von seiner verdammten "Bürgerpflicht" abhalten, der nicht mal fähig ist, sich schnell eine Jacke umzuwerfen, um der Kälte zu trotzen. Dass sein Fernbleiben Resignation ist, vielleicht auch die bittere Einsicht, dass seine Stimme sowieso gleichgültig ist, weil es keinen Unterschied macht, wen man da wählt, davon wird nichts gesagt, weil es ein schlechtes Licht auf all jene wirft, die wirklich verantwortlich sind für die Misere - die Machtversessenen, die an ihren Stühlen haften; die Uneinigen, die sich öffentlich zerfleischen und kurz vor Regierungsantritt Gewissensbisse bekommen; die Medien natürlich auch, die vollkommen gezielt Kampagnen gegen bestimmte Politikerinnen in die Wege leiteten.

Das Wetter-Argument ist die Spitze des Eisberges, an der man aber erkennt, wie abgrundtief schlimm es um den deutschen Journalismus steht. Es scheint innerhalb dieser Zunft kaum noch Zeitgenossen zu geben, die Mut zum kritischen Denken haben, dafür bekommen wir gebetsmühlenartige, immer gleich lautende Floskeln zu lesen und zu hören - entweder war gestern für die einen das Wetter daran schuld, dass beinahe 40 Prozent aller wahlberechtigten Hessen nicht wählten, oder - für die anderen - Andrea Ypsilanti, die nicht nur der SPD, sondern der ganzen hessischen Politik Schaden zugefügt hat. Nur diese beiden Motive hatten Geltung und wurden von allen Berichterstattern mehr und minder unters Volk gebracht. Es war ein Sammelsurium an Inkompetenz, was uns da am Wahlabend, kurz nach 18:00 Uhr, dargebracht wurde. Analysen waren nichts anderes als Parolen gegen Ypsilanti, jetzt anders als im gesamten Jahr 2008, keine Kampfparolen mehr, sondern Parolen der Schadenfreude und des Zynismus - händereibend kreisten die Berichterstatter über den Absturz der SPD, fanatisch geiferten sie beim Anblick der ersten Hochrechnungen. Wahlbetrug lohne sich eben nicht! Und schon gar nicht, wenn es draußen nasskaltes Wetter hat.

In Hessen hat die SPD verloren, die CDU nichts gewonnen - wer aber auf Jahre nichts mehr gewinnen kann, wer gestern verloren hat, das war die Demokratie. Schon vor der Wahl, nämlich das ganze Jahr 2008 hindurch, indem man den demokratischen Prozess innerhalb des hessischen Landtages beeinflusste; und erst recht jetzt nach der Wahl, indem man anfängt, Geschichtsklitterung schon in die Gegenwart zu hieven, um die Abstrafung der Sünderin zum Präzedenzfall deutscher Politik zu stilisieren. Alles, nur nicht Wahrheit, ist nun Gebot der Stunde. Man belästigt die Öffentlichkeit mit Ypsilanti-Hetze, man schwingt sich auf, das Wetter zum Stein des fehlenden Anstosses, d.h. zum Grund mangelnden Interesses an der Wahl, zu machen, damit man sich nicht mit wirklichen Problemen befassen muß. Das wesentlichste Problem dieser Tage lautet: Warum interessieren sich Menschen nicht mehr dafür, ihr demokratisches Recht wahrzunehmen? Die Antwort darauf, würde Gestalten wie Koch die existenzielle Grundlage rauben - also wird darüber nicht gesprochen.

Wenn sich zwei Menschen begegnen, die sich eigentlich nichts mehr zu erzählen haben, dann spricht man... na, von was? Richtig: vom Wetter. Dann tauscht man die obligatorischen Floskeln aus - "Kalt ist es heute" und "Wird hoffentlich bald besser" und dergleichen mehr. Die Berichterstatter von den Wahlen dieser Republik haben uns nicht viel zu erzählen, weil sie einerseits kaum etwas wissen, was zum Erzählen taugt, und weil sie andererseits gar nichts erzählen sollen. Was bleibt ihnen also anderes übrig, als uns vom Wetter zu berichten?

12 Kommentare:

Anonym 19. Januar 2009 um 16:16  

Es ist ja noch viel schlimmer, lieber Herr de Lapuente. Die Äußerung der Bankiersfrau Kopper (ehemals Seebacher-Brandt) gestern bei Anne Will hat es auf den Punkt gebracht: "Sie meinen, dass nur 60 Prozent zur Wahl sind, sei schlimm? Nein, das ist doch ganz normal ..."

Man nimmt es nicht nur billigend in Kauf, nein, man setzt darauf! Die Leute sollen sich nicht für Wahlen interessieren.

In einem kleinen Text unseres Regionalblattes hier im Norden, hatte ein Schüler geschrieben: "Es ist ja doch besser, wenn die Politiker das alles erledigen. Wir Jungen verstehen davon nichts und interessieren uns auch nicht dafür..."

Das Schlimme ist, dass sich die SPD von den Neoliberalen benutzen lässt. Sie werden mit ihrem Abschied von sozialdemokratischen Themen immer weiter machen, statt sich mit der LINKEN zu stärken.

Es wird leider so kommen, die Menschen wählen sich künftig entweder die Regierung, die sie eigentlich überhaupt nicht haben wollen - oder sie verweigern sich der Wahl.

Denn rechnen können die meisten:
Wie soll man mit einer SPD, die immer schwächer wird, dieser geballten Niedertracht aus CDU/FDP und auch Grünen als Wähler gegenüberstehen.

Das die LINKE auf mehr als 50 Prozent kommt, hat der "liebe Gott" schlichtweg bei der "Menschwerdung" vergessen, vorzuprogrammieren.

Anonym 19. Januar 2009 um 16:17  

Kleiner Nachtrag: Gratuliere zum neuen Layout!

Ich brauchte nur fünf Minuten um das Alte zu vergessen. Jetzt finde ich das Neue sehr gelungen.

Andreas Bemeleit 19. Januar 2009 um 17:23  

Das ZDF http://wahlimweb.zdf.de/ZDFheute/inhalt/23/0,3672,7507031,00.html?dr=1 hat der Wahlbeteiligung in Hessen unter dem Titel "Von der Freiheit, nicht zu wählen" gewidmet.
Darin wird die niedrige Beteiligung als ein seit den 90er Jahren bestehender Trend gesehen.
Dort wird auch der "Wortbruch" thematisiert, aber das Wetter wird nicht als DER Grund für die geringe Beteiligung gesehen.
Bei etwas gutem Willen lässt sich eine allgemeine Politikverdrossenheit als Grund heraus lesen.

klaus baum 19. Januar 2009 um 17:31  

Ich war um 15 Uhr im Wahllokal. Davor und danach war ich etwa eine Stunde zu Fuß unterwegs. Es war entschieden wärmer als an den eisigen Frosttagen vorher und trocken war es auch. Um 17:30 nieselte es. Wann das Nieseln anfing, weiß ich nicht, da ich mich in einem geschlossenen Raum zwischen 16 und 17:30 aufgehalten habe.

Anonym 19. Januar 2009 um 18:11  

Wie wahr - vor allem der letzte Absatz brachte es auf den Punkt.
Ich hätte es nicht besser sagen können.

Manul 19. Januar 2009 um 23:40  

Die echte Tragik an dieser Wahl ist, dass man Frau Ypsilanti als Exempel missbraucht hat und damit jede alternative Politik verhindert hat. Das hat allerdings nicht die Hessische SPD verbockt, sondern die Parteiführung, die teils aus Eigeninteresse, teils aus falscher Loylität Schröder gegenüber sich seit Jahren eigentlich nur noch vor sich hin treiben lässt. Eine echte Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle als (Volks)partei ist nicht gewollt und wird seit Jahren erfolgreich unterdrückt. So ist die Partei eigentlich unwählbar, denn mit der Stimme für die SPD wählt man letztlich den gleichen Einheitsbrei, den man auch bei schwarz-gelb in Original bekommen kann - mit der Zusatzoption noch, dass es erneut in einer GroKo enden kann. Dabei bräuchte die SPD nur ein Progamm, was dem Namen der Partei gerecht ist und schon würde sie ganz anders dar stehen.

Ja, man könnte tatsächlich das alles mit einem Lächeln ignorieren, wenn wir nicht mitten in einer der schlimmsten Wirtschaftskrise der letzten 100 Jahre stecken würden, die andere Lösungen benötigt, als die alten (nicht funktionierenden) Rezepte der Neoliberalen. Und sollte am Ende bei der Bundestagswahl die schwarz-gelbe Koalition regieren, dann können wir uns alle warm anziehen, denn das Arsenal der Abscheulichkeiten der Neoliberalen ist noch längst nicht aufgebraucht und wenn (endlich) die Linke nichts mehr zu melden hat, dann braucht man sich erst recht nicht mehr zu genieren.

chriwi 20. Januar 2009 um 07:12  

Und wenn im Sommer die Beteiligung gering ist, dann liegt es am guten Wetter und das alle lieber draußen spazieren gehen. Hätte man wirklich das Gefühl, dass jede Stimme etwas bringt, dann würden die Menschen auch wählen gehen. Aber wenn Koch abgewählt wird um nur ein Jahr später Ministerpräsident zu werden. Ohne Worte das Ganze.

ben 20. Januar 2009 um 08:29  

Das Schlimme ist, dass wir uns auch da in einer Abwärtsspirale befinden. Diejenigen, die nicht mehr zur Wahl gehen, interessieren sich auch nicht mehr für die vielen dümmlichen Kommentare und bleiben auch da dem Ganzen fern.
Und so nimmt alles weiter seinen Lauf...

Anonym 20. Januar 2009 um 10:50  

Viele glauben, die SPD sei eine Partei, die eine sozial(istisch)e und demokratische Politik machen wolle. Das ist ein Irrtum. Die SPD ist eine Partei von Strebsamen, die - in den bestehenden Strukturen - aufsteigen wollen. Ihr Interesse an Reformen (im Sinne von: Reform statt Revolution) beschränkt sich darauf, Hürden in den bestehenden Strukturen für sie selbst überwindbar zu machen. Der sog. kleine Mann fühlt(e) sich von dieser Partei angezogen, aber die Zuneigung war doch sehr einseitig: als Wahlvieh wurde er gerne genommen - die Entscheidungen finden an anderer Stelle statt.

Den Hessen, die dies bisher noch nicht gewusst haben, hat die Partei dies nach der letzten Wahl deutlich vor Augen geführt. Übrigens: wie war das noch mal mit Heide Simonis? Wie auch immer. Die SPD brauchte diesmal keinen Clement mehr um von der Stimmabgabe für sie abzuraten. Diese "Ehre" jetzt dem Wetter anzutragen wäre ungerecht. Ehre wem Ehre gebührt: das können sich die SPD-Spitzen ins Parteibuch schreiben.

P.S.: Es ist doch so wie Mayer Amschel Rothschild sagte: "Gib mir die Kontrolle über die Währung einer Nation, dann ist es für mich gleichgültig, wer die Gesetze macht." Die PolitikerInnen wechseln bzw. sind so wechselhaft wie das Wetter. Im Gegensatz zu den Entscheidungsträgern - die haben nur ein Interesse: die Profitrate muss stimmen. Daher ist es im Grunde völlig egal wie hoch die Wahlbeteiligung ist. Zur Not - d. h. um den Schein zu wahren - wird eben eine Wahlpflicht eingeführt. Und falls die falsche Partei gewählt wird, wird eben die 5%-Hürde erhöht. Die Herschenden haben ein Gespür dafür wenn ihre Position bedroht ist. Aber wetterfühlig sind die wenigsten von denen.

fbr 20. Januar 2009 um 23:45  

Ich hab da mal was aufgesetzt - zur Beruhigung der Nerven und um das eigentliche Feindbild nochmal ins rechte Licht zu rücken:
http://fubar3000.blogspot.com/2009/01/so-sieht-das-nmlich-aus.html
Schlimm ist es trotzdem - also mit dem Wetter das und überhaupt. Emotional überhitzt und rational erfroren - irgendwie. Aber die, die 'Abweichler' in Gänsefüßchen packen, 'markige Kante' aber nicht, werden genug Klingeld für Ventilation und einen Regenschirm in atomarer Strahlenoptik haben, nicht wahr? Traurig das alles.

otti 21. Januar 2009 um 12:58  

Wer für notleidende Banken politisch die Verantwortung zu tragen hat und diese an fremde Mächte abschiebt oder ferch eine schwäbische Hausfrau bemüht, der schert sich auch nicht um eine notleidende Demokratie, solange er mit schrill-kippender Stimme seine unsinnnigen Weisheiten öffentlich-rechtlich verbreiten kann.

Die Person, die jetzt wieder ihre Backen aufbläst ist gerade einmal ein Ein-Drittel-Ministerpräsident. Aber selbst sowas hindert den nicht daran eine dicke Lippe zu riskieren.

Doch, Demokratie hat was mit Wetter bzw. Klima zu tun: beides wurde von der Politikerkaste versaut.
Von der Wirtschaftskrise wollen wir da gar nicht reden!

aschlutter 21. Januar 2009 um 23:54  

Ich finde es nachvollziehbar, warum die Presse sich so am Wetter auslässt. Die FDP hat gewonnen, schwarz-gelb auf Bundesebene bekommt Konturen. Noch ein wenig draufgehauen auf Ypsilanti (leider auch Heribert Prantl in der SZ), um rot-rot-grün endgültig zu erledigen und die konservative Mehrheit wird immer wahrscheinlicher. Also besser vom Wetter reden als die Finger in die Wunde zu legen. Wem gehören nochmal die Verlage und Medienkonzerne? Springer, Bertelsmann, DuMont, Holtzbrinck etc. Und was ist wohl in derem Interesse?

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