Nomen non est omen

Donnerstag, 31. Juli 2008

Heute: "Vermittlungsproblem"
"Wir haben in den vier wichtigsten Bereichen - Finanzen, Gesundheit, Steuergerechtigkeit, Mindestlohn - Deutungshoheit. Aber dies nutzt uns nichts. Deswegen sage ich: Wir haben ein Vermittlungsproblem."
- Prof. Karl Lauterbach, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD in einem Interview der TAZ am 31. Mai 2008 -
Clement räumte aber Fehler bei der Vermittlung der Reformen ein: „Kommunikativ war das offensichtlich keine Meisterleistung von uns.“
- FAZ in einem Artikel vom 28. Dezember 2004 -
Dieses politische Schlagwort wird vor allem dann benutzt, wenn politische Vorschläge und Entscheidungen von einem Großteil der Bevölkerung abgelehnt werden. Es wird dem Bürger bzw. dem Volk unterstellt, er würde nicht verstehen, warum eine spezifische Idee oder eine politische Entscheidung gut für ihn sei. Kurzum: er sei zu dumm es zu verstehen. Das Gegenteil ist jedoch häufig der Fall. Ein Großteil des Volkes hat z.B. die Agenda 2010-Politik (und vor allem Hartz IV) deshalb abgelehnt, weil es genau wusste, was Sozialabbau bedeutet. Das Gleiche gilt für Studiengebühren, den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan oder auch für den EU-Vertrag von Lissabon: das Volk erkennt sehr wohl, dass diese Ideen und Entscheidungen nur einer kleinen Minderheit etwas nützen und am Großteil der Bevölkerung vorbeigehen. Mit diesem Begriff wird - eher unfreiwillig - zugegeben, eine interessensgesteuerte politische Entscheidung, wie z.B. die Einführung der Praxisgebühr, nicht gut genug getarnt bzw. den Bürger nicht als Vorteil verkauft zu haben. Insofern ist das Schlagwort des Vermittlungsproblems eine linguistische Konstruktion, um das Legitimationsproblem der Volksvertreter zu verschleiern. Denn häufig wird dann von einem Vermittlungsproblem gesprochen, wenn Volksvertreter - im Namen des Volkes –Entscheidungen treffen, die häufig gegen die Interessen eines Großteils der Bevölkerung sind.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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Wider der Beeinflusserei

Dienstag, 29. Juli 2008

Die Leiterin eines Seniorenheimes, die die Stimmabgabe einiger Senioren beeinflußt haben soll, darf sie sich nun vor Gericht rechtfertigen. Delikat: In jener Wahl sicherten sich ihr Ehemann und ihr Sohn politische Mandate. Sie habe nichts Verbotenes getan, erläutert die betreffende Dame - was soll sie sonst auch sagen? Die notwendigen Kreuzchen stammen ja letztendlich immer noch von Seniorenhand.
Nun ist es sicherlich keine Seltenheit, dass dort wo Menschen nicht in voller Mündigkeit leben können, wo man Menschen eine Art Vormund oder Aufsicht auferlegen muß, Schindluder mit der Briefwahl getrieben wird. Womöglich rekrutieren sich ganze Politikerfamilien aus so einer Praxis - zumindest auf kommunaler Ebene. Und vielleicht ist so ein Tun seit Gründung der Bundesrepublik für manchen Kandidaten die letzte Rettung gewesen. Aber offen bleibt, warum die Beeinflussung seitens einer Heimleiterin sanktioniert werden soll, während allerlei andere Beeinflussungen straffrei bleiben.

Da sind die politischen Talkshows, die, wenn schon nicht parteipolitisch oder auf Kandidaten fixiert, so doch zumindest eine gewissen Fingerzeig in die Richtung einer angeblich notwendigen Politik geben. Bei "Will", "Hart aber Fair" und einst bei "Christiansen" war man sich doch unisono darüber einig, dass mit der LINKEN kein Zusammentun zustandekommen kann und darf, dass eine Politik der gerechteren Umverteilung ein Rückschritt sei - zu sein hat. Und wenn auch Will, Plasberg oder eben damals Christiansen nicht direkt beeinflussten, so ließen sie sich doch vornehmlich Gäste einladen, die eine klare Positionierung im öffentlichen Diskurs durchschimmern ließen. Wenn dann letztendlich verkappte Lobbyisten im Studio sitzen: Wie kann man da nicht von Beeinflussung sprechen, wenn es doch gerade das Einflußnehmen ist, für welches diese Herrschaften bezahlt werden?

Und wenn sie im Wahlkampf die Fußgängerzonen belagern, Zettelchen verteilen, politische Nichtigkeiten als Parolen verkleiden und Sündenböcke mit Namen benennen - ist das keine Beeinflussung? Freilich, die immer weniger werdenden traurigen Parteisoldaten, die im Namen ihrer heiligen Vereinigung zwangsrekrutiert werden, um das Wahlschaf zur Schlachtbank zu geleiten, kann man kaum verurteilen. Wenn die SPD für die SPD wirbt, so liegt das wohl in der Natur der Dinge, bzw. in der Unnatürlichkeit des politischen Wesens; aber wenn man Prominente bemüht oder angeblich unabhängige Institutionen, die ein gutes Wort einlegen sollen! - Keine Beeinflussung? Auch nicht, wenn Schauspieler oder Sänger aktiv für eine Partei eintreten und ihrer oftmals jungen Anhängerschaft dezent nahelegen, wer zu wählen sei?

Was ist mit den Legionen von Vätern und Großvätern, die ihren Nachkommen deutlich mitteilen, wen man zu wählen hat? Immerhin habe man in der Familie seit Generationen die CDU gewählt - oder irgendeine andere dieser Banden! - und was ewig währt war immer gut - oder so ähnlich. Und jene braven Enkelchen, die der unbedarften Oma hindeuten, wo das Kreuzchen gemalt werden muß? Da Oma, da stehe ich auf der Liste, da kreuz' an - und kümmere Dich nicht um die politischen Inhalte, Du weißt doch, dass ich ein lieber Bub bin! Was ist mit Ehemänner die ihre Ehefrauen auf Linie trimmen? Wurden die Wähler, die ihren Abgeordneten nur wählten, weil er in seinem Anzug so solide aussieht, weil er mit seiner Brille so belesen und seriös wirkt, nicht von Vorurteilen beeinflußt? Und von jenen, die eine Kandidatin nur wählen, weil sie eine üppige Oberweite aus enger Bluse hervorspitzen läßt ganz zu schweigen.

Wenn der Spiegel den Rechtfertigungskurs der politischen Reformen fährt, die BILD munter gegen die LINKE hetzt, der Stern berichtet, dass nur eine angebotsorientierte Ökonomie Erfolg verspricht - alles keine Beeinflussung und Vorprägung? Sagen uns die Printmedien nicht genauso wie jene, die sich auf laufende Bilder und Tonübertragung stützen, was politisch im Trend der Zeit zu liegen und was ewiggestrig zu sein hat? Machen sie nicht aus Umverteilung und Gegnerschaft zur Privatisierung etwas, was man unmöglich an der Wahlurne per Votum vertreten soll? Versucht die BILD denn nicht, potenzielle Wähler dahingehend zu beeinflussen, die LINKE nicht zu wählen? Beeinflusst der Spiegel nicht schamlos die Menschen derart, dass er ihnen darlegt, wie gut dem Land eine schwarz-gelbe Regierung täte? Versucht denn die FAZ nicht, die hessischen Wähler so vorzuprägen, dass sie bei der nächsten Landtagswahl etwas mehr "koalitionäres Denken" an den Tag legen?

Ja, man stelle die Beeinflusser vor Gericht und bestrafe sie angemessen, gerne auch angemessen hart! Nichts ist verwerflicher, als den Menschen eine in Mündigkeit gehüllte Unmündigkeit vorzugaukeln. Aber dann bitte nicht nur Heimleiterinnen, die unbeholfenen Senioren Fingerzeige geben, sondern eben auch all jene, die meinen, sie müßten ihren Nächsten mit "guten Ratschlägen" als ganz besondere Variante des Wahlhelfers zur Seite stehen. All jene eben, die bewirken, dass die Menschen hierzulande zu 80 Prozent nicht wählen, was sie eigentlich gerne wollen würden; all jene sind vor ein Gericht zu stellen.

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Neoliberalismus - das Überlebenselixier?

Na endlich! Mittlerweile sind sogar Wirtschaftsblätter soweit, zuzugeben, daß der Neoliberalismus eine Sackgasse ist – eine ideologische Irrlehre mit fatalen Folgen. Welche Konsequenzen diese losgelassene Bestie für ein Wirtschaftssystem haben kann, ist unübersehbar. Was der Neoliberalismus jedoch beim Menschen anrichtet, darüber wird geschwiegen….

Die Schaffung struktureller Bedingungen, die ein neoliberales Wirtschaftssystem erst möglichen machten, sind wohl in etwa zur Zeit der Industrialisierung anzusiedeln. Vor der Wende zum 20. Jahrhundert lebte ein Großteil der Bevölkerung Deutschlands noch in „Großfamilien“. Mit Sicherheit liefert auch diese Form des Zusammenlebens für jede Menge Zündstoff, jedoch war Mensch eingebunden in ein familiäres System, das auf einem gesellschaftlichen Konsens, einem verantwortlichen Miteinander beruhte.

Selbstwert versus Nutzwert

Die zunehmende Verstädterung führte zu einer Zerschlagung der Großfamilien und damit zur Vereinzelung. Jeder war nun für sich selbst verantwortlich und musste auch für sich selbst sorgen. Mit einiger Verzögerung gelang es auch den Frauen, sich dieses Recht auf Vereinzelung zu erkämpfen. Mit der jungen Industrie stieß auch die calvinistische Arbeitsethik auf neuen fruchtbaren Boden – der Nutzwertgedanke prägte nicht nur Industrie und Wissenschaft, sondern auch den Menschen. Ein fast schon genialer Kniff, der auch oder gerade heute noch wirkt: dem Menschen wird ein Selbstwert abgesprochen, denn den Wert, den muss er sich, in der Regel durch Leistung, erst verdienen.

In Zeiten, die von Wirtschaftsaufschwung geprägt sind, fällt die Vereinzelung nicht gar so auf. Solange es bergauf geht, es genug Arbeit und korrekte Löhne gibt, ist jeder tatsächlich in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Großzügigkeit und Solidarität fallen leicht, ebenso wie der Glaube daran, alles erreichen zu können, wenn man sich nur ordentlich ins Zeug legt. Der amerikanische Traum auf deutsch. Doch ein Wachstum der Wirtschaft kann nicht ewig andauern, was zwangsweise folgt ist die Stagnation.

Da Ressourcen, Arbeitsplätze und vor allem das Geld knapp werden, macht sich auch ein gewisser Vulgärdarwinismus, scheinbar aus dem Nichts, breit. Wie gesagt, scheinbar. Denn dabei handelt es sich um nichts anderes als die Kehrseite der Medaille: Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Perfide ist dabei jedoch das Festhalten an alten Glaubenssätzen wie: Wer Leistung bringt, wird dafür auch entsprechend entlohnt. Wer sich nur genügend bemüht, der erreicht auch das, was er will.

Der Neoliberalismus frisst seine Kinder ……

Dieses Festhalten führt bei denjenigen, die keinen Umgang damit finden, zu zwei Extremen. Die einen verdrängen schlichtweg jegliches gesellschaftliches Verantwortungsgefühl und schränken ihren Horizont soweit ein, bis nichts mehr übrigbleibt, als das eigene Wohl. Gleichgültigkeit gegenüber anderen und aggressive Ellenbogenmentalität unterscheiden sich dabei nur graduell.
In der Regel identifizieren sich solche Menschen mit ihren Leistungen, sie definieren sich über ihren Nutzwert und solange diese Rechnung aufgeht, gibt es keinen Grund, etwas daran zu ändern.
Einige religiöse und esoterische Bereiche stilisieren diese vulgärdarwinistische Mentalität in menschenverachtender Weise sogar hoch zu einer Heilslehre, die den Menschen bzw. dessen Ego als den omnipotenten Mittelpunkt der Welt predigt. Als Beispiele dieser Stilblüten des Neoliberalismus seien nur „The Secret“ und die nicht totzukriegenden „Bestellungen beim Universum“ von Bärbel Mohr genannt.

Diejenigen, die da nicht mithalten können oder wollen bleiben zwangsweise auf der Strecke. Da sich auch solche Individuen über ihren Nutzwert bzw. über ihre Leistung definieren, ist die Krise vorprogrammiert. Das führt soweit, daß ein Menschenleben, das sich nicht durch Arbeit in die Gesellschaft einbringen kann, als wertlos und sinnlos erachtet wird. In der Regel fehlt dann auch noch das Geld, um sich über den Konsum noch einen Rest-Nutzwert und damit eine Existenzberechtigung zu verschaffen. Wer dieses antidemokratische Elitedenken nicht schon von den eigenen Eltern eingetrichtert bekommen hat, der bekommt sie von den Medien um die Ohren gehauen.

Da jeder für sich selbst verantwortlich ist, ist auch jeder für sein Scheitern verantwortlich. Auch das sind Menschen, die leider immer noch an ein funktionierendes Leistungssystem glauben und sich durch ihren Zweifel an sich selbst regelrecht zerfleischen. Als wenn das noch nicht genug wäre, wird jeder, der „gescheitert“ ist, als Einzelfall abgestempelt wird, dessen persönliches Schicksal rein gar nichts mit den gesellschaftlichen Strukturen zu tun hat.

…… und zwar alle.

Beide Varianten haben sich im Grunde von dieser Gesellschaft verabschiedet, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß das menschliche Elend dieser beiden Extreme, ob als „Erfolgreicher“ oder „Erfolgloser“, politisch gewollt ist, angesichts des Umgangs mit den Themen Armut und Arbeitslosigkeit. Während die Vereinzelung bis vor ein, zwei Jahrzehnten noch durch ein funktionierendes Sozialsystem abgefangen wurde, sieht sich heute das Individuum einer bodenlosen materiellen sowie ideellen Vereinsamung ausgeliefert.

Überleben heißt die neue Philosophie, denn zum Leben fehlen Zeit und Geld. Und beinahe unmerklich findet eine Verschiebung vom „Arbeiten um zu leben“ hin zu „Leben um zu arbeiten“ statt. Der Mensch verkommt zum „Homo oeconomicus“, und mit ihm entsteht eine Gesellschaft von Menschen, in der Wirtschaftswachstum und Konsum zum Selbstzweck geworden sind und mit den realen Bedürfnissen des Menschen nichts mehr zu tun haben.

Es ist keine Frage, in einem vom Neoliberalismus geprägten System gibt es keine "Gewinner", es gibt nur Verlierer.

Dies ist ein Gastbeitrag von Kristina Kiehl.

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Alle lieben die KPCh

Montag, 28. Juli 2008

Es wird wieder von Schlächtern gesprochen. Von solchen, die die Menschenrechte mißachteten und wahllos töten ließen, ohne eine Spur von Humanität gezeigt zu haben. Schlächter, die Zehntausende in den Tod führten, die Hunderttausende ihrer Lebensgrundlage beraubten. Es wird wieder von Schlächtern geschrieben. Mit all ihren unmenschlichen Zügen und ihrer egozentrischen Sichtweise und der Angst, die sie befiel, als sie sich selbst einer unmenschlichen Situation ausgesetzt fühlten. Das Paradoxe wird in Buchstaben gefaßt, wird dem Leser vor Augen geführt: Der Schlächter, der nicht geschlachtet werden, der Blutsäufer, der sein eigenes Blut nicht getrunken wissen will.

Nein: Es geht nicht um China! Auch wenn wir so kurz vor den Olympischen Spielen stehen. Denn Radovan Karadzic hat es der internationalen Presse angetan! Er nimmt in jenen Tagen die Position ein, die China zukommen müßte - gerade jetzt, wo man sich aufmacht, im Reich der autoritären Mitte ein Sportspektakel zu veranstalten. Stattdessen rückt ein Schlächter ins Rampenlicht, der sein Werk schon vor Jahren vollbracht hat, während die Schlächter in den Gremien der KPCh nun die Hände internationaler Staatsmänner schütteln, das an ihnen haftende Blut an die Hände dieser Welt weiterreichen dürfen. Beinahe könnte man meinen, dass nur jene Schlächter zur Diskussion stehen, die ihr unheilige Aufgabe bereits erledigt haben, während noch aktive Schlächter, die außerdem anonym in Form einer angeblichen Kommunistischen Partei auftreten, ungeniert ihr Tun fortsetzen dürften.

Natürlich ist es müßig - in diesem Falle genauso, wie im Falle des Iraks oder Afghanistans - mit eurozentristischem Blickwinkel gen Osten zu moralisieren. Tradition, Philosophie und Geschichte Chinas (nicht nur die neuere Geschichte) haben kein Demokratieverständnis hervorgebracht, wie es der westlichen Welt entsprang - und wie es übrigens immer mehr in Vergessenheit gerät und quasi als Irrtum westlicher Geschichte umgedeutet werden soll. Aber mit einem Land in Verhandlungen stehen, welches wegen kleinster Delikte tödliche Genickschüsse verteilt, entbehrt jeder demokratischen Grundlage. Wenn man schon dreist genug ist - und schon immer war, siehe z.B. den "Boxeraufstand" -, den Menschen Chinas den westlichen Lebensstil aufzuzwingen - nicht nur denen! -, warum dann nicht auch eine Art "demokratischen Gewissens"? Warum bietet dieser Teil der Welt nur seine Produktionsweisen an, die über kurz oder lang ganze Gesellschaftsgefüge umwerfen? Warum nur Lohnmodelle, Arbeitsabläufe, Profitmaximierungen? Warum nur gigantische Produktionshallen, Technisierung jeglichen Lebensbereiches, riesige Wohnanlagen für Arbeiterheere ohne Recht und Mitsprache? Warum wird diesen Menschen nur eine Art "ökonomische Philosophie" mit auf ihren Weg gegeben - der ja unser Weg gleichermaßen ist -, während eine "Philosophie der Emanzipation" nicht nur verschwiegen, sondern geradezu unterdrückt wird?
Man kann Gesellschaftsstrukturen, die sich über Jahrhunderte, im Falle Chinas: über Jahrtausende entwickelt haben, nicht einfach vom Tisch wischen. Man macht aus der chinesischen Gesellschaft freilich keine grunddemokratische, wird dort immer auch mit autoritären Strömungen zu ringen haben. Das Hineinpfuschen in solche Strukturen zerstört mehr als er schafft. Aber wenn man schon pfuscht, wenn man schon dazwischenschlägt und mitmischt, warum dann nur auf ökonomischer Ebene?

Anstatt dieser Einsicht, die ja nolens volens zum Rückzug des Westens in anderen Weltregionen führen müßte, liefern die Medien dieser Tage einen kleinen, zwar kritisch wirkenden, aber doch abwiegelnden, fast idyllischen Hochgesang auf China. In diesem - Hochgesang - werden die Unterschiede in der chinesischen Gesellschaft aufgegriffen, indem man Chinas Freude an Prada und Gucci den jährlich zehntausend Hinrichtungen gegenübergestellt; indem erläutert wird, in welch finanzieller Armut Chinas Landbevölkerung lebt - wobei man die Armut in diesen Gebieten nicht am Geld messen kann, was uns im Westen, mit unserer Zahlentreue und Statistikliebe, wieder einmal entgeht -, während man im gleichem Atemzug mitteilt: "Ihr seid auf dem richtigen Weg." Und natürlich vergißt man bei diesem notwendigen Lobgesang auch nicht, die eurozentristische Verkrustung etwas bröckeln zu lassen, indem man Erfindungen, die man eigentlich in Europa angesiedelt hatte, den alten Chinesen zurückgibt. Ja, schreckt nicht einmal davor zurück, Kong Zi zum Erfinder der Menschenrechte zu machen!
Und Alt-Bundespräsident Weizsäcker gibt sich ganz weltmännisch - er darf ja auch nicht fehlen, wenn es darum geht, mit vielen Worten nichts zu sagen -, indem er den oben aufgegriffenen Gedanken von der Sinnlosigkeit der Einmischung aufgreift: "Dieses wachsende Selbstbewusstsein im chinesischen Volk ist der Motor für den Fortschritt – auch in der Frage der Menschenrechte. Jede Einmischung von außen wäre ausgemachter Blödsinn." - Soso, da wäre es also Blödsinn, während der westliche Einfluß in Wirtschaft und damit Politik freilich kein Blödsinn ist, sondern dringende Notwendigkeit, die ja den sogenannten "Motor für den Fortschritt" darstellt.

Überhaupt dieser Irrsinn von der neuen Weltmacht China, wie ihn Alt-Kanzler Helmut Schmidt seit Jahrzehnten predigt. Wer die Geschichte Chinas nur ein wenig kennt, sei es auch nur bruchstückhaft, der weiß gewiss, dass es das Verlangen des Reiches der Mitte nie war, eine räumliche oder geistige Expansion zu betreiben. Freilich ließ sich der Kaiser den Respekt bekunden, ließ sich Geschenke aus jenen Ländern bringen, mit denen er in Handel zu treten gedachte. Er war ja immerhin auch der Sohn des Himmels! Als dann die Briten kamen und ihm so recht keinen Respekt zollen wollten - nicht mal den Kotau wollten sie vollziehen -, da weigerte er sich zunächst auch, mit diesem Barbarenvolk in Handel treten. Das britische, bzw. europäische Selbstbewußtsein und die damit verbundene Selbstgerechtigkeit hat er damals unterschätzt oder gar nicht erst wahrgenommen. Aber Expansion in dem Sinne, den Ländern an der Peripherie des Reiches der Mitte einen neuen ideologischen, theologischen oder philosophischen Überzug zu verpassen, war unbekannt und dominiert die chinesische Mentalität bis heute. Im Gegenteil: China nahm fremde Herrscherdynastien in die eigene Kultur auf und gewann dadurch an Vielschichtigkeit. Was wir heute als chinesische Kultur betrachten und was es, genau besehen, nicht als einheitliche Kultur, sondern als viele regionale Kulturen mit einem gemeinsamen Nenner gibt, ist ein Sammelsurium fernöstlicher Traditionen und Überlieferungen. Obwohl sich das Reich der Mitte als Zentrum der Welt und deren Kaiser als Sohn des Himmels wahrnahmen, exportierte man nicht Kultur, sondern importierte und war - gemäß dem Daoismus - auf Ausgleich bedacht. Der Sinologe Helwig Schmitz-Glintzer schreibt dazu:
"In ihren Grundmustern folgt die Vorstellung von Chinas Geschichte den chinesischen Selbstauslegungstraditionen und deren früher Spiegelung in den Berichten europäischer Missionare und Reisender. Bis in die Gegenwart wird China als der "Schlafende Riese" und als aufkommende Weltmacht gesehen und zumeist gefürchtet. Dabei ist sich China seiner Identität weniger gewiss, als dies solche Bilder nahelegen. Das hängt mit den vielen Facetten der Geschichte und der Kultur des "Reichs der Mitte" zusammen."
Hier wird zudem auch deutlich, dass die Einsichten Helmut Schmidts, die er gerne weitsichtig und mit diplomatischer Vision an seine Zuhörer und Leser vermittelt, uralte westliche Ängste sind. Der "schlafende Riese" ist nicht der "neueste Schrei der Geschichte", sondern von jeher der Furor des Westens. Bisher schläft er immer noch und die eigene Identität ist in China (noch) nicht gefunden. Es würde aber der chinesischen Mentalität, die ja ein Produkt aus der Historie und den Lebensbedingungen ist, gänzlich widersprechen, nun nach einer Art Weltherrschaft zu trachten, auch wenn sich diese "nur" ökonomisch ausnehmen würde.

Das schlachtende China, so heißt es also aus dem Munde der westlichen Vernunftträger, sei auf einem guten Wege, Einmischung käme einer Dummheit gleich. Und damit ja keine oppositionelle Stimme laut wird, die die Olympischen Spiele in China schlechtmacht, politisch nutzbar macht, wird langsam und dezent eine Berichterstattung aufgezogen, die China als Land der Fortschritts und der Emanzipation verklärt - auch wenn man zugibt, dass es noch nicht an allen Fronten danach aussieht. Die Zeit der Olympischen Spiele soll keine Zeit der Kritik sein, sondern eine solche, die den Zuseher im politischen Dämmerzustand halten soll. Wenn schon von Schlachtfesten und deren Protagonisten gesprochen werden soll, dann eben von Karadzic - er nimmt die Rolle des Retters Chinas an, wird die roten Flecken auf der weißen Weste der Chinesen kaschieren, vom Schauplatz Beijing ablenken. Wenn schon über Mord und Unmenschlichkeit berichtet werden soll, dann wird er auflaufen, nicht die Führungsriege der KPCh. Aus den fernöstlichen Schlächtern wird in den nächsten Wochen eine Runde weiser Staatslenker stilisiert, die man ihres Mordens nicht moralisch verurteilen darf, weil sie doch dem Fortschritt zugewandt gen Westen marschieren.

Die Tragik Karadzic' ist es, dass er keine Olympischen Spiele veranstaltet, dass er nicht nutzvoll verwertbar ist...

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Ich (ver-)zweifle...

Samstag, 26. Juli 2008

In diesen Tagen begleitet mich der Zweifel. Ich frage mich, warum ich diesen Blog - korrekt: dieses Blog - betreibe; warum ich mein ganzes Herzblut hier hineinstecke und mir immer wieder die Mühe mache, mich anderen Menschen mitzuteilen. Und ich stelle mir eine ganz persönliche Frage: Wieso erschlägt mich mein politisches Interesse, mein Hang zur moralischen Gestaltung der Welt - zumindest das Herbeischreiben einer solchen Welt - derart, dass es mich zweifeln läßt an mir, an meinen Vorstellungen, an meiner Weltsicht, an meinen Mitmenschen? Dieser Zweifel ist keine Neuigkeit in meinem Leben. Immer wieder verfiel ich in tiefe Agonie, wollte am liebsten in ein Paradies flüchten, in welchem oppositionelle Sittlichkeit nicht vonnöten wäre. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Oppositionelle - nicht jene in den Parlamenten, sondern die Kritiker und Gegner des "schlecht Gegebenen" -, egal ob er auf der Straße gegen den legitimgewordenen Wahnsinn auftritt oder "nur" mittels Schriften aller Art, früher oder später, seltener oder öfter in eine Situation des tiefen Zweifelns gerät, die sich nährt aus einem erdrückenden Gefühl des Verzweifelns.

Seit Tagen ringe ich nun mit mir, meinen Blog weiterzuführen, indem ich einen neuen Beitrag verfasse. Aber nichts animiert mich, im Gegenteil, ich bin wie gelähmt. Der Ungerechtigkeiten und Sauereien gäbe es genug - wie der Arzt immer Patienten hat, so hat der Kritiker immer Stoff zur Kritik -, aber ich schweige, weil ich nicht fähig bin zu be- und umschreiben, mir den Unmut von der Seele zu schreiben. Ich fühle mich wie auf einen dieser tristen, schwarz-weiß gehaltenen Gänge geworfen, die Kafka so niederschmetternd beschreibt. Er, der er am Anfang unserer Zeit der Massengesellschaft stand, der den anonymen Irrsinn bereits erfaßte, bevor er gänzlich ausgebrochen ist, er der vom Wandel des individuellen Menschen zur gesichtslosen Kosten-Nutzen-Biomaschine schrieb, steht mir in diesen Tagen sehr nah. Einen konkreten Grund könnte ich nicht nennen; ich könnte nicht aufzählen was mich alles niederschlägt - nicht einmal einen einzigen faßbaren Grund. Womöglich ist es meine Art, meine Natur, die Haut in der ich stecke. Vielleicht fühle ich mich so erdrückt und lustlos, so verzweifelt und ungehört, so belanglos im gesamten Spektakel unserer Zeit, so wie ein Relikt aus anderen Jahrhunderten, weil ich so bin, wie ich bin - weil ich so denke, wie ich denke. Die "Gesamtheit des Negativen", die unsere Gesellschaft befallen hat und mein Wesen, scheinen nicht miteinander kompatibel zu sein, um es im Jargon unseres Zeitalters auszudrücken.

Derzeit befasse ich mich, wenn auch nur stümperhaft und im Rahmen meiner geistigen Kapazitäten, mit der Quantenmechanik und der Allgemeinen Relativitätstheorie. Das sehr Kleine und unvorstellbar Große fasziniert mich und reduziert im gleichen Maße mein Interesse am Hier und Jetzt, welches mir meinen Oppositionellenstatus abgerungen, ja geradezu abgenötigt hat. Wenn man dieses ominöse Gitternetz so betrachtet, in welchem die Sterne und Planeten gebettet liegen, ähnlich wie in einer Hängematte - die gekrümmte Raumzeit eben -, dann fragt man sich, was dieser ganze belanglose Zirkus auf Erden eigentlich soll. Was soll das Theater um Arbeitsplätze und Profit, um menschliche Eitelkeiten und menschliches Imponiergehabe, um Fortschritt und Besitztümer? Wir sind doch am Ende sowieso nur ein kaum wahrnehmbarer Teil des Kosmos - freilich selbstverliebt genug, um uns wichtiger zu nehmen, als wir letztendlich sind. Die Beschäftigung mit dem ganz Kleinen und dem ganz Großem nihiliert Sichtweisen, zumindest teilweise. Und es erschreckt mich, denn dies sind nicht die Gedanken, die mein ganzes Leben tragen. Zwar drängen sich Gedanken auf, dass der Mensch letztendlich ein unwesentlicher Teil des Ganzen - was immer das dann sein soll - ist, doch in lichten Momenten wird mir die Arroganz und der ethische Irrtum bewußt, die in einem solchen Denken begraben liegen.

So rang ich also in den letzten Tagen um ein Thema, welches mir wieder einen Fuß in die Türe dieser zweifelnden Schreibblockade - wenn man das so nennen will - klemmen sollte. Jede mögliche Empfehlung, alles Gelesene bot sicher Stoff, aber ich wußte nichts damit anzufangen - ich weiß es so recht immer noch nicht. So berichte ich, Seelen-Striptease betreibend, von meinem verzweifelnden Zweifel oder meinem zweifelnden Verzweifeln. Und je mehr ich darüber sinniere, scheint es mir so, als wäre es ein Thema, welches in diesem Blog durchaus angebracht scheint. Immerhin bedrückt uns alle mal der Zweifel und am Verzweifeln sind wir wahrscheinlich öfter als uns lieb ist. Warum sollten wir oppositionellen Blogger uns also nur unsere Paradestücke mitteilen? Warum nur unsere Ansichten und Wünsche? Unsere Entrüstung und Polemik gegen den zur Realität gewordenen Schwachsinn?

Ich will mich nicht nur in der Herrlichkeit sonnen, die zuweilen diesen Blog prägt, wenn ich meine Weltsicht darlege und die Dummheit der Anderen umschreibe. Der heutige Oppositionelle begreift sich als Mensch, innerhalb einer Welt von Menschrobotern. Er greift die fehlende Wärme im Miteinander auf, die Frechheiten dieser oft verbeamteten Roboter, er entrüstet sich schlicht, dass in dieser Welt kaum noch Platz ist, ein freier, glücklicher, voller Visionen strotzender Mensch zu sein. Lebenswege sind vorgezeichnet, die Auswahlmöglichkeiten sind eng begrenzt und immer nur im Rahmen eines Systems wählbar, welches den Menschen nach seiner Effizienz bewertet; alles ist geregelt und in jener Ordnung erstarrt, welche man nicht müde wird, als "notwendige Ordnung" zu bezeichnen.
Der Oppositionelle von heute bemüht sich darum, wieder mehr Menschlichkeit ins Miteinander zu bekommen. Er möchte nicht mehr Teil einer gesichtslosen Masse sein, sondern Bestandteil einer Masse, in der jeder ein individuelles Aussehen hat. Wenn der Oppositionelle so denkt, so handelt, darauf hinwirkt, warum soll er dann jenen Part der conditio humana verleugnen, der ihn verzweifeln, der ihn an sich und an seiner Umwelt zweifeln, kurz: der ihn schwächeln läßt? Sinnkrisen sind kein menschlicher Makel, sondern Notwendigkeiten in der individuellen Entwicklung. Solcherlei Notwendigkeiten sollte man sich nicht schämen, vorallem dann nicht, wenn man eine Gesellschaft verwirklicht wissen will, die eben jenes Individuellsein zum einzig machbaren Maßstab erhebt.

Die Ruhe, die Abgeschiedenheit und Isoliertheit eines Klosters scheint mir in solchen Tagen verlockend. Mich schweigend, zumindest aber mit wenigen Worten, einer kleinen Aufgabe widmen, ein Stückchen Natur umsorgen und die kranke Welt vor den Toren des Klostergebäudes lassen! - Ja, das wäre in jenen Momenten eine Wohltat. Keine grauen Effizienzcharaktere mehr, keine Gestalten, die es ja "nur gut mit einem meinen", keine Wichtigtuer und eloquente Nichtwisser mehr. Nur mit dem Gott der Klosterbewohner käme ich nicht ins Gespräch, müßte mich also auch dort verbiegen, so wie es die Herrschaften außerhalb der Mauern immer und immer und immer wieder fordern.

Manche würden so einen Zustand lapidar als Depression bezeichnen und mir vielleicht das Schlucken diverser Glücklichmacher empfehlen; anderen nennen es banal "Sinnkrise" - mir ist einerlei wie man es bezeichnet. Radischtschew schrieb vor etwas mehr als zwei Jahrhunderten: "Ich blicke um mich - und meine Seele ward durch die Leiden der Menschheit verwundet." Darin liegt viel Wahrheit - meine Wahrheit. Ich verzweifle an Jahrhunderten, die den Menschen wenig vorangebracht haben. Die ihm zwar Fortbewegungsmittel, gigantische Gebäudekomplexe, rasende Nachrichtensysteme und noch vieles mehr beschert haben, aber keinerlei Mitmenschlichkeit, kein Fortschreiten im Miteinander. Noch immer fechtet der Mensch jenen Kampf aus, den er in langen und bitteren Zeiten des Mangels mit seinem Nächsten hat ausfechten müssen. Immer noch soll jener nicht essen, der nicht arbeitet, gerade so, als könne nur der Überleben, der seinen Acker bestellt hat. In modernen Zeiten lebend an anachronistischen Menschenverächtlichkeiten verhaftend! - "Nicht nur die Vernunft von Jahrtausenden - auch ihr Wahnsinn bricht an uns aus. Gefährlich ist es, Erbe zu sein." (Nietzsche)

Nein, ich werde diesen Blog nicht schließen, nur weil mich in diesen Stunden der Zweifel gepackt hat - auch wenn ich mit diesem Gedanken gespielt habe. Aber ich hielt es für wichtig, auch diesem Zweifel hier seinen berechtigten Raum zu erteilen. Oppositionell zu sein, bedeutet eben auch, an seiner Umwelt zu verzweifeln und im stillen Kämmerlein auch an sich selbst zu zweifeln. Wenn man so anders ist als die große Masse, wenn man eben - um es mit dem großen Modewort zu sagen - nicht Teil des Mainstreams ist, dann kommt man gezwungenermaßen zu der Frage: Stimmt etwas nicht mit der Welt oder stimmt mit mir etwas nicht? - Dies läßt sich höchstwahrscheinlich nicht hinreichend beantworten. Wahrscheinlich stimmt mit beiden etwas nicht, wahrscheinlich nimmt sich der Einzelne einfach nur zu wichtig, gerade so wichtig, wie die ganze Welt sich nimmt...

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In nuce

Freitag, 25. Juli 2008

Es gibt keine Armen mehr, zumindest nicht in dieser Gesellschaft und in diesem Lande. Sie wurden aufgespalten in arme Deutsche und arme Ausländer. Und da letztere drei Viertel aller Armen ausmachen, ist die Armutsdebatte gar keine Armutsdebatte - sie ist eine Integrationsfrage. Jörges schreibt sich seinen nationalen Frust von der Seele und hält Ausschau nach Sündenböcken. Versteckte Quintessenz seines Schmierstücks: Hätten wir weniger Ausländer, hätten wir auch kaum Arme. Und überhaupt: "Höheres Kindergeld und andere Wohltaten könnten für Ausländer sogar den Reiz zur Einwanderung ins deutsche Sozialsystem verstärken. Auch Mindestlöhne gehen an mangelnder Qualifikation und unzureichenden Deutschkenntnissen der Migranten vorbei." - Mittels dem ausländischen Sündenbock soll Sozialabbau gerechtfertigt und eine soziale Errungenschaft, die uns vielleicht eines Tages in Form eines Mindestlohnes begegnet, verhindert werden. Tja, sieh mal an: Selbst für einen Jörges sind Ausländer für irgendetwas nützlich! Jörges ist freilich eloquent und weiß durch schöne Worte, die er bei Fernsehauftritten mit großartiger Weisenmiene in die Wohnzimmer dieses Landes hallen läßt, zu glänzen. Sollte der Inhalt seiner bizarren, kleinen Analyse, die Arme untereinander spaltet - sie sollen bloß nicht auf die Idee kommen, sich in ihrem Leid zu vereinen -, von einer Person aus dem braunen Lager mit einem Résumé kommentiert werden, dann würde der abgeleitete, weniger wortgewandte Slogan "Deutschland verarmt - Ausländer raus!" dabei herauskommen. Das ist das Verdienst Jörges': Er macht die dumpfe Xenophobie salonfähig, ersinnt eine Sprache, die scheinbar unverdächtig ist, aber dafür mit bitterbösen Inhalten konfrontiert.
Eine Sprache, die in vielen Bereichen mehr und mehr Einzug findet. Die Sprache des freundschaftlichen Aufmerksammachens. Ausländerfeindlichkeit und wirtschaftsliberale Forderungen werden ja nicht mit böser Zunge hofiert, sondern mit der vermeintlichen Stimme der Vernunft. Man müsse ja, man könne nicht anders, man sei gezwungen, "Sachzwang - Sie verstehen?" Es ist die säuselnde Stimme des Fuchses, der den Edlen mimt und dann voller Niedertracht über sein Opfer herfällt. Eine Stimme, die natürlich auch beim Agitieren an Schulen Einzug gefunden haben wird. Dort wird man mit Vernunftesstimme klarmachen, dass die Linkspartei, diese Bande von Kommunisten, der Untergang der Bundesrepublik sei. Mit solch einer Stimme betreibt man Gehirnwäsche, nicht mit der Keule, die bei jeder Gelegenheit über den Kopf gebraten wird.
Und wir waren der Ansicht, das Zeitalter des Faschismus sei dahin! Währenddessen wird in Bayern die Versammlungsfreiheit beschnitten, die Bundeswehr in die Öffentlichkeit gerückt, als Armee des deutschen Stolzes, mit liebevoller Stimme gegen Ausländer gehetzt, gegen alles was nur "nach links riecht" agitiert, die systemtreuen Eliten belohnt auf Kosten der Habenichtse und dergleichen Bräunlichkeiten mehr. Nein, weder haben wir diese unheilvolle Zeit überwunden, haben das wohl nur immer mal wieder geglaubt, mittendrin stehend im braunem Sumpf. Und kühn die anderen, diejenigen die behaupten, wir müssen uns vor dem "Angriff der Faschisten" schützen. Als ob sie noch angreifen müßten, in der Stellung in der sie schon sind - in der sie ja diese Gesellschaft maßgeblich prägen und beeinflußen und nicht selten sogar lenken.

Da hat man Walter Riester festgenagelt, hat ihn der Korruption, nicht nur verdächtigt, sondern bezichtigt, hat seine sogenannte Riester-Rente als medienwirksam gestützte Leere entlarvt, die gerade bei finanziell Schwächeren kaum Vorteile bringt, dafür aber die Versicherungswirtschaft unterstützt, hat mit Norbert Blüm jemanden gefunden, der sich mit Riester schriftlich auseinandergesetzt hat und nun? Nun ist er beleidigt und fühlt sich mißverstanden. Er hat seine Korrespondenz bei Abgeordnetenwatch beendet. Es ist schon infam, einen solch feinen Herrn so in die Bredouille zu bringen. Korrupt? - Ha! Er hat in den Jahren 2006 bis 2008 sicherlich einigemale bei Versicherungen vorgesprochen - das gibt er doch zu! -, war dort Referent, hat aber nur ein Paar knappe Tausender hinzuverdient! Ein Paar knappe Tausender und mindestens 300.000 Euro! Er hat sich doch nichts zu Schulden kommen lassen! Er hat nur zum Wohle des deutschen Volkes gehandelt - und Versicherungsunternehmer sind ja auch Deutsche!

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Sit venia verbo

Donnerstag, 24. Juli 2008

"Der Sex, sagte ich mir, stellt in unserer Gesellschaft eindeutig ein zweites Differenzierungssystem dar, das vom Geld völlig unabhängig ist; und es funktioniert auf mindestens ebenso erbarmungslose Weise. Auch die Wirkungen dieser beiden Systeme sind genau gleichartig. Wie der Wirtschaftsliberalismus - und aus analogen Gründen - erzeugt der sexuelle Liberalismus Phänomene absoluter Pauperisierung. Manche haben täglich Geschlechtsverkehr; andere fünf oder sechs Mal in ihrem Leben, oder überhaupt nie. Manche treiben es mit hundert Frauen, andere mit keiner. Das nennt man das "Marktgesetz". In einem Wirtschaftssystem, in dem Entlassungen verboten sind, findet ein jeder recht oder schlecht seinen Platz. In einem sexuellen System, in dem Ehebruch verboten ist, findet jeder recht oder schlecht seinen Bettgenossen. In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige wenige beträchtliche Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend. In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt. Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen."
- Michel Houellebecq, "Ausweitung der Kampfzone" -

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Popstars

Sonntag, 20. Juli 2008

Massen jubeln ihm zu. Wenn er mit seinem dünnen Stimmchen freimütig trällert, hängen seine Anhänger ihm an den Lippen, stimmen gelegentlich in den Text mit ein. Seine Bühnenshow wird genau wahrgenommen und jede außerordentliche Regung von euphorischem Jubel begleitet. Sein Publikum ist gemischt: Männer wie Frauen wohnen seiner Show bei. Diesmal waren es vornehmlich junge Menschen, die sich mittels seines Programmes beglücken ließen. Er hat es geschafft - er ist ein Star; ein wahrhafter Popstar. Als solcher kann er sich Vieles erlauben, ohne mit Abstrafung seitens des Publikums rechnen zu müssen. So verbreitet er ungeniert seine "Sichtweisen aus einer anderen Welt", die sowieso nur beiläufig wahrgenommen werden. Und wenn sie doch einmal den Weg in eine individuelle Wahrnehmung finden, dann tut man es mit einem gütigen Lächeln ab. Die Hauptsache bleibt doch, dass er ein Star ist, dass er mit seinen jugendlichen Anhängern feiert, kurz: dass er durch seine Präsenz glänzt. Nichts verwundert die jungen Massen dabei: Nicht das gigantische Aufgebot an Leibwächtern und an Polizisten; nicht seine außergewöhnliche Robe; nicht seine verbitterte Hartnäckigkeit in "seiner Lebensphilosophie". Sie nehmen ihn so wie er ist - wie er zu sein scheint.

Es ist ein Wunder unserer Zeit, gleich einem jener Wunder aus dem berühmten Buch der Bücher, welches dieser Popstar vorgibt bevorzugt zu lesen. Und verwundert reibt man sich auch die Augen, wenn man diesem Pop-Wunder, dieser Ausgeburt der Medienlandschaft, nur ein wenig Beachtung schenkt. Junge Menschen, sie nennen sich Katholiken, strömen zusammen, um dem selbsterklärten Oberhaupt - das Primat des römischen Bischofs ist auf das "Recht des Stärkeren" oder besser: "Recht des Hinterlistigeren" zurückzuführen und in vielen christlichen Gruppierungen noch heute etwas, was auf Ablehnung stößt - ihrer Kirche zu begegnen und mit ihm Gottesdienste zu begehen. Das Papsttum, spätestens sein Johannes Paul II., weiß sich mit Hilfe der Medien recht in Szene zu setzen. Ratzinger, als guter Diener und Schüler seines verstorbenen Herrn, hat sich dabei viel abgeschaut und ist nun der Pop-Papst, der Held einer jungen Generation, die zwar jubelt und meint, durch diesen alten Herrn, dem Göttlichen etwas näher zu sein, aber im gleichen Atemzug wenig bis gar keine Ahnung davon hat, was der lächelnde Graukopf aus dem Vatikan eigentlich predigt; welchem Weltbild er frönt. Sie erheben das Oberhaupt des göttlichen Bodenpersonals zur Gottheit, machen aus dem Stellvertreter einen göttlichen Pop-Heros, den man um seiner selbst willen feiert.

Die Welt muß mit einer frommen Jugend gesegnet sein - eine asketische und geradezu ethisch einwandfreie Jugend. Denn sie läßt jenen Greisen hochleben, der ihr Maßhaltung in sexuellen Dingen predigt, der Verhütung - außer der Knaus-Ogino-Methode - verdammt und als Folge eine vielleicht notwendig gewordene Abtreibung ächtet. Nebenher reichert er dieses weltfremde Paket an verantwortungslosen Ratschlägen um die üblichen Ressentiments der katholischen Kirche an: Nein zur Homosexualität; Nein zur Gleichheit der Geschlechter, die sich im Ordinationsverbot für Frauen äußert; Nein zum oftmals humanen Akt der Sterbehilfe! Dazu kommt die Aufwertung der eigenen Kirche, die er selbst als Ausdruck der Einzigartigkeit versteht, während er den Protestantismus nicht als "eigentliche Kirche" bezeichnet, sondern als Ansammlung "kirchlicher Gemeinschaften", letztendlich als Sekte. Den orthodoxen Kirchen läßt er freilich den Kirchenstatus, aber mitleidig blickt er nach Osten, denn sie leiden unter einem Mangel, der sich am Fehlen eines Papstes zeigt, oder besser: des Papstes! Denn die orthodoxen Kirchen sollten, so empfiehlt er dringend, die Nähe zur katholischen Kirche und damit zum Papst suchen. Da kocht diese uralte römisch-machiavellistische Brühe aus Machtgier und Hinterlist hoch, und der Hintergedanke, das große Schisma zugunsten der päpstlichen Oberhoheit zu beseitigen.

Dieses mal hell-, mal dunkelbraune Süppchen an Vorurteilen und Engstirnigkeiten findet bei Weltjugendtagen aber kaum Wortentfaltung. Man darf Zweifel hegen, ob die jugendlichen Gottesdienstler überhaupt wissen, was der lächelnde Despot aus Rom so alles an antidemokratischen, anachronistischen und menschenverachtenden Botschaften herunterleiert, wenn er mal wieder den großen Weltmoralisten mimt. Oder dürfen wir davon ausgehen, dass diese Jugendlichen asketisch leben, sich des sexuellen Kontaktes vor der Ehe enthalten und fröhlich beischlafen ohne sich darum zu kümmern, eines Tages - durch Gottes Gnade - Eltern von fünfzehn Kindern zu sein?
Aber freilich, soviel muß man schon zugestehen, der amtierende Papst hat Charme, weiß liebenswert zu lächeln, verteilt gelegentlich Worte mit liberalen Anstrich und tätschelt gelegentlich Kinderköpfe (und Kindsköpfe sowieso). Da paßt es außerordentlich gut ins Bild, wenn dieser klerikale Charmebolzen mitsamt seiner piepsigen Fistelstimme - die Stimme des gütigen Theologen - den naiven Kern seiner jungen Jüngerschar anspricht, sie zu Botschaftern des Katholizismus machen will. Unbedarfte, Blinde und Nichtsehenwollende werden dieser Bitte mit Freude nachgehen und fortan jedem Wehrlosen die Bibel unter die Nase schieben.

Ratzingers direkter Vorgänger gestaltete sich vorteilhafter für seine Kritiker. Es war ein Vorteil, den man ihm eigentlich oftmals als Nachteil nachsagte: Er stand zu seinem strengen "Wertkonservatismus". Man wußte bei Johannes Paul II. immer wes Geistes Kind er war. Beim Ratzinger-Papst ist das anders, weil schwerer an die Oberfläche transportierbar. Er verströmt nach Außen einen feinen Duft von Liberalismus, von charmantem Weltbürgertum, von Güte und Weitsicht. Im Inneren aber stinkt die gleiche alte Borniertheit, die gleiche Art von Menschenhass, die schon vor Jahrhunderten stank und mehr und mehr - durch die eigene, längst gewonnene Erkenntnis, eigentlich historisch überholt zu sein; "bald" auf dem Müllhaufen der Geschichte zu landen - zur Kompensation der eigenen Existenzangst modifiziert wird. Man hat in den letzten Jahrzehnten freilich gelernt, dass die Unfehlbarkeit des Papstes nicht zu rigide in die Welt hinausgetragen werden darf, sondern in einer distanzierten Form der Kumpelhaftigkeit und Freundschaftlichkeit. Lächelnd zeigt man der Welt, wer das Sagen hat, wer unfehlbar und demnach unkorrigierbar ist; lächelnd verurteilt man Homosexuelle und allzu selbstbewußte Frauen. Man verurteilt sie nicht mehr in scharfen Tönen, stößt sie stattdessen zag- und kumpelhaft an und macht auf deren Fehlverhalten aufmerksam. Der Kritiker am Lebensentwurf kommt als lieber Freund um die Ecke - eine traditionelle Mafiamethode, als Mörder einen guten Freund zu schicken. Ratzinger mimt diese Fratze der Freundschaft, die eigentlich die Feindschaft des Menschen mit sich selbst heraufbeschwört; das autonome Leben und Verwalten des Ich verunmöglicht und aus jeder banalen Entscheidung, gerade in geschlechtlichen Fragen, ein quälendes Gewissensbändigen und -verdrängen macht.

Hierzulande wird die Unbedarftheit im Umgang mit dem Zwergenstaat-Diktator aus der Tatsache heraus erzielt, dass der gute Mann einst - und vielleicht immer noch - einen deutschen Personalausweis besitzt und damit quasi zum "Personal für die deutsche Sache" gehört. Wenn er doch einer von uns ist, wenn wir allesamt im April 2005 zum theologischen Menschenquäler aufstiegen, wie es uns Dieckmann in großen Lettern via seines Blattes doch mitteilte, dann dürfen wir ihn nicht mit seinen eigenen Verirrungen und Frechheiten brüskieren, sondern sie weit von uns schieben, ihn nicht mehr wegen seiner Inhalte - oder leeren Worthülsen - feiern, sondern einfach nur, weil er da ist, weil es ihn gibt und weil er aus unserer Mitte entsprang. Bevor man sich Ärger mit diesem rechthaberischen Vorstandsvorsitzenden der katholischen Kirche einhandelt, schweigt man lieber und lächelt über seine Verschrobenheit, die er in solchen fundamentalen Fragen des menschlichen Daseins an den Tag legt.

Trotz aller Oberflächlichkeit im Miteinander von Staaten und Papsttum, bleibt es rätselhaft, was junge Menschen - mit all ihrer Energie, feststehende Dogmatik hinterfragen zu wollen, ja geradezu aus ihrer Jugendlichkeit heraus: hinterfragen zu müssen! - an diesen Greis bindet. Reicht denn der Anschein, dass er es doch ach so gut mit ihnen meine, um ihm ein solches Hochleben zuteil werden zu lassen? Es gab Zeiten - in den Jahren des Risorgimentos -, da verließ dieser selbstgerechte Herr der Katholiken seinen Kirchenstaat und das, was nachher davon übrigblieb - dieses etwa 50 Fußballfelder kleine Areal -, überhaupt nicht mehr. Erst der Vertrag mit den Faschisten - Patti lateranensi - holte ihn wieder aus seinen Räumlichkeiten heraus in die Welt, in der er natürlich zunächst einmal weiterhin schweigen, sich zurückziehen mußte, damit die Faschisten jenseits, nördlich der Alpen ihm seinen Frieden und seine Stellung ließen. Wenn auch die Zeit zwischen der Staatsgründung Italiens und der Ära Mussolini wenig Erfreuliches zu bieten hatte - der sich selbst weggesperrte Papst ist eine der wenigen Freuden, die die menschliche Historie uns zu übermitteln weiß.

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De dicto

"Die Gewalt ist dramatisch gefallen, Tausende Al-Qaida-Terroristen wurden getötet. Die irakische Armee übernimmt vermehrt die Kampfeinsätze, die Regierung handelt entschlossener denn je. Normalität kehrt vielerorts ein. Und die deutschen Medien schweigen!
[...]

Die Chancen stehen gut, dass der zerbrechliche Irak sich stabilisiert und statt Terror, Verfall und Unterdrückung Freiheit und Demokratie Einzug halten. Dem amerikanischen Präsidenten sei Dank."
- Joachim Steinhöfel in seinem BILD-Video vom 18. Juli 2008 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Mag sein, dass die deutschen Medien - die sicherlich kein Aushängeschild journalistischer Aufrichtigkeit sind - nicht immer objektiv aus dem Irak berichten. Das tun sie ja auch in keinem anderen Bereich des täglichen Wahnsinns; allen voran Steinhöfels Auftraggeber - die BILD-Zeitung. Dies dürfte die einzige Ehrlichkeit sein, die sich die einstige Werbefigur - für den Media Markt - geleistet hat. Kritik an der imperialen Politik der Vereinigten Staaten ist freilich aus dem Hause Springer nicht zu erwarten. Steinhöfel, dieser personifizierte BILD-Kodex, betet nur herunter, was jeder BILD-Mitarbeiter als Zusatzvereinbarung in seinem Arbeitsvertrag zu unterzeichnen hat - die Treue zu den Leitlinien Axel Springers.

Und was er da erzählt, dieser wortgewandte Meinungsmacher: Es sähe nach heiler Welt im Irak aus, nur wissen wir das nicht, weil die deutschen Medien hartnäckig schweigen - warum sie dies tun, kann er nicht erklären. Freilich, wie erwähnt, wird es mit der Objektivität nicht weit her sein und das wahre Kriegsmotiv hat man ja in den Tagen der beginnenden Invasion auch nicht laut ausgesprochen - journalistische Feigheit dominierte die Medien weltweit! Verschwiegenheit ist eine Eigenschaft aller Medien, sie berichten nur, was sie an Neuigkeiten an den Konsumenten weiterleiten wollen. Die Frage ist nur, ob sie die Bombenanschläge erfinden, die manchmal Hunderte Menschen in den Tod reißen? Und die US-amerikanischen Scharfschützen, die in Notstandssituationen auf alles schießen, was sich bewegt - eben auch auf Zivilisten? Die Toten hüben wie drüben, getötet durch Waffen von hüben und drüben, nur eine Erfindung? Sind die US-amerikanischen "Allherrlichkeiten im Namen der Demokratie" und die Bomben gegen die Besatzer nur Produkte von phantasievollen "Drehbuchautoren"? Wer bringt denn Zaid zum Töten?
Die Brutalität der US-amerikanischen Besatzungstruppen entspricht der Frontier-Mentalität, die in den USA einen historischen Platz einnimmt und noch immer bemüht wird. An der Grenze, in den sogenannten territories, herrschten raue Sitten, war es mit der Gesetzlichkeit nicht weit her. Rudimentäre Justizmechanismen konnten dort das Recht des Stärkeren nicht beseitigen. Mit dem Verschwinden des Frontier-Status, indem die Grenze weiter gen Westen zog, verschwand nach und nach auch die Brutalität, zog die Staatlichkeit und damit eine Rechtsgrundlage ein. Irgendwann war die final frontier erreicht, im Westen nur noch der Pazifik vorzufinden und die Frontier-Mentalität wurde in den US-amerikanischen Imperialismus importiert (siehe bei Robert Jungk) - und somit auch die damit verwobene Brutalität und Gesetzlosigkeit. Die new frontiers wurden Kuba, die Philippinen, Puerto Rico. Später Korea und Vietnam und allerlei Staaten der Dritten Welt. Heute kommt diese "US-amerikanische Tradition" im Irak und in Afghanistan zu neuen Ehren.

Man weiß nicht, woher Steinhöfel seinen Optimismus bezieht. Ob es Blindheit, Unwissenheit oder dreiste Lüge seinerseits ist. Dass er von der US-amerikanischen Frontier-Mentalität offenbar nichts weiß, liegt auf der Hand. Dies bestätigt nebenher sein primitives Welt- und Amerikabild, läßt uns über sein stupides Gut/schlecht-Kategorisieren lächeln. Wenn man seinen Ausführungen folgt, in denen George W. Bush zum Friedensengel und Erlöser verklärt wird, dann fällt es einem aber schwer, ihm eine ordentliche Portion Dummheit zu attestieren, die seine Äußerungen entschuldigen könnte. Der widerliche Zynismus, der aus seinen Sätzen trieft, tropft jegliche ernstzunehmende Analyse voll und macht sie unkenntlich und unmöglich. Der Aufklärer als verdeckter Giftmischer!

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Die neue Öffentlichkeit

Samstag, 19. Juli 2008

Da wird in einem Teil der Republik - auch wenn sich dieser Freistaat nicht immer als Teil derselbigen sieht - die Öffentlichkeit unzugänglich gemacht, indem man Demonstrationen nur noch dann als legitim erachtet, wenn sich auch wirklich kein Anwohner gestört fühlt und die Veranstaltung nicht allzu spontan in die Wege geleitet wird. Während auf der anderen Seite, in einem anderen Teil dieser Republik, ein Ereignis aus dem Schattendasein halböffentlicher Feierlichkeit herausgeholt wird, um es einer makaberen öffentlichen Zurschaustellung neuen deutschen Stolzes zu überantworten. Hier: das in Bayern kürzlich verabschiedete Versammlungsgesetz; dort: die öffentliche Inszenierung des feierlichen Gelöbnisses von 500 Bundeswehrsoldaten vor dem Reichstag in Berlin.

Es ist schon ein widerlich abgestandener Geruch - ein Leichengeruch aus längst vergangener Zeit -, der aus den Parlamenten dieses Landes herausströmt!

Die "einzige Öffentlichkeit die für Andersdenkende bleibt, nämlich die der Straße" (Meinhof), soll eingeschränkt werden. Jeder linien- und damit regierungstreue Christsoziale, der dann zufällig am Ort der Demonstration wohnt, kann somit zum Unterbinder basisdemokratischer Aktion werden, kann sich gestört fühlen und die Veranstaltung abblasen lassen. Was sich die bayerische Regierung hier ersonnen hat, ist ein Instrument, welches Hilfspolizisten schafft, die sich, gestört an ihrer seligen Ruhe, ihren demonstrierenden Mitbürgern in den Weg stellen können. Dazu reicht man ihnen großzügigst längere Vorbereitungszeit, damit diverse Schnellverfahren zur Unterbindung der öffentlichen Proklamation mit etwas mehr Ruhe über die Bühne gehen können. Die Meinung des Andersdenkenden wird aus der Öffentlichkeit zwar nicht verbannt, aber doch Schritt für Schritt "hinausgezüchtet". Wenn man bei den betreffenden Meldestellen fortwährend wie ein räudiger Bittsteller behandelt wird, erspart man sich früher oder später diese Schmach und die Enttäuschung, die bei einer ausbleibenden Erlaubnis ins Haus steht. Sie - die Öffentlichkeit - ist dann keine Selbstverständlichkeit mehr, kein offener Raum für alle, sondern ein wohlbehütetes Gehege, dessen Hüter in den staatlichen Institutionen und Polizeidienststellen sitzen. Die Öffentlichkeit wird zum Luxus, zum geschützten Areal derer, die die notwendige Macht besitzen und die finanziellen Mittel dazu aufbringen können, um sich frei darauf zu bewegen.

Wo der Bürger mit eigener Meinung vertrieben wird, dort soll der Bürger, der keine eigene Meinung vertritt, seinen Platz finden. Der demonstrierende Mensch verschwindet, um den treuen Geck mit Gewehr Raum zu verschaffen, der sein Gelöbnis kritiklos herunterbetet. Dies um einer Normalisierung Vorschub zu leisten, die in Augen konservativ-militaristischer Kreise schon lange hätte vollzogen werden müssen. Die Bundeswehr soll salonfähig werden, soll einen öffentlichen Raum einnehmen und - auch dies ist noch nicht vom Tisch - ein innenpolitischer Machtfaktor werden, der nicht nur in Zeiten des Notstandes (grundgesetzlich legitimiert) eingesetzt werden darf. Die Normalisierung begründet sich im Denken, die Gesellschaft mit einer sanften Remilitarisierung zu "bereichern". Ein Deutschland der öffentlichen Bundeswehr, in dem man stolz auf seine Armee sein darf, vielleicht sogar sein muß, ist ein Deutschland, in dem aus einem Fließbandarbeiter ein Industriesoldat wird und in dem man Ärzte und Krankenschwestern als eine Art Gesundheitsarmee, Arbeitsgruppen als Bataillone, den Arbeitsmarkt als Arbeitsfront bezeichnet.

Die Öffentlichkeit wird dem Oppositionellen aus den Händen gerissen. Er findet keine Vertretung in den Parlamenten, keine in Gewerkschaften, keine in Verbänden. Alle sind sie gefestigt in einer kapitalistischen Welt, nehmen deren Logiken und Sichtweisen als unumstößliche Gewißheiten an und unterscheiden sich - wie in Orwells Farm Schweine und Menschen - nicht (mehr) von ihrem gesellschaftlichen Widerpart. Die Straße als letzte Bastion, schon seit Jahren stückchenweise aus der Hand Andersdenkender gerissen, immer wieder mit Steinen verunziert, die man in den Weg zu rollen gewillt war, soll nun in drastischen Schritten gänzlich verscherbelt werden, um sie der gleichgeschalteten Presse als Organ von Wirtschaft und Politik zu überschreiben. Wundert es da, dass ausgerechnet die Springerpresse als ein solches Hauptorgan, sich für die Salonfähigkeit eines öffentlichen Gelöbnisses von Bundeswehrsoldaten stark machte? - Denen soll ja fortan die Straße gehören, den quietschenden Stiefeln und jenen Schwachköpfen, die die Stiefel rechtfertigen!

Während potenzielle Mörder in Uniform als Stolz des Landes gelten, die brav und fromm ihr Nationalgebet herunterleiern, in dem sie davon sprechen, ihrem Vaterlande treu zu dienen, werden Andersdenkende, die fern von solchen Gebeten positioniert sind, in die Illegalität getrieben. Die Kraftmeierei soll zuungunsten demokratischer Willenskundgebung installiert werden. Macht das bayerische Versammlungsgesetz Schule, so ist zugeteilte Öffentlichkeit für uns Irgendwers lediglich noch ein staatlicher Gnadenakt - keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern eine Eventualität, mir der wir nicht zu rechnen haben.

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Ridendo dicere verum

"Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenns ihm gut geht, und eine, wenns ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion.

Der Mensch ist ein Wirbeltier und hat eine unsterbliche Seele, sowie auch ein Vaterland, damit er nicht zu übermütig wird.

Der Mensch wird auf natürlichem Wege hergestellt, doch empfindet er dies als unnatürlich und spricht nicht gern davon. Er wird gemacht, hingegen nicht gefragt, ob er auch gemacht werden wolle.

Der Mensch ist ein nützliches Lebewesen, weil er dazu dient, durch den Soldatentod Petroleumaktien in die Höhe zu treiben, durch den Bergmannstod den Profit der Grubenherren zu erhöhen, sowie auch Kultur, Kunst und Wissenschaft.

Der Mensch hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören. Man könnte den Menschen gradezu als ein Wesen definieren, das nie zuhört. Wenn er weise ist, tut er damit recht: denn Gescheites bekommt er nur selten zu hören. Sehr gern hören Menschen: Versprechungen, Schmeicheleien, Anerkennungen und Komplimente. Bei Schmeicheleien empfiehlt es sich, immer drei Nummern gröber zu verfahren als man es grade noch für möglich hält.

Der Mensch gönnt seiner Gattung nichts, daher hat er die Gesetze erfunden. Er darf nicht, also sollen die andern auch nicht.

Um sich auf einen Menschen zu verlassen, tut man gut, sich auf ihn zu setzen; man ist dann wenigstens für diese Zeit sicher, dass er nicht davonläuft. Manche verlassen sich auch auf den Charakter.

Der Mensch zerfällt in zwei Teile:
In einen männlichen, der nicht denken will, und in einen weiblichen, der nicht denken kann. Beide haben sogenannte Gefühle: man ruft diese am sichersten dadurch hervor, dass man gewisse Nervenpunkte des Organismus in Funktion setzt. In diesen Fällen sondern manche Menschen Lyrik ab.

Der Mensch ist ein pflanzen- und fleischfressendes Wesen; auf Nordpolfahrten frißt er hier und da auch Exemplare seiner eigenen Gattung; doch wird das durch den Faschismus wieder ausgeglichen.

Der Mensch ist ein politisches Geschöpf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen haßt die andern Klumpen, weil sie die andern sind, und haßt die eignen, weil sie die eignen sind. Den letzteren Haß nennt man Patriotismus.

Jeder Mensch hat eine Leber, eine Milz, eine Lunge und eine Fahne; sämtliche vier Organe sind lebenswichtig. Es soll Menschen ohne Leber, ohne Milz und mit halber Lunge geben; Menschen ohne Fahne gibt es nicht.

Schwache Fortpflanzungstätigkeit facht der Mensch gern an, und dazu hat er mancherlei Mittel: den Stierkampf, das Verbrechen, den Sport und die Gerichtspflege.

Menschen miteinander gibt es nicht. Es gibt nur Menschen, die herrschen, und solche, die beherrscht werden. Doch hat noch niemand sich selber beherrscht; weil der opponierende Sklave immer mächtiger ist als der regierungssüchtige Herr. Jeder Mensch ist sich selber unterlegen.

Wenn der Mensch fühlt, dass er nicht mehr hinten hoch kann, wird er fromm und weise; er verzichtet dann auf die sauern Trauben der Welt. Dieses nennt man innere Einkehr. Die verschiedenen Altersstufen des Menschen halten einander für verschiedne Rassen: Alte haben gewöhnlich vergessen, dass sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, dass sie alt sind, und Junge begreifen nie, dass sie alt werden können.

Der Mensch möchte nicht gern sterben, weil er nicht weiß, was dann kommt. Bildet er sich ein, es zu wissen, dann möchte er es auch nicht gern; weil er das Alte noch ein wenig mitmachen will. Ein wenig heißt hier: ewig.

Im übrigen ist der Mensch ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen läßt. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot.

Neben den Menschen gibt es noch Sachsen und Amerikaner, aber die haben wir noch nicht gehabt und bekommen Zoologie erst in der nächsten Klasse."
- Kurt Tucholsky, "Die Weltbühne" vom 16. Juni 1931 -

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Grünbraune Verwandtschaften

Freitag, 18. Juli 2008

Die Grünen und die Braunen - eine neue, noch nie dagewesene Geschichte? - Dies könnte man glauben, wenn man die nun gehäuft auftretenden Stimmen dazu vernimmt, wonach die Rechten sich immer mehr in ökologischen Themen üben. NPD und Freie Kameradschaften, so könnte man annehmen, hätten erst kürzlich die Natur für sich entdeckt. Diese Entdeckung mutet seltsam und weltfern an, weil sich da Positionen treffen, die zunächst einmal keinerlei Berührungspunkte offenbaren.

Weder ist die Konstellation von Braunen mit grünen Themen neu, noch ist es verwunderlich, dass ausgerechnet im Grünen das Braune schlummert. Der Ökofaschismus drängte schon bei der Gründung der Grünen in die neu entstehende Partei. Namentlich Herbert Gruhl, seinerzeit ehemaliges CDU-Mitglied, spielte eine unrühmliche Rolle. In seinem Buch "Himmelfahrt ins Nichts" sprach er sich im Falle des Notstandes - damit meinte er die Übervölkerung in der Dritten Welt - für einen Atombombenabwurf aus. Er und Baldur Springmann - ein nationalistischer Landwirt mit NSDAP- und SS-Hintergrund - verließen die Grünen bereits 1980, womit sich die neue Partei zunächst einmal nach links entwickelte. Rechte Unterwanderungsversuche gab es aber immer wieder. So mußte 1985 der grüne Bundesvorstand den Landesverband West-Berlins auflösen, weil dieser von Mitgliedern des neofaschistischen Witikobundes, den Neuheiden und der NPD-Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten" vereinnahmt war. Ende der Achtzigerjahre sprachen sich einige Grüne - unter anderem Antje Vollmer - für die Annäherung an Gruhl und Konsorten aus. Man müsse den Riss, den man Anfang der Achtzigerjahre im grünen Lager entstehen ließ, wieder kitten.
Gruhl und Springmann hatten zwischenzeitlich - 1982 - die ÖDP mitgegründet und dieser neuen Partei ihren wertkonservativen Stempel aufgedrückt. Ende der Neunzigerjahre suchten die bayerischen Grünen die Nähe zu dieser ÖDP - die sich mittlerweile in Kleinbuchstaben (ödp) schrieb - um die "Möglichkeit für künftige Wahlbündnisse auszuloten". Welchen Partner hat man sich da erhofft und später auch erhalten? - Die Grünen standen ursprünglich für die Emanzipation der Frau. Sie alleine sollte entscheiden, ob sie ein Kind austragen will oder nicht; sie sei alleine dazu berechtigt, ihren Körper einer Schwangerschaft auszusetzen und notfalls diese zu beenden, wenn es ihr angebracht scheint. Die ÖDP hingegen wollte, dass jede Schwangerschaft zu beenden sei. Während die Grünen für offene Grenzen plädierten, forderte Gruhl einen "Einwanderungsstopp aus ökologischen Gründen". Denn da die Einwanderer hierzulande schneller frören, müssen sie viel heizen, womit sie als Ausländer die deutsche Umwelt belasten. Diese "große inhaltliche Schnittmenge", von der die Grünen-Landtagsabgeordnete Paulig sprach, scheint eigentlich gar nicht gegeben. Aber was kümmern sich die heutigen Grünen um Inhalte?

Jutta Ditfurth schreibt in ihrem Buch "Das waren die Grünen", dass von Anfang an Anhänger des antisemitischen Wirtschaftstheoretikers Silvio Gesell ihr Unwesen in der Partei trieben. In seinen Schriften spricht er sich für Zinsminderung aus, verbannt aber menschliche Ausbeutung und Naturzerstörungen nicht aus seinem Denken. Er feiert den "hochwertigen Menschen", während er den abgearbeiteten Menschen verachtet. Jede zuchtbereite Frau soll - gemessen an ihrer Kinderzahl - mit "Freiland" belohnt werden. Ditfurth weiter:
"Bei den Grünen in Harburg-Land wurde jahrelang mit Texten des Gesell-Jüngers Yoshito Otani geschult. Otani leugnete die Kriegsschuld der Deutschen und schob selbst den 1. Weltkrieg "jüdischen Bankhäusern" unter. Er bezog sich auf die widerwärtigsten antisemitischen Fälschungen, die sogenannten "Protokolle der Weisen von Zion". Als Kritik aufkam, machte der Grüne Dauerbundestagsabgeordnete Helmut Lippelt die Kritiker lächerlich.
Nach jahrelanger Ignoranz wurden kürzlich drei Rechtsextreme aus den Grünen ausgeschlossen: Irmgard Kohlhepp, Mitgründerin der Alternativen Liste Westberlin, Bernhard Heidt und Rudolf Sauer. Auch sie bezogen sich auf Silvio Gesell. Heldt war, wie Sauer, Mitglied der Republikaner, Sauer hatte dem ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog im Internet empfohlen, "nach Auschwitz" zu gehen und sich "sühnevergasen" zu lassen. In Auschwitz, so Sauer, habe es keine Gaskammern gegeben."
Schließt sich ökologische Politik und nationalistisches Geplänkel nicht aus? Dies kann man nur annehmen, wenn man die öffentlichen Kategorisierungen hinnimmt, wie sie uns spätestens seit den Achtzigerjahren eingepflanzt wurden. Da steht der grüne Abgeordnete als Gutmensch, der pazifistisch und antimilitaristisch, selbstverständlich umweltliebend- und deswegen -schützend, seine Politik gestaltet. Lange Zeit war der ökologische Politiker ein wandelndes Heiligenbildchen der politischen Landschaft - verantwortungsbewußt, zielstrebig und gegen das konservative und erstarrte Establishment politisierend.
Doch gerade in diesen Kreisen wird häufig einem romantischen Naturgefühl gefrönt, welches den Menschen letztendlich zur austauschbaren Biomasse degradiert. Diese verklausulierte Menschenverachtung reichert individuelle Egoismen verschiedener Esoterikpraktiken an, gibt ihnen eine kollektive, d.h. umweltbasierende Komponente - esoterisches Gedankengut und ökologische Romantik vermengen und bereichern sich. Und es ist daher auch gar nicht verwunderlich, dass ausgerechnet von Seiten der Grünen dem Dalai Lama und seiner Vorstellung eines neuen - eigentlich alten! - Tibets hohe Sympathie entgegenkommt. Es ist esoterische Menschenverachtung, die freilich human und menschenliebend daherkommt, aber doch zwischen den Zeilen herauslesen läßt, dass nur derjenige etwas taugt, der sich den Weisheiten dieser oder jener "esoterischen Schule" hingibt und sie lebt, die das Grüne - nicht nur die Partei als solche, sondern allerlei grüne Denkschulen - begleitet. Der Mensch in diesem Weltbild in eine Natur gebettet, ist Teil eines Ganzen und nicht mehr Dominator - sollte er zumindest nicht mehr sein. Diese Natur ist ihm ebenbürtig und daher ist nicht nur die Natur ersetzbar bzw. reanimierbar, sondern auch der Mensch. Er wird seiner Persönlichkeit beraubt zur Biomasse. Aus einem Jemand wird ein Etwas.

Wenn wir von Esoterik sprechen, dann darf natürlich auch Rudolf Steiner nicht fehlen, der mit seiner okkulten und unaufgeklärten Pädagogik und seinem rassistisch unterlegten Weltbild - das bis vor kurzem noch gelehrt wurde; womöglich immer noch gelehrt wird - gerade innerhalb grüner Kreise auf Gegenliebe stößt. Anthroposophen sind bei den Grünen keine Seltenheit. Der ehemalige Grüne und spätere Innenminister im Dienste der SPD, Otto Schily, versteht sich als Anthroposoph. Ditfurth: "Man wird SPD-Innenminister Otto Schilys spezifische Härte gegen Flüchtlinge und bei Abschiebungen nur verstehen können, wenn man weiß, was für ein elitäres und zutiefst rassistisches Menschenbild das (verheimlichte) Wesen der Anthroposophie bestimmt."
"Wo Sinti auftauchen, werden sie in aller Regel schnell zu troublemakers, die fast ausschließlich als Last und Zumutung erscheinen und insofern asozial oder genauer nicht-sozial sind, als sie nicht erkennen lassen, daß sie zu der Gesellschaft, in der sie leben, Zugang finden wollen... (wir haben) zwar keine Wahl, als diese ungebetenen und in der Tat provozierenden Gäste aufzunehmen..."
Dies entstammt dem wirren Weltbild Daniel Cohn-Bendits - Mitglied des Europäischen Parlaments im Auftrag der Grünen -, der gelegentlich, Anfang der Neunzigerjahre, diversen rechtsextremen Zeitschriften Interviews anbot. Da vertritt also der selbsterklärte linke Grüne Cohn-Bendit - der Zufallsrevolutionär von 1968! - in Zeitschriften wie "Mut", "Nation Europa" oder "Junge Freiheit" seine rechtslastigen, ressentimentsgeschwängerten Sichtweisen - sehr zum Jubel rechter Zeitgenossen, versteht sich. Als Jahre zuvor Cohn-Bendit Multikulti-Dezernent in Frankfurt war, mußte eine Broschüre seines Amtes zurückgezogen werden, weil darin rassistische Vorurteile über Sinti verbreitet wurden. Bei Cohn-Bendit hat der kleinbürgerliche Kneipen-Rassismus also durchaus Methode.

Grüne und Braune also. Oder Braune und Grüne? Oder Grünbraun? - Neu ist dieses Thema beileibe nicht und gerade "im Grünen" finden sich ja die edelsten Motive, eine bemäntelte Blut- und Bodenrhetorik zu entfalten. Dort ist der Apologet des "Volkes ohne Raum" ein Naturschützer, kein Bierkelleragitator. Aus dem kleinbürgerlichen Rassismus wird ein ökozentrierter, der den Boden zur Grundlage des Andersseins macht. Denn nur der "einwandfreie Mensch" pflegt seine Umwelt, liebt die Mitwesen und die Pflanzen, während die "wilden Afrikaner" und die "verantwortungslosen Asiaten" unsere Welt zerstören. Aber das Deutsche geht pfleglich mit seiner Erde um, denn auf dem Boden, den der Deutsche kultiviert und pflegt, haben schon seine deutschen Ahnen gelebt und werden seine Kinder leben. Auf diesem Boden lebt sein nationales Blut.
Es ist ein schmaler Grat, auf dem die rationale Ökologie wandelt. Ein kleiner Schritt nur, und aus den seriösen Forderungen, die wissenschaftlichen Erkenntnissen entspringen, werden romantische Esoteriken und/oder rechtslastige Nationalmentalitäten. Gerade deswegen ist es keine Sensation, dass die NPD und Freie Kameradschaften nun darauf abzielen, sich den ökologischen Fragen zu widmen. Und da gerade solche Fragen mehr und mehr das politische Bewußtsein der Menschen antreibt - während soziale Fragen immer mehr durch das neoliberale Leistungsdenken als Maßstab der Wahlentscheidung verdrängt werden ("Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen!") -, könnte es freilich viel Zuspruch geben.

Sich um die Umwelt sorgend die Shoa leugnen und vulgären Rassismen folgen! - Nichts Neues wie man gesehen hat. Und, wenn man die Grünen so analysiert, auch nichts, was innerhalb dieser Partei nicht geboten wäre. Freilich leistet man sich eine Berufsentrüstete wie Claudia Roth, die bei jedem Anflug politischer Inkorrektheit im überparteilichen Geschehen von Rücktritten und Untragbarkeiten fabuliert, doch für den grassierenden Wahnsinn in ihrer Partei hat sie nichts übrig. Wer also rechtslastige, nationalistisch gesittete Ökologie haben möchte, der muß nicht darauf warten bis die NPD sich an dieser bedient. Man kann gerne gleich das Orginal wählen...

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Nomen non est omen

Donnerstag, 17. Juli 2008

Heute: "Neiddebatte"
"Sie - Anmerkung: die Diskussion um zu hohe Managergehälter und Abfindungen - geht inzwischen weit über das zu verantwortende Maß hinaus. Das schürt den Neid, das ist mir zu populistisch."
- BDI-Präsident Jürgen Thumann am 25. Dezember 2007 im Nachrichtensender N-TV -
„Die Diskussion um die Besteuerung von Erbschaften droht immer stärker zu einer Neiddebatte zu werden. Wir müssen in der Debatte zu den Realitäten zurückfinden.“
- Matthias Löttge, finanzpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion in Mecklenburg Vorpommern, in einer Pressemitteilung am 18. April 2007 -
"Eine solche Neiddebatte schadet aber dem Ansehen der Unternehmer insgesamt und führt dazu, dass das Unternehmertum in Deutschland weiter verunglimpft wird."
- WJD-Bundesvorsitzende Kirsten Hirschmann am 17. Dezember 2007 -
Der Begriff der 2006 von der Gesellschaft für deutsche Sprache ausdrücklich gerügt wurde, wird oft als Kampfbegriff von Vermögenden gegen weniger Vermögende bzw. arme Menschen benutzt. Dabei wird den weniger Vermögenden eine negative Eigenschaft, genauer eine der sieben Hauptsünden des Christentums unterstellt: der Neid. Mit diesem Kampfbegriff sollen Menschen, die noch ein gesundes Gerechtigkeitsgefühl empfinden, ein Maulkorb verpasst werden. Schließlich ist dem Kapitalismus die extreme Ungleichheit sowie die ungerechte Behandlung der Menschen inhärent. Dies zu kritisieren käme einer Systemkritik gleich und wird daher von den Profiteuren dieses Systems bekämpft. Somit soll eine ernsthafte öffentliche Diskussion über soziale Gerechtigkeit sowie eine gerechte Verteilung der gesellschaftlichen Güter und Reichtümer von vornherein unterbunden und der Status quo erhalten werden. In Zeiten von steigender Kinder- und Altersarmut sowie zunehmender sozialer Spaltung die Menschen als neidisch abzustempeln statt als hilfebedürftig anzuerkennen, ist realitätsfremd und zynisch. Der Begriff offenbart den menschenverachtenden Egoismus vieler sogenannter Eliten, die weder den Hals voll genug bekommen können, noch wissen (wollen) was Armut für die Betroffenen wirklich bedeutet.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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Die Große Koalition soll Dauerzustand werden

Dienstag, 15. Juli 2008

Gemeinhin sagt man ja, dass politische Wahlen nur erlaubt seien, weil sie nichts verändern. Wäre dem nämlich so, hätte man das alle vier Jahre stattfindende Spiel für Erwachsene schon längst abgeschafft. Und überhaupt: Warum soll man den Gang an die Urne überhaupt antreten, wenn man weder Auswahl noch die berechtigte Hoffnung auf eine Veränderung hat?
Weltansichten vom Stammtisch? - Freilich, so liest es sich. Man ist wirklich geneigt zu glauben, dass diese Ansichten einer feucht-fröhlichen Stammtischrunde entwachsen sind. Aber zuweilen werden die alkoholgeschwängerten Sichtweisen aus dem Wirtshaus zur Realität der politischen Landschaft - man denke nur an den letzten hessischen Wahlkampf! Einst stellte man nur salopp fest, mit einem zynischen Unterton, dass Wahlen verboten wären, sofern sie Veränderungen nach Willen der Votierenden bewirken würden. Doch Steinbrück bemüht sich nun, diesen faden Zynismus aus dem Bierglas herauszuholen, um sie salonfähig zu machen.

Für Steinbrück wäre eine Verlängerung der Großen Koalition traumhaft. Er fände es vernünftig und spekuliert schon heute darauf, dass es genau so kommen wird. Man darf sich zudem versichert fühlen, dass Steinbrück nicht alleine dasteht mit seinem Wunsch. Immerhin lassen sich in einer Großen Koalition Gesetze ohne große Gegenwehr verabschieden. Selbstverständlich wird man nicht müde, diverse angebliche Differenzen zwischen den Koalitionspartnern aufzubauschen und recht in Szene zu setzen, die objektiv betrachtet aber kaum in Nuancen wahrnehmbar sind. Es ist letztendlich nur reine Formsache, in welcher der beiden Parteien das Regierungsmitglied ist, sozusagen eine organisatorische Frage, keine von politischen Inhalten geprägte. Schließlich muß der Vertreter seiner Partei ja wissen, auf welchen der beiden sich ähnelnden Parteitage er erscheinen soll. Unterschiede in der Denk- und Handelsweise sind zwischen Union und Sozialdemokratie kaum feststellbar. Und wer erinnert sich nicht die traute Einigkeit beispielsweise beim Absegnen der Vorratsdatenspeicherung gegen den Willen des Großteils der Bevölkerung? Bei einem Verhältnis von fast 3:1 im Bundestag, werden Abstimmungen zur reinen Formsache, zum lästigen Relikt aus vergangenen Tagen, in denen ein Lüftchen von etwas mehr Demokratie in Berlin wehte. Und wenn die führenden Köpfe der Koalition schon die Neuauflage planen, dann wird auch die Bundestagswahl - mehr denn je - zur belanglosen Formsache.

Welch Aufschrei ging durch diese Republik, als im Jahre 1966 eine Große Koalition ins Leben gerufen wurde! "Wir hatten einen CDU-Staat, einen Staat der Kalten Krieger, einen Staat der Restauration. In dem Augenblick, wo der in Gefahr kommt, wird die SPD nicht Oppositionspartei, um die Massen zu mobilisieren und sie für den Sozialismus zu gewinnen, sondern steigt ein ins verrostete Geschäft der CDU." - Schon damals formulierte Rudi Dutschke - das war im Februar 1968 -, die Gleichschaltung der deutschen Sozialdemokratie an die staatstragenden, konservativen Kräfte. Er stellte somit das stete Daraufverweisen der SPD-Oberen, es gäbe nach wie vor Unterschiede zwischen beiden Koalitionspartner, bloß. Für Dutschke und seine Mitstreiter war kein Unterschied zwischen konservativer Christdemokratie und Sozialdemokratie mehr erkennbar. Was Dutschke wortgewandt und im soziologischen Duktus auszudrücken wußte, drängte sich auch weniger eloquenten Zeitgenossen auf: Die Große Koalition wirke antidemokratisch, unterbinde die politische Willensbildung der Bevölkerung, klammere einen gewissen Bevölkerungsanteil komplett aus ihrer Politik aus, könne schamlose Politik ohne demokratische Kontrolle ausüben. Die Notstandsgesetze wurden dann auch trotz großem Widerstand durch den Bundestag gedrückt. Das phantasievolle Wirken der APO, aber auch die ausgedrückte Ablehnung bürgerlicher Verbände und Einzelpersonen gegenüber diesen neuen Ermächtigungsgesetzen vermochten es nicht, die Bonner Großkoalition zur Vernunft zu bringen. Ein großer Teil der in den Notstandsgesetzen verankerten Ausnahmeregelungen fanden später Anwendung in der Bekämpfung der RAF, in der plötzlich unbescholtene Bürger als potenzielle Terroristen behandelt wurden, aber auch im Kampf gegen linke AKW-Gegner, die wir Staatsfeinde niedergeknüppelt wurden - dies aber nur am Rande.
Damals jedenfalls fand eine Stimme der Öffentlichkeit, die sich gezielt außerhalb des Parlaments manifestierte. Derart willenlos wie im Jahr 2005 hat man die Große Koalition nicht hingenommen. Vor drei Jahren hatte man den Eindruck, als wolle man sich nicht gegen etwas wehren, das quasi als Naturgesetzt angesehen wurde.

Was heute der damaligen Situation gleicht ist die Einsicht, dass ein formulierter Wunschtraum - wie jener von Steinbrück - ein antidemokratischer Wunschtraum ist. Wenn er im Vorfeld schon abtastet, wie eine neue Große Koalition zustandekommen könnte, wenn er gezielt versucht, seine Kameraden in der Regierung auf seine Linie zu trimmen - und das dürfte nicht so schwer sein -, dann entwertet er das Votum des Bürgers, welches ja erst im September 2009 zu Rate gezogen werden soll. Was der Situation von 1966/69 nicht gleicht ist die Lethargie der Menschen. Freilich waren es seinerzeit lediglich die Studenten und Hochschüler, die einen Erweckungsprozess anheizten, die versucht waren, auch Arbeiter und Angestellte in ihre Reihen aufzunehmen - was Dutschke übrigens nie wirklich gelang, weil er seine soziologische Ausdrucksweise nicht zu reduzieren wußte. Doch die heutige Generation von Studenten denkt nicht daran gegen Mißstände und Alleingänge der Berliner Regierung aufzustehen. Sie kommen vermehrt aus reichem Hause und diese Republik hat ihren Familien Wohlstand und Zufriedenheit geschenkt. Warum also dagegen aufstehen, warum dagegen rebellieren, selbst wenn die Machenschaften einem manchmal - in schwachen Stunden - die Rebellion nahelegen? Nein, stattdessen drängen die Studenten heutiger Tage in die Institutionen, wollen auf formalen Wege Veränderungen erzielen und ordnen sich - oftmals unbewußt, auf jugendliche Naivität gründend - den Werten und Ansichten ihrer Väter und Großväter unter, lassen jegliche außerparlamentarische Kritik als Verrat an der Sache der parlamentarischen Demokratie aussehen. Wenn dann aber unsere Studenten doch protestiert, dann beispielsweise - und dies zurecht - gegen einen Besuch des US-Präsidenten. Die Demonstrationen werden aber präventiv eingezäunt und umgeleitet. Dieses Unterbinden freiheitlicher Rechte läßt man sich gefallen, schafft sich zum Ausgleich Trillerpfeifen an, um wenigstens aus der Ferne aufzufallen und Meinung kundzutun, und wenn auch dies versagt, dann greift man eben zum Bier und ertränkt seinen Frust - wenn es denn einer wird - in den Tiefen des Rausches. Selbst im Aufbegehren findet sich tiefste Lethargie und ein Hörigsein den offiziellen Vertretern und Institutionen dieser Demokratie.

Die Äußerung Steinbrücks hätte 1966 schon ausgereicht, um ein Feuer an Aktion zu entzünden. Man hätte den Antidemokraten Steinbrück nicht ungeschoren davonkommen lassen. Heute sitzt dieser Schröderianer, dieser kleine Leichenbestatter und -fledderer der SPD, der nicht einen Gedanken auf einen möglichen Wahlsieg seiner Partei verschwendet, der lieber als Marionette der Christdemokraten agiert - wohl auch, weil die Unterschiede eben doch nicht vorhanden sind, den Bekundungen beider Seiten zum Trotz -, bequem in seinem Sessel und verkauft das Fell des Bären, bevor dieser überhaupt erlegt wurde. Der Wille jener, die dafür sorgten, dass er überhaupt dort sitzt, wo er denn jetzt sitzt, spielt in seinem entrückten Weltbild keine Rolle mehr. Gelegentlich wird er wohl in Gedanken versunken darüber brüten und sich selbst vorsagen, dass da doch noch was war, was im September 2009 zu erledigen sei. Demokratische Wahl nennt sich dieses Etwas - aber die ist tatsächlich nebensächlich und - da darf man sich sicher sein - schon heute entschieden: Merkel bleibt die beste Kanzlerin, die dieses Land je gehabt hat und die Große Koalition wird zum Dauerzustand.

... und wenn dann erstmal Jahre mit der GroKo vergangen sind, dann schreibt man ins Grundgesetz, dass immer - alle vier Jahre - eine Regierung aus CDU/CSU und SPD konstituiert werden muß, denn sie habe Kontinuität gewährleistet und nur sie könne dies auch in Zukunft tun. Gewählt wird dann nur noch um festzustellen, in welcher Konstellation die beiden Parteien in die Koalition eintreten - schließlich muß man doch wissen, wieviel Posten und Pöstchen, wieviele Ministersessel jede Partei besetzen darf. Wenn es erstmal so weit ist, dann müßte man auch gar nicht mehr von der Großen Koalition sprechen, denn es gäbe ja sowieso nur eine mögliche, qua Verfassung legitimierte Koalition. Aber natürlich behält man dieses aufwertende Adjektiv bei, damit man von der Großen Koalition spricht wie vom Großen Bruder oder vom Großen Vorsitzenden Mao oder dem GröFaZ. Das Adjektiv wird die Anbetung erleichtern, den Kult um die neue Herrscherkaste - die dann vor Erbmandaten nicht mehr haltmachen muß - ankurbeln und einem neuen Europa Anreize für eine neue demokratische Gestaltung vor Augen führen. Deutschland als Vordenker der neuen Demokratie, der vernünftigen Demokratie, die eine Einheitsfront zum Wohl des Volkes einführte und so die Menschen mundtot und damit glücklich - dann sagt ja niemand mehr was - machte.

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In lächelnder Gesellschaft

Montag, 14. Juli 2008

Die Welt ist freundlich. Lächelnd begegnen uns die Menschen. Für unser Wohlbefinden wird in lächelnder Weise gesorgt. Dort wo man uns mit einem freundlichen Wort, einer Geste aufrichtiger Freude begrüßt, fühlen wir uns akzeptiert, willkommen und gewollt. Wir - das sind wir in unserer Rolle als Verbraucher, als bezahlende Kunden. Dies ist die Rolle die uns verstärkt zukommt. Noch bevor wir Mensch sind, sind wir Kunde. Und in dieser Funktion wird um uns gebuhlt. Man bombadiert uns mit Freundlichkeiten und hochgezogenen Mundwinkeln. Warme Worte werden zu unseren Begleitern. Die Welt ist freundlich, die Welt ist lächelnd. Lächelnd auch dann, wenn der Lächler sich unwohl fühlt, eigentlich gar keinen Anreiz verspürt, seine Gesichtsmuskeln lächelnd zu dehnen.

Wir besuchen unseren Supermarkt. Die Angestellten dort scheinen uns glückliche Menschen zu sein. Sie lächeln uns an, sie bieten mit ausgewählter Höflichkeit Käsehäppchen und Weinproben feil. Und haben wir selbst auch einen schlechten Tag, geben uns mürrisch unserem Nächsten hin, so lächelt uns die Angestellte dennoch zu. Sie hält demnach die linke Wange hin, auch wenn wir ihrer rechten schon einen Schlag verabreicht haben. Auch bei den anschließenden Gängen in die Bäckerei und zum Metzger begegnen wir glücklichen Angestellten, die uns schon entgegenlächeln, wenn wir nur die Türschwelle aus der Ferne betrachten. Auf dem Heimweg treffen wir unseren Postboten, der uns in seinem Privatleben keines Blickes würdigt, aber in seiner Funktion als Briefzusteller lächelnd einen schönen Morgen wünscht. Wir werden am Telefon über Angebote diverser Firmen informiert - eine zuvorkommende, weich-warme Stimme läßt uns das Lächeln imaginieren, läßt uns unbewußt ein freundliches Gesicht vor dem geistigen Auge entstehen. Der Staubsaugervertreter lächelt auch dann noch, wenn wir ihm seine überteuerten Staubsaugerbeutel verbal um die Ohren geschlagen haben. Es lächeln allerlei Berufsgruppen - man möchte fast meinen um die Wette. Das große Buhlen um den Kunden, den man lächelnd in die Taschen zu greifen gedenkt, prägt unsere Gesellschaft. So behandelt zu werden ist keine Selbstverständlichkeit, die sich jedem Menschen aufdrängt, weil man seinem Nächsten ja freundlich zu begegnen habe, sondern lediglich plumpe Serviceleistung. Es ist nicht Freundlichkeit, sondern angeordnetes Vernünfteln für die Umsatz- bzw. Gewinnsteigerung.

Man stelle sich vor, der Häuptling Tuiavii aus Tiavea würde unsere Gesellschaft in diesen Tagen bereisen. Freilich ist so eine Vorstellung heute kaum noch umsetzbar, denn nur noch wenige unentdeckte Völkchen hatten noch nicht die Ehre, unsere Unkultur kennenzulernen; wir sind also hinreichend bekannt auf dem Erdenrund. Aber nehmen wir nur kurz an, Tuiavii würde den Papalagi - den Weißen, den Fremden, wörtlich: den Himmelsdurchbrecher - besuchen. Er käme in einen Teil der Welt, in dem das Glück förmlich spürbar wäre. Der Häuptling müßte in sein Tagebuch notieren, dass diese fremde Gesellschaft, bei aller Entfremdung von der eigenen Umwelt, es dennoch geschafft hat, jedermann das Glück zu sichern. In seiner eigenen Sichtweise gefangen - wir würden sie wohl als "naive Sichtweise" bezeichnen - würde er davon ausgehen, dass Menschen nur lächeln, wenn ihnen danach ist. Und weil dem so ist und der Häuptling zudem annimmt, dass es immer so war und immer so sein wird, muß die Papalagi-Gesellschaft eine grundauf glückliche Version menschlichen Zusammenlebens sein. Zwar feiere man in bei den Papalagis keine Neumondfeste mehr und vollzieht den männlichen Initiationsritus ebensowenig feierlich wie auf Tiavea, aber - so würde er nach einigem Nachsinnen erkennen - Glück läßt sich eben mannigfaltig verwirklichen. Auf Tiavea feiere man vielleicht allerlei notwendige Zeremonien, aber wenn man bedenkt, dass der Häuptling dort oftmals einem grimmigen Untertanen begegnet, der seinem Ärger oder seiner Laune keine Blöße gibt, dann wird nach und nach einsichtig, dass Zeremonien kein Glück ausmachen.
Von Verkaufsstrategien und Lachlehrgängen - die sich als Leergänge entlarven, zumal sie einerseits inhaltlich leer sind und andererseits Geldbeutel leer hinterlassen - weiß er natürlich nichts. Freilich hält sich auch sein Volk an Traditionen, die quasi auferlegt sind, keinesfalls als freiheitliches Handeln bezeichnet werden können, aber gelacht oder gelächelt wird dort nur, wenn es den Menschen danach ist. Er käme nie auf die Idee, seinen Untertanen das Lächeln zu verordnen, weswegen er sich Derartiges auch gar nicht vorstellen kann. In seine Heimat schrübe er:
"Der Papalagi ist ein glücklicher Mensch. Er geht mit hochgezogenen Mundwinkeln durch das Leben. Traurigkeit, üble Laune und Sorgen sind ihm fremd. Dies sind gleichsam Worte, die zwar in seiner Sprache vorkommen - wohl weil Traurigkeit, schlechte Laune und Sorge einst auch sein Leben zeichneten -, aber sie werden kaum benutzt und aus jeglichem öffentlichen Gespräch getilgt. Üble Laune kennt der Papalagi einzig nur, wenn man von übler Laune spricht. Wenn er aber seine täglichen Besorgungen macht - und ich habe ihn begleitet, habe es mit eigenen Augen gesehen -, kann man ablesen, wie sorglos sein Dasein ist. Jeder Papalagi ist ein begehrter Gast im Hause des Händlers. Man winkt ihm zu, empfiehlt ihm mit lächelnder Miene und läßt ihn nicht ohne ein persönliches Wort aus dem Haus. Die ausgewählten Lebensmittel - der Papalagi verpackt Lebensmittel sonderbarerweise mit Papier und Metallen - legt man auf einen Tisch, prüft sie nochmals auf ihre Qualität und erst dann entläßt man ihn - natürlich einen schönen Tag wünschend. Des Papalagis Glück ist so vollendet, dass selbst Gerichtsverhandlungen, die ja bei uns, liebe Brüder und Schwestern auf Tiavea, immer ein Hochkochen von Tränen, Unglück und manchmal Trauer sind, sittsam glücklich vollzogen werden. Ich sah lächelnde Ankläger und einen freundlichen Weisen, der das Urteil sprach, ohne einen grimmigen Blick auf den Übeltäter zu werfen. Ich bin mir sicher, dass das Glück im Land des Papalagi so weit ausgereift ist, dass er selbst lächelnd ein Todesurteil entgegennehmen würde. Mir wurde berichtet, dass in vielen Papalagi-Ländern Einrichtungen existieren, die Zwangsarbeiten verteilen. Arme Papalagis gehen dort hin, werden angelächelt und dazu gezwungen, eine Arbeit zu tun, die sonst niemand machen will. Freilich lächeln auch hier beide Seiten - der Zwingende und der Bezwungene. Bei uns, liebe Brüder und Schwestern, würde man jemanden, der seinen Nächsten zur Arbeit zwingt, mit dem nächstbesten Stein erschlagen. Ich habe erlebt, dass ein Papalagi in einem Kasten sogenannte Nachrichten verlas. Dabei erzählte er von Dingen, die fernab seiner Heimat geschahen. Meist sehr traurige Dinge und ich komme nicht umhin zu erwähnen, dass ich gar nicht begreife, warum der Papalagi so ein großes Interesse an Geschehen hat, welches so weit weg von seiner Haustür passiert. Diese traurigen Neuigkeiten werden lächelnd verlesen, dabei wird natürlich nicht erwähnt, dass man Mitleid habe oder voll Trauer ist. Soetwas sagt man im Land des Papalagis nicht und man ist auch glücklich im Unglück.
Wir können noch viel vom Papalagi lernen. Er hat das Glück verwirklicht. Ich habe keinen Papalagi weinen gesehen. Kinder natürlich schon - aber vorbildliche Mütter beugten sich hinab und sorgten dafür, dass der Spross keinen Grund zum Weinen mehr hat. Sie gaben seinem Drängen nach, gaben ihm, was er schreiend und heulend haben wollte und unterbanden so das Weinen. Denn auch aus diesem kleinen Papalagi soll ja einmal ein glücklicher Mensch werden."
So oder ähnlich würde Häuptling Tuiavii in seine Heimat berichten. Er hätte die Oberfläche unserer Gesellschaft gesehen und geglaubt, einem irdischen Paradies begegnet zu sein. Die Verlogenheit unserer Lebensweise wäre ihm entgangen. Wir hätten sie ihm auch nicht gezeigt, denn wir sind stolz auf unseren Lebensstandard, gerade wenn "ein Wilder" ihn betrachten darf. Von den heimlichen Tränen im stillen Kämmerlein, den Besuchen beim Psychotherapeuten, der Diskrepanz zwischen maroder Seele und schimmernder Oberfläche, dem Betrübtsein aufgrund familiärer Probleme und Sorgen, wüßte Tuiavii nichts. Ob er es verstünde, dass der Mensch im Papalagi-Land eigentlich nur ein Kunde ist? Dass er nicht Menschen sondern Kunden beobachtet hat? Dass hierzulande das Menschsein eine Sache ist, die in trauter Einsamkeit geschieht, nicht aber im Kontakt mit anderen Kundenmenschen? Würde seine naive Sichtweise es erlauben, Verständnis für die Verlogenheit des Geschäftemachens aufzubringen? Für ihn wäre es nicht begreifbar, dass man Menschen lächelnd ins Unglück stürzt; dass sie zur zuvorkommenden Freundlichkeit gezwungen, ihrer Seelenlage entfremdet und zur Psychose getrieben werden. Der Häuptling wäre sich sicher, dass Teuflisches auch mit dem Antlitz des Teufels zum Menschen käme. Ein lächelnder Feind wäre ihm suspekt, wäre für ihn wahrscheinlich gar kein Feind.

Man darf sich aber sicher sein, dass er uns empfehlen würde, unsere zum Lächeln gezwungene Nächsten, dazu zu ermutigen, ihr fehlendes Wohlbefinden auch zu artikulieren. Er würde uns dazu anleiten, den lügenhaften Ausspruch, wonach der Kunde König sei, zu verwerfen. Königen zieht man nicht (nur) das Geld aus der Tasche. Wir würden einsehen müssen, dass wir kein Anrecht auf eine scheinlächelnde Dienerschaft haben. Stewardessen, Verkäuferinnen, Vertreter, Dienstleister aller Art, haben ein Anrecht darauf, ihre privaten Sorgen und Nöte, nicht am Arbeitsplatz verleugnen zu müssen. Sie sind nicht zweigeteiltes Etwas, welches sich in Privatperson und Funktionsträger unterteilen läßt, sondern eine Person, ein Mensch, einzigartig in der Gesamtheit - immer und überall. Ein Mensch mit Sorgen im Privatleben ist so auch ein sorgenerfüllter Mensch in seiner Funktion. Das Verlangen der Konzerne, ihre Angestellten mögen im Sinne des Unternehmens lächeln, ist eine jener menschenverachtenden Versuche, in der Maske des Harmlosen, die Gesellschaft weiter in Funktionsträgerschaften aufzuspalten. Wer von seinem Mitmenschen Lächeln um jeden Preis verlangt, der übt sich in krasser Menschenverachtung; wer Lächeln abringen will, macht seinen Nächsten zum Mittel ohne Zweck, reduziert ihn auf Mundwinkel und zu erzielenden Profit. Und ganz nebenbei treibt er ihn in den Wahnsinn, überstellt ihn auf Raten dem Psychotherapeuten, der dann retten soll, was noch zu retten ist. Lachen mag ja gesund sein. Aber dies nur dann, wenn es von Herzen kommt. So verhält es sich mit dem Lächeln, dem Zuvorkommen, dem Freundlichsein, der Aufgeschlossenheit ebenso. All dies mag das Miteinander befruchten, aber nur wenn es von Herzen kommt. Wird es unter Zwang erwirkt, durch Erpressung legitimiert - indem man mit Entlassung droht -, dann macht Lächeln krank und wirft den Lächelnmüssenden vom Sockel seines eigenen Menschseins.

Man sollte die Verkäufer/-innen und Dienstleister, die einem tagtäglich begegnen - sofern man bemerkt, dass es ihnen möglicherweise nicht so gut geht - dazu ermutigen, sich das aufoktroyierte Lächeln zu verkneifen! Ein Nein zu jener Maske, die die Fratze dieser Gesellschaft kaschiert!

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Sit venia verbo

Sonntag, 13. Juli 2008

"Wir sind nicht hoffnungslose Idioten der Geschichte, die unfähig sind, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Das haben sie uns jahrhundertelang eingeredet. [...] Wir können eine Welt gestalten, wie sie die Welt noch nie gesehen hat, eine Welt, die sich auszeichnet, keinen Krieg mehr zu kennen, keinen Hunger mehr zu haben, und zwar in der ganzen Welt. Das ist unsere geschichtliche Möglichkeit."
- Rudi Dutschke, im Gespräch mit Günter Gaus -

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Sein Körper gehört ihm!

Donnerstag, 10. Juli 2008

"Wer behauptet, man könne die Tour nur mit Mineralwasser bewältigen, ist naiv oder ein Heuchler." (Jacques Anquetil, fünfmaliger Sieger der Tour de France) - Die Tour de France und das Doping. Eigentlich müßte es ja heißen: Der Radsport und das Doping. Aber da das Verabreichen von leistungsfördernden Mittelchen im Radsport eigentlich nur während der Tour de France für die Öffentlichkeit relevant wird, ist es wohl weniger der Radsport in seiner Gesamtheit als die Grande Boucle. Und zweifelsohne leidet die Tour, läßt keinen Anquetil, Merckx, Hinault, Indurain oder Armstrong am Horizont erscheinen, hat statt "Helden der Landstraße" nurmehr ordinäre Betrüger zu bieten; geradezu kriminelle Subjekte, die oft brutaler von der Polizei behandelt werden als Gewalttäter. Die Rundfahrt mag nicht tot sein, aber tief und fest schläft sie sicherlich. Besserung ist zunächst nicht in Sicht. Und der Gedanken, der jene quält, die der Tour de France als größtes sportliches Ereignis des Jahres beigewohnt haben, lautet in etwa: Ach, wüßten wir doch nichts vom Doping! Es geht doch gar nicht darum, das Doping zu unterbinden. Ausreichend wäre, wenn die Sportler sich nur nicht mehr erwischen ließen. Dieses ewige Moralisieren bezüglich des Dopings raubt einem alle Freude, macht aus dem Sport - der ja trotz Doping immer noch eine herausragende menschliche Leistung darstellt - eine kuriose Zirkusnummer.

Ist also der Radsport, ist die Tour de France zu retten? - Ich bin der Überzeugung, dass noch nicht beerdigt werden muß. Zumindest nicht der Radsport und ebensowenig dieses härteste Etappenrennen der Welt. Beerdigt gehört die Moralapostelei und der ständig erhobene Zeigefinger, die den Anhängern eines sauberen Sports eigen sind. Die Legalisierung des Dopings geistert ja nicht erst seit gestern durch die Landschaft. Immer wieder sprachen sich Zeitgenossen dafür aus, mußten sich aber oftmals - eigentlich immer - von den Vertretern des guten Geschmacks, von den Aposteln des moralischen Credos also, abkanzeln lassen. In Erinnerung ist mir eine sonderbare ZDF-Sendung unter der Leitung von Johannes B. Kerner, in der Deutschlands beste Sportler in eine Chartliste eingeordnet wurden. Gast im Studio war unter anderem Joachim Fuchsberger, der nur dezent anklingen ließ, dass man Doping legalisieren sollte, weil der Kampf dagegen ausufernder Irrsinn sei, dem man sowieso sowieso nie gewinnen könne. Man hat ihn dafür scharf verurteilt, ich glaube es war der ehemalige Skirennfahrer Wasmeier, der sich sehr schroff gegenüber Fuchsbergers Gedankengang äußerte; nur die "Heile-Welt-Psychose" des Johannes B. Kerner konnte einen kleinen Eklat verhindern.

Die aufgezählten Gründe sind gängig. Doping sollte erlaubt werden, um die Heuchelei aus den Radsport zu vertreiben. Immerhin wollen die Zuschauer Höchstleistungen sehen und - man beachte Anquentils Ausspruch am Anfang dieser Zeilen - mit Mineralwasser alleine, wird man dies kaum bieten können. Andere meinen, man sollte diesen Kampf gegen Windmühlen aufgeben und das Doping quasi mit ins Boot holen, wenn man schon kein Torpedo stark genug ist, es zu versenken. Wieder andere weisen darauf hin, dass bestimmte Substanzen legitim sind, wenn sie z.B. in Medikamenten vorhanden sind, wenn man sich aber gezielt damit selbst behandelt, dann sei es ein Fall für einen guten Strafverteidiger. Alles gute Gründe - keine Frage. Alles ziemlich rationale, materielle, faßbare Gründe, wenn man das so ausdrücken kann. Man liefert Argumente und geht an der einzig möglichen Erklärung, warum Doping legal sein sollte, blind vorbei, einer Erklärung, die des Menschen Selbstbestimmung volle Rechnung trägt: Die Freiheit des Menschen über seinen Körper!

Wer gibt einem Sportverband das Recht, des Sportlers Körper für diverse Substanzen zu verbieten? Wie soll man es verstehen, wenn die körperliche Aufnahme einer Substanz als Vergehen eingestuft wird, obwohl der Sportler nur seinen eigenen Körper damit belangt hat? Seine Körperlichkeit, an der nur er selbst hängt, die er hegen und pflegen, aber auch ausbeuten und schinden darf? - Es gibt, wie gesagt, viele gute Gründe, jegliche Form des Dopings zu legalisieren. Aber das Fundament der Legalisierung muß immer das eigene Recht am Körper sein. Soll der vernunftlose Radsportler doch seinen Körper ausrauben und ihn mittels Doping ausbeuten. Diverse Gefahren sind bekannt und entscheidet er sich dafür, so hat er frei und mündig gehandelt. Wird sein Spritzen und Substanzaufnehmen mit einem Schlaganfall belohnt, so kann er niemanden dafür verurteilen - womit wir noch ein triftiges "materielles Argument" hätten: Der Radsportler kann seinen Rennstall nicht mehr verklagen, weil er selbst mündig ist! Dies setzt natürlich voraus, dass man Gesetze schafft, die verhindern, dass ein Sportler, der ja als Angestellter seines Vereines oder seines Rennstalls anzusehen ist, dazu gezwungen werden kann, seinen körperlichen Besitz mit Substanzen anzureichern.

Mein Körper gehört mir! Und was ich damit tue, bleibt mir überlassen. Tue ich mir Gutes, so ist es mein Recht; tue ich mir Schlechtes, so ist es ebenso mein Recht. Ich leide am schlecht Getanen, übernehme folglich die Verantwortung. Daher gibt es keine Instanz, die mir dies verbieten kann! Ich bin nicht nur, weil ich gut und vernünftig handeln kann, ich bin ebenso, weil ich schlecht und unvernünftig sein kann. Das Sein hängt nicht von der Qualität des individuellen Daseins ab. Man ist, wie man ist. In den eigenen Grenzen, d.h. im eigenen Körper, immer frei, immer ohne bestrafbare Konsequenzen. Wer mich bestraft, weil ich meinen Körper im Sinne christlicher und nächstenliebender mißbraucht habe, der erklärt mir den Krieg!
Dies bedeutet freilich nicht, dass es ein Muß ist, seinen Körper zu entweihen. Und ich gehe so weit, dass ich behaupte, ein Mensch von Vernunft täte es nicht. Aber meine Vernunft kann nicht der Maßstab für andere Individuen sein. Zumindest dann nicht, wenn meine Mitmenschen oder ich selbst von einem Unvernünftigen in dessen Machenschaften involviert werden, ohne dass wir dies wollen. Wir sprechen von der eigenen Freiheit an sich selbst, nicht von einer nicht existenten Freiheit am Nächsten, die wir ungeniert ausleben dürften. Meine Vernunft ist Maßstab, wenn ich lese, wie Manager Unternehmen ruinieren und damit Familien der Armut preisgeben, wenn ich verfolgen muß, wie Konzernpolitiker Gemeingut in Privathände verkaufen; aber nicht, wenn sich ein Radler an sich selbst betrügt, wenn er beginnt, sich mit Unnatürlichkeit vollzustopfen. Dort endet meine Vernunft und beginnt seine...

Freilich wird nun die Mehrheit einwenden, dass ein Rennen, in dem man nicht weiß, wer "sauber" und wer gedopt ist, zur allgemeinen Verwirrung beitragen könne. Als vor einigen Jahren bekannt wurde, dass Miguel Indurain womöglich gedopt war, da stellte man sich relativ schnell und ungeniert die Frage, ob er dann noch als bester Radrennfahrer der letzten Jahrzehnte angesehen werden darf - ob seine Erfolge folglich nur große Gaunereien waren. Nur der saubere Fahrer ist ein guter Fahrer! Aber machen wir uns doch nichts vor: Wenn wir uns leistungsfördernde Mittel verabreichen ließen, untrainiert und weit entfernt vom professionellen Radsport, so ist für uns spätestens nach der ersten Kehre des Aufstiegs nach L'Alpe d'Huez das Ende gekommen - trotz EPO fielen wir entkräftet vom Fahrrad. Für den Zuseher ist es belanglos, ob Fahrer sich mit Hilfsmittel zur Höchstleistung peitschen oder "sauber" ihrem Sport folgen. Wenn sich aber alle Fahrer aus freien Stücken entschlössen, dem öffentlichen Druck nicht mehr untertan sein zu wollen, folglich auf Doping verzichteten, so wäre es ein Akt der Vernunft, so wäre es ein feiner Zug. Aber nur damit aufhören, weil einige Sportmoralisten meinen, sie hätten ein Recht am Körper des Sportlers? Dies ist ein Akt der Unterdrückung, eine Zwangserrungenschaft. Einsicht der Leidtragenden ist gefordert, nicht das Einschlagen und Reinboxen in ebendiese.

Die eigentliche Sünde der Radsportler am Publikum ist, dass sie sich haben erwischen lassen. Aber warum sollte ich als Zuseher ein Anliegen am Körper des Sportlers haben, der mir ein Spektakel liefert? Welches Recht habe ich als Zuseher auf den Körper des "Helden der Landstraße"? Ich werde mich hüten, einen Fahrer zu verurteilen. Er tat das, was er tun wollte, was für ihn richtig war oder zumindest aus seinem Blickwinkel richtig erschien. Selbst wenn sein Rennstall ihn gezwungen hat, hätte er Nein sagen können. Daher war dem Zwang des Rennstalls ein gutes Stück an Freiwilligkeit immanent. Ich fühlte mich bis heute nie betrogen von einem Sportler, weil er seinen Körper mit Substanzen angereichert hat. Bei der Tour de France schon zweimal nicht, weil man dort nicht einmal Eintritt zu bezahlen hat. Wer bin ich denn, mich wegen einer Sache, die mich nichts angeht, betrogen zu fühlen? Welche Anmaßung der Apologeten des "sauberen Sports"! Wenn er aus einem Akt der Freiheit heraus dopt, so hat er meinen Segen. Und endet es in einer Tragödie, so hat er meinen Segen! Denn ich - als Zuseher - treibe niemanden zur Schnelligkeit. Die Tour de France lebt ja nicht ausschließlich von der Schnelligkeit, nicht von unschlagbaren Giganten, nicht von rasenden Kletterpartien und entfesselten Sprints. Die Tour, so einst ein Veranstalter, schafft sich jedes Jahr ihre eigenen Helden, auch wenn die ganz großen Zugpferde fernbleiben. Ich betrachte auch die Rennen, wenn das Tempo gemäßigter ist, wenn das Leistungsniveau tiefer liegt. Mein Anspruch ist gering. Bieten mir aber die entfesselten Radfahrer eine Höchstleistungsshow - warum soll ich Nein sagen? Freilich, soviel gestehe ich zu: Der Sport, der sich in ferner Zukunft einmal wahllos des Dopings bedienen darf, verliert seinen Vorbildcharakter. Aber er ist es heute schon nicht mehr. Das Verlesen einer Antirassismus-Verlautbarung am Anfang eines Fußballspiels ist kein Akt des Vorbilds, sondern eine peinliche Inszenierung. Im Sport werden Milliarden von Euro und Dollars verschoben, während die Milliarden von Zusehern vornehmlich arm sind. Sollen sie die Armen und Elenden an Millionären orientieren? Der heilige Sport ist ein Märchen unserer Zeit und die Legalisierung des Dopings würde endlich die Augen öffnen, dass der Hochleistungssport der Massen- und Mediengesellschaft kein Selbstzweck mehr ist. Da wäre also wieder ein "materielles Argument"!

"Ich betrachte die Rennen", schrieb ich. Richtig würde es heißen: Ich würde sie wieder betrachten, wenn man das Doping endlich aus der Debatte herausnimmt, es endlich legalisiert, damit jeder Fahrer zu seinem Recht kommt - und sei es noch so verantwortungslos gegen sich selbst.

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In nuce

Mittwoch, 9. Juli 2008

Wissenschaft muß Thesen aufstellen dürfen, die durch das Zusammensetzen einzelner Fakten ein Mindestmaß an möglicher Erkenntnis erwirken. Ob eine These verifiziert in die Geschichte eingeht, vorallem dann, wenn es sich um eine These aus den sogenannten "ungenauen Wissenschaften" handelt, bleibt im zunächst im Trüben, muß die Geschichte regeln. Die Wissenschaft lebt davon, Thesen zu erstellen, sie gegebenenfalls zu erneuern und zu überarbeiten, sie wenn notwendig zu verwerfen und durch ganz neue Gedankenansätze zu ersetzen. Professor Arnd Krüger, der Direktor des sportwissenschaftlichen Instituts der Universität Göttingen, hat eine solche These in die Welt gesetzt. Er behauptete indirekt, dass die israelischen Geiseln, die am 5. September 1972 am damaligen Münchener Flughafen Riem von einer palästinensischen Terrorgruppe getötet wurden, eine Form der Selbstopferung betrieben.
Nun muß man selbstverständlich nicht dieser Meinung sein, sie nicht als vollkommen fehlerlos ansehen. Daraus aber einen Eklat zu konstruieren, zeugt erneut von der political correctness, mit der man versucht ist, die Wissenschaft ideologisch zu beeinflussen. Eine vollkommen freie Wissenschaft ist in einer Gesellschaft des Zwangs - für Bakunin z.B. war jede staatliche Gesellschaft ein Zwangskonstrukt - sowieso kaum denkbar. Genau aus diesem Grunde - so schlußfolgert ebendieser -, habe niemals eine freue Wissenschaft existiert. Neu ist es außerdem auch nicht, dass man Wissenschaft mißbraucht, um die politischen Zustände quasi metaphysisch abzusegnen und zu untermauern. Es fanden sich einst ja auch Forscher, die angeblich herausfanden, dass die arische Rasse eine Herrenrasse sei. Und gerade deshalb, weil wir bitterböse Erfahrungen damit machten, sollten wir darauf bedacht sein, die Politik und jene, die sich in politischer Korrektheit dem Moralisieren gewidmet haben, aus der Wissenschaft herauszuhalten. Auch wenn das politisch Korrekte im Gewand des Guten daherkommt, weil es vorgeblich für Vernunft steht, so hat es doch keinerlei Raum in der wissenschaftlichen Arbeit einzunehmen.
Krügers These mag also nicht gefallen; mag als uferloser Quatsch abgetan werden, aber das moralische Urteilen und Verurteilen - als Lieblings-Rache der Geistig-Beschränkten an denen, die es weniger sind, um es mit Nietzsche zu sagen - darf sich getrost eingespart werden. Die historische Wissenschaft, und damit deren Zweig der historischen Sportwissenschaft, sind keine ausgewiesenen Paradefächer der Ethik und dürfen sie gar nicht sein, wenn sie wissenschaftliche Objektivität garantieren wollen. Dies bedeutet nicht, dass Krügers Einsichten objektiv sind, aber darüber läßt sich natürlich streiten und argumentieren. Ein Antisemit, ein Fall für das Arbeitsgericht, ein moralischer Teufel ist Krüger deswegen aber noch lange nicht. Wenn also der Historiker aus dem Dritten Reich berichtet, so darf er als Privatperson die Abscheu zur Geltung bringen, darf verurteilen und den Fanatikern der deutschen Sache den Vogel zeigen, aber als Historiker sind Moralurteile rar zu säen. Aber in Zeiten eines Moralhistorikers wie Guido Knopp, der hinter jedem unmoralischen Zitat aus dem Mund einer historischen Gestalt ein Ausrufezeichen setzt, ein "Unfaßbar" schreibt und das Wort "Verblendung" inflationär gebraucht, ist wohl objektive Betrachtung nicht mehr zu erwarten.

Zuweilen werden seltsame, geradezu ins Dreiste abgleitende Gesetze ersonnen. Besonders seltsam ist aber jener Gesetzesentwurf, der diejenigen bestrafen soll, die die "geistige Sterbehilfe" am Nächsten vollziehen. Wenn man also seinem todessehnsüchtigen Mitmenschen seelisch unterstützt, wenn man ihm vielleicht Mut zuspricht, den finalen Schritt zu wagen, wenn es denn wirlich dem eigenen Wunsch entspricht. Wenn ein Sterbenwollender darum bittet, man möge ihm aufrichtig erläutern, wie man die Sache sehe und man dann aufrichtig ist und darlegt, dass man womöglich in einer solchen Situation auch diesen Weg beschreiten würde - macht man sich dann strafbar, weil man der Meinungsfreiheit folgte?
Nun steht aber die Frage unbeantwortet im Raume, ob man solche Zeitgenossen bestrafen wird, die sich schonungslos für das Recht auf Selbstmord und Sterbehilfe aussprechen. Vielleicht sollte ich schon mal meine Koffer packen und mich seelisch auf ein wohliges Einzelzimmerchen vorbereiten. Sozusagen auf meinen geistigen Selbstmord! Denn was ist denn der Unterschied zwischen dem Beschneiden von individueller Freiheit und dem Beenden von individueller Freiheit durch Lebensentzug?

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Dummokratie

Dienstag, 8. Juli 2008

Es mutet schon makaber an, wenn eine der bekannten politischen Talkshows, in denen sich Politiker und Lobbyisten die Klinke in die Hand geben, einen Sendeabend dem Niedergang der Demokratie widmen. Wenn also dort, wo demokratische Prinzipien mit Füßen getreten werden, weil man unter anderem einseitig berichtet und Gäste aus bestimmten politischen Lagern bevorzugt, oder weil man Lobbyisten zu Wort kommen läßt und sie nicht einmal als solche kennzeichnet - wenn also dort scheinheilig über des Bürgers Aversion gegenüber demokratischen Strukturen gefaselt wird. Was sich so zynisch-phantastisch ausnimmt, war am Sonntagabend bei Anne Will wieder einmal Realität. Anne Will als Anwältin der Demokratie, unterstützt von ausgewiesenen Musterdemokraten wie Brandenburgs Innenminister Schönbohm oder dem FDP-Jundspund Philipp Rösler. Der eine verunglimpfte die halbe Republik im Osten, weil ja in den ehemaligen sozialistischen Bürgern Kindermörder schlummern; der andere qua seiner Parteizugehörigkeit ein Apostel marktradikaler Reformen, und dabei in Kauf nehmend, Millionen von Menschen ihres bißchen Sicherheits zu berauben, sie also zu Fall zu bringen und sie danach auch am Boden liegen zu lassen. Die besten Voraussetzungen also, das Wesen der Demokratie zu bestimmen und des Bürgers antidemokratische Tendenzen zu analysieren.

Freilich steht Anne Will nicht nur für "Anne Will" - sie ist Repräsentantin für allerlei politischen Talk, der beinahe täglich auf diversen Sendern angeboten wird. Das Prinzip ist meist dasselbe: Es werden aktuelle Themen aufgegriffen, bei Bedarf - das heißt: Themenknappheit - erfindet man sich ein solches, lädt vornehmlich Gäste aus einem bestimmten Lager ein - lädt also einseitig ein -, läßt Opposition - gerade auch außerparlamentarische - vor der Türe stehen und stützt sämtliche Thesen auf die Worte einiger Lobbyisten - die eigentlich immer als unabhängige Wissenschaftler auftreten -, die quer durch die "Talkrepublik" wandern, um dem Publikum ihre lohnabhängigen Weisheiten nahezubringen. Nichts Neues - fürwahr! Im Grunde ist es auch nicht neu, wenn Anne Will nun versucht ist, den Demokratieverdruss, an dem ein gutes, ein sehr großes Stück auch die politischen Talkshows schuld haben, zu analysieren und gegebenenfalls als irrationale Stimmung der Menschen zu entlarven. Denn darum geht es ja vornehmlich: Talkshows dieser Art sind nicht darauf eingerichtet, den dortigen Talk-Gästen Einsichten zu vermitteln, also durch Miteinanderreden neue Sichtweisen zu fördern, ebensowenig sind sie als Gespräch zwischen Normalsterblichen und ihren Volksvertretern gedacht. Vielmehr sind sie als Rechtfertigungs- und Einstimmungsprogramm konzipiert. Mittels dieses Instruments, bringt man die Zuseher auf Linie - versucht es zumindest - und redet den produzierten Schwachsinn aus reformerischen Werkstätten schön.

Wie sehr es der Demokratie schadet, seine politischen Botschaften innerhalb einer Minute herunterrattern zu müssen, um den Zeitrahmen nicht zu sprengen, weswegen viele Gäste ja quasi dazu genötigt sind, mit Schlagworten, Verknappungen und Sinnsprüchen zu hantieren, kann gar nicht ermessen werden. Demokratie besteht aus Diskurs! Wenn dieser unterbunden oder - wie es Neil Postman in "Wir amüsieren uns zu Tode" nachzeichnet - verstümmelt angeboten wird, dann fehlt jegliche demokratische Basis. Demokratie ist weniger das Recht auf freie Wahlen - auch wenn dies natürlich unumgänglich ist -, als die Gewißheit, an einem freien und ehrlichen Diskurs teilhaben zu dürfen. Demokratisch sein bedeutet miteinander zu reden, das Recht des Stärkeren auszuschalten, um zwischen starken und schwachen Positionen und Interessen zu vermitteln. Wenn man aber nur verknappte Diskurse anbietet, immer den Zeitdruck im Nacken hat, dann kann kein Gespräch stattfinden, wohl aber ein Aneinandervorbeireden. Man stellt die Menschen politisch kalt, wenn man die demokratische Notwendigkeit des Gesprächs, eben auch das Zuhören bei den Ausführungen des Anderen, verwirft und durch Parolenschwingerei ersetzt. Und seien wir doch ehrlich: Was nützt die freie Wahl, wenn nicht miteinander gesprochen wird? Vielleicht ist es auch genau dieser Grund, warum soviele Menschen in diesen Tagen der Demokratie so ablehnend gegenüberstehen.

Und so nahm es sich eben auch am Sonntag aus, als die illustre Runde dazu überging, des Bürgers Antidemokratismus zu durchleuchten. Selbstkritische Einsichten gab es natürlich auch hier kaum. Kein Wort davon, dass die demokratiefeindliche Haltung aus einem Wechselspiel zwischen Medienbüttelei und bürgerfeindlicher Politik resultiert. Dass also nicht die Demokratie verhasst ist, sondern jene, die diese Demokratie mit ihrer antidemokratischen und volksverachtenden Haltung belagern! Wenn aber doch Einsichten in diese Richtung gingen, dann sprach man vom Vermittlungsproblemen, welche man habe und welche den Bürger von seiner politischen Führung entfremdet. Anders also: Der Bürger ist zu dumm bzw. die Führungsschichten haben nicht ordentlich und dreist genug gelogen, um ihre sozialen Schweinereien, die sie Reformen nennen, mit dem breiten Wohlwollen der Öffentlichkeit durchsetzen zu können. Wie makaber die ganze Veranstaltung von Gnaden des GEZ-Zahlers war, konnte man an den Aussagen der Schriftstellerin Monika Maron ablesen. Sie schätze, gab sie unverdrossen zu, einige SPD-Politiker sehr - Clement, Sarrazin und Steinbrück namentlich genannt. (Später lobhudelte sie auch in dieser Form gen Schönbohm.) Diese lassen sich nicht von ihrer Partei reglementieren und seien demnach unabhängig und demokratisch gesinnt. Was will man da noch einwenden, wenn man ausgerechnet diese Herren zu Aushängeschildern der Demokratie erhebt? Der eine Lobbyist und Marktschreier für weitere Reformen; der andere glänzt durch Speisepläne, die das Hungern zum Maßstab haben, während er zynisch meint, dass Arbeitslose andere Sorgen hätten als den Hunger; und der Dritte im Bunde gab einst offen zu, dass Politik für jene gemacht werden müsse - nur für jene! -, die Leistung für sich und die Gesellschaft erbringen - nochmals ausdrücklich: Nur um solche Leistungsträger habe sich Politik zu kümmern!

Und ausgerechnet dieses Trio ist der Maßstab unserer Demokratie? Ja, so läßt sich auch erklären, warum die Bürger die Schnauze voll haben von unserer Demokratie. Denn wenn es diese Herren sind, die unsere Demokratie repräsentieren, dann fragt man sich wirklich, ob wir eine falsche Begrifflichkeit benutzen. Meinen wir etwa "Aristokratie", wenn wir "Demokratie" sagen? Oder "Plutokratie"? Oder eine undefinierbare Staatsform, die die größten Menschenverächter und Marktschreier großer Konzerne zur Führungsschicht erwählt?
Im Grunde wäre es an der Zeit, dass sich Anne Will erneut entschuldigt. Entschuldigt für eine miese Sendung, die mehr Demokratiefeindlichkeit geschaffen hat, als ebendiese zu analysieren. Eine Generalentschuldigung für Jahre der politischen Dummhaltung - angefangen bei Christiansen, aufhörend bei diversen kleinen Talkrunden in den Dritten Programmen der Öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Eine Generalentschuldigung für alle Blödmacher der TV-Landschaft, angereichert um das Versprechen, sich umgehend zu bessern, wieder journalistisch zu arbeiten und weniger als Helfershelfer der Wirtschaft. Eine Entschuldigung dafür, mitgeholfen zu haben, dieses Land in eine solch politische Agonie gestossen zu haben. Aber was soll dieses Phantasieren? - Bei denen, die Demokratie benötigen, um sich wenigstens ein bißchen sicher zu fühlen im Haifischbecken der Gesellschaft, entschuldigt man sich nicht. Dies tut man nur bei solchen, die mittels ihrer Position Druck erzeugen können. Dort entschuldigt man sich auf Befehl, mit Kotau und devoten Gesten aller Art. Aber wer ist schon der Zuseher? Der Bürger und Wähler? - Und da ist sie wieder die Verächtlichmachung des Souverän, der als Folge die Resignation folgt und die Ablehnung einer Demokratie, die bei Wills und Plasbergs mit Füßen getreten wird...

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De dicto

Montag, 7. Juli 2008

"Grünen-Chef Reinhard Bütikofer empfindet die Ausstellung als Skandal: Es sei "eine empörende Veranstaltung" und "eine Banalisierung von Verbrechen, das finde ich nicht hinnehmbar", sagte Bütikofer am Samstag. Darum zeigte er Verständnis für den Angriff auf die Wachsfigur: "Manchmal muss direkte Aktion sein."
- BILD-Zeitung, Ingo Gentner am 6. Juli 2008 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Was haben die Berufsbedenkenträger, auch gerade jene von den Grünen, gewettert, als einige Erwerbslose, die sich die Drangsalierung und die gesellschaftliche Ausgrenzung durch die Hartz IV-Reformen nicht gefallen lassen wollten, durch direkte Aktionen bemerkbar machten. Als Arbeitsämter - die sogenannten Job-Center - gestürmt und besetzt wurden, um dort dem aufgestauten Ärger Luft zu verschaffen, als man sogenannte Montagsdemonstrationen aufleben ließ, da spürte man wenig vom "Geist der direkten Aktion" in den Räumen derer, die für den Unmut verantwortlich waren. Seinerzeit war man darum bemüht, die Aufwiegler als dreiste Zeitgenossen mit überquellendem Anspruchsdenken hinzustellen.

Aber im Angesicht einer Wachsfigur, die Adolf Hitler gleichen soll - was sie nur spärlich tut; ein Bärtchen und ein Seitenscheitel machen noch keinen Führer! -, da ist die Aktion, wenn schon nicht ausdrücklich erlaubt, so doch moralisch legitim. Aus einem Zeitgenossen, der einst der "koalitionären Vernunft" zusprach, der Unzufriedene gerne mundtot gesehen hätte, diese in Verruf bringen wollte, weil sie den Begriff "Montagsdemonstration" als zu schützendes, geradezu heiliges Wort der Vorwendezeit mißbrauchten, wird damit ein Rebell für Arme. Weil das Dritte Reich an einer Wachsfigur wiederaufleben könnte, soll die Dekapitation des Wachsführers als zeichensetzender Akt revolutionärer Gesinnung besehen werden. Dieses ärmliche Unterstützen zivilcouragierten Auf-die-Barrikaden-Gehens, setzt sich darüber hinweg, dass anderorts in Deutschland schon seit Jahrzehnten Wachsfiguren vieler Nazi-Granden ausgestellt waren. Bütikofer weiß davon nichts, kümmert sich nicht darum, denn wenn die BILD aufwiegelt, wenn sie eine Randerscheinung des politischen Alltags, eine Nichtigkeit aufbläht, dann muß das "grüne Bedenken" bedient werden, muß es so aussehen, als sei man mit denen, die sich für eine scheinbar edle Sache einsetzen.

Bütikofer ist nicht einsam. Viele reihen sich ein in die Riege derer, die sich vor einer Wachsgestalt fürchten, aber gleichermaßen die reale, lebendige, aus Fleisch und Blut gemachte Bedrohung leger zur Seite wischen. Wenn gegen die Bushs und Schröders zur "direkten Aktion" gerufen wird, wenn man aufsteht gegen asoziale Reformen und die weiterführende Verarmung ganzer Gesellschaftsschichten oder gegen die unmenschlichen Ausbeutungsmechanismen in der Dritten Welt, dann beschwichtigt man, verurteilt man die Aufwiegler, bittet um Vernunft und Weitsicht, unterbindet Meinungs- und Versammlungsfreiheit, vertuscht außerparlamentarische Oppositionsarbeit, bezeichnet die Demonstranten als unvernünftige Spinner. "Direkte Aktion" bedeutet in der mediengelenkten bzw. -fixierten Demokratie, einem Wachsidioten die Birne abzureißen. Aus einem Kinderstreich für geistig Arme, wird somit eine politische Aktion, ein Akt von Zivilcourage. Und es heißt auch: Jeder der gegen faßbare Resultate der Politik auf die Straße geht, macht sich zum Staats- und Gesellschaftsfeind, zum arbeitsscheuen Arbeitslosen, der sein Anspruchsdenken gesichert wissen will, zum Sozialromantiker, zum verträumten Pazifisten und zu guter Letzt: zur persona non grata.

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Coole Schwule

Sonntag, 6. Juli 2008

Wir alle kennen die Bilder, die diverse Schwulen- und Lesbenparaden abwerfen. Es mag sein, dass diese Veranstaltungen formaler zugehen, als es uns die Medien präsentieren. Doch ändert es nichts daran, dass innerhalb der homosexuellen Bevölkerung Zeitgenossen am Werk sind, die ihre Sexualität derart zur Schau stellen, dass auch dem letzten Prüden klar werden muß, mit wem der Parade abhaltende sein Bett teilt und welche Vorlieben er dort auszuleben wagt. Männer küssen lasziv Männer, Phalli werden als Symbole hochgehalten, die gleichgeschlechtliche Liebe wird zum Lebensentwurf schlechthin; kurzum: die Vorzüge einer ehemals geschmähten und verfolgten Form der Liebe werden gefeiert, werden als Vorteile auf der ganzen Linie sichtbar gemacht. Man ist nicht nur schwul, nein: Schwulsein ist geradezu cool! Parolen die Mitleid mit den armen Heterosexuellen ausdrücken, manchmal sogar Verachtung, das Hochlebenlassen der eigenen sexuellen Gesinnung: All das macht eines ersichtlich - Normalität, so wie es uns einige liberale Organe weismachen wollen, ist die Homosexualität beileibe noch nicht - trotz aller Kämpfe immer noch nicht!

Es ist in jeder Beziehung zweifelhaft, die Vorzüge einer Sache allzu kritiklos zum neuen Maßstab zu überhöhen. Wenn die Andersartigkeit, oder das Gegenteilige zur Norm wird, schwindet jene Toleranz, die sich - wie in diesem Falle - Homosexuelle auf der ganzen Welt erbeten und später auch erkämpft haben. Im Talmud findet sich ein Lehrstück, welches beschreibt, wie der Vorteil zum Nachteil gereichen kann, wie also aus kritiklos hingenommen Vorzügen ein Schatten werden kann, der die Andersartigkeit, den Mangel, das Gegenteilige etc. erst richtig in Szene setzt. Dort sagt ein Weiser zu seinem Sohn: "Wie schlecht dieses Schriftstück abgefaßt ist!" Der Sohn antwortet umgehend darauf, dass nicht er diese Urkunde geschrieben habe, sondern Juda, der Schneider. "Keine Verleumdung!", bittet der Vater im scharfen Ton. Ein andermal, als der Weise ein Kapitel eines Buches liest, ruft er freudig aus: "Wie gut dieses Exemplar geschrieben ist!" Darauf der Sohn: "Nicht ich habe es geschrieben, sondern Juda, der Schneider." - "Keine Verleumdung!", heißt es erneut aus dem Munde des weisen Vaters. Denn indem man Gutes über seinen Nächsten sagen darf, fühlt man sich bereits dazu ermutigt, Schlechtes über ihn zu berichten.

Nun entspricht es freilich nicht der conditio humana, seinen Nächsten vollkommen steril zu betrachten, um somit dessen positiven und negativen Eigenschaften einfach auszublenden. Aber das Lehrstück regt an, sich darüber Gedanken zu machen, ob eine überhöhte Zurschaustellung von eigenen, vermeintlich beneidenswerten Vorzügen und Lebensweisen eine emanzipatorische Form ist, die darauf hindeuten könnte, dass die Andersartigkeit - zumal eine Andersartigkeit, die jahrhundertelang verfolgt und bestraft wurde - zum Normalzustand aller, auch derer, die nicht andersartig sind, geworden ist.
"Auf die Liste der Verleumdungen gehören für unseren Weisen zweifellos jene großmütigen Parolen, die heute die Andersartigkeit feiern und früher verabscheute oder verachtete Lebensformen oder ethnische Besonderheiten zu Werten erklären. Es gibt zwar nichts Schlimmeres, als seine eigene Lebensweise zur universellen Norm zu erheben und denjenigen das Menschsein abzusprechen, deren Gebräuche uns fremd sind oder deren Haut eine andere Farbe zeigt. Die Vielfalt der Kulturen muß unermüdlich gegen die Ambitionen des Ethnozentrismus verteidigt werden. Bleibt jedoch eine Gemeinsamkeit zwischen Aufwertung und Ausschluß der Andersartigkeit: die Zuweisung der Differenz, die Tatsache, daß der Nächste mit seinen Eigenheiten verwechselt wird. Von der Verachtung oder Angst vor den Schwarzen bis zu der Formel „Black is beautiful“ hat ein beachtlicher Fortschritt stattgefunden, aber in beiden Fällen bleibt das Gesicht an seine Äußerung gekettet, dazu verurteilt, ununterbrochen einer eindeutigen Botschaft Ausdruck zu verleihen. Die Vergötterung hält die üble Nachrede wach. Wenn der Andere ist, was er ist, hört er auf, anders zu sein. Sein Außen-sein wird eingegliedert und seine gebieterische Macht zugunsten seines Bildes vertrieben. Man befreit nicht den Anderen, indem man ihn mit einer einmaligen oder gar vortrefflichen Beschaffenheit ausstattet, man befreit sich von ihm. Kurz, ein Antlitz, das mit seiner Andersartigkeit identifiziert wird, ist ein Antlitz, das seiner Andersheit beraubt ist. Es klagt nicht mehr an, beschwört nicht mehr, weil es nicht mehr beschämt. Die Verleumdung hat die Ordnung wieder hergestellt."
- Alain Finkielkraut, "Die Weisheit der Liebe" -
Nicht wenige dieser Selbstdarsteller, die ihren homosexuellen Lebensentwurf der Vergötterung überstellen, die in jeder Entscheidung ihres Lebens ihre Homosexualität erwähnen müssen, weil sie es als definierendes Moment ihres Lebens glauben, den gleichgeschlechtlichen Abnehmer ihrer Penetration zum Maßstab allen Handelns zu machen, halten damit die üble Nachrede wach. Die Vergötterung zur Gleichheit läßt nicht die Egalität in den Alltag einziehen, sondern schafft klare Fronten und Grenzen, macht aus dem Wir-Sein ein ebensolches Ihr-Sein. Und es ist ja auch nicht von der Hand zu weisen, dass das Outing eines prominenten Zeitgenossen mehr medialen Trubel erzeugt, als die eher langweilige Form heterosexueller Lebensführung. Nachdem Anne Will bedrängenderweise zugab, sich das Bett mit einer Geschlechtsgenossin zu teilen, wollte gerade die BILD-Zeitung eine Woche lang nicht von diesem Thema ablassen. Wäre die Offenheit, wäre die homosexuelle Normalität Alltag, so müßte man kein solches Theater inszenieren. Man würde über die Belanglosigkeit sexueller Neigung hinweggehen, weil es über die Qualität des Charakters, den Inhalt seiner Lebensphilosophie, die guten Taten etc. nichts aussagt, darüber Bescheid zu wissen, an welchem Geschlecht sich der Betreffende befriedigt. Wowereits Ausspruch wäre verhallt bzw. wäre in einer wirklich toleranten Gesellschaft, die die sexuelle Komponente des Einzelnen als private Nebensächlichkeit ignoriert gar nicht erst gefallen. Es wäre nicht nötig gewesen, mit dem Schwulsein aufmerksam zu machen. Solange aber ein solcher Ausspruch wie einst dazu führt, dass Medien ein Dauerbombardement an Schlagzeilen zu liefern, die in pseudoliberaler Form kundtun, welch "normales und bodenständiges Leben der Schwule Wowereit führt", ist Normalität nicht erreicht, wahrscheinlich in weiterer Ferne als in einer Gesellschaft die Schwule ächtet. Denn in einer solchen Gesellschaft, erkennt man den Feind umgehend, während der scheinliberale Geist hierzulande immer Zweifel erzeugt, ob man selbst an Verfolgungswahn leidet oder ob die Gesellschaft wirklich so verkappt spießig, bösartig, sich ins Privatleben einmischend ist.

Was wir hier mit der sexuellen Komponente sichtbar gemacht haben, betrifft viele Bereiche. Es handelt sich dabei um gesellschaftliche Randgruppen, die ihr Anderssein zelebrieren, es hervorheben und es zum lobenswerten Dasein erklären. Gleichheit? - Von wegen: Man ist anders, ist stolz darauf und erkennt es als Wert. "Black is beautiful" und "Schwul ist cool" sind trivialisierte, in markige Sprüche gepackter Ausdruck dieser Andersartigkeit, die sich als neuen, besseren Wert erkennt. Eine besondere Form des Überhöhens des Anderen, findet sich gerade hierzulande in der Heraushebung des Jüdischen. Zwar strebt man Gleichheit an, zieht aber jede kritische Bemerkung dann zurück, wenn man sich dessen bewußt wird, damit ein jüdisches Gefühl getroffen und verletzt zu haben. Diese Aufwertung mangels Kritik bewirkt das Gegenteil dessen, was damit zu erreichen gedacht wurde. Wenn man einen Freund nicht mehr kritisieren darf, wenn man nur kopfnickend anerkennen soll, dann entfernt er sich in die Gegnerschaft, wird früher oder später zum Kontrahenten. Indem wir bemüht sind, das Jüdische zum Maßstab zu erheben, den man nicht mit historischer Begrifflichkeit begegnen dürfe - was manchmal nachvollziehbar ist, manchmal nicht -, wenn man dazu übergeht, Forderungen jüdischer Interessensverbände ohne kritische Betrachtung umzusetzen - siehe den Rummel um den Wachsfiguren-Hitler, auch wenn Konsequenzen (noch) ausblieben -, wenn wir uns jegliche Kritik an der politischen Vorgehensweise des Staates Israel verbeißen müssen, dann ist es kein Anzeichen von Gleichheit der Religionen und Völker - das Judentum als Religion und Volk -, sondern eine radikale Abgrenzung des Andersseins. Wenn jemand, der dies so klar formuliert, das Attribut des Antisemiten an die Jacke genäht bekommt, dann ist ein Maß an Spaltung erreicht, welches kaum noch hinnehmbar ist.
Ähnlich im Falle derer, die sich als Anti-Rassisten daranmachen, alles aus dem Wortschatz zu tilgen, was einem Schwarzen ins Herz treffen könnte. Indem man so vorgeht, betreibt man erstens: keinen Anti-Rassismus, sondern forciert eine Form des positiven Rassismus, und zweitens: man spaltet damit arger, als es hohle Parolen jemals könnten.

Die Gleichheit aller beginnt nicht beim Hervorholen einer wundervollen Andersartigkeit, sondern beim Übergehen solch unscheinbarer Äußerlichkeiten. Solange wir unserem Nachbarn für seinen Mut gratulieren, weil er so offen schwul lebt, reduzieren wir ihn auf seine Sexualität, machen ihn zu einem "Exoten unter Normalen"; solange wir dem Schwarzen mitteilen, dass wir schwarze Menschen bevorzugen, weil sie so ein sonniges, für Westler so naiv-liebliches Gemüt haben, machen wir ihn zum Fremden; ähnlich wenn wir krampfhaft an seiner Hautfarbe vorbeisehen und in seiner Gegenwart nicht von Schwarzarbeit, Schwarzfahren und Schwarzkopf sprechen, weil er sich damit peinlich an seine Hautfarbe erinnert fühlen könnte; und ebenso verhält es sich, wenn wir unserem jüdischen Mitbürger ständig unterwürfig mitteilen, wie leid es uns täte, was zwischen 1933 und 1945 geschah, wie wundervoll wir das Judentum fänden und wie verständnisvoll wir die Politik Israels betrachten, die ja zur Aggression getrieben wird, nie aber aus freien Stücken aggressiv sei. Indem wir die Andersartigkeit zum hohen Gut modellieren, betreiben wir eine Provokation von der anderen Seite. Ob über Andersartigkeit hetzend oder sie feiern - beides ist im Sinne des talmudischen Lehrstücks Verleumdung. Wir erinnern uns: Indem wir dazu übergehen, etwas Gutes über jemanden zu sagen, fühlen wir uns ermutigt, auch seine schlechten Seiten aufzuzählen. Die Vorzüge gehen mit den Nachteilen schwanger. Und indem wir die Vorzüge nicht nur erwähnen, sondern sie zu leuchtenden Beispielen machen, zur vergötterten Moral, hofieren wir das Anderssein, geben der Abgrenzung neues Futter.

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Sit venia verbo

Samstag, 5. Juli 2008

"Solang ich den deutschen Michel gekannt,
War er ein Bärenhäuter;
Ich dachte im März, er hat sich ermannt
Und handelt fürder gescheuter.

Wie stolz erhob er das blonde Haupt
Vor seinen Landesvätern!
Wie sprach er - was doch unerlaubt -
Von hohen Landesverrätern.

Das klang so süß zu meinem Ohr
Wie märchenhafte Sagen,
Ich fühlte, wie ein junger Tor,
Das Herz mir wieder schlagen.

Doch als die schwarz-rot-goldne Fahn,
Der altgermanische Plunder,
Aufs neu erschien, da schwand mein Wahn
Und die süßen Märchenwunder.

Ich kannte die Farben in diesem Panier
Und ihre Vorbedeutung:
Von deutscher Freiheit brachten sie mir
Die schlimmste Hiobszeitung.

Schon sah ich den Arndt, den Vater Jahn -
Die Helden aus andern Zeiten
Aus ihren Gräbern wieder nahn
Und für den Kaiser streiten.

Die Burschenschaftler allesamt
Aus meinen Jünglingsjahren,
Die für den Kaiser sich entflammt,
Wenn sie betrunken waren.

Ich sah das sündenergraute Geschlecht
Der Diplomaten und Pfaffen,
Die alten Knappen vom römischen Recht,
Am Einheitstempel schaffen -

Derweil der Michel geduldig und gut
Begann zu schlafen und schnarchen,
Und wieder erwachte unter der Hut
Von vierunddreißig Monarchen."
- Heinrich Heine, "Michel nach dem März" -

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Das Goutieren der Eindimensionalität

Freitag, 4. Juli 2008

Neulich am Küchentisch: Eine Freundin meiner Frau zu Gast. Diese: Storemanagerin eines bundesweit agierenden Textilunternehmens. Da saß sie also, eine Zigarette rauchend und das ewige Lied der Anschaffer und Anschaffenwoller - kurz: der Führungskräfte - singend. Die Belegschaft, die sie verbrüdernd Mitarbeiterinnen nannte, ihrer kleinen, zu leitenden Filiale, hätte kein Rückgrat. Sie sei es, die den ganzen Druck seitens der Konzernleitung bzw. der regionalen Leitung abbekäme. Wenn am Quartalsende der Umsatz nicht stimmt, würde sie zur Rechenschaft herangezogen. Und was tun die Mitarbeiterinnen? Nichts! Sie zeigen wenig Engagement, zeigen kaum Biss, wenn es darum geht, Klamotten an die Frau zu bringen. Aber wenn es um Freizeit und Urlaub geht, da hätten sie die vermisste Bissigkeit aufzuweisen. Meine in das Gejammer geworfene Frage, ob es denn als sinnvoll erachtet werden müsse, wenn man seine Untergebenen dazu ermutige, den Kunden etwas mit Penetranz aufzuschwatzen und meine darauf einsetzende Provokation, ob sie denn wolle, dass man die Kunden mit Gewalt - vielleicht mit einigen Ohrfeigen die sich gewaschen haben - vom Kauf überzeuge, wurden nicht beachtet. Ein mildes Lächeln bekam ich, mit einem Blick garniert, der zu sagen schien: Ach, was weißt du denn schon? Aber dann fiel ein Satz - der Satz. Ein Satz, der das zur Institution gewordene Mitläufertum entblößt, welches sich dieses System zunutze gemacht hat. Ein Satz, dieser Satz: Die Mitarbeiterinnen zeigen keinerlei Interesse am Unternehmen! - Meine Intervention war auch hier kurz. Freilich: Vom Hörensagen und durch allerlei Jammereien, die schon vormals stattfanden, weiß ich mittlerweile, dass die besagte Belegschaft ein Haufen aufgescheuchter Hühner ist, die sich oberflächlicher Konversation hingibt und wohl keinerlei intellektuelle Anreize anbietet, die einen diskussionsfreudigen Menschen zum Gespräch animieren könnten. Als ich klarstellen wollte, dass die Interessen des Unternehmens nicht die Interessen der Angestellten sein können, wurde zwar ein wenig einsichtig genickt und mir beschwichtigend Zustimmung simuliert, aber im selben Atemzug verwandelte sich das Wehklagen zu einer langweiligen Diskussion über Damenbekleidung und - vornehm ausgedrückt - über dazu passende Accesoires. Einzuschieben sei noch, dass sie sich am Terminus "Ausbeutung" stieß und es nicht gelten lassen wollte, dass ihre Schützlinge ausgebeutet würden. Womöglich konnotiert sie "Ausbeutung" mit stalinistischen Arbeitslagern, in denen das Ausbeuten ja offensichtlich war, und nicht wie in diesen Breitengraden, versteckt und hinter Gemeinschaftsgedanken drapiert.

Nun liegt es also am werten Leser dieser Zeilen, die Geduld aufzubringen, sich dasjenige anzuhören, was neulich am Küchentisch hätte zum Ausdruck kommen sollen. Da ich aber darlegte, wie es sich dortmals zutrug, schelte man nicht mich, sondern betreffende Storemanagerin. Was mich also erregte, war die mitläuferische "Einsicht", wonach Angestellte sich mit Interesse dem Unternehmen, welches sie angestellt hat, zu widmen haben. Diese Ansicht, die ja nicht einmal sehr selten ist, sondern Ausdruck modifizierten Gemeinschaftsdenkens und der dazugehörenden Bündelung aller Lebensbereiche auf ein Ziel hin, widerspricht schon ohne tiefgründig nachsinnen zu müssen, dem Vertragsgedanken der einem Arbeitsverhältnis zugrunde liegt. Der Angestellte verpflichtet sich darin, eine bestimmte Arbeit oder mehrere bestimmte Arbeiten zu erledigen, bestimmte Verhaltensregeln einzuhalten, um erhält dafür einen bestimmten Lohn - soweit jedenfalls vereinfacht dargestellt. Interessen, die er zu hegen, offen zu zeigen habe, sind dort aber nicht Gegenstand der Abmachung.
Doch es steckt freilich mehr dahinter. Den Angestellten die Unternehmensinteressen schmackhaft zu machen, zeigt sich als ausgereifte, verfeinerte Form einer mit wenig Pomp - die frugale Bescheidenheit des Protestantismus, die dem Wesen des Kapitalismus immanent ist! - zelebrierte Stachanow- oder Hennecke-Bewegung. Ein künstlicher Zusammenhalt wird ersonnen und in Szene gesetzt, ein gemeinsames Ziel an den Horizont gesteckt, zu dessen Erreichung alle, egal in welcher gesellschaftlichen Stellung, am einzig faßbaren Strick - den einzigen den man anbietet - zu ziehen haben. Dabei handelt es sich vornehmlich um Ziele, die sich als Profitmaximierung entpuppen oder besser formuliert: die als Kapitalanhäufung und Profitgier offensichtlich sind, also gar nicht erst hinter hehren Beweggründen versteckt werden. Was aber die Akkumulation von Kapital für den Angestellten erwirken soll, nimmt sich bescheiden heraus: Die Erhaltung seines Ausbeutungsverhältnisses; die Sicherung seines Wohlstandes oder dasjenige, was wir als solchen bezeichnen. Ein Unternehmen, so wird suggeriert, ist also nur dann erfolgreich und mit sicheren Schritt auf das fixierte Ziel fortschreitend, wenn dessen Angestellte interessiert sind an Verkaufsstrategien, Marktanteilen, Effizienzrechnungen, die eine Unternehmensleitung herausgibt, um den Interessierten zu informieren. Einem Zeitgenossen, der wenig Ahnung von den Mechanismen der kapitalistischen Produktionsweise hat, könnte also folgende Frage einfallen: Waren die Bochumer Angestellten von Nokia schlechte Exemplare ihres Standes? Werden sie nun bestraft, weil sie zu wenig Interesse an den Tag legten?

Was ich hier versucht bin mit bescheidenen Worten begreiflich zu machen, hat Herbert Marcuse seinerzeit deutlicher herausgearbeitet. Dieses "An-einem-Strick-ziehen" war auch für ihn Anzeichen einer Eindimensionalität, die die Gesellschaft erfaßt hat. Einige Passagen sind es wert, hier zitiert zu werden, weil sie hinreichend erläutern, wie sich das eindimensionale Denken, welches einen Gedankengang wie jenen, wonach Unternehmens- und Angestellteninteresse doch ein- und dasselbe seien, äußert.
"Die Menschen treten in dieses Stadium als langjährig präparierte Empfänger ein; der entscheidende Unterschied besteht in der Einebnung des Gegensatzes (oder Konflikts) zwischen dem Gegebenen und dem Möglichen, zwischen den befriedigten und den nicht befriedigten Bedürfnissen. Hier zeigt die sogenannte Ausgleichung der Klassenunterschiede ihre ideologische Funktion. Wenn der Arbeiter und sein Chef sich am selben Fernsehprogramm vergnügen und dieselben Erholungsorte besuchen, wenn die Stenotypistin ebenso attraktiv hergerichtet ist wie die Tochter ihres Arbeitgebers, wenn der Neger einen Cadillac besitzt, wenn sie alle dieselbe Zeitung lesen, dann deutet diese Angleichung nicht auf das Verschwinden der Klassen hin, sondern auf das Ausmaß, in dem die unterworfene Bevölkerung an den Bedürfnissen und Befriedigungen teil hat, die der Erhaltung des Bestehenden dienen."
"Der Produktionsapparat und die Güter und Dienstleistungen, die er hervorbringt, „verkaufen“ das soziale System als Ganzes oder setzen es durch. Die Mittel des Massentransports und der Massenkommunikation, die Gebrauchsgüter Wohnung, Nahrung, Kleidung, die unwiderstehliche Leistung der Unterhaltungs- und Nachrichtenindustrie gehen mit verordneten Einstellungen und Gewohnheiten, mit geistigen und gefühlsmäßigen Reaktionen einher, die die Konsumenten mehr oder weniger angenehm an die Produzenten binden und vermittels dieser ans Ganze. Die Erzeugnisse durchdringen und manipulieren die Menschen; sie befördern ein falsches Bewußtsein, das gegen seine Falschheit immun ist. Und indem diese vorteilhaften Erzeugnisse mehr Individuen in mehr gesellschaftlichen Klassen zugänglich werden, hört die mit ihnen einhergehende Indoktrination auf, Reklame zu sein; sie wird ein Lebensstil, und zwar ein guter – viel besser als früher -, und als ein neuer Lebensstil widersetzt er sich qualitativer Änderung. So entsteht ein Muster eindimensionalen Denkens und Verhaltens, worin Ideen, Bestrebungen und Ziele, die ihrem Inhalt nach das bestehende Universum von Sprache und Handeln transzendieren, entweder abgewehrt oder zu Begriffen dieses Universums herabgesetzt werden. Sie werden neubestimmt von der Rationalität des gegebenen Systems und seiner quantitativen Ausweitung."
Und, als bittere Einsicht:
"Ganz abgesehen von den politischen Fesseln, die der Status quo dem Menschen auferlegt, wird dieser an Leib und Seele gegen die Alternative organisiert, und dies umsomehr, je mehr die Technik imstande scheint, die Bedingungen für die Befriedung hervorzubringen."
So wird aus einem Arbeitsverhältnis eine Partnerschaft modelliert. Man gaukelt vor, dass zwei gleichberechtigte Parteien ein Arrangement getroffen haben. Unternehmen und von ihm bezahlte Angestellte wirken folglich einem Ziel entgegen, vertreten ein Interesse. Den Menschen wird begreiflich gemacht - man flößt ihnen dieses ideologische Gift täglich ein, selbst trivialste Vorabend-Soaps pflanzen eindimensionales Gedankengut in die Gehirnwindungen junger Menschen -, dass dies vonnöten sei. Nur so, nicht anders, könne man erfolgreich sein, könne somit dem Leben des Angestellten erfolgsbedingte Kontinuität verleihen. Dreist wird dabei aber verschwiegen und aus dem Blickfeld gekehrt, dass diese vermeintliche Partnerschaft eine Schönwetterverknüpfung zweierlei Interessen ist. Solange das Unternehmen seine Vorstellungen umsetzen kann - das ist in der Regel die Erlangung eines bestimmten Profitsatzes -, erhält es den Anschein der Interessensdeckung aufrecht; sobald aber graue Wolken am Himmel des Marktes heraufziehen, Profite spärlicher ausfallen - sie fallen nicht immer ganz weg -, wird aus dieser herrlichen Partnerschaft ein einseitiges Geschäft. Nun wird das gemeinsame Interesse verraten und verkauft. Die Unternehmensleitung gibt die Devise aus, dass es dem Interesse des Unternehmens entspricht, Personal zu entlassen. Man versucht den betroffenen "Interessenten am Unternehmenswohl", denjenigen die man vor die Türe setzen will, diese einseitige Entscheidung auch noch vernünftig und mit Bedacht auf das gemeinsame Interesse erklärbar zu machen.
Trotz dieser Diskrepanz zwischen Einheitsfront des Interesses und Interessen des Einzelnen, die in solchen Momenten transparenter wird als zuvor, hängen nicht wenige Menschen diesem Märchen nach und glauben sich, im täglichen Kampf gegen Partikularinteressen, auf der richtigen Seite stehend. Wenn sie sich, so glauben sie möglicherweise unbewußt, den Partikularinteressen einiger Weniger nicht entgegenstellen, sondern daran teilhaben, dann fahren sie bequemer durch die Lande. Aus dem Unternehmen der Wenigen wird - aber nur ideologisch betrachtet, niemals in Hinsicht auf materiellen Besitz; das Unternehmen bleibt Privatbesitz - das Unternehmen aller Beteiligten.

Dieses Verbundensein und sich interessieren am Unternehmen der Wenigen äußert sich oftmals in bizarrer Weise. Wenn es dem angeblichen Interesse aller entspricht, dass eine bestimmte Zahl von Angestellten entlassen werden muß, findet man häufig auch in den Reihen dieser Entlassenen Individuen, die dieser Maßnahme beipflichtend zustimmen. Auch sie sprechen noch von einem Gemeinschaftsinteresse, selbst wenn sie offensichtlich aus der Gemeinschaft entlassen und vom Interessehabensollen befreit werden. Persönlich ist mir ein Fall bekannt, in dem ein engagierter Angestellter einen Produktionsgang dermaßen überdachte, dass damit ein folgender Produktionsgang, der einige Angestellten ihr Auskommen sicherte, wegfallen konnte. Der strebsame Verbesserer hatte nicht den Auftrag, seinen Arbeitsgang zu überdenken, er tat es freiwillig, seinem Herrn ein guter Bediensteter seiend, im Sinne des Unternehmens und damit des gemeinsamen Interesses. So wurden einige Polierer ihrer Tätigkeit verlustig. Man verstehe das nicht falsch: Es ist immer sinnvoll, wenn man eine unwürdige, dreckige und staubige Arbeit umgehen kann, wenn man Menschen von so einer Tätigkeit entbindet, um sie einer unpersönlichen Maschine zu überantworten. Die Tragik dieser Polierer war und ist nur, dass sie in einer Gesellschaft leben, in der Arbeit die Grundlage des individuellen Existenzrechts ist - wenn auch nicht juristisch, so doch zumindest ideologisch betrachtet. Wer sich also heute in einem Unternehmen engagiert, Arbeitsgänge verknappt oder atomisiert, damit man im Sinne der vermeintlichen Partnerschaft effektive Erfolge zeitigt, der sollte gleich noch eine Auflistung mitliefern, wie man den überflüssig gewordenen Personen Abhilfe verschaffen könne. Oder einfach naiv gefragt: Ist es denn nicht im Sinne aller Interessierten, einige nutzlos gewordene Interessierte - also Brüder im Geistes des gemeinsamen Ziels und Interesses - aufzufangen?

Nun ist es also fraglich, warum die Textilzicken, die ich oben erwähnte, sich sonderlich interessiert am Unternehmen beteiligen sollten. Freilich sind sich diese Damen nicht darüber im Klaren, weshalb sie so interessenlos handeln - zumindest aus Sicht ihrer Vorgesetzten. Es wird wohl kaum der eigenen Geistesleistung zuzuschreiben sein, oder einem Schritt politischer Bildung, der es ermöglichte, sich gleichgültig gegenüber dem Unternehmen zu verhalten, welches monatlich das Überleben sichert. Und würde man sie damit konfrontieren, würden sie - da darf man sich sicher sein - ganz entrüstet tun und hundertfach bejahen, ein Interesse am Unternehmen zu haben - mit allen Konsequenzen und Schikanen, dies sei ja gute Arbeitnehmerpflicht; und überhaupt: Das Unternehmen sei ihr Leben, ihre Grundlage, ihr stilles Glück! Immerhin darf man doch nicht in den Ruch eines interessenlosen und damit skrupel- und gewissenlosen Arbeitnehmers geraten. Und genau aus diesem Grunde fragen Bewerber erst am Ende eines Bewerbungsgespräches - wenn überhaupt - nach dem Entgelt. Man will doch den Eindruck erschinden, ein loyaler und interessierter Ausgebeuteter zu sein. Daher sind diejenigen rar, die auch dazu stehen, wenig Interesse am Unternehmen zu haben; nur die vertraglich fixierte Tätigkeit nach bestem Wissen und Gewissen zu erledigen, aber ansonsten keinerlei Bindung eingehen zu wollen.

Aber an der wenig durchdachten Wortwahl der oben genannten Storemanagerin läßt sich erkennen, wie den Menschen diese Sichtweise in Mark und Blut übergegangen ist. In Eindimensionalität geübt, schwimmen sie in vorgegebenen Wassern, fabulieren von gemeinsamen Interessen und tun ihren Teil dazu, die "Einebnung des Gegensatzes (oder Konfliktes)" voranzutreiben - zwar nicht im materiellen, d.h. wirklichen, realen, stofflichen, faßbaren; wohl aber im ideologischen Sinne. Und nur wer aus diesem Holz geschnitzt ist, aus einem Massenholz freilich, taugt auch zum Storemanager und damit zur Führungskraft. Nur wer daran glaubt, dass das Interesse an einem Unternehmen alle vereint, einer Synthese aus Partikularinteressen einiger Weniger (Antithese) und den Bedürfnissen Vieler (These) gleichkommt, kann eine solche führende Rolle übernehmen.

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In nuce

Donnerstag, 3. Juli 2008

Die Deutschen verarbeiten ihre Vergangenheit, heißt es. Niemals zuvor habe man soviele Lehren aus den dunklen, braunen Zeiten gezogen, die einst dieses Land in moralische Tiefen zog, heißt es. Nötig gewesen sei es ja schon lange, heißt es. Und wie fein der politischen Korrektheit in die Schuhe geholfen wird! So äußerte sich unlängst der Direktor des Zentrums für Türkeistudien in seltsamer Weise zu seinen Landsleuten. Die Türken, so meint Faruk Sen, seien die "neuen Juden Europas". Jetzt kann man ja davon halten was man will, kann es für arg überspitzt oder geradezu dümmlich befinden. Aber da die Deutschen ja ihre Vergangenheit verarbeiten und den Verdauungsprozess nur schwer vollziehen, rufen umgehend einige penetrante Zeitgenossen, Sen möge von seinem Posten zurücktreten. Dies ist freilich die Lösung aller Problematiken, immer dann, wenn es um Mißgriffe dieser Art geht. Faruk Sen mag sich täuschen, mag historisch betrachtet arg danebengegriffen haben, vielleicht die Historie selbst überhaupt nicht verstehen - aber kann man ihm das so nicht sagen? Muß es gleich immer ein geforderter Rücktritt sein? Ist das etwa der Geist der Demokratie, wenn man Diskussionen ausweicht und unliebsame Zeitgenossen einfach zur Seite schiebt?
Solche Fälle überbordender political correctness finden sich noch in ganz anderer, unglaublicherer Weise. Eine Braunschweiger Zeitung bot ein Kreuzworträtsel an, dessen Lösungswort "Negerkuss" lautete. Und schon ist sie wach, die Korrektheit, die hinter jedem Wort ein Unwort wittert, die aus einer alltäglichen Süßigkeit ein rassistisches Einstiegswort macht. Der Negerkuss als Einstiegsdroge quasi, als Joint des rassistischen Jargons! Berufsentrüstete mit verschiedensten Parteibüchern stürzen sich darauf, um klarzumachen, dass derjenige, der heute noch "Negerkuss" sagt, bereits morgen einen Schwarzen verprügeln könnte. Diesen Wichtigtuern kommt gar nicht in den Sinn, dass die Person, die einen Negerkuss verspeist und dieses klebrige Teil auch als solchen bezeichnet, womöglich überhaupt keine Konnotation zu einem Afrikaner in sich verankert weiß. In meinen Breitengraden essen die Menschen Negerküsse, ohne sich dabei vorzustellen, wie ein großgewachsener Massai ihnen die Zunge in den Hals steckt. "Negerkuss" bleibt jedenfalls eine Geschmackssache, sowohl auf der Zunge als auch im Ohr...
Aber denen, die nun glauben, für die Sache der Schwarzen zu kämpfen, die sich aufschwingen, einen Mandela oder King für Arme abzugeben, weil sie einen völlig irrelevanten Begriff ethnisch bereinigen wollen, sollten sich mit den Einsichten von Alain Finkielkraut konfrontiert wissen, die ich hier nur kurz zitiere, doch womöglich bald einmal ausführlicher abhandeln werde: "Wenn der Andere ist, was er ist, hört er auf, anders zu sein. Sein Außen-sein wird eingegliedert und seine gebieterische Macht zugunsten seines Bildes vertrieben. Man befreit nicht den Anderen, indem man ihn mit einer einmaligen oder gar vortrefflichen Beschaffenheit ausstattet, man befreit sich von ihm. Kurz, ein Antlitz, das mit seiner Andersartigkeit identifiziert wird, ist ein Antlitz, das seiner Andersheit beraubt ist. Es klagt nicht mehr an, beschwört nicht mehr, weil es nicht mehr beschämt. Die Verleumdung hat die Ordnung wieder hergestellt."

Von den linken Grünen (sic!) hat er sich verabschiedet, um Sachpolitik in Reihen der CDU zu gestalten. Eine Politik, die sich an den sogenannten Sachzwängen orientiert, um die Motzereien dieses Herrn gegen Erwerbslose, Senioren und Kinderreiche in legitime Bahnen zu lenken. Und kaum war er der Union beigetreten, verkündete er schon, dass er bald im Bundestag sitzen würde. So hat er es geplant und nun liegt er auf der Schnauze: Oswald Metzger.
Man muß den CDU-Mitgliedern aus dem oberschwäbischen Wahlkreis nicht unbedingt Vernunft nachsagen. Sie haben sich ja nicht gegen Metzger entschieden, weil er ein unerzogener Flegel, sondern weil er neu in ihren Reihen ist. Sein Platzhirschgehabe stieß ab, wurde daher kritisiert. Aber zu seinen untragbaren Ausuferungen, die Erwerbslose als fressende und saufende Schattengestalten darstellten, wollte sich innerhalb der CDU einfach kein Kritiker finden. Man kann sich natürlich durchaus an der Entscheidung der Unionisten erfreuen, aber aus Helden besteht dieser Verein wahrlich nicht. Hätte man die menschliche Vernunft benutzt, einen Humanismus zum Motiv dieser Entscheidung gemacht! Aber aufgrund "fremdenfeindlicher" Tendenzen und beleidigtem CDU-Stolz? So gesehen hackten sich da die Krähen gegenseitig die Augen aus - oder ein Krähenschwarm einer einzigen Krähe. Es bleibt abzuwarten, wie Metzgers Arbeitgeber - die INSM - darauf reagieren wird. Wenn die sich einen Bundestagsabgeordneten wünscht, dann wird man Mittel und Wege finden, ihr einen zu liefern.
Vielleicht, so wird gemunkelt, wird Metzger bald einer anderen Partei beitreten. Er soll sich derzeit mit den Schriften Lafontaines und dem Ingolstädter Programm Gregor Gysis befassen und beide sehr dafür loben. Man soll ihn durch Bad Schussenried lustwandeln gesehen haben, dabei leise zu sich selbst sprechend, dass er in seinem Innersten immer Sozialist gewesen sei. Von den Grünen, so soll er einem Passanten auf Nachfrage mitgeteilt haben, sei er nur ausgetreten, weil sie ihm zu konservativ geworden sind. Die LINKE freut sich auf den neuen Genossen. Sie hofft, er gibt nicht zuviel von seinen bürgerlichen Vorurteilen auf, damit sie sich durch ihn weiter zum ernstzunehmenden Faktor deutscher Politik verwandelt.

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Nomen non est omen

Mittwoch, 2. Juli 2008

Heute: "Sachzwang"
„Für uns gibt es nur einen einzigen Sachzwang, dem wir unterliegen, und der heißt, Menschen in Arbeit zu bringen. Diesem Sachzwang hat sich alles unterzuordnen. Arbeit braucht Wachstum, und Wachstum braucht Freiheit. Unser Staat ist überfordert“
- Bundeskanzlerin Angela Merkel am 16. Juni 2005 bei einer CDU-Feier -
Der sogenannte Sachzwang dient als Generallegitimation für unbequeme politische Entscheidungen. Besonders die rot-grüne Regierung unter Schröder hat ganz im Sinne des Thatcherischen TINA-Prinzips (There is no alternative!) mit Sachzwängen Kürzungen gerechtfertigt. Die vermeintliche Logik des Sachzwangs besagt demnach, dass es keinen freien Willen bzw. keine freie Entscheidung von spezifischen politischen Sachfragen gebe. Vielmehr zwinge ein äußerer Umstand die politischen Akteure zu einer bestimmten Entscheidung. Gerade im Zeitgeist des neoliberalen Credos hat der Begriff wieder Hochkonjunktur. Er lenkt davon ab, dass bestimmte Entscheidungen, die nur für eine wirtschaftlich starke Minderheit von Nutzen sind und am Großteil der Bevölkerung vorbeigehen, ganz bewusst getroffen werden, um bestimmte Interessen zu bedienen. Zudem findet eine Verantwortungsdelegation vom Subjektivem zum Objektivem statt. Begriffe wie Schicksalsgemeinschaft, Weltmarkt und Globalisierung z.B. sind Träger dieses objektivierten ideologischen Legitimationsgedanken. Es wird so getan als seien bestimmte wirtschaftliche, soziale, kulturelle und politische Strukturen schon immer irgendwie so da gewesen oder gottgewollt. Dabei wird bewusst verleugnet, dass Politik immer menschliches Handeln bedeutet. Die Sache bleibt eine Sache. Sie kann mich zu nichts zwingen. Auf den Punkt gebracht ist der Sachzwang die Manifestierung einer völlig irrationalen Abwehrhaltung: „Ich bin nicht schuld, die Sache ist schuld!“.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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Auf schlechten Wegen zu hohen Zielen

Nachdem Kanzlerin Merkel und einige andere Personen der (Gegen-)Öffentlichkeit festzustellen glaubten, dass die DFB-Auswahl ein großartiges Turnier spielte, sehe ich mich dazu genötigt, auch einige Worte zur Belanglosigkeit dieses kommerzialisierten Wahnsinns zu sagen. Wie so oft, gibt es gerade in Dingen des Fußballs keine letztendliche Wahrheit, sind Einsichten immer höchst individuell motiviert und - dies sollte man gerade in diesen Tagen ausufernder Nationalsymbolik nicht vergessen - selten unvoreingenommen. Und da dem so ist, da Subjektivität das Gebot der Fußball-Analyse ist, da man diesbezügliche Sichtweisen nicht wissenschaftlich verifizieren kann, wage ich es mit einem ichbezogenen Satz zu beginnen: Ich stelle die These in den Raum, dass der deutsche Fußball, konkreter: der DFB-Fußball, seit Jahrzehnten stagniert! Trotz Erfolgen und Erfölgchen die sich dann und wann einstellten. Ich möchte kurz anreißen, was damit gemeint sein soll.

Als man 1994 bei der Weltmeisterschaft in den Vereinigten Staaten im Viertelfinale gegen die Bulgaren scheiterte, sah man das zwar als Tragik für die deutsche Fußballwelt an - damals hat sich ja nicht jeder Hanswurst darum gekümmert, was die Nationalelf treibt, nur weil er damit seinem Deutschsein Ausdruck verleihen könne -, zumal man damals auch noch der amtierende Weltmeister war, aber letztendlich sah man es als Normalität an, die gelegentlich jede Nationalmannschaft ereilen muß. Tatsächlich gab der EM-Titel, den man zwei Jahre später in England gewann, dieser Einschätzung recht. In Europa war man eben noch wer, denn nach dem verlorenen Finale 1992 (gegen Dänemark), konnte man per Golden Goal gegen die tschechische Auswahl, den dritten europäischen Titel mit nach Hause nehmen. Die Spielweise der Vogts-Elf stand damals arg in der Kritik - zumindest solange man noch keine Turniererfolge zeitigte -, man hatte festgestellt, dass die DFB-Mannschaft keinerlei Weltstars in ihren Reihen hat. Vogts gab daher die Devise aus, wonach das Team der Star sei. Dies spiegelt wider, wie seinerzeit der deutsche Fußball aussah: Immense Laufarbeit, entfesselte Schnelligkeit und knallharte Effizienz zeichneten die damalige Mannschaft aus, doch spielerische Mängel begleiteten allerdings auch diese Siegerelf. Mir blieb das Vorrunden-Remis gegen Italien (0:0) im Kopf haften, in welchem die DFB-Auswahl vorgeführt, aber dennoch Gruppensieger wurde, während die Squadra Azzurra die Heimreise antreten mußte.

Der Titelgewinn von 1996, der mit einer mäßigen Leistung erzielt werden konnte, blendete die damalige Öffentlichkeit für weitere zwei Jahre. Daher war die Ernüchterung groß, als man im Viertelfinale der Weltmeisterschaft 1998 von den Kroaten spielerisch verspottet wurde. 0:3 hieß es am Ende und plötzlich trat beinahe kopfloser Aktionismus - man denke daran, dass Paul Breitner quasi schon DFB-Coach war, und man zeitgleich mit mehreren möglichen Kandidaten Abmachungen traf - an den Tag. Berti Vogts, da war man sich einig, sei der Schuldige, der personifizierte Untergang des deutschen Fußballs, und man ersetzte ihn durch Alttrainer Erich Ribbeck, der den spielerischen Niedergang zum System erklärte. Selten hat ein Trainer seine Erfolglosigkeit so stilisiert, wie seinerzeit das Gespann Ribbeck/Stielike. Als man dann auch noch bei der Europameisterschaft 2000, die in den Niederlanden und Belgien stattfand, in der Vorrunde scheiterte, sprachen ausgewiesene Fußballkenner davon, dass man mit vielen Jahren der Talwanderung zu rechnen habe. Immerhin habe man Jahrzehnte geschlafen, als es darum ging, den Jugendfußball technisch auf die Höhe der Zeit zu bringen. Mit Laufen bis zum Erbrechen und dem Pauken von Taktik, was man ja hierzulande als die Grundtugenden deutscher Fußballmentalität ansah, sei kein Turnier mehr zu gewinnen. Es sei notwendig, der Konkurrenz wenigstens technisch etwas entgegenkommen, wenn man noch Paroli bieten möchte. Doch schon zwei Jahre später spielte man ein mäßiges bis schlechtes Turnier, zog aber dennoch ins WM-Finale ein, unterlag dort den Brasilianern mit 0:2. Es war in großem Maße Oliver Kahns Verdienst - aus Kahn wurde der Titan -, dass es überhaupt so weit kam. Aber auch die zugeteilten Gegner zeugten nicht gerade von fußballerischer Klasse. Den Weg ins Finale pflasterten Saudi-Arabien, Irland, Kamerun, Paraguay, die USA und Südkorea. Allesamt zwei- oder gar drittklassige Gegner, die man teilweise trotzdem nur mit erheblichen Schwierigkeiten besiegen konnte. Als der erste renommierte Gegner winkte, im Finale also, setzte es prompt eine Niederlage, die zudem die bittere Einsicht der eigenen Zweitklassigkeit aufkeimen ließ. Es gäbe nur einen Rudi Völler sang man damals als Hochlied auf den Bundestrainer; die Warnungen von Kritikern, wonach der deutsche Fußball die Talsohle noch lange nicht durchschritten habe, wurden wieder einmal wegen akutem "Erfolg" in den Wind geschlagen. Im Jahre 2004, als die Europameisterschaft in Portugal zu Gast war, bot sich erneut ein Bild des Jammers. Das 0:0 gegen die Letten galt im Nachhinein als trister Tiefpunkt. Auch hier war nach der Vorrunde die Heimreise angesagt. Freilich bot sich bei der Weltmeisterschaft 2006, die im eigenen Land veranstaltet wurde, ein anderes Bild. Der "eine Rudi Völler" war schon nach dem Scheitern 2004 verabschiedet worden - zwar trat er selbst zurück, aber der Mechanismus, wonach ein Bundestrainer sich nach einem mäßigen Turnier verabschieden sollte, hat mit Freiwilligkeit nurmehr wenig gemein -, Jürgen Klinsmann - der neue Teamchef - ließ seine Handschrift erkennen, machte den Stil, den er als Stürmer selbst pflegte, zur neuen Spielweise des DFB. Viel Kampf, viel Laufarbeit, bis hin zur Erschöpfung, rigoroses Nachsetzen. Allerdings auch: wenig technisches Vermögen und kaum Spielwitz. Doch diese Grundtugenden des deutschen Fußballs reichte, um immerhin das Halbfinale zu erreichen; die Belanglosigkeit des "kleinen Finales" wollen wir hier nicht weiter abhandeln.

Diese Europameisterschaft hat eine Finalteilnahme der DFB-Elf aufzuweisen. Doch das spielerische Vermögen, d.h. Unvermögen war erschreckend. Gegen zweitklassige Polen konnte man relativ glanzlos einen Pflichtsieg einfahren. Doch gegen die mit Spielwitz behafteten, aber konditionell kurzatmigen Kroaten gab es wenig entgegenzusetzen und die Österreicher verabschiedete man mit einer geradewegs gruseligen Leistung aus dem Turnier. Danach warteten überhebliche Portugiesen auf ihren Halbfinaleinzug und wurden dafür bitter bestraft. Anders als die Öffentlichkeit, sah ich keine Klasseleistung der Nationalmannschaft. Sie war engagiert und laufbereit, soviel muß man ihr noch anrechnen. Aber spielerische Mängel waren auch da immer wieder erkennbar, Fehlpässe und technische Unzulänglichkeiten Legion. Die Verklärung dieses Sieges reicht soweit, dass man es nun so darstellt, als habe man zu keinem Zeitpunkt bangen müssen. Wahr ist aber, dass es nach der Halbzeitpause einige Herzschlagmomente zu ertragen gab - sofern man mit dem DFB fieberte. Nach der Pause, lag das 2:2 - zur Pause stand es 2:1 für den DFB - förmlich in der Luft. Stattdessen fiel aber das 3:1. Bezeichnend hierbei: Der Kicker attestierte dem Schiedsrichter Fröldfeldt eine gute Gesamtleistung, konnte aber nur die Note 4 vergeben, weil er einen spielentscheidenen Fehler beging: "Dem 3:1 ging ein Schubser von Ballack gegen Paulo Ferreira voraus." - Damit will ich keinesfalls von Betrug sprechen. Fehler passieren, müssen auch passieren, solange Menschen daran beteiligt sind; und ich hoffe, es werden immer Menschen zwischen Foul und Nicht-Foul entscheiden müssen und nicht sonderbare Bewertungscomputer herangezogen, um sogenannte Gerechtigkeit auf das Spielfeld zu transportieren. Gesagt sein soll aber, dass der deutsche Sieg keineswegs dominierend, keineswegs so herausragend war. Es hätte anders kommen können und nach der Pause war von der deutschen Herrlichkeit erstmal nichts zu spüren, eher ein portugiesisches Aufschließen wahrnehmbar. An diesem 19. Juni 2008, als man Portugal schlug, spielte man im Rahmen des Möglichen ordentlich, konzentriert, effektiv - aber herausragend, wie es die Presse unisono verkündete, sicher nicht. Die spielerische Unterlegenheit, die man bereits im Halbfinale gegen die türkische Auswahl erblicken konnte, uferte im Finale gegen Spanien zur geradewegs chancenlosen Niederlage. Von sechs Auftritten der DFB-Elf, waren vier von miesen Fußball gezeichnet. Das Spiel gegen Polen war belanglos dominierend und gegen Portugal für deutsche Verhältnisse einigermaßen. Keineswegs eine tolle Leistung des DFB - dies erkennt man zumindest dann, wenn man sich nicht nur an der Finalteilnahme aufgeilt, sondern das Wie betrachtet.

Einige Worte zur spanischen Auswahl: In meinen Jugendjahren gab es eine Fußballmannschaft, die einen unglaublichen Fußball bot, geradezu zelebrierte. Wenn man Spiele dieser Mannschaft erwartete, war es beinahe so, als würde man einem fußballerischen Gottesdienst beiwohnen. Da war der Ball nicht der Feind des Spielers, sondern er schien förmlich an den Schuhen zu kleben. Der FC Barcelona von 1992 bekam von seinem damaligen Trainer Johan Cruyff ein System verpaßt, welches Direktpaßspiel und Raumdeckung vereinte. Die Perfektion, mit der dieses System umgesetzt wurde, ermöglichte es, die Gegner regelrecht schwindelig zu spielen. Diese Mannschaft hatte 1992 ihren Zenit erreicht, als man die damalige Champions League gewann. Zwar glänzte man noch einige Jahre danach - wie auch schon vor 1992 -, nicht aber in der technischen Schnelligkeit und eiskalten Zielstrebigkeit wie einst. Nie mehr sah ich eine Mannschaft, die mit soviel Spielfreude, technischen Geschick und Torhunger agierte. Barca erzielte in jenen Jahren meist 80 Tore und mehr in der Primera División (1994 waren es 91 Tore!), war Garant für zahllose torreiche Auftritte. 2008 spielte die Selección einen ähnlichen Fußball, der zwar weniger torreich war, weil man sich auch in der Defensive diszipliniert hat, was dem FC Barcelona damals nicht immer gelang. So betrachtet, hat man das System von 1992 noch einmal verbessert. Klar ist mir aber auch, dass dieses Auftreten nicht zur Regel der spanischen Auswahl werden kann. Turniere werden zuweilen zum Selbstläufer und wenn jemand die spielerische Klasse mitbringt, dann kann er durchaus ein Turnier in dieser Perfektion beenden. Aber die Selección von 2008 wird nicht diejenige von 2010 sein...
Gefreut hat mich der Sieg der spanischen Elf dennoch. Nicht weil ich väterlicherseits spanische Wurzeln habe. Dies erscheint mir belanglos und kaum dazu geeignet, meine Sympathien im Vorhinein festzusetzen. Aber mit der spanischen Auswahl hat nicht nur die RFEF gewonnen, sondern der Fußballsport an sich. Sie bot Werbung für den Fußball und daher ist ein Sieg nicht nur angenehm, sondern geradezu wünschenswert gewesen.

Der deutsche Fußball, heute wie vor Jahren, ist geleitet von Effizienz. Erreicht man ein Finale, so glaubt man bereits den Olymp zurückerobert zu haben. Die Spielweise ist dabei zweitrangig und wird auch von den deutschen Anhängern nur spärlich kritisiert. Das vielerorts gehörte "Schade" deutscher Anhänger, die in Anbetracht spanischer Finalüberlegenheit, ihre Traurigkeit kundtaten, spricht da Bände: Wie kann man traurig sein, wenn man so unterlegen ist? Wie kann man sich ein Tor in letzter Minute überhaupt wünschen, wenn man doch so einen drittklassigen Fußball bot? Hierzulande zählt - und dies nicht nur beim Fußball - nur der zu erzielende Erfolg; das Maximale, nicht das Realistische; Großkotzigkeit statt Bescheidenheit. Der Weg zum Ziel ist uninteressant, solange das Ziel erreicht wird. Daher nimmt man gerne in Kauf, auch mit schlechter Leistung einem Finale beizuwohnen. Die deutsche Fußballmiseren waren nicht die Jahre 1994, 1998, 2000 und 2004, sondern die Jahre 1996, 2002 und 2006. Auch das Jahr 2008 mit der Finalteilnahme bei der Europameisterschaft wird zur letzteren Liste gezählt werden müssen. Nicht die Mißerfolge geben zu Denken, sondern die vermeintlich fetten Jahre, die trotz mangelhafter Leistung erzwungen werden konnten. Freilich kann man so ewig weitermachen, aber Fußball ist doch mehr als Erfolgsjägerei. Die Ästhetik wird vollkommen aus dem Blickfeld deutschen Fußballs entfernt. Es ist wie so oft in diesem Lande, nur das Ziel von Bedeutung. Wie im deutschen Neoliberalismus unserer Tage - vielleicht die vulgärste Form marktliberaler Ideologie, die man derzeit auf dem Globus beobachten kann -, in denen man die Leiden derer, die ausgeschlossen und drangsaliert werden, einfach mit der Notwendigkeit der Maßnahmen - siehe ALG II - erklärbar machen will. Der Weg ist dabei genauso nebensächlich, wie für den deutschen Fußballfreund der rumpelige Weg ins Finale. Solange das Finale am Ende herauskommt, sind alle glücklich - solange die Arbeitgeber von ihrer sozialen Verantwortung entbunden werden, d.h. die Kosten dafür gesenkt werden, ist ihnen alles recht und sie tun glücklich - wenigstens für eine Weile.

Es gibt immer wieder Psychologen, die glauben, man könne aus großen Fußballturnieren Rückschlüsse auf Politik und Wirtschaft ziehen. Wenn überhaupt, so läßt sich vielleicht eine einzige Sache herauslesen: Derzeit herrscht in der "deutschen Seele" ein Hang zur Effizienz, zum Zieldenken, ohne dabei Werte und Bedürfnisse wie Ästhetik und Gerechtigkeit einzukalkulieren. Es herrschen Krämernaturen, die Kosten und Nutzen errechnen und vom Hier zum Dort addieren und subtrahieren. Im Fußball zählt nur die Finalteilnahme; in Wirtschafts- und Sozialpolitik nur die Vorstellungen der Konzerne und Unternehmen. Wie man dort angelangt, ist nicht spannend. Ob mit Rumpelfußball oder technischen Spielzügen; ob mit gerechter Teilhabe aller oder mit Exklusion ganzer Bevölkerungsgruppen, scheint kaum jemanden zu interessieren. Und am Ende präsentiert eine Hauruck-Mannschaft eine Finalteilnahme und fabuliert vom Erfolg des Willens, während eine Hauruck-Regierung ihre erreichten Ziele stolz präsentiert und die dabei zur Strecke gebrachten Opfer aus der Öffentlichkeit fernhält oder sie lächerlich macht, indem man Armut einfach aus den Statistiken herausrechnet. Eine spanische Tageszeitung schrieb vor dem Finale, dass die deutsche Nationalmannschaft wie eine "seelenlose Maschine" auftrat. Diese Seelenlosigkeit, die keine Wege, nur Ziele kennt, ist nicht nur im deutschen Fußball zuhause. Man will, will, will in jedem Bereich, in Politik wie Sport, in Wirtschaft wie Privatleben... man will, will, will - egal wie!

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Der freie Tod - Das Recht auf Selbstmord

Dienstag, 1. Juli 2008

Da stellt sie sich wieder: die Frage aller Fragen, die ewige Begleiterin menschlicher Moral. Sie ist nicht die letzte aller Fragen, wenn sie auch gemeinhin zum Schluß gestellt wird, sondern vielmehr die erste, allererste Frage des Daseins eines jeden menschlichen Individuums. Diese eine Frage macht uns alle zum Philosophen, ist das "einzige philosophische Problem" (Camus) einiger und das größte philosophische Problem aller Menschen. Angereichert wird die Debatte um den ewigen, endgültigen Ausweg, den Selbstmord, um die Komponente der Sterbehilfe, die als verlängerter Arm des Sich-selbst-beendens fungiert. Apparaturen wurden entworfen, die den Suizid erleichtern, eine aktive Mitwirkung am Herbeiführen des Todes ausschließen sollen, um damit rechtlich, aber auch in Gewissensfragen entlastet zu werden. Was sich hier aber vernünftig äußert, wird in der Öffentlichkeit zerrissen. Die Sterbehilfe polarisiert. Nicht nur Frömmler melden Bedenken an, sondern vollkommen säkularisierte Personen, die freilich nicht merken, dass sie noch immer der uralten christlichen Aversion vor dem Selbstmord frönen, des Christentum Ressentiments in sich gebündelt haben, um die Tat der letzten Befreiung als Untat zu entlarven.
Sterbehilfe und Selbstmord werden in der Folge als gleichwertige Begriffe verwendet, weil die Sterbehilfe als ein Selbstmord mit unterstützender Hand - immer aber verbunden mit dem freien Willen des Betroffenen - anzusehen ist. Die Vielfältigkeit menschlicher Szenarien erlaubt natürlich, dass diese Definition in wenigen Fällen nicht zutrifft - man denke an Komapatienten, deren Erwachen ausgeschlossen ist, Gnadenschüsse in extremen Notlagen, in denen ärztliche Hilfe unerreichbar bleiben wird, oder dergleichen tragische Fälle mehr.

Die immer wieder aufflackernde Debatte um die Sterbehilfe, die mit Vorliebe als der Untergang christlicher Fürsorge dargestellt wird, ist eine verlogene Debatte. Es ist die ummantelte Debatte, die sich um ein Tabu rankt: den Selbstmord. Natürlich leitet eine zweite Person die notwendigen Schritte ein, besorgt Tabletten, Pistolen oder Stricke, baut - wie im derzeitig diskutierten Falle um den Juristen Kusch - eine Selbsttötungsvorrichtung oder unterläßt einfach die Hilfeleistung, wenn sie zusieht, wie der Entgleitende beginnt zu zucken und zu straucheln. Aber der Selbstmord definiert sich nicht - zumindest nicht nur - nach der Hand, die tut oder ruhend unterläßt, sondern nach dem Willen desjenigen, der sich ein Ende setzen will. Der Selbstmord beginnt im Kopf, ist eine Willensformulierung, die bei hartnäckiger Verfolgung dieses Willens, beim Abwägen von richtig oder falsch, zur Tat führt oder eben - wie in der Mehrzahl der Fälle - nicht. Dies betrachtet auch die Justiz so, denn die Beihilfe zum Selbstmord, selbst wenn sie sich als aktives Betätigen eines Pistolenabzugs äußert, wird nicht als Mord ausgelegt, sofern das "Opfer" post mortem beweisen kann, dass sein "Mörder" auf das persönliche Verlangen des Todesmutigen handelte. Straffrei geht man allerdings auch dann nicht aus.
Mit all dem soll gesagt sein: Die öffentliche Polarisierung bezüglich Sterbehilfe ist eine verkappte und unehrliche Form, sich in moderner Art und Weise mit dem Selbstmord zu befassen, ein anachronistisches Herumrudern in ethischen Gewässern.

Der Selbstmord ist also ein Willensakt. Sowohl die Tat selbst, die ja unglaubliche Selbstdisziplin abnötigt, als auch der Entschluss, es überhaupt so weit kommen zu lassen. Er ist, dies kann man getrost festhalten, eine Tat des freien Geistes. Obwohl der Entschluss oftmals von Unfreiheiten motiviert ist, weil der sich Entschließende schwer an seiner Körperlichkeit zu leiden hat - warum auch immer -, also durchaus unfrei über seinen Zustand ist, bewahrt sie demjenigen einen letzten Rest von Freiheit. In der Öffentlichkeit bezeichnen die Anhänger der Sterbehilfe diesen Freiheitsrest als Würde, die man dem Sterbenwollenden zusichert. Der Suizid ist Freiheit, ist Ausdruck von Selbstbestimmung und genau aus diesem Grunde verpönt. Während in der Antike das Töten von eigener Hand bzw. durch die Hand eines vom "Opfer" beauftragten Mitmenschen, als Zeichen von menschlicher Größe und Würde galt, daher der Freitod als unumgängliche Begleiterscheinung der damaligen Gesellschaften einherging; während im Fernen Osten der Freitod durch die eigene Klinge - erleichternd abgemildert durch die Klinge eines Helfers - Formgebung menschlicher Würde war, konnte er innerhalb des christlichen Europa keine Befürworter finden. Der Selbstmord war zuallererst die Flucht des Menschen aus dem Hier und Jetzt, ein Sichentziehen vor seiner Verantwortung, die ihm Gott als Auftrag hat zukommen lassen, ein Abbrechen des göttlichen Plans. Wer sich selbst tötete, setzte Gottes weiser Weitsichtigkeit ein abruptes Ende, spottete ihm damit, funkte in seiner menschlichen Begrenzheit in die Gesamtheit göttlicher Planung. Der Selbstmord wurde zur Tat der Entfernung von Gott, d.h zur Untat des Christenmenschen, weswegen ein Ausharren fern des göttlichen Gartens die (theo-)logische Schlußfolgerung sein mußte. Die helfende Hand eines Selbstmörders, der Sterbehilfe Leistende also, pfuschte in gleicher Weise in Gottes Handwerk und machte sich demgemäß ebenso schuldig. Weil er sich Gott widersetzt, weil er den Plan Gottes außer Kraft setzt, ist er nicht mildtätiger Helfer, sondern brutaler Mörder - wenn schon nicht am Mitmenschen, so doch an der Weitsicht Gottes.
Was sich hier so mittelalterlich-stumpf liest, was man als längst vergangenes Denken zu entlarven meint, findet sich heute, säkularisiert und damit eines Gottes entledigt, immer noch im Denken der Gesellschaft. Und es ist nicht übertrieben, den heutigen Faschismus - d.h. die Bündelung (lat. fasces = Rutenbündel) aller Bereiche zur totalen Mobilmachung für den Markt - die Rolle dieses Gottes zu überschreiben. Wer sich heute selbst tötet, entzieht dem Markt seine Arbeitskraft, spottet dieser wunderbaren Welt der Waren- und Finanzmärkte, kommt den weisen Plänen der Marktgesellschaft in die Quere, weil er die längst eingeplante Arbeitskraft einfach aus sich herausmordet. Der Selbstmörder ist individuell, entzieht sich dem Kollektiv, das dem Markt zu dienen hat, schaut zu sehr auf sich, denkt zu wenig an die Anderen.

Diese Denkweise, ob mit oder ohne göttlichem Wesen, erklärt den Freitod Wählenden zum Feigling und zum Egoisten. Sein freier Wille wird nihiliert, um der eigenen ideologischen Blindheit - die schlimmer als Blindheit gar nicht erst vom Betroffenen selbst wahrgenommen wird - zu ihrem Recht zu verhelfen. Das Vorurteil ist sein Jahrhunderten in der Volksseele verankert. Von einem Selbstmörder spricht man mit mitleidiger Stimme, meist aber doch mit Unverständnis. Seine freie Entscheidung, seinen Rest an persönlicher Freiheit, schenkt man keinerlei Geltung. Und um wenigstens einen Anstrich von legitimer Selbsttötung gelten zu lassen, machen wir uns die Mühe einen Katalog zu erstellen, wann ein Suizid für uns vertretbar wird. Schwere, unheilbare Krankheiten lassen wir gelten, aber nur körperliche Gebrechen, denn eine zerstörte Seele, die uns beim Nächsten nicht sichtbar ist, wird gerne bezweifelt und daher nicht immer als Motivation toleriert. Und was, wenn der Betroffene nicht krank ist? Wenn er vielleicht "nur" einsam ist? Wenn er seiner Einsamkeit nicht mit oberflächlicher Fitness-Club-Mitgliedschaft oder noch oberflächlicheren Chatbekanntschaften beikommen will? Wenn ihm das Leben einfach als eine Absurdität erscheint, derer er sich nicht widmen will? Eine solche Person, und hat sie ihren Vorsatz noch so gut durchdacht und sich den Anschauungen der großen Denker unserer Welt bemächtigt, wird als Irrer, Lebensmüder und Egoist bloßgestellt. Sein freier Wille, der somit nicht der resignierte Wille eines Kranken ist, wird aufs Schärfste verurteilt; seine lebensverneinende Freiheit wird verurteilt, weil sie der Lebensbejahung der Vielen entgegensteht. Weil soviel Freigeist und sokratische Weltauffassung, soviel Individualismus als Ausdruck von entfesselter Freiheit erkannt wird, erklärt man den letzten, schweren Gang zum einfachsten aller Auswege.

Die Debatten zur Sterbehilfe, die - wie gesagt - Debatten zum Selbstmord nebst Helfer sind, kümmern sich wenig um die Freiheit des Individuums. Jeder von uns kann ja durchaus different über die erste Frage menschlichen Daseins denken; jeder kann andere Ansichten dazu haben, kann den Freitod als Alternative kategorisch ausschließen oder den Freitod als gelungenen Abgang ansehen. Wenn aber die Debatte am freien Willen vorbeigeht, wenn sie die Freiheit des Sterbenwollenden einfach als Umstand kranker Vernebelung des Denkens abtut, dann ist sie verlogen und wenig wertvoll. Die Kämpfer für Sterbehilfe begehen zudem einen grundsätzlichen Fehler, wenn sie sich isoliert für ihre Sache einsetzen und die moralische Ächtung des Selbstmordes aus ihrem Kampf heraushalten, um nicht mit der Gesellschaft anzuecken. Wenn nicht zuerst die Tolerierung des Selbstmordes erwirkt wird und zwar die absolute Tolerierung, die ohne Moralisierungen und Berechtigungskataloge auskommt, dann wird man auch in Sachen Sterbehilfe keine Erfolge zeitigen können. Solange Markt- oder Gottesbigotterien im Wege stehen, wird dem Selbstmord immer etwas Anrüchiges und Verbrecherisches anlasten. Etwas, was sich schon im Wort "Selbstmord" äußert, wenn man also dem Menschen unterstellt, er würde sich selbst ermorden, wenn er seinem Odem ein Ende bereitet. Der Selbstmörder wird zum Täter qua Begriff.

Wenn der Mensch frei sterben kann und darf, wann immer es ihm beliebt, wenn er einem geliebten Menschen hilfreich zur Seite stehen kann - natürlich gesetzlich fixiert, wie so eine Hilfe auszusehen hat, um Schindludereien auszuschließen - dann kann er beruhigt und würdevoll leben. Leben heißt sterben lernen...

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