Coole Schwule

Sonntag, 6. Juli 2008

Wir alle kennen die Bilder, die diverse Schwulen- und Lesbenparaden abwerfen. Es mag sein, dass diese Veranstaltungen formaler zugehen, als es uns die Medien präsentieren. Doch ändert es nichts daran, dass innerhalb der homosexuellen Bevölkerung Zeitgenossen am Werk sind, die ihre Sexualität derart zur Schau stellen, dass auch dem letzten Prüden klar werden muß, mit wem der Parade abhaltende sein Bett teilt und welche Vorlieben er dort auszuleben wagt. Männer küssen lasziv Männer, Phalli werden als Symbole hochgehalten, die gleichgeschlechtliche Liebe wird zum Lebensentwurf schlechthin; kurzum: die Vorzüge einer ehemals geschmähten und verfolgten Form der Liebe werden gefeiert, werden als Vorteile auf der ganzen Linie sichtbar gemacht. Man ist nicht nur schwul, nein: Schwulsein ist geradezu cool! Parolen die Mitleid mit den armen Heterosexuellen ausdrücken, manchmal sogar Verachtung, das Hochlebenlassen der eigenen sexuellen Gesinnung: All das macht eines ersichtlich - Normalität, so wie es uns einige liberale Organe weismachen wollen, ist die Homosexualität beileibe noch nicht - trotz aller Kämpfe immer noch nicht!

Es ist in jeder Beziehung zweifelhaft, die Vorzüge einer Sache allzu kritiklos zum neuen Maßstab zu überhöhen. Wenn die Andersartigkeit, oder das Gegenteilige zur Norm wird, schwindet jene Toleranz, die sich - wie in diesem Falle - Homosexuelle auf der ganzen Welt erbeten und später auch erkämpft haben. Im Talmud findet sich ein Lehrstück, welches beschreibt, wie der Vorteil zum Nachteil gereichen kann, wie also aus kritiklos hingenommen Vorzügen ein Schatten werden kann, der die Andersartigkeit, den Mangel, das Gegenteilige etc. erst richtig in Szene setzt. Dort sagt ein Weiser zu seinem Sohn: "Wie schlecht dieses Schriftstück abgefaßt ist!" Der Sohn antwortet umgehend darauf, dass nicht er diese Urkunde geschrieben habe, sondern Juda, der Schneider. "Keine Verleumdung!", bittet der Vater im scharfen Ton. Ein andermal, als der Weise ein Kapitel eines Buches liest, ruft er freudig aus: "Wie gut dieses Exemplar geschrieben ist!" Darauf der Sohn: "Nicht ich habe es geschrieben, sondern Juda, der Schneider." - "Keine Verleumdung!", heißt es erneut aus dem Munde des weisen Vaters. Denn indem man Gutes über seinen Nächsten sagen darf, fühlt man sich bereits dazu ermutigt, Schlechtes über ihn zu berichten.

Nun entspricht es freilich nicht der conditio humana, seinen Nächsten vollkommen steril zu betrachten, um somit dessen positiven und negativen Eigenschaften einfach auszublenden. Aber das Lehrstück regt an, sich darüber Gedanken zu machen, ob eine überhöhte Zurschaustellung von eigenen, vermeintlich beneidenswerten Vorzügen und Lebensweisen eine emanzipatorische Form ist, die darauf hindeuten könnte, dass die Andersartigkeit - zumal eine Andersartigkeit, die jahrhundertelang verfolgt und bestraft wurde - zum Normalzustand aller, auch derer, die nicht andersartig sind, geworden ist.
"Auf die Liste der Verleumdungen gehören für unseren Weisen zweifellos jene großmütigen Parolen, die heute die Andersartigkeit feiern und früher verabscheute oder verachtete Lebensformen oder ethnische Besonderheiten zu Werten erklären. Es gibt zwar nichts Schlimmeres, als seine eigene Lebensweise zur universellen Norm zu erheben und denjenigen das Menschsein abzusprechen, deren Gebräuche uns fremd sind oder deren Haut eine andere Farbe zeigt. Die Vielfalt der Kulturen muß unermüdlich gegen die Ambitionen des Ethnozentrismus verteidigt werden. Bleibt jedoch eine Gemeinsamkeit zwischen Aufwertung und Ausschluß der Andersartigkeit: die Zuweisung der Differenz, die Tatsache, daß der Nächste mit seinen Eigenheiten verwechselt wird. Von der Verachtung oder Angst vor den Schwarzen bis zu der Formel „Black is beautiful“ hat ein beachtlicher Fortschritt stattgefunden, aber in beiden Fällen bleibt das Gesicht an seine Äußerung gekettet, dazu verurteilt, ununterbrochen einer eindeutigen Botschaft Ausdruck zu verleihen. Die Vergötterung hält die üble Nachrede wach. Wenn der Andere ist, was er ist, hört er auf, anders zu sein. Sein Außen-sein wird eingegliedert und seine gebieterische Macht zugunsten seines Bildes vertrieben. Man befreit nicht den Anderen, indem man ihn mit einer einmaligen oder gar vortrefflichen Beschaffenheit ausstattet, man befreit sich von ihm. Kurz, ein Antlitz, das mit seiner Andersartigkeit identifiziert wird, ist ein Antlitz, das seiner Andersheit beraubt ist. Es klagt nicht mehr an, beschwört nicht mehr, weil es nicht mehr beschämt. Die Verleumdung hat die Ordnung wieder hergestellt."
- Alain Finkielkraut, "Die Weisheit der Liebe" -
Nicht wenige dieser Selbstdarsteller, die ihren homosexuellen Lebensentwurf der Vergötterung überstellen, die in jeder Entscheidung ihres Lebens ihre Homosexualität erwähnen müssen, weil sie es als definierendes Moment ihres Lebens glauben, den gleichgeschlechtlichen Abnehmer ihrer Penetration zum Maßstab allen Handelns zu machen, halten damit die üble Nachrede wach. Die Vergötterung zur Gleichheit läßt nicht die Egalität in den Alltag einziehen, sondern schafft klare Fronten und Grenzen, macht aus dem Wir-Sein ein ebensolches Ihr-Sein. Und es ist ja auch nicht von der Hand zu weisen, dass das Outing eines prominenten Zeitgenossen mehr medialen Trubel erzeugt, als die eher langweilige Form heterosexueller Lebensführung. Nachdem Anne Will bedrängenderweise zugab, sich das Bett mit einer Geschlechtsgenossin zu teilen, wollte gerade die BILD-Zeitung eine Woche lang nicht von diesem Thema ablassen. Wäre die Offenheit, wäre die homosexuelle Normalität Alltag, so müßte man kein solches Theater inszenieren. Man würde über die Belanglosigkeit sexueller Neigung hinweggehen, weil es über die Qualität des Charakters, den Inhalt seiner Lebensphilosophie, die guten Taten etc. nichts aussagt, darüber Bescheid zu wissen, an welchem Geschlecht sich der Betreffende befriedigt. Wowereits Ausspruch wäre verhallt bzw. wäre in einer wirklich toleranten Gesellschaft, die die sexuelle Komponente des Einzelnen als private Nebensächlichkeit ignoriert gar nicht erst gefallen. Es wäre nicht nötig gewesen, mit dem Schwulsein aufmerksam zu machen. Solange aber ein solcher Ausspruch wie einst dazu führt, dass Medien ein Dauerbombardement an Schlagzeilen zu liefern, die in pseudoliberaler Form kundtun, welch "normales und bodenständiges Leben der Schwule Wowereit führt", ist Normalität nicht erreicht, wahrscheinlich in weiterer Ferne als in einer Gesellschaft die Schwule ächtet. Denn in einer solchen Gesellschaft, erkennt man den Feind umgehend, während der scheinliberale Geist hierzulande immer Zweifel erzeugt, ob man selbst an Verfolgungswahn leidet oder ob die Gesellschaft wirklich so verkappt spießig, bösartig, sich ins Privatleben einmischend ist.

Was wir hier mit der sexuellen Komponente sichtbar gemacht haben, betrifft viele Bereiche. Es handelt sich dabei um gesellschaftliche Randgruppen, die ihr Anderssein zelebrieren, es hervorheben und es zum lobenswerten Dasein erklären. Gleichheit? - Von wegen: Man ist anders, ist stolz darauf und erkennt es als Wert. "Black is beautiful" und "Schwul ist cool" sind trivialisierte, in markige Sprüche gepackter Ausdruck dieser Andersartigkeit, die sich als neuen, besseren Wert erkennt. Eine besondere Form des Überhöhens des Anderen, findet sich gerade hierzulande in der Heraushebung des Jüdischen. Zwar strebt man Gleichheit an, zieht aber jede kritische Bemerkung dann zurück, wenn man sich dessen bewußt wird, damit ein jüdisches Gefühl getroffen und verletzt zu haben. Diese Aufwertung mangels Kritik bewirkt das Gegenteil dessen, was damit zu erreichen gedacht wurde. Wenn man einen Freund nicht mehr kritisieren darf, wenn man nur kopfnickend anerkennen soll, dann entfernt er sich in die Gegnerschaft, wird früher oder später zum Kontrahenten. Indem wir bemüht sind, das Jüdische zum Maßstab zu erheben, den man nicht mit historischer Begrifflichkeit begegnen dürfe - was manchmal nachvollziehbar ist, manchmal nicht -, wenn man dazu übergeht, Forderungen jüdischer Interessensverbände ohne kritische Betrachtung umzusetzen - siehe den Rummel um den Wachsfiguren-Hitler, auch wenn Konsequenzen (noch) ausblieben -, wenn wir uns jegliche Kritik an der politischen Vorgehensweise des Staates Israel verbeißen müssen, dann ist es kein Anzeichen von Gleichheit der Religionen und Völker - das Judentum als Religion und Volk -, sondern eine radikale Abgrenzung des Andersseins. Wenn jemand, der dies so klar formuliert, das Attribut des Antisemiten an die Jacke genäht bekommt, dann ist ein Maß an Spaltung erreicht, welches kaum noch hinnehmbar ist.
Ähnlich im Falle derer, die sich als Anti-Rassisten daranmachen, alles aus dem Wortschatz zu tilgen, was einem Schwarzen ins Herz treffen könnte. Indem man so vorgeht, betreibt man erstens: keinen Anti-Rassismus, sondern forciert eine Form des positiven Rassismus, und zweitens: man spaltet damit arger, als es hohle Parolen jemals könnten.

Die Gleichheit aller beginnt nicht beim Hervorholen einer wundervollen Andersartigkeit, sondern beim Übergehen solch unscheinbarer Äußerlichkeiten. Solange wir unserem Nachbarn für seinen Mut gratulieren, weil er so offen schwul lebt, reduzieren wir ihn auf seine Sexualität, machen ihn zu einem "Exoten unter Normalen"; solange wir dem Schwarzen mitteilen, dass wir schwarze Menschen bevorzugen, weil sie so ein sonniges, für Westler so naiv-liebliches Gemüt haben, machen wir ihn zum Fremden; ähnlich wenn wir krampfhaft an seiner Hautfarbe vorbeisehen und in seiner Gegenwart nicht von Schwarzarbeit, Schwarzfahren und Schwarzkopf sprechen, weil er sich damit peinlich an seine Hautfarbe erinnert fühlen könnte; und ebenso verhält es sich, wenn wir unserem jüdischen Mitbürger ständig unterwürfig mitteilen, wie leid es uns täte, was zwischen 1933 und 1945 geschah, wie wundervoll wir das Judentum fänden und wie verständnisvoll wir die Politik Israels betrachten, die ja zur Aggression getrieben wird, nie aber aus freien Stücken aggressiv sei. Indem wir die Andersartigkeit zum hohen Gut modellieren, betreiben wir eine Provokation von der anderen Seite. Ob über Andersartigkeit hetzend oder sie feiern - beides ist im Sinne des talmudischen Lehrstücks Verleumdung. Wir erinnern uns: Indem wir dazu übergehen, etwas Gutes über jemanden zu sagen, fühlen wir uns ermutigt, auch seine schlechten Seiten aufzuzählen. Die Vorzüge gehen mit den Nachteilen schwanger. Und indem wir die Vorzüge nicht nur erwähnen, sondern sie zu leuchtenden Beispielen machen, zur vergötterten Moral, hofieren wir das Anderssein, geben der Abgrenzung neues Futter.

6 Kommentare:

frischmax 6. Juli 2008 um 13:06  

Ein ganz hervorragender Artikel. Oftmals wird ja auch damit argumentiert, dass man erst einmal kräftig nachtreten muss, (Rache üben würden andere wohl sagen) damit die "Unterdrücker" merken, dass man Gleichberechtigung erreichen möchte. Und dann irgendwann soll sich die tatsächliche Gleichberechtigung einpendeln. Doch hier lehrt die Geschichte und der Alltag: Aktion bedeutet immer Reaktion. Und nachgeben will keiner so schnell - ergo werden sich gerade die Menschen zwischen den liberalen und der konservativen Lagern noch eine Weile schwer tun, Homosexuelle als gleichwertig zu akzeptieren. Und wie du ja auch schreibst: Homosexualität ist auch bei ihren Verfechtern längst noch nicht "normal" und alltäglich.

Anonym 6. Juli 2008 um 13:52  

Was soll ich da noch kommentieren? Einfach gut.

Christian Hoffmann 6. Juli 2008 um 14:05  

Deine Kritik setzt voraus, dass die geforderte Emanzipation der Betroffenen abgeschlossen sei - in diesem Fall mag ein Hervorheben der Vorzüge der Andersartigkeit kontraproduktiv sein. Ich würde jedoch der Ausgangsthese widersprechen. Solange die Emanzipation nicht erreicht ist, ist ein selbstbewusstes Bekenntnis zur (zuvor und noch stets in weiten Kreisen stigmatisierten) Andersartigkeit ein notwendiger Schritt der Emanzipation.

Die von dir aufgespiesste pseudo-liberale Lobhudelei ist m.E. nur ein Spiegelbild der eigentlichen Ressentiments. Man muss doch blind sein, um zwischen den Schlagzeilen der BILD nicht Häme und Hetze zu erkennen.

Gleiches gilt auch für den Umgang mit "dem Judentum". Solange Antisemitismus grassiert, wäre es frevelhaft, Unterschiede schlicht totzuschweigen. Es sind diese Unterschiede, die Akzeptanz erfahren sollten.

Und zuletzt: Das Vermeiden von Beleidigungen ist in meinen Augen noch kein positiver Rassismus - hier muss man vorsichtig mit der Definition des "positiven" Rassismus umgehen.

Anonym 6. Juli 2008 um 21:09  

Man ersetze "Schwule" oder "Juden" im Text durch "Frauen" und wird staunen.

Der leichteste und plakativste Weg ist eben in der Regel nicht der beste und führt selten zum angestrebten hehren Ziel. Im Falle der Emanzipation diskriminierter Bevölkerungsgruppen landet man so gar wieder in denselben Verhältnissen, die man eigentlich überwinden wollte. Erstaunlich, wie sich die Muster doch gleichen.

Die Frauenbewegung nimmt hier eine Sonderstellung ein: Durch das penetrante Bejubeln einer so banalen Sache wie dem eigenen Geschlecht kommt es lediglich zu einem Rollenwechsel im Untedrückungsverhältnis. Am Misstand der Unterdrückung ändert dies freilich nichts.

Anstelle eines klaren Bekenntnisses zur Gemeinsamkeit in Vielfalt, also einer Gesellschaft, deren Mitglieder sich als Individuen innerhalb einer Gruppe von grundsätzlich Gleichen begreifen, rückt ein scheinliberaler Wahn, dem nichts fremder ist als wahrer Pluralismus und der die Verachtung, ja den Hass, der sich im "gesunden Volksempfinden" gegenüber vielen von der Norm abweichenden Erscheinungen manifestiert, nur mühevoll durch das Feiern der Toleranz kaschieren kann.

Dazu ist Goethe zu zitieren:

"Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen."

(Maximen und Reflexionen)

Markus 6. Juli 2008 um 23:24  

Als "Advocatus diaboli" behaupte ich einmal, daß die Mehrheitsgesellschaft irgendwie recht damit hat, bestimmte Minderheiten zu verurteilen und zu benachteiligen.

Oder anders: Warum und wie entstehen solche (Vor-)Urteile?

aebby 7. Juli 2008 um 06:41  

Das Goethe Zitat bringt es eigentlich auf den Punkt.

Noch ein anderer Analyse-Ansatz: Jede "bewusste" Gruppenzugehörigkeit stiftet Identität. Das funkioniert auch dann, wenn der Gruppenzweck nur der Abgrenzung gegenüber den anderen dient. Abgrenzungsgruppen sind ggf. nur Reaktionen auf nach wie vor vorhandene latente Ausgrenzungen.

Insofern sehe ich Veranstaltungen wie den CSD in seiner heutigen Form keineswegs als Zeichen, dass Akzeptanz ausreichend vorhanden ist. Es erscheint mir wie ein Feigenblatt der Gesellschaft um sich in die Tasche lügen zu können "ach was sind wir tolerant".

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