Auf schlechten Wegen zu hohen Zielen

Mittwoch, 2. Juli 2008

Nachdem Kanzlerin Merkel und einige andere Personen der (Gegen-)Öffentlichkeit festzustellen glaubten, dass die DFB-Auswahl ein großartiges Turnier spielte, sehe ich mich dazu genötigt, auch einige Worte zur Belanglosigkeit dieses kommerzialisierten Wahnsinns zu sagen. Wie so oft, gibt es gerade in Dingen des Fußballs keine letztendliche Wahrheit, sind Einsichten immer höchst individuell motiviert und - dies sollte man gerade in diesen Tagen ausufernder Nationalsymbolik nicht vergessen - selten unvoreingenommen. Und da dem so ist, da Subjektivität das Gebot der Fußball-Analyse ist, da man diesbezügliche Sichtweisen nicht wissenschaftlich verifizieren kann, wage ich es mit einem ichbezogenen Satz zu beginnen: Ich stelle die These in den Raum, dass der deutsche Fußball, konkreter: der DFB-Fußball, seit Jahrzehnten stagniert! Trotz Erfolgen und Erfölgchen die sich dann und wann einstellten. Ich möchte kurz anreißen, was damit gemeint sein soll.

Als man 1994 bei der Weltmeisterschaft in den Vereinigten Staaten im Viertelfinale gegen die Bulgaren scheiterte, sah man das zwar als Tragik für die deutsche Fußballwelt an - damals hat sich ja nicht jeder Hanswurst darum gekümmert, was die Nationalelf treibt, nur weil er damit seinem Deutschsein Ausdruck verleihen könne -, zumal man damals auch noch der amtierende Weltmeister war, aber letztendlich sah man es als Normalität an, die gelegentlich jede Nationalmannschaft ereilen muß. Tatsächlich gab der EM-Titel, den man zwei Jahre später in England gewann, dieser Einschätzung recht. In Europa war man eben noch wer, denn nach dem verlorenen Finale 1992 (gegen Dänemark), konnte man per Golden Goal gegen die tschechische Auswahl, den dritten europäischen Titel mit nach Hause nehmen. Die Spielweise der Vogts-Elf stand damals arg in der Kritik - zumindest solange man noch keine Turniererfolge zeitigte -, man hatte festgestellt, dass die DFB-Mannschaft keinerlei Weltstars in ihren Reihen hat. Vogts gab daher die Devise aus, wonach das Team der Star sei. Dies spiegelt wider, wie seinerzeit der deutsche Fußball aussah: Immense Laufarbeit, entfesselte Schnelligkeit und knallharte Effizienz zeichneten die damalige Mannschaft aus, doch spielerische Mängel begleiteten allerdings auch diese Siegerelf. Mir blieb das Vorrunden-Remis gegen Italien (0:0) im Kopf haften, in welchem die DFB-Auswahl vorgeführt, aber dennoch Gruppensieger wurde, während die Squadra Azzurra die Heimreise antreten mußte.

Der Titelgewinn von 1996, der mit einer mäßigen Leistung erzielt werden konnte, blendete die damalige Öffentlichkeit für weitere zwei Jahre. Daher war die Ernüchterung groß, als man im Viertelfinale der Weltmeisterschaft 1998 von den Kroaten spielerisch verspottet wurde. 0:3 hieß es am Ende und plötzlich trat beinahe kopfloser Aktionismus - man denke daran, dass Paul Breitner quasi schon DFB-Coach war, und man zeitgleich mit mehreren möglichen Kandidaten Abmachungen traf - an den Tag. Berti Vogts, da war man sich einig, sei der Schuldige, der personifizierte Untergang des deutschen Fußballs, und man ersetzte ihn durch Alttrainer Erich Ribbeck, der den spielerischen Niedergang zum System erklärte. Selten hat ein Trainer seine Erfolglosigkeit so stilisiert, wie seinerzeit das Gespann Ribbeck/Stielike. Als man dann auch noch bei der Europameisterschaft 2000, die in den Niederlanden und Belgien stattfand, in der Vorrunde scheiterte, sprachen ausgewiesene Fußballkenner davon, dass man mit vielen Jahren der Talwanderung zu rechnen habe. Immerhin habe man Jahrzehnte geschlafen, als es darum ging, den Jugendfußball technisch auf die Höhe der Zeit zu bringen. Mit Laufen bis zum Erbrechen und dem Pauken von Taktik, was man ja hierzulande als die Grundtugenden deutscher Fußballmentalität ansah, sei kein Turnier mehr zu gewinnen. Es sei notwendig, der Konkurrenz wenigstens technisch etwas entgegenkommen, wenn man noch Paroli bieten möchte. Doch schon zwei Jahre später spielte man ein mäßiges bis schlechtes Turnier, zog aber dennoch ins WM-Finale ein, unterlag dort den Brasilianern mit 0:2. Es war in großem Maße Oliver Kahns Verdienst - aus Kahn wurde der Titan -, dass es überhaupt so weit kam. Aber auch die zugeteilten Gegner zeugten nicht gerade von fußballerischer Klasse. Den Weg ins Finale pflasterten Saudi-Arabien, Irland, Kamerun, Paraguay, die USA und Südkorea. Allesamt zwei- oder gar drittklassige Gegner, die man teilweise trotzdem nur mit erheblichen Schwierigkeiten besiegen konnte. Als der erste renommierte Gegner winkte, im Finale also, setzte es prompt eine Niederlage, die zudem die bittere Einsicht der eigenen Zweitklassigkeit aufkeimen ließ. Es gäbe nur einen Rudi Völler sang man damals als Hochlied auf den Bundestrainer; die Warnungen von Kritikern, wonach der deutsche Fußball die Talsohle noch lange nicht durchschritten habe, wurden wieder einmal wegen akutem "Erfolg" in den Wind geschlagen. Im Jahre 2004, als die Europameisterschaft in Portugal zu Gast war, bot sich erneut ein Bild des Jammers. Das 0:0 gegen die Letten galt im Nachhinein als trister Tiefpunkt. Auch hier war nach der Vorrunde die Heimreise angesagt. Freilich bot sich bei der Weltmeisterschaft 2006, die im eigenen Land veranstaltet wurde, ein anderes Bild. Der "eine Rudi Völler" war schon nach dem Scheitern 2004 verabschiedet worden - zwar trat er selbst zurück, aber der Mechanismus, wonach ein Bundestrainer sich nach einem mäßigen Turnier verabschieden sollte, hat mit Freiwilligkeit nurmehr wenig gemein -, Jürgen Klinsmann - der neue Teamchef - ließ seine Handschrift erkennen, machte den Stil, den er als Stürmer selbst pflegte, zur neuen Spielweise des DFB. Viel Kampf, viel Laufarbeit, bis hin zur Erschöpfung, rigoroses Nachsetzen. Allerdings auch: wenig technisches Vermögen und kaum Spielwitz. Doch diese Grundtugenden des deutschen Fußballs reichte, um immerhin das Halbfinale zu erreichen; die Belanglosigkeit des "kleinen Finales" wollen wir hier nicht weiter abhandeln.

Diese Europameisterschaft hat eine Finalteilnahme der DFB-Elf aufzuweisen. Doch das spielerische Vermögen, d.h. Unvermögen war erschreckend. Gegen zweitklassige Polen konnte man relativ glanzlos einen Pflichtsieg einfahren. Doch gegen die mit Spielwitz behafteten, aber konditionell kurzatmigen Kroaten gab es wenig entgegenzusetzen und die Österreicher verabschiedete man mit einer geradewegs gruseligen Leistung aus dem Turnier. Danach warteten überhebliche Portugiesen auf ihren Halbfinaleinzug und wurden dafür bitter bestraft. Anders als die Öffentlichkeit, sah ich keine Klasseleistung der Nationalmannschaft. Sie war engagiert und laufbereit, soviel muß man ihr noch anrechnen. Aber spielerische Mängel waren auch da immer wieder erkennbar, Fehlpässe und technische Unzulänglichkeiten Legion. Die Verklärung dieses Sieges reicht soweit, dass man es nun so darstellt, als habe man zu keinem Zeitpunkt bangen müssen. Wahr ist aber, dass es nach der Halbzeitpause einige Herzschlagmomente zu ertragen gab - sofern man mit dem DFB fieberte. Nach der Pause, lag das 2:2 - zur Pause stand es 2:1 für den DFB - förmlich in der Luft. Stattdessen fiel aber das 3:1. Bezeichnend hierbei: Der Kicker attestierte dem Schiedsrichter Fröldfeldt eine gute Gesamtleistung, konnte aber nur die Note 4 vergeben, weil er einen spielentscheidenen Fehler beging: "Dem 3:1 ging ein Schubser von Ballack gegen Paulo Ferreira voraus." - Damit will ich keinesfalls von Betrug sprechen. Fehler passieren, müssen auch passieren, solange Menschen daran beteiligt sind; und ich hoffe, es werden immer Menschen zwischen Foul und Nicht-Foul entscheiden müssen und nicht sonderbare Bewertungscomputer herangezogen, um sogenannte Gerechtigkeit auf das Spielfeld zu transportieren. Gesagt sein soll aber, dass der deutsche Sieg keineswegs dominierend, keineswegs so herausragend war. Es hätte anders kommen können und nach der Pause war von der deutschen Herrlichkeit erstmal nichts zu spüren, eher ein portugiesisches Aufschließen wahrnehmbar. An diesem 19. Juni 2008, als man Portugal schlug, spielte man im Rahmen des Möglichen ordentlich, konzentriert, effektiv - aber herausragend, wie es die Presse unisono verkündete, sicher nicht. Die spielerische Unterlegenheit, die man bereits im Halbfinale gegen die türkische Auswahl erblicken konnte, uferte im Finale gegen Spanien zur geradewegs chancenlosen Niederlage. Von sechs Auftritten der DFB-Elf, waren vier von miesen Fußball gezeichnet. Das Spiel gegen Polen war belanglos dominierend und gegen Portugal für deutsche Verhältnisse einigermaßen. Keineswegs eine tolle Leistung des DFB - dies erkennt man zumindest dann, wenn man sich nicht nur an der Finalteilnahme aufgeilt, sondern das Wie betrachtet.

Einige Worte zur spanischen Auswahl: In meinen Jugendjahren gab es eine Fußballmannschaft, die einen unglaublichen Fußball bot, geradezu zelebrierte. Wenn man Spiele dieser Mannschaft erwartete, war es beinahe so, als würde man einem fußballerischen Gottesdienst beiwohnen. Da war der Ball nicht der Feind des Spielers, sondern er schien förmlich an den Schuhen zu kleben. Der FC Barcelona von 1992 bekam von seinem damaligen Trainer Johan Cruyff ein System verpaßt, welches Direktpaßspiel und Raumdeckung vereinte. Die Perfektion, mit der dieses System umgesetzt wurde, ermöglichte es, die Gegner regelrecht schwindelig zu spielen. Diese Mannschaft hatte 1992 ihren Zenit erreicht, als man die damalige Champions League gewann. Zwar glänzte man noch einige Jahre danach - wie auch schon vor 1992 -, nicht aber in der technischen Schnelligkeit und eiskalten Zielstrebigkeit wie einst. Nie mehr sah ich eine Mannschaft, die mit soviel Spielfreude, technischen Geschick und Torhunger agierte. Barca erzielte in jenen Jahren meist 80 Tore und mehr in der Primera División (1994 waren es 91 Tore!), war Garant für zahllose torreiche Auftritte. 2008 spielte die Selección einen ähnlichen Fußball, der zwar weniger torreich war, weil man sich auch in der Defensive diszipliniert hat, was dem FC Barcelona damals nicht immer gelang. So betrachtet, hat man das System von 1992 noch einmal verbessert. Klar ist mir aber auch, dass dieses Auftreten nicht zur Regel der spanischen Auswahl werden kann. Turniere werden zuweilen zum Selbstläufer und wenn jemand die spielerische Klasse mitbringt, dann kann er durchaus ein Turnier in dieser Perfektion beenden. Aber die Selección von 2008 wird nicht diejenige von 2010 sein...
Gefreut hat mich der Sieg der spanischen Elf dennoch. Nicht weil ich väterlicherseits spanische Wurzeln habe. Dies erscheint mir belanglos und kaum dazu geeignet, meine Sympathien im Vorhinein festzusetzen. Aber mit der spanischen Auswahl hat nicht nur die RFEF gewonnen, sondern der Fußballsport an sich. Sie bot Werbung für den Fußball und daher ist ein Sieg nicht nur angenehm, sondern geradezu wünschenswert gewesen.

Der deutsche Fußball, heute wie vor Jahren, ist geleitet von Effizienz. Erreicht man ein Finale, so glaubt man bereits den Olymp zurückerobert zu haben. Die Spielweise ist dabei zweitrangig und wird auch von den deutschen Anhängern nur spärlich kritisiert. Das vielerorts gehörte "Schade" deutscher Anhänger, die in Anbetracht spanischer Finalüberlegenheit, ihre Traurigkeit kundtaten, spricht da Bände: Wie kann man traurig sein, wenn man so unterlegen ist? Wie kann man sich ein Tor in letzter Minute überhaupt wünschen, wenn man doch so einen drittklassigen Fußball bot? Hierzulande zählt - und dies nicht nur beim Fußball - nur der zu erzielende Erfolg; das Maximale, nicht das Realistische; Großkotzigkeit statt Bescheidenheit. Der Weg zum Ziel ist uninteressant, solange das Ziel erreicht wird. Daher nimmt man gerne in Kauf, auch mit schlechter Leistung einem Finale beizuwohnen. Die deutsche Fußballmiseren waren nicht die Jahre 1994, 1998, 2000 und 2004, sondern die Jahre 1996, 2002 und 2006. Auch das Jahr 2008 mit der Finalteilnahme bei der Europameisterschaft wird zur letzteren Liste gezählt werden müssen. Nicht die Mißerfolge geben zu Denken, sondern die vermeintlich fetten Jahre, die trotz mangelhafter Leistung erzwungen werden konnten. Freilich kann man so ewig weitermachen, aber Fußball ist doch mehr als Erfolgsjägerei. Die Ästhetik wird vollkommen aus dem Blickfeld deutschen Fußballs entfernt. Es ist wie so oft in diesem Lande, nur das Ziel von Bedeutung. Wie im deutschen Neoliberalismus unserer Tage - vielleicht die vulgärste Form marktliberaler Ideologie, die man derzeit auf dem Globus beobachten kann -, in denen man die Leiden derer, die ausgeschlossen und drangsaliert werden, einfach mit der Notwendigkeit der Maßnahmen - siehe ALG II - erklärbar machen will. Der Weg ist dabei genauso nebensächlich, wie für den deutschen Fußballfreund der rumpelige Weg ins Finale. Solange das Finale am Ende herauskommt, sind alle glücklich - solange die Arbeitgeber von ihrer sozialen Verantwortung entbunden werden, d.h. die Kosten dafür gesenkt werden, ist ihnen alles recht und sie tun glücklich - wenigstens für eine Weile.

Es gibt immer wieder Psychologen, die glauben, man könne aus großen Fußballturnieren Rückschlüsse auf Politik und Wirtschaft ziehen. Wenn überhaupt, so läßt sich vielleicht eine einzige Sache herauslesen: Derzeit herrscht in der "deutschen Seele" ein Hang zur Effizienz, zum Zieldenken, ohne dabei Werte und Bedürfnisse wie Ästhetik und Gerechtigkeit einzukalkulieren. Es herrschen Krämernaturen, die Kosten und Nutzen errechnen und vom Hier zum Dort addieren und subtrahieren. Im Fußball zählt nur die Finalteilnahme; in Wirtschafts- und Sozialpolitik nur die Vorstellungen der Konzerne und Unternehmen. Wie man dort angelangt, ist nicht spannend. Ob mit Rumpelfußball oder technischen Spielzügen; ob mit gerechter Teilhabe aller oder mit Exklusion ganzer Bevölkerungsgruppen, scheint kaum jemanden zu interessieren. Und am Ende präsentiert eine Hauruck-Mannschaft eine Finalteilnahme und fabuliert vom Erfolg des Willens, während eine Hauruck-Regierung ihre erreichten Ziele stolz präsentiert und die dabei zur Strecke gebrachten Opfer aus der Öffentlichkeit fernhält oder sie lächerlich macht, indem man Armut einfach aus den Statistiken herausrechnet. Eine spanische Tageszeitung schrieb vor dem Finale, dass die deutsche Nationalmannschaft wie eine "seelenlose Maschine" auftrat. Diese Seelenlosigkeit, die keine Wege, nur Ziele kennt, ist nicht nur im deutschen Fußball zuhause. Man will, will, will in jedem Bereich, in Politik wie Sport, in Wirtschaft wie Privatleben... man will, will, will - egal wie!

7 Kommentare:

Roger Beathacker 2. Juli 2008 um 12:15  

Mal wieder ein ganz ausgezeichneter Artikel.

Gracias!

;-)

Christian Soeder 2. Juli 2008 um 22:56  

Kann ich nur bedingt nachvollziehen: das Spiel gegen Österreich war eine Katastrophe, aber das Spiel gegen Portugal war schlichtweg toll. Es hat Spaß gemacht, es anzuschauen. Das Spiel Deutschland-Türkei war vielleicht nicht technisch anspruchsvoll, aber es hatte Spannung und Esprit - ich habe noch in den letzten 5 Minuten gezittert. Ich für meinen Teil bin überaus zufrieden mit der Nationalelf - Höhen und Tiefen, genau wie im richtigen Leben. Keine perfekt funktionierenden Maschinen, sondern Menschen, die sich auch mal Patzer leisten - das macht den Sport menschlich. Gegen Spanien war kein Blumentopf zu gewinnen, und das ist in Ordnung so - man kann ja nicht immer gewinnen.

Markus 3. Juli 2008 um 00:22  

Mal wieder ein schlechter Beitrag, wie der deutsche Fußball eben ;-)

Zur Fußballkunst gehört es neben technischen Raffinessen aber auch, den Ball im Tor des Gegners unterzubringen. Das "Runde ins Eckige" zu befördern, verstehen die Deutschen offensichtlich besser als viele andere. Und wenn ich mich nicht täusche, wollen auch die Fußballästheten diesem Ziel nachkommen. Nur schaffen sie es vielfach einfach nicht.

Wie lange mußte Spanien auf einen internationalen Titel warten und wie groß war und ist nun die Freude darüber! So gesehen haben die Spanier im Finalspiel gegen Deutschland nämlich - fast - völlig versagt. Ihr Glück war eben nur, daß die deutsche Bubi-Truppe nicht nur spielerisch unterlegen war, sondern auch geistig-mental.

Roberto J. De Lapuente 3. Juli 2008 um 08:28  

Fußball in dieser Form ist vorallem Show. Menschen bezahlen horrende Eintrittspreise, um etwas geboten zu bekommen. Es reicht eben auch nicht aus, wenn Romeo und Julia am Schluß den Tod finden, weil dies das Ziel des Stückes ist. Man will auch davor, wenn Romeo um seine Julia ringt, wenn Familienkriege ausbrechen etc. unterhalten werden - und das heißt: gut, ausgewogen, spannend unterhalten werden. Das Theaterstück ist nicht besser, weil der Tod der Liebenden wundervoll in Szene gesetzt wurde, während das Davor lieblos heruntergespielt wurde.

Was hat 1995 der SC Freiburg erreicht? D.h. was hat er an Erfolgen vorzuweisen gehabt? Einen UEFA-Cup-Platz? Freilich, aber das ist kein Titel. Kurzum: Eigentlich konnte er nichts vorweisen. In Erinnerung blieb er aber dennoch, ganz im Gegensatz zum damaligen Vorjahresmeister FC Bayern, der unter der Führung Ribbecks unter später Beckenbauers, schlechten Fußball bot. Wenn Freunde des Fußballs miteinander sprechen, wenn sie die Vergangenheit dieses Sports aufleben lassen, dann sind es selten die Titel, die aufgezählt werden, sondern die herausragenden Spielzüge, das einstudierte Spielsystem, die technischen Großartigkeiten einer bestimmten Mannschaft. So spricht man heute vom SC Freiburg des Jahres 1995 und lobt die attraktive Spielweise, während der Meister von 1994 nurmehr ein Fall für die Statistik ist, eine Eintragung in den Palmares.

Wer Fußball auf den Erfolg reduziert, kann gleichermaßen Halma oder Schach spielen. In keinem Spiel auf Erden geht es einzig um den Erfolg. Er kann einem in den Schoß fallen, aber er ist kein Muß. Und jede Show hat einen gewissen Anspruch auf Ästhetik. So auch der Fußball. Fußball ohne Schönheit ist effiziente Langeweile. Genauso gut könnte man dann seinem Sparkassensachbearbeiter beim Kalkulieren irgendwelcher Prozentsätze beobachten. Einige verschrobene Gauße würden sich daran erfreuen, aber ein Ästhet sicherlich nicht.

Markus 3. Juli 2008 um 11:16  

Dann laßt uns die Tore abbauen und Fußball zelebrieren. Es ist ja im übrigen nicht so, daß man in Deutschland nicht auch "schönen Fußball" sehen möchte. Aber irgendwann muß man auch mal das Tor treffen; ansonsten müßte man eben die Spielregeln abändern.

Roger Beathacker 3. Juli 2008 um 16:44  

Wenn ich es richtig mitbekommen habe, dann haben die Spanier nicht nur den attraktivsten Fussball gespielt, sondern dabei auch noch die meisten Tore geschossen. Ausserdem haben sie alle ihre Spiele gewonnen - also in jedem Spiel mindestens ein Tor gemacht. Nicht einmal das haben die "effizenten" Deutschen hingekriegt.

Wenn das Tore schiessen also so wichtig ist - warum verlieren die Deutschen dann zu Null?

Markus 3. Juli 2008 um 23:03  

Im der Vergangenheit sind die Spanier regelmäßig als "Europa- bzw. Weltmeister der Vorrunde" aus dem Turnier ausgeschieden. Dieses Mal haben sie gegen Lieblingsgegner Rußland in zwei Aufeinandertreffen sieben Tore erzielt und gegen den schwächelnden Weltmeister Italien das nötige Glück gehabt, im Elfmeterschließen weiterzukommen. Im Endspiel gegen Deutschland war`s dann wieder katastrophal in puncto Chancenauswertung. Aber die deutschen Nationalspieler von heute hätten den "effizienten" Kollegen von einst ja nicht einmal die Tasche tragen dürfen.

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