Wollt Ihr den totalen... ?

Sonntag, 15. Juni 2008

Wohin man in diesen Tagen auch blickt, man entkommt dem runden, von Kinderhänden aus Sialkot (Pakistan) gefertigten Leder nicht. Alles, schier jeder Bereich des täglichen Lebens, nimmt Anteil an dem Ereignis jenseits und innerhalb der Alpen. Selbst Sparten, die nicht mal einen Hauch von Affinität zum Fußball besitzen, sind durchwachsen von dieser Totalität. Das fußballerische Mitläufertum macht es sich in jeder Nische bequem, wenn sich damit nur ein Paar Cent mehr verdienen läßt. Niemand will diesem eindimensionalen Totalitarismus entfliehen, denn man erwartet - gerade wenn man ein Unternehmen führt, ein Geschäft besitzt -, dass man sich mit der kollektiven Berauschung des Massenereignisses solidarisiert und sich zum Teil uniformen Marschtrittes macht. Was dabei herauskommt ist eine oberflächliche, auf den kurzen Moment des Spektakels fixierte, ins Kollektiv einreihende Fußballhysterie, die gerade auch jene erfaßt, die sonst keinerlei Nähe zu diesem Sport empfinden und sich angewidert abwenden, wenn wieder einmal ein Bundesliga- oder Europapokalspiel übertragen wird. Dies vorallem dann, wenn teure GEZ-Gelder dafür aufgebracht werden und sie dahinter eine unanständige Verschwendermentalität der Öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten wittern.

Egal wohin ich blicke, die zeitlich begrenzte Gleichschaltung hat die Gesellschaft erfaßt. Nationalflaggen hängen inflationär aus Fenstern und über Balkongeländern; Fahrzeuge werden ebenso damit entstellt. Menschen pilgern abendlich vor Leinwände und suchen Kneipen auf, die sie sonst meiden, nur um in der Masse gebettet, ihre Ahnungslosigkeit bezüglich dieses Sports zur Schau zu stellen. Hupkonzerte ergießen sich in trauter Langeweile in den Straßen. Kindern werden Unsummen Taschengeldes abgenommen, damit sie diverse Aufkleberheftchen mit grimmig dreinblickenden Fußballergesichtern zieren können. Supermarkt-Prospekte garnieren ihre Angebote mit Fußballzierleisten und sinnfreien Sprüchen, die wie Anleihen aus dem Sport-Jargon klingen. Bier- und Kartoffelchipshersteller präsentieren Angebote, die mit einer Gratis-Deutschland-Flagge einhergehen. Ein Leiharbeitsunternehmen wirbt in einer Postwurfsendung mit dem Satz: "Es ist EM! Bleiben Sie am Ball mit...!", um in der danach folgenden Selbstbeweihräucherung den Fußball völlig zu vergessen. Bäcker bieten Tüten mit elf Stück Laugengebäck an, um die Summe einer Fußballmannschaft damit zu symbolisieren. Diese ließen sich, so die Bäckereiangestellte, doch wunderbar zum Fußball verspeisen, besser als Chips - ich fragte sie, ob ich sie auch erwerben dürfe, wenn ich sie nicht zum Fußball esse. Was haben die Leute überhaupt immer mit ihren Kartoffelchips zum Fußball? Radiomoderatoren sprechen nur von der Europameisterschaft und lassen dabei die Zuhörer versehentlich wissen, dass sie eigentlich gar keine Ahnung von Fußball haben. Fernsehsendungen aller Gattungen, ob ernsthaft oder banal, erwähnen mit mindestens einen Satz das Großereignis. In allerlei Fernsehserien stellt man eine Verbindung zum aktuellen Geschehen her und läßt die Laiendarsteller mit Fanartikeln oder sinnfreien, aber flotten Stimmungssprüchchen herumlaufen. Ob großes Warenhaus oder kleiner Friseursalon: Die EM lungert in den Schaufenstern herum! Tageszeitungen sehen es als ihren größten Zweck an, als ihre göttliche Berufung, die Europameisterschaft in endlose Sphären zu schreiben. BILD-Titelmädchen spielen mit ihren Bällen - diese meist in Landesfarben getunkt. Das Internet trieft vor Berichterstattung aus Österreich und der Schweiz. Werbespots sprechen nur noch EM-pfehlungen aus. Sportsendungen machen aus jedem Foul ein globales Ereignis, aus jedem Fehlpaß ein nationales Desaster, aus jedem Kratzen des Torwarts an seinem Hodensack eine psychologische Analyse. Schulkinder lernen im Unterricht die Flaggen der teilnehmenden Länder kennen, müssen sie auf- und ausmalen. Bahncards werden verlängert, je länger die DFB-Elf im Turnier herumgestolpert. Überall belauscht man Gespräche, von denen man Bruchstücke erfaßt: "Deutschland" und "Österreich" und "Foul" und "Ballack" und "Schweinsteiger"! - Wieder zwei Bibliothekarinnen, die ihre Fußballaversion zur Seite gepackt haben, um patriotisch-kollektivistisch als Experten aufzutreten! Ich schalten das Radio an und höre: "EM"... ich drehe weiter... "... in Österreich und der Schweiz" -weiter!... "Europameisterschaft" - ich schalte wieder ab. Zappe durchs Fernsehprogramm: Mutter Beimar sagt "EM"; ein Animateur auf einem interaktiven Spielesender trägt Trikot und verkündet unheilschwanger "EM" und "Anrufen!"; danach eine mir unbekannte Moderatorin, die ebenso "EM" aus ihrem Mund presst. Im Deutschen Sportfernsehen sitzen ausrangierte Fußballgrößen. Lattek spricht von der EM; Thomas Helmer benutzt die Abkürzung "EM" dreimal pro Teilsatz; Wontorra sagt "EM", ein Journalist des Kicker EM-t ebenso; auch Magath sagt "EM" und Beckenbauer "Ähm..."! Ich lerne: Oliver Pocher ist nun Fußballexperte geworden. Sicher hat er mehr Ahnung als Johannes B. Kerner, der seinen patriotisch-lächelnden Quadratschädel durchs EM-Programm schleppt und dabei natürlich nicht vergisst, die Wichtigkeit, Größe und Weltgeltung des nächsten Deutschlandspiels in jedem zweiten Satz zu erwähnen.

Wohin soll ich fliehen? Nicht Gott, diese niedliche Erfindung des Menschen, ist allgegenwärtig, nicht Gottvater oder Gottsohn, sondern Gottfußball. Nein, seinen Blicken entkommen wir nicht! Ich sitze fest - es wird mir schlagartig bewußt. Koffein zur Beruhigung! Ich greife nach einer Flasche Coca-Cola Zero - werfe sie sofort gegen die Wand! Ballack lächelte mich von der schwarzen Flaschenbanderole herunter an. Aus meinem Kühlschrank grinsen überhaupt viele Fußballer heraus oder drängen sich Fußbälle in mein Blickfeld. Auch darin kann ich also keinen Trost, keine Ablenkung mehr finden. An diesem Punkt angelangt wird sich mancher Zeitgenosse denken, dass man mitlaufen sollte, wenn man der Maschinerie schon nicht entkommen kann. Dann zieht er sich ein Trikot an, malt sich Schwarz-Rot-Gelb ins Gesicht und gröhlt lauter und derber als jene, die schon von Anfang an infiziert waren.
Ja, so muß es sein! All die Verrückten, die sich um eine Leinwand oder einem Fernsehgerät tummeln, die unter dem Jahr nichts von Fußball wissen wollen, sind gar keine Freunde des Fußballs, verachten in ihrem Innersten die Europameisterschaft. Es sind nur Resignierte, die im Angriff die beste Verteidigung erblickt haben. Wenn es sich schon nicht mehr aushalten läßt im Alltagsleben, dann saufen und gröhlen sie sich eben bewußtlos. Sie haben jenen Fluchtweg entdeckt, der die beste Chance auf Entkommen bietet!

10 Kommentare:

Anonym 15. Juni 2008 um 15:04  

Am besten hängen wir uns an einem Bahnhof auf. Ich wette mit dir in den Zeitungen wird stehen "Konnte die Niederlage der Nationalelf nicht verkraften".
Was für ein Sinn hat es denn noch alles?

Karsten 15. Juni 2008 um 23:42  

Das mit der Resignation, das könnte stimmen. Ich persönlich habe erst zum Interesse am Fußball gefunden, als ich dem gar nicht mehr entkommen konnte, weil fast jeder in meinem Umfeld Fan des örtlichen Fußballclubs war.

Und als ich dann noch eine Weile lang bei der WM Geld verdient habe (und, ehrlich gesagt, die Stimmung bei den Spielen sehr genießen konnte), da habe ich eben beschlossen, mich ab sofort für diesen Sport zu interessieren.

Könnte Resignation sein. Oder erwachtes Interesse. Wer weiß das schon?

Markus 15. Juni 2008 um 23:57  

Beinahe hätte ich den Beitrag des Ingolstädter Fußballfans nicht verstanden, aber dann kam im letzten Absatz noch die Auflösung.

Wenn die Menschen am traurigen Alltagsleben schon fast resigniert haben, dann wollen sie wenigstens einmal in heiliger Zeit etwas Gemeinschaftlichkeit und eine Spur von gesellschaftlichem Zusammenhalt erleben. Ob diese inszenierte Harmonie auf Zeit an dem Betrug der Lebenschancen der Vielen etwas ändern kann? Mitnichten.

Andi 16. Juni 2008 um 07:36  

Gebt dem Volk Brot und Spiele! Da das Brot ja kürzlich erst teurer geworden ist, muß man sich eben nehmen was man sich nach den GEZ-Gebühren gerade noch leisten kann.

In diesem Sinne:

DEUTSCHLAAAAAND, DEUTSCHLAAAAAND!!!!!!!

Roberto J. De Lapuente 16. Juni 2008 um 08:05  

Lieber Markus,

der Ingolstädter Fußballfreund, so er denn immer so freundschaftlich gesinnt ist, macht einen großen, fundamentalen Unterschied zwischen einer Nationalmannschaft und einem Verein aus der Stadt. Er lebt wenig in Deutschland, aber viel in Ingolstadt. Die Stadt ist seine Heimat, das Land ist nur ein abstrakter Begriff. Der Lebensentwurf der Ingolstädter, dem dieser Ingolstädter Fußballfreund nicht immer folgt, gleicht mehr dem Entwurf einer österreichischen Provinzstadt, weniger dem in Friesland oder Mecklenburg. Außerdem beschwört der reguläre Spielbetrieb nicht jeden Fußballstümper zur Mitsprache.

Die Freude des Ingolstädter Fußballfreundes war eine zweigeteilte, wie er selbst ja schon darlegte. Ob des Aufstiegs, der Mannschaften die nach Ingolstadt kommen werden, vorallem der Verein, der ihm von Jugend an, als jener noch Bayernligist war, am Herzen liegt. Die 1860er werden hierherkommen und einen langgehegten Wunsch erfüllen. Ein Punktspiel in Ingolstadt gegen die Löwen! Und dennoch: Bin ich Freund? Stehen Freunde nicht bedingungslos hinter ihren Freunden? Von Bedingungslosigkeit kann keine Rede sein...

Roberto J. De Lapuente 16. Juni 2008 um 12:33  

Zitat Anonymus:
"Am besten hängen wir uns an einem Bahnhof auf. Ich wette mit dir in den Zeitungen wird stehen "Konnte die Niederlage der Nationalelf nicht verkraften".
Was für ein Sinn hat es denn noch alles?"

Tatsächlich scheinen sich die Spieler der Nationalelf dies zu Herzen genommen zu haben. Die gestrige BILD (am Sonntag) titelte, Ballack zitierend: "Wir werden brennen!"

Soviel Ehrgefühl hätte ich gar nicht erwartet. Aber wie es scheint, will sich die Nationalmannschaft nach einer Niederlage selbst verbrennen. Uns mutet das freilich hart an, sich selbst den Flammen zu übergeben. Aber wir, die wir kein Ehrgefühl in uns tragen, können diese Entscheidung auch nur schwerlich nachvollziehen...

Anonym 16. Juni 2008 um 15:57  

Ich kann nur hoffen das wir heute abend versagen. Andi dir gebe ich dir vollkommen recht. Es ist wieder so wie bei der WM: Damals wurden während den Spielen (der WM) einfach mal Eurofighter im Wert von 21 Milliarden Euro gekauft (das entspricht fast der jährlichen Neuverschuldung Deutschlands). Einfach mal so unmengen Geld für Dinge ausgegeben die gar nicht in diesem Maße notwendig sind, während das Volk schön abgelenkt wird. Aber was erzähle ich? Wir nähern uns ja sowieso den USA, und ich hege die befürchtung dass wir im nächsten Krieg mitmischen werden.

Markus 16. Juni 2008 um 19:25  

Lieber Roberto,

wenn man es so sieht, ist vielleicht jeder ein bißchen wie ein Ingolstädter, nur eben in seiner eigenen Stadt. Heimatgefühle braucht der Mensch ja gerade in der "globalisierten" Welt umso mehr. Nur allzu provinziell und katholisch (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt) sollte es nicht werden. Das könnte dann nach Kleinstadtmief riechen, aber nur Stadtluft macht bekanntlich frei.

Also sollten wir die "Fußballstümper" in ganz Deutschland sich heute einmal kräftig selbst feiern lassen, bevors morgen wieder in den disharmonischen Alltag geht.

Thomas Trueten 17. Juni 2008 um 10:08  

@anonym: "Wir" haben leider nicht versagt, den "wir" haben da gar nicht mitgespielt. Auch wenn landauf - landab der Eindruck erweckt werden soll. Es geht aber auch anders. ;-)

Anonym 23. Juni 2008 um 11:04  

Public viewing statt public participation...
Während gefühlte 110% schwarz-rot-gold beflaggt in jeder vormals gemütlichen Ecke rumtröten waren zum zweiten Wahlgang in Dresden gerade mal 33% zur OB-Wahl. Nun kann man sich über Sinn und Unsinn von Wahlen trefflich streiten, symptomatisch jedoch scheint zu sein, daß Öffentlichkeit, gemeinschaftliche Teilhabe an kollektiven, gesellschaftlichen Ereignissen nurmehr in der gemeinschaftlichen Veröffentlichung privater Vorlieben und Situationen besteht. Siehe auch reality soaps, öffentliches Handy-Telefonieren, unpolitische Spaßflashmob...
Politische Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist weder erwünscht noch opportun. Individualisierte "Selbstverwirklichung" , "Eigenverantwortung", kurz Egoismus steht auf dem Plan. Da der Mensch nun aber ein gesellschaftliches Wesen ist, sucht er offenbar nach Ersatz und findet ihn, konsumenten-freundlich aufbereitet, im circus maximus sponsored by coca-cola...
Hier läßt es sich gefällig stolz auf gemeinsam Erreichtes sein, ungeachtet der Unwesentlichkeit, daß nicht wir, sondern stelllvertretend "unsere Jungs" diese erbrachten, ungeachtet auch, daß "diese Jungs", mit uns und unserer Lebenswirklichkeit nicht das Geringste zu tun haben, ungeachtet der Tatsache, daß mit emotionalem Einsatz sondersgleichen nicht etwa die entgültige Beseitigung des Hungers auf der Welt, sondern ein zwischen zwei Pfosten trudelnder Ball gefeiert wird...
Rückeroberung der öffentlichen Räume für politische Inhalte ist das Gebot der Stunde, gern auch mit solch gut gemachten blogs, politisch motivierten flashmob-Aktionen (burger-Krieg statt burger-Kauf...), Durchbrechen der Meinungshoheit neoliberaler Nachbeter und pragmatischer TINA-Vertreter in Internet-Foren bspw. des Spiegel oder so, was weiß ich...
Jedenfalls: keine Resignation und kein als Pragmatismus getarnter Opportunismus!
Bitte.

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