Ridendo dicere verum

Samstag, 19. März 2011

"Die Entwicklung der Menschheit

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt,
und die Welt asphaltiert und aufgestockt
bis zur dreißigsten Etage.
Da saßen sie nun, den Flöhen entfloh'n
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon,
und es herrscht noch genau der selbe Ton
so wie seinerzeit auf den Bäumen.
Sie hören weit, sie sehen fern,
sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne, sie atmen modern,
die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung
Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr,
sie jagen und züchten Mikroben,
sie verseh'n die Natur mit allem Komfort
sie fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.

Was ihre Verdauung übrigläßt
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome, sie heilen Inzest.
Sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.
So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet
sind sie im Grund
noch immer die alten Affen."
- Erich Kästner -

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Ökologisch-moralische Wende

Freitag, 18. März 2011

Zwei Ereignisse fallen zusammen, die um die Aufmerksamkeit einer voyeuristischen Welt wetteifern. Einmal die atomare Wolke, die über Japan wallt - und dann sind da noch die arabischen Despoten, die wie ihr Volk auch demonstrieren: nämlich ihre Macht, ihre Kaltschnäuzigkeit und Gewaltbereitschaft. Wer derzeit den Wettkampf um Anteilnahme gewinnt, muß nicht gesondert erläutert werden - dass aber beide Ereignisblöcke Ausgangspunkt, Antrieb und Fundament einer geistigen Wende, einer ökologisch-moralischen Wende sozusagen sein könnten, gerät im Ringen um Quoten und Leser schnell aus dem Blickfeld; und im Rahmen eines wirtschaftstreuen Kampagnenjournalismus' ist eine Verquickung hin zu einer solchen Neuorientierung ohnehin nicht vorgesehen.

Dort steht die Atomenergie auf dem Prüfstand - da untermauern die ölarabischen Staaten, Arabia al olio, ihren ethischen Anspruch, der nicht weniger als ein unethischer Grundsatz ist. Zweimal geht es um energiepolitische Fragen. Wäre es denn nicht ergiebig, diese in Öl gelegte Weltregion anhand einer Abkehr von deren Erdöl zur halbwegs ethischen Gesinnung zu drangsalieren? Könnte diese zur Schau gestellte Skrupellosigkeit der Erdölexporteure nicht zu einer ähnlichen Ächtung gelangen, wie es die Atomenergie gerade erfahren muß? Kernenergie verseucht die Erde, daher wird sie verabscheut - Erdöl zerstört Infrastrukturen, Lebensqualität, Menschenleben: könnte man es daher nicht gleichwohl für überholt und zur Überwindung bereit halten?

Warum nicht den ganz großen Wurf wagen? Atomenergie durch regenerative Energie ersetzen; Erdöl durch alternative Antriebsmittel - nicht durch Bioethanol, das in seiner Herstellungskette selbst Erdöl aufgelistet hat. Dort eine humanitäre Katastrophe, verursacht durch Verstrahlung, als Antrieb für ein striktes Umdenken; da eine humanitäre Katastrophe, verursacht durch Gewehrläufe, als Motiv. Nehmen wir beide Katastrophen als Marksteine einer einzuleitenden Wende - weg vom Erdöl, weg von der Atomkraft! Hie als Schutz vor der Unkontrollierbarkeit einer wackeligen Technologie; dort als Verteidigung von Menschenrechten, als Durchbrechen einer blutigen Ordnung, die sich auf Leichen und Ausbeutung baut.

Natürlich, der schrille Einwurf: Utopie, zu teuer, nicht zu machen! Wer schon so ans Werk geht, der macht sich seine self-fulfilling prophecy wahr. Selbstverständlich sind Anschaffungskosten hoch, daher zunächst teuer - Atomkraftwerke stehen ja schon bereit, der Bau kostet nichts mehr, was als Argument, dies sei wesentlich billiger, Niederschlag in Debatten findet. Aber die Lagerung von Brennelementen unter Tage, langwierige Transporte unter höchster Sicherheitsstufe: war das alles kostenlos zu haben? Ist das geschenkt? Wie teuer wird es noch werden, wenn es irgendwann von dort unten nach oben strahlt? Gilt das nicht ebenso für Solarenergie, die man sich aufs Gefährt schrauben sollte? Erst teuer, hohe Anschaffungskosten - langfristig aber billiger? Was für eine Zeitersparnis, keine Fahrt zur Tankstelle mehr! Wie wohltuend kostenfrei die Sonne doch scheint! Warum also keinen gesellschaftlichen Aufbruch einleiten, ein staatliches oder besser noch: überstaatliches Subventionsprogramm starten, welches sich zum Ziel setzt, die Atomenergie gleichwohl zu verdrängen wie das Erdöl? Abwrackprämien waren finanzierbar, gleichzeitig gab es Milliardenpakete für Banken - warum keine Pakete für unsere Umwelt? Aufrüstungsprämien für Käufer von Ökoautos? Wieso nicht mehr Geld in die Forschungsarbeit? Antriebe genug gäbe es doch schon seit langem - derzeit besonders, man blicke nur in die Nachrichten!

Wenn harte Schnitte und schroffe Abkehr wirklich gelingt, so stets deshalb, weil es Antriebe und Motivationen gibt, die zunächst ein kollektives Umdenken bewirken, das dann in einem Kraftakt zur Tat umgesetzt wird. Zweimal gäbe es hier Antriebsfedern; zweimal ist die Energiepolitik zentrales Sujet. Beides sollte vereint werden, zur Loslösung von Öl und Atom animieren. Es gäbe mannigfaltige Beweggründe einer ökologisch-moralischen Wende - zwei drastische Varianten können derzeit medial begutachtet werden. Wann, wenn nicht jetzt radikal umdenken?



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Mit sozialem Gewissen deutschtümeln

Donnerstag, 17. März 2011

Seitdem die Gesellschaft in eine immer drastischere soziale Schieflage gerät, fischen rechte Parteien potenzielle Wähler, indem sie die soziale Frage thematisieren. Das ist schon lange bekannt und steht dem eigenen Sendungsbewusstsein nicht im Wege. Es war damals so; die Zeiten erforderten es - es ist heute so; die Zeiten machen es erneut notwendig für die von rechts drüben.

Es ist freilich ein nicht ganz subtiles Vorgehen, denn man weiß ja mittlerweile nur zu gut, welcher Hintergedanke da mitspielt. Mit der eigenen Klientel empört man sich, greift man den Sozialabbau an, verspricht ihr, dass es besser würde, wenn es sie dort oben gäbe. Die Partei sei das soziale Gewissen Deutschlands, verkünden ihre Wanderprediger. Sie würde dem braven, dem rechtschaffenen, dem deutschen Bürger zu ihrem Recht verhelfen und sich gegen allerlei Ungerechtigkeiten stemmen. Wenn man ihr folgt, ist man auf der sicheren Seite, auf der Seite der Tüchtigen, Sittenhaften, Unbescholtenen - die Partei, die Partei, die hat immer... Arbeitslosigkeit wäre gebannt, finanziell würde es alles etwas besser gehen, es wäre genug für alle da.

Für fast alle! Nur für Deutsche, für fügsame Fremdlinge vielleicht auch noch. Aber alle anderen: raus aus diesem Land! Deutschland den Deutschen und deren angepassten Hilfsvolksgenossen! Man muß eben Prioritäten setzen. Und die hiesige Priorität heißt halt mal: der Deutsche! Die Herkunft ist maßgeblich dafür, ob man Opfer letzter Patronen wird, die gegen eine sogenannte Überfremdung abgefeuert werden. Man ist nicht menschenverachtend; man ist nur rational und ökonomisch und hat buchhalterisch errechnet, was wir uns als deutsches Volk leisten können und was wir uns nicht mehr leisten wollen. Nicht fremdenfeindlich, nicht Rassist ist man - man ist Buchhalter. Können Zahlen lügen? Sind Statistiken bestechlich? Deutschland den Deutschen, nicht aus Gründen von malizöser Schikane oder freudiger Boshaftigkeit; Deutschland den Deutschen, weil es uns billiger kommt, weil die Gegenüberstellung von Soll und Haben ergibt: fort mit dem Gesindel!

Man ist national so wie man sozial zu sein vorgibt - nationalsoziale Affekte, die genug Publikum erzielen. Soziale Gerechtigkeit ist ein hohes Gut, erklären die rechten Rattenfänger kurzatmig, man müsse es erhalten. Aber es geht nur national, straff gedeutscht, zerdeutscht, fügen sie langatmig hinzu, dahin müsse man endlich wieder kommen. Es ist nicht genug für alle da! Carl Amery hat schon vor vielen Jahren erklärt, dass diese Losung zum Schlagwort derer wird, die Hitler nicht als Episode der Geschichte, sondern als Vorläufer anerkennen werden. Dass es nicht für alle reicht, war für ihn eine Komponente der Trias, die die Hitlerformel ausmache. Wer die immer knapper werdenden Ressourcen der Erde verwalten soll, ist eine andere - und die wird in etwaigen Auslandseinsätzen der Bundeswehr umgesetzt; das Bekenntnis dazu, dass Geschichte immer Naturgeschichte ist, dritte Komponente im Bunde, können wir fast täglich aus Zeitungen entnehmen, wenn um die Schicksalhaftigkeit von Genen und biologisch konditionierten Verhaltensweisen von Menschen oder gar Gruppen schwadroniert wird. Im nationalen Stiefel auf soziales Gewissen zu machen, es widerspricht sich nicht, es ist letztlich die konsequente Umsetzung der ameryschen Hitlerformel; bis zur letzten Patrone gegen Zuwanderung zu kämpfen, es ist folgerichtige Ausdrucksweise derer, die bewusst oder unbewusst - das sei dahingestellt! -, an der Formel tüffteln.

Sozial hie, xenophob und rassistisch dort - das ist die Programmatik rechter Parteien. So agiert aus der demokratischen Mitte heraus die Christlich-Soziale Union in Bayern - denn von ihr ist hier die Rede; von ihr und ganz ähnlichen anderen Parteien, die aus der Mitte heraus ihren kleinen Nationalsozialstaat entwerfen. Rechts der CSU, so meinte Stoiber mal, seinen Ziehvater Strauss zitierend, dürfe es keine demokratisch legitimierte Partei geben. Diese Sorge indes ist, bis über die letzte Patrone hinaus, unangebracht...



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Panisch aufgrund falscher Wolke

Mittwoch, 16. März 2011

Tragisch was da in Japan geschehe, vernimmt man aus den Mäulern, die vom Lobbyismus gekauft sind; und freilich werde man auch in Deutschland Überprüfungen einleiten und Standards neu überdenken, auch mal ein bisschen Laufzeitenverlängerungen aussetzen, bis die Sache ausgesessen ist. Keine Frage, soviel Aktionismus muß schon sein! Aber dennoch, ermahnen sie im gleichen Atemzug: nur keine Panik! Wir dürfen jetzt nicht den Kopf verlieren und so tun, als sei die Kernenergie grundsätzlich überdenkenswert. Ruhig bleiben, tadeln die gemieteten Mäuler und ihre Leitartikler; auch wenn Fukushima nicht sonnig ist, etwas Besonnenheit würde uns nicht schaden.

Panik aufgrund einer radioaktiven Wolke, die transparent und lautlos über Japans Felder und Flure schwebt, ist demnach kein guter Ratgeber. Panik ist hierzulande ohnehin auf andere Bereiche abonniert - man darf die Panik von den Ressorts, die sie existenziell brauchen, nicht abziehen. Sie darf nicht zum Atomtod hinüberwechseln, sie muß dort bleiben, wo sie sich seit Jahren nun schon traditionell eingerichtet hat. Sie soll das Metier derer bleiben, die sich vor Überfremdung oder gar Islamisierung fürchten. Dort bitte panisch sein! Wir sterben aus!, darf laut und hysterisch geplärrt werden. Kirchendächer mit Halbmonde sollen unbedingt die Titel dieser Republik zieren. Hier ist die Panik zuhause; hier muß das Schlimmste befürchtet werden, ohne dass irgendeine mandatierte Bundestagsmarionette beruhigend auf die Öffentlichkeit einwirkt. Großformatige Tageszeitungen schüren Hysterie, berichten von einigen Türken, die wenig Deutsch sprechen und schon ist die Panik vor Halbmond und Krummsäbel täglicher Gast in den Aufmachern und Feuilletons.

Gleichfalls ergeht es den Arbeitslosen, die sich ins Sozialsystem nisten und zu unnützen Essern absteigen. Da wirft man mit Zahlen um sich, die schockieren wollen und die Panik wird zum täglichen Geschäft. Frisst uns der Sozialstaat?, fragen sie aus der bürgerlichen Mitte heraus. Man sieht sie schier vor sich, die Vertreter der Mittel- und Oberschicht, diese so expressionistisch in Schockstarre verharrend wie Edvard Munchs Gestalt in "Der Schrei"; so schockiert, so empört, so hilflos die Hände an den Wangen wie jene. Panik lass dich umarmen, heißt es da. Da ja! Wenn es uns was kostet, darf man doch wohl noch mal panisch sein, oder nicht? Verankert der Sozialstaatsgedanke nicht auch ein Recht auf Panischsein?

Atomkraft kann gefährlich sein. Natürlich! Aber doch immer mit der Ruhe. Atomwolken sieht doch keiner; aber Kopftücher und Türkenschnauzer, Jogginghosen und fettige Haare: die sieht man! Man sollte Panik nur dann aufkommen lassen, wenn man es mit eigenen Augen sehen kann. Denn das sind handfeste Panikerzeuger. Wir brauchen keine Hysterie bezüglich deutscher Atomkraft - wir brauchen sie gegenüber Moslems, die uns in ihrem Knoblauchodeur oder gegenüber Arbeitslosen, die uns in ihren Mundgeruchsschwaden ertränken. Auch das sind Gerüche, auch das sind Wolken, die sich ausbreiten, gleich einer ansonsten doch so geruchslosen Atomwolke, die entstehen könnte, wackelte hier mal die Erde nachhaltiger. Panik aufgrund von Wolken gerne: aber die richtigen Wolken sollten es schon sein! Man darf nicht aufgrund einer falschen Wolke panisch werden...

Wo Panik zu sein hat und wo nicht, das entscheiden die Leitartikler. Skepsis in Bezug auf Atomenergie ist sicherlich angebracht, so liest man. Aber immer sachte! Man muß ja nicht gleich alles verwerfen. Und überhaupt, schaut mal da drüben, werden sie schreiben, da stehen Moslems arabischgurgelnd zusammen, es wird doch mal Zeit für Integration, wir müssen Deutschsein erzwingen - und da drüben, die weigern sich noch immer arbeiten zu gehen!, wäre auch eine Schlagzeilenoption, wir brauchen eine Sanktions- und Strafverschärfung gegenüber den Müßiggängern, schiebt man dann belehrend nach. Loslos, verfallt in Panik! Glaubt, dass Deutschland Kalifat oder Bahnhofsmission wird - glaubt es unbesehen hysterisch! Aber dieselbe Verhaltensweise gegenüber Kernenergie, das gehört sich einfach nicht - man muß doch sachlich bleiben...



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Sit venia verbo

Dienstag, 15. März 2011

"Wenn der Mensch zuviel weiß, wird das lebensgefährlich. Das haben nicht erst die Kernphysiker erkannt, das wußte schon die Mafia."
- Norman Mailer -

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Eine Kriegserklärung an die Menschheit

Sonntag, 13. März 2011

Der größte anzunehmende Unfall ist mitnichten dem Erdbeben anzulasten. Es war nur Auslöser. Anlasten muß man den größten anzunehmenden Unfall denen, die Atomkraftwerke befürworten, entwerfen, bauen und ideologisch legitimieren - der internationalen Atomlobby und ihren um sie scharwendzelnden Helfern ist die Verantwortung zu übertragen.

Die Geschichte aller bisherigen Anti-AKW-Bewegung ist die Geschichte von Kriminalisierung. Das heißt, man entwarf in der Öffentlichkeit das Bild vom verbrecherischen Demonstranten, der entweder gewaltsam gegen die Staatsmacht aufläuft, zumindest aber jedem Bürger den Saft abdrehen würde, denn es sei ja schlechterdings bekannt, dass ohne Atomenergie die Lichter ausgehen würden. Der Gegner von Atomkraft war immer suspekt - in den letzten Jahren wurde er weniger kriminalisiert, dafür weitestgehend pathologisiert: man stilisierte ihn zum begriffsstutzigen Idioten, der einfach nicht einsehen möchte, dass der gesellschaftliche Energiebedarf nur via Atomkraft zu stemmen sei. Eine radikale Forcierung erneuerbarer Energien wäre Spinnerei - mehr schon aber nicht.

Die Atomlobby und deren gehorsamen Helfer in Politik, Medien und Wirtschaft, sie führt seit Dekaden Krieg gegen den kritischen Bürger. Vor den Achtzigerjahren reichte es noch aus, den mündigen Bürger einzulullen, ihm die totale Sicherheit glaubhaft zu machen und die Paar Stimmen, die das nicht glauben wollten, der öffentlichen Lächerlichkeit preiszugeben. Dann aber wurde die "Freiheit für den Polizeiknüppel" (Meinhof) ausgerufen und Protestanten wurden wahlweise als arbeitsscheue Gammler vor die Öffentlichkeit gezerrt oder mit Tritten und Tränengas vertrieben. Später, nachdem der Eifer der Anti-Atomkraft-Befürworter schwand, reichte erneut die Verunglimpfung in Wort und Bild aus. Ein Krieg an vielen Fronten, mit verschiedenen Mitteln, den die Atomlobby der Bevölkerung aufzwingt - ein Krieg, der mit Verdummung und Manipulation, mit Desinformation und Vertuschung geführt wird

Ein Krieg, der gerade an mehreren Fronten aktiv ist. In Japan, wo die Folgen des Lobbyismus nun möglicherweise killing fields hinterlassen werden, wo man nach Hiroshima und Nagasaki neue Hibakusha zu beklagen haben wird. Und hier, in Europa, in Deutschland, wo man den kritischer werdenden Menschen wieder verstärkt einzuimpfen beginnt, dass dergleichen hier nicht geschehen könne. Die Atommafia führt einen Krieg mit den Bevölkerungen, behindert die Verstärkung erneuerbarer Energien, vertuscht Störungen und Unfälle und kleidet Desinformation in ein informatives Gewand, damit der Bürger nicht bemerkt, wie er gezielt verblödet wird.

In Japan wartet nicht nur ein weiterer GAU auf die Menschheit - es wartet eine infame Kriegserklärung auf sie. Denn man wird nun mit allen Mitteln beginnen, die Debatte um Kernkraftwerke abzuwürgen, Kritiker mundtot machen, mögliche Demonstranten zu Kriminellen erklären. Die politischen Hofschranzen der Atomlobby werden beschwichtigen und beteuern, werden Mitgefühl heucheln und mit Atom-Warlords speisen; die journalistischen Chronisten staatstragender Blätter werden Wutbürger zu linken Sektierern umschreiben und sie irgendwo in die Nähe eines Gesinnungsterrorismus à la RAF setzen.

Man kann nur hoffen, dass sich trotz dieser traurigen Aussichten eine Massenbewegung findet, die mit diesen Atomisierern aller Lebensqualität aufräumt; man kann nur hoffen, dass die Menschen diesen Krieg, den man ihnen anträgt, auch annehmen werden...



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Aber sie empören sich doch!

Samstag, 12. März 2011

Stéphane Hessel kennt die Zustände in Deutschland nicht. Wie sonst könnte man erklären, dass er sein Büchlein ins Deutsche übersetzen ließ? Empört Euch! rät er damit auch den Deutschen - als ob sie es nicht täglich, nicht immer wieder und immer öfter täten. Sie empören sich doch - und wie sie es tun! Die Empörungskultur ist in diesem Lande fest verankert, man braucht wahrlich keine Streitschrift wie jene von Hessel. Die wirklichen, die leidenschaftlichsten Empörer leben in Deutschland; der Empörer an sich spricht deutsch - vive L'Empereur!

Die Empörung muß von unten kommen, schreibt Hessel in etwa. Alle müssen mitmachen, die "Ohne mich"-Typen sind die tatsächliche große Gefahr, schreibt er. Und in Deutschland schwappt die Empörung von unten herauf, der deutsche Kleinbürger ist ein sich empörender Geselle. Der kleinbürgerliche Empörer aus Deutschland blickt in jene großformatige Zeitung, die im Namen schon stehen hat, dass ihr Bebilderung wichtiger als Beschreibung ist. Die Empörung ist täglich groß. Man empört sich, weil Erwerbslose sich herausnehmen, vor Sozialgerichten oder dem Bundesverfassungsgericht um ihre Würde zu prozessieren; man empört sich, weil mancher Türke noch schlechter des Deutschen mächtig ist als so ein Gimpel aus dem Bayerischen Wald; man empört sich, weil ein schiefschnäuziger Stammler seine kruden Gehirnspasmen nicht aussprechen darf, ohne dafür gerügt zu werden; man empört sich, weil Sexualstraftäter auch ein Recht auf Resozialisierung besitzen; man empört sich mit Pappschildchen und Trillerpfeifen, weil der eigene Vorgesetzte, ein Bankster, entlassen werden soll; man empört sich, weil das Benzin nicht zum Selbstkostenpreis an Tankstellen feilgeboten wird...

Die Empörung ist in diesem schönen Lande eine Konstante. Der Kleinbürger könnte gar nicht existieren, wenn er nicht ständig etwas oder jemanden hätte, der dessen Empörung entfacht. Hessel hat nicht beachtet, dass die deutsche Gesellschaft nur als Gesellschaft zusammenklebt, weil sie sich als Schicksalsgemeinschaft gegen zu empörende Zustände wähnt. Was den Großteil der Deutschen eint ist die Empörung gegen Schwächere und Wehrlose, gegen vermeintliche Ungerechtigkeiten, wie den hohen Benzinpreis - man empört sich nicht etwa darüber, wie Benzin gefördert, wie Menschen ausgebeutet, Regionen ausgesaugt, Kriege deshalb geführt werden; man empört sich, weil sich die eigene Selbstbedienungsmentalität geschmäht fühlt. Der Kitt der deutschen Gesellschaft ist, dass man sich entrüsten, gegen etwas anstänkern kann.

Sich wieder trauen, sich gegen jene zu empören, die vermeintlich mächtiger sind, am längeren Hebel sitzen: das meinte Hessel freilich! Denn empört wird sich genug - nur am falschen Ende, gegen die Falschen. Denn diejenigen, gegen die man mit Empörung auflaufen sollte, schaffen als Surrogate etwaige Empörungsersatzgruppen: Arbeitslose, Rentner, schwererziehbare Kinder, Ausländer und andere. So wird die Empörung umgeleitet und von denen weggelotst, die eigentlich mit ihr konfrontiert werden müssten. Der Kleinbürger hätte ja durchaus durchschlagende Wirkung mit seiner konditionierten Empörungskultur; er müsste halt nur gegen jene in Stellung gebracht werden, die die Demokratie und den Frieden wirklich bedrohen...



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In eigener Sache

Freitag, 11. März 2011

oder: ich betreibe ab sofort Blog-Bigamie!

Wenn jemand viel liest, so könnte er sein Umfeld daran teilhaben lassen - das war einer meiner Gedanken. Mitteilsam sein, das ist eine Devise, unter der ich parallel zu ad sinistram, mein neues Weblog führen möchte. Ich lese, also teile ich mit - teile ich etwas über das Gelesene mit. Vielleicht fühlt sich der eine oder andere dazu gedrängt, die behandelten Bücher ebenfalls zu lesen - das wäre doch mal was in Zeiten aussterbender Bücherwürmer. Der Lückenlosigkeit halber sei gesagt, dass ich nicht nur zum Lesen ermuntern möchte, sondern im Falle, da die Rezension nicht bekömmlich ausfiel, eben zum Nicht-Lesen beitragen würde. Hätte ich doch nur jenes Leerbuch vom sich abschaffenden Deutschland vorher verrissen... es hätte auch nichts gebracht!

"Das Lesebändchen" habe ich es genannt, klingt kitschig - ist es auch. Besseres fiel mir nicht ein. Man sehe es mir nach. Immer wieder werde ich dort Bücher, die mir im Alltag zwischen die Finger kommen, mal mehr, mal weniger ausgiebig behandeln. Nicht regelmäßig, nicht zu verbissen. Mal Sachbuch, mal Roman - mal ernste Abhandlungen, mal flapsiges Aufmerksammachen. Ich trug mich ohnehin mit dem Gedanken, ab und zu Rezensionen ins Programm aufzunehmen, nur paßte es nie so recht ins Konzept von ad sinistram. Daher also diese Bigamie, daher also "Das Lesebändchen".

Ich hoffe, es wird angenommen und einigermaßen frequentiert. Man will ja doch, auch wenn man "nur" über das, was man gelesen hat, schreibt, selbst gelesen werden. So gefallsüchtig ist sich der schreibende Leser wie der lesende Schreiber dann doch. Anregungen werden gerne entgegengenommen; und die Gestaltung von "Das Lesebändchen" wird noch Überarbeitung erfahren müssen. Kommt Zeit, kommt Design...

In diesem Sinne, möge "Das Lesebändchen" einige Leser finden... mich würde es freuen!



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Da haben wir den ganzen Fortschritt!

Man könnte nun ja sagen, man wolle den Armen nur vor sich selbst, vor seiner Gewinn- oder Spielsucht schützen, womit das gerichtliche Verbot, Hartz IV-Beziehern Lottospielschein auszuhändigen, einen fürsorglichen Anstrich erhielte. Man könnte aber auch von einem demokratischen Notstand sprechen, der Empfängern des Arbeitslosengeld II Entmündigung erteilt.

Das Urteil mag in nächster oder letzter Instanz nichtig sein. In welche Richtung in deutschen Gerichten gedacht wird, das offenbart es aber trotzdem. Der Erwerbslose erhält von der öffentlichen Hand Geld - und damit, so schlußfolgert man, habe die Öffentlichkeit ein Recht darauf, über die Ausgabeposten des jeweiligen Leistungsbeziehers Rechenschaft zu erhalten. Weil man natürlich nicht jedermanns, jederarbeitslosen Kontoaufstellungen prüfen kann, sperrt man bestimmte Ausgabemöglichkeiten einfach - diesmal soll es eben das Lottospiel sein, von dem man den Leistungsbezieher fernhalten muß. Außerdem wäre es ungerecht, wenn ein Faulpelz einen Millionengewinn einstreichen würde. Den soll es für brave Staatsbürger geben, nicht jedoch für "Staatsbürger", für die der Staat bürgt...

Und was wird nach einer solchen Entscheidung morgen fällig? Wird dann an Getränkemärkten und Tabaklädchen per Schild kenntlich gemacht, welche Art Kundschaft hier einkaufen darf? "Kauft nicht beim Juden!" hieß es damals, "Kauft nicht beim Paria!" könnte man diese braune Parole saisonbereinigt ausdrücken - heute lautet die Losung: "Laßt den Paria nicht einkaufen!" Eine mit Schmierhaar gerahmte Fratze grinste dann verlegen am Eingang, "Wir müssen draußen bleiben!" maßregelte sie. Natürlich, das ist übertrieben und daher geschmacklos, werden manche einwenden. Aber genau diese Art von rechtlichem Nihilismus ist es doch, die auf solche Abgründe zuführt. Der Hartz IV-Empfänger, saisonbereinigt gesagt, die "unproduktive Ballastexistenz", sie wird einer Segregationspolitik ausgeliefert, die den gelben Stern, der heute freilich nicht mehr gelb oder Stern sein muß, sondern vielleicht rot und mit großem A erscheint, am Revers tragen soll.

Die traurigste Erkenntnis daran ist dabei nicht mal, dass alte Mechanismen in heutigen Köpfen wieder greifen. Der Mensch ist unzulänglich genug, stets diesselben Fehler zu machen - als Einzelperson tappt man manchmal lebenslang in dieselben Dilemmas; wie soll dann die Menschheit davor gefeit sein, stets neu ins Verderben zu trampeln? Das ist traurig, aber nicht das traurigste Detail. Schlimmer ist es nämlich, dass diese Segregation, die einst mit Hass und Geifer betrieben wurde in diesem Lande, heute mit einem fürsorglichen Lächeln getan wird. Wo einstmals mit Grimm und galliger Hysterie gegen Parias aufgetischt wurde, da grüßen heute betuliche Mienen, gaukelt man ein umsichtig väterliches Herz vor. Man hält den armen Schlucker doch nicht aus Boshaftigkeit vom Lottospiel fern; man tut es, weil man nicht will, dass er verarmt; man will bloß nicht, dass er zum Opfer seines Spieltriebes wird.

Selektive Politik, die langsam aber zielgerichtet gegen bestimmte unliebsame Bevölkerungsgruppen polarisieren möchte, indem sie das Gleichheitsprinzip nach und nach aufgibt, die wird nicht wie dazumal mit grantigem Gesichtsausdruck umgesetzt - heute lächelt man allerorten, auch dort, wo Parias hergestellt werden. Die Diktatur schreiender Herren ist, wir sind froh darüber, perdu - wird sind fortgeschritten! Wir leben in einer Diktatur rücksichtsvoll lächelnder Damen und Herren, die ihren ganzen sozialrassistischen Dünkel hinter frohen Mienen verkappen. Da haben wir den ganzen Fortschritt!



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Nomen non est omen

Donnerstag, 10. März 2011

Heute: "Islamismus"
"Es bestehe der Verdacht, dass es sich um eine islamistisch motivierte Tat handele, erklärte die Behörde am Donnerstag in Karlsruhe."
- Meldung bei FAZ.net am 3. März 2011 -
Wann immer es in Deutschland um den Islam geht, sind zwei Methoden erkennbar. Erstens gibt es eine große (gewollte) Unschärfe und Schwammigkeit bei der Verwendung der Begriffe "Islam", "Islamismus", "Islamisten", "Islamisierung" usw. Der "Islamismus" bezeichnet einen Sammelbegriff für alle möglichen religiösen und politischen Strömungen innerhalb des Islam. Es gibt also nicht den Islamisten, genauso wenig wie es den Christen gibt. Es gibt Sunniten, Wahabiten, Salafisten, Schiiten, Fundamentalisten usw. Hinzu kommen etliche Strömungen, die sich nur schwer einordnen lassen oder nur an andere Ideologien angelehnt sind, wie z.B. die Baath-Partei des damaligen irakischen Ex-Diktators Saddam Husseins. Zweitens fällt der Begriff "Islamismus" häufig in Verbindung mit dem Schlagwort "Terrorismus", so wird suggeriert, als sei jeder Muslim zugleich auch ein fanatischer Fundamentalist.

So schreibt z.B. eine Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema Islamismus:
"Der Islamismus ist zur Bedrohung der Bundesrepublik geworden. Wo liegen seine Wurzeln, was fordern seine Vordenker?"
Was würden Christen in Deutschland sagen, wenn es stattdessen heißen würde: "Das Christentum ist zur Bedrohung der Bundesrepublik geworden. Wo liegen seine Wurzeln, was fordern seine Vordenker?"

Und auch wenn die FAZ, im oben genannten Artikel, den Begriff "Islamisten" in Anführungszeichen setzt, und damit zu erkennen gibt, welche Unschärfe der Begriff aufweist, so gibt sie sich dennoch keine Mühe, genauer zu definieren. Das scheint gesellschaftspolitisch und medial symptomatisch zu sein, wann immer es um das Thema "Islam" in Deutschland geht. Dadurch wird eine diffuse Angst vor dem großen Unbekannten geschaffen. Wie groß wäre der Aufschrei, wenn deutsche Medien fortan Evangelen, Katholiken, Zeugen Jehovas und Orthodoxe stets nur als "Christen" bezeichnen würden?

Viele der circa weltweit 1,5 Milliarden gläubigen Muslime, haben völlig unterschiedliche Auffassungen und Interpretationen des Islam. Viele untereinander sind die erbittersten Gegner. Die beiden großen Hauptgruppen des Islam sind: 90% Sunniten, 10% Schiiten. Innerhalb der beiden Hauptgruppen gibt es wiederum viele Abspaltungen. Innerhalb der Schiiten gibt es, unter anderem, die Imamiten, die Ismailiten, die Saiditen und die Nusairier. Die Drusen und der Bahaiismus sind aus dem schiitischen Islam hervorgegangen. Hanbaliten, Hanefiten, Malikiten und Wahabiten sind Strömungen aus dem sunnitischen Islam. Die Ausprägungen, Varianten und Strömungen des Islam sind zahlreich.
"Gestern noch zogen Türken nach Deutschland, Pakistanis nach England und Algerier nach Frankreich — heute gelten sie allesamt nur noch als Muslime, und der Islam ist ein für allemal das "Fremde, das »Andere" geworden."
- Tariq Ramadan, "Europa und die Herausforderung der muslimischen Präsenz, Blätter für deutsche und internationale Politik", März 2011, Seite 61 -
Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

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Wo waren sie vormals, die Herrn Doctores?

Mittwoch, 9. März 2011

Man kann den Doktoranden, die Angela Merkel mittels offenen Brief dafür kritisierten, sie würde die Wissenschaft verhöhnen, nur beipflichten. Natürlich haben sie recht, wenn sie eine Regierung, die sich der subkutanen Intellektuellenfeindlichkeit in der Bevölkerung bedient, um einen Plagiator zu stützen, coram publico zur Rede stellen wollen. Wie gesagt, so ein öffentlichkeitswirksamer Aufruf ist nur unterstützenswert. Einem Blender gehört das Handwerk gelegt, was heute soviel heißt wie: er gehört der öffentlichen Empörung ausgesetzt! Aber ein Blender war er eh und je, nicht nur jetzt, da er der sogenannten Plagiatsaffäre ausgesetzt war - schon vorher, schon als er Kriegsverbrechen vertuschte. Seine ganze Politkarriere baute auf Blendung; er blendete mit seinem Leib- und Magenblatt aus dem Hause Springer die Bevölkerung. Doch wo nur war damals der Zorn der Intellektuellen zu vernehmen?

Er keimte erst jetzt, weil der wissenschaftliche Esprit beschmutzt, weil er jetzt selbst am eigenen Leib befallen war. Dr. Hinz und Dr. Kunz fühlten sich betrogen, weil Dr. Guttenberg lediglich ein Doktor in den Künsten des Blendwerks war. Das sei ungerecht - Hinz und Kunz strampeln sich ab, Guttenberg schreibt ab. Natürlich trifft das vollumfänglich zu: es ist ungerecht und zeigt den aristokratischen Dünkel jenes Herrn und seiner bürgerlicheren Kamarilla in Partei und Medien. Aber hätte es das intellektuelle Gemüt nicht auch erregen müssen, als der Freiherr Greuel an afghanischen Zivilisten verdeckte? Oder als Herr Guttenberg in der Titten-Zeitung BILD und Frau Guttenberg beim Titten-Sender RTL II anschaffen gingen? Auf diesen beiden Plattformen wurde und wird fröhlich gegen allerlei Randgruppen gehetzt - der TV-Sender setzt sogar spektakulär zum fröhlichen Hallali auf Sexualstraftäter an, ohne auch nur einmal an rechtliche Gepflogenheiten zu denken. Wo war da die Aufgebrachtheit der Intelligenzija hörbar? Wo ereiferten sich da die Doktoren der Rechtswissenschaften?

Natürlich, damals waren sie nicht selbst betroffen, damals wurde die Wissenschaft nicht verunziert. Aber stimmt das so? War denn die Wissenschaft nicht veralbert worden, als sich dieser aufs Abstellgleis Deutsche Bundesbank verlegte ehemalige Berliner Senator erdreistete, Lehren zu verbreiten, die schon zu Zeiten Alfred Rosenbergs antiquierte Sichtweisen waren? Die Herrn Doctores der Humangenetik, hätten die nicht in einem offenen Brief darlegen müssen, dass Gene kein Schicksal sind? Dass schon daher Worte wie "Juden- oder Baskengen" ein lächerliches Licht auf einen werfen, der sie im Mund führt? Dass es exakt drei Möglichkeiten gäbe, wenn man über Genetik und deren Folgen schreiben und berichten möchte: entweder Genetik studieren, oder sich als Laie genug Wissen anzueignen, um wirklich sachgerecht, wahrscheinlich aber populärwissenschaftlich darüber schreiben zu können, oder aber, und das träfe auf den Herrn Ex-Senator zu, einfach mal das Schandmaul halten, wenn man nichts zu sagen hat, was auch nur ansatzweise der Wahrheit entspricht? Die Wissenschaft blieb jedenfalls stumm...

Kommen wir nicht vom Weg ab, wir waren beim Freiherrn. Der hat sich genetisch nie geäußert, konnte sich den Zorn der Biologen gar nicht zuziehen. Ein Blender war er, aber er hat ja nie gegen eine wissenschaftliche Kategorie verstoßen, könnte man einwenden. Nicht? Seine Komplizenschaft im Krieg, sein Stillschweigen bezüglich Kriegsgreuel, die er wie andere "Kollateralschäden" nennt, seine Bereitschaft zur Remilitarisierung der Gesellschaft und zur Kriegsheldenverherrlichung - sind das keine Felder, die man hätte kritisieren können? Es wird doch noch zwei, drei Ethiker geben, die sich wissenschaftlich mit der Moral befassen! Gibt es denn keine doctores philosophiae, die sich aufgepeitscht wähnten, diesem amoralischen Herrn mit seiner arg moralinpomadierten Visage einen ethischen Schlag zu versetzen? Ihm und seiner Mentorin im Kanzleramt einen öffentlichen Brief zuzustellen, in dem sie klarlegen, dass der Ethik Spott widerfährt, wenn man so auftritt wie er. Die Ethiker blieben stumm, und jene Philosophen die sprachen, glichen diesem professoralen Zottelbart aus Karlsruhe, der mit zynischer Unvernunft allerlei Selbstsuchtsthesen in die ohnehin schon vergifteten Gehirne breiter Gesellschaftsschichten pflanzte.

Es wäre jedenfalls viel gewonnen, wenn die Herrn und Frauen Doktoranden, die Intellektuellen an sich, öfter mal von sich reden machten, als ethisches Gewissen fungierten. Wer sollte es eigentlich sonst sein? Wirtschaftsbarone etwa? Machtmenschen aus der Politik? Oder die Kirchen, die immer mehr den Jargon neoliberaler Denkschulen annehmen? Aus den Universitäten sollte der kritische Geist entwachsen - wenn diese nicht so unsäglich beeinflusst wären von der freien Wirtschaft...



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Warum wir anklagen

Montag, 7. März 2011

Berger, Erdmann und Sasse, diese ganzen linken und angelinkselten Konsorten, freilich auch dieser De Lapuente, die sollten froh sein, in einem Land wie diesem zu leben, in dem man schreiben darf, was man will, ohne am nächsten Morgen von Freischärlern der Regierung aus dem Schlaf gerissen zu werden. Dieser Einspruch ist häufig zu vernehmen, ebenso der Zusatz, man sollte mal nach Nordafrika, in die Sahelzone oder nach Nordkorea blicken. Denn die Menschen dort, die hätten Grund zur Anklage. Das J'accuse! westlicher Schreiber, Blogger, Publizisten ist nur ein Sport vornehmer Leute, denen es ausreichend zu gut gehe - und denen, denen es schlecht geht auf der Welt, die haben erst gar keine Möglichkeit, in diesen "weißen Sport" einzusteigen.

Jammere nicht Berger, Erdmann, Sasse, De Lapuente oder wie du auch heißen magst! Klage nicht im langatmigen Wortschwall an, als würde der gesellschaftliche Ruin quasi schon ante portas stehen. Sei froh, dass du hier leben darfst und erweise dich dankbar. Sei froh Deutscher, dass du in Deutschland leben darfst! Natürlich, Kritik muß sein, entkräften diese Beschwichtigungsmoralisten dann - aber erst überlegen, bevor man auf den Putz haut. Muß man denn jede Kleinigkeit aufgreifen? Kann man es manchmal nicht einfach gut sein lassen? Im Hinblick auf die Segnungen in diesem Lande als Gegenleistung auch mal die Schweinereien vergessen? Daran denken, in welchem wundervollen Land, mit vielen Rechten wenig Pflichten, man lebt und den Griffel, wenn schon nicht weglegen, so doch wenigstens abstumpfen, auf dass er nicht gar so spitze Spitzen zu Papier bringt? Einfach mal überlegen, bevor man "Empört Euch!" ruft...

Denn wir leben in einem Land, in dem wir ein Grundgesetz haben - nicht immer ist alles optimal, aber nie ist es eigentlich so ganz jämmerlich. Wie Berger, Erdmann oder Sasse denken, kann hier nicht eindeutig belegt werden - doch wie De Lapuente das sieht schon. Er weigert sich denen zuzustimmen, die stets mit dem Ausruf "Das ist ja Faschismus!" hantieren; er mag es nicht, dass gleich immer alles faschistisch gekennzeichnet wird, auch wenn es aus der Denkschule der Neoliberalen stammt. Hartz IV ist beispielsweise nicht faschistisch, es ist vielmehr dem Totalitarismus der Verwertbarkeit und Verwurstbarkeit unterworfen - das ja! Diktatorisch auf die Interessen des Kapitals zugeschnitten - jawohl! Einzig auf Profit ausgerichtet, total auf Profit ausgerichtet, totalitär auf Profit ausgerichtet - ja, ja und ja! Da stimmt er zu. Es ist nicht alles schlecht in diesem Lande, auch diese Einsicht teilt er - aber vieles wird gezielt schlecht gemacht. Der hier angewandte Mechanismus ist dann immer derselbe: erst macht man etwas propagandistisch madig, sodass die Menschen es für schlecht erachten und verwerfen wollen - und dann verschlimmbessert man durch die gezielte Tat, weil die Menschen ja meinten, dies oder jenes sei des Überlebens nicht mehr wert. So war es beispielsweise bei der Umlagefinanzierung der staatlichen Rente.

Und wir arbeiten als Gesellschaft darauf hin, dass wir in einen Totalitarismus der Konzerne abdriften - teilweise sind wir schon dort gelandet. Dort herrscht absolute Transparenz, der gläserne Arbeitnehmer ist der gläserne Staatsbürger ist der gläserne Patient ist letztlich der gläserne Mensch an sich. Und nicht nur durchsichtig hat er zu sein: gefügig auch. Gefügig voralledem! Er hat überdies zu sein: flexibel, mobil, kommunikativ und gut ausgebildet - der Präfix aus- darf hierbei nicht unterschlagen werden! Denn gut gebildet - ohne Präfix -aus! -, das heißt im Rahmen einer Allgemeinbildung, die auch Wissen vermittelt, das nicht unmittelbar einen Mehrwert für Konzerne darstellt, ist kein Kriterium mehr. Wenn ein Konzern sich einen jungen Menschen engagiert, dann soll er das können, was er im Beruf braucht - alles andere: Tand! Weg damit, erst gar nicht das junge Gehirn damit zumüllen! Die Fachidiotie bedroht uns, sie ist eine von vielen Fangarmen dieses Totalitarismus, der uns im Nacken sitzt.

So gesagt, dass es weniger kraftmeierisch klingt: diese Gesellschaft verabschiedet sich immer mehr von Mitmenschlichkeit, sie ächtet Kreativität und kategorisiert bereits Kinder dergestalt, wie es der Wirtschaft genehm und funktionell ist. Gesellschaftliche Teilhabe für alle - für alle! Wirklich alle! - wird konsequent umgedeutet: von einem Recht zu einer gesellschaftlichen Kann-Option. Rentabilitätsrechnungen entscheiden darüber, wie die Gesellschaft beschaffen sein soll - Hüftgelenke nur für Rentner unterhalb der Achtzig! Stürbe ein Alter kurz nach einer solchen Operation: schade um das schöne Geld! Missfelders damalige Äußerung ist beispielhaft, denn so tickt der Zeitgeist, der ein totalitärer ist, der als Absolutum nur das Kapital und dessen Profit kennt. Insofern ist der häufig gehörte Empörungsschrei, das alles sei schon Faschismus, eigentlich falsch - lax gesagt: die Faschisten ließen sich die Beseitigung von Gesellschaftsgruppen etwas kosten, da waren sie nicht knauserig. Die heutigen Herrn, diese Totalitaristen ihrer Bankkonten, wollen aber gerade sparen - sie unterlassen einfach Hilfe, sie sparen Rentner, Schüler, Arbeitslose, Behinderte einfach tot, sie investieren nicht in Güterwaggons. Sie sparen Menschen nicht etwa zu Tode, weil sie Teufel wären; sie machen es, weil ihre fixe und totale Weltsicht es ihnen leiderleider (sie würden gerne anders handeln, wenn das System sie ließe, sagen sie ja oft!) auferlegt.

Es ist ja noch nicht alles totalitär untermalt - aber danach ausgerichtet ist es. Ist das kein Motiv, laut sein J'accuse! erschallen zu lassen? Muß man warten, bis wir Zustände haben wie in Nordafrika? Wie in den USA, dem reichsten und doch vielleicht ärmsten Land der westlichen Hemisphäre? Berger, Erdmann, Sasse oder De Lapuente betreiben vielleicht "weißen Sport", das kann schon sein... keiner von denen landete in Gewahrsam, nur weil er seine freie Meinung kundtat - jedenfalls ist nichts davon bekannt. Und keiner von denen sieht den Faschismus hochdämmern, aber die Unterwerfung des savoir vivre unter rein fiskalische Attribute, die sehen sie täglich und das klagen sie an. Sie klagen an, bevor das Anklagen strafbar wird - ob es was hilft, steht auf einem anderen Blatt. Obwohl sie wissen, dass sie nicht im Faschismus leben, erdreisten sie sich, in dieser "besten aller möglichen Gesellschaften" (man beäuge diese kursive Stelle durch die zynische Brille) zu protestieren, denn es gibt Gründe, es gibt einen Abgrund, auf dem wir zukriechen. Hessel fordert in seinem kleinen Pamphlet einen "wirklichen, friedlichen Aufstand gegen die Massenkommunikationsmittel, die unserer Jugend keine andere Perspektive bieten als den Massenkonsum, die Verachtung der Schwächsten und der Kultur, den allgemeinen Gedächtnisschwund und die maßlose Konkurrenz aller gegen alle." De Lapuente unterstreicht das - Berger, Erdmann und Sasse tun dies vermutlich auch.
Seien Sie froh in der Bundesrepublik sein zu dürfen, denn dort geht es uns noch gut - eben: noch! Das Paradies Bundesrepublik ist kein Idyll und kein Hort glücklicher Schuhplattler, es stinkt hier gewaltig und man rückt täglich einen Millimeter an den feuchten Traum der Wirtschaftsbarone heran: an den totalen Staat nach ihren Interessen - das ist nicht Faschismus, könnte aber irgendwann, mit vorzüglichen Grüßen von Orwell und Huxley, nicht minder bitter enden.

In einem Land zu leben, in dem man noch - Betonung auf noch! - sagen, schreiben und denken darf, was man möchte, kann doch nicht ernsthaft als Grund herangezogen werden, lieber besonnen die Klappe zu halten - dies noch zu können, es ist die Grundlage es auch zu tun! Nachher können wir schweigen, besonnen mundtot sein, wenn man vielleicht mal nicht mehr sagen, schreiben, denken darf, was einem beliebt. Aber auch dann finden sich besonders schlaue Gemüter, die dann gen Sudan oder nach Burundi deuten und feststellen, dass es denen da noch viel schlechter geht, weswegen man bloß nicht murren, ja gar nicht erst ans Murren denken soll. Es sei immer noch ein Segen in diesem Lande leben zu dürfen, werden auch dann noch einige behaupten...



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... nicht mit Geld zu bezahlen

Freitag, 4. März 2011

"Eine Krankenschwester, die einen Sterbenden begleitet, ist für mich ein Held, den man nicht mit Geld bezahlen kann", schrieb Wagner vor einiger Zeit. Wahrscheinlich hat Wagner in seiner ungelenken Ausdrucksweise den Nagel auf den Kopf getroffen, die Erklärung für die schlechte Bezahlung existenziell notwendiger Berufe geliefert.

Denn man kann solche Berufe tatsächlich nicht mit Geld aufwiegen, weshalb man es vermutlich auch gar nicht erst übermäßig versucht. Man dankt stattdessen mit einem Nicken, mit öffentlichem Lob und Respektsbekundungen oder mit einem Anschiss, wenn die Bettpfanne nicht rechtzeitig und mit einem adäquaten Lächeln geleert wurde. Man könnte einer Krankenschwester auf einer Palliativstation auch fünftausend Euro nach Steuern überweisen: man könnte diese Tätigkeit trotzdem nicht mit Geld in Relation setzen. Warum es also überhaupt versuchen? Das verbietet doch schon der gesunde Menschenverstand, wird man sich dort, wo man Löhne vorschreibt, moralisierend denken; es würde doch diese Tätigkeit, die eigentlich unbezahlbar ist, entweihen, wenn man die hehre Tat mit profanen Münzen in Korrelation setzen würde.

Einer Krankenschwester, die den Kot anderer Leute abwischt und einem Sterbenden halbwegs hoffnungsspendend den Handrücken streichelt, kann man doch angemessener bezahlen: mit netten Worten, mit Lob, mit Floskeln wie "Wenn wir Sie nicht hätten!" oder "Wie gut, dass wir Sie haben!" - Helden, die man mit Geld nicht bezahlen kann, wie Wagner so blumig sagt; Helden, die man deswegen auch nicht mit Geld, sondern mit Wohlwollen begleicht. Einem Sachbearbeiter oder einem Bankangestellten kann man damit nicht kommen. Was will man ihm denn sagen? Es wäre geradezu lächerlich, einer solchen Profession existenzielle Bedeutung zu bemessen, sie ins Unbezahlbare zu erheben. Man kann solche Berufe nur schwerlich in fast schon metaphysische Notwendigkeiten emporloben; man weiß ja auch gar nicht, wo man anfangen soll aus Mangel an Ansatzpunkten. Anträge abzustempeln oder Konten zu sperren ist mit dem Entleeren gut abgefüllter Bettpfannen nicht mal im Ansatz vergleichbar.

Daher muß man solche Berufe, die auf den ersten, zweiten und dritten Blick keinen existenziellen, keinen gesellschaftlichen oder menschlichen Ertrag haben, ordentlich honorieren. Wie will man einem Banker denn sonst Respekt bekunden? Mit Lob oder Respektsäußerungen geht es ja nichts besonders gut - niemand braucht ihn, niemand will ihn, empfangene Verachtung ist sein täglich' Brot. Nein, er muß gut bezahlt werden, weil niemals jemand zu ihm sagen würde "Wenn wir Sie nicht hätten!", weil niemand ihm dankend die Hände schüttelt und ihm Anerkennung zollt, ihm voller Dankbarkeit einige Scheinchen in die Kaffeekasse steckt. Solche üppig dotierten Berufe unterstreichen doch nur, um welche arme Sau es sich doch handelt - die opulenten monatlichen Überweisungen auf sein Konto sind Surrogat dafür, dass er eigentlich ein nutzloser Tropf ist.

Helden, die man nicht mit Geld bezahlen kann - Antihelden, die man nur mit Geld ausgleichen kann. Was Wagner ganz anders meinte, flapsig und im alltäglichen Duktus, in dem man schnell mal von der Unbezahlbarkeit einer bequemen Unterhose oder einer endlich verrichteten Notdurft spricht, ist gar nicht so weit hergeholt. Denn eigentlich kann man die Leistung, die in einem Pflegeberuf erbracht wird, gar nicht bezahlen - und man versucht es auch erst gar nicht. Hierfür gibt es gesellschaftliche Anerkennung als Ausgleich. Wer sich den Rücken ruiniert oder zum Alkoholiker wird, weil er sterbende Leiber nicht mehr ertragen kann, der wird nicht reich, aber man respektiert seine Leistung wenigstens insofern, dass die Öffentlichkeit mit einstudierten Phrasen immer wieder verkündet, wie wichtig solche Leute doch sind. Und diejenigen, denen man eine solche Wichtigkeit nicht nachsagen will, die honoriert man ausgiebig, damit sie nicht bis zur Pflegebedürftigkeit traurig werden und von solchen gepflegt werden müssen, die uns unbezahlbar sind...



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Einschalten, eingreifen, einmischen, retten und zur Chefsache erklären

Donnerstag, 3. März 2011

Das Axel-Springer-Hochhaus zu Berlin ist der Ort, an dem der Kanzlerin schreiberisch Potenz angeheftet wird. Dort schreibt man Kanzlerschaftsgeschichte, erfindet man sich eine engagierte, malochende, stets rührige Kanzlerin, die sich überall dort einschaltet, eingreift, sich einmischt, rettet und etwas zur Chefsache erklärt, wo sich in diesem Lande Baustellen auftun. Ohne die emsigen Chronisten der Kanzlerin unter der Fuchtel dessen, der der Merkel politischer Ziehvater Trauzeuge ist, würde Merkel wie eine leicht untersetzte Dame wirken, für die Richtlinienkompetenz etwa so viel bedeutet, wie zu jedem Thema einmal töricht in die Kamera zu stieren, um dabei die Lefzen zu unverständlichen Worthülsen zu verformen.

Aber Dieckmannlob entkommt die Kanzlerin jenem Szenario; kaum ein Tag, an dem sie nicht als grande madame des Krisenmanagements beschrieben wird. Überall schaltet sie sich ein - und wie sie sich einschaltet, terminologisch konsequent einschaltet! Sie schaltet sich ein, wenn auf der Gorch Fock Unglücke geschehen - sie schaltet sich beim Kruzifix-Zoff ein - sie schaltet sich ein, wenn in Berlin darüber sinniert wird, ob es weiterhin ein Schulfach Religion geben soll. Und kriselt es in der Koalition, so wird natürlich auch von der sich einschaltenden Kanzlerin berichtet - und manchmal wird sie sogar aus berufenem Munde zur Hinzuschaltung bewegt. Die Kanzlerin ist eine Schaltstelle, der betreffende Textbaustein scheint ganz oben im Baukasten des aktuellen Journalismus zu liegen.

So weit oben wie jener Bauklotz, der von der eingreifenden Kanzlerin weiß. Sie griff ein, als in Stuttgart Bauprojekte zerdemonstriert werden sollten und sie griff ein, als man sich über die Hartz IV-Reformen stritt. Gelegentlich braucht es sprachliche Auflockerung, dann greift sie nicht ein - dann mischt sie sich ein. Die Kanzlerin ganz ergriffen; die Kanzlerin als Mischpult!
Manchmal, wenn die Dramatik der Situation es erfordert, wenn sich Einschalten und Eingreifen nicht mehr lohnen, wird das Sujet zur Angelegenheit des Chefs erklärt: dann heißt es Chefsache Bildungspolitik, Chefsache Milch, Chefsache Afghanistan-Einsatz, Chefsache Hartz IV-Kommission oder Chefsache Opel-Rettung. Pathetischer klingt es, wenn aus dem ordinären Chef eine übergroße Rettergestalt sprießt, so wie damals, als Merkel den Klimagipfel retten wollte - oder als sie Retterin der EU-Verfassung werden sollte - oder als man ihr nachsagte, nur sie könne die Wirtschaft retten.

Die Richtlinienkompetenz des Kanzlers scheint heute mehr denn je, ein bunter Baukasten voller bewährter Textbausteine zu sein. Regieren bedeutet demnach, sich in präperierte Sätze nach Baukastensystem einordnen zu lassen - es sind zudem positive Bauklötze; sie sollen Macherqualitäten unterstreichen. Es ist ein wortkarger Journalismus, der hier zur Praktik wurde; einer, der nicht nach Worten ringt, der sie schon im hübschen Baukasten vorrätig hat - ein einsilbiger, lakonischer Journalismus, gegen den Merkel freilich nichts haben kann; solange Journalisten in Baukästen gefüllt mit positiv konnotierten Phrasenbausteinen greifen, wird nichts hinterfragt, nichts angezweifelt... einschalten, eingreifen, einmischen, retten und zur Chefsache erklären: wer zweifelt da noch daran, dass es sich hier um eine rührige, nimmermüde und dienstbeflissene Frau handelt?



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Ridendo dicere verum

Mittwoch, 2. März 2011

"...und dies Kopftuch hat keineswegs ausschließlich mit Unterdrückung zu tun. Das hat auch was mit Stolz und Identität zu tun. Und oft sind es auch diese jungen Frauen mit Kopftuch, die viel besser Deutsch können und viel besser integriert sind, als ihre vollkommen überassimilierten, bauchnabelgepiercten Arschgeweihschwestern."
- Hagen Rether -

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Nicht Rücktritt: Eintritt!

Dienstag, 1. März 2011

Der Abgang des Freiherrn war so impertinent inszeniert, wie wenig von dem, was er sich davor erdreiste. Das Brimborium seines Abschieds, die selbstgerechte und überhebliche Rede, stellt wahrlich alles in den Schatten, was Guttenberg bis dato ablieferte. Sie war eloquent, gewiss - aber auch voll von Schuldabwälzungen und Verzierungen, die vom Tatbestand ablenken sollten.

So sucht er die Schuld für seinen Rücktritt nicht bei sich: er winkt die Medienlandschaft heran. Diese haben über seine Dissertation berichtet, nicht über die toten Bundeswehrsoldaten dieser Tage - weil dem so ist, braucht es einen neuen Verteidigungsminister, der aus der Stille heraus arbeitet. Ein Nachfolger muß nach dieser Lesart her, nicht weil der Vorgänger durch seine Betrügereien untragbar wurde, sondern weil die Medien zu viel über ihn als Person berichteten, was aber für das Amt des Verteidigungsministers untragbar sei - als seine Person mit positiven Aspekten die Schlagzeilen dominierte, störte er sich noch nicht an diesem Umstand. Andersherum mokiert sich Guttenberg zudem, habe man viel über die Gorch Fock berichtet, die Lage in Nordafrika sei dahinter verschwunden - hier wurde also das Handeln des Ministers zum Sujet der Medien, was ihm aber trotzdem nicht gefallen hat. Trefflicher ausgedrückt: die Medien, jedenfalls der größte Teil, tragen Schuld an seiner Entscheidung - hätten sie ihm freundlicher gesonnen berichtet, wären des Freiherrn Kräfte noch nicht aufgezehrt.

Die gesamte Rede strotzte von gefälligen Selbstzweifeln, die er süffisant im Raume verhallen läßt - denkerische Rhetorik, die Guttenberg zum kläglich gescheiterten Philosophenminister stempeln soll, zu einem, der zu sensibel, zu gescheit, zu nachdenklich für die Medienarena ist. Außerdem sei "Verantwortung" sein elfter Vorname - nur weil er Soldaten beerdigen musste, weil er sein Haus bestellen wollte, habe er am Sessel geklebt. Dergleichen kommt gut an in der Bevölkerung; man mag keine Machtbesessenen, kleben sie aber aus Verantwortungsgefühl heraus auf ihrem Posten, dann verehrt man sie. Und auch der Umstand, ein ganz klein wenig Schwäche zuzugeben, um seine Menschlichkeit, Allzumenschlichkeit zu unterstreichen, wird üblicherweise lohnend vergolten. Die Krone der ganzen Zumutung jedoch war, als Guttenberg sich bei der großen Mehrheit der Deutschen bedankte, die ihm angeblich vom Rücktritt abrieten - eine große Mehrheit, die eigentlich so nur bei der BILD-Zeitung stattfand. Aber als ein Minister, der durch BILD und mit BILD und in BILD zu seinen Meriten gelang, braucht man auch die Deutschen fernab der BILD-Zeitung nicht wahrzunehmen. Ein herzliches Dankeschön also an die fingierte Mehrheit aus dem Hause Springer!

Der Clou dieser ganzen Theatralik war, dass da einer so fachgerecht zurückgetreten ist, dass er als Märtyrer aus der Geschichte stolpern kann, womit seine politische Zukunft jedenfalls noch nicht begraben ist. Natürlich werden Haus- und Hofberichterstatter der von und zu Guttenbergs das Märchen vom Dolchstoß wachhalten; sie werden ihn als verantwortungsvollen und weitblickenden Politiker in Erinnerung halten und als einen, der von der Medienallmacht erwürgt wurde - einer wie er, so menschlich, so offen auch Schwächen zuzugeben, zudem ein Volkstribun, so einen kann man nicht auf Dauer am Rand versauern lassen; die Politik braucht doch solche Leute! Dieser selbstgefällige und reuelose Rücktritt, er war die Eintrittskarte zurück. Das Projekt Kanzlerschaft ist verschoben, aufgehoben aber nicht...



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Fußnoten vorhanden!

oder: Guttenberg wünschte, es hätte Gutenberg nie gegeben - ich hingegen bin froh, dass der mit einem T seinen Anteil daran hat, dass es meine Texte gedruckt geben kann.

Nun also ist es geschehen, nun ist dem Erstling ein Zweitling gefolgt. Nachdem es einst mein Wunsch war, irgendwann ein Buch veröffentlicht zu haben, nun also bereits das zweite Papierbündelchen zwischen zwei Deckeln. "Auf die faule Haut - Skizzen & Essays" heißt es und unterscheidet sich von "Unzugehörig" insofern, dass darin auch Texte erschienen sind, die noch nirgendwo das diesige, dunstige Licht dieser Welt erblickten. Neu ist auch, dass der Stil - aus meiner Sicht - erwachsener dünkt. Der Titel deutet es ja bereits an, spricht er doch ganz seriös von Essays - keine Sorge, auch darin fehlt die Bissigkeit und der polemische Seitenhieb nicht völlig; nur sind die Texte diesmal essayistischer verfasst, handeln Themen weniger emotional oder aggressiv ab, dafür etwas nachdenklicher. Dringend anmerken möchte ich, dass das Buch nicht guttenbergisch entstanden ist - das heißt, gutenbergisch ist es entstanden, denn es wurde ja gebuchdruckt. Jedoch nicht guttenbergisch, will heißen: ich habe Fußnoten angeführt und keinerlei Texte für meine ausgegeben, die nie meine waren.

Enthalten ist unter anderem ein Essay zur Diskrepanz zwischen Kultur und Inferno, die nicht Gegenspieler, sondern Produkte derselben Ursache sind, ein langes Essay zur Alltagssprache und eines darüber, dass der Umstand, sich auf die faule Haut zu legen, der eigentliche Motor der menschlichen Entwicklung war und ist. Freilich baute auch ich auf Gedanken anderer auf; jeder, der schreibt und Gedanken verbreitet, steht auf den Schultern derer, die vor ihm schrieben und Gedanken verbreiteten - das kann man dieser Tage gar nicht oft genug sagen. Ach hätte Guttenberg doch nur bei einem anständigen Verlag veröffentlicht und sein Machwerk nicht in seiner blaublütigen Überheblichkeit verlegt - dann müsste er heute nicht so verlegen zwischen Ausreden und Täuschungen lavieren!
Übrigens: natürlich finden sich noch mehrerlei Essays und Skizzen in dem Buch, nicht nur die drei oben erwähnten - man lese dies alles aber bitte selbst nach, dafür wurde es ja - Gutenberg sei Dank - mehrfach gedruckt.

Das Buch ist abermals im Renneritz Verlag erschienen und ebenda bestellbar. Der Titel lautet "Auf die faule Haut - Skizzen und Essays". Über den Autor selbst sei hier nichts mehr erzählt, denn er kennt sich selbst, wie er vor mehr als einem Jahr schon behauptete, immer noch nicht gut genug. Wen er aber kennt, das sind diejenigen, denen er zu Dank verpflichtet ist. Und diejenigen kennen den, der hier herzlichst dankt.

Sie, werter Leser, können außerdem - aber natürlich nur wenn Sie mögen! - ad sinistram unterstützen. Entweder per Paypal (siehe rechte Seitenleiste) oder über den gewöhnlichen Bankweg. Hierzu ließe ich den Datenschutz ruhen und teilte Ihnen gerne meine Kontodaten mit.



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Es herrenmenschelte...

Montag, 28. Februar 2011

Oh wie es menschelte im Bundestag! Vorallem Sie, Herr Hans-Peter Friedrich, Bundestagsabgeordneter der Christsozialen... vorallem Sie menschelten gar sehr! Ein Zeichen könne von diesem Hause ausgehen, jodelten Sie vom Pult herab ins Mikrofon; und zwar dann, wenn der Bundestag die Entschuldigung des Herrn Doktor Guttenberg, der jetzt ja gar keiner mehr ist, annehmen würde. Dann würden die Menschen da draußen sehen, dass niemand den Kopf runtergerissen bekomme, wenn man nur die Courage habe, sich auch zu entschuldigen. Fehlte nur noch, dass Sie Plattitüden vom "reuigen Sünder" feilgeboten hätten, denn dann hätte man Ihnen wahrscheinlich auch noch einen Dr. theol. verliehen - honoris causa, versteht sich, damit Sie als theologischer Laie nicht in die Versuchung gerieten, Ihre Dissertation seitenweise abzuschreiben. Überhaupt, warum sind Sie nicht auf den naheliegenden Gedanken gekommen, des Bürgers Guttenberg Dr. jur. in einen Dr. h.c. zu verwandeln? Dann könnte er auch ohne Unterschleif den Titel weiterhin führen - und nur darauf kommt es doch letztlich an, oder nicht?

Ein Verzeihung anzunehmen, das sei mal ein Zeichen aus diesem Hause, frotzelten Sie, Herr Friedrich. Ich kannte Sie bis dato nur am Rande, verwechselte Sie hin und wieder aus einem unerfindlichen Grund mit Heribert Prantl (vielleicht lag es an der Nockerl-Frisur!), bei dem ich mich übrigens hierfür entschuldigen müsste, läse er hier mit. Ich hielt Sie für einen dieser Abgeordneten, die dem Kadergehorsam der Partei unterordnet sind - ihr Abstimmverhalten unterstreicht diese Einordnung aber auch. Sie haben stets so entschieden, wie es die Partei vorgab - sicherlich, was können Sie dafür, dass sich ihr Gewissen zufällig mit den Ansichten ihrer Parteidoktrin deckt? Nunja, aber möglich ist auch, dass ich mich getäuscht habe: vielleicht sind Sie gar kein trockener Parteiling; Ihre Intervention zugunsten der Gnade, sie hatte ja doch fast humanistische Züge, klang nach Milde, Vergebung, fast möchte ich sagen: nach Liebe. So spricht doch keiner, dessen Partei immer wieder Verunglimpfungen gegen Arbeitslose und Ausländer ausstösst - Sie sprachen, geben Sie es zu, Herr Friedrich, nicht als Abgeordneter sondern als Mensch, nicht als Christsozialer sondern als Christ...

Nun bin ich mir aber nicht ganz sicher, wie ich Sie einschätzen soll - und Sie stehen da nur exemplarisch für all jene, die nun für diesen Ritter von der traurigen Gestalt Partei ergreifen. Denn einerseits hatten Sie einstens nichts gegen Strafverschärfungen bezüglich des sogenannten Sozialmissbrauchs, andererseits zweckentfremden Sie den Bundestag und nutzen ihn als Kanzel, von der Sie Vergebung und ein weites Herz predigen. Wie läßt sich das vereinbaren? Wie ist das eigentlich, Herr Friedrich, wenn ein Langzeitarbeitsloser versehentlich nicht angibt, dass er sich Achtfuffzig erbettelt hat oder Zweifuffzig an Flaschenpfand zusätzlich zu seinem Regelsatz eingenommen hat? Manchmal war das hierzulande schon ein Fall für den Staatsanwalt - der Bedürftige habe ja nicht alle Tatsachen angegeben und damit den Sozialstaat und den Steuerzahler betrogen, las man dann. Wenn sich dieser Hochstapler am untersten Ende der bundesrepublikanischen Gesellschaft einfach entschuldigte, Herr Friedrich: sollten wir ihm nicht verzeihen und den Staatsanwalt zurückpfeifen? Sollten wir die Staatsanwälte dieses Landes nicht sogar dazu verpflichten, dass sie jedem Sünder zunächst die Möglichkeit der Entschuldigung einräumen, damit die Allgemeinheit ihnen bedingungslos verzeihen kann?

Ich befürchte, Herr Friedrich, diese Idee mundet Ihnen nicht. Chaos bräche aus, würden Sie vermutlich einwenden. Aber wissen Sie, dieses Chaos müsste man konsequent erdulden: im Namen der Menschlichkeit! Einer Menschlichkeit, die Sie ja letztens so lautstark propagiert haben, als Sie dem Herrn Ex-Doktor Guttenberg ein guter Nächster sein wollten. Einen Aristokraten zu vergeben bedeutet, dass man auch dem Pöbel vergeben muß - die elitären Zirkel sind ja gerne Vorbild und als solches gilt alles, was man dem Blaublüter angedeihen läßt, auch für diejenigen, von denen ihr Milieu behauptet, dass sie schon vormittags blau wären. Das ist ja die Konsequenz Ihrer Menschelei - wenn sie es nicht wäre, menschelten Sie ja nur für den Aristokraten und würden demnach nur dem ein Anrecht auf Menschlichkeit geben. Der Rückschluss, dass die anderen, jene am Bodensatz, unter Umständen gar keine Menschen seien, ist dann nicht mehr unbedingt ausgeschlossen. Wann nun genau, Herr Friedrich, reichen Sie einen Antrag auf Gesetzesänderung ein, in dem steht, dass jeder Langzeitarbeitslose, der sich womöglich etwas zu Schulden kommen ließ (und dieses "woooomöglich" reicht heute schon aus!), zunächst ein Recht darauf hat, dass man ihm vergibt, wenn er sich höflich entschuldigt? Das wäre doch auch mal so Zeichen, das von jenem hohen Hause ausgehen würde, nicht wahr?

Oh, wie es doch menschelte - nur, wenn nichts weiter kommt, als dieses eine Plädoyer für Herrn Guttenberg, ohne Vergebung und Milde auch für andere, für "Kleinere" gelten lassen zu wollen, dann ist es gar kein Menscheln gewesen, was da stattfand, sondern ein Herrenmenscheln. Es herrenmenschelte doch arg im Bundestag! Nichts für ungut, Herr Friedrich, seien Sie mir nicht beleidigt, weil ich Ihrer hier so von oben herab spöttelte - ich entschuldige mich natürlich und Sie werden mir verzeihen; denn das wäre ein Zeichen, das von Ihrem privaten Hause ausginge...



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Le Blog c'est moi

Samstag, 26. Februar 2011

oder: (erneute) Proklamation in eigener Sache.

Seit bestimmter Zeit werden Wir impertinenterweise gefragt, weshalb Wir uns anmaßen, Kommentare spezieller Art, gar autokratisch zu zensieren. Wir werden ferner von manchem unmanierlichen Burschen oder mancher Maid gebeten, unsere Zensurmaßnahmen zu erläutern; dies diene einem Zwecke, den er oder sie Transparenz nennet.

Daher stellen Wir, Roberto von Blogspots Gnaden, hiermit richtig: Wir sind kein Autokrat, wie er oder sie behauptet; Wir sind berufen, an dieser Stelle Hausrecht zu üben. Gleichwohl Wir dieses Recht dergestalt wirken lassen, dass es rigide und zuweilen nicht demokratisch wirken möget, stellen Wir ferner richtig, dass Wir keinerlei Rechenschaft schuldig sind an Gesindel, welches hieran gewillt ist, fremdländischen oder bedürftigen Menschen an den Kragen gehen so wollen. Wir dulden es ferner nicht, dass Wir, Roberto von Blogspots Gnaden, von unverfrorenen Pack beleidigt oder auch auf privater Ebene angegriffen werden, in der Form also, dass der geneigte und unbescholtene Leser derlei Auswuchs tolerieren müsset.

Wir geben bekannt, dass Wir keinem Hundsfott Erläuterungen darreichen werden. Le Blog c'est moi! Gesindel, welches Einsicht in Unsere Lust und Laune fordert, wogegen es diese Impertinenz Transparenz nennet, darf nicht damit rechnen, auf Unser Gehör stoßen zu können. Dabei hülfe auch kein Minaudieren. Wir wollen Uns nicht herablassen, die Geifereien etwaiger Xenophober und Klassisten zu erörtern; Wir werden jene Stimmen, die Uns persönlich angiften und Uns unterstellen, Wir seien im Wesenskern schlimmer als jener Gefreite aus Braunau oder Wir betrieben hiero un blog seulement pour nous, zur Behebung Unserer psychischen Angespanntheit oder dergleichen, nicht dadurch ermuntern, dass Wir ihnen zu viel Gewicht bemessen mögen. Gleichwohl werden Wir Uns nicht dafür entschuldigen, zweierlei Bücher geschrieben zu haben.

Wir, Roberto von Blogspots Gnaden, geben fürderhin bekannt, dass Wir dergleichen Traurigkeiten aus traurig vertrockneten Gehirnen, nur um des Hausrechts willen überfliegen und innerhalb weniger Augenblicke über den Verbleib entscheiden. Eile ist geboten, weil Wir nicht die Zeit und Kraft aufbringen können, das Regieren dieses Blogs mit derlei Unsinnigkeiten zu molestieren. Wir regieren mittels jener Rechte über vermessene Kommentare hinweg, die Uns Blogspot in seiner gütigen Weitsicht verliehen hat; Wir handeln also nicht willkürlich. Man kann Uns demnach keine willkürliche Überheblichkeit nachsagen, was durch hiesige Proklamation von Uns dargeleget ist.

Merke er sich also folglich: Wir wirken hiero als Hausherr, Wir sind mitnichten Despot und keinesfalls abgehoben vom Boden weltlichen Rechtsverständnisses; Wir tun nur unsere Pflicht als erster Diener des Blogs und lassen walten Unsere gebotene Gnade, die Wir aber nicht coram publico darlegen werden.



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Sit venia verbo

Freitag, 25. Februar 2011

"Die Begeisterung vieler junger Offiziere lässt sich auch anhand eines Vorfalls in Bamberg am Abend des 30. Januar 1933 nachvollziehen. Als sich die Menge zu einer Freudenbekundung formierte, um die neue Regierung Hitler zu feiern, setzte sich ein junger Leutnant in voller Uniform freudig an die Spitze. Später wurde er dafür von seinen Vorgesetzten milde getadelt, erklärte jedoch vor seinen Kameraden, "dass die großen Soldaten aus der Zeit der Befreiungskriege wohl mehr Gefühl für solche echte Volkserhebung bewiesen" hätten. Der junge Leutnant war Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der als Mitglied der Widerstandsbewegung elf Jahre später ein Attentat auf Hitler verüben sollte. Im Januar 1933 und noch lange Zeit danach war es selbstverständlich, dass junge Offiziere wie Stauffenberg die neue Regierung einschließlich ihrer nicht militärischen Ziele unterstützten. Eine entfernte Verwandte erinnerte sich, dass sie überrascht war, als sie von seiner Beteiligung am gescheiterten Attentat 1944 erfuhr, da sie ihn für "den einzigen echten Nationalsozialisten in der Familie" gehalten hatte."
- Robert Gellately, "Lenin, Stalin und Hitler" -

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Vermittlungsausschuss heißt auch, den fabrizierten Ausschuss der Öffentlichkeit zu vermitteln

Donnerstag, 24. Februar 2011

"Die richtige Balance" habe man gefunden, urteilte Westerwelle. Und die Kanzlerin sei "sehr zufrieden" mit der Nachvollziehbarkeit, frohlockte Merkels Pressesprecher. "Mit großem Erfolg durchgesetzt", jubelierte Gabriel. Die vormals zerstrittenen Blöcke bekunden ihr großes Eiapopeia; alles einigermaßen zufriedenstellend verlaufen, jeder habe gewonnen und Positionen durchgesetzt - alle sind rundweg zufrieden mit der Überarbeitung der ALG II-Regelsätze. So sehr, dass eine heilige Tripel-Allianz der Zufriedenheit die Szenerie betritt.

Man hat sich eben auf die wahren Notwendigkeiten besonnen in diesem zweiten Vermittlungsausschuss, der die erste Variante, die Millionen von Langzeitarbeitslosen um üppige monatliche Apanagen gebracht hatte, vergessen machen sollte. Damals standen die Kombattanten noch unversöhnlich gegenüber, was ihnen öffentliche Rüge einhandelte - man bringe Bedürftige um ihre Bedürftigkeit, wenn man ihnen nicht eilends eine frohe Kunde von etwas mehr Zuwenig verkünde, las man allerorten. Wenn zwei Seiten jeweilige Interessen vertreten, hieß es weiters, dann würde das Demokratieverdrossenheit anfachen - in einer Demokratie, so stand jedoch zu Gebote, dürften sich zwei Ansichten nur auf dem allerkleinsten gemeinsamen Nenner treffen, nur dann sei alles in demokratischster Ordnung.

Was angemahnt wurde nahm man sich dann auch zu Herzen, setzte sich erneut in einem Vermittlungsausschuss zusammen und konzentrierte sich auf das wesentliche Element moderner Mediendemokratie: darauf, die beste PR für alle Parteien zu entwerfen, damit niemand sein Gesicht verliert. Vermittlungsausschuss hier und heute bedeutet, solange zu vermittlen, bis sich alle teilnehmenden Parteien als Sieger und Retter wähnen können. Am Ende sollen alle aus dem Ausschuss heraustreten und den geistigen Ausschuss, den sie fabriziert haben, als einen großen Wurf ausleuchten - Vermittlungsausschuss heißt: die Fehlproduktion, den fabrizierten Ausschuss also, vermittelt zu bekommen. Alle müssen erklären, besonders zufrieden zu sein; der Vermittlungsausschuss ist ein Ausschuss, der Zufriedenheit vermitteln soll - unter den Parteien natürlich, nicht bei denjenigen, denen man eine kleinkarierte Regelsatzerhöhung von nicht mal 1,4 Prozent vermittelt hat.

Und ganz nebenher sind jetzt die politischen Rubriken in den Zeitungen auch strotzend vor Texten, die Zufriedenheit atmen. Endlich sei die Politik in die Gänge gekommen, liest man da nun; endlich gäbe es einen Konsens; endlich habe man die "Institution Vermittlungsaussschuss" nicht entweiht, indem man über Gegensätzlichkeiten vermittelte (die freilich so weit nie auseinander waren!), sondern darüber, dass keiner der Teilnehmer sein Gesicht verlöre. Zufriedene Vertreter aller politischen Lager: das sei schließlich förderlich für die Demokratie!

Dass man in diesem zweiten Anlauf nicht über Verschlimmbesserungen befand, sondern darüber, dass auch die Sozialdemokratie als strahlender Gewinner heraustreten könne aus dieser illustren Runde, das ist das wahre Extrakt, aus dem Ausschüsse solcher Sorte sind. Wie können wir, werte Damen und Herren, so vor die Kameraobjektive treten, fragt man sich in solchen Ausschüssen normalerweise gegenseitig, dass wir unsere jeweilige Klientel nicht nur nicht verprellen, sondern vielleicht sogar dazu bewegen können, uns als Gewinner zu erachten? Es liegt doch in unser aller Interesse, dass keiner als Verlierer den Raum verlässt - wie also vermitteln wir unseren Wählern, dass jeder von uns erfolgreich war in dieser Runde? Dem Wähler dergleichen zu vermitteln: auch daher rühren solche Komposita wie "Vermittlungsausschuss"...



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Man wählt uns nur, weil wir nett aussehen!

Mittwoch, 23. Februar 2011

Es ist höchst funktionell, wenn desaströse Ereignisse einen Sündenbock kennen, auf dem sie begründet werden können. Die Tragödie der Hamburger Christdemokraten ist somit auch nicht das Problem der CDU selbst - man schiebt es Ole von Beust in die Schuhe, der nach christdemokratischer Lesart, in einem unglaublichen Anflug von Egoismus, aus dem Amt schied, ohne auf das Begehr der eigenen Partei zu achten. Ohne von Beust, so wissen es alle in der Union, allen voran Angela Merkel, hätte es einen Absturz wie jenen am Sonntag, niemals gegeben.

Das mag vermutlich nicht mal falsch sein. Tatsächlich war von Beust jemand, der von den Bürgern seiner Stadt als annehmbar akzeptiert wurde. Es ist an dieser Stelle auch gar nicht relevant, warum dies so war, ob zu recht oder nicht oder ob beispielsweise der offene Umgang mit seiner Homosexualität dafür verantwortlich war. Mit von Beust hätte die Hamburger CDU keine Katastrophe wie jene erfahren - sie hätte vielleicht nicht unbedingt die Wahl für sich entschieden, wäre jedoch mindestens relativ gefestigt in die Opposition hinübergewechselt.

Hierbei kocht die ganze Misere der Christdemokratie hoch, die letztlich aber ein Notstand personalisierter Politik generell ist - denn wenn man eine Wahlschlappe von geradezu archaischer Wucht einem Protagonisten alleine in die Schuhe zu schieben vermag, dann ist es mit dem inhaltlichen Gehalt derer, die hierzulande für die "politische Willensbildung des Volkes" (nach Artikel 21 des Grundgesetzes) verantwortlich sein wollen, nicht besonders weit her. Es ist im Grunde ein Armutszeugnis, wenn sich eine Kanzlerin hinstellt, einen Mitspieler aus ihren Reihen rüffelt und damit als Schuldigen stigmatisiert. Denn sie sagt damit letztlich nur: "Wir leben von der Beliebtheit einzelner Parteifunktionäre - programmatisch können wir nicht punkten, inhaltlich sind wir "gähnende Leere", unser Parteiprogramm ist so dröge, dass wir den feschen Teint einer auf Kommando schwanger werdenden jungen Opportunistin, den väterlichen Charme eines Greises oder die Homosexualität eines Mittfünfzigers benötigen, um überhaupt noch was darzustellen. Uns wählt niemand, weil wir was zu sagen haben, weil wir Träume schüren, weil wir dieser Gesellschaft eine beglückende Vision schenken - man wählt uns, weil manche von uns nett aussehen, gut riechen, eine entzückende Stimme haben."

Dafür muß man sich heute nicht mal mehr schämen, denn den anderen Parteien geht es wesentlich genauso. Deshalb entblödet sich auch Angela Merkel nicht, von Beust quasi alleine dafür verantwortlich zu machen. Weil er sein zuweilen ungepudertes Konterfei nicht mehr dazu hergab, dieser blutleeren Partei ohne Kontur, ohne Programminhalte, ohne Leben ein Gesicht zu verleihen, muß er als Schuldiger herhalten. In solchen desaströsen Fällen unken Parteispitzen dann oftmals, ihre Partei brauche neue Gesichter; neue Parteiprogramme, inhaltliche Revision und Reformation, das eigene marktliberale Konzept zu überdenken, um eine Politik gerechterer Teilhabe zu betreiben in etwa, wird kaum aufs Tapet gebracht. Gesichter finden ist nämlich einfacher und kommt denen, die den Parteiapparat mit schwarzen Koffern schmieren, auch eher zupass. Daher ist die christdemokratische Katastrophe zu Hamburg kein Abstrafen für verfehlte Landespolitik und auch nicht, wie im Falle von Landeswahlen oftmals üblich, eine Ohrfeige für die Bundesregierung: sie ist die Schuld eines Mannes alleine und nur daher eingetreten, weil ein markantes Gesicht fehlte...



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Der eigentliche Eklat

Dienstag, 22. Februar 2011

Bei einer Veranstaltung in London, bei der auch, oder besser gesagt: natürlich, Thilo Sarrazin anwesend war, sei es zum Eklat gekommen. Ein junger Mann habe die Anwesenden, unter denen auch die liebenswürdig gedrungene Gestalt des Henryk M. Broder lümmelte, mit dem Ausruf "Ihr seid alle Faschisten!" bedacht. Als ein Eklat wird dieses Verhalten hochgespielt; dabei läge der Eklat nicht im Ausruf selbst, sondern anderswo.

Man kann schon begreifen, warum der junge Mann zu einer solchen Grobschlächtigkeit gegriffen hat. Wer Sarrazins "kleine Geschichte der Eugenik" kennt, wer dessen Hang zu genetischen Rückschlüssen wahrgenommen hat, der muß in einem Anflug von Zivilcourage zu solchen drastischen Verbalmitteln greifen. Das große Aber ist jedoch, dass "Faschist" gänzlich unpassend ist - Faschisten, die gab es in Italien, das waren die Kampfbünde und Schwarzhemden um Mussolini. Faschisten dachten fürwahr totalitär, sie liebten den Frieden nicht unbedingt, waren expansionistisch und inspiriert durch die Geschichte des italienischen Stiefels und damit von der Überlegenheit der eigenen, ehemals römischen Kultur überzeugt. Was sie aber nicht waren, was so gut wie niemals eine Rolle im Fascismo spielte, das waren Erblehre und Rassentheorie.

Im Gegenteil, die Faschisten waren sich ihrer ethnischen Vielschichtigkeit durchaus bewusst. Die razza italiana war kein reinrassiger Verein, man wusste von der Verschmelzung aus Etruskern, Ligurern, Lateinern, Griechen, Langobarden, Normannen und Sarazenen - all diese Völker hatten ihren genetischen Beitrag zur Entstehung der Nation geleistet. Wie hätte man bei einer so weitreichenden Geschichte, mit so weitreichenden ethnischen Verwurzelungen, in der allerlei Völker eine Rolle spielten, von rassischer Reinheit predigen können? Schon die Ursprünglichkeit genetischer Denkweise fehlte im Fascismo also gänzlich. Einer regimekonformen Erblehre war damit das Wasser abgegraben. Die italienischen Faschisten verstanden überhaupt nicht, warum die Hitleristi so antisemitisch waren - Italien verfolgte Juden erst, nachdem das Dritte Reich den Part des mächtigeren Bündnispartners einnahm, weil sich der Duce in seinem Größenwahn vollkommen übernommen hatte. Vormals waren Juden vielleicht nicht besonders beliebt, wie seinerzeit überall in Europa, aber sie aufgrund ihrer rassischen Zusammensetzung zu verfolgen und auszumerzen, das wäre den Faschisten nicht in den Sinn geraten.

"Ihr Faschisten!", rief der junge Mann also den Teilnehmern der Londoner Runde zu. Und das sei ein Eklat, heißt es nun. Der eigentliche Eklat ist aber, dass der junge Mann irrte: Sarrazin kommt einem Faschisten im eigentlichen Wortsinne nicht besonders nahe - er gleicht einem Faschisten deswegen nicht, weil er allergrößten Wert auf Genetik und Volksspezifika legt. Das Wort "Faschist", das gerne als Allgemeinbegriff verwendet wird, um die totalitären Systeme jener stiefelgewichsten Ära unter einen Hut zu bringen, es beinhaltet, wenn überhaupt, nur rudimentär, was im "deutschen Faschismus" das Salz in der stinkenden Suppe war: die scheinbare Wissenschaftlichkeit bekanntlich, die sich erdreistete, Menschen nach Genen zu sortieren, sie damit rassisch einzuordnen. Das war die Spielwiese nicht der "Faschisten im Allgemeinen", es war der Tummelplatz der deutschen Nationalsozialisten!

Und genau das ist der eigentliche Eklat an der Sache: indem er diejenigen, die sich da lobend um Sarrazin versammelten, als "Faschisten" beschimpfte, hat er sie freundlicher und zuvorkommender behandelt, als es angebracht gewesen wäre. Wer dem Rassenkundler nacheifert, der ist kein Faschist: der ist ein Nazi! Der Eklat war demnach, dass er sie nicht beim Namen rief, diese Bande...



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De omnibus dubitandum

Montag, 21. Februar 2011

Bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg entfielen...
  • ... 43,0 Prozent aller möglichen Stimmen auf niemanden.
  • ... 26,2 Prozent aller möglichen Stimmen auf die SPD.
  • ... 11,9 Prozent aller möglichen Stimmen auf die CDU.
  • ... 6,1 Prozent aller möglichen Stimmen auf die Grünen/GAL.
  • ... 3,6 Prozent aller möglichen Stimmen auf die FDP.
  • ... 3,5 Prozent aller möglichen Stimmen auf die LINKE.
Das größte Lager stellen die Nichtwähler - so groß war dieses Lager in Hamburg noch nie. Die absolute Mehrheit der Sozialdemokraten begründet auf etwa einem Viertel aller möglichen Stimmen. Selbst eine (hypothetische) Große Koalition würde nur etwas mehr als ein Drittel aller Stimmen hinter sich vereinen. Die Opposition ist indes ein Gegenspieler, der ebenso nur von einem Viertel aller Wähler installiert wurde.

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