Das höllische Paradies

Montag, 20. April 2015

Urlaub am Mittelmeer. Man kann ihn buchen. Via Internet oder wenn man mal an den Schaufenstern von Reisebüros vorbeigeht. Das Binnenmeer lockt wie eh und je. Adria, Côte d’Azur, Playa del Sol. Schön ist es dort ja auch. Es gibt wenige Friedhöfe, die so attraktiv angelegt sind.

Es werden immer mehr, die im Mittelmeer ertrinken. Die Europäische Union, faktisch ein Friedensnobelpreisträger, sieht dabei zu, wie ihre Abschottungspolitik Menschen über Bord wirft. Sie nimmt es mehr oder weniger hin. Achselzucken. Schließlich verlangt von diesen Afrikanern und Arabern keiner, dass sie übersetzen. Sie hatten doch die freie Wahl, oder etwa nicht? Jeder ist seines Glückes Schmied - und seines Ersaufens Initiator. Die Europäer machen weitestgehend weiter wie immer. Arbeit, Familie und Urlaub planen. Gerne auch im mediterranen Raum. Bis zu den Knöcheln ins Wasser. Das Nass genießen. Ein Nass, das einige Kilometer weiter draußen Flüchtlinge verschlingt. Dieselbe Brühe, in der europäische Kinder schwimmen lernen, lässt guten afrikanischen Schwimmern keine Chance. Selten war der Begriff von der »Insel der Seligen« zutreffender. Nur dass Elysion jetzt keine Insel mehr ist, sondern ein ganzer Kontinent.

Dieses Meer taugte fast als Metapher, wenn es nicht tatsächlich ein Massengrab darstellte. Denn wir stehen alle im selben Gewässer. In der Welt gibt es keine isolierten Bereiche oder Regionen. Alles was geschieht, spielt eine globale Rolle. Das Meer, das tötet, ist ja auch dasselbe Meer, das Urlaubskarten gebiert, nahtlose Bräune und erholsame Wochen erschafft. Wir Europäer können also nicht so tun, als gehe uns das dauernde Ertrinken nichts an. Wir stehen im selben Wasser. Hin und wieder spült es Leichen an europäische Strände. Dann wird weggeschaut. Es ist doch Urlaub, wir wollen uns nicht sorgen. Und der arme Kerl da, der hat doch auch keine Sorgen mehr.

Heraklit soll mal gesagt haben, dass man niemals zweimal in denselben Fluß steige. Denn es »fließt anderes und wieder anderes Wasser zu«. Die Europäer scheinen ihren Heraklit respektive Platon gut gelesen zu haben. Wenn sie denn überhaupt noch solche Sachen lesen. Aber sie benehmen sich so. Sie tun so, als sei das Wasser ihrer Urlaubsfreude nicht in demselben interkontinentalen Bottich, in dem Frauen und Männer und Kinder jämmerlich absaufen und mit ihnen ihre Hoffnung, doch nochmal etwas zu haben, was an ein halbwegs würdevolles Leben erinnert. Ohne Hunger, Not, Verfolgung und die Aussicht, in jungen Jahren an eigentlich heilbaren Erkrankungen zu sterben.

Kritiker warfen der deutschen Öffentlichkeit neulich vor, dass der Abgang eines Bundesligatrainers mehr Interesse zeitigte, als die fast zeitgleich geschehene Katastrophe im Mittelmeer. Es ist aber mitnichten so, dass die Deutschen nicht auch auf das Mittelmeer schauen würden. Sie haben Interesse daran. Sie blättern hübsch in Katalogen und suchen sich schöne Strände und Unterkünfte aus. Oh, ist das Wasser nicht herrlich blau, Schatz! Ein Paradies. Dabei war das Paradies mal als der Ort beschrieben worden, wo es kein Leid und kein Elend mehr gibt. Kann es sein, dass die Hölle manchmal paradiesisch aussieht?

7 Kommentare:

anko 20. April 2015 um 08:44  

"Jeder ist seines Glückes Schmied" wie ich diesen Satz hasse!

Björn 20. April 2015 um 14:20  

Zum Heulen wahr

Louis Andiel 21. April 2015 um 16:30  

"... die Hölle wie ein Paradies erscheint ..." Was mir in letzter Zeit extrem in's Auge sticht, ist die Tatsache, dass unter den massengeklonten Individuen unserer Gesellschaft überhaupt keine Lebensfreude mehr zu existieren scheint - und das hat meineserachtens seine volle Berechtigung: Man kann nicht glücklich und zufrieden sein, mit sich und der Welt, wenn man die Verantwortung für massenhaftes Elend, Tod und Verderben auf der ganzen Welt trägt. Ich bin wirklich kein Freund der Vererbungslehre, aber wenn man sich mal die Leistungsbilanz unserer Antizivilisation anschaut, ist unsere Geschichte doch lediglich eine Aneinanderreihung von Genoziden. Ein Holocaust reiht sich an den nächsten, ob man da den (Neo-)Kolonialismus in Afrika, den Raub des amerikanischen Kontinents oder die Shoa anführt, spielt wahrlich keine Rolle mehr. Was wir besitzen, das haben wir gestohlen. Wir sind Diebe und Mörder, die in ständiger Angst leben müssen, dass man ihnen das, was sich in grausamsten Massakern mühevoll zusammengeklaut haben, wieder wegnimmt - und der Tag wird kommen, soviel ist gewiß. Aber egal, wenn man schon keine Lebensfreude mehr hat, weil es einfach nichts mehr gibt, auf das man sich freuen könnte - und auf was man stolz sein könnte schon gar nicht! -, weil man in einer alternativlosen Matrix nur von Wochenende zu Wochenende, von Vollrausch zu Vollrausch und von Gehaltsabrechnung zu Gehaltsabrechnung denken kann, dann gehört man wenigstens dazu und fühlt sich in unserer Zombiegemeinde bestimmt richtig wohl und geborgen. Ich gönne es den Leuten. Weiter so! Viel Spass!

Anonym 21. April 2015 um 23:13  

Die Dualität eins unerträglichen Zustands treffend auf den Punkt gebracht: höllisches Paradies.
Oder ersoffene Freiheit.

Ob die europäischen Gaukler der Freiheit sich wohl auf den Weg machen, um der Toten zu gedenken?

FRONTEX. Ex und hopp!

Anonym 22. April 2015 um 13:24  

Louis, du setzt voraus, dass die Gesellschaft mit dem kollektiven geschichtlichen Bewusstsein herumläuft, "die Verantwortung für massenhaftes Elend, Tod und Verderben auf der ganzen Welt" zu tragen.
Ist dieses Bewusstsein wirklich so omnipräsent? Ich glaube nicht - das Gegenteil ist der Fall. Insofern geht der Zusammehang zu mangelnder Lebensfreude auch nicht auf.

Anonym 22. April 2015 um 16:16  

Louis, du machst genau das, was Roberto letzten Mittwoch abmahnte:
http://ad-sinistram.blogspot.de/2015/04/zu-ohren-gekommen.html

Genausowenig wie man "den Griechen" die Entscheidungen griechischer Politiker in die Schuhe schieben kann, kann man "den Deutschen" für "Elend, Tod und Verderben auf der ganzen Welt" verantwortlich machen.
Wie Roberto auch immer nach Wahlen aufzeigt, werden die hiesigen Politiker nur von einer Minderheit in ihre Ämter gehoben.

Louis Andiel 22. April 2015 um 19:08  

Sorry, vermutlich bin ich gelegentlich etwas zu emotional. Nix für Ungut. :)

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