Die Revolution der bierärschigen Opportunisten

Samstag, 20. September 2014

Wir leben in einer revolutionären Zeit. Das behauptete jedenfalls so ein Forscher neulich im Radio. Ich drehte lauter. Das versprach die Autofahrt kurzweiliger zu machen. Die Generation der 15 bis 30-jährigen betreibt eine »heimliche Revolution«, sagte er. Er hat wohl auch ein Buch dazu geschrieben. Nicht schlecht. Er muss ja auch von was leben.

Ein Erklärungsansatz: Der Mann glaubt, dass diese Generation so sehr von ihrer Erfahrung am Arbeitsmarkt geprägt sei, dass sie sich Bildung auf die Fahnen schrieb. Die Menschen jener Generation hätten erkannt, dass sie schwer nach einer Stelle ringen mussten, weil sie noch nicht ausreichend gebildet waren. Diese Erfahrung mache man heute nicht mehr, fügte er in einem Nebensatz ein. Aha, der Aufschwung ist wohl da? Jedenfalls wurde die Qualifizierung ihr Steckenpferd. So kamen sie dann doch irgendwann in einen Betrieb und gestalteten ihn ruhig und besonnen um. »Ego-Taktiker« nennt er diese Revolutionäre. Indem sie sich selbst geschult hätten, würden sie nun damit beginnen, die Welt um sich herum zu verändern. So brechen sie Strukturen auf und modellieren die Welt nach ihrem Vorstellungen.

Schon irre wie wenig Gehalt diese These hat. Denn das ist im Grunde die ganze Botschaft, die er verkündete. Die Moderatorin fand das natürlich spannend und tat so, als habe sie eben das Rätsel der Welt gelüftet. Sie stellte Fragen, die nicht mal richtig zum Thema passten. Ich schüttelte nur den Kopf, was bei 150 Sachen nicht ungefährlich ist.

Was dieser Forscher mit einer Revolution verwechselte ist die Anpassung, das Mitmachen und Einfügen. Wo bitte hat diese Generation irgendwas an den gesellschaftlichen Strukturen verändert? Wo ist der Fortschritt? Ich sehe nur Prekarisierung, Sozialabbau und die Einschränkung von Lebensqualität. Was ist die Utopie, der sie folgt? Der Mann verwechselt die Egomanie der Yuppie-Generationen mit sozialem Engagement. Der Ich-Mensch, der sich in Karrierismus übt, ist doch kein Revoluzzer. Ja, ich bestreite sogar, dass diese »Generation Y«, wie sie die Soziologie nennt, überhaupt auch nur reformistisch angehaucht ist. Das war ja nicht mal mehr die späte »Generation X«, der ich angehöre. Wir waren ja schon entutopisiert und yuppiesk beschallt. Man zeigte uns die Bevölkerungspyramide in Sozialkunde und sagte: So muss es sein, so wäre es richtig. Dass das mathusianischer Unsinn und sozialdarwinistischer Bullshit war, habe ich erst viel später entdeckt - andere meines Jahrgangs wahrscheinlich bis heute nicht.

Anpassung, Assimilation in hierarchische Betriebsstrukturen, Gleichmacherei und Unterordnung sind also revolutionär? Bildungsarroganz, Eigennutz und klassistische Überheblichkeit sind die Taten von Revolutionshelden? Oh Mann, da deutet jemand diese entpolitisierten Generationen um und stellt sie in eine Ahnengalerie mit »Kampf dem Atomtod«, den 68ern und der Anti-AKW-Bewegung. Er tut ja so, als habe zivilgesellschaftlicher Widerstand gegen die herrschenden Strukturen eine ganz neue, eine sublimierte Form eingenommen. Selten so einen Unsinn vernommen. Ein Karrierist bleibt ein Karrierist. Unterordnung ist Unterordnung. Da kann man hineininterpretieren was man mag. Die Sache ist wie sie ist.

Nein, nicht alles ist schlecht bei jener Generation. Es gibt ja auch kritische Geister, die den Neoliberalismus ablehnen und Occupy aufziehen. Aber ausgerechnet die meinte der Forscher ja nicht. Die, die mitmachen und nichts hinterfragen, sind seine Revolutionäre. Die, die den Klassismus auf Grundlage des »Ich-habe-Arbeit-und-du?« verfestigen. »Agenda-Menschen«, wie sie Friedhelm Hengsbach mal nannte. Mit welchem Unfug sie einem aus dem Radio heraus berieseln. Revolution der bierärschigen Opportunisten. Dass ich nicht lache. Ich gab Stoff, ich fuhr viel zu schnell. Aber hey, kein Problem, denn meine schnelle Fahrt ist Revolution, dachte ich mir. Wenn ich schneller vorankomme, wird die Welt ein besserer Ort. Darüber sollte der Kerl auch mal ein Buch schreiben.

12 Kommentare:

epikur 20. September 2014 um 10:45  

Der selbsternannte "Jugendforscher" Klaus Hurrelmann tingelt gerade durch sämtliche Medien-Kanäle. In "Psychologie Heute" und in der FAZ habe ich Artikel und Interviews mit ihm gesehen. Überall behauptet er: "Wer angepasst ist, ist eigentlich ein Rebell." Neusprech hat wieder Hochkonjunktur.

Roberto De Lapuente 20. September 2014 um 10:49  

Ja, stimmt. So hieß der Typ. Das Interview dauerte drei Minuten. Ich hörte nur zwei davon, denn dann fuhr ich in einen Tunnel und die Übertragung war zuende. Als ich rauskam, lief irgendein Stück von Albert Hammond. Das war viel besser.

Anonym 20. September 2014 um 11:45  

Hurrelmann war der Erste, der schon in den '80ern den Fakt in die Medien brachte, dass in Deutschland soziale Ungleichheit bei Kindern und Jugendlichen auch in der Gesundheit besteht. So unbesehen sollte man den Mann also nicht entsorgen, wie es nach einem 2-Minuten-Interview hier geschieht, Roberto.

epikur, "selbsternannt" stimmt nun nicht - Hurrelmann ist seit 1971 Doktor der Soziologie, seit 1975 habilitiert mit der Arbeit "Erziehungssystem und Gesellschaft", und seine Veröffentlichungen der letzten 40 Jahre drehen sich alle um Jugendforschung - mit durchweg gesellschaftskritischer Sicht:
Erziehungssystem und Gesellschaft (1975)
Psychosoziale Belastung im Jugendalter (1989)
Armut bei Kindern und Jugendlichen (2001)
Ungleichheit und jugendliche Lebenswelten(2008)
Bildungsverlierer (2010)
...das sind doch unsere Themen hier.

Anonym 20. September 2014 um 12:10  

Soziologischer Unsinn.

Roberto De Lapuente 20. September 2014 um 14:33  

Ach weißt du, der Mann hat sicher auch richtige Sachen behauptet. Ohne Frage. Das tut gewissermaßen jeder mal. Trotzdem ist seine neueste steile These nichts als gequirlte Soziologenscheiße.

Anonym 20. September 2014 um 15:27  

Das ist so, als wenn man Gregor Gysi aufgrund dieses einen Zitats von ihm mit seiner Forderung für Waffenlieferung an die Kurden als imperialistisch-kapitalistisch-typisch-westlichen Aggressor hinstellen würde. Absurd.
Genauso absurd wie Hurrelmann aufgrund dieses aufgeschnappten Schnippsels einen Strick zu drehen.
Ich wundere mich über die Unbildung, über das Unwissen über ihn.
Es ist so, als würde jemand ohne politische Bildung Gysi aufgrund seines Zitats einordnen wie beschrieben...

Roberto De Lapuente 20. September 2014 um 15:34  

Der Unterschied zu Gysi ist aber, dass der Mann ein ganzes Buch diesem Thema gewidmet hat. Seitenweise vertritt er dort diese These. Außerdem will ich ihn ja gar nicht angreifen. Bis vorhin wusste ich nicht mal mehr den Namen. Aber Anpassung als Revolutin zu feiern, da mach ich mir schon Gedanken. Denn da läuft was aus dem Ruder. Ansonsten ist mir der Kerl völlig egal.

Anonym 20. September 2014 um 21:41  

Mach dir keinen Kopf, der Hurrelmann war immer schon eine Pfeife.
Ich kann mich erinnern, dass ich Anfang/Mitte der 90er mal zusammen mit meinem Vater (Lehrer) ferngesehen habe und da wurde der "Jugendforscher" Hurrelmann in irgendeinem Kontext befragt. Mein Vater ist zu meinem Amusement fast ausgerastet und bekam einen hochroten Kopf. Ich weiß leider nicht mehr genau worum es ging, aber es war wirklich damals schon irgendein völlig offensichtlich dünnpfiffiger Käse. Der Mann lebt ganz gut von seiner Rebellion gegen die Wissenschaftlichkeit, so viel ist sicher.

Anonym 21. September 2014 um 09:06  

....das Buchsteller ist bestimmt kein Bestseller....

Anonym 21. September 2014 um 13:43  

Zum Thema Bevölkerungspyramide wurde schon immer Unsinn erzählt. Leider habe ich das auch erst spät erkannt und rege mich nur noch darüber auf, dass sich einige Mythen seit Jahrzehnten halten.

Allein dieses ewige Geschwätz von der Rentenlücke.
Immer weniger Arbeiter müssen immer mehr Rentner durchfüttern, so ist mir das in den 80ern in der Schule immer wieder erklärt worden und das wir die Generation sind, die sich auf jeden Fall privat versichern muss.
Der Witz an der Sache ist ja, dass es zwar immer mehr Rentner gibt, gleichzeitig aber die Wirtschaft immer weiter wächst. Wenn der Kuchen immer und immer größer wird können davon doch ruhig immer mehr Leute einen Teil davon bekommen.
In einem kapitalistischen Wirtschaftssystem, dass auf permanentem Wachstum ausgelegt ist, werden uns mit statischen Zahlen Probleme eingeredet.
Der Kuchen ist groß genug, er wird nur ungerecht verteilt.

Aber da kann man sich manchmal den Mund fusselig reden, die Leute kapieren es nicht.
Erst vor zwei Wochen hatte ich ein Gespräch mit unserem Azubi, dem ich erst einmal erklärte, dass er eben nicht in eine Rentenkasse einzahlt, in der das Geld aufbewahrt wird und dass er dann in 40 Jahren wiederbekommt. Sein Geld bekommen die Rentner und wenn er so weit ist bekommt er das Geld von den jüngeren, arbeitenden Generationen.
Das empfand er als eine Riesensauerei, dass ihm der Staat Geld wegnimmt, von dem er nichts hat und das der Staat ihm ja ohnehin schon genug wegnehmen würde.
An der Stelle mischte sich ein älterer Arbeitskollege ein, der zuvor nur grinsend sein Brot aß:
„Ich glaub, du kapierst unser System nicht, oder? Dieser Staat beschützt sich, stellt die Infrastruktur zur Verfügung, hat sich um deine Bildung gekümmert. Als Gegenleistung zahlst du ihm Steuern, bis du nicht mehr arbeiten kannst und dann kümmert er sich wieder um dich.“
„Nein“, meinte der Azubi,“ meine Eltern haben alles bezahlt! Die bezahlen ständig, vor allem für Leute die keine Lust haben zu arbeiten. Ständig bestiehlt der Staat sie und sie haben nichts davon.“
„Haben die das deine Eltern erzählt?“
„Ja!“
„Das erklärt einiges!“ sagte mein Kollege noch und aß grinsend weiter sein Brot, während ich noch vergeblich versucht, dem Azubi zu erklären, was alles an seiner Aussage schwachsinnig war.
Mein Kollege nahm das mit Humor, aber ich war nur noch schockiert, wie indoktriniert dieser Azubi ist.

Anonym 21. September 2014 um 16:01  

@ Anonym 21. September 2014 13:43

Wenn so etwas wählen darf, dann braucht man sich nicht zu wundern, dass zum einen die Welt so ist als hätte es die Beatles nie gegeben und zum anderen als wären die politischen Fortschritte der letzten Einhundertfünfzig Jahre nie gewesen.

flavo 25. September 2014 um 09:28  

Die Jungmullahs des Neoliberalismus seien Revolutionäre. Im Betrieb auch noch. Abgesehen davon, dass kaum jemand überhaupt im Stande ist zu ersehen, was denn eine Revolution zum Guten sei, da man höchstens eine Hand braucht, um sie weltgeschichtlich abzuzählen. Abgesehen davon auch, dass dieses Geschwätz von der revolutionären Tat im hochgepokerten Elitenmarxismus ja bis zum Aufschwemmen einbalsamiert wurde und geradezu im Ledersessel zu später Stunde in einem Satz die revolutionäre Tat halluziniert wurde. Heute nun ist das Proletariat in dieser Optik der Rechtslastigkeit bezichtigt. Heute ist der Pöbel nicht mehr das revolutionäre Subjekt, heute ist er der, der falsch wählt, dem Kompetenzen ermangeln und der allenfalls ins rechte Eck schlittert. Der elitäre Marxist klopft eher seinem Genossen aus der konservativen Abteilung der Elite auf die Schulter, als einem Lagerarbeiter oder einer Putzfrau.
Nun aber hier sei also das Revolutionäre in die Konformität des entfremdeten Arbeitsalltags eingezogen. Die einzige Revolution die man darin sehen kann ist wohl jene Revolution, mit der nach jahrelangem Training der Internalisierung der Arbeitsmarktschemata dieses nun geradezu exlposiv umschwappt in den Tatbereich dieser Agenten. Vollmundig ist man über den Rubikon gekrochen, mit letzter Kraft hat man noch die größte Absurdität der Arbeitsmarktschemata internalisiert und nun kommt all dieser semantische Mist wie eine Flutwelle aus den Untiefen der Innerlichkeit hervor und drängt aus der Haut in die Bewegung des Körpers und die Sprachen des Mundes. Von Innen heraus wird die Welt nun außen umgebaut. Das, was einem vorher angetragen wurde, trägt man nun stabil und gekonnt an. Von außen betrachtet wird die Welt gestutzt. Taylor ist längst vertrieben, jeder Gebrauchsgedanke ist entschwunden. Der Jungmullah des Neoliberalismus lebt in einer wurzelfreien Welt, er lebt pulsierende Weltsequenzen aus dem Double Leistung/Genuss. Man sieht, es ist die blanke Formalität. Leistung/Genuss ist das neoliberale Existenzschema schlechthin. Erbringe Leistung und Genieße. Egal was du tust. Der Genuss ist rückgebunden auf die gesellschaftliche autoritäre Ordnung. Genussoptionen werden angeboten. Erbringe Leistung und genieße. Egal was. Derart im Strudel des Sinnentbundenheit floriert die Diversität. Daher Phänomene der völlig abstrusen Kombination beliebiger Weltelemente, die jeder größeren und totalisierenden Perspektive harren. Zugleich Fan von Hundekacke und Flugzeugflügelspezialist. Dass auch jener mit der Komination Grüne Handtaschenfetisch-überall 17 Minuten zu früh sein-im Kino einen Schuh ausziehen im Neoliberalismus des Jahres 2014 lebt ist unaufgreifbar. Er ist ein ominöser anderer. Leiste und genieße, egal was. Jene vermeintlichen Revolutionäre im erfolgreichen Arbeitsleben sind nicht anders. Leistung/Genuss hat unzählige Kaskaden. Derart sind mannigfaltige Erlebensstöme konfigurierbar. Der CEO leistet die Betriebsverwaltung und genießt die kleine Yacht. Der kleine Chef leistet die Personalsekkiererei und genießt ein größeres Auto. Alles wird begraben, jedes weite Aushohlen und durchfragen des Erlebensstromes. Der Rythmus ist sequentiell, nicht linerar. Linearität ist der Weg zur erweiterten Perspektive, zur Integration der Sequenzen in ein Ganzeres (nicht Ganzes). Dieser kleinkindliche Entwicklungschritt wäre die Revolution, die die Generation Y zu erbringen hätte.

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