Auf unentdecktem Land

Freitag, 21. Juni 2013

Der Spott, der sich aufgrund der Neuland-Äußerung in eben diesem "Neuland" über Merkel ergoss, hat letztlich bewiesen, dass die Internet-Gemeinde zuweilen eine arrogante Parallelgesellschaft ist, die sich an einzelnem Partikel einer Aussage aufgeilt, aber die ganze Quintessenz von Aussagen gar nicht erst thematisiert.

Jeder hatte während des Obama-Besuches das Recht, seinen Hohn in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten - so oder ähnlich formuliert man im Internet zuweilen den Meinungsfreiheit-Artikel um. Als die Kanzlerin von Neuland sprach, entfaltete sich wieder mal shitstormgleich ein Strauss bunter Häme. Doch alle Blüten wiesen denselben Grundtenor auf. Er lautete: Wir Menschen im Internet haben Qualitäten und Kompetenzen, schon seit Jahren, die die Kanzlerin nicht hat. Es handelt sich, vereinfacht gesagt, um die Arroganz des Könners gegenüber den Nichtkönner.

Auch wenn man sich natürlich fragen kann, wo die Kanzlerin die letzten Jahrzehnte verbrachte, so geht diese Skandieren des Spotts am wesentlichen Gegenstand der Neuland-Äußerung vorbei. Dieser Einschub vom Neuland will nämlich suggerieren, dass man Boden betritt, den man nicht kennt, auf dem man sich zuweilen blind vorantastet, fehlerhafte Schritte macht. Auf Neuland weiß man nicht, was einen erwartet und man weiß nicht, wie man sich verhalten soll. Prism ist also nichts anderes als das unabwendbare Resultat, wenn man sich auf unbekanntem Boden vorantastet.

Das Skandalöse war demnach nicht die lächerliche Einsicht, dass die Kanzlerin unter Umständen keine Ahnung vom Internet haben könnte, sondern der Umstand, dass sie Prism bagatellisiert, indem sie es zur Expedition in einem unentdeckten Land verklärt.

Das ist neben der technologisch versierten Arroganz gegen Nichtkönner des Internets der andere Wesenszug der Leute von Neuland. Sie greifen ein Schlagwort auf, isolieren es von der Gesamtaussage und schaffen sich eine Parallelwelt, in der der Skandal auf ganz andere Prämissen baut, als man das bei der Betrachtung der Äußerung und des Rahmens, in der sie fiel, eigentlich erwarten könnte.

Die Bürger Neulands mögen zwar wissen, wie man twittert, was ein Hashtag ist, wie man Inhalte in sozialen Netzwerken teilt - aber die Verschleierungstaktiken einer Sicherheitspolitik, die sich zum unschuldigen Wanderer im finsteren Tal macht, der sich schon mal im privaten e-Mails verhaspeln kann, weil er so orientierungslos ist, die durchschauen Neuländer ganz offenbar nicht.


18 Kommentare:

Gerald Rusche 21. Juni 2013 um 07:46  

Ziemlicher Unfug! Das ist kein Phänomen der "Neuländer". So hat sich Presse und Öffentlichkeit auch schon vor dem Internet verhalten.

Das Internet beschleunigt und vervielfälltigt solche Reaktionen nur extrem. Wenn das jemand nicht versteht dann vermutlich well für den Betreffenden das alles Neuland ist;-) Oder er sich einfach zu wohl fühl in dem ihm bekannten Altland.

Es geht nicht um Frau Merkel, es gent nicht um das Internet. Es geht darum, dass jemand der in sehr exponierter Verantwortung ist, es nicht für nötig hält sich mit den Belangen von Millionen Bürgern frühzeitig auseinander zu setzen.

Im Ernst, wenn das Internet für Merkel Neuland ist, wird mir beim EURO Angst und Bange! Denn der ist nur halb so alt.

Roberto De Lapuente 21. Juni 2013 um 08:17  

Ich behaupte, Du hast nicht verstanden, was der Text sagen will. Man kann Merkels Äußerung seltsam finden, aber die Shitstorm-Haltung, die neuerdings "Demokratie" suggeriert, geilt sich nur an Oberflächlichkeiten auf, geht nie ins Detail. Neuland ist kein Spaßbegriff, sondern eine Verschleierungstaktik gewesen. Davon ist wenig zu lesen - nur einige Feuilletonisten haben sich dazu geäußert. In den sozialen Netzwerken der übliche Käse, der viel "redet", aber wenig "sagt".

Thumay 21. Juni 2013 um 09:42  

Na dann lies mal das:
http://www.piratenpartei-hessen.de/piratengedanken/2013-06-19-liebe-digitale-ureinwohner-das-neuland-ist-euer-land

Anonym 21. Juni 2013 um 10:05  

AMERKER MEINT:

Genau, Roberto: Shitstromer(sic!) geilen sich in diesm Punkt an Dingen auf, die echt völlig irrelevant sind. Was wäre denn gewonnen, wenn Frau Merkel, die sich ja jede Woche einmal über einen Podcastbeitrag zu Wort meldet, sich im "Neuland" besser auskennen würde? Sie würde eine andere Erklärung parat haben, um zu verschleiern, wie sehr sie mit Obamas Vorgehen konform geht. Insofern geht die Klage über Frau Merkels InternettereiWissen an der Sache vorbei. Allerdings ist es wirklich erschreckend, dass diese Frau, immerhin, wie es immer wieder heißt, die mächtigste der Welt, weder von der Hard - noch der Software des Euro auch nur substantielle Ahnung hat.

MEINT ANMERKER

karl klösschen 21. Juni 2013 um 11:11  

Ich finde die Aussage hinsichtlich des Gesprächspartners und eingedenk des Elends der Ureinwohner Amerikas und der Tatsache, dass sich die amerikanischen Präsidenten immer noch nicht in Den Haag für die begangenen Kriegsverbrechen verantworten wollen, schlicht zynisch. Frau Merkel mag keine Ahnung vom Internet haben!In Geschichte sollte Sie allerdings in der Schule unterrichtet worden sein (es sei denn, die Qualität des Unterrichts war zu ihrer Zeit bereits so schlecht, wie mit Pisa heutzutage attestiert!) ebenso wie Grundkenntnisse der Begrifflichkeiten Menschenrechtsverletzungen und Demokratie.

Sledgehammer 21. Juni 2013 um 14:15  

Die Meute hetzt den "falschen Hasen".

Es scheint in den Netzwerken, und nicht nur dort, weitgehend Konsens zu sein, sich im Nebensächlichen zu verhaften.
Das Substrat herauszuarbeiten und sich darn abzuarbeiten, scheint der Mühe nicht wert.
Dies eventuell primär an der offensichtlichen Bildungsmisere festzumachen, würde zu kurz greifen.
Vielfach ist es die schiere Lust, andere Menschen zu diskreditieren, sie der Lächerlichkeit preiszugeben oder gar gesellschaftlich zu vernichten.
Im Schutz der (anonymen)Masse feiern sie ihren Mangel an Emphatie und Kompetenz.

maguscarolus 21. Juni 2013 um 16:26  

Es ist die Arroganz rein technisch interessierter und – mehr oder weniger – versierter Leute, die hier ihre Hämekübel ausschütten.

Ich kenne die Menschin Merkel nicht, aber in ihrer politischen Intelligenz – oder nennt es ihren Instinkt – ist sie den meisten ihrer Partei"freunde" und schon gar irgendwelchen Technokraten-Eliten deutlich überlegen.

Sie benutzt die Menschen nach Belieben und irgendwelche Verständnisdefizite bei IT-Systemen werden für sie nie von Bedeutung sein. Dafür hat man seine Knechte – damit man sich selber auf die Feinheiten der marktkonformen "Demokratisierung" und feinste Raffinessen der Volksverdummung vor der anstehenden Wahl konzentrieren kann.

Anonym 21. Juni 2013 um 18:00  

Ich muss Gerald Rusche Recht geben und würde sagen, dass hier mal wieder der Fehler gemacht wird, Merkel in irgendeiner Weise ein taktisches Vorgehen zu unterstellen.
Das hat Merkel aber nicht: diese Frau ist die geborene Passivität, mit der sie Dinge vorantreiben und umsetzen _lässt_, und zwar so ziemlich alles, was man ihr vorlegt und was gerade an Ideologie en vouge ist. Deshalb können solche Leute auch wunderbar die Seiten wechseln, alles kein Problem.
Diese Frau ist vor allem eines: unglaublich proletarisch und auch einfältig (was sie mit den meisten Politikern gemeinsam hat), und eher darauf muss man ihre Aussage beziehen. Es geht also eher in die Richtung der Bild lesenden "Was ist noch mal ein Browser"-Zypris.

Roberto De Lapuente 21. Juni 2013 um 18:05  

Taktisches Vorgehen nicht. Aber sie hat mit der Chuzpe einer Passiven, getan, was getan werden muss. Das schließt sich doch nicht aus.

Anonym 21. Juni 2013 um 18:41  

Also noch mal: Merkel hat keinen blassen Schimmer: was sie macht, was sie sagt, worum es geht. Sie ist auch komplett einfältig. Wie sagte jemand so schön: "Die ist so was von proletarisch, aber redet von Bildung."
Von daher lässt sie mit ihrer Passivität schon alles zu, sie lässt alles zu, was man ihr an Ideologie ins Ohr flüstert, aber es besteht von ihrer Seite kein Vorsatz, sie weiß gar nicht, was sie da macht, weil sie ja nur passives Erfüllungswerkzeug ist.
Das ist es, was manche an ihr als strategisches Vorgehen oder Gespür sehen wollen, aber da ist nichts. Ihr deutet da etwas an sie hinein, was nicht vorhanden ist.
Es geht bei ihr nur darum, etwas umzusetzen, was aber nicht ihr eigenes ist, deshalb auch die politische Überlebensfähigkeit, die Machtgeile halt oft haben. Aber das ist alles nicht Taktik, nicht bewusst. Ihr überschätzt die Madame total. Die würde selbst nie was auf die Reihe bringen, noch nicht mal die Leitung eines Physik-Labors.

Anonym 21. Juni 2013 um 19:32  

Ich finde es nicht weniger arrogant, wenn Frau Merkel mal eben von "uns alle" spricht.

Auch ist die Überwachung von Telekommunikation wirklich kein Neuland, das Thema ist in Deutschland seit den Diskussionen um die Vorratsdatenspeicherung präsent. Vielmehr ist es doch so, dass unsere politische Elite sich nachhaltig weigert, den Einfluss des Internets auf die Gesellschaft zu zu akzeptieren (wie man an Leistungsschutzrechten, etc. schön sehen kann).
Und wenn sie "PRISM" meint, oder globale Überwachung, wieso sagt das die angeblich so talentierte Frau Merkel nicht? Wieso spricht sie von "das Internet", wenn sie ein Abhörprogramm der NSA meint?

Ich bin wirklich keiner dieser Geeks, aber die gesamte Arbeit der Regierungsparteien zeugt im Bereich neue Medien und Internet von absoluter Unkenntnis ("deutsches Google", sag ich da nur).

Ich stimme allerdings der Aussage zu, dass die sog. "Netzgemeinde" dazu neigt, Dinge völlig aus dem Kontext zu reißen, "Shitstorms" loszutreten und sich dann als Verfechter der Demokratie dafür selbst zu feiern.

Dirk

ScherzBischof 21. Juni 2013 um 20:13  

Es ist mir ziemlich sch...egal ob für Merkel das Internet Neuland ist.

Das Problem ist das für Merkel Demokratie, soziale Marktwirtschaft und Menschenrechte Neuland sind ... und da will sie auch nicht hin.

Anonym 22. Juni 2013 um 00:56  

Ich würde diese Aussage noch verfeinern.

Die Internetmeute versteht leider nichts von Politik. Die Merkel ist vielleicht passiv, aber ihr entgleitet sicherlich Nichts einfach so aus Versehen. Und wenn doch, dann wird das im Zweifelsfall immer gegen euch verwendet werden. ;)

Wenn man etwas genauer hinsieht, dann bemerkt man, dass ihre PR-Agentur (ja was glaubt ihr denn?) im Großen und Ganzen dieselbe Nummer schiebt, wie die von Bush Jr. (siehe Chomsky) und Putin. Nur ist sie die nette "Eine-von-euch", die Mutti eben.

Diese Aussage galt, auch wenn sie "uns alle" meinte, nur ihren Wählern. Ihr und ihren Beratern ist sicherlich klar, dass sie keine Neuwähler in der "Internetgemeinde" finden wird. Somit ist die Aussage mit dem "Neuland" für ihre potentiellen Wähler absolut repräsentativ und der Shitstorm, würde ich meinen, perfekt kalkuliert. Denn die Internetmenschen, so sehr überwältigt von ihren eigenen "Wissen" und "Können", sind politisch sehr leicht auszumanövrieren, da sie im Allgemeinen sehr impulsiv reagieren. Mit diesem Shitstorm, so wie mit vielen anderen, diskreditieren sie sich eigentlich nur selbst und treiben der netten Mutti nur noch mehr Wähler zu.

Auf der anderen Seite hat der Gast sie Aussage auch richtig verstanden. Für ihn heißt es "wir wissen nix, sehen nix, sagen nix". Und wir alle wissen auch, welche Regeln für eine Kolonialmacht im "Neuland" gelten. Im schlimmsten Fall gilt für Merkel dann plausible deniability - Neuland eben.

totschka 23. Juni 2013 um 17:50  

Absolute Zustimmung zu diesem Artikel! Mir fallen beim Nachdenken über die ganze Chose "Prism" immer nur die verdutzten Reaktionen der Empfänger meiner E-Mails ein, als ich begann, sie zu signieren und gleichzeitig ankündigte, künftig nur noch verschlüsselte Informationen zu versenden. Da komme ich nämlich echt ins Grübeln, wer da keine Ahnung von "Neuland" hat...

Manul 23. Juni 2013 um 22:19  

Das Beste daran, finde ich, ist immer die Tatsache, dass unter den 'Könnern' jede Menge Leute dabei sind, die überhaupt kein Problem damit haben im Netz ihr Privatleben öffentlich zu machen.
Prism ist daher nur der Anfang, denn heutzutage braucht man kaum noch richtige Spione, um Millionen auszuspionieren. Die Leute spionieren sich doch selber gegenseitig aus und teilen ihre Ergebnisse mit der ganzen Welt mit (und den Sicherheitsdiensten auch, die gemeinsam mit ihren virtuellen Freunden alles mitverfolgen).

mentor54 24. Juni 2013 um 10:30  

Ich bin politisch gesehen zwar ein vehementer Gegner von Merkel, aber allen, die hier meinen, sie sei dumm oder taktisch unbegabt, sage ich: Versucht doch mal selber, an die Spitze einer großen Organisation - sei es eine Partei, Behörde oder Firma - zu gelangen und Euch auf dem Weg dahin gegen alle Konkurrenten durchzusetzen, dann werdet Ihr schon sehen. Das erfordert sogar sehr viel taktisches Geschick, weil man sich z.B. Verbündete, die auch ihre eigenen Interessen verfolgen, suchen muss. Ihr stellt Euch das in Eurer Naivität alles viel zu einfach vor! Ein Grund, warum Merkel so fest im Sattel sitzt, hat sicherlich auch damit zu tun, dass sie von vielen ihrer Gegner maßlos unterschätzt wird. Ihre Methode, den Leuten ihren Willen subkutan unterzujubeln ist offensichtlich deutlich effizienter als die Basta-Strategie ihres Vorgängers.

Anonym 24. Juni 2013 um 17:17  

der/das Neuland neusprech und kleinreden der Kanzlerin wird noch zynischer wenn man bedenkt wo sie (und auch unser Präsident) aufgewachsen ist ... und was noch immer herangezogen wird wenn es darum geht sozial angehauchte Parteien zu diskreditieren.

ernsthaft? ich erwarte nichts anderes von ihr.

Drachenwut-Politikblog 25. Juni 2013 um 02:05  

Klar war die Bemerkung Merkels pure Nebelwerferei. Auch noch ziemlich schlau eingefädelt. Für die meissten gewöhnlichen Internet Besucher dürfte meiner Meinung nach das gesammte Netz und seine Strukturen nämlich tatsächlich Neuland sein. Insofern hat die Merkel sich auf die gleiche Stufe gestellt wie 90% der Menschen einnehmen. Die Zustimmung der meissten ist ihr somit gewiss.

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