Auch Morgenmagazin an Prism beteiligt

Dienstag, 25. Juni 2013

Von einer "diplomatischen Blamage für die USA" oder wahlweise einer "Blamage für Obama" konnte man allerorten lesen. China, Russland, Kuba und Ecuador hätten die Vereinigten Staaten düpiert, das Weiße Haus ziemlich dumm aussehen lassen, berichtete man. Der "Verräter" komme wohl um eine Verhaftung herum, unkte es aus dem Äther. Was für eine Sprache: Blamage, Verräter! Blamabel ist viel mehr dieser Verrat an objektiver Berichterstattung, dem sich die deutsche Medienlandschaft da ungeniert hingibt.

Im Radio des SWR argumentierte ein Experte sogar so: Snowden sei nur deshalb aus dem Schneider, weil er durch die Hilfe von Ländern abtauchen könne, in denen es die Freiheit und die Transparenz schwer hätten. Schon dreist, von Freiheit zu sprechen, während dieselbe hier bespitzelt, ausgehorcht und überwacht wird. Noch dreister, eine etwaige mangelnde Transparenz in Kuba zu kritisieren, während man Snowden zum Vorwurf macht, er habe Transparenz in eine Sache gebracht, die man gar nicht transparent haben wollte.

Dem Verräter hätten Länder geholfen, die "tradionell kein gutes Verhältnis zur USA haben", konnte man im Radio des HR hören. Der Verräter zu Gast bei den Bösen der Welt? Hier wird eine entpolitisierte und enthistorisierte Sprache bemüht, um Bezüge auszublenden. Denn wieso es ein zerrüttetes Verhältnis gibt, fällt unter den Tisch. Es ist einfach da und es scheint sich mit der Aufnahme eines Verräters zu bestätigen, zu bewahrheiten.

Im Morgenmagazin des ZDF schäkerte man schon zur frühen Stunde über diese kuriose Agentengeschichte. Der Verräter auf der Flucht - "fast wie ein Film, aber spektakuläre Realität". Dass Snowden ein Programm verraten hat, welches nur gegen den Terrorismus spitzelte, wusste man natürlich zu bekräftigen. Alle anderen, die man trotzdem so nebenher ausspähte, finden da gar keine Erwähnung mehr. Und dass Julian Assange seit einem Jahr in der Botschaft Ecuadors in London sitzt und sich nicht mehr frei bewegen kann, erwähnte man nebenher so, als sei das ganz selbstverständlich, dass sich jemand wie er verschanzen muss. Als sei dies das Normalste von der westlichen Welt.

Wie kommt man überhaupt dazu, diesen Mann als Verräter zu brandmarken? Hat die Öffentlichkeit kein Recht darauf, dass man ihr verrät, wie sie überwacht wird? Müsste kritischer Verstand nicht fragen, weshalb Snowden eigentlich flüchten muss, statt die Flucht mit der trockenen Sprache des Journalismus zu legitimieren und nachvollziehbar zu machen? Und warum wird die verunmöglichte Verhaftung als Blamage ins Licht gerückt, als eine Realität rechtsstaatlichen Scheiterns? Ist das Rechtsstaat, wenn man heimlich meine e-Mails liest?

Sind das die Meldungen eines verborgenen Propagandaministeriums, die man da an uns weitergibt?

Nicht Prism ist hier der Skandal, sondern dass es jemand entblößt hat. Und die Medien, für die Pressefreiheit immer mehr die gewerbliche Freiheit ist, die Presse anzuwerfen, um egal welchen Inhalt zu vertreiben, spielen munter dabei mit. Sie echauffieren sich zwar, dass China Ai Weiwei wie einen Banditen behandelt, kritisieren aber nicht das Vorgehen im Falle Assanges oder Snowdens.

Prism und Konsorten sind vor allem auch ein Produkt dieser Hofberichterstattung. Ohne sie, wären solche Maßnahmen kaum möglich. Zwar lieben die Schranzen im Vorzimmer zur Macht, die journalistischen Funktionseliten, den Verrat, wirft er doch eine tolle Story ab - aber den Verräter jagen sie wie ein ordinärer Geheimdienst. Auch das Morgenmagazin ist so gesehen an Prism beteiligt. Auch die Experten im SWR und HR und in allen anderen Legitimationsaußenstellen des Überwachungsstaates haben sich für die absolute Kontrolle entschieden, weil sie sich nicht dafür entscheiden können, gegen sie zu sein.


16 Kommentare:

Roberto De Lapuente 25. Juni 2013 um 08:08  

Danke den beiden, die mich auf einen Fehler aufmerksam gemacht haben. Habe ich bereinigt.

G. Bieck 25. Juni 2013 um 09:07  

Wie immer wortgewaltig und genauso ist es, leider.

Als die Wende kam, habe ich mich wirklich gefreut.
Ich habe mit meiner Mama darüber gesprochen, die als Jugendliche den Bombenhagel in Berlin im Hitlerkrieg erlebte und habe noch ihre Worte im Ohr: "Warte ab, du wirst dich noch wundern."
Wie Recht sie hatte.

Mir fallen so einige Zitate ein:

Unsere Gesellschaft wird von Verrückten geführt, für verrückte Ziele. Ich glaube, wir werden von Wahnsinnigen gelenkt, zu einem wahnsinnigen Ende und ich glaube ich werde als Wahnsinniger eingesperrt, weil ich das sage. Das ist das Wahnsinnige daran.
J. Lennon
(Naja, wenn ich so bedenke, wer heutzutage tatsächlich als Wahnsinniger weggesperrt wird. Mir fällt dann immer der Spruch aus dem Ostseezeitung Blog ein: Wer Reiche beim Betrügen stört, der wird für verrückt erklärt - in Bezug auf Gustl Mollath)

Nochmal zum Text: ....Und die Medien, für die Pressefreiheit immer mehr die gewerbliche Freiheit ist....

Auch das war wohl schon immer so, dass (ein nächstes Zitat, Ende des 18. JH)es so etwas wie eine freie Presse nicht gibt. Die eigentliche Aufgabe des Journalismus besteht darin, die Wahrheit zu zerstören, faustdicke Lügen zu erzählen, die Dinge zu verdrehen und sich selbst...für sein tägliches Brot zu verkaufen. Wir sind nichts weiter als intellektuelle Prostituierte.

und noch dies:

Wir leben in einer Zuschauerdemokratie, wir dürfen zuschauen, was die Mächtigen machen.

und das:

Ein Staat, in dem alle verdächtig sind, ist selbst verdächtig.

und letztendlich das:

weil wir kleinen Menschenkinder doch immer wieder auf die Lügenparolen der Politiker hereinfallen, gibt es wohl doch nur eines in der Welt, was unendlich ist....und es scheint nicht das Universum zu sein.

Aber schön, dass es die Blogwelt gibt, denn beim Lesen des Mainstreams kann mensch nur verzweifeln.

Anonym 25. Juni 2013 um 09:39  

Über die sog. Kommentare in den Zwangsfinanzierten Medien kamm man sich nur ärgern oder wundern.
Im Internet gibt es (noch) Meinungsvielfalt und Radiostationen, die ueberwiegend Musik statt Propaganda senden.

Anonym 25. Juni 2013 um 10:05  

ANMERKER MEINT:

Ja, es ist wirklich unerträglich, wie einseitig die Mainstreammedien in unserem Land informieren. Aber wir nennen sie nicht umsonst so. Dennoch: Die Geschichtsvergessenheit dieser Politjuornaille ist haarsträubend und sie lassen ihr Publikum dementsprechend auch "dumm", bewusst! Denn es wäre wahrhaftig ein Leichtes, z.B. am Aufnahmeland Ecuador zu zeigen, dass es sich nicht mehr als Hinterhofhaus der USA sieht, nicht mehr bereit ist, die USA als Oberaffe zu dulden, das Recht hat, eigen Wege zu gehen. Aber da müsste man ja recherchieren, aufklären, tatsächlich tun, wozu das Öffentlich-Rechtliche (Hahaha) da sein sollte. Stattdessen suhlen sie sich in ihren eigenen Vorurteilen und geben diese an die Masse weiter. Systemerhalt ist so einfach, wenn er gesponsert wird mit juournalistischer Bequemlichkeit und Dummheit. Zum Glück gibt´s die aufklärerrischen Blogs!

MEIN AMERKER

Harzpeter 25. Juni 2013 um 10:39  

"Im übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als derjenige, der den Schmutz macht."
(Kurt Tucholsky)

Anonym 25. Juni 2013 um 11:42  

Ihre Anmerkung zu einem Propagandaministerium hat mir besonders gut gefallen.

der Herr Karl 25. Juni 2013 um 12:28  

"Schon dreist, von Freiheit zu sprechen, während dieselbe hier bespitzelt, ausgehorcht und überwacht wird."
Gut, dass hier auf diesen Widerspruch deutlich hingewiesen wird und die Heuchelei dieser Heuchler als solche angeprangert wird.

Ramones 25. Juni 2013 um 13:22  

Es ist auch immer amüsant, wenn von Seiten der Befürwörter von solchen Überwachungspraktiken mit "Wer nichts unrechtes getan hat, der muss auch nichts verheimlichen" argumentiert wird.

Wozu gibt es dann Geheimdienste? Wozu das zurückhalten und schreddern von Akten?

Kann man es überhaupt noch Demokratie nennen, wenn Regierungsentscheidungen vor dem Volk geheim gehalten werden, es also keine Möglichkeit besitzt, auf diese zu reagieren?

Ramones 25. Juni 2013 um 13:30  

Es ist immer wieder amüsant, wenn von den Befürwörtern der Überwachung mit "Wer nichts verbrochen hat, der brauch auch nichts verheimlichen" argumentiert wird.

Wozu dann Geheimdienste?
Wozu Akten vorenthalten oder schreddern, wenn man doch nichts zu verbergen hat?

Kann man es überhaupt noch "Demokratie" nennen, wenn Regierungsentscheidungen vor dem Volk verheimlicht werden, es also überhaupt keine Möglichkeit hat, auf diese zu reagieren und sich gegebenenfalls dagegen zu Wehr zu setzen?

Snuggels 25. Juni 2013 um 14:19  

Snuggles

http://www.tagesschau.de/kommentar/snowden134.html

Typisches Staatsfernsehen halt, die akutelle Kamera lässt grüßen. Von nun an müssen alle "Verräter" erstmal nach Delphi fahren und das Orkael befragen, ob Ihr Tun das richtige vor der Geschichte oder den Beifall der Herrschenden findet oder deren Lakaien.

Sledgehammer 25. Juni 2013 um 14:55  

Jeder, der sensibilisiert ist, kann es sehen, hören oder lesen - objektive Berichterstattung ist zu einem Nischenprodukt verkommen.
Die charakterlosen Claqueure der Medienbetriebe sondern vorgestanzte Statements ab.

Gesetzt den Fall, ein russischer oder chinesischer "Wistleblower" bäte in den USA um Asyl; der "Furor teutonicus" schwadronierte unisono von Freiheitskämpfer oder Dissident statt von Verräter.
Die Systemknechte überböten sich in Superlativen, um die USA als einen Hort der Freiheit und Gleichheit, und seinen Präsidenten als "Siegelbewahrer" aller Menschenrechte zu rühmen.

Man mag sie nicht mehr sehen, hören oder lesen - jene Speichellecker des Imperiums.

Anonym 25. Juni 2013 um 15:00  

Ist mir auch bitter aufgefallen, reiht sich aber perfekt in die Doppelmoral der dt. Medienberichterstattung ein.

Noch ein Beispiel:

Auch beim NSU-Prozeß in München kommt diese Doppelmoral zum Vorschein, denn während man einerseits gegen (linke) Terroristen mit aller Härte des Gesetzes vogeht bzw. vorging wird über diesen Fall nur stückchenweise, und fast schon verharmlosend berichtet, was widerrum dazu führt, dass uns ein Gast - ein Ferienwohnungstourist - mitteilen durfte, dass er gar nicht verstehe warum Frau Tschäpe denn wegen Mordes vor Gericht stünde, denn viele "Obere" würden doch so denken wie sie. Außerdem ließ sich derselbe Gast noch über (diebiesche) rumänische Banden aus, die "brave" dt. Bürger ausrauben würden - eine Einbruchsserie wurde in meiner Gegend umgefähr medial so beschrieben, die dt. Polizei hat mit der französischen Polizei zusammen kurzfristig die Grenze gesperrt, und gemeinsam kontrolliert, und man habe dort Rumänen mit Diebesgut verhaftet.

Schön, und gut, aber wieso hat diese Provinzpostille hier extra die Nationalität der Diebe erwähnt?

Worum es mir geht?

Nicht allein der "Prism"-Fall, und die Berichterstattung über die Flucht des Herrn Snowden ist einseitig sondern auch die Berichterstattung über Rechtsextremismus, und Rassismus im normalen Alltag vieler Deutscher, und dies sogar bei Feriengästen, die man eigentlich "harmlos" eingeschätzt hat....

...die Medien schüren diesen Sozialdarwinismus und Rassismus in Deutschland, und da paßt die mediale Doppelmoral im Falle Snowden doch bestens mit hinein.

Trauriger Gruß
Bernie

Anonym 25. Juni 2013 um 15:03  

Ergänzung:

Übrigens, Medienberichterstatter sind doch oft Teil der "Elite", die seit der Schröder/Fischer-Regierung, und nun unter Merkel/Rösler immer frecher, und realitätsferner, wird.

Glaubt ihr nicht?

Tja, der Eliteforscher Michael Hartmann hat es heute bei Nachdenkseiten schon auf den Punkt gebracht:

"[...]15.“Demokratie ist, was die Eliten darunter verstehen[...]"

Quelle und ganzer Text:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=17745#h15

...irgendwie erinnert mich das an Frankreich - vor 1789, und Deutschland - vor 1848....

Gruß
Bernie

Hans 25. Juni 2013 um 16:00  

...zumal es ja eigentlich Journalisten sein sollten, die solche Skandale aufdecken und die Informanten anonym bleiben können. Herr Snowden wird schon gewusst haben, warum er die Journaille umgangen hat.

Hartmut B. 25. Juni 2013 um 16:19  

Dankbar und froh bin ich, daß es diesen und einige kritische Blogs gibt, wo man noch seine Meinung sagen kann und darf.

Durch die tägliche Indoktrination des Volkes durch unsere Print-Medien und das Fernsehen herrscht hier ein Untertanen - Geist.... das ist einfach erschreckend....

maguscarolus 25. Juni 2013 um 18:59  

Was für mich das Schlimmste an der Medienlandschaft ist:

Sie wurden nicht "gleichgeschaltet" sondern folgen lediglich dem Sog des Kapitals.

Heutzutage kommen keine Gestapofinsterlinge bei Nacht und Nebel, um die Redakteure in irgendwelche Folterverliese zu verschleppen, sondern in der Plutokratie genügt der Anruf eines "Eigentümers" und/oder der Hinweis auf den einen oder anderen möglicher Weise verärgerten "Anzeigeninvestor", und schon verschwinden kritische Geister in der Versenkung.

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