Nieder mit dem Grüßaugust!

Dienstag, 21. Juni 2011

Christian Wulff ist nun ein Jahr im Amt und mischt sich zu wenig ein, befinden die Deutschen. Ich finde aber, er macht seinen Job ganz prächtig, denn er hält seinen Mund, gibt keine oder nur ganz wenige Statements ab und verschanzt sich in Bellevue. Damit gibt er dem Amt, das er auskleidet, die Kompetenz, die die Verfassung dafür vorgesehen hat - gar keine!

Das Amt des Bundespräsidenten ist ein repräsentatives, er ist eine neutrale Gewalt im Betrieb der Bundesrepublik. Gesetze unterschreiben darf er - am Gesetzgebungsprozess mitwirken nicht. Das Grüßen, den Arm hoheitsvoll heben und ein lieber August sein: das ist sein Metier. Das Amt des Bundespräsidenten ist ein politisches Nullsummenspiel - es ist ohne Bedeutung, ist leer, nimmt die Rolle eines Ersatzmonarchen ein, der wie in einer konstitutionellen Monarchie von oben herab deutelt und dankt und einen guten Eindruck machen will, grundsätzlich aber nur belangloser Tand ist. Wobei Herrscher einer konstitutionellen Monarchie noch Kompetenzen auf sich vereinen konnten, während es bei seinem profanisierten Gegenstück relativ mager aussieht.

Natürlich hat der Bundespräsident moralische Tugenden anzufachen. Sonntagsreden mit schönem Inhalt, das ist seine Kompetenz. Das hat sich beispielsweise unter Johannes Rau sogar noch nach etwas angehört. Seither (und auch vormals schon) gähnende moralische Leere! Das Amt des Bundespräsidenten ist in einer Zeit, da sich Kandidaten für dieses Amt aus politischen Parteien rekrutieren, die ungefähr soviel moralisches Rückgrat wie Regenwürmer Knochensubstanz besitzen, ein unausgefüllter Sessel. Es ist kaum zu erwarten, dass irgendeiner in dieses Amt gehievt wird, der seiner Partei wirklich die Leviten liest, der Korruption, Lobbyismus, Ausbeutung und soziale Ausgrenzung der unteren Gesellschaftsschichten zungenfertig rügt. Der Schlick, aus dem Bundespräsidenten herauskrebsen, macht keine Dissidenten-Ansichten bellevuefähig. Ethische Koryphäen schwimmen in dem Pool papabiler, oder besser gesagt: bundespräsidentabiler Kandidaten nicht mit - ethische Koryphäen sind Nichtschwimmer.

Nun könnte man sagen, dass es sinnvoll wäre, das höchste und nichtigste Amt dieser Republik mit jemanden auszustaffieren, der nicht aus dieser moralisch-toten Masse der Parteipolitik entstammt. Theologen sind doch Moralisten, glaubt mancher gar irrwegig. Fast hätten wir so einen Mann Gottes, so einen Theo-Lügen dort gehabt. Gauck, der als Freiheitsprophet kündete, dass Freiheit eben nicht bedeute, sich die Freiheit zu nehmen, beim Staat zu betteln, wenn man sich selbst nicht mehr helfen kann... Gauck wäre so ein theokratisch-wirtschaftsliberaler Fanatiker in Bellevue geworden. Freiheit ist, so glaubte er, wenn man sich die Freiheit nimmt, auch nach der hundertzwanzigsten Bewerbungsabsage nicht zu verzagen. Eine weitere imposante Erscheinung auf diesem Posten war der Vorgänger von Aufklärungs-Christian. Der kam nur marginal aus der Politik, hatte zwar ein Parteibüchlein bei den Christdemokraten, war aber bei denen nur selten tätig. So ein Politikfremdling, hieß es damals, der wäre bürgernah und würde auch als moralische Instanz taugen. Seine komplette Amtszeit glänzte er dann neoliberal und am Ende schwadronierte er um Angriffskriege, die ja irgendwie berechtigt seien. Und weil er ja ein Moralist in höchsten Tönen war, trat er auch prompt zurück, als man ihn kritisierte - schließlich ist er Ersatzkaiser und über jede Kritik erhaben, flennte er empfindlich getroffen in die Kameras. Die Leute haben ihn dennoch gemocht: sie haben seinen präsenilen Schimmer von Gesetztheit mit moralischer Integrität verwechselt - das war seine ganze Kunst!

Das Amt des Bundespräsidenten, es war immer irgendwie ein relativ totes Amt. Adenauer hatte das schnell erkannt, nachdem er zuerst erklärte, er würde nun dem Dicken Platz machen, selbst Bundespräsident werden. Als er erfuhr, dass er sich damit selbst ins politische Grab legte, revidierte er flugs seine Pläne und sprang diesem politischen Tod nochmal schnell von der Schippe. Nun aber, in Zeiten, da Moral etwas Gestriges oder Sozialromantisches ist, weil die Einflüsterer aus der Wirtschaft erklären, dass sozialdarwinistische Hypothesen eigentlich mehr sind, nämlich irreversible Thesen, was selbstredend auf die politischen Vasallen abfärbt... in solchen Zeiten, da ist dieses hohe Amt nichtiger als nichtig, toter als tot. Der Effizienzwille hat die Gesellschaft erfasst, alles muß rentabel sein, soll sich rechnen - selbst Kostenneutralität ist schon Verlust, wer soviel einbringt wie er kostet, der ist schon ein Unkostenfaktor. Warum gilt das nicht auch für Bellevue? Warum nicht abschaffen, was keinen Wert hat? Und dabei sind nicht mal Kost und Logis für den BuPrä der ausschlaggebende Punkt. Die arme, politisch totgestellte Sau, die da in Kameras winken soll und immer gute Laune verbreiten muß, die will auch gut gefüttert sein. Aber ist es nicht großherziger und gerechter, wenn man nun die Abschaffung fordert und damit den Kasper aus seinen Winkewinke-Job in Bellevue entlässt?

Eine Win-Win-Situation wäre das allemal. Für das Volk, das keinen ergrauten Onkel benötigt - und für den Onkel selbst, der nicht mehr zum pseudomoralischen Feigenblatt ohne Kompetenz degradiert wäre. Dass McKinsey in Bellevue noch keine Rationalisierung vorgeschlagen hat, das verwundert doch eigentlich sehr...



20 Kommentare:

Anonym 21. Juni 2011 um 08:38  

....und nebenbei ist der jetzige Grüss-August auch noch gekauft von solchen Konsorten wie Maschmeyer....

Anonym 21. Juni 2011 um 08:53  

Wulf,Wulf? Wer ist Wulf?

Anonym 21. Juni 2011 um 09:14  

Charakterlich eine Null. Nach Fukushima wäre eine öffentliche Entschuldigung in allen Medien fällig gewesen, dass er so dumm war, seine Unterschrift unter das Gesetz über den Vertrag mit der Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke zu setzen. Hat man schon etwas von ihm dazu gehört oder schleicht er seitdem wie ein bepisster Pudel durchs Schloss Bellevue?

Anonym 21. Juni 2011 um 10:00  

Politische Abduckerei zu fürstlichen Konditionen in royaler Kulisse - Wulff hat sich seinen Lebenstraum erfüllt.

wilko0070 21. Juni 2011 um 10:16  

Die Stelle des deutschen Bundespräsidenten lässt sich in einem Satz beschreiben: er muss andauernd reden, hat aber nichts zu sagen.

Anonym 21. Juni 2011 um 11:23  

Die Scheindemokratie des Kapitals: Grüßgustl und Abnickneger.
Genug ist genug!

http://sturdyblog.wordpress.com/2011/06/18/democracy-vs-mythology-the-battle-in-syntagma-square/

Jutta Rydzewski 21. Juni 2011 um 11:29  

In der Tat, das Amt sollte schon lange abgeschafft sein. Dann wäre der Republik sowohl die Oberpeinlichkeit, der Bundeshotte, als auch der amtierende, beim Frühstück ausgekungelte Bundes-Wulffi erspart geblieben. Überhaupt, bis auf ganz wenige Ausnahmen, haben die jeweiligen Amtsinhaber, sich und ihr Amt in aller Regel selbst beschädigt. Ob nun der beleidigte (Zu)Rücktreter - mit sofortiger Wirkung - und Wirtschaftskrieger Köhler, oder der braun angehauchte Wulff, der als Ministerpräsident, drei Tage vor dem 70. Jahrestag der Reichspogromnacht, aus sich herauskotzte: "Ich finde, wenn jemand zehntausend Jobs sichert und Millionen an Steuern zahlt, gegen den darf man keine Pogrom-Stimmung verbreiten". Präsidiale Katastrophen wohin das Auge blickt. Es wäre allerdings zum präsidialem Super-Gau gekommen, wenn es der zum Präsidenten der Herzen hochgejubelte, und selbst ernannte Freiheitsapostel Gauck geschafft hätte. Da finde ich sogar den blassen und blutleeren Bundes-Wulffi erträglicher. Zur gauckschen Freiheit gehören nicht nur Kriege, sondern auch Agenda 2010 und Hartz IV. Beim Bundes-Wulffi sollte aber noch, ähnlich wie beim gefallenen Messias, zu Guttenzwerg, auf die Ehefrau geachtet werden. Wie sich die Damen in der Öffentlichkeit "reckeln", macht sogar Anne Will neidisch.;-) Apropos Frau. In früheren Jahren hätte ich mir Frau Jutta Limbach sehr gut als Bundespräsidentin vorstellen können und nicht nur deshalb, weil sie Jutta heißt.;-) Als Präsidentin des BVerfG beschwor sie die Deutschen, nicht mehr gehorsame Untertanen sondern selbstbewusste Bürger zu sein, denn schließlich wäre das Recht die stärkste Waffe der Schwachen. Offenbar hat das nicht viel genützt, der deutsche Untertan ist sogar wieder auf dem Vormarsch. Zusammengefasst: Jawoll - Nieder mit dem Grüßaugust!!!!

mfg
Jutta Rydzewski

Anonym 21. Juni 2011 um 12:28  

....nicht nur "nieder mit dem Grüss-August"....diese ganze Politiker-Bagage muss entsorgt werden.....

Anonym 21. Juni 2011 um 13:24  

http://bundeswulff.wordpress.com

Anonym 21. Juni 2011 um 14:33  

Anonym Anonym hat gesagt...

" Wulf,Wulf? Wer ist Wulf?"

21. Juni 2011 08:53

Na, das ist jener komische CDU-Vogel aus Niedersachsen, der so gerne Urlaub macht in der feudalen Villa dieses Finaz-Haies Maschmeier auf DEUTSCH - MALLORCA !

Noch Fragen?

MfG Bakunin

Thorem 21. Juni 2011 um 18:32  

Faschismus, Faschismus! Jemand muss doch wachsam sein und mahnen! Wehret den Wiederanfängen!
Nur wer das hauptamtlich tut, hat der noch den nötigen Abstand oder vielleicht eher ein Interesse am Fortschreiben des Status Quo?
Lebt der Pfarrer oder der Philosoph wirklich einen Alltag derjenigen Menschen, denen er Antworten geben will?
Ist der Rockerstar in ein Leben involviert wie seine Hörerschaft, um auf Augenhöhe zu kommunizieren?
Ist der hauptamtliche Politblogger, der qua seines selbst auferlegten Amtes stets Probleme sehen muss, der richtige Ratgeber für eine Welt ohne Probleme?

Mit diesem Gedankengang möge mal jeder für sich bewerten, was dieses Blog leisten kann, und welcher Pferdefuß ihm inhärent ist.

Roberto J. De Lapuente 21. Juni 2011 um 18:37  

Hahahaha, köstlich! Ich mag es, wenn solche Gescheitel sich hauptamtlich gescheit tun :)

Anonym 21. Juni 2011 um 20:05  

Ein Grüßaugust passt trefflich zur korrupten Hinterzimmerdemokratie.
Aber die Fassade bröckelt...

Trojanerin 21. Juni 2011 um 22:12  

„Nieder mit dem Grüßaugust“ ist ein sehr schöner Beitrag.

Bei der Diskussion um die Wahl des Nachfolgers von Horst Köhler hat sich die SPD endgültig disqualifiziert. Joachim Gauck – ein Kandidat der Herzen? Wohl eher ein Kandidat der herzlosen, neoliberalen Eliten;
Hätte ich die Wahl zwischen Wulf und Gauck gehabt hätte ich mich für Wulf entschieden, als das in meinen Augen kleinere Übel. , Dieser ist zwar farblos, geschmeidig und zeigt hin und wieder seine Nähe zu rechtsgerichteten Kreisen und zu anderen unsympathischen Eliten aber Gaucks neoliberale Einlassungen zum Sozialstaat empfinde ich einfach nur abstoßend. Natürlich ist Christian Wulf gemeinsam mit seiner CDU auch nicht besser, aber ich finde es besonders schlimm, wenn ausgerechnet ein Theologe ausgerechnet für die SPd die Menschen mit neoliberalem geistigen Müll belästigt.
Bei Horst Köhler wusste man wenigstens woran man ist. Er ist Wirtschaftswissenschaftler, gehört zu sehr elitären Kreisen und kam Frau Merkel gerade recht. Sonst gab es zwar nichts, was ihn für das Amt qualifiziert hätte, aber das spielt bei denen da oben, die sich so weit von der Lebenswirklichkeit der Menschen entfernt haben, ja keine Rolle.
Es gibt eine Gemeinsamkeit zwischen all den genannten Personen. Gauck, Wulf, Köhler sind alle Vertreter des Neoliberalismus.
Man sollte wirklich die Abschaffung des Amtes fordern. Gauck sollte zur Initiative neue soziale Marktwirtschaft, Wulf sollte zurück in die Tagespolitik, damit die CDU einen Nachfolger für Frau Merkel hat und Köhler kann im Ruhestand bleiben.

Ulli 22. Juni 2011 um 09:25  

Habt ihr gestern abend Frontal 21 gesehen? Im Abspanntrailer "Toll" ging es ebenfalls um den Bundespräsidenten. Zum Schluss wurde er dann als "Grüßaugust" bezeichnet, wie kamen die denn auf die Formulierung? - na toll.

Roberto J. De Lapuente 22. Juni 2011 um 10:02  

@ Ulli:

Ein Fall für Plagiatsjäger?

bucca_t 22. Juni 2011 um 11:33  

aye,

hier eine audio-visuelle Untermalung. Sicher bekannt doch trotzdem zeitlos schön.
http://www.youtube.com/watch?v=usgasTxZ-Os&feature=player_detailpage

glückauf!

klaus baum 23. Juni 2011 um 16:51  

es sollte mit mehr respekt über wulff gesprochen werden. als er noch schüler war, hat er seine kranke mutter gepflegt, und zwar über jahre hinweg.

wschira 23. Juni 2011 um 20:07  

@Trojanerin
"aber ich finde es besonders schlimm, wenn ausgerechnet ein Theologe für die SPd die Menschen mit neoliberalem geistigen Müll belästigt."

Wieso finden Sie das schlimm? Die Theologen als Büchsenspanner der Amtskirchen waren überwiegend in der Geschichte auf Seiten der Ausbeuter und Unterdrücker. Und die SPD - nun ja, das Markenzeichen der sich so nennenden ehemaligen Arbeiterpartei ist doch neoliberaler geistiger Müll, verbreitet von den jämmerlichen Gestalten wie Schröder, Münte, die Stones, Nahles, Gabriel und natürlich die Seeheimer nicht zu vergessen. (Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit).

Anonym 24. Juni 2011 um 08:26  

"als er noch schüler war, hat er seine kranke mutter gepflegt, und zwar über jahre hinweg"

.....dann müsste er auch ein Herz für die sozial Schwachen haben.....

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