Wider der Beeinflusserei

Dienstag, 29. Juli 2008

Die Leiterin eines Seniorenheimes, die die Stimmabgabe einiger Senioren beeinflußt haben soll, darf sie sich nun vor Gericht rechtfertigen. Delikat: In jener Wahl sicherten sich ihr Ehemann und ihr Sohn politische Mandate. Sie habe nichts Verbotenes getan, erläutert die betreffende Dame - was soll sie sonst auch sagen? Die notwendigen Kreuzchen stammen ja letztendlich immer noch von Seniorenhand.
Nun ist es sicherlich keine Seltenheit, dass dort wo Menschen nicht in voller Mündigkeit leben können, wo man Menschen eine Art Vormund oder Aufsicht auferlegen muß, Schindluder mit der Briefwahl getrieben wird. Womöglich rekrutieren sich ganze Politikerfamilien aus so einer Praxis - zumindest auf kommunaler Ebene. Und vielleicht ist so ein Tun seit Gründung der Bundesrepublik für manchen Kandidaten die letzte Rettung gewesen. Aber offen bleibt, warum die Beeinflussung seitens einer Heimleiterin sanktioniert werden soll, während allerlei andere Beeinflussungen straffrei bleiben.

Da sind die politischen Talkshows, die, wenn schon nicht parteipolitisch oder auf Kandidaten fixiert, so doch zumindest eine gewissen Fingerzeig in die Richtung einer angeblich notwendigen Politik geben. Bei "Will", "Hart aber Fair" und einst bei "Christiansen" war man sich doch unisono darüber einig, dass mit der LINKEN kein Zusammentun zustandekommen kann und darf, dass eine Politik der gerechteren Umverteilung ein Rückschritt sei - zu sein hat. Und wenn auch Will, Plasberg oder eben damals Christiansen nicht direkt beeinflussten, so ließen sie sich doch vornehmlich Gäste einladen, die eine klare Positionierung im öffentlichen Diskurs durchschimmern ließen. Wenn dann letztendlich verkappte Lobbyisten im Studio sitzen: Wie kann man da nicht von Beeinflussung sprechen, wenn es doch gerade das Einflußnehmen ist, für welches diese Herrschaften bezahlt werden?

Und wenn sie im Wahlkampf die Fußgängerzonen belagern, Zettelchen verteilen, politische Nichtigkeiten als Parolen verkleiden und Sündenböcke mit Namen benennen - ist das keine Beeinflussung? Freilich, die immer weniger werdenden traurigen Parteisoldaten, die im Namen ihrer heiligen Vereinigung zwangsrekrutiert werden, um das Wahlschaf zur Schlachtbank zu geleiten, kann man kaum verurteilen. Wenn die SPD für die SPD wirbt, so liegt das wohl in der Natur der Dinge, bzw. in der Unnatürlichkeit des politischen Wesens; aber wenn man Prominente bemüht oder angeblich unabhängige Institutionen, die ein gutes Wort einlegen sollen! - Keine Beeinflussung? Auch nicht, wenn Schauspieler oder Sänger aktiv für eine Partei eintreten und ihrer oftmals jungen Anhängerschaft dezent nahelegen, wer zu wählen sei?

Was ist mit den Legionen von Vätern und Großvätern, die ihren Nachkommen deutlich mitteilen, wen man zu wählen hat? Immerhin habe man in der Familie seit Generationen die CDU gewählt - oder irgendeine andere dieser Banden! - und was ewig währt war immer gut - oder so ähnlich. Und jene braven Enkelchen, die der unbedarften Oma hindeuten, wo das Kreuzchen gemalt werden muß? Da Oma, da stehe ich auf der Liste, da kreuz' an - und kümmere Dich nicht um die politischen Inhalte, Du weißt doch, dass ich ein lieber Bub bin! Was ist mit Ehemänner die ihre Ehefrauen auf Linie trimmen? Wurden die Wähler, die ihren Abgeordneten nur wählten, weil er in seinem Anzug so solide aussieht, weil er mit seiner Brille so belesen und seriös wirkt, nicht von Vorurteilen beeinflußt? Und von jenen, die eine Kandidatin nur wählen, weil sie eine üppige Oberweite aus enger Bluse hervorspitzen läßt ganz zu schweigen.

Wenn der Spiegel den Rechtfertigungskurs der politischen Reformen fährt, die BILD munter gegen die LINKE hetzt, der Stern berichtet, dass nur eine angebotsorientierte Ökonomie Erfolg verspricht - alles keine Beeinflussung und Vorprägung? Sagen uns die Printmedien nicht genauso wie jene, die sich auf laufende Bilder und Tonübertragung stützen, was politisch im Trend der Zeit zu liegen und was ewiggestrig zu sein hat? Machen sie nicht aus Umverteilung und Gegnerschaft zur Privatisierung etwas, was man unmöglich an der Wahlurne per Votum vertreten soll? Versucht die BILD denn nicht, potenzielle Wähler dahingehend zu beeinflussen, die LINKE nicht zu wählen? Beeinflusst der Spiegel nicht schamlos die Menschen derart, dass er ihnen darlegt, wie gut dem Land eine schwarz-gelbe Regierung täte? Versucht denn die FAZ nicht, die hessischen Wähler so vorzuprägen, dass sie bei der nächsten Landtagswahl etwas mehr "koalitionäres Denken" an den Tag legen?

Ja, man stelle die Beeinflusser vor Gericht und bestrafe sie angemessen, gerne auch angemessen hart! Nichts ist verwerflicher, als den Menschen eine in Mündigkeit gehüllte Unmündigkeit vorzugaukeln. Aber dann bitte nicht nur Heimleiterinnen, die unbeholfenen Senioren Fingerzeige geben, sondern eben auch all jene, die meinen, sie müßten ihren Nächsten mit "guten Ratschlägen" als ganz besondere Variante des Wahlhelfers zur Seite stehen. All jene eben, die bewirken, dass die Menschen hierzulande zu 80 Prozent nicht wählen, was sie eigentlich gerne wollen würden; all jene sind vor ein Gericht zu stellen.

3 Kommentare:

stroblowski 29. Juli 2008 um 22:43  

Ob die 20 älteren Herrschaften aus dem Altersheim wirklich das Zünglein an der Waage waren halte ich eher für unwahrscheinlich. Auch denke ich dass die Politikverdrossenheit im Lande nicht durch die Manipulation einzelner kommt. Schuld ist eher die fehlenden ernstzunehmenden Alternativen. Die grossen Volksparteien unterscheiden sich nicht mehr inhaltlich - jeder kennt nur noch die Worte Steuer- und Diätenerhöhung.

Roberto J. De Lapuente 29. Juli 2008 um 22:56  

Die Verknappung der Parteiengleichheit auf Schlagworte wie Steuer- und Diätenerhöhung halte ich für wenig aussagekräftig. Es gibt andere Schlagworte und "Ideale", die diese Parteien vertreten. Es ist im wesentlichen eine Gleichschaltung der Gesellschaft, ein Hang zur Unmündigmachung und Effektivierung, der Pathos von Arbeitsheldentum, das Verwirtschaftlichen jeglichen Bereiches des Zusammenlebens. Die Gleichheit der Parteien drückt sich im Effektivmachen des Miteinander aus.

Inge 30. Juli 2008 um 02:08  

Ach, wenn es doch ein Miteinander wäre, das die Parteien propagieren. Aber, in Wirklichkeit ist es nur das Miteinander der Eliten und Geldsäcke, das gemeint ist. Wir anderen alle doch nicht, die keine Jacht unser eigen nennen - nichts an grossem Geld.
Sie unterscheiden in etwa - die Parteien - wenn man ganz genau nachliest, und testet. Aber, für den allgemeinen Bürger, der sich nicht die Zeit dafür nimmt, und die Geduld, sich durch die Phrasen zu ackern, erschliesst sich das zu wenig.
Effektiv - naja. Sind unsere Regierenden denn so effektiv? Das ist die grosse Frage...

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