Grünbraune Verwandtschaften

Freitag, 18. Juli 2008

Die Grünen und die Braunen - eine neue, noch nie dagewesene Geschichte? - Dies könnte man glauben, wenn man die nun gehäuft auftretenden Stimmen dazu vernimmt, wonach die Rechten sich immer mehr in ökologischen Themen üben. NPD und Freie Kameradschaften, so könnte man annehmen, hätten erst kürzlich die Natur für sich entdeckt. Diese Entdeckung mutet seltsam und weltfern an, weil sich da Positionen treffen, die zunächst einmal keinerlei Berührungspunkte offenbaren.

Weder ist die Konstellation von Braunen mit grünen Themen neu, noch ist es verwunderlich, dass ausgerechnet im Grünen das Braune schlummert. Der Ökofaschismus drängte schon bei der Gründung der Grünen in die neu entstehende Partei. Namentlich Herbert Gruhl, seinerzeit ehemaliges CDU-Mitglied, spielte eine unrühmliche Rolle. In seinem Buch "Himmelfahrt ins Nichts" sprach er sich im Falle des Notstandes - damit meinte er die Übervölkerung in der Dritten Welt - für einen Atombombenabwurf aus. Er und Baldur Springmann - ein nationalistischer Landwirt mit NSDAP- und SS-Hintergrund - verließen die Grünen bereits 1980, womit sich die neue Partei zunächst einmal nach links entwickelte. Rechte Unterwanderungsversuche gab es aber immer wieder. So mußte 1985 der grüne Bundesvorstand den Landesverband West-Berlins auflösen, weil dieser von Mitgliedern des neofaschistischen Witikobundes, den Neuheiden und der NPD-Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten" vereinnahmt war. Ende der Achtzigerjahre sprachen sich einige Grüne - unter anderem Antje Vollmer - für die Annäherung an Gruhl und Konsorten aus. Man müsse den Riss, den man Anfang der Achtzigerjahre im grünen Lager entstehen ließ, wieder kitten.
Gruhl und Springmann hatten zwischenzeitlich - 1982 - die ÖDP mitgegründet und dieser neuen Partei ihren wertkonservativen Stempel aufgedrückt. Ende der Neunzigerjahre suchten die bayerischen Grünen die Nähe zu dieser ÖDP - die sich mittlerweile in Kleinbuchstaben (ödp) schrieb - um die "Möglichkeit für künftige Wahlbündnisse auszuloten". Welchen Partner hat man sich da erhofft und später auch erhalten? - Die Grünen standen ursprünglich für die Emanzipation der Frau. Sie alleine sollte entscheiden, ob sie ein Kind austragen will oder nicht; sie sei alleine dazu berechtigt, ihren Körper einer Schwangerschaft auszusetzen und notfalls diese zu beenden, wenn es ihr angebracht scheint. Die ÖDP hingegen wollte, dass jede Schwangerschaft zu beenden sei. Während die Grünen für offene Grenzen plädierten, forderte Gruhl einen "Einwanderungsstopp aus ökologischen Gründen". Denn da die Einwanderer hierzulande schneller frören, müssen sie viel heizen, womit sie als Ausländer die deutsche Umwelt belasten. Diese "große inhaltliche Schnittmenge", von der die Grünen-Landtagsabgeordnete Paulig sprach, scheint eigentlich gar nicht gegeben. Aber was kümmern sich die heutigen Grünen um Inhalte?

Jutta Ditfurth schreibt in ihrem Buch "Das waren die Grünen", dass von Anfang an Anhänger des antisemitischen Wirtschaftstheoretikers Silvio Gesell ihr Unwesen in der Partei trieben. In seinen Schriften spricht er sich für Zinsminderung aus, verbannt aber menschliche Ausbeutung und Naturzerstörungen nicht aus seinem Denken. Er feiert den "hochwertigen Menschen", während er den abgearbeiteten Menschen verachtet. Jede zuchtbereite Frau soll - gemessen an ihrer Kinderzahl - mit "Freiland" belohnt werden. Ditfurth weiter:
"Bei den Grünen in Harburg-Land wurde jahrelang mit Texten des Gesell-Jüngers Yoshito Otani geschult. Otani leugnete die Kriegsschuld der Deutschen und schob selbst den 1. Weltkrieg "jüdischen Bankhäusern" unter. Er bezog sich auf die widerwärtigsten antisemitischen Fälschungen, die sogenannten "Protokolle der Weisen von Zion". Als Kritik aufkam, machte der Grüne Dauerbundestagsabgeordnete Helmut Lippelt die Kritiker lächerlich.
Nach jahrelanger Ignoranz wurden kürzlich drei Rechtsextreme aus den Grünen ausgeschlossen: Irmgard Kohlhepp, Mitgründerin der Alternativen Liste Westberlin, Bernhard Heidt und Rudolf Sauer. Auch sie bezogen sich auf Silvio Gesell. Heldt war, wie Sauer, Mitglied der Republikaner, Sauer hatte dem ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog im Internet empfohlen, "nach Auschwitz" zu gehen und sich "sühnevergasen" zu lassen. In Auschwitz, so Sauer, habe es keine Gaskammern gegeben."
Schließt sich ökologische Politik und nationalistisches Geplänkel nicht aus? Dies kann man nur annehmen, wenn man die öffentlichen Kategorisierungen hinnimmt, wie sie uns spätestens seit den Achtzigerjahren eingepflanzt wurden. Da steht der grüne Abgeordnete als Gutmensch, der pazifistisch und antimilitaristisch, selbstverständlich umweltliebend- und deswegen -schützend, seine Politik gestaltet. Lange Zeit war der ökologische Politiker ein wandelndes Heiligenbildchen der politischen Landschaft - verantwortungsbewußt, zielstrebig und gegen das konservative und erstarrte Establishment politisierend.
Doch gerade in diesen Kreisen wird häufig einem romantischen Naturgefühl gefrönt, welches den Menschen letztendlich zur austauschbaren Biomasse degradiert. Diese verklausulierte Menschenverachtung reichert individuelle Egoismen verschiedener Esoterikpraktiken an, gibt ihnen eine kollektive, d.h. umweltbasierende Komponente - esoterisches Gedankengut und ökologische Romantik vermengen und bereichern sich. Und es ist daher auch gar nicht verwunderlich, dass ausgerechnet von Seiten der Grünen dem Dalai Lama und seiner Vorstellung eines neuen - eigentlich alten! - Tibets hohe Sympathie entgegenkommt. Es ist esoterische Menschenverachtung, die freilich human und menschenliebend daherkommt, aber doch zwischen den Zeilen herauslesen läßt, dass nur derjenige etwas taugt, der sich den Weisheiten dieser oder jener "esoterischen Schule" hingibt und sie lebt, die das Grüne - nicht nur die Partei als solche, sondern allerlei grüne Denkschulen - begleitet. Der Mensch in diesem Weltbild in eine Natur gebettet, ist Teil eines Ganzen und nicht mehr Dominator - sollte er zumindest nicht mehr sein. Diese Natur ist ihm ebenbürtig und daher ist nicht nur die Natur ersetzbar bzw. reanimierbar, sondern auch der Mensch. Er wird seiner Persönlichkeit beraubt zur Biomasse. Aus einem Jemand wird ein Etwas.

Wenn wir von Esoterik sprechen, dann darf natürlich auch Rudolf Steiner nicht fehlen, der mit seiner okkulten und unaufgeklärten Pädagogik und seinem rassistisch unterlegten Weltbild - das bis vor kurzem noch gelehrt wurde; womöglich immer noch gelehrt wird - gerade innerhalb grüner Kreise auf Gegenliebe stößt. Anthroposophen sind bei den Grünen keine Seltenheit. Der ehemalige Grüne und spätere Innenminister im Dienste der SPD, Otto Schily, versteht sich als Anthroposoph. Ditfurth: "Man wird SPD-Innenminister Otto Schilys spezifische Härte gegen Flüchtlinge und bei Abschiebungen nur verstehen können, wenn man weiß, was für ein elitäres und zutiefst rassistisches Menschenbild das (verheimlichte) Wesen der Anthroposophie bestimmt."
"Wo Sinti auftauchen, werden sie in aller Regel schnell zu troublemakers, die fast ausschließlich als Last und Zumutung erscheinen und insofern asozial oder genauer nicht-sozial sind, als sie nicht erkennen lassen, daß sie zu der Gesellschaft, in der sie leben, Zugang finden wollen... (wir haben) zwar keine Wahl, als diese ungebetenen und in der Tat provozierenden Gäste aufzunehmen..."
Dies entstammt dem wirren Weltbild Daniel Cohn-Bendits - Mitglied des Europäischen Parlaments im Auftrag der Grünen -, der gelegentlich, Anfang der Neunzigerjahre, diversen rechtsextremen Zeitschriften Interviews anbot. Da vertritt also der selbsterklärte linke Grüne Cohn-Bendit - der Zufallsrevolutionär von 1968! - in Zeitschriften wie "Mut", "Nation Europa" oder "Junge Freiheit" seine rechtslastigen, ressentimentsgeschwängerten Sichtweisen - sehr zum Jubel rechter Zeitgenossen, versteht sich. Als Jahre zuvor Cohn-Bendit Multikulti-Dezernent in Frankfurt war, mußte eine Broschüre seines Amtes zurückgezogen werden, weil darin rassistische Vorurteile über Sinti verbreitet wurden. Bei Cohn-Bendit hat der kleinbürgerliche Kneipen-Rassismus also durchaus Methode.

Grüne und Braune also. Oder Braune und Grüne? Oder Grünbraun? - Neu ist dieses Thema beileibe nicht und gerade "im Grünen" finden sich ja die edelsten Motive, eine bemäntelte Blut- und Bodenrhetorik zu entfalten. Dort ist der Apologet des "Volkes ohne Raum" ein Naturschützer, kein Bierkelleragitator. Aus dem kleinbürgerlichen Rassismus wird ein ökozentrierter, der den Boden zur Grundlage des Andersseins macht. Denn nur der "einwandfreie Mensch" pflegt seine Umwelt, liebt die Mitwesen und die Pflanzen, während die "wilden Afrikaner" und die "verantwortungslosen Asiaten" unsere Welt zerstören. Aber das Deutsche geht pfleglich mit seiner Erde um, denn auf dem Boden, den der Deutsche kultiviert und pflegt, haben schon seine deutschen Ahnen gelebt und werden seine Kinder leben. Auf diesem Boden lebt sein nationales Blut.
Es ist ein schmaler Grat, auf dem die rationale Ökologie wandelt. Ein kleiner Schritt nur, und aus den seriösen Forderungen, die wissenschaftlichen Erkenntnissen entspringen, werden romantische Esoteriken und/oder rechtslastige Nationalmentalitäten. Gerade deswegen ist es keine Sensation, dass die NPD und Freie Kameradschaften nun darauf abzielen, sich den ökologischen Fragen zu widmen. Und da gerade solche Fragen mehr und mehr das politische Bewußtsein der Menschen antreibt - während soziale Fragen immer mehr durch das neoliberale Leistungsdenken als Maßstab der Wahlentscheidung verdrängt werden ("Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen!") -, könnte es freilich viel Zuspruch geben.

Sich um die Umwelt sorgend die Shoa leugnen und vulgären Rassismen folgen! - Nichts Neues wie man gesehen hat. Und, wenn man die Grünen so analysiert, auch nichts, was innerhalb dieser Partei nicht geboten wäre. Freilich leistet man sich eine Berufsentrüstete wie Claudia Roth, die bei jedem Anflug politischer Inkorrektheit im überparteilichen Geschehen von Rücktritten und Untragbarkeiten fabuliert, doch für den grassierenden Wahnsinn in ihrer Partei hat sie nichts übrig. Wer also rechtslastige, nationalistisch gesittete Ökologie haben möchte, der muß nicht darauf warten bis die NPD sich an dieser bedient. Man kann gerne gleich das Orginal wählen...

5 Kommentare:

Franktireur 18. Juli 2008 um 14:52  

Gratulation zu diesem tiefgründigen Beitrag. Da kommt sehr vieles zur Sprache, was sonst ungesagt bleibt.

Raze 19. Juli 2008 um 16:45  

Der Beitrag sollte allen denen, die grün wählen, mal zu lesen gegeben werden. Hervorragend gemacht!

Markus 19. Juli 2008 um 22:03  

Ein sehr inhaltsreicher Beitrag. Wie sieht es aber bei den Öko-Parteien im europäischen Ausland mit grün-brauen Irrungen und Wirrungen aus?

Anonym 18. Januar 2016 um 17:28  

Später Kommentar, aer es muss sein, und zwar zu folgendem Zitat:

"Jutta Ditfurth schreibt in ihrem Buch "Das waren die Grünen", dass von Anfang an Anhänger des antisemitischen Wirtschaftstheoretikers Silvio Gesell ihr Unwesen in der Partei trieben."

Erstens ist die unkritische Einordnung Gesells als Antisemit umstritten, um nicht zu sagen dürftig, siehe etwa https://de.wikipedia.org/wiki/Silvio_Gesell#Kritik_und_Rezeption

Man kann dies so sehen, aber es wäre zumindest fair zu erwähnen, dass es darüber keinerlei Konsens gibt.

Nichtsdestoweniger sollte man doch trotzdem intellektuell in der Lage sein, die Idee von der Person zu trennen, denn sonst müssten wir noch einiges an Ideen und Philosphie über Bord werfen, das wir mit unserem ach so aufgeklärten (und angeblich kulturell überlegenen) Abendland doch lieb gewonnen haben.

"Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften."

Das Zitat stammt im Übrigen von keinem Geringeren als Immanuel Kant. Müsste man ihn nach der Logik von Ditfurth nicht dann auch einen rassistischen Philosophen nennen?

Roberto De Lapuente 18. Januar 2016 um 17:39  

Keine Frage, ich habe den Text vor langer Zeit geschrieben und würde es heute vielleicht anders machen. Und du hast recht, viele von den ganz Großen waren nach heutigen Maßstäben nicht "politisch korrekt". Politische Korrektheit als Begriff mag ich nicht, aber ich denke, du weißt, was ich meine. Martenstein hat vor einiger Zeit einen guten Text dazu geschrieben, wenn man anfangen würde, Straßen nur nach Leuten zu bezeichnen, die nichts Falsches oder Verwerfliches gesagt haben, dann würde wohl keine Straße mehr den Namen eines berühmten Menschen tragen dürfen.
Heute sehe ich das so, man kann sich täuschen, kann Fehler begehen, ist letztlich häufig nur das Kind seiner Zeit. Das sollte man als Mensch von gewisser Erfahrung immer berücksichtigen. Ditfurth tat und tut das (und manches andere) leider nicht.

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