Das Goutieren der Eindimensionalität

Freitag, 4. Juli 2008

Neulich am Küchentisch: Eine Freundin meiner Frau zu Gast. Diese: Storemanagerin eines bundesweit agierenden Textilunternehmens. Da saß sie also, eine Zigarette rauchend und das ewige Lied der Anschaffer und Anschaffenwoller - kurz: der Führungskräfte - singend. Die Belegschaft, die sie verbrüdernd Mitarbeiterinnen nannte, ihrer kleinen, zu leitenden Filiale, hätte kein Rückgrat. Sie sei es, die den ganzen Druck seitens der Konzernleitung bzw. der regionalen Leitung abbekäme. Wenn am Quartalsende der Umsatz nicht stimmt, würde sie zur Rechenschaft herangezogen. Und was tun die Mitarbeiterinnen? Nichts! Sie zeigen wenig Engagement, zeigen kaum Biss, wenn es darum geht, Klamotten an die Frau zu bringen. Aber wenn es um Freizeit und Urlaub geht, da hätten sie die vermisste Bissigkeit aufzuweisen. Meine in das Gejammer geworfene Frage, ob es denn als sinnvoll erachtet werden müsse, wenn man seine Untergebenen dazu ermutige, den Kunden etwas mit Penetranz aufzuschwatzen und meine darauf einsetzende Provokation, ob sie denn wolle, dass man die Kunden mit Gewalt - vielleicht mit einigen Ohrfeigen die sich gewaschen haben - vom Kauf überzeuge, wurden nicht beachtet. Ein mildes Lächeln bekam ich, mit einem Blick garniert, der zu sagen schien: Ach, was weißt du denn schon? Aber dann fiel ein Satz - der Satz. Ein Satz, der das zur Institution gewordene Mitläufertum entblößt, welches sich dieses System zunutze gemacht hat. Ein Satz, dieser Satz: Die Mitarbeiterinnen zeigen keinerlei Interesse am Unternehmen! - Meine Intervention war auch hier kurz. Freilich: Vom Hörensagen und durch allerlei Jammereien, die schon vormals stattfanden, weiß ich mittlerweile, dass die besagte Belegschaft ein Haufen aufgescheuchter Hühner ist, die sich oberflächlicher Konversation hingibt und wohl keinerlei intellektuelle Anreize anbietet, die einen diskussionsfreudigen Menschen zum Gespräch animieren könnten. Als ich klarstellen wollte, dass die Interessen des Unternehmens nicht die Interessen der Angestellten sein können, wurde zwar ein wenig einsichtig genickt und mir beschwichtigend Zustimmung simuliert, aber im selben Atemzug verwandelte sich das Wehklagen zu einer langweiligen Diskussion über Damenbekleidung und - vornehm ausgedrückt - über dazu passende Accesoires. Einzuschieben sei noch, dass sie sich am Terminus "Ausbeutung" stieß und es nicht gelten lassen wollte, dass ihre Schützlinge ausgebeutet würden. Womöglich konnotiert sie "Ausbeutung" mit stalinistischen Arbeitslagern, in denen das Ausbeuten ja offensichtlich war, und nicht wie in diesen Breitengraden, versteckt und hinter Gemeinschaftsgedanken drapiert.

Nun liegt es also am werten Leser dieser Zeilen, die Geduld aufzubringen, sich dasjenige anzuhören, was neulich am Küchentisch hätte zum Ausdruck kommen sollen. Da ich aber darlegte, wie es sich dortmals zutrug, schelte man nicht mich, sondern betreffende Storemanagerin. Was mich also erregte, war die mitläuferische "Einsicht", wonach Angestellte sich mit Interesse dem Unternehmen, welches sie angestellt hat, zu widmen haben. Diese Ansicht, die ja nicht einmal sehr selten ist, sondern Ausdruck modifizierten Gemeinschaftsdenkens und der dazugehörenden Bündelung aller Lebensbereiche auf ein Ziel hin, widerspricht schon ohne tiefgründig nachsinnen zu müssen, dem Vertragsgedanken der einem Arbeitsverhältnis zugrunde liegt. Der Angestellte verpflichtet sich darin, eine bestimmte Arbeit oder mehrere bestimmte Arbeiten zu erledigen, bestimmte Verhaltensregeln einzuhalten, um erhält dafür einen bestimmten Lohn - soweit jedenfalls vereinfacht dargestellt. Interessen, die er zu hegen, offen zu zeigen habe, sind dort aber nicht Gegenstand der Abmachung.
Doch es steckt freilich mehr dahinter. Den Angestellten die Unternehmensinteressen schmackhaft zu machen, zeigt sich als ausgereifte, verfeinerte Form einer mit wenig Pomp - die frugale Bescheidenheit des Protestantismus, die dem Wesen des Kapitalismus immanent ist! - zelebrierte Stachanow- oder Hennecke-Bewegung. Ein künstlicher Zusammenhalt wird ersonnen und in Szene gesetzt, ein gemeinsames Ziel an den Horizont gesteckt, zu dessen Erreichung alle, egal in welcher gesellschaftlichen Stellung, am einzig faßbaren Strick - den einzigen den man anbietet - zu ziehen haben. Dabei handelt es sich vornehmlich um Ziele, die sich als Profitmaximierung entpuppen oder besser formuliert: die als Kapitalanhäufung und Profitgier offensichtlich sind, also gar nicht erst hinter hehren Beweggründen versteckt werden. Was aber die Akkumulation von Kapital für den Angestellten erwirken soll, nimmt sich bescheiden heraus: Die Erhaltung seines Ausbeutungsverhältnisses; die Sicherung seines Wohlstandes oder dasjenige, was wir als solchen bezeichnen. Ein Unternehmen, so wird suggeriert, ist also nur dann erfolgreich und mit sicheren Schritt auf das fixierte Ziel fortschreitend, wenn dessen Angestellte interessiert sind an Verkaufsstrategien, Marktanteilen, Effizienzrechnungen, die eine Unternehmensleitung herausgibt, um den Interessierten zu informieren. Einem Zeitgenossen, der wenig Ahnung von den Mechanismen der kapitalistischen Produktionsweise hat, könnte also folgende Frage einfallen: Waren die Bochumer Angestellten von Nokia schlechte Exemplare ihres Standes? Werden sie nun bestraft, weil sie zu wenig Interesse an den Tag legten?

Was ich hier versucht bin mit bescheidenen Worten begreiflich zu machen, hat Herbert Marcuse seinerzeit deutlicher herausgearbeitet. Dieses "An-einem-Strick-ziehen" war auch für ihn Anzeichen einer Eindimensionalität, die die Gesellschaft erfaßt hat. Einige Passagen sind es wert, hier zitiert zu werden, weil sie hinreichend erläutern, wie sich das eindimensionale Denken, welches einen Gedankengang wie jenen, wonach Unternehmens- und Angestellteninteresse doch ein- und dasselbe seien, äußert.
"Die Menschen treten in dieses Stadium als langjährig präparierte Empfänger ein; der entscheidende Unterschied besteht in der Einebnung des Gegensatzes (oder Konflikts) zwischen dem Gegebenen und dem Möglichen, zwischen den befriedigten und den nicht befriedigten Bedürfnissen. Hier zeigt die sogenannte Ausgleichung der Klassenunterschiede ihre ideologische Funktion. Wenn der Arbeiter und sein Chef sich am selben Fernsehprogramm vergnügen und dieselben Erholungsorte besuchen, wenn die Stenotypistin ebenso attraktiv hergerichtet ist wie die Tochter ihres Arbeitgebers, wenn der Neger einen Cadillac besitzt, wenn sie alle dieselbe Zeitung lesen, dann deutet diese Angleichung nicht auf das Verschwinden der Klassen hin, sondern auf das Ausmaß, in dem die unterworfene Bevölkerung an den Bedürfnissen und Befriedigungen teil hat, die der Erhaltung des Bestehenden dienen."
"Der Produktionsapparat und die Güter und Dienstleistungen, die er hervorbringt, „verkaufen“ das soziale System als Ganzes oder setzen es durch. Die Mittel des Massentransports und der Massenkommunikation, die Gebrauchsgüter Wohnung, Nahrung, Kleidung, die unwiderstehliche Leistung der Unterhaltungs- und Nachrichtenindustrie gehen mit verordneten Einstellungen und Gewohnheiten, mit geistigen und gefühlsmäßigen Reaktionen einher, die die Konsumenten mehr oder weniger angenehm an die Produzenten binden und vermittels dieser ans Ganze. Die Erzeugnisse durchdringen und manipulieren die Menschen; sie befördern ein falsches Bewußtsein, das gegen seine Falschheit immun ist. Und indem diese vorteilhaften Erzeugnisse mehr Individuen in mehr gesellschaftlichen Klassen zugänglich werden, hört die mit ihnen einhergehende Indoktrination auf, Reklame zu sein; sie wird ein Lebensstil, und zwar ein guter – viel besser als früher -, und als ein neuer Lebensstil widersetzt er sich qualitativer Änderung. So entsteht ein Muster eindimensionalen Denkens und Verhaltens, worin Ideen, Bestrebungen und Ziele, die ihrem Inhalt nach das bestehende Universum von Sprache und Handeln transzendieren, entweder abgewehrt oder zu Begriffen dieses Universums herabgesetzt werden. Sie werden neubestimmt von der Rationalität des gegebenen Systems und seiner quantitativen Ausweitung."
Und, als bittere Einsicht:
"Ganz abgesehen von den politischen Fesseln, die der Status quo dem Menschen auferlegt, wird dieser an Leib und Seele gegen die Alternative organisiert, und dies umsomehr, je mehr die Technik imstande scheint, die Bedingungen für die Befriedung hervorzubringen."
So wird aus einem Arbeitsverhältnis eine Partnerschaft modelliert. Man gaukelt vor, dass zwei gleichberechtigte Parteien ein Arrangement getroffen haben. Unternehmen und von ihm bezahlte Angestellte wirken folglich einem Ziel entgegen, vertreten ein Interesse. Den Menschen wird begreiflich gemacht - man flößt ihnen dieses ideologische Gift täglich ein, selbst trivialste Vorabend-Soaps pflanzen eindimensionales Gedankengut in die Gehirnwindungen junger Menschen -, dass dies vonnöten sei. Nur so, nicht anders, könne man erfolgreich sein, könne somit dem Leben des Angestellten erfolgsbedingte Kontinuität verleihen. Dreist wird dabei aber verschwiegen und aus dem Blickfeld gekehrt, dass diese vermeintliche Partnerschaft eine Schönwetterverknüpfung zweierlei Interessen ist. Solange das Unternehmen seine Vorstellungen umsetzen kann - das ist in der Regel die Erlangung eines bestimmten Profitsatzes -, erhält es den Anschein der Interessensdeckung aufrecht; sobald aber graue Wolken am Himmel des Marktes heraufziehen, Profite spärlicher ausfallen - sie fallen nicht immer ganz weg -, wird aus dieser herrlichen Partnerschaft ein einseitiges Geschäft. Nun wird das gemeinsame Interesse verraten und verkauft. Die Unternehmensleitung gibt die Devise aus, dass es dem Interesse des Unternehmens entspricht, Personal zu entlassen. Man versucht den betroffenen "Interessenten am Unternehmenswohl", denjenigen die man vor die Türe setzen will, diese einseitige Entscheidung auch noch vernünftig und mit Bedacht auf das gemeinsame Interesse erklärbar zu machen.
Trotz dieser Diskrepanz zwischen Einheitsfront des Interesses und Interessen des Einzelnen, die in solchen Momenten transparenter wird als zuvor, hängen nicht wenige Menschen diesem Märchen nach und glauben sich, im täglichen Kampf gegen Partikularinteressen, auf der richtigen Seite stehend. Wenn sie sich, so glauben sie möglicherweise unbewußt, den Partikularinteressen einiger Weniger nicht entgegenstellen, sondern daran teilhaben, dann fahren sie bequemer durch die Lande. Aus dem Unternehmen der Wenigen wird - aber nur ideologisch betrachtet, niemals in Hinsicht auf materiellen Besitz; das Unternehmen bleibt Privatbesitz - das Unternehmen aller Beteiligten.

Dieses Verbundensein und sich interessieren am Unternehmen der Wenigen äußert sich oftmals in bizarrer Weise. Wenn es dem angeblichen Interesse aller entspricht, dass eine bestimmte Zahl von Angestellten entlassen werden muß, findet man häufig auch in den Reihen dieser Entlassenen Individuen, die dieser Maßnahme beipflichtend zustimmen. Auch sie sprechen noch von einem Gemeinschaftsinteresse, selbst wenn sie offensichtlich aus der Gemeinschaft entlassen und vom Interessehabensollen befreit werden. Persönlich ist mir ein Fall bekannt, in dem ein engagierter Angestellter einen Produktionsgang dermaßen überdachte, dass damit ein folgender Produktionsgang, der einige Angestellten ihr Auskommen sicherte, wegfallen konnte. Der strebsame Verbesserer hatte nicht den Auftrag, seinen Arbeitsgang zu überdenken, er tat es freiwillig, seinem Herrn ein guter Bediensteter seiend, im Sinne des Unternehmens und damit des gemeinsamen Interesses. So wurden einige Polierer ihrer Tätigkeit verlustig. Man verstehe das nicht falsch: Es ist immer sinnvoll, wenn man eine unwürdige, dreckige und staubige Arbeit umgehen kann, wenn man Menschen von so einer Tätigkeit entbindet, um sie einer unpersönlichen Maschine zu überantworten. Die Tragik dieser Polierer war und ist nur, dass sie in einer Gesellschaft leben, in der Arbeit die Grundlage des individuellen Existenzrechts ist - wenn auch nicht juristisch, so doch zumindest ideologisch betrachtet. Wer sich also heute in einem Unternehmen engagiert, Arbeitsgänge verknappt oder atomisiert, damit man im Sinne der vermeintlichen Partnerschaft effektive Erfolge zeitigt, der sollte gleich noch eine Auflistung mitliefern, wie man den überflüssig gewordenen Personen Abhilfe verschaffen könne. Oder einfach naiv gefragt: Ist es denn nicht im Sinne aller Interessierten, einige nutzlos gewordene Interessierte - also Brüder im Geistes des gemeinsamen Ziels und Interesses - aufzufangen?

Nun ist es also fraglich, warum die Textilzicken, die ich oben erwähnte, sich sonderlich interessiert am Unternehmen beteiligen sollten. Freilich sind sich diese Damen nicht darüber im Klaren, weshalb sie so interessenlos handeln - zumindest aus Sicht ihrer Vorgesetzten. Es wird wohl kaum der eigenen Geistesleistung zuzuschreiben sein, oder einem Schritt politischer Bildung, der es ermöglichte, sich gleichgültig gegenüber dem Unternehmen zu verhalten, welches monatlich das Überleben sichert. Und würde man sie damit konfrontieren, würden sie - da darf man sich sicher sein - ganz entrüstet tun und hundertfach bejahen, ein Interesse am Unternehmen zu haben - mit allen Konsequenzen und Schikanen, dies sei ja gute Arbeitnehmerpflicht; und überhaupt: Das Unternehmen sei ihr Leben, ihre Grundlage, ihr stilles Glück! Immerhin darf man doch nicht in den Ruch eines interessenlosen und damit skrupel- und gewissenlosen Arbeitnehmers geraten. Und genau aus diesem Grunde fragen Bewerber erst am Ende eines Bewerbungsgespräches - wenn überhaupt - nach dem Entgelt. Man will doch den Eindruck erschinden, ein loyaler und interessierter Ausgebeuteter zu sein. Daher sind diejenigen rar, die auch dazu stehen, wenig Interesse am Unternehmen zu haben; nur die vertraglich fixierte Tätigkeit nach bestem Wissen und Gewissen zu erledigen, aber ansonsten keinerlei Bindung eingehen zu wollen.

Aber an der wenig durchdachten Wortwahl der oben genannten Storemanagerin läßt sich erkennen, wie den Menschen diese Sichtweise in Mark und Blut übergegangen ist. In Eindimensionalität geübt, schwimmen sie in vorgegebenen Wassern, fabulieren von gemeinsamen Interessen und tun ihren Teil dazu, die "Einebnung des Gegensatzes (oder Konfliktes)" voranzutreiben - zwar nicht im materiellen, d.h. wirklichen, realen, stofflichen, faßbaren; wohl aber im ideologischen Sinne. Und nur wer aus diesem Holz geschnitzt ist, aus einem Massenholz freilich, taugt auch zum Storemanager und damit zur Führungskraft. Nur wer daran glaubt, dass das Interesse an einem Unternehmen alle vereint, einer Synthese aus Partikularinteressen einiger Weniger (Antithese) und den Bedürfnissen Vieler (These) gleichkommt, kann eine solche führende Rolle übernehmen.

6 Kommentare:

epikur 4. Juli 2008 um 17:52  

"...dass die Interessen des Unternehmens nicht die Interessen der Angestellten sein können." ist für mich einer der zentralen sätze in deinem guten beitrag. insofern geht es -wie bei fast allen strategien, ideen, umsetzungen eines unternehmens etc.- auch hier nur darum den profit des unternehmens zu steigern. dieses "sich mit dem unternehmen identifizieren" wird ja in amerikanischen unternehmen seit jeher als personalmanagement-strategie benutzt, damit die mitarbeiter weniger krank machen/sind, nicht aufbegehren etc.

widersprüchlich, paradox oder fast schon pervers ist in zeiten von wirtschaftsfundamentalismus (denn nichts anderes ist der neoliberalismus) von solidarität in unternehmen zu faseln. letztendlich wird diese nur instrumentalisiert und konstruiert, um noch mehr profit zu machen.

Anonym 4. Juli 2008 um 18:21  

Schön beobachtet und noch schöner beschrieben.
Schön auf den Punkt gebracht hat es Marx schon 1849 in "Lohnarbeit und Kapital":
...Wir sehen also, daß selbst, wenn wir innerhalb des Verhältnisses von Kapital und Lohnarbeit stehnbleiben, die Interessen des Kapitals und die Interessen der Lohnarbeit sich schnurstracks gegenüberstehn.

Eine rasche Zunahme des Kapitals ist gleich einer raschen Zunahme des Profits. Der Profit kann nur rasch zunehmen, wenn der Preis der Arbeit, wenn der relative Arbeitslohn ebenso rasch abnimmt. Der relative Arbeitslohn kann fallen, obgleich der reelle Arbeitslohn gleichzeitig mit dem nominellen Arbeitslohn, mit dem Geldwert der Arbeit steigt, aber nur nicht in demselben Verhältnis steigt wie der Profit. Steigt z.B. in guten Geschäftszeiten der Arbeitslohn um 5 Prozent, der Profit dagegen um 30 Prozent, so hat der verhältnismäßige, der relative Arbeitslohn nicht zugenommen, sondern abgenommen.

Vermehrt sich also die Einnahme des Arbeiters mit dem raschen Wachstum des Kapitals, so vermehrt sich gleichzeitig die gesellschaftliche Kluft, die den Arbeiter vom Kapitalisten scheidet, so vermehrt sich gleichzeitig die Macht des Kapitals über die Arbeit, die Abhängigkeit der Arbeit vom Kapital.

Der Arbeiter hat ein Interesse am raschen Wachstum des Kapitals, heißt nur: Je rascher der Arbeiter den fremden Reichtum vermehrt, desto fettere Brocken fallen für ihn ab, um desto mehr Arbeiter können beschäftigt und ins Leben gerufen, desto mehr kann die Masse der vom Kapital abhängigen Sklaven vermehrt werden.

Wir haben also gesehen:

Selbst die günstigste Situation für die Arbeiterklasse, möglichst rasches Wachstum des Kapitals, sosehr sie das materielle Leben des Arbeiters verbessern mag, hebt den Gegensatz zwischen seinen Interessen und den Bourgeoisinteressen, den Interessen des Kapitalisten, nicht auf. Profit und Arbeitslohn stehen nach wie vor im umgekehrten Verhältnis.

Ist das Kapital rasch anwachsend, so mag der Arbeitslohn steigen; unverhältnismäßig schneller steigt der Profit des Kapitals. Die materielle Lage des Arbeiters hat sich verbessert, aber auf Kosten seiner gesellschaftlichen Lage. Die gesellschaftliche Kluft, welche ihn vom Kapitalisten trennt, hat sich erweitert.

Endlich:

Günstigste Bedingung für die Lohnarbeit ist möglichst rasches Wachsturn des produktiven Kapitals, heißt nur: Je rascher die Arbeiterklasse die ihr feindliche Macht, den fremden, über sie gebietenden Reichtum vermehrt und vergrößert, unter desto günstigern Bedingungen wird ihr erlaubt, von neuem an der Vermehrung des bürgerlichen Reichtums, an der Vergrößerung der Macht des Kapitals zu arbeiten, zufrieden, sich selbst die goldnen Ketten zu schmieden, woran die Bourgeoisie sie hinter sich herschleift."

Eigentlich nicht so kompliziert. Warum will das kaum jemand hören? Statt dessen schreit es aus jedem Winkel "Arbeitsplätze!", "Standort sichern!",...

Markus 5. Juli 2008 um 00:40  

Wie es aussieht, braucht es eine "kopernikanische Wende", bei der sich nicht mehr der Mitarbeiter um das Unternehmen "dreht", sondern das Unternehmen um den Mitarbeiter.

Eine solche "Revolution" im Denken und Handeln harrt ihrer Heraufkunft.

aebby 5. Juli 2008 um 05:53  

Ich möchte einige ggf. widersprüchlich klingende Gedanken hinzulegen. Es gibt natürlich einen grundlegenden Zielkonflikt des Unternehmers mit dem Angestellten. Dennoch gibt es das Phänomen einer Überlappung der Motivationen wie z.B. sei es durch Identifikation mit den Produkten oder einen impliziten Familiengedanken, der auf einem unausgesprochenen Deal Sicherheit gegen Loyaliät basiert. Den Zerfall der Identifikation, das einseitige Auflösen des Sicherheitsdeals habe ich in zwei Firmen als Führungskraft miterlebt, eine mögliche Reaktion hierauf ist dann tatsächlich die Projektion des Übels auf den Angestellten, obwohl der "bad guy" woanders sitzt. Das ist das tragische, dass heute den Opfern die Schuld angehängt wird.

Roger Beathacker 5. Juli 2008 um 11:49  

"Ist das Kapital rasch anwachsend, so mag der Arbeitslohn steigen; unverhältnismäßig schneller steigt der Profit des Kapitals. Die materielle Lage des Arbeiters hat sich verbessert, aber auf Kosten seiner gesellschaftlichen Lage. Die gesellschaftliche Kluft, welche ihn vom Kapitalisten trennt, hat sich erweitert."

Ich moechte fast noch behaupten: "und umso schneller waechst die Staatsverschuldung." - Irgendwo muss das ueberschuessige schnellwachsende Kapital ja wieder untergebracht werden.

Markus 5. Juli 2008 um 23:23  

Daß sich die materielle Lage der Arbeiter verbessert, wenn der Profit gesteigert wird, dürfte auch längst nicht mehr mit den gesellschaftlichen Tatsachen übereinstimmen.

Eher sieht es so aus, daß Wachstum und Wohlstand beim heutigen Entwicklungsstand der kapitalistischen Produktionsweise entkoppelt werden bzw. bereits sind.

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