Mein Abgeordneter - Teil 3

Sonntag, 1. Juni 2008

Fortsetzung vom 29. Mai 2008
Teil 1 vom 28. Mai 2008

Schritt 3: His castle is my home!


Bald schon macht sie die herabgesunkene Hemmschwelle bemerkbar. Dies bedeutet aber nicht, dass wir nun beginnen, unseren Volksvertreter wie einen Diener zu drangsalieren. Botschafter gehören nicht dem Dienstpersonal an. Schon der zweite Besuch wird uns leichter fallen. Wir werden ihm mitteilen, dass wir uns freuen, ihn wieder zu sehen. Dass wir das politische Geschehen genau beobachtet haben und wir nun seine Einschätzung zu diesem oder jenem Thema hören möchten. Dazu sagen wir: „Wie sehen „wir“ das denn?“ Hier machen wir ihm – mit Hilfe des verbindenden „Wir“ - kenntlich, dass wir beide an einem Strick ziehen, dass es für uns nur ein gemeinsames Ziel geben kann: Die Erfüllung des Wählerwillens – genauer unseres Willens! Machen wir uns jedoch nichts vor: Er wird uns nicht immer Rede und Antwort stehen. Wahrscheinlich wird er kaum auf uns eingehen, unsere Fragen nicht mal ernsthaft durchdenken. Besonders seltene Prachtexemplare werden zornig und bitten den ungeliebten Besucher zu gehen. Dies darf uns aber nicht entmutigen. Wir werden keinesfalls sofort beleidigt den Raum zu verlassen. Wir merken uns: Wir sind juristisch derart beschlagen, dass wir wissen, hier keinen strafbaren Hausfriedensbruch zu begehen. Dieses Wissen von unserer Unschuld kosten wir zunächst noch aus, harren noch ein Weilchen aus und sind dabei eine Seele von Mensch, immer lächelnd und neugierig.
Warnung: Die Macht der Gewohnheit könnte uns nach einiger Zeit dazu bringen, ihn nicht mehr als „unseren“ Abgeordneten anzusprechen. Hier hat äußerste Vorsicht zu walten! Vergessen wir nie, dass es sich um „unseren Mann im Parlament“ handelt. Er gehört uns, sein Mandat ist kein Geschenk, dass wir ihm aus einer Bierlaune heraus verliehen haben, sondern konkretes Verlangen. Er ist nicht irgendein Abgeordneter, sondern der Mann, der uns vertritt, weil uns dazu die Zeit fehlt. Natürlich werden wir ihm gehörig auf die Nerven gehen; natürlich will er uns schnellstmöglich loswerden; natürlich wird uns so viel ungerechte Unfreundlichkeit, die er uns zuweilen entgegenbringen wird, ärgern oder betrüben. Wir lassen uns dennoch nicht entmutigen, sind auf dem richtigen Weg.
Bevor wir den zweiten oder dritten Besuch beendet haben, fragen wir ihn, ob er unter der Telefonnummer, die er im Internet veröffentlicht hat, immer zu erreichen ist. Denn manchmal überkomme uns ein erhellender Gedanke kurz vor dem Einschlafen, den wir nicht in den nächsten Tagen verlagern können. Wir seien flexibel und engagiert, gerade so, wie es unser Abgeordneter immer von denen fordert, die ohne Erwerb sind. Die Ratschläge, die er diesen erteilt, haben wir uns verinnerlicht. Dies sei Flexibilität, die ihm sein Regieren erleichtern wird.
Nach dem vierten Treffen verabschieden wir uns bereits mit „Bis nächste Woche“. Wir sind nun in seinem Büro heimisch geworden, lassen dieses vertraute Gefühl auch zur Geltung kommen. Unser Mann soll merken, dass wir uns in unserem Büro wohlfühlen. Unser Büro: Würde er denn hier sein, wenn ich nicht an einem Sonntagnachmittag im Herbst zur Urne gestürmt wäre? Gelegentlich sollten wir über unseren Schatten springen und ihn für seinen Einrichtungsgeschmack loben. Lohnenswert ist so ein Lob vorallem dann, wenn er ein steriles Allerweltszimmerchen angemietet hat, welches er dann optimistisch Büro nennt. Das Loben ein solchen Zimmers unterstreicht den latenten Zynismus. Und wer besonders motiviert ist, könnte seinen Abgeordneten auch damit aufmuntern, dass ein solches Zimmer durchaus fruchtbar ist, denn es bewirkt, dass man sich nicht ablenken läßt. Wir fragen ihn, ob er Meister Eckhart kennt, der einmal ein wenig ketzerisch – aus Sicht der Kirche – fragte, was sein Gott denn ohne ihn wäre. Immerhin mache seine Existenz erst seinen Gott zu dem, was er ist. Nachdem wir das in den Raum geworfen haben, seufzen wir aus voller Tiefe, schnaufen durch, als hätten wir etwas unglaublich Geistreiches gesagt und lassen ein langes „Aaaaaach“ aus unserem Mund sprudeln, um dann daran anzuschließen: „Was wäre mein Abgeordneter nur ohne mich? Weil ich bin, ist er. So ein schönes Büro...“
Wir bemerken: Die Sätze, die wir ihm nun zuwerfen, werden gewagter. Von einer Diskussion wird man vermutlich nicht sprechen können, denn man darf bezweifeln, ob der gute Herr oder die nette Dame auf alles eingeht, was man ihm an Brocken vorwirft. Goldene Regel soll aber sein, dass wir unseren Abgeordneten niemals nach Privatsachen fragen. Weder gehört sich das, noch haben wir Interesse daran. Wir betrachten unseren Mann an der Front als Mittel zum Zweck, so wie er seine Wählerschaft als dunkle Masse begreift, die ihm notwendiges Übel zum Postenergattern ist. Da machen wir es uns einfach und übernehmen seine zynische Einstellung ungesunder Selbstsucht.
Und auch, wenn wir uns in seinem Büro nun heimischer fühlen, werden wir unsere Kinderstube nicht vergessen. Füße gehören sich einfach nicht auf einen Schreibtisch. Als brav-naives Wahllämmchen kann man sich solche Unflätigkeiten nicht einmal vorstellen, geschweige denn in die Tat umsetzen. Außerdem sind wir nicht im Büro unseres Abgeordneten, um herumzulungern. Wir sind mit unserem Mann eine Geschäftsvereinbarung eingegangen. Stimme gegen Posten! Selbst wenn ihm dieser Kontrakt nun unangenehm ist, er am liebsten jegliche Verantwortung abgeben möchte – nicht aber seinen Posten -, so ist unser allwöchentliches Auftauchen kein fröhliches Zusammenkommen, zu dem wir unsere Füße hochlegen. Wir fordern Ernsthaftigkeit und Verantwortungsgefühl von unserem Abgeordneten, müssen die regelmäßigen Zusammenkünfte als business begreifen. So haben wir uns auch zu benehmen!

Fortsetzung folgt...

1 Kommentare:

Roger Beathacker 1. Juni 2008 um 17:58  

Wie es auch gehen koennte:

"Willkommen auf Tranai", sagte der Minister mit überströmender Herzlichkeit. Er warf einen Stoß Dokumente von einem Stuhl und bot ihn Goodman an.

"Mr. Minister--", begann Goodman förmlich auf Tranaisch.

"Den Melith heiße ich. Nennen sie mich Den. Wir legen hier auf das Formelle wenig Wert. Legen Sie die Beine auf den Schreibtisch und machen Sie es sich bequem. Zigarre?"


Robert Sheckley. Utopia mit kleinen Fehlern.

;-)

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