Erdogans Sturm auf die deutsche Leitkultur

Samstag, 9. Februar 2008

Mit Unverständnis hat die deutsche Öffentlichkeit den Vorschlag des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan aufgenommen, wonach mehr türkische Lehrer nach Deutschland entsendet werden sollten. Die Gründung türkischer Gymnasien, versteht man gar als Angriff auf die deutsche Leitkultur - nicht nur im Lager der christlichen Parteien. An diesem Punkt angelangt sieht man die geforderte Assimiliation muslimischer Mitbürger gefährdet.

Nicht der Sinn oder Unsinn dieses Vorschlags soll folgend behandelt werden, aber ein Blick ins Ausland lohnt sich allemal. Hinlänglich bekannt ist, daß deutsche Touristen nichts von Zurückhaltung halten. Mallorca steht als leuchtendes Beispiel touristischer Respektlosigkeit vor den Belangen der einheimischen Bevölkerung. Neben deutschen Straßen, Kneipen, Dienstleistungsunternehmen, neben einer Balearenausgabe der BILD-Zeitung, ist man zudem versucht, deutsche Feier- und Partyinteressen - mittels Einzug ins Inselparlament - durchzusetzen. Laute Musik, Saufgelage und Strandbelagerungen bis tief in die Nacht als Gegenstand politischer Willensbildung! In den türkischen Touristenhochburgen sieht es nicht anders aus: Statt Köfte fordert man Bratwurst und Sauerkraut und auch wenn in der Türkei religions- und damit konventionsbedingt Schweinefleisch nicht verzehrt wird: der Tourist möchte nicht darauf verzichten müssen. Die einheimischen Bewohner trösten sich damit, daß diese Vandalen früher oder später zurück in ihre Heimat gehen, wo sie sich in dieser Weise niemals benehmen würden.

Der Tourismus ist aber nicht das Zentrum deutschen Unwillens, sich diverser "anderer Leitkulturen" anzupassen. Wie handhaben es Deutsche, die im Ausland - in diesem Falle in der Türkei - leben? - Integration findet auch dort nicht statt. Freilich, könnte man argumentieren, in der Türkei leben - laut Schätzungen - nur etwa 25.000 Deutsche, während in Deutschland 1,7 Millionen Türken leben. Aber müßte es einer kleinen Zahl "volksfremder Charaktere" nicht sogar leichter fallen, sich zu integrieren? - Scheinbar nicht. Es gibt deutsche Bäckereien und man habe den Türken etwas "mehr Sauberkeit beigebracht", so diverse Rentner, die ihren Lebensabend in Antalya verbringen. Unverblümt läßt man Verachtung erkennen, tut gerade so, als habe die deutsche Präsenz ein Land aus der Wildnis gehoben. Von der geistigen Größe des Osmanenreiches, die lange Zeit Europa in den Schatten stellte, wissen solche Zeitgenossen wenig.

Gelesen werden deutsche Zeitungen, die da heißen "Alanya Bote", "Deutsche Türkei Zeitung" oder "Türkische Allgemeine". Und auch - dies verwundert bei der Entrüstung zum Vorschlag Erdogans - deutsche Schulen existieren in der Türkei. Die Ernst-Reuter-Schule in Ankara wurde bereits 1952 - damals unter anderem Namen: Deutsche Schule Ankara - gegründet. Anzumerken sei, daß es sich um Privatschulen handelt, die tüchtig in den Geldbeutel der Eltern greifen, um dem Spößling eine gute deutsche Schulbildung zu vermitteln. Doch das Prinzip ist jenes, welches man in Erdogans Vorschlag zu sehen glaubt: Man hält sich separat, versucht nicht integriert zu leben, sondern die Herkunft zu bewahren.

Wie auch die türkischen Mitbürger hierzulande, sind Deutsche im Ausland versucht, ihre Wurzeln zu bewahren. Diese Form des Herkunftsbewahrens führt nicht selten dazu, daß man sich sein Umfeld an die Heimat anpaßt. Die Deutschen vollziehen dies im Ausland, so wie es viele türkische Mitbürger hier tun. Es ist auch nicht notwendig, integriert - was im Sinne der "deutschen Leitkultur" assimiliert bedeutet - zu sein, um friedlich mit seinem Nachbarn leben zu können. Frei nach Pispers: In Düsseldorf leben viele Japaner, kaum einer ist der deutschen Sprache mächtig. Es gibt japanische Läden und Restaurants und Apotheken haben sogar japanisches Personal eingestellt, damit japanische Kunden beraten werden können. Liest man irgendwo etwas über kulturelle Verwerfungen am Rhein? - Nein, sagt Pispers, man muß nicht dieselbe Sprache sprechen um sich zu verstehen. Man kann deswegen genauso ein Bier zusammen trinken - d.h. der eine trinkt Bier, der andere das, was er für Bier hält. Was Pispers humoristisch aufarbeitet, trifft den Nagel auf den Kopf. Und solange viele Deutsche (nicht alle) glauben, an ihrem Wesen müßte die Welt genesen, sollte man auch den Menschen hier ermöglichen, ihren Wurzeln Ausdruck zu verleihen.

Das Monopol der Werte, Normen und Konventionen einer Volksgruppe innerhalb eines Nationalstaates, ist eine relativ junge Erscheinung in der Historie. Den Menschen war es vormals gleichgültig, unter welchem Regenten sie ihr Leben zu fristen hatten. Vielen Bauern ging es - trotz dschizya (Steuer für Nichtmuslime) - viel besser, als unter christlicher Herrschaft. Erst mit Aufkommen nationalistischen Totalitarismus, der eine mal latente, mal offenkundige Gleichschaltung der Lebensentwürfe mit sich brachte, verunmöglichte das Ausleben einer anderen Kultur innerhalb eines Staatenwesens. Zu Zeiten Friedrichs II. - des Großen - sah man dies noch pragmatischer. Er ließ die andernorts verfolgten Hugenotten nach Preußen kommen, denn sie sollten den aufstrebenden Staat, der an Bevölkerungsarmut litt, bereichern. Er hätte, so sagte er einmal, auch Synagogen und Moscheen gebaut, wenn Juden und Muslime nach Preußen gekommen wären. Forciert durch die Befreiungskriege gegen Napoléon fand mehr und mehr eine Abgrenzung zu anderen Lebensentwürfen statt. Der Lebensstil der Mehrheit, die sich als Nation proklamierte, schob kulturelle Unangepaßtheiten zur Seite. Die Juden, gerade noch durch den Code Civil Napoléons emanzipiert, wurden plötzlich zu Fremdkörpern und Störenfriede. Dies forcierte eine kopflose Assimilation, in welcher man doch immer "Deutscher zweiter Klasse" blieb. Hannah Arendt sieht in dieser Kopflosigkeit, in der man sich lieber stillschweigend anpaßte, als um die Emanzipation der eigenen Kultur zu kämpfen, die Wurzel der jüdischen Kampflosigkeit, als man sie zu den Schlachtbänken der Shoa führte.

Erdogans Vorschlag mag unsinnig sein, zumal muttersprachlicher Unterricht schon jetzt (und seit Jahren) in deutschen Schulen praktiziert wird. Derart an den Haaren herbeigezogen, wie man es nun darzustellen versucht, ist ein solcher Vorschlag aber nicht. Integration ist kein Wert, welchen Westeuropäer gerne im Ausland umsetzen. Zu assimilieren haben sich andere Kulturen, der in die Köpfe zementierte Eurozentrismus erlaubt keinem west- oder mitteleuropäischen Menschen, in einer anderen Kultur zivilisatorische Kraft zu erkennen. Nicht Erdogans Vorschlag ist vermessen; als vermessen wurde es verstanden, daß man aus einer niedrigen kulturellen Stellung heraus - die die Türkei und der Islam in Augen der Europäer einnimmt - solche Forderungen in den Raum stellt. Anders: Sowas dürfen Europäer fordern und umsetzen, aber nicht "geringwertigere Kulturkreise".

5 Kommentare:

Thomas Trueten 10. Februar 2008 um 11:49  

Das Problem scheint mir einerseits in der Frage sozialer Perspektiven und andererseits in der Assimilation der Migranten statt kultureller und politischer Bereicherung des gesellschaftlichen Lebens hier zu bestehen. Ich denke weder Erdogan noch einer "unserer" bürgerlichen Politiker hat daran wirklich irgendein ein Interesse. Was also tun?

Menschen "deutscher" als auch "ausländischer" Herkunft müssen sich gemeinsam um ihre Interessen kümmern und so eine Barrikade gegen jegliche nationalistische Spaltung errichten. Dazu gehört auch, sich kritisch mit den politischen und ideologischen Motiven auseinanderzusetzen, die Erdogan zu seinem Vorschlag veranlasst haben, den dieser in Zusammenhang mit dem Brand in Ludwigshafen gemacht hat. Daß dieser Brand, wenn er politisch motiviert war seinen Ursprung auch in der reaktionären Propaganda hat, die im hessischen Wahlkampf von MP Koch und Consorten veranstaltet wurde, kann kaum bestritten werden. Ebenso wie die Tatsache, daß er allen bürgerlichen Krokodilstränen zum Trotz längst politisch instrumetalisiert wurde.

Ein gemeinsamer Kampf der Menschen hier gegen faschistische und nationalistische Hetze passt den herrschenden in Deutschland wie in der Türkei nicht ins Konzept. Das zeigt sich konkret auch in der Behandlung eines Verbots der NPD hier wie auch der kurdischen Frage in der Türkei. Schon gar nicht passt der gemeinsame Kampf für eine politische Zukunft, in der Nationalsaatlichkeit usw. überwunden ist. Aber das kann man naturgemäß auch nicht erwarten.

Roberto J. De Lapuente 10. Februar 2008 um 13:39  

Um sich der wahren Problematik zu entziehen - also der fehlenden sozialen Perspektive -, ernennt man gewissermaßen ein Surrogat, daß die Kritik absorbieren soll. Anders: Nicht materielle Gründe (Exklusion aus der Gesellschaft aufgrund kultureller Unterschiede, damit fehlende Teilhabe am Gemeinwesen und unzureichende Zukunftsperspektiven) stehen am Pranger, sondern man ernennt idealistische Scheinmotive zum Schuldigen. "Der Türke" (wir müssen von Türken sprechen, denn mit "Ausländer" sind sicher nicht Franzosen, Engländer, Italiener, kurz: Europäer gemeint) trägt die Schuld seiner Misere, weil er nicht deutsch spricht. Die gegebenen ökonomisch-soziologischen Mißstände werden der Verantwortung enthoben. Hier scheint das neoliberale Prinzip der "Selbstverantwortung" durch.

In meinem Artikel spiele ich auf Volker Pispers an. Er behauptet in einem Programm, daß in einem Düsseldorfer Stadtteil viele Japaner in einer eigenen kleinen "Parallelgesellschaft" leben. Die wenigsten dieser Japaner sprechen deutsch und dennoch herrscht Frieden. Pispers leitet davon ab, daß wir nicht von Ausländern sprechen, wenn wir Integration fordern, sondern eigentlich Türken (siehe oben) meinen. Es gäbe dort also Frieden, auch wenn es kein Miteinander gibt. Man kann auch friedlich nebeneinander leben, so sein Résumé. Damit hält Pispers süffisant lächelnd dieser Gesellschaft den Spiegel vor.

Ich fand einen Ausschnitt dieses Programms in den Weiten des Internets und möchte folgend darauf verweisen:
http://youtube.com/watch?v=U0JRfYZDHG8

Frl. S. Sto Helit 10. Februar 2008 um 16:45  

Wenn der Artikel nicht den Sinn oder Unsinn dieses Vorschlags behandelt ist er nicht nur überflüssig sondern auch ärgerlich.
Die Frage muss lauten : Was bezweckt der MP eines Landes mit 17% Analphabeten und 600000 Mädchen die nicht die Schule besuchen damit in ein fremdes Land Lehrer zu schicken ? Die Bewahrung des wahren Türkentums ? Gleich die nächste Frage: Wozu braucht man einen Minister für "Auslandstürken" ?

1. Und Japaner die ein paar Arbeitsjahre in Deutschland verbringen mit Türken zu vergleichen die ihren Lebensmittelpunkt nach D. verlegt haben ist schlicht falsch.
Genauso falsch wie: "Der Türke" (wir müssen von Türken sprechen, denn mit "Ausländer" sind sicher nicht Franzosen, Engländer, Italiener, kurz: Europäer gemeint) trägt die Schuld seiner Misere, weil er nicht deutsch spricht."
Na wer ist den sonst Schuld wenn Kinder in der 3. Generation immer noch kein Deutsch sprechen? Bestimmt die bösen Behörden die alle Formulare auch auf Türkisch rumliegen haben.
Als jemand der an Berliner Schulen sein Geld verdient kann ich sagen, das ist ganz klar ein Türkisch/Libanesisches Problem. Bei allen anderen "Ethnien" können die Kinder inzwischen besseres Deutsch als Deutsche Kinder von Hartz4-Empfängern.
2. An der Deutschen Botschaftschule in der Türkei wird auf Türkisch gelehrt und der Schulabschluss zählt dort nichts, sondern nur in D.!
3. Wer im Frauen und Randgruppen-feindlichen Islam von heute eine "Kultur und zivilisatorische Kraft" erkennt dem ist nicht mehr zu helfen. sry

Roberto J. De Lapuente 10. Februar 2008 um 19:33  

Das Frl. S. Sto Helit betreffend:

1. Weshalb einige Arbeitsjahre von Japanern nicht vergleichbar sind mit einigen Lebensjahren von Türken, bleibt hier als Rätsel im Raume. Der Verfasser dieser Ansicht mag sich dabei schon was gedacht haben - oder auch nicht.
Damit bestätigt mir der Verfasser, daß es eben doch nicht um Ausländer geht, sondern um Türken oder Moslems. Die "Integration von Ausländern" bedeutet "Assimiliation von Türken".

2. Der Verfasser äußert sich in unsachgemäßer Art und Weise gegen ALG2-Empfänger, so als hätten einzig und alleine Kinder aus den sogenannten "Unterschichten" sprachliche Defizite. Er unterwirft (in verbaler Form) Menschen aus den untersten Gesellschaftschichten der Selektion. Defizite sehe ich vorallem im Benehmen des Verfassers und ich hoffe, die von ihm erwähnte Tätigkeit auf einer Berliner Schule beschränkt sich - da man es den Kindern und Eltern nicht zumuten kann, mit jemand derart voreingenommenen ein Gespräch führen zu müssen - auf das Kehren des Pausenhofes.

3. Der Verfasser unterstellt mir indirekt, ich würde im Islam eine "zivilisatorische Kraft" erkennen. Aber dies erkenne ich in keiner Religion. Den Islam als separate Erscheinung an der Peripherie erkennen zu wollen, so wie es viele konservative Politiker tun, ist schlichtweg falsch. Ebenso ist es fehlerhaft, islamische Menschen als Menschentypus anderer Art darstellen zu wollen. Menschen bewegen, egal wo, egal in welcher Kultur, egal in welcher Zeit, immer die gleichen Nöte und Bestrebungen. Dies abzuhandeln hat noch lange nichts damit zu tun, den Islam als "zivilisatorische Kraft" zu stärken. Aus der Warte der "deutschen Papalen" ("Wir sind Papst!") erscheint mir dieser Vorwurf zudem bizarr bzw. wirft ein bezeichnendes Licht auf die Form der Diskussion innerhalb dieses Landes. Die Romtreue wird hofiert, der Islam als Teufelswerk ausgemacht. Weil man in jedem Moslem einen Tyrannen zu sehen glaubt, sieht man den Tyrannen im Apostolischen Palast nicht mehr.

Andi 11. Februar 2008 um 08:18  

Vorurteile, immer wieder diese Vorurteile. Weder der aufgeklärte Deutsche noch der unzivilisierte Türke können sich davon lösen, sind frei davon. Wird es der Mensch je schaffen, sie abzulegen und den Blick für das Wesentliche erlangen?

Moslems sind einfach anders! Ja und Nein. Natürlich sind sie grundlegend anders erzogen und in einem von unserem stark abweichenden System groß geworden. Und doch sind es Menschen wie jeder andere. Ich selbst durfte dies wieder und wieder feststellen, kann Türken durchaus als Freunde bezeichnen. Trifft man sich nämlich von Mensch zu Mensch, existieren solche nationalen /ethnischen Barrieren nicht.

Leider sind wir alle aber auch nur Menschen und verfallen in Gruppenbildung wieder den alten Vorurteilen. Türken gleichermaßen wie Deutsche. Leider gibt es Menschen auf beiden Seiten, die diese Vorurteile schüren und ausnutzen, ja die Zustände genau so belassen wollen, da es ihren eigenen Vorteilen entgegenkommt. Und leider gibt es viel zu viele Menschen, die Vorurteile nur zu gerne annehmen und als Wahrheit einzementieren.

Zu fest sind die Vorurteile im Denken aller eingenistet. "Wir sind die Guten!", denkt sich ein jeder. Wir müssen die Vorurteile bekämpfen, nicht den Nationalismus. Dies betonte ich hier schon einmal und werde es immer wieder tun.

Wir sind alle die Guten! Nur müssen wir das auch wollen.

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