Kritik: ein Anachronismus

Mittwoch, 27. Februar 2008

Die unzureichende Negation des Gesagten, des in die Tat Umgesetzten und somit folglich des Gegebenen, erlaubt keine Kritik an den Zuständen der Gesellschaft. Alltäglich offenbart sich uns manifestierte, in Gesetzeswerk gegossene Bevormundung, Überspielung, Beschwichtigung, Ungleichheit und Ungerechtigkeit, welche als unabwendbare und deshalb zu akzeptierende Tatsachen erkannt scheinen. Obwohl diese Gesellschaft produziert und besitzt, wie keine Gesellschaft vor ihr, bleibt der Mangel eine historisch begründete Konstante, die zu beseitigen als Frevel am "gesunden Gesellschaftskörper" und am Leistungsprinzip verunglimpft wird. Der irrationale Wesenszug der sogenannten wirtschaftlichen Rationalität, verknüpft die einstige Notwendigkeit des "Wer-nicht-arbeitet-soll-auch-nicht-essen" mit dem heutigen Zustand stets gefüllter Lebensmittelregale. Die Alternativlosigkeit, vorgegaukelt im täglichen Geschäft des Lügens und Verdrehens - in dem es die Medien zur Meisterschaft gebracht haben -, läßt Kritik am Gegebenen im Keime ersticken. Der Totalitarismus der modernen Gesellschaft, der in kleinsten Nischen sitzend für das Absolutum "freien Markt" wirbt, der eingebettet in mannigfaltigen Organisationen grassiert, erlaubt Kritik des Einzelnen kaum:
"Bei der heutigen Mißachtung des Denkens ist aber noch Mißtrauen gegen es mit im Spiel. Die organisierten staatlichen, sozialen und religiösen Gemeinschaften unserer Zeit sind darauf aus, den Einzelnen dahin zu bringen, daß er seine Überzeugungen nicht aus eigenem Denken gewinnt, sondern sich diejenigen zu eigen macht, die sie für ihn bereithalten. Ein Mensch, der eigenes Denken hat und damit geistig ein Freier ist, ist ihnen etwas Unbequemes und Unheimliches. Er bietet nicht genügende Gewähr, daß er in der Organisation in der gewünschten Weise aufgeht. Alle Körperschaften suchen heute ihre Stärke nicht so sehr in der geistigen Wertigkeit der Ideen, die sie vertreten, und in der der Menschen, die ihnen angehören, als in der Erscheinung einer höchstmöglichen Einheitlichkeit und Geschlossenheit." - (Albert Schweitzer, "Wie wir überleben können")
Die totale Mobilisierung der Gesellschaft zugunsten wirtschaftlichen Größenwahns, der sich in grenzenloser Expansion, Schaffung immer neuer Bedürfnisse und Märkte, Profixmaximierung bis in alle Ewigkeit äußert, kennt keine alternativen Modelle menschlichen Zusammenlebens. Ausgerichtet auf ein Ziel, zu welchem Menschen von Kindesbeinen an herangeführt wurden, vollzieht sich eine Abkehr von historisch-soziologischer Begutachtung des status quo. Die Alternative gerät aus dem Blickfeld, weil nur das gegenwärtige Wollen zählt; weil der Markt nicht dem Menschen dient, sondern der Mensch zum oft unkalkulierbaren Beiwerk und Unkostenfaktor des Marktes verwandelt ist. In der dialektischen Aufarbeitung des Zustandes, ruht der Keim der Kritik:
"Der gegebenen Gesellschaft als dem Gegenstand seiner Reflexion gegenübergestellt, wird das kritische Denken geschichtliches Bewußtsein und ist als solches wesentlich Urteil. Weit davon entfernt, einen gleichgültigen Relativismus zu erfordern, forscht es in der wirklichen Geschichte des Menschen nach den Kriterien von Wahrheit und Falschheit, Fortschritt und Regression. Die Vermittlung der Vergangenheit mit der Gegenwart entdeckt die Faktoren, welche die Fakten hervorbrachten, die die Lebensweise determinierten und Herren und Knechte einführten; sie entwirft die Grenzen und die Alternativen. Wenn dieses kritische Bewußtsein spricht, so spricht es "die Sprache der Erkenntnis", die das geschlossene Universum der Sprache und seine versteinerte Struktur aufbricht." - (Herbert Marcuse, "Der eindimensionale Mensch")
Weil die kritische Betrachtung der Zustände einem Angriff gegen die Herrschaftsstrukturen gleichkommt, wird die kritische Stimme diskreditiert. Man unterstellt ihr, sie habe kraft ihrer Negation eine destruktive Wirkung, untergrabe die Moral des Einheitswillens, könne aber keine neuen Ansätze zur Diskussion anbieten. Erlaubte Kritik bedeutet: Kritik innerhalb der herrschaftlichen Zustände. Wer aus einem Mißstand heraus pars pro toto kritisiert, wer also fundamentale Kritik übt, wird disqualifiziert und als Träumer, Romantiker, Gutmensch und in schlimmeren Fällen als geistig unzurechnungsfähig eingestuft. Übt man Kritik an der Behandlung vieler Senioren in Heimen, so faßt man dies als legitim auf, denn Kritik prallt "nur" auf die Heimleitung; übt man Kritik an der generellen Behandlung älterer Menschen in unserer Gesellschaft, tituliert man den Kritiker nicht selten als romantischen Zeitgenossen, der Glauben machen will, man könne den "Generationkonflikt" mit netten Worten lösen. Sodann bittet man ihn im freundlich-zynischem Ton, er wolle die Güte haben, explizit darzulegen, wie man dem kritisierten Mißstand (ob nun die Seniorenfrage oder andere Miseren) sonst zu begegnen habe; er solle Lösungen anbieten; er solle sich in sogenannter "Konstruktivkritik" üben.

Wenn ein Innenminister Kritik an modernen Konzentrationslagern damit abtut, daß jene Kritiker erstmal darlegen sollten, was die Alternative zu Guantanamo sei, so gibt er die Kraft der Negation der Lächerlichkeit preis. Das alleine im Verneinen des Gegebenen der Same der Veränderung liegt, selbst wenn keine konkreten Alternativen (wenn es sie in diesem speziellen Falle überhaupt braucht) greifbar sind, wird durch des Innenministers Mundtotmacherei verwischt. Weil das Schlagwort des Zeitgeistes "konstruktive Kritik" lautet, wird erst dann gewettert und aufbegehrt, wenn man glaubt, einen neuen, vielleicht besseren Lösungsweg gefunden zu haben. Bevor man hinreichend negiert, plagt man sich bereits am zweiten Schritt. So stolpert jede Opposition bereits im Vorfeld, weil sie an Lösungswegen strickt, die den erlösenden Charakter der Negation zur Randerscheinung degradiert. Jede Alternative beginnt aber mit der Kritik; die Konstruktion neuer Wege - konstruktive Kritik eben - darf bestenfalls als zweiter Schritt betrachtet werden; jeder Konstruktion wohnt nicht nur die Negation inne, sondern sie ist die Tochter derselbigen. Bevor man aufzählt, wie man es alternativ handhaben könnte, muß der Aufschrei des "So-nicht-mehr" vollbracht werden. Zudem darf man auch kritisieren und damit das Wahrgenommene negieren, es für falsch, verwerflich oder unmenschlich halten und gleichzeitig dennoch keine besseren Lösungen kennen. Die wahrgenommene Falschheit eines Weges muß nicht zwangsläufig toleriert werden, weil es an einer alternativen Vorgehensweise mangelt.

Doch solange der Mensch gegen die Alternative (wie auch immer sie geartet sein mag) organisiert wird, solange er die Irrationalität der Wohlstandsgesellschaft als Rationalität einer Mangelgesellschaft erklärt bekommt, wird Kritik das Brot weniger Zeitgenossen bleiben. Die mitläuferische Duldung aller Mißstände bleibt zentraler Faktor des Systems. Kritik findet sich auch nicht in jenen Parteien, die ein ideologiegeschwängertes Weltbild anbieten, welches sie als Alternative postulieren. Das Hineinstolpern von einer Alternativlosigkeit in die nächste, das projezieren neuer Gesellschaften aus einem verfaßten Kanon heraus, angereichert durch repressive Maßnahmen zur Einhaltung der vorgefaßten kanonischen "Weisheit", erlaubt es dem Individuum nicht, sich in einer Alternativwelt sicher zu wissen. Einzig die Negation des Gegebenen, damit eine Form gesunden Skeptizismus' erlaubt es, den Menschen mündig und aufgeklärt handeln zu lassen.

2 Kommentare:

Levi R. Goldstein 28. Februar 2008 um 10:18  

Ciao Roberto!
sag mal, wo und wann hast du so schreiben gelernt?
Ich für meinen bescheidenen Teil finde es enervierend, anstrengend und nach dem dritten Satz nur noch langweilig mich durch den Sprachduktus radikalkommunistischer deutscher Intellektueller der frühen 70er Jahre zu hangeln. Immerhin mit einem Zitat von Marcuse für Einheitlichkeit im Stil gesorgt.
Meine Anregung: lies einmal Camus zum Thema. Kürzer, treffender, eleganter und schöner. Und das liest man dann auch gerne noch mal.
Einstiegshilfe wäre da die Essaysammlung "Der Mensch in der Revolte"

revoltierende Grüsse,

Levi R. Goldstein

Anonym 28. Februar 2008 um 10:43  

Wirkliche Kritik äusserst sich unter anderem durch konkretes fragen:

Kann man Geld essen?
Kann mit Geld geheizt werden?
Kann man Geld anziehen?
Kann man mit Geld ein Haus bauen?
Braucht man Geld, um zu singen, zu tanzen, zu feiern und kulturell tätig zu sein?

Wozu also Geld?

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