Ein Volk von Ökonomen
Donnerstag, 8. April 2010
Gleichgültig worüber in diesem Lande gesprochen wird: man hat unentwegt den Eindruck, es disputierten nur Volkswirte. Jener Teil des öffentlichen Diskurses, der sich dem Sozialstaat widmet, kommt ohne Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen nicht mehr aus. Was für die Macher von Gesetzen und Regelungen noch Berechtigung haben mag, wird zum sonderbaren Spleen, wenn das Feuilleton, ja selbst der flache Alltagsplausch mit schalem Ökonomen-Slang durchwoben wird.
Debattiert man über neue Gesetze, über Reformen, die man in die Wege leiten will, hinterfragt man sozialstaatliche Maßnahmen, die bereits Realität sind, so schlägt der ökonomische Fetisch eines ganzen Volkes durch. Man bemüht sich erst gar nicht, über Gerechtigkeit, Solidarität und Fairneß von Kinder- oder Elterngeld beispielsweise zu räsonieren; man wägt mit ökonomischen Begrifflichkeiten ab, spricht von Anreizen, von aktivierenden Wirkungen und Mitnahmeeffekten, gerade so, als bedeute politische Debatte, sich in technolektischer Melange zu wälzen. So wird nun das Elterngeld hinterfragt - berechtigt hinterfragt! -, mit volkswirtschaftlichen Vokabeln um sich geworfen, die irgendwie unzweideutig und anschaulich prunken, gleichzeitig aber auch irgendwie undurchschaubar und unpräzise klingen. Konkrete Erklärungen, dass es ungerecht, unfair, unsolidarisch sei, weil es begüterte Familien besserstelle, gleichwohl bedürftige Familien mit einem niedrigen Sockelbetrag abgespeist würden, findet man nicht. Denn das wäre ein moralischer Einwurf - und Moral tönt so abgedroschen, so einfallslos, so gar nicht ökonomisch.
Dass sich Kommentatoren, Kolumnisten, Feuilletonisten dergestalt äußern: traurig - aber geschenkt! Dass aber selbst der Leser solcher Manuskripte in dieselbe Kerbe drescht und einen wirtschaftswissenschaftlichen Slang anschlägt, dass also selbst der Laie, der im Regelfall wenig Ahnung von ökonomischen Zusammenhängen hat, von subventionierenden Auswirkungen oder marktfernem Preisniveau faselt, macht schon stutzig. Man könnte meinen, in diesem Lande lebte ein Volk von Ökonomen, das zwischen Bierchen und Vorabendprogramm nicht mit fachlichen Formulierungen geizen möchte; man möchte meinen, ein Volk von Experten nimmt sich sachlich und leicht unterkühlt der Probleme und Sorgen des Sozialstaates an. Möchte man meinen - wenn man es nicht besser wüßte.
Denn was hinter dieser Marotte gespielter Fachlichkeit steckt, die selbst dem dümmsten aller Dilettanten bis zum Speien aus dem Munde quillt, ist emotionale Unterkühlung, eine moralische Winterlandschaft. Der Sozialstaat und seine Intention ist nicht mehr das Produkt aus gerechterer Umverteilung und fairer Teilhabe für jedermann, hat nicht mehr zum Motiv, Solidarität greifbar zu machen - er taugt diesen passionierten Ökonomen gerade gut genug als Spielzeug ihrer liederlichen, kleinkarierten Gesinnung. Sie erklären nicht, dass dies oder jenes ungerecht sei, sie setzen eine frostige Miene auf und bemängeln ganz seriös die fehlende Aktivierung, die überdies auch noch zur Mitnahme auffordere. Im Technolekt gesprochen ist man nicht unmoralisch - man wirkt einfach nur herrlich gebildet, vollgestopft mit ökonomischer Allwissenheit. Und wer will einem solchen Rhetoriker die Ernsthaftigkeit absprechen?
Es handelt sich um ein ökonomisches Völkchen, dem die Sprachmittel der Krämer und Wucherer in Fleisch und Blut übergegangen ist. Wird der Sozialstaat mit dieser Sprache abgehandelt, so hat er sich bald ausgehandelt. Er braucht einen immerwährenden Diskurs über Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Verbesserung der Lebensumstände aller, vorallem der Hilfebedürftigen, deren Lebensversicherung ja eben dieser Sozialstaat ist; er braucht Kategorien wie Fairneß und Gerechtigkeit, die dann neben dem ökonomischen Schnickschnack gleichberechtigt geführt werden müssen. Letzteres auf sich alleine gestellt, ermordet das eigentliche Streben der Sozialstaatlichkeit. Ökonomie ist notwendig, gar keine Frage. Sie ist es, solange nicht jeder Tölpel glaubt, er müsse sein zusammengetragenes Wissen aus Talkshows und propagandistischen Zeitungsberichten der Öffentlichkeit als ökonomisches Fachwissen verkaufen.
Mit der Ökonomisierung des Diskurses, ökonomisiert sich auch die Gerechtigkeit, was soviel heißt wie: Gerechtigkeit ist nicht mehr wie vormals angedacht unbezahlbarer Wert, sie wird bezahlbar zerredet, wird in Rubriken der Wirtschaftlichkeit behandelt und damit auf Kosten und Nutzen geprüft. Der Sozialstaat mag sicherlich einen kühlen Kopf benötigen, aber er muß ebenso dringend das Herz ansprechen. Mit kühlem Kopf alleine, unterkühlt das Verhältnis zu ihm. Er braucht weniger Floskeldebatten mehr Grundsatzdiskussionen - weniger Kopf, mehr Herz!

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Debattiert man über neue Gesetze, über Reformen, die man in die Wege leiten will, hinterfragt man sozialstaatliche Maßnahmen, die bereits Realität sind, so schlägt der ökonomische Fetisch eines ganzen Volkes durch. Man bemüht sich erst gar nicht, über Gerechtigkeit, Solidarität und Fairneß von Kinder- oder Elterngeld beispielsweise zu räsonieren; man wägt mit ökonomischen Begrifflichkeiten ab, spricht von Anreizen, von aktivierenden Wirkungen und Mitnahmeeffekten, gerade so, als bedeute politische Debatte, sich in technolektischer Melange zu wälzen. So wird nun das Elterngeld hinterfragt - berechtigt hinterfragt! -, mit volkswirtschaftlichen Vokabeln um sich geworfen, die irgendwie unzweideutig und anschaulich prunken, gleichzeitig aber auch irgendwie undurchschaubar und unpräzise klingen. Konkrete Erklärungen, dass es ungerecht, unfair, unsolidarisch sei, weil es begüterte Familien besserstelle, gleichwohl bedürftige Familien mit einem niedrigen Sockelbetrag abgespeist würden, findet man nicht. Denn das wäre ein moralischer Einwurf - und Moral tönt so abgedroschen, so einfallslos, so gar nicht ökonomisch.
Dass sich Kommentatoren, Kolumnisten, Feuilletonisten dergestalt äußern: traurig - aber geschenkt! Dass aber selbst der Leser solcher Manuskripte in dieselbe Kerbe drescht und einen wirtschaftswissenschaftlichen Slang anschlägt, dass also selbst der Laie, der im Regelfall wenig Ahnung von ökonomischen Zusammenhängen hat, von subventionierenden Auswirkungen oder marktfernem Preisniveau faselt, macht schon stutzig. Man könnte meinen, in diesem Lande lebte ein Volk von Ökonomen, das zwischen Bierchen und Vorabendprogramm nicht mit fachlichen Formulierungen geizen möchte; man möchte meinen, ein Volk von Experten nimmt sich sachlich und leicht unterkühlt der Probleme und Sorgen des Sozialstaates an. Möchte man meinen - wenn man es nicht besser wüßte.
Denn was hinter dieser Marotte gespielter Fachlichkeit steckt, die selbst dem dümmsten aller Dilettanten bis zum Speien aus dem Munde quillt, ist emotionale Unterkühlung, eine moralische Winterlandschaft. Der Sozialstaat und seine Intention ist nicht mehr das Produkt aus gerechterer Umverteilung und fairer Teilhabe für jedermann, hat nicht mehr zum Motiv, Solidarität greifbar zu machen - er taugt diesen passionierten Ökonomen gerade gut genug als Spielzeug ihrer liederlichen, kleinkarierten Gesinnung. Sie erklären nicht, dass dies oder jenes ungerecht sei, sie setzen eine frostige Miene auf und bemängeln ganz seriös die fehlende Aktivierung, die überdies auch noch zur Mitnahme auffordere. Im Technolekt gesprochen ist man nicht unmoralisch - man wirkt einfach nur herrlich gebildet, vollgestopft mit ökonomischer Allwissenheit. Und wer will einem solchen Rhetoriker die Ernsthaftigkeit absprechen?
Es handelt sich um ein ökonomisches Völkchen, dem die Sprachmittel der Krämer und Wucherer in Fleisch und Blut übergegangen ist. Wird der Sozialstaat mit dieser Sprache abgehandelt, so hat er sich bald ausgehandelt. Er braucht einen immerwährenden Diskurs über Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Verbesserung der Lebensumstände aller, vorallem der Hilfebedürftigen, deren Lebensversicherung ja eben dieser Sozialstaat ist; er braucht Kategorien wie Fairneß und Gerechtigkeit, die dann neben dem ökonomischen Schnickschnack gleichberechtigt geführt werden müssen. Letzteres auf sich alleine gestellt, ermordet das eigentliche Streben der Sozialstaatlichkeit. Ökonomie ist notwendig, gar keine Frage. Sie ist es, solange nicht jeder Tölpel glaubt, er müsse sein zusammengetragenes Wissen aus Talkshows und propagandistischen Zeitungsberichten der Öffentlichkeit als ökonomisches Fachwissen verkaufen.
Mit der Ökonomisierung des Diskurses, ökonomisiert sich auch die Gerechtigkeit, was soviel heißt wie: Gerechtigkeit ist nicht mehr wie vormals angedacht unbezahlbarer Wert, sie wird bezahlbar zerredet, wird in Rubriken der Wirtschaftlichkeit behandelt und damit auf Kosten und Nutzen geprüft. Der Sozialstaat mag sicherlich einen kühlen Kopf benötigen, aber er muß ebenso dringend das Herz ansprechen. Mit kühlem Kopf alleine, unterkühlt das Verhältnis zu ihm. Er braucht weniger Floskeldebatten mehr Grundsatzdiskussionen - weniger Kopf, mehr Herz!
