Ein Volk von Ökonomen

Donnerstag, 8. April 2010

Gleichgültig worüber in diesem Lande gesprochen wird: man hat unentwegt den Eindruck, es disputierten nur Volkswirte. Jener Teil des öffentlichen Diskurses, der sich dem Sozialstaat widmet, kommt ohne Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen nicht mehr aus. Was für die Macher von Gesetzen und Regelungen noch Berechtigung haben mag, wird zum sonderbaren Spleen, wenn das Feuilleton, ja selbst der flache Alltagsplausch mit schalem Ökonomen-Slang durchwoben wird.

Debattiert man über neue Gesetze, über Reformen, die man in die Wege leiten will, hinterfragt man sozialstaatliche Maßnahmen, die bereits Realität sind, so schlägt der ökonomische Fetisch eines ganzen Volkes durch. Man bemüht sich erst gar nicht, über Gerechtigkeit, Solidarität und Fairneß von Kinder- oder Elterngeld beispielsweise zu räsonieren; man wägt mit ökonomischen Begrifflichkeiten ab, spricht von Anreizen, von aktivierenden Wirkungen und Mitnahmeeffekten, gerade so, als bedeute politische Debatte, sich in technolektischer Melange zu wälzen. So wird nun das Elterngeld hinterfragt - berechtigt hinterfragt! -, mit volkswirtschaftlichen Vokabeln um sich geworfen, die irgendwie unzweideutig und anschaulich prunken, gleichzeitig aber auch irgendwie undurchschaubar und unpräzise klingen. Konkrete Erklärungen, dass es ungerecht, unfair, unsolidarisch sei, weil es begüterte Familien besserstelle, gleichwohl bedürftige Familien mit einem niedrigen Sockelbetrag abgespeist würden, findet man nicht. Denn das wäre ein moralischer Einwurf - und Moral tönt so abgedroschen, so einfallslos, so gar nicht ökonomisch.

Dass sich Kommentatoren, Kolumnisten, Feuilletonisten dergestalt äußern: traurig - aber geschenkt! Dass aber selbst der Leser solcher Manuskripte in dieselbe Kerbe drescht und einen wirtschaftswissenschaftlichen Slang anschlägt, dass also selbst der Laie, der im Regelfall wenig Ahnung von ökonomischen Zusammenhängen hat, von subventionierenden Auswirkungen oder marktfernem Preisniveau faselt, macht schon stutzig. Man könnte meinen, in diesem Lande lebte ein Volk von Ökonomen, das zwischen Bierchen und Vorabendprogramm nicht mit fachlichen Formulierungen geizen möchte; man möchte meinen, ein Volk von Experten nimmt sich sachlich und leicht unterkühlt der Probleme und Sorgen des Sozialstaates an. Möchte man meinen - wenn man es nicht besser wüßte.

Denn was hinter dieser Marotte gespielter Fachlichkeit steckt, die selbst dem dümmsten aller Dilettanten bis zum Speien aus dem Munde quillt, ist emotionale Unterkühlung, eine moralische Winterlandschaft. Der Sozialstaat und seine Intention ist nicht mehr das Produkt aus gerechterer Umverteilung und fairer Teilhabe für jedermann, hat nicht mehr zum Motiv, Solidarität greifbar zu machen - er taugt diesen passionierten Ökonomen gerade gut genug als Spielzeug ihrer liederlichen, kleinkarierten Gesinnung. Sie erklären nicht, dass dies oder jenes ungerecht sei, sie setzen eine frostige Miene auf und bemängeln ganz seriös die fehlende Aktivierung, die überdies auch noch zur Mitnahme auffordere. Im Technolekt gesprochen ist man nicht unmoralisch - man wirkt einfach nur herrlich gebildet, vollgestopft mit ökonomischer Allwissenheit. Und wer will einem solchen Rhetoriker die Ernsthaftigkeit absprechen?

Es handelt sich um ein ökonomisches Völkchen, dem die Sprachmittel der Krämer und Wucherer in Fleisch und Blut übergegangen ist. Wird der Sozialstaat mit dieser Sprache abgehandelt, so hat er sich bald ausgehandelt. Er braucht einen immerwährenden Diskurs über Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Verbesserung der Lebensumstände aller, vorallem der Hilfebedürftigen, deren Lebensversicherung ja eben dieser Sozialstaat ist; er braucht Kategorien wie Fairneß und Gerechtigkeit, die dann neben dem ökonomischen Schnickschnack gleichberechtigt geführt werden müssen. Letzteres auf sich alleine gestellt, ermordet das eigentliche Streben der Sozialstaatlichkeit. Ökonomie ist notwendig, gar keine Frage. Sie ist es, solange nicht jeder Tölpel glaubt, er müsse sein zusammengetragenes Wissen aus Talkshows und propagandistischen Zeitungsberichten der Öffentlichkeit als ökonomisches Fachwissen verkaufen.

Mit der Ökonomisierung des Diskurses, ökonomisiert sich auch die Gerechtigkeit, was soviel heißt wie: Gerechtigkeit ist nicht mehr wie vormals angedacht unbezahlbarer Wert, sie wird bezahlbar zerredet, wird in Rubriken der Wirtschaftlichkeit behandelt und damit auf Kosten und Nutzen geprüft. Der Sozialstaat mag sicherlich einen kühlen Kopf benötigen, aber er muß ebenso dringend das Herz ansprechen. Mit kühlem Kopf alleine, unterkühlt das Verhältnis zu ihm. Er braucht weniger Floskeldebatten mehr Grundsatzdiskussionen - weniger Kopf, mehr Herz!

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Ridendo dicere verum

Mittwoch, 7. April 2010

"Der Staatshaushalt

Das Gehalt eines Lokomotivenführers ist nicht groß - der Staat vertröstet den Mann mit der "Pension", die ihm seinen Lebensabend schon versüßen werde. Diese Pension ist meist gering.
Wohlhabende Männer aber, die als Minister ein Gastspiel in der Politik geben, das sich hinterher meist als recht rentabel erweist, bekommen folgende Pensionen:
Dr. Georg Michaelis, jener Reichskanzler, der im Jahre 1917 seine vollendete Unfähigkeit erwies: 27600 Mark jährlich.
Dr. Wilhelm Cuno, der als Beamter die Entschädigungsverhandlungen mit den großen Schiffahrtsgesellschaften zu führen hatte und der dann - wie der Zufall spielt! - der Direktor einer solchen Gesellschaft wurde; als Reichskanzler für die Inflation deshalb nicht verantwortlich, weil man ihn für nichts verantwortlich machen kann: etwa 19000 Mark.
Gottlieb von Jagow; ganz recht, jener, der die Neugierigen warnte und später einen Hochverratsversuch machte: etwa 24000 Mark;
Dr. Lewald, ein früherer Staatssekretär von großen, hierorts nicht bekannten Verdiensten: etwa 17000 Mark;
von Tirpitz; der Alte im Barte; der Mann, der den Reichstag jahrelang hintergangen hat, um den Bau einer Flotte durchzudrücken, die im Kriege nichts genützt und nichts geschafft hat - also überflüssig gewesen ist: rund 25000 Mark. (Ihrem lieben Tirpitz: die dankbare Republik.)
Nun darf man bei Betrachtung solcher Ziffern nicht vergessen:
Dieser Staat, der solche wahnwitzigen Summen - über 23 Millionen - jährlich auszahlt, ist schwer verschuldet; stand bereits einmal vor dem Nichts, belastet seine arbeitenden Steuerzahler schwer, um diese da zu mästen.
Freilich: auch diese Pensionisten arbeiten fleißig. Ein großer Teil dieser Männer ist noch recht rüstig; hat gut bezahlte Stellungen in der Industrie, die sich niemals mit ihnen befaßte, hätten sie nicht den Titel - so daß also die frühere Staatsstellung sich schon auf diesem Wege bezahlt macht: die Republik zahlt immer weiter. Sie zahlt: den früheren deutschen Kriegsministern nach ihrer verderblichen und dem Lande schädlichen Tätigkeit noch heute pro Mann und Nase: 25000 Mark;
sie zahlt Herrn Gustav Bauer: 11000 Mark;
sie zahlt Herrn Hermes (Mosel): 11000 Mark;
sie zahlt Herrn Emminger, der die deutschen Schwurgerichte vernichtet hat: 19000 Mark;
sie zahlt - sie zahlt - sie zahlt - und sie wird immer weiter zahlen, weil sich die Bezahlten ihre Gesetze selber machen; weil die Arbeiter und die Angestellten nicht wissen, was mit ihnen getrieben wird, und weil der Staat im Leben der Heutigen das darstellt, was die Religion im Leben der Urgroßeltern gewesen ist: eine dunkle, mysteriöse, aber auf alle Fälle anzubetende Sache."
- Kurt Tucholsky, "Deutschland, Deutschland über alles" -

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Die protestantische Ethik im Geist des Kapitalismus

Dienstag, 6. April 2010

Man sorge sich nicht zu doll, gräme sich nicht zu sehr. Sicher, diese Wirtschaftsordnung, die auf Akkumulation und Expansion und noch mehr Akkumulation und noch mehr Expansion erbaut ist, sie füttert immer wieder Krisen heran, entwickelt durch ihre grenzenlose Besitzgier eine Sogwirkung, die demokratische und soziale Strukturen in sich aufnimmt, in sich hineinzieht. Das ist fraglos zutreffend, doch kein Grund zur Sorge. Es bahnt sich Abhilfe an.

Abhilfe, ganz ohne Regulierung, ohne Reform des gierigen Kolosses. Die Strukturen sind sakrosankt, bedürfen keines Überdenkens. Weil der freie Markt blendend funktioniert, er die Bedürfnisse der Menschen effizient befriedigt, liegt die Lösung der Krisenanfälligkeit im freien Markt selbst verborgen. Angebot und Nachfrage übernehmen die Krisenbewältigung, sollen spätere Krisen gar vereiteln. Denn, so erklärt Wolfgang Huber, ehemaliger EKD-Ratsvorsitzender, "die Nachfrage nach Moral ist da", nämlich nach Wirtschaftsethik. Hubers Konzept, das er gegen Honorar anbietet, ist denkbar puritanisch, calvinistisch-puritanisch geradezu - Calvin zitiert er ohnedies gerne, zuletzt in seinem neuen Buch. Sein Konzept lautet: man kläre die Wirtschaftseliten, die Manager aller Branchen über Ethik auf, zeige ihnen ihre moralische Verantwortung und ernte dann einen lebensfrohen, gezügelten, menschelnden Kapitalismus.

Beseelt vom Geist der Besitzstandswahrung entwirft Huber ein theologisches Gegenkonzept. Für ihn tragen nicht Strukturen die Schuld an der Hemmungslosigkeit, schuldig ist das fehlende Benehmen des Menschen selbst. Die Strukturen sind von Menschenhand und Menschenhirn entworfen, weswegen - sofern schon ein Schuldiger gesucht wird - es der Mensch selbst ist, den man schuldig sprechen muß. Wenn er dies einsähe, sein Verhalten daraufhin änderte, könnte auch ohne Reform, ohne Neuregelung oder Abänderung der installierte Apparat weiterbetrieben werden, ohne die wuchernden Auswüchse des Systems erdulden zu müssen. Akkumulation wäre deshalb dennoch Alltag, Expansion auch - aber der moralisch geläuterte Wirtschaftskapitän, er würde in sich gehen, bevor er ans Sammeln und Jagen ginge, er würde moralische Erklärungen und Einsicht aufzeigen, wenn er dasselbe Handeln an den Tag legte wie zuvor, als er moralisch noch nicht geschult war.

Huber, dieses Stück protestantische Ethik auf zwei Beinen, erkennt im wirtschaftlichen Erfolg den Segen Gottes. Er ist ein eilfertiger, rastloser Schüler des Jean Cauvin, eines modern anklingenden Calvinismus. Er versucht ein progressiver Jünger zu sein, weil er den kapitalistischen Ungeist zu zähmen anstrebt. Was durchschimmert ist die theologische Grundauffassung von der Sündhaftigkeit des Menschen: nicht die Umstände, die Bedingungen verleiten zur Gier, zum hemmungslosen Wachstum, zur selbstmörderischen Ausbeutung des Planeten, sondern im Individuum liege das Versagen begraben. Das ist an sich auch gar nicht falsch, tatsächlich wäre es zu schlicht, alles auf die Wirtschaftsordnung abzuwälzen. Nur die Schlüsse, die man daraus zieht, die könnten eben auch andere sein.

Wenn man sich darüber einig wird, dass das Versagen nicht in der Ordnung liegt, sondern im Menschen: warum nur den Menschen ändern? Warum nicht die Ordnung, dieses Menschenwerk, dieses vom menschlichen Makel behaftete Organ, so gestalten, dass der Mensch darin leichter ethisch bleiben kann? Warum eine Ordnung verteidigen, die immense Freiheiten garantiert, Freiheiten für Renditen und Renditenjäger nämlich, mit denen viele überhaupt nicht moralisch umgehen können? Weshalb ein System des maßlosen Sichaneignens erhalten, in dem die Protagonisten dauerhaft mit ihrem habsüchtigen Dämon ringen, die unethische Grundausrichtung des Systems ethisch bändigen müssen? Wäre es für eine allgemein verbindliche Wirtschaftsethik nicht sinnvoller, auch effektiver, wenn uferlose Freiheiten, schrankenlose Wachstums- und Profitfetischismen begrenzt, eingezäunt würden? Das gäbe der Allgemeinheit eine gerechtere Gesellschaft und dem verantwortungsbewussten Manager die Gewissheit, nicht fortwährend im ethischen Clinch zu liegen.

Der sündhafte Mensch muß sich nicht zwangsläufig in einer dämonischen Wirtschaftsordnung einrichten, denn der Mensch ist nicht nur sündhaft, er ist auch schöpferisch und kreativ, kann Veränderungen stemmen. Das scheint dem Leibtheologen des Kapitalismus allerdings entgangen, für ihn ist die Ordnung gottgewollt, was er sogar exegetisch zu beweisen verfolgt. Rührt nicht Gottes freien Markt an, frevelt nicht an der wunderbaren Schöpfung der Märkte!, ruft er nicht mal zwischen den Zeilen, ruft er ganz ungehemmt hervor. Dabei verdichtet sich die Erkenntnis, dass Huber überhaupt kein Interesse an einer gerechteren Gesellschaft hat, sich eher um eine Art theologischer Rechtfertigungslehre, ein Aufwärmen calvinistischer Prädestinations- und Erlösungslehre sorgt. Er adelt die Auserwählten damit, ihnen Gottes Segen für wirtschaftlichen Erfolg zu gewähren und gibt ihnen Erlösung, erlöst sie von jeder Verantwortung, wenn sie sich für Kündigungen und Sozialabbau nicht mehr unreflektiert, sondern im Geiste ethischer Begutachtung aussprechen. Das Credo ist unverfroren einfach: man kann entlassen, kürzen, stutzen, abbauen wie eh und je, aber bitte mit moralischem Bedacht, bevor man frisch, frei, fröhlich, fromm ans altbewährte Werk geht.

Des Hubers ethisches Engagement ist ein hanebüchener Witz, basierend auf den Irrtümern einer schnellebigen Zeit. Man kann im Schnellkurs lernen, wie man kocht, wie man Hausarbeit verrichtet, wie man Auto fährt - der Crashkurs als moderne Methode schnellen, effektiven Erlernens, um den Produktionsablauf nicht zu behindern. Seid gut!, rüffelt er kollegial von seiner Kanzel - als ob damit Ethik in ihrer Gänze erfasst wäre. Seid gut, denn es dient auch euch, dient eurem Geschäft!, lehrt er zweckdienlich - Ethik als Gegenleistung, als Geschäft, bei dem moralisches Handeln mit steigenden Absatzzahlen vergolten würde. Huber ist da weit weg von Kant oder manchem scholastischem Denker, für die ethisches Handeln nichts mit quid pro quo zu tun hatte, sondern einen Selbstwert darstellte.

Er leistet einen moralischen Offenbarungseid, macht sich als Mann der Moral, als Moralist lächerlich, wenn er seiner Geschäftsidee der "schnellen Ethik", auch nur im Ansatz Aussicht auf Erfolg bescheinigt - zumal in einer Wirtschaftsordnung, die für Ethik kaum einige Millimeter Freiraum erübrigen kann. Huber müßte wissen, dass ethische Sichtweisen einen langen, manchmal schwerfälligen Denkprozess benötigen, nicht einfach mal in einer flotten Lesung angeregt werden können. Weil dem so ist, weil Hubers Kursteilnehmer vermutlich seit Jahrzehnten ohne ethische Resonanz tätig und sich bereichernd sind, weil sie gemeinschaftliches Denken nie zum Anreiz für ihr Tun machten, können nicht die Protagonisten des Apparates auf die Schnelle verändert, wahrscheinlich nicht mal behutsam an ethisches Denken herangeführt werden - es muß der Apparat so verändert werden, dass das unethische Verhalten der einflussreichsten Protagonisten einigermaßen gedrosselt werden kann.

Doch, man darf keck annehmen, dass Huber keine Freude daran hätte. Denn, erstens entgingen ihm Honorare, weil seine moralingetränkten Kurse weniger benötigt würden und, zweitens, will er mit seinen Einwürfen über die fehlende Moral nichts zerstören, ganz im Gegenteil, er will erhalten. Denn er lehrt, dass der Mensch das Problem ist, nicht die Wirtschaftsordnung; er lehrt, dass der Kapitalismus eigentlich eine feine Sache wäre, wenn sich der Mensch nur zu benehmen wüßte - er ist der theologische Rechtfertigungslehrer des kapitalistischen Geistes.

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Friedensexport

Montag, 5. April 2010

Ereifert euch doch nicht! Waffen gehören verkauft. Was täte man denn sonst damit? Sie etwa in Arsenalen verrosten lassen, sie der Korrosion in den Schoß legen? Weapons makes the world go around - Waffen schaffen Arbeitsplätze und erzeugen Einsatzorte. Sie sind Entwicklungshelfer, weil sie den bis an die Zähne bewaffneten Industrienationen dabei helfen, sich zu entwickeln; dabei mithelfen, dass diese florieren und gedeihen - weil es Waffen gibt, prosperieren die reichen Länder. Bewaffnet einmarschieren, Maschinenpistolen auf schmale Hungerbrüstchen setzen und erpressen? Achwas! Das ist doch vulgär, so überhaupt nicht mehr zeitgerecht. Zwar rückt man auch heute bewaffnet vor, aber nicht erpressend, nicht beseelt von Rabaukentum.

Nein, so funktioniert das heute, in zivilisierter Epoche nicht mehr. Waffen zeichnen sich durch subtilen Einsatz aus. Und der lautet: der wahre Wert ist der Warenwert. Die Waffe in der Hand, sie ist zweifelsohne respektheischend - aber die Waffe in der Hand derer, an die man sie verkauft hat, das ist das effektive Potenzial langgezogener Läufe und geriffelter Abzüge. Herr, segne diese Waffe!, hieß es einstmals vor dem Gebrauch, vor dem Frontgang - Herr, segne diese Waffen!, heißt es heute im Plural; Herr, segne diese Waffen, die wir in Holzwolle hüllen, in Holzkisten stecken, auf ferne Wege - nicht Holzwege! - schicken. Segne diese Waffen, die man bald auf uns richten wird, wenn wir unser Land am anderen Ende der Welt verteidigen dürfen, wenn die auf uns gezielten Waffen uns einen Grund zur friedbringenden Intervention ermöglichen. Segne diese Waffen, die wir den Käufern aus den Fingern ballern müssen, um in humanitären Einsätzen, die Welt ein bisschen friedlicher zu machen.

Was wären wir ohne Waffen? Gäbe es Friedensmissionen, wenn wir unsere Waffen nicht lieferten? Was, wenn wir Waffen den Radikalen dieser Welt - den anderen Radikalen neben uns! - nicht zustellen würden? Nicht auszudenken! Dann würden wir nach Afghanistan einmarschieren, in den Irak stürmen und würden keine Gegenwehr erleben - jedem wäre dann sichtbar, dass es sich um bloße Okkupation, um geostrategische, niederste Instinkte handelte. Keiner würde an Friedensmissionen glauben, weil nach dem Angriffskrieg bereits Stille, sowas wie Frieden herrschte. Verdammt, wir müssen Waffen exportieren, damit der Frieden dort erzwungen, erbombt, erschossen werden kann. Friedensmissionen brauchen Waffen, damit sie sich nicht zur ungeschlachten, für jeden erkennbaren Besatzung wandeln. Erst wenn ein Widersacher bombt und knallt, kann der Frieden zum Motiv werden, kann man Friedensmissionen ins Leben rufen, die der Geschäftemacherei im besetzten Gebiet ein wenig Frieden sichern.

Segne die von uns hergestellten und vertriebenen Waffen, die uns unmittelbaren Profit bescheren. Segne die von uns verkauften und verschickten Waffen, die uns mittelbare, indirekte Erträge einbringen - indirekt, weil sie uns dazu nötigen, uns für den Frieden zu rüsten. Um Frieden zu erzwingen haben wir demjenigen die Waffe aus den Griffeln zu feuern, mit dem wir vormals noch um Preis und Stückzahlen feilschten. Waffenexporte sichern Frieden! Also entrüstet euch nicht! Wir vertreiben Waffen, damit wir einen Grund haben, die durch uns Bewaffneten zu vertreiben - der Vertrieb sichert Vertreibung! Vertreibung im Namen des Friedens, zur Obhut der wahren Absichten.

Ohne Waffenverkäufe keine hehren Leitgedanken; ohne Waffenverkäufe regierte die plumpe Gier - und was besonders schlimm wäre: sie regierte für jeden ersichtlich! Wenn Widersacher unbewaffnet wären, die ganze Welt sähe, was für gierige Schweine, was für nimmersatte Parasiten wir doch eigentlich sind. Weil wir bewaffnen, entwaffnen wir die Kritiker unserer Unersättlichkeit. Weil wir bewaffnen, bedecken wir unsere Schmarotzerei an den Entwicklungsländern, vertuschen wir, wie wir uns an der Welt schadlos halten. Wir als Gesellschaft - und die unmittelbaren Profiteure sowieso. Wir brauchen Widersacher mit Waffen, damit der Friede eine Chance und damit das Geschäft hinter der Fassade der Friedensschaffung seine Ruhe hat.

Wer heute den Waffenhandel verurteilt, untergräbt zugleich die Friedensmission. Wer ihn verurteilt, will womöglich eine Welt sehen, in der wir wie Geschwüre über fremde Gesellschaften herfallen, ohne eine erhabene Triebfeder in petto zu haben. Eine unsoziale Welt, weil keine soziale, gutmenschlerische Agenda wütet, nur die blanke Habsucht. Daher wäre es unsozial, keine Waffen zu liefern. Sozial ist, wer Waffen schafft! In einer besseren Welt herrscht daher nicht Waffenverbot, sondern Waffenüberangebot. Der Frieden, die Narkotisierung mit sozialen Anliegen, die den wirklichen Absichten vorgeschoben werden - sie benötigen polierte Waffen. Wo auf die Besatzer geschossen wird, kann der Frieden in langem, zähem Kampf erstritten werden. Wenn nicht geschossen wird, auf wen soll dann zur Ablenkung von den wirklichen Triebfedern zurückgeschossen werden? Auf Zivilisten etwa? Wir verkaufen Waffen, damit Zivilisten leben können und nicht zur Ablenkung, zum friedbringenden Alibi degradiert werden müssen. Wir exportieren Waffen, damit die Würde der Zivilisten, ihre Menschenrechte gesichert sind!

Wer etwas für den Frieden tun will, muß die Waffenindustrie unterstützen! Wer will, dass wir unsere Gier vor der Welt bloßlegen, muß sich nur eine waffenfreie Welt wünschen. Eine traurige Welt wäre das; eine Welt, in der wir denen und uns nichts mehr vormachen könnten - eine Welt, an der wir zugrunde gingen an der Offenlegung unseres Antriebs. Eine Welt der Verweigerung gar, weil viele nicht mehr mitarbeiteten, nicht mehr mitmachten, wenn sie erkennten, woher unsere Rührigkeit stammt. Eine Welt des sozialen Unfriedens, weil plötzlich Gewissensbisse entstünden und Menschen eine Veränderung der Unabänderlichkeit dieser Welt forderten - für soziale Ruhe, für betäubte Gewissen, für den Frieden: Waffen liefern!

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Büßerhemden für alle!

Samstag, 3. April 2010

Man muß ihn durchaus nicht gernhaben, muß seinen oft dusseligen Einwürfen in öffentliche Debatten nichts Wertvolles abgewinnen, muß seinen reaktionären und feudalen Habitus, den er mit selbstgefälliger Hochnäsigkeit ausübt, nicht für angemessen halten - aber Walter Mixa, Bischof von Wojtylas Gnaden, zu einem Popanz auszuschmücken, geht nicht nur zu weit: es verdeckt die Sicht aufs Ganze, macht ihn dort zum Märtyrer, wo nicht nur ein Kopf, nämlich sein Kopf, wo eigentlich unzählige Köpfe kugeln müßten.

Es ist einerlei, ob die eidesstattlichen Aussagen nun Erfindungen sind oder nicht. Die Erfahrung zeigt, dass Kleriker bis weit in die Achtzigerjahre hinein, gerne von der flachen Hand Gebrauch machten. Stadt- oder Stadtteilpfarrer und Dorfpfaffen, in Bayern sowieso, neigten generationenlang dazu, ihr frustriertes Vorhandensein durch knallende und glutrote Epidermis wettzumachen. Jetzt zu leugnen, sich zu einem jener spärlich verstreuten Schäflein im Wolfsrudel zu erklären, ist wenig glaubhaft, so ganz gegen jede empirische Beobachtung der eidesstattlichen Ankläger wie auch anderer, stiller Augenzeugen.

Mit Kindern hat das katholische Bodenpersonal jedenfalls so seine Nöte. Mißbrauchsfälle waren auch für den schweigsamen Beobachter nicht so mir nichts dir nichts aufzuschnappen; aber dass hin und wieder Ohrfeigen oder Hiebe ausgeteilt wurden, das verblüfft wahrlich nicht, konnte problemlos begafft werden. Wie erwähnt, gerade in Bayern, wo Mixa seit nunmehr fünfunddreißig Jahren am Meßwein nippt, waren handfeste Seelenhirten fest verankert in den Erziehungsapparat. Bekam ein Kind eine geschmiert, so sagte man einst, so sagt man heute noch in Bayern, er habe "einen Schein bekommen" - mag sein, dass dieser Ausdruck eine Reminiszenz an den Heiligenschein sein soll, der über jedem schwebt, der sich eine einkassiert hat. Selig sind die Geschlagenen! Die Bergpredigt auf einen Schlag neu interpretiert. Exegese per Faust und Besenstiel! Mit solchen Scheinen wedelten viele Pfarrer umher, in Dörfern häufiger als in Städten - und noch in den Achtzigerjahren konnte es beim Kommunionsunterricht geschehen, dass der eifrige und vom Heiligen Geist beseelte Herr Pfarrer, einem Spaßvogel oder einem unaufmerksamen Träumer, zur Erlangung des notwendigen Eifers, eine gescheuert hat. Das war im Lande der Mixas und Ratzingers Usus - und man darf annehmen, dass liberale Diener ihres Herrn, die sich gegen solche unwirschen Methoden wandten, wie des Berufs unfähige Besserwisser betrachtet wurden.

Denkt man nun laut darüber nach, ob nicht das Zölibat Verursacher dieses katholischen Kümmernisses sei, setzt es "einen Schein" - wenn auch nur mit Worten, weil man die erwachsenen Zölibatskritiker nicht einfach ohrfeigen kann, ohne selbst aus seiner Kutte geprügelt zu werden. Das Zölibat, das zur Säule katholischer Moraltheologie emporgehoben wurde, wenngleich es nur aus Fragen des Erbrechts entstand und bis Mitte des zwölften Jahrhunderts nur sporadisch eingehalten wurde, also keine ewige Einrichtung der katholischen Kirche war; dieses Zölibat also, es gebiert einsame Geistliche, die privat auch einsame, alleingelassene, oft resignierte Männer sind. Und seit Drewermanns Kleriker: Psychogramm eines Ideals wissen wir, was für ein Kauz der gemeine Geistliche ist: ein masturbierender, vom Leben unbefriedigter Mann, der sich nach der Ejakulation mit schlechtem Gewissen in den Schlaf sorgt, der aufgrund seiner männlichen Lust, die letztlich nur Teil der menschlichen Natur ist, halb zerbricht und chronisch missmutig wird. Derart verdrossen und vergrämt, scheint sich der Zölibatäre, der sich an einer fehlerhaften Sexualmoral orientiert, freilich trotzdem qua conditio humana immer wieder erregt und aufgegeilt ist, nur wenige Auswege zu finden. Kurz und reichlich überspitzt gesagt, bleibt er unbefriedigt, so geschieht, was gegenwärtig lang und breit an Sünden an Kinderleibern ausgeführt wurde; befriedigt er sich aber, dann ist er angefüllt mit schlechtem Gewissen, läßt es oftmals ohrenbetäubend auf Wangen knallen.

Mixa gab unlängst auch der sexuellen Revolution Mitschuld an den pädophilen Ansammlungen unter der Obhut des Bischofs von Rom. Dabei könnte es auch einen anderen Aspekt geben, den er nicht aufführt, nicht aufführen kann, um sich selbst nicht zu beschämen. Es war gerade die ältere Generation von Geistlichen, die die Ohrfeige und bei gröberen Vergehen, auch die Prügelstrafe, befürwortete - die jüngeren Jahrgänge im Dienste Roms, sie scheinen weitestgehend Abstand davon genommen zu haben; heute scheint die geistliche Maulschelle ein nur noch seltenes Bußsakrament zu sein. Möglich, dass das einer Öffentlichkeit, die im Bezug auf Gewalt gegen Kinder sensibilisierter ist, geschuldet ist - möglich wäre es allerdings auch, dass es der sexuellen Revolution zuzuschreiben ist, dass junge Geistliche nicht mehr zu Tode betrübt sind, nachdem sie onaniert und an erregende Szenarien gedacht haben; möglich, dass sie sich dort nicht mehr schmutzig und besudelt fühlen, wo die Generation der Mixas und vorher der Ratzingers, zehn Gegrüßet seist Du, Maria zur Vergebung erflehten.

Spekulation! Denn die Öffentlichkeit munkelte rege, als Mixa noch magnus cancellarius der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt war, er, der fotogene Bischof selbst, sei ganz geheim, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, stolzer Vater. Für drei Kinder, so tuschelte man, würde Rom Alimente abstottern - womöglich Spekulation, möglicherweise der übliche Tratsch der Gemeinde, das übliche Geblöke der Schafe, wenn der Hirte erstmal in den Mittagsschlaf abgeglitten ist. Wäre das Geschwätz aber wahr: die These vom frustrierten Kleriker, der ohrfeigt, weil er seiner erlegenen Schwächen, denen er laut Ideal nicht erliegen dürfte, überdrüssig sei, sie wäre vortrefflich. Wäre es wahr, dann müßte man Rom sogar Respekt zollen, dass es den züchtigenden, mit sich selbst hadernden Herrn Vater von der eigenen Nachkommenschaft fernhält, ihn eine Legalisierung dieser Vaterschaft verwährt.

Doch was schert uns das Geschwätz der Schafe? Was kümmert die Öffentlichkeit das Sexleben der Pfarrer? Nichts! Jedenfalls solange, bis deren idealisierter Asketismus nicht Folgen zeitigt, mit denen die profane Welt nicht zu leben gewillt ist. Es reicht nicht aus, den Kritikern des Zölibats jeglichen Verstand abzusprechen, denn es ist fraglich, warum Mißbrauch und Gewalt besonders in katholischen Kreisen vorkommen. Sicher, auch protestantische Pastoren mögen schon dahingehend gesündigt haben, auch weltliche Pädagogen tun dies zuweilen: aber in diesem Maßstab, in dieser Größe, sündigt man dort nicht. Pastoren und Pädagogen betasten sich und ihre Lebenspartner auch nicht mit schlechtem Gewissen. Es ist mehr als seltsam, dass Gewalt gegen Kinder und, als vollends pervertierte Variante, pädophile Auswüchse, sich gerade ebenda häufen, wo das Thema Sexualität so fremd von menschlicher Natur, so völlig enthoben von irdischen Gegebenheiten und triebhaften Vorbedingungen, behandelt wird. Wäre die sexuelle Reinheit machbar: weshalb dann diese Unzahl an Vorwürfen und Verbrechen? Wäre Sexualität anrüchig: warum sind Mißbrauchs- und Gewaltfälle unter nicht-katholischer Ägide seltener anzureffen?

Es ist zu befürchten, sofern man ein wenig Sympathie für Mixa aufzuwenden imstande ist - aber wer schafft das schon, diesen Platzhirschen zu mögen? -, es steht also zu befürchten, dass Mixa, sofern der öffentliche Druck unerträglich wird, ein Cilicium, ein Büßerhemdchen angezogen bekommt. Raus aus der Uniform des Militärpfarrers, der schon qua militanter Berufung den Spießrutenlauf als nette Innovation der Züchtigung betrachten mag, und rein ins Hemdchen des Flagellanten. Denn Mixa hat vorallem eines zu sein: ein Einzelfall! Einzelfälle sind derzeit für die Kirche dringend notwendig. Dabei wären die Vorwürfe gegen ihn, Vorwürfe gegen seine ganze Zunft, gegen eine ganze Generation von Seelenhirten, die seinerzeit ihre Berufung als Handwerk begriffen, als Tätigkeit des Geistes, bei der zuweilen auch Hand angelegt werden mußte - all diese Vorwürfe, sie wären nicht an hilflose Opfer gerichtet, an Opfer einer antikatholischen Kampagne oder dergleichen, sie träfen die Richtigen.

Mixas Mitra gehört nicht alleine aufs Schafott, was nicht heißt, dass er ein Bauernopfer wäre, denn gar bäuerlich gibt sich der hohe Herr gewiss nicht - und Opfer ist freilich sowieso keines. Mitleid stellt sich nicht ein - aber Einzelfall, das ist Mixa nicht. Er ist das fotogene, episkopal-ästhetische Aushängeschild einer Erziehungsweise, die kindliche Probleme einfach mit einem Streich aus dem Gesicht wischt; er ist Repräsentant einer Denkweise, die Unfolgsamkeit mit Handfestigkeit, nicht mit Worten tadelt; er ist der primus inter pares der Männer des Wortes, die auch vor Taten nicht zurückschrecken, sofern die Geschädigten ihrer Taten nicht allzu kräftig dreinschauen, allzu ungestüm Gegenwehr leisten könnten. Er ist das gedunsene, teigige Antlitz eines kühnen Streiters für eine bessere Gesellschaft, das sich selbst aus der Gesellschaft zurückziehen müßte, um den ersten Schritt in ein solch besseres Gemeinwesen zu tun.

Er ist einer - einer von vielen; kein Einzelfall. Teilt tonnenweise Büßerhemden aus! Sie würden gebraucht! Her mit den scharfkantigen Bußgürteln! Sie dürften massenweise um Oberschenkel gewunden werden! Alleine, es fehlt der Glaube - ihnen der an Nächstenliebe; dem Betrachter der an der Reumütigkeit dieser ganzen Branche.

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Sit venia verbo

Freitag, 2. April 2010

"Das Geheimnis des Agitators ist, sich so dumm zu machen, wie seine Zuhörer sind, damit sie glauben, sie seien so gescheit wie er."
- Karl Kraus -

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So nicht, Freundchen!

Donnerstag, 1. April 2010

Jetzt dichten sie unüberhörbar von Freundschaft, werden nicht müde zu versichern, auch wirkliche, wahre, ganz echte Freunde zu sein. Unter Freunden, schieben sie dann nach, dürfe man auch mal ruppig und schroff und ehrlich sein - genau das mache das Wesen einer Freundschaft sozusagen aus, wird aufgeklärt. Freunde sind nur zu schätzen, wenn sie bei Gelegenheit auch mal einen Anschiss austeilen; wirkliche Freunde schenken sich nichts. Stimmt natürlich! Solche bilateralen Freundschaften, wie jene zwischen Deutschland und der Türkei, kennen kein Schenken, kennen keine Geschenke - sie kennen nur Geschäfte. Daher ist es müßig, um Freundschaften zu schwadronieren. Denn es geht um Geld und bei Geld, so weiß eine arg beanspruchte Binsenweisheit, höre die Freundschaft schließlich auf.

Überhaupt ist es immer dann brandgefährlich, wenn man einen Umstand zu sehr, zu ausgiebig und in steter Wiederholung betont. Immer dann, wenn man bequem vernehmbar und wiederkehrend in die Landschaft posaunt, dass die Ehe gar wunderbar sei, reibt sich schon ein Scheidungsanwalt die Hände; treten Vereinsmäzene auf, die ein Hohelied auf ihren Sportlehrer anstimmen, so ist die Entlassung nurmehr eine Frage von ein, zwei Spieltagen. Eine Freundschaft, die man in jedem zweiten Nebensatz heraushängen läßt, die Aber wir sind doch Freunde!, oder Freunde dürfen das! oder Wir sind schon so lange Freunde! zur orthographischen Erfordernis ernennt, eine solche Freundschaft, sie muß arg gebeutelt sein - oder gar nie erst existiert haben. Versicherungen und Bekräftigungen, sie scheinen nichts anderes, als als Angriff kostümierte Verteidigung, mit der Brechstange erzwungene Geständnisse zu sein. Wo Beziehungsbande beteuert, versichert und bekräftigt werden, wird man es schon nötig haben, seine Nebensätze mit Bekundungen zu verzieren.

Neinnein, sie meinen damit sicherlich nicht, dass Deutschland und die Türkei Freunde wären. Sie bringen ihre Freundschaftsbekundungen nur, damit sie rüffeln können, ohne in den Ruf der Arroganz zu gelangen. Sie schreiben Freunde!, sie meinen aber Freundchen! Hey Freundchen, benimm dich! Freundchen, wie redest du eigentlich mit uns? Freunde schreiben sie zwar, aber sie meinen die verniedlichte, abschätzige Variante, dieses putzige Pejorativum. Und warum auch nicht, die Türkei, ein Land des Islams, für sie ist sie etwas Unfertiges, Unausgereiftes. Etwas, dass noch nicht zu Deutschland aufgeschlossen hat, noch nicht erwachsen ist, sich noch in jugendlicher Naivität und jugendlichem Eifer im Islam suhlt - etwas, das den Herolden des freundschaftlich-herablassenden Deutschtums noch unreif, infantil dünkt. Unreife Freunde, kindische und kleine Freunde - Freundchen eben, denen man von oben auch mal aufs schülerhafte Käppi spucken kann, wenn es nötig wird, wenn sie aufmucken, wenn sie türkischen Sprachunterricht wollen, sich darüber beschweren, als Türken nie von der deutschen Gesellschaft akzeptiert, ewig als Fremde angesehen zu werden.

Hey Freundchen!, rügen sie dann, hey, immer langsam, kleiner und unreifer Freund. Das steht dir nicht zu! Aber wir sind doch Freunde, nicht wahr? Uns verbindet eine tiefe, eine unverbrüchliche Freundschaft, oder nicht? Daher kritisieren wir auch freundschaftlich, hauen wir euch in freundschaftlicher Liebe auf eure flinken Finger, beanstanden wir eure europäische Unreife, um euch einen Freundschaftsdienst zu erweisen. Ihr habt ebenso Beschwerden an uns? Gemachgemach! Nur ruhig, Freundchen! Man sollte das Gemotze unter Freunden nicht übertreiben! Laßt es bleiben, denn jemand, der wie wir, ein so seichtes Verhältnis zu sich selbst hat, kann mit Kritik eh nichts anfangen.

Wir sind doch Freunde!, ist immer dann die Parole, wenn man irgendwie in Beziehung zueinander steht, nur nicht in freundschaftlicher Beziehung. Man mag sich vom Sehen kennen, sich bekannt sein, sich schätzen oder einfach nur Geschäftspartner sein - aber Freundschaft ist all das nicht. Es wären auch seltsame Freunde, die ihre befreundeten Mitbürger aus der Türkei immer noch scheel beäugen, deren Rückständigkeit kritisieren, deren Hang zur Kopftuchproduktion, deren angebliche kostenintensive Unterbringung in Deutschland. Was für ausgesprochen liebevolle Freunde das doch wären, wenn sie von Islamisierung sprechen und eine deutsche Leitkultur per Gesetz verabschiedet haben wollen! Freunde, die herabblicken, mit dem Finger drohen und Freundchen, Freundchen! murmeln. Wer solche Freunde hat, der muß sich jedenfalls nicht mehr fürchten - kein Feind kann sein, was so ein Freund bereits ist.

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Ein ehrenwerter Bündnispartner

Mittwoch, 31. März 2010

Eine Autonomie, die nicht annähernd an die föderalistische Selbständigkeit deutscher Bundesländer heranreicht, die vom Zentralstaat kontrolliert und vordiktiert wird, die selbst in kleinsten Ressorts nicht weisungsbefugt ist. Eine Sprache, die keinen Bezug zum Idiom des Zentralstaates besitzt, die von der Landessprache als Gegrunze verspottet, als primitive Sprache begriffen wird; die man zwar wieder erlaubt hat, doch bestenfalls nur duldet. Parteiverbotsgesetze, die dazu ersonnen wurden, jene unliebsamen linken Parteien zu verbieten, die die Autonomiefrage nicht aus ihrer Agenda löschen möchten, die weiterhin das Ansinnen nach Selbstverwaltung und Eigenständigkeit bewahren. Eine Folterpraxis, die immer noch wie in Zeiten der Diktatur gehandhabt wird, die Eisenstangen in Enddärme einführt, Scheinertränkungen und inszenierte Hinrichtungen vollbringt, die prügelt und nervlich zusetzt und droht, auch Eltern, Brüder und Onkel zu inhaftieren. Haftstrafen im dreistelligen Bereich, die mindestens vierzig Jahre abgesessen werden müssen, bei denen es keine Aussicht auf Resozialisierung und ein zukünftiges Leben in Freiheit gibt, die überdies oftmals in Isolation abgebüßt werden, womit sie in mehreren Fällen gleichzeitig gegen die Menschenrechte verstoßen. Ein fiktives Terrorhandbuch, dass der Zentralstaat aus dem Hut zauberte, in dem den vermeintlichen Terroristen ans Herz gelegt würde, nach jeder Verhaftung Folter anzuzeigen, ob sie geschehen sei oder nicht, womit jeder Entlassene, der daraufhin Folter anzeigt, indirekt ein Geständnis ablegt, Terrorist zu sein, weil er dem Vorschlag dieses angeblichen Handbuches folgt. Horrende Geldstrafen, die zusätzlich zu Haftstrafen erlassen werden, die nach der Inhaftierung von Familienmitgliedern zu bezahlen sind, weshalb diese nicht selten in bitterste Armut geworfen, letztlich als Sippe haftbar gemacht werden. Politische Gefangene, die gesetzeswidrig Hunderte von Kilometer von ihrer Heimat entfernt einsitzen; dies, obwohl dieser offene Gesetzesbruch der gesamten Gesellschaft bekannt ist - man nimmt dieses Vorgehen als unabänderbar hin, befürwortet es gar. Schutzhaft, in der bis zu 120 Stunden festgehalten werden, in der der Häftling keinerlei juristische Hilfe erwarten, in denen kein Zugang zu Anwalt, Arzt oder Familie, nicht mal ein Telefonat erfolgen darf; in der man vollkommen seinen Häschern ausgeliefert ist, die zudem keine Rechenschaft über ihre Verhörmethoden ablegen müssen. Terroristenstatus, den selbst jene erhalten, die die Autonomiefrage im politischen Rahmen beantworten, die mittels Parteien und außerparlamentarischen Organisationen die Repression des Zentralstaates friedlich gemindert wissen wollen. Ein Regent und oberster Kriegsherr, der das Militär im inneren Konflikt, bei Fragen der Autonomie beispielsweise, einsetzen darf; der Schüsse befehligen dürfte, sofern sich der Zentralstaat in seiner Allmacht verletzt fühlt. Ein Sondergericht, das Geständnisse unter Folter toleriert, ebensowenig dagegen vorgeht; Sonderrichter ebenjenes Gerichts, die Folterknechte Pinochets verurteilen, ihren folternden Landsleuten aber zu Polizeikarrieren verhelfen.

Ein Staat in Lateinamerika? Mitnichten! Mitten in Europa! Am Rande Europas. Das war Spanien, das war das Baskenland. Das heißt: nicht war! Ist! Das ist Spanien, das ist das Baskenland. Franco ist tot, aber wie der spanische Zentralstaat auf die baskischen Autonomiebestrebungen reagiert, die sich freilich auch oftmals gewalttätig verkleidet als ETA äußern, ist oftmals so demokratisch und rechtsstaatlich, wie unter der Staatsfuchtel des caudillo. Amnesty International und die UNO ermahnen Spanien jährlich, weisen auf gravierende Verstöße gegen die Menschenrechte hin: die europäische Presse, eingeschworen von Madrid, das spanische Baskenlandbild aufzugreifen und zu verbreiten, berichtet über solche Mahnungen nur zögerlich. Sie beschreibt das Baskenland als rückständige Region, in der tollgewordene Querulanten keine Unterwürfigkeit zeigen, tümelnden Nationalismus zelebrieren wollen.

Auch die deutsche Presse; vorallem Deutschland! Jenes Deutschland, damals unter sozial-liberaler Führung, dass während der Reformzeit nach Francos Tod dabei mithalf (in Person von Hans Josef Horchem, der das Landesamt für Verfassungsschutz in Hamburg leitete), den Geheimdienst der staatstragenden baskischen Partei PNV aufzubauen, womit dem Zentralstaat unter Ägide eines Quislings, die Kontrolle und Bekämpfung autonomer Bestrebungen in die Hand gegeben wurde. Jenes Deutschland, dass wissen mußte, dass dieser ominöse Geheimdienst folterte und tötete, zuletzt auch, weil Horchem in seinen Erinnerungen darüber schrieb. Die deutsche Presse, sie berichtet von der Selbständigkeit der Basken, die sich darin äußern soll, unbedingt eine eigene Nation zu stellen, einen eigenen Staat. Manche versteigen sich sogar dazu, ein Großbaskenland zu erfinden, dass es als Begriff in der baskischen Gesellschaft, im baskischen Diskurs gar nicht gibt. Sicher, manche wollen einen baskischen Staat, abgetrennt von Spanien, abgetrennt von Frankreich - aber der größte Teil der Basken, sie wollen Autonomie, die derzeit zwar auf dem Papier gedruckt, die aber nur leere Phrase ist. Denn der baskischen Legislative ist die zentralstaatliche Exekutive eingeschoben. Jeder Gesetzesentwurf der baskischen Regierung wird von Madrid geprüft und in den meisten Fällen als mit der spanischen Verfassung unvereinbar abgewiesen.

Alleine sich kritisch darüber zu äußern, könnte in Spanien als Verherrlichung des Terrorismus - so nennt sich jener Straftatbestand - begriffen werden; selbst wer sich als Sympathisant der seit einigen Jahren verbotenen Partei Herri Batasuna enttarnt, muß damit rechnen, aufgrund seiner subversiven Ansichten, bald zum politischen Häftling zu werden. Batasuna hat sich jahrelang geweigert, die Anschläge der ETA in einem Akt der ritualisierten Entrüstung aller staatstragender Parteien zu verurteilen; sich geweigert, mit Betroffenheitsmiene der zentralstaatlichen Dogmatik nachzueifern. Nicht, weil sie Gewalt für notwendig oder gerechtfertigt erachten würde, sondern weil sie befürchtete, sich damit instrumentalisieren zu lassen, zum eingetriebenen Keil der Autonomiefrage zu generieren.

Eine aufgescheuchte konservative Presse, und konservativ und monarchistisch sind fast alle klangvollen Namen der spanischen Gazettenwelt, zumal linke baskische Zeitungen bereits verboten wurden; diese konservative Presse also, die den Madrider Machthabern, egal ob sie der konservativen PP oder der sozialistischen PSOE entstammen, einredet, ob und wie rabiat man gegen das Baskenproblem zu agieren habe, verunmöglicht jede politische Lösung des Konflikts. Sie verfolgt entlassene Häftlinge auf Schritt und Tritt, fordert deren erneute Inhaftierung, will Gesetze erwirken, die es möglich machen, Haftentlassene nur in bestimmten Gegenden wohnen zu lassen. Und die Regierungen knicken ein, sputen sich, um ja bloß dem öffentlichen Druck gerecht zu werden. Unschuldsvermutungen sind qua öffentlicher Berichterstattung in Spanien abgeschafft - wer inhaftiert wird, 120 Stunden in Incomunicado-Haft war, der gilt für alle Zeiten als gebrandmarkt, dem bleibt der Ruch des Terrorismus allzeit an der Wäsche haften.

All das geschieht in einem Klima, in dem sich mit dem Franquismus, unter dem die Basken besonders litten, nicht auseinandergesetzt wird. Im Gegenteil, mit Aznar war ein ehemaliger franquistischer Emporkömmling Ministerpräsident; und der Sozialist Zapatero läßt bei Gedenkveranstaltungen zum Bürgerkrieg auch franquistische Veteranen mitmarschieren. Man stelle sich nur vor, dreißig Jahre nach Ende der deutschen Diktatur, würden bei Gedenkstunden SS-Männer zugegen sein - und als offizielle Gäste! Überhaupt: Fall des Franquismus! Die gesamte europäische Medienwelt spricht häufig davon, verklärt nebenher den rey zu Helden, zum königlichen Demokraten - dabei gab es nie einen Fall des Regimes; es gab Reformfranquisten, die retten wollten, was zu retten war, die erkannten, dass eine neue Ära anzubrechen habe. Die spanische Verfassung, angefangen dabei, dem Militär eine tragende Säule der spanischen Republik zu belassen, es direkt dem Staatsoberhaupt zu unterstellen, spricht Bände, denn es handelt sich dabei um repressive franquistische Überbleibsel, die so genannte Demokratisierung enttarnen. Heute besetzen Franquisten allerlei Staatspositionen. Und der Klerus, einst mit dem Regime verbrüdert, verweigert sich penetrant jeglicher Aufarbeitung seiner Vergangenheit und findet bei den demokratisierten Franquisten im Staatsdienst Befürworter dieser Verschwiegenheit.

Schon diese lose Litanei, dieses Textchen hier, ins Spanische übersetzt und den geeigneten Stellen übermittelt, könnte als Verherrlichung des Terrorismus, als Affront gegen die Souveränität des spanischen Zentralstaates interpretiert werden, könnte dem Verfasser also, dessen Vater gebürtiger Baske aus Gasteiz war, den spanischen Pass kosten; man könnte ihm Nähe zur ETA nachsagen, um seine Kritik mundtot, seine Sichtweisen zu linken Spinnereien zu machen. Dabei will er nur darauf hinweisen, wie eine hysterische Gesellschaft zum Abbau des Rechtsstaates neigt - jeder Hysteriker innerhalb Deutschlands, der wieder einmal Generalverdacht und gläserne Bürger zur Islamistenbekämpfung fordert, sollte nach Spanien linsen. Und er, der Autor, will klarstellen, dass der Hort der Vernunft, zu den man die EU gerne kürt, nichts weiter ist als eine phänomenale Selbstbeweihräucherung, ein Sichvormachen auf höchstem Niveau. Innerhalb ihrer finden sich Gesellschaften, die näher der Diktatur stehen als der Demokratie - nicht nur Italien neigt dazu, auch Spanien: und verfolgt man den Diskurs in diesem Lande, dann darf man davon ausgehen, dass früher oder später auch Deutschland aufschließt in diese Achse diktatorischer Demokraten, vollkommen hysterischer Gesellschaften.

Empfehlenswert zum Thema Baskenland ist Ingo Niebels Buch "Das Baskenland. Geschichte und Gegenwart eines politischen Konflikts".

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Facie prima

Dienstag, 30. März 2010

Heute: Die Staatsmännische, Angela Merkel


Innenpolitisch mit drögem Blick, verdöst in Stellungnahmen, häufig benebelt in der Debatte, blüht Angela Merkel immer dann auf, wenn sie die deutschen Grenzen überwunden hat. Das heißt, sie blüht nicht unbedingt selbst auf: sie wird blühend gemacht. Auf internationalem Parkett wird aus der innenpolitischen Schlaftablette mit Pagenschnitt, eine stahlharte, unbarmherzige Staatsfrau, die unerbitterlich ihren überstaatlichen Nimbus als iron lady speist. Man macht sie zur Retterin von Klimakonferenzen, zur europäischen Wohlstandswahrerin, zur unnachgiebigen Nein-Sagerin, zum defensor fidei des wirtschaftlichen Europa - das Schlafpulver mit Richtlinienkompetenz, es wird verbrämt, wird umgeschrieben und mit passenden Bildern unterstrichen. Im Inlande vor Müdigkeit nuschelnd, liest sie im Ausland mit erhobener Stimme Leviten, deutelt mit dem Finger, putzt herunter, bleibt entschieden und strikt, weicht kaum einen Zentimeter zurück. Eine aufgehende, energische Person, die in dieser Weise innerhalb Deutschlands unbekannt ist.

Sich in Auslandsabenteuer zu stürzen, weil zuhause kein Ruhm zu machen ist: das ist wahrlich nichts Neues, haben schon ganz andere gemacht. Welche Diskrepanz zwischen der Innen- und der Außenkanzlerin herrscht, selbst in der medialen Darstellung, das ist allerdings fast schon ein Novum. Wie eine gespaltene Persönlichkeit, mimt Merkel außerhalb deutschen Territoriums die staatsmännische Dame, die mit dem Auftrag aller Deutschen im Rucksack, zur arroganten Schaustellung ihrer Machtfülle aufläuft. Mit ihr sei nicht gut Kirschen essen, wird suggeriert. Sie mahnt, rügt, tadelt. Auffällig ist, dass die Außenkanzlerin oft den Finger belehrend oder mahnend schwingt; die Innenkanzlerin hat selbst dazu kaum Kraft. Sie wirkt, als würde sie schon heute ihre Rolle als elder statesman einstudieren, schon jetzt für ihre Zukunft als eiserne Mutter Europas üben. Die Presse schreibt die Kanzlerin zur europäischen Gestalt um, zum Advokaten aller Deutschen; die Fotographen flankieren diese Anwaltschaft, lichten sie in enthusiastischer Positur ab. Die schlafmützige, ab und an traumtänzerische Innenkanzlerin, sie darf international nicht zum Zuge kommen. Dabei ist unerheblich, ob Merkel ihr Phlegma wirklich im heimischen Kleiderschrank zurücklässt oder ob es lediglich aus der Szenerie retuschiert wird. Sie hat energisch zu wirken, selbst wenn sie phlegmatisch bis ins Mark ist - Abhilfe haben die Medien zu schaffen, sie müssen der Fleisch gewordenen Schlafmützigkeit unter die Arme fassen.

Wie Thomas Schaaf, Trainer von Werder Bremen, der Schlips und Kragen nur trägt, wenn sein Verein auf europäischer Bühne spielt, während er den heimischen Bundesligaalltag im abgegriffenen Trainingsanzug bestreitet, so putzt sich auch Merkel heraus - so läßt sie sich herausputzen. Sie soll als Lichtgestalt gelten, als Staatsfrau, die sich von niemanden in die Mangel nehmen läßt. Das ließe ihr Stolz, das ließe der Stolz ihres Volkes nicht zu. Sie erinnert in fataler Weise an jene operettenhaften Staatskasper des 20. Jahrhunderts, von denen man lieber nicht mehr spricht; sie erinnert an jenes Italien, dass heute wieder wie einst, jeden außenpolitischen Auftritt ihres Landesvaters, wie einen Erfolg feiert, auch wenn die Vorstellung nichts weiter als eine blamable Aufführung war. Eine Ikonographie entsteht, in der Merkel zur eisernen Kanzlerin gemeiselt wird. Dabei ist jene Merkel, deren Schädel auf dem Rumpf des ollen Bismarck montiert ist, nur der Gipfel der Geschmacklosigkeit. Was anhand der Montage unabweisbar wird, findet sich auch in den meisten Fotos, die die internationale Merkel abbilden. Die mater patriae, erhaben und voll Einsatzwille für die Interessen ihres Volkes - das ist die Ikonologie einer innenpolitischen Nachtwächterin, die außerhalb der Grenzen aufgeweckter wirken soll, als sie es je war.

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Evolution braucht Hilfe

Montag, 29. März 2010

Solidarität ist zwar ein entzückendes Ideal, Gemeinsinn bewundernswert tugendhaft und Hilfsbereitschaft ein phänomenales Wunschbild - doch leider sind sie allesamt nicht genetisch programmiert. Der Mensch, so lehren sie uns in unschöner Regelmäßigkeit, sei ein habgieriges und nimmersattes Wesen, egomanisch und selbstsüchtig geartet. Dafür könne er nichts, denn dergestalt sei er von Evolutions wegen konditioniert - er sei, wie alle Wesen dieser Erde, im steten Kampf ums Dasein, damit zur Rücksichtslosigkeit verurteilt. Und weil man evolutionäre Prämissen nicht abändern kann, weil der Mensch so unbelehrbar auf gegenseitigen Kampf eingestellt ist, wie es jede Wildkatze oder jeder Wolf es ist, muß auch das soziale Lebensumfeld des Menschen darauf abgestimmt sein. In einer Welt, in der Kampf und Eigennutz zu Naturgesetzen ausersehen wurden, kann das Gemeinwesen nicht dieser vorgeblichen Natürlichkeit entzogen sein, kann sich nicht vom Menschen Unnatürlichkeit ausbedingen.

Daran sei nichts zu leugnen, lehren sie unentwegt. Darwin habe uns bewiesen, wie Arten entstehen, habe uns die schier göttliche Allmacht des ständigen Kampfes sichtbar gemacht. Darwin sei unantastbar. An seiner Lehre könne man nicht rütteln. Ein wenig feilen hin und wieder, ein bisschen Makulatur üben - das ja! Aber grundsätzlich ist die Lehre unnahbar, unberührbar. Und weil dem so ist, könne man sich zwar gelegentlich über ein Gemeinwesen echauffieren, dass viele seiner Kinder stiefmütterlich behandelt, aber endlich ist es doch nichts weiter als in Staatlichkeit hinübergelotster menschlicher Überlebenskampf. Warum sollte auch ein Wirtschaftssystem und seine sozialen Auffangmechanismen anders sein wollen, als es der menschlichen Eigenart entspricht? Warum sollte es besser sein wollen als der Mensch selbst? Nahezu anmaßend wäre so ein hoher, überhöhter Anspruch, lehren sie beständig. Dass aber erstens, Darwin seinen Survival of the Fittest zunächst durchaus nicht auf die sozialen Gegebenheiten in der Menschenwelt ausdehnen wollte, und dass er, zweitens, schon damals in der Kritik stand, dass der ewige Kampf innerhalb der Natur zu eingleisig sei, wird in den Belehrungen dieser Dogmatiker aus Eigennutz nicht angeführt.

Einer, der dieser einseitigen Auslegung der Evolution entgegenwirken wollte, war Pjotr Kropotkin, ein aus Moskau stammender Geograph und Schriftsteller. Er bezweifelte die Evolution, so wie sie Darwin in Die Entstehung der Arten beschrieb, nicht grundsätzlich - die Reduzierung von Darwins Lehre auf den steten Kampf ums Überleben, die hielt er allerdings für eindimensional, für nur einen Aspekt des Evolutionismus'. Dem Kampf ums Dasein schlug er das Prinzip der Gegenseitigen Hilfe zu. Das war nicht einfach nur theoretisches Geplänkel, um den blutigen, auf Menschen trostlos wirkenden Kampf auszubleichen, erträglicher zu machen - nein, Kropotkin zog seine sibirischen Erfahrungen, die Ergebnisse seiner naturwissenschaftlichen Forschungsreisen heran. Die Gegenseitige Hilfe, sie war empirische Beobachtung und stand dem, was Darwin verlautete und was seine Jünger später ins Unermessliche dramatisierten, entgegengesetzt.

Mit seinem 1902 erschienen Buch Mutual Aid: A factor of evolution (Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt), wollte er den sozialdarwinistischen Tendenzen seiner Epoche entgegentreten. Kropotkin berichtet von Insekten, Vögeln und Säugetieren und ihrer Hilfsbereitschaft untereinander. Gemeinsames Jagen, gemeinsames Aufziehen von Jungtieren, gemeinsame Pflege kranker Artgenossen, gegenseitiger Schutz in Herden, erlernte Konfliktvermeidung - die Gegenseitige Hilfe war für Kropotkin eine erfolgreiche Überlebensstrategie, entlarvte er als wesentlichen Evolutionsantrieb. Die Sozialdarwinisten hätten nicht verstanden, dass Survival of the Fittest nicht bedeute: der Stärkste, der Rücksichtsloseste, der Gierigste überlebe, sondern dasjenige Wesen, das am besten angepasst sei. Dass manche Spezies dennoch wie Sieger eines Kampfes aussehen, sich also hemmungsloser vermehren, während andere verschwinden, habe mehr mit Klimaschwankungen und Krankheiten zu tun - nichts aber mit Sieg oder Niederlage beim Kampf ums Dasein.

Kropotkin überträgt die Gegenseitige Hilfe im Verlauf seines Buches auf die Menschen. Aufbauend auf Clangesellschaften, Dorfgemeinschaften und Zünften landet er in der modernen Welt - sich zu helfen, es ist demnach kein christlicher oder moslemischer oder jüdischer Kodex, auch keine profane ethische Haltung, sondern dem Wesen des Menschen so immanent, wie jedem natürlichem Geschöpf. Der Mensch sei daher nicht gut, weil es Religionen gelegentlich empfehlen, es ist umgedreht: Religionen lehren hin und wieder ethische Grundsätze, weil sie im Menschen a priori verankert sind. Damit widersprach er Malthus und seinem etablierten Bevölkerungsgesetz, das den Kampf ums Überleben Darwin schon vorwegnahm. Der Kampf ums Dasein, zum alleingültigen Naturgesetz erklärt, später zum Kulturgesetz der kapitalistischen Welt gekrönt, war in Augen Kropotkins nichts weiter als die Rechtfertigungsgrundlage der Sozialdarwinisten. Die Gegenseitige Hilfe, wenn schon nicht zu leugnen, sie doch als Aspekt auszuklammern und zu verschweigen, gehört zum Konzept der Rechtfertigungslehre.

Natürlich wurden Kropotkins Gedanken von Biologen und Anthropologen aufgegriffen und weitergesponnen. In modernen Schriften, die sich mit der Evolution befassen, wird von Gegenseitiger Hilfe gleichermaßen gesprochen, wie vom Kampf ums Dasein. Dort wird Evolution weniger aufwühlend und überzogen thematisiert, als in Publikationen, die den Survival of the Fittest zur Gewissensentlastung behandeln. Kurzaufklärungen, Crashkurse zum Thema, sind da meist einseitiger, richten ihr gesamtes Augenmerk auf den Kampf, die Hilfe als Prinzip entfällt aber, wird bestenfalls kurz angerissen - dort ist the Fittest immer noch der Stärkste, der Schnellste, der mit den spitzesten Zähnen, mit dem größten Gehirn. Dass the Fittest auch heißen könnte, von einer Herde oder einem Rudel zu sprechen, das sich gegenseitig zu helfen weiß, wird heute meist immer noch unterschlagen. Die populärwissenschaftliche Verbreitung des Themas, mal in Vorabendprogrammen oder knapp gehaltenen, einfach geschriebenen, dafür reich bebilderten Büchern, hat wenig Interesse daran, ein komplexes Abbild der Evolutionslehre zu liefern.

Unterstützt wird die Verknappung des Stoffes durch Aussagen wirtschaftlicher Sozialdarwinisten, die die Gier zum maßgeblichen Faktor des Menschseins adeln, die einerseits Mildtätigkeit von den Betrogenen verlangen, weil man die Gier einzelner Milliardäre nicht verurteilen kann, leiden wir doch schließlich alle an diesem verhassten, doch notwendigen und fortschrittsbringenden Antrieb der Evolution; die andererseits aber absolute Kontrollmechanismen für gefährdende Antagonisten (Gewerkschaften, linke Parteien, anarchistische Gruppen) fordern, weil man die Gier und die Egomanie des Menschen, die sich hier als Teilhabe, Umverteilung und Gerechtigkeitssinn äußere, im Griff haben müsse. Gegenseitige Hilfe ist für sie kein Wesenszug des Menschen, der Natur generell, weil sie ihrer Selbstsucht feindlich gesonnen ist. Deshalb haben sie immenses Interesse daran, dass Evolution für die breite Masse, immer noch in den verstümmelten und halbwahren Kategorien gelehrt wird. So, wie sie schon zur Zeit Kropotkins in die Köpfe gehämmert wurde - mit all ihren tödlichen Folgen, die Jahre danach in Massenvernichtung, eugenischen Versuchen und Euthanasie mündeten.

Gerade in Zeiten wie diesen, in der Gier zur Triebfeder der Menschheit verklärt wird, in der derjenige als tugendhaft gilt, der mittels seiner Habgier, den vermeintlichen Fortschritt der Menschheit vorantreibt; gerade in solchen Zeiten, empfiehlt es sich, Kropotkin zu lesen, seiner Theorie zu gedenken, die so theoretisch gar nicht war, die aus dem Leben, aus dem Kreuchen und Fleuchen der Natur gefiltert wurde. Seine aus dem Leben entnommene Theorie, die uns eigentlich allen im Innersten bewusst ist, weil sich die Hilfsbereitschaft auch in uns regelmäßig regt. Hilfsbereitschaft, die versucht einen Ausgang zu finden, der allerdings immer schwerer auffindbar ist, weil die Fässer voll Egoismusrechtfertigungen und Ichbezogenheitslehren, die man über uns ergießt, uns die Gegenseitige Hilfe fast wie einen Frevel an der Natur empfinden lassen, wie etwas, dass schon lange seine Gültigkeit verloren habe, weil uns die Wissenschaft eines Besseren belehrte. In solchen Zeiten ist es notwendig, wieder Kropotkin im Sinn zu haben...

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Kind, das sich rechnet

Samstag, 27. März 2010

Still! Nicht lärmen! Der Herr Sohn büffelt. Er brütet über seinen Schulheften. Er weiß, um was es geht; ist erfüllt von Elan, durchdrungen von Wißbegier. Leise, bitte! Er arbeitet - er verdient uns etwas hinzu. Nicht stören! Unsere Haushaltskasse hängt von seiner Ungestörtheit ab. Was nützt der schönste Zimmerarrest zwecks Büffelei, wenn hernach der Trubel ausbricht? Sachte jetzt, piano jetzt! Wir brauchen das Geld dringend. Das weiß unser Dreikäsehoch auch, daher paukt er mächtig. Selbst das Abendbrot liefern wir ihm aufs Zimmer - er darf keine Zeit verlieren.

Ruhe, bitteschön! Lärm hatten wir ausreichend vor einigen Wochen. Bringt der Bengel doch das Halbjahreszeugnis nach Hause. Was für ein Zeugnis! Eine Freichheit von Zeugnis! Ein Schnitt von Drei Komma nochwas. Was für ein Gebrüll! Wir wollten ihm ja sachlich darlegen, dass das nicht ausreicht. Doch er hatte nichts anderes zu seiner Verteidigung vorzubringen, als brühwarm zu behaupten, er hätte sich bemüht. Er hätte sich sogar in Rechnen verbessert, hätte sich die Vier dort mit viel Schweiß erarbeitet. Schau den nicht an! Sicherlich, ein rhetorisch gestrickter Drittklässler - und ein viel zu selbstzufriedener Drittklässler, wie wir fanden. Ein Wort ergab weitere, fehlende Einsichtigkeit unseres Abkömmlings nährte die Wut und... wir haben uns später auch entschuldigt, aber die Ohrfeige war in jenem Moment dringlich. Nun wieder leise, wir werden zu laut, wir sollten unsere Stimmen senken.

Danach hat er pariert, zwar nicht begriffen, aber eine Weile das getan, was wir verlangten. Und er hatte endlich seine erwartungsfrohe Haltung aufgegeben - er glaubte doch wirklich, wir würden ihn loben und einen Kinobesuch springen lassen, weil er sich im ersten Halbjahr bemüht hatte. Nichts da, haben wir sofort klar Tisch gemacht, jetzt wird gelernt, Freundchen! Drei Komma irgendwas - das reicht nicht. Dann hielten wir ihm die Tageszeitung vor Augen und er mußte einen Artikel laut vorlesen: Bonus für gute Schulnoten! Mittellose Abkömmlinge können ihrer bedauerlichen Familie einen Dienst erweisen, können mitverdienen, sich nützlich machen. Wir taten ihm dar, dass diese Idee aus den Köpfen von Erfolgsmenschen stammte, dass damit auch in der Idee der Erfolg eingewoben sein muß. Wir hätten keine großen Ansprüche, wir wollten nur einen erfolgreicheren Sohn, ließen wir verlauten.

Augenblick, ich luge geschwind ins Kinderzimmer... Er lernt noch immer fleißig. Ruhig! Das war ein Kampf, bis wir ihn dort hatten. Alles hatte sich gegen uns verschworen: seine Freunde, die plötzlich zu Geburtstagsfeiern luden; die Sonne, die jetzt öfter schien; Verwandte, die mit ihm etwas unternehmen wollten. Dieses Geschrei, wenn wir ihn auf einen notwendigen Notendurchschnitt von Zwei Komma Fünf hinwiesen, wenn wir ihm deutlich machten, dass erst die Arbeit, dann das Vergnügen käme. Einsperren mußten wir ihn! Ohne Abendessen ins Bett schicken! Man muß dem Kind begreiflich machen, dass es Verantwortung trägt. Man muß es mit Anreizen wie diesem Bonus ködern, damit es für diese Gesellschaft gerüstet wird. Wir mußten hart zu uns selbst sein - wer sein Kind liebt, der züchtigt es; wer möchte, dass sein Kind sich rechnet, der kommt an Zucht nicht vorbei. Soll das Kind besser rechnen, könnte Nachhilfe dienlich sein; soll das Kind sich besser rechnen, dann ist nur ein unangenehmes Klima hilfreich.

Freundchen, haben wir irgendwann gesagt, so geht das mit uns nicht weiter. Einen Blödian als Sohn wollen wir uns nicht leisten, wir wollen die Schmach nicht erleben, dass es am Ende des Schuljahres heißt, es gäbe keinen Bonus, weil unser Kind zu dumm ist. Still! Mäßigen wir unsere Stimmen, man kann auch leise erzählen, wenn einem der Sproß schon Boni beschafft. Zäh mußten wir sein, seinen Freiheitswillen erwürgen. Er mußte endlich verstehen, dass dort, wo unsere Familie gesellschaftlich angesiedelt ist, keine idyllische Kindheit umsetzbar ist; er mußte einsehen, dass er nun alt genug ist, auch etwas für seine Familie zu leisten, wenn man es ihm schon anbietet. Wenn Jungunternehmer schon eine solche Idee zu modifizierter Kinderarbeit haben, dann sollte man sie auch dankbar aufgreifen. Diese Damen und Herren, sie haben erkannt, dass ein Verbot der Kinderarbeit in unseren Gesellschaftsschichten nur schadet, dass so ein Verbot nützliche Arbeitskraft brachliegen läßt, uns aufhält und behindert.

War das ein Theater! Er wollte es nicht verstehen, hat verdutzt dreingestarrt, als würde er die Zusammenhänge nicht erfassen. Wieder und wieder redeten wir auf ihn ein. Dankbar sollte er sein, dass man ihm die Gelegenheit gibt, sein hungriges Maul selbst zu stopfen. Wir seien gesetzestreue Leute, erklärten wir ihm, würden ihn nie zur Kinderarbeit drängen, solange sie verboten ist. Aber wenn sich da mal eine Türe öffnet, so wie im Falle der Boni, dann sollte man zugreifen. Auch wenn es ungerecht ist, weil ja nur die dummen Kinder der Leistungsbezieher belohnt würden - die dummen Kinder aus Arbeiterhäusern, die belohnt niemand - und die kindlichen Blödiane aus reichen Familien, die gehen auch leer aus, gehen auch mit leeren Taschen auf höhere Schulen. Er sollte dankbarer sein, dass man ihm diese Chance bietet, ihn anreizt, an ihn denkt, während der arme Millionärsbengel mit seiner Dummheit alleine und unbezahlt zum Abitur schreitet. Aber was sollen wir sagen! Es war umsonst, er wollte lieber spielen, sich im Antlitz seiner Drei Komma sonstwie sonnen.

Es tut einem Elternteil in der Seele weh, wenn man wahrnimmt, dass sein Kind ein Halbidiot, ein Drittklässler ohne Antrieb und Sinn für Anreize ist. Wir wollten schon aufgeben... doch dann wurde alles anders, schlechter - und weil es schlechter wurde, wurde es besser. Unser Herr Sohn wurde zunehmend appetitloser, blaßer, schwächlicher - und vorallem lustloser, verbrachte wieder mehr Zeit in seinem Zimmer. Wir sorgten uns zunächst, machten dann aus dem Dilemma eine Tugend. Da er eh viel Zeit zwischen seinen vier Wänden verbrachte, klemmten wir ihn ein Schulheft unter die antriebslose Nase. Unsere Sorge lichtete sich, wir nahmen seinen Wandel als Verantwortungsbewußtsein wahr, waren froh, dass er zu schwächlich war, um sich mit unnötigen Spielereien zu beschäftigen, nurmehr wenig Spaß daran fand, mit Freunden zu spielen. Endlich wurde er erwachsen, bevorzugte die Stille, mied die Auseinandersetzung, nickte einsichtig, wenn man ihm den Bonus schmackhaft machte.

Nur noch kurz, unser ganzer Stolz benötigt absolute Ruhe. Diese Idee, sie ist ein Segen. Die Damen und Herren, die sie entworfen haben, müssen über massenweise Menschenkenntnis verfügen. Sie wissen, wie man Kinder anspornt und Eltern von Erfolgskindern belohnt. Man muß Kindern zeigen, dass sich Arbeit lohnt; man muß ihnen demonstrieren, dass sich Kinderarbeit auszahlt, dass es auch selbst für den Unterhalt der Familie sorgen kann, wenn man ihm die Gelegenheit dazu gibt. Wenn wir heute unseren Sprößlingen beibringen, dass auch sie schon erwachsen sein müssen, ihre Kindheit durch den gesunden Druck familiärer Erwartungshaltung ersetzen sollten, dann muß es uns nicht bang werden. Was für ein erhebendes Gefühl für Kind und Eltern, wenn der belohnende Sachbearbeiter ein Geldgeschenk überreicht - dann weiß auch der Knirps schon, dass brave Mittellose manchmal ein Zuckerchen bekommen, dann weiß er, dass Arbeit ein kleines Stückchen Freiheit bedeutet...

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Die Fackel brennt wieder

Freitag, 26. März 2010

Eine Rezension von Britta Madeleine Woitschig.


Diese Markierung in den Weiten des globalen Netzes klingt zunächst martialisch, in der konkreten Umsetzung wird jedoch erkennbar, dass De Lapuente ein feines Garn spinnt und jedes seiner Worte, und erst recht diejenigen seiner Gegner, auf die Goldwaage legt. Die fehlenden Kommentare der frühen Eintrage beweisen meines Erachtens hinreichend seine Stellung als einsamer Rufer in der Wüste, der durch Querverweise zu anderen unabhängigen Stimmen in Blogs sich seine Aufmerksamkeit hartnäckig erwerben musste. Sein politischer Standpunkt ist aus meiner Perspektive – glücklicherweise – nur die halbe Miete, denn der 1978 geborene Ingolstädter lockt mit weiteren Qualitäten, die seine kurzen Texte über die reine Kommentierung des Tagesgeschehens erheben und damit über das Niveau der bekannteren Edelfedern des (gut bezahlten) Feuilletons der sogenannten "Qualitätsmedien" hinaus.
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De dicto

Donnerstag, 25. März 2010

"Die Sozialpolitik des 21. Jahrhunderts muss anders aussehen als die des 20.! Im Moment wird ein Hilfeempfänger zu 100 Prozent vom Sozialstaat versorgt, dadurch nehmen wir ihm Stolz und Antrieb, nach eigenen Erfolgen zu suchen. Eine Wohn-Pauschale würde Anreize schaffen, sich günstigeren Wohnraum zu beschaffen."
- Heinrich Alt, Rheinische Post vom 24. März 2010 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Kommt man auf die Sozialpolitik des 21. Jahrhunderts, den progressiven, wegweisenden Sozialstaat zu sprechen, so vergräbt sich darunter nichts weiter als grobschlächtiger Sozialabbau. Das Ansinnen auf einen modernen, modernisierten Sozialstaat: es ist in Fortschritt gekleidete Beschneidung sozialer Errungenschaften. Blinder und übersteigerter Fortschrittsglaube wird angefacht, an die Zukunftshörigkeit appelliert, aufgefordert, sich für das 21. Jahrhundert rüsten zu müssen, um morgen nicht von gestern zu sein.

Dabei wird nicht zuletzt bei den Ausführungen des Heinrich Alt sichtbar, wohin sich die zukünftige Gesellschaft zurückrüstet. Der fortschrittliche Sozialstaat, er will den Druck auf den Hilfebedürftigen mehren, will finanziell strangulieren, um gefügig zu machen. Druck, der im fortschrittlichen Sozialwesen geschönt als Anreiz bezeichnet wird. Wohn-Pauschalen sollen demnach eingeführt werden, nicht um ein Obdach zu sichern, die Wohnung, das Umfeld zu erhalten, sondern um Anreize, d.h. Druck zu erzeugen. Der Bedürftige, der den Machern des progressiven Sozialstaates, ein raffender und vorteilssuchender Parasit ist, muß dazu gebracht werden, seine ohnedies günstige Wohnung gegen ein fast geschenktes Loch einzutauschen - vielleicht bliebe dem Raffzahn dann sogar (als Anreiz) ein wenig Wohngeld übrig. Doch wahrscheinlich würde die Pauschale so niedrig angesetzt, dass man einen Umzug nicht deshalb plant, um sich ein Zubrot zu sichern, sondern um in einer eventuell neuen Wohnung etwas weniger vom Regelsatz dazusteuern zu müssen.

Weshalb der Sozialstaat des 21. Jahrhunderts, ein anderer sein muß als jener des Vorgängerjahrhunderts, beantworten die Fortschrittlichen freilich nicht. Es hat den Anschein, als seien sie der Ansicht, im 21. Jahrhundert hungere man nicht, brauche man kein Dach mehr über dem Kopf, sei es nicht chic, am sozialen und kulturellen Leben teilzunehmen. Um Sicherung eines würdigen Menschenlebens geht es dort nicht mehr, es geht darum, eine gefügige Menschenmasse zu verwalten, die sich gefälligst einem Anreizsystem unterzuordnen hat, dass dem Naturell des Menschen unserer Zeit nachgebildet scheint. Heinrich Alt und Konsorten kommen als die Bewahrer des Sozialstaates ihres Weges, ihres reaktionären Trampelpfades, tun so, als wollten sie dieses Relikt des vergangenen Jahrhunderts, diese Reliquie des gutmenschlichen 20. Säkulums, hinüberretten und ihr neue Lebenstauglichkeit einhauchen.

Sie ziehen dabei das pessimistische Menschenbild des Zeitgeistes heran, wähnen den Menschen als faulen und antriebslosen Primaten, der mit Bananen getriezt werden muß. Fast ist es, als habe der Mensch des 21. Jahrhunderts eine Schlechtigkeit erhalten, die er im 20. Jahrhundert, im Jahrhundert der Kriege und der Massenmorde, noch nicht gekannt hatte. Und weil der Mensch sich verschlechtert hat, muß auch der Sozialstaat fit für das 21. Jahrhundert gemacht, verschlechtert werden. Er soll so schlecht, so durchtrieben, so arglistig werden, wie es der Mensch angeblich schon ist - er muß ein Abbild der menschlichen Natur sein, die ja vorgeblich schlecht ist. Wenn der Sozialstaat diesem Naturell nicht entspricht, dann untergräbt er des Menschen Stolz - so sieht es jedenfalls die erkleckliche Anzahl der Fortschrittsjünger. Der Sozialstaat muß so werden, wie das Menschenbild des 21. Jahrhunderts schon wahrgenommen wird; er muß so faul werden, so faulig, wie man es dem Heer der Schmarotzer heute schon nachsagt.

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Du wurdest verführt, sie werden verführt

Mittwoch, 24. März 2010

Keiner entkommt! Alles wird gesühnt! Blitzlichtgewitter und selbstzufriedene Gesichtszüge sind Teil der rituellen Staffage, wenn wieder einmal ein Verbrecher aus grauer... aus brauner Vorzeit, seinem Richter übergeben wird. Senile Scheusale und sieche Ungetüme werden ins Rampenlicht gezerrt, Regungen bis in jede noch so kleine Runzel, noch so winzige Falte analysiert, die Boshaftigkeit im vom grauen Star verschleierten Blick studiert. Keine Bestie entkommt - sofern sie nur noch lebt! Mördergreise werden vorgeführt und köstlich ausgeweidet, sind der ganze Stolz von Staatsanwaltschaft und Justiz, lassen die gesamte Gesellschaft mit geschwellter Brust stolzieren.

Mit Selbstzufriedenheit und Hochmut schlägt man sich anerkennend auf die Schultern. Gut gemacht! Wieder einer! Keiner entkommt! Verbrechen lohnt sich nicht! Sage noch einer, der Rechtsnachfolger des Dritten Reiches, er würde sich seiner Verantwortung nicht stellen. Sage noch einer, man würde die bittere Vergangenheit verlegen unter den Teppich fegen. Nein, man inhaftiert Tatteriche, reißt sie aus ihrem alterschwachen Leben jenseits von Gut und Böse und inszeniert sich auf ihre Kosten als Gesellschaft der Gerechten, der Rächer, derer mit Langzeitgedächtnis. Der verurteilte Fastneunziger, er ist der Stolz des aufarbeitenden Geschichtsbewußtseins. Er ruft förmlich: Seht her, sie haben nicht vergessen! Sie vergessen nie! Sie haben sich Unvergeßlichkeit angeeignet!

Wir dachten, wir täten das Richtige! - mit dieser Devise entschuldigen sich die Greise dutzendweise. Dummköpfe!, spottet man dann. Habt ihr denn nicht gesehen, wohin es führt, worin es endet? Hättet ihr nur den Krieg gewonnen - ja dann! Aber morden, meucheln, vergasen und auch noch verlieren? Das ist geschmacklos. Dummköpfe!, rufen sie. Und Verständnis zeigt keiner. Klar, du warst ein junger Bursche, bist mit den Gedanken eurer damaligen Machthaber erwachsen geworden, hast von Kindesbeinen an vernommen, dass bestimmte Menschen der letzte Dreck seien - woher solltest du es besser wissen? Einsichten, die heute kaum mehr ans Licht befördert, Fragen, die selten gestellt werden. Wer sie stellt, entkräftet - wer erkennen will, leugnet. Dabei könnte man verstehen und dennoch verurteilen; man könnte hinterfragen und begreifen, letztlich aber dennoch auf eine gerechte Bestrafung drängen.

Allein dies entspricht nicht der Agenda. Wir dachten, wir täten das Richtige! Armer alter Mann, oller Dummkopf! Siehst du denn nicht, dass das heute viele auch wieder als Ausrede benutzen könnten, wenn sie zukünftig hoffentlich zu den Verlierern der Geschichte gehören? Noch sitzen sie, so wie du damals, an Stammtischen und ziehen nur in Worten dem armen Schlucker, dem Arbeitslosen und Fremden, das Fell über die Ohren. Seniles altes Scheusal, wie oft warst du an solchen Biertischen gesessen? Wie oft hast du deine Eltern und Lehrer, deine Onkel und Nachbarn, deine Freunde und Sportkameraden ähnlich wettern und pulvern gehört? Wir dachten, wir täten das Richtige! Erkennst du nicht, dass sie heute wieder boshaften kleinen Männern nacheifern, die von ihren Podesten herunter ihren Minderwertigkeitskomplex auf Kosten der Ärmsten kurieren möchten? Hast du damals, als lauschender Bengel und eifriger Jungmann, den Komplex der kleinen Männer zwischen ihren kreischenden Satzfetzen erahnt? Ihren Klumpfuß, der sie böse werden ließ; ihren nur zur Halbsteifheit schwellenden Pimmel, der sie aggressiv machte; ihre aus Fronttagen verstümmelte Seele, die sie Blut und Fleischbrocken predigen ließ? Hast du all das seinerzeit vor deinem geistigen Auge gesehen, als sie dich aufwiegelten, anstachelten, zum Mord vorbereiteten?

Hast du? Hast du deren Motive erkannt? Nein? Gratuliere! Du bist in bester, in lernresistenter, in bildungsimmuner Gesellschaft! Denn auch sie erkennen heute nicht, wie ihrer Lichtgestalten Komplexe in den Diskurs geworfen werden. Sie sehen die Gier und die Selbstbereicherung nicht. Sie erblicken die Selbstbefriedigung der an Minderwertigkeit leidenden Zwerge nicht, die in Politik und Wissenschaft dabei sind, ihre genetischen Taschenspielertricks zum Dogma zu erheben. Wir dachten, wir täten das Richtige! Das mag nicht nur deine, das mag auch die zukünftige Entschuldigung unserer Zeitgenossen sein. Wie sollten sie es denn auch besser wissen? Täglich nistet sich der Wahn in ihr Leben ein, sie erwachen und erfahren, sich noch im Bett räkelnd, wie viel sie der Taugenichts kostet, wie wenig er im Gegenzug leistet - eine Treibjagd an verhetzenden Artikeln, Aussagen, Berichten findet statt; wie ein saurer Regen prasselt es auf jene herab, die hernach, immer noch durchnässt, glauben, sie würden das Richtige machen, wenn sie sich anreihen, um die Spießgasse zu verlängern.

Weißt du warum sie deine Entschuldigung verspotten? Warum sie dich gar nicht begreifen wollen? Weil du ihnen die Ausrede raubst, weil du deren Parodie bist, die vorweggenommene Persiflage auf ihre mögliche Zukunft. Weil sie sich ängstigen, irgendwann selbst als Verführte und Mitläufer dort zu sitzen, wo du gestern und heute Platz genommen hast. Morgen nicht mehr, denn du gehörst eine aussterbenden Spezies an, bist fast schon, hoffentlich schon, der letzte deiner Art. Sie fürchten sich davor, dass ihr dann ergrauter Kopf nochmal mit der Schlinge Bekanntschaft machen könnte. Mit jener Schlinge, die sie zuvor nur für bestimmte, unliebsame, ihnen zu teurere, überflüssig gewordene Menschen geknüpft hatten. Wir dachten, wir täten das Richtige! - eine Ausrede, die sie erzürnt, weil sie in lichten Momenten, in denen sie tief in sich selbst hineinstarren, ganz genau registrieren, dass ihre Überzeugung, das Richtige umzusetzen, ein fataler Irrglaube sein könnte. Sicher sind sie sich indes nicht, sie zweifeln lediglich schüchtern.

So wie du, der du dachtest, du machest das Richtige, der du aber ahntest, dass dieses Richtige nicht die einzige Option sein kann; der du ahntest, dass es mehr geben muß als das Beseitigen von Menschen, die aussahen wie du, rochen wie du, sich vor Angst in die Hose schissen wie du. Manchmal schwante es dir sicherlich, hattest du einen vagen Schimmer davon, wie anders deine Welt hätte sein können, einen Schimmer davon, dass die Welt so wie sie dir, wie sie euch jungen verführten Kerlen war, kein Naturgesetz hätte sein müssen, wenn ihr nicht gewollt hättet. Gemordet habt ihr am Ende doch - ihr kanntet nichts anderes, ihr habt gelernt Befehle zu befolgen. Und jene, die es aufgrund ihres Alters, ihrer vorbraunen Erfahrung besser wissen mußten, befolgten ja letztlich auch jeden noch so lausigen Befehl. Letztere sind schon lange dahin, ihr seid auch bald tot, eure lebenslange Haft wird ein kurzes Spektakel.

Man muß den Versuch wagen dich verstehen zu wollen. Auch wenn das nicht mehr zeitgemäß ist, auch wenn diese Krawall- und Radaugesellschaft es heute lieber sähe, in schwarz und weiß zu sortieren, Bösewichte fein säuberlich von ihrem Pendant zu sondern. Man muß es gleichwohl versuchen - heute mehr denn je. Man muß sich wie einst die Arendt ans Werk machen, die alltägliche, gewöhnliche, triviale Maske zu betrachten, mit der die menschliche Schäbigkeit verübt wird. Die Banalität des Bösen, die in Eckkneipen und Bierkellern gärt, die aus jedem Postboten einen remarquischen Himmelstoß macht, aus jeden Gartenzwerg einen Eichmann, sie muß stets neu begriffen, immerfort neu gelehrt werden. Du bist kein Relikt von damals - nicht ausschließlich jedenfalls. Du bist ein lebendes, noch lebendes, dahinvegetierendes Musterexemplar von Unmenschlichkeit. Zwar stirbst du, aber dein mitläuferischer Geist, deine Mordbereitschaft, deine Unbedachtheit, sie werden weiterleben; in Massengesellschaften, in denen Dienstorder und Gesetze mehr zählen als die Menschlichkeit, völlt sich der unmenschliche Geist wie die Made im Speck. Dort kann der billige Hanswurst skrupellose Karriere machen - dort zeigt sich die erstaunliche Abgeschmacktheit des Bösen. Ein Hanswurst, der Mahnung ist: denn jeder Pogrom, jede Verfolgung, jeder Massenmord: er beruht auf dem seichten Mitläufer, dem devoten Hofzwerg - ohne ihn bliebe das Verbrechen überschaubarer. Du stirbst in Kürze, aber dein Typus, er ist stets in Mode, wir auch in dreißig Jahren auf die eine oder andere Weise très élégant sein.

Verführter warst du, doch so heißen sie dich nicht. Monster nennen sie dich, Scheusal, einen Schlächter, Henker, Mörder, einen Blutrünstigen - schlechte Menschen haben immer mehrere Namen; von jeher waren Menschen faszinierte vom Schlechten, dekorierten das Faszinosum mit reichlich Titeln. Von deinen Untaten berichten sie, von Kopfschüssen und Massengräbern - von der Verführung, deren Opfer du zunächst warst, deren willfähriger Henker du danach erst wurdest, flüstern sie bloß. Nicht der Weg kümmert sie, nur das Ziel; das blutige Resultat klagen sie an, nicht die brandige Vorarbeit dorthin; sie wollen nur den Befund, die Infektion ist ihnen einerlei. Einen Verführten wollen dich die neuzeitlichen Verführten nicht taufen: sonst wärst du ihnen Bruder. Wenn schon nicht in der Tat, so doch im manipulierten Geiste. Natürlich widerstrebt ihnen das.

Um wie viel leichter ist es, aus dem schuldig gewordenen Opfer der Verführung, ein grässliches Monstrum zu machen, eine abscheuliche Bestie! Deshalb klagen sie die Blutbäder alleine an, die du eingelassen hast - die Verführung, der stringente Pfad dorthin, er ist meist unerwähnter Zierat. Dass du Bestie wurdest, es lag vielleicht an deinem Talent, völlig talentlos geblieben zu sein, vollgepropft mit Unwissen und unbeholfen in deiner Unbedarftheit. Hättest du hinterfragt, was man dir aufgetischt hat, hättest du gezweifelt, abgeklopft und unter die Lupe genommen: ob du heute Scheusal wärst? Dessen können sie dich leider nicht anklagen, weil es erstens nicht strafbar ist und zweitens ihre eigene Sünde. Klagen sie den Leichtgläubigen an, so klagen sie sich selbst an - daher stürzen sie sich auf deine Monstrosität, auf dein Bluthandwerk, das jede Blauäugigkeit übertüncht, zur Bagatelle schrumpft. Das Sich-verführen-lassen, es wird zur Marginalie, ist nicht mehr der Rede wert, nicht mehr der Urgrund des Massenmords. Sie schmeißen sich auf deine Monstrosität, weil euch das noch unterscheidet - du wurdest verführt, sie werden verführt; du hast dich zum Mord verführen lassen - so weit sind sie heute aber noch nicht. Das ist der sublime Unterschied, den zu betonen sie nicht müde werden.

Gut gemacht! Einer weniger draußen, einer mehr drinnen, hinter Gittern. Lebenslange Haft für einen Greis - eine kurze Lebenslänge. Und sie gratulieren sich, lassen sich feiern, weil sie den braunen Nachwehen noch immer trotzen. Dann eilen sie vor die Presse, sprechen von guten Tagen für das Land, für die Justiz, für die Opfer, brechen ihre Pressekonferenzen ab, eilen weiter, in Fernsehstudios, äußern sich dort zu den Problemen der heutigen Gesellschaft, zu den Arbeitslosen und Faulpelzen, zur Überfremdung und Islamisierung, wollen nach fünf Jahren aussortierte Gesellschaftsgruppen in die Obdachlosigkeit oder ins Lager entlassen, Ausländer ausweisen und Leitkulturen verordnen, nehmen ihre Euphorie aus dem Gerichtssaal mit in den Vorpogrom, der regelmäßig ausgestrahlt und gedruckt wird. Nicht alle tun das, nicht jeder Einzelne - doch sie alle zusammen, als Gesellschaft, sie tun es.

Weil du noch nicht gestorben bist, weil es dich Scheusal, dessen beste Tage verstrichen sind, immer noch gibt, können sie ganz ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legen, wie deine Generation damals, ohne gleich in bräunlichen Ruch zu geraten. Hinter deinen gebeugten, osteoporösen Rücken, hinter dem einst breiten Mordsnacken, Mördernacken, verbergen sie ihre Ähnlichkeit zu dir. Sie schicken dich, du Mensch von gestern, an die Scheinfront, damit sie ihre Bodenlosigkeiten ein wenig ungestörter praktizieren können. Aber wir tun doch was gegen den Hass!, entrüsten sie sich. Wir sperren Greise ein! Lebenslange Haft für Neunzigjährige! Wir haben aus den Fehlern gelernt! Und nun belästige man uns nicht weiter, wir haben zu tun! Und wie schwer sie schaffen, wenn sie ihre Mitmenschen lehren, erneut das Richtige zu tun. Zunächst lehren sie das Wort, denn am Anfang stand immer schon das Wort - und dann, dann schaffen sie vielleicht Arbeit für eine Justiz der Zukunft, für eine Rechtssprechung die irgendwann Senioren inhaftieren muß; Senioren, die heute noch recht rüstig, weil auf jungen Beinen, in dunstige Bierkeller pilgern, um ihren Trommlern und Hasspredigern zu lauschen.

Ungetüm von gestern, du faszinierst nur, weil du den heutigen Bestien, die noch nicht so genannt werden dürfen, weil sie noch nicht zur Vollendung geschritten sind, weil du ihnen erstaunlich gleichst, weil du ihr Großvater nicht nur sein könntest, sondern im spärlichen Geiste auch bist. Sie sitzen über ihresgleichen zu Gericht und hoffen nur, dass sie nicht eines Tages deine Ausrede benötigen, dass sie nicht irgendwann ihre Rolle eintauschen und dort ihren Hintern abstellen, wo du ihn gestern und heute und hin und wieder auch morgen noch, wenn immer noch ein letzter deiner Art und noch ein letzterer aufgefunden wird, platziert hast. Sie hassen dich, weil du warst, wie sie gerne wären, wenn sie ihr letzter Fetzen Skrupel nicht behindern würde.

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Kampagnenjournalismus

Dienstag, 23. März 2010

Kampagnenverseuchtes Deutschland! Kommt der Journalismus doch mal seiner Verpflichtung nach, reißt sich am Riemen, beugt sich dem Berufsethos, so wittert man in dieser Republik schon Kampagnismus dahinter. Man ist es im Olymp gewohnt, dass man tun und lassen kann was man will, ohne sonderlich auf den Journalismus achten zu müssen. Man hat ihn sich ordentlich erzogen, hat ihm Manieren beigebracht, dem Schreiberling. Muckt er dann aber auf, tut das Unfaßbare, nämlich zu berichten, dann grollen und zürnen sie, erklären mit würdevoller Miene, selbstgerecht wie sie nun mal sind, dass eine Kampagne laufe, deren Opfer man sei; eine Kampagne, ins Leben gerufen vom Feind persönlich, die das beklagenswerte Opfer zum Wanken, zum Taumeln, ja zum Sturz bringen soll.

Zwar habe man Volksverhetzung betrieben und nebenher die eigene Klientel, die zufällig auch noch familiär oder freundschaftlich verbandelt ist, gefördert und auf Reisen geschickt, seine eigene kleine Amigo-Affäre inszeniert - aber wenn man genau hinblickt, dann erkenne man überdeutlich, dass die Berichterstattung eine Kampagne gegen die besten Absichten dieser Vorgehensweise ist. Gewiß habe es in den eigenen Reihen Fummeleien gegeben, in tausendfachen Einzelfällen wohl auch sexuelle Nötigung und Vergewaltigung, alles zwecks Generationengerechtigkeit auf mehrere Jahrzehnte und Jahrgänge verteilt - allerdings muß man bei dem Aufgebot an Journalisten, die sich dieses traurigen Themas annehmen, davon ausgehen, dass es sich um eine Kampagne gegen die Institution selbst handelt. Freilich habe der werte Herr Verteidigungsminister einen Bericht erhalten und ihn aus den Augen verloren, geleugnet, beschwichtigt, geglättet, dem Krieg ein wohlgefälliges, adeliges Antlitz verliehen - trotzdem darf man wohl erahnen, dass bald von einer Kampagne gegen den vorgeblich populärsten Minister gesprochen wird.

Wie wild könnte man es doch treiben, bescheissen, betrügen, befummeln, sich bereichern, ausschweifend und ganz zwanglos! Wenn nur diese Campañeros nicht wären! Wie weit, wie hoch, wie reich wären wir nur, schwelgen sie, wenn es diese Kampagnen nicht gäbe! Wie fein wären wir aus dem Schneider, wenn sich die Journaille endlich ihren Aufgaben widmen und erlesene Hof- und Hausreportagen anfertigen würde. Man muß ja schon um die Demokratie fürchten, wenn da so undiszipliniert und mit unstillbarem Sensationshunger geschildert wird. Wenn der Journalismus nicht bald seiner Arbeit nachgeht, ist es aus mit der Demokratie, aus mit unserem schönen und besinnlichen Leben. Wo wir nur sein könnten, gäbe es keine Kampagnen - würden nur wir Kampagnen gegen Unliebsame ins Leben rufen, so wie wir es immer schon taten!

Weit sind wir gekommen. Die Kampagne, sie dient als Entschuldigung, als Alibi, um die vor der Öffentlichkeit mehr oder minder seelenruhig begangenen Schweinereien, für weniger gefährlich, kriminell oder unmoralisch zu erklären. Journalistische Arbeit, wenn sie denn mal stattfindet, wenn sie denn mal aufklärend auf den Plan tritt - was selten genug der Fall ist -, dann nennt man das dort, wo man ansonsten von schweigenden und hofierenden Journalisten umgeben war, eine ausgemachte Kampagne. Dann zieht man sich schmollend in die Ecke zurück und glaubt, man hätte das Privileg gepachtet, für etwaige Gemeinheiten und Schäbigkeiten mit journalistischer Stille belohnt zu werden. Wenn nicht arschkriechend berichtet wird, wittern sie Kampagne! Wenn entlarvt wird, kommt ihr ganzer Verfolgungswahn zum Vorschein, macht sich ihr schrundiges Gewissen bemerkbar, indem es ablenkend plärrt: Kampagne!

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Sit venia verbo

Montag, 22. März 2010

"Und niemand versteht besser anzutreiben, niemand versteht höhnischer zu sagen: "Schlapper Hund! Solltest mich mal sehen!" als der Mit-Tote, als der Mit-Prolet, als der Mit-Hungernde, als der Mit-Gepeitschte. Selbst die Galeerensklaven haben ihren Stolz und ihr Ehrgefühl, sie haben den Stolz, gute Galeerensklaven zu sein und "nun einmal zu zeigen", was sie können. Wenn das Auge des Kommandorufers, der mit der Peitsche die Reihen entlanggeht, wohlgefällig auf ihm ruht, so ist er beglückt, als hätte ihm ein Kaiser persönlich einen Orden an die Brust geheftet."
- B. Traven, "Das Totenschiff" -

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Der Neid der Branche?

Sonntag, 21. März 2010

Der Mann gehört nicht gefeuert - er gehört befördert! Erfundene Gespräche habe er seinem Magazin angeboten. Erfunden! Wie negativ sich das doch anhört! Der Mann ist innovativ, hat ein wenig nachgeholfen, aufgepeppt, den IQ der Befragten poliert. Wenn heutzutage die Politik neue Sanktionskataloge für Leistungsberechtigte erfindet, dann spricht doch auch keiner von Erfindungen. Nein, dann heißt es, man habe optimiert. So sollte man das sehen! Der Autor hat nicht erfunden: er hat optimiert, hat das Beste aus der befragten oder zu befragenden Gestalt herausgeholt. Alles herauszupressen: das nennt man Effizienz.

Und mit welchen Köpfen er es da zu tun hatte! Man will ja nicht frech sein, niemanden Dummheit unterstellen - aber wie er aus diesen banalen Persönlichkeiten des Zeitgeschehens, an die sich in drei Stunden niemand mehr erinnern kann, weil schon wieder neue Gesichter, eben frisch der Casting-Couch entschlüpft, zu den neuesten Giganten ihrer Branche geschürt werden, wie man also aus solchen trivialen Persönlichkeiten etwas Lesenwertes herausholen soll, weiß der Teufel. PR-Gewäsch, abgestandene Sprüche, antrainierte Sätze - was für ein öder Brei aus Kommerz und Style, aus Massentauglichkeit und gespieltem Individualismus, aus Bad-Boy-Image und Habt-mich-alle-lieb. Starlets am schmalen Grat, zwischen Verkaufszahlen und Aufmerksamkeitsdefizit: dabei kann nichts Lesens- oder Erwähnenswertes herauskommen. Dazu braucht es eine effiziente und optimierende Kapazität.

Bevor man sich diesen Mix aus penetranter Belanglosigkeit antut, fingiert man, optimiert man schon lieber. Die Leute wollen doch eh nicht wissen, was ihr Star sagt; sie wollen nur den Eindruck haben, vielleicht und vermutlich wissen zu dürfen, was ihr Star eventuell und womöglich würde gesagt haben können. Heute will niemand mehr informiert sein - aber das wohlige Gefühl, sich informiert zu wähnen, das will man nicht missen. Der Autor hat das verstanden und hat dem hungrigen Publikum, diesen lauen Infoholics, die glauben, es sei die höchste aller Informationen, die Slipfarbe ihres bevorzugten Barden präsentiert zu bekommen, er hat ihnen das gegeben, was sie lesen wollten, wenn sie von ihrem Helden lesen würden. Nicht erfunden wie erwähnt - herausgefiltert, destilliert, optimiert. Aus ausgesaugten Starhüllen Hochglanzbildchen gebügelt!

Und so einer wird gefeuert! Das verstehe wer will! Befördern hätte man ihn müssen. Zu höheren Weihen geleiten. Hinüber ins politische Ressort, wo Effizienz und Optimierung dringend nötig wären, um den grauen, einförmigen, tranigen Eminenzen, die Rede und Antwort stehen müssen, dabei aber nichts als PR-Neusprech und Schlagworte und Parolen zu bieten haben, ein wenig unterstützend unter die schwitzigen Achseln zu greifen. Niemand will doch wirklich wissen, was Politiker aus dem zweiten oder dritten Glied an Eselei zu versprühen haben; niemand will wahrhaft wissen, was die erste Garde an Klüngelei und Vetternwirtschaft als politische Vernunft verkündet - es reicht, wenn man den Eindruck hat, vielleicht wissen zu glauben, was dieser oder jener von sich gegeben haben könnte. Zu genau will man es nicht wissen, es reicht, schwammig zu erahnen, dass man informiert sein könnte. Interviews in Politik und Wirtschaft, sie lassen sich zuletzt eh auf zwei, drei Sätze reduzieren. Da ufert der Befragte ellenlang aus und am Ende zitieren hunderttausend Medien nur immer denselben Satz - natürlich irgendwas, was spektakulär, drastisch, kurios klingt.

Niemand könnte besser verstümmeln und einschrumpfen lassen, wie jemand, der gelernt hat, effizient zu optimieren. Ein solcher Experte gehört nicht dem Arbeitsmarkt überstellt, er gehört auf die Politikseiten. Deswegen wird zwar der interviewende Irrsinn auch nicht erträglicher - aber die nun zürnende Journaille, die glaubt, im Autor optimierter Gespräche einen beruflichen Schandfleck, ein schwarzes Schaf der Branche entlarvt zu haben, soll nicht glauben, sie sei um so viel besser als der Beschuldigte. Denn er hat nur konsequent umgesetzt, was der größte Anteil der Zunft hinter gespielter Professionalität verbirgt. Er hat das Ringen um Scheininformationen, das den heutigen Journalismus wesentlich ausmacht, nur auf die Spitze getrieben.

Vielleicht ist es auch nur der Neid unter Kollegen. Neid, weil man einst mit Müntefering, Schröder, Merz zusammensitzen, ihren Geruch, ihre Arroganz, ihre Banalität ertragen mußte, während sich der feine Herr Kollege einen schönen Lenz machte, den Allüren der Prominenz entfloh und dennoch brauchbare Gespräche lieferte - vielleicht brauchbarere Gespräche, als sie die Realität je hergeben könnte. Ohne Aufwand dieselbe kümmerliche Qualität abgegeben zu haben: das muß die Branche doch ärgern, muß sie neidisch werden lassen...

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