Von links nach rechts gezappt

Donnerstag, 14. April 2016

Dass mit vielen Medien in diesem Lande etwas faul ist, war generationenlang eine linke Erkenntnis. Nun firmiert sie entstellt und pervertiert unter dem Label »Lügenpresse« rechts und man tut so, als gäbe es keine Richtungen mehr.

Frau von Storch möchte keine Rundfunkgebühren bezahlen. Weil die öffentlichen Sender ja eh nur lügen und sie das nicht subventionieren möchte. Selbst als Linker könnte man da fast Verständnis haben für sie und ihre Argumente. Seit langem kamen nämlich kritische Stimmen zum öffentlich-rechtlichen Angebot aus der linken Ecke. Man kritisierte die Berichterstattung, die zum Beispiel den Agenda-Kurs nicht kritisch begleitete, sondern zur Doktrin erhob. Und als in der Ukraine West und Ost zündelten, reduzierte man den Weitblick auf Tellerrand, behielt sich eine umfassende Beschreibung der Szenerie vor, um sie durch Eindimensionalität zu ersetzen. Wusste man mal etwas nicht ganz genau, schob man es den Russen unter und verließ die Stellung als Chronist der Ereignisse, um Ereignisse zu machen.

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Was das Volk will

Mittwoch, 13. April 2016

Freveln wir mal. Es ist ja einer der Grale linker Konzeptionen, dass man das Volk fragen solle. Nicht nur bei Wahlen, sondern immer mal so grundsätzlich zwischendurch. Das was das Volk will, das ist demokratisch. Nur so einfach ist die Welt nicht. Sie ist viel komplexer, als manche naive Idee es vorgibt zu sein. Ist das Resultat der letzten drei Landtagswahlen eine höchst demokratische Erscheinung? Falls ja, dann bitte, kein Wort mehr darüber. Wenn das Volk gesprochen hat und man glaubt, dass eben dieses Volk auch mit Plebisziten herrschen soll, dann muss man den Weg akzeptieren und gehen und braucht nichts mehr dagegen tun. Vox populi vox Dei. So einfach wäre das. Selbst wenn man den Schlachter wählt.

So einfach ist es aber nicht. Oder sollte es nicht sein. Dahinter steckt ja auch Nihilismus, wenn man sagt: Na, nicht unken, das Volk hat gesprochen, wehrt sich gegen den Kurs. Wenn man das so hinnehmen kann, hat man vergessen, dass Demokratie verdammt nochmal kein Urzustand ist. Sie muss sich wehren. Demokratie muss man machen, sie ist nicht einfach da. Man kann nicht pazifistisch in die Demokratie gehen, das ist naiver Humanismus, naiver Liberalismus, ja eben verdammter Nihilismus, der Glauben an das große Nichts, das über uns kommen darf, wenn es nur das Volk als Souverän so will. Aber man muss vielleicht die Demokratie in manchen Zeiten vor ihrem Souverän schützen. Wie ein machtgeiler König ist es ja nicht sakrosankt. Und es wird mir speiübel bei Ideen zur Volksbefragung in unseren Tagen. Darüber habe ich ja schon mehrfach geschrieben. Man muss es mit der Mitbestimmung bei solchen Tendenzen ja nicht übertreiben.

Dasselbe Volk fragen, das sich nun nach rechts bewegt, es fragen, ob zum Beispiel die Euro-Politik genehm ist oder selbst nicht ganz so explosive Themen wie ein einheitliches Schulsystem im ganzen Bundesgebiet? Das führt doch nicht zu noch mehr Demokratie, sondern eher zum Gegenteil. Wenn einem das Volk nicht gefällt, dann kann man sich kein anderes Volk wählen, wie es Bertolt Brecht mal formulierte. Man kann es aber wenigstens nicht so sehr in die Entscheidung hieven, dass es gefährlich wird; man kann die Demokratie so gestalten, dass sie nicht völlig zum Spielball niederster Beweggründe wird. Man hat den Bundespräsidenten neulich erst wieder gerügt, weil er die Basisdemokratie skeptisch abtat. Der Mann ist selbst natürlich auch skeptisch anzuschauen, aber nach den Landtagswahlen muss man schon sehen, dass er derzeit recht hat.

Nein, es ist eben keine gute Idee, Menschen nach bestimmten Grundrichtungen der nationalen und internationalen Politik zu fragen, die auch eine Partei wählen, die offen für die Diskriminierung von Homosexuellen, Transsexuellen, Alleinerziehenden und anderen (Rand-)Gruppen einsteht. Nein, man sollte Rassisten und Sozialdarwinisten nicht unbedingt die Verfügungsgewalt über die Weichen in die Hand drücken, mit der man eine Gesellschaft in diese oder jene Richtung umstellen kann. Das ist eine linke Theorie, die am Schreibtisch gut funktioniert, wo man eine Vernunft herbeiräsonieren kann, die es geben sollte, aber leider nicht (mehr?) gibt. Die Weisheit der Vielen indes, die auf Francis Galton zurückgeht und die besagt, dass die Masse immer klüger agiere, ist was für Ochsen-Gewicht-Schätz-Wettbewerbe, allerdings nicht für komplexe politische Entscheidungen. Denn genau bei so einem Wettbewerb kam Galton auf seine Theorie. Die Vielen können vielleicht gut schätzen, abrunden, ein bisschen dem Bauchgefühl frönen. Aber politischer und gesellschaftlicher Reformbedarf ist keine Sache der Laune oder des Ungefähr.

Ein für Populismus anfälliges Volk, und anfällig in dieser Sache scheinen die Völker Europas mehr oder weniger alle zu sein, ist kein basisdemokratischer Hoffnungsschimmer. Vor Jahren schrieb ich bereits, dass man zunächst die »Bild« enteignen müsste, um Referenden quasi in einem »reinen Raum« abhalten zu können. Solange bestimmte Medien die Stimmung mit ihrer Interessenspolitik vergiften, wäre eine Befragung immer nur das Spiegelbild der Meinungsmacher. Jetzt hat sich diese Sache insofern verschärft, dass die »Bild«-Mentalität eine eigene Partei ins Leben gerufen hat, die auch noch rege angenommen wird. Wenn ein Volk Urteile fällen soll, darf es nicht so voller Vorurteile sein. Die linke Idee von einer Basisdemokratie war nie unrealistischer als heute. Wer die Umsetzung immer noch fordert, der sagt damit auch, dass er nichts gegen die Beschleunigung des Rechtsruckes hätte.

Und ich gebe zu, dass das ein heikles Thema ist, in einer Zeit, da die Konservativen in Ländern, in denen es Referenden gibt, eine Abkehr von dieser Praxis fordern, weil ihre Völker in außenpolitischen Dingen nicht so handeln, wie sie es gerne hätten und sie einen Kontrollverlust wittern. Das ist ja gewissermaßen dieselbe Logik nur mit schwarzer Tünche. Das stimmt schon. Aber hieran sieht man letztlich, wie verfahren die Situation ist. Und wie unzureichend die demokratischen Systeme. Man sieht, dieses Konzept ist immer nur die beste Lösung von all den schlechten Ansätzen, die es sonst noch gibt.

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Der Terrorismus der börsennotierten Nichtbeachtung

Dienstag, 12. April 2016

Am Abend des Tages, da in Brüssel ein terroristischer Anschlag verübt wurde, meldete sich die Börse im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu Wort. Einleitender Satz dort: »Die Anschläge in Brüssel wirkten sich nicht negativ auf die Börse aus.« Puh, Dusel braucht der Mensch. Das ging ja zum Glück nochmal glimpflich ab. Börsenverträglichkeit ist ja auch das Mindeste, was man erwarten kann vom internationalen Terrorismus, oder nicht? Wenn es ihn schon geben muss, dann doch bitte so, dass er dergestalt operiert, die Indizes und Kurse nicht zu manipulieren. Wenn er sie sogar steigen ließe, dann ... aber laut sagt man das lieber nicht. Was aber klar ist: Lieber oft und häufig terrorisieren, sodass er zur Gewohnheit wird und die Menschen nicht mehr sonderlich überrascht, als aus heiterem Himmel und ohne Eingewöhnungseffekt, was als Konsequenz sinkende Aktienkurse notieren würde.

Das ist nämlich das Problem mit den Börsen und Märkten. Sie erodieren ja nur, wenn irgendwas nicht so ist, wie sie es gewohnt sind, was heißt: Wie es die Teilnehmer der Märkte gewohnt sind. Wenn nämlich Anleger und Konsumenten verunsichert sind, weil ein Szenario die Konstanz und Kontinuität infrage stellt, dann kann da schon mal der Kurs abfallen. Wenn die aber mit den Schultern zucken und murren, dass man das ja schon kenne, stoisch weitermachen, dann bleibt alles stabil. »Die Gewohnheit«, so schrieb David Hume bereits im 18. Jahrhundert, »ist der große Führer im Menschenleben.« Und die Gewohnheit, die die Märkte in Terrorzeiten so an den Tag legt, ist eben auch ein Führer und Duce. Denn die Märkte, die machen uns nicht nur zu Getriebenen, sie zeigen jetzt mal wieder besonders deutlich, wie scheißegal ihnen die politischen Entwicklungen sind, solange man noch Profite herbeispekulieren kann.

Viel ist über die Verrohung der Gesellschaft zu hören und zu lesen. Rassistische Parolen seien wieder akzeptabel, Hass ein neuer Unsolidarpakt zwischen uns und denen, zwischen »die da« und »wir hier«. Man spricht wieder Tacheles, »auf gut Deutsch gesagt«, »das wird man doch noch sagen dürfen«. Keine falsche Korrektheiten mehr, keine Bedachtsamkeit, es sprudelt die Wut nur so aus den Bürgern und wir verschlampen moralisch, als Rechts- und Sozialstaat. Da fällt die Sprache des Parketts natürlich nicht mehr als die Quelle dieser Verkommenheit auf. Gegenüber einem Abendlandser, der Parolen skandiert, wirkt die Meldung, dass der Terror die Börse nicht erreiche, fast schon beruhigend. Aber das ist sie eigentlich gar nicht. Dieser Duktus, der von menschlichen Tragödien und Schicksalen nichts weiß, der gekonnt die menschliche Komponente verschleiert, indem er menschliche Arbeitskraft zu einem Index und Aktienkurs verwurstet, ist tatsächlich der Sockel, auf dem Teile unserer Gesellschaft heute ihr braunes Haus errichten.

Mit der Gleichgültigkeit von menschlichen Werdegängen fing es ja an. Kursen stiegen, als Angestelle - Menschen! - ihren Job verloren und so Unternehmen wettbewerbsfähiger wurden. Sie blieben stabil, als Arbeitsmarkt- und Sozialreformen Arbeitnehmer und Kranke - Menschen! - unter Druck setzten. Die Börse zeigte sich positiv beeindruckt, wenn Firmen die Arbeitskraft - Menschen! - outsourcten und verbilligten. Anteilnahme war fürwahr nie zu erwarten. Man verklausulierte aber die Urgründe und entmenschlichte all das, was auf dem Aktienmarkt so geschah. Als ob es da keine Menschen gäbe, die davon betroffen wären; als ob der Markt ein von menschlichen Wesen steril gehaltenes Biotop sei, dem man sich unterordnen muss, wie einem Gewitter oder einem Erdbeben.

Die nüchternen Kommentare, die nach Terroranschlägen mit erleichterter Miene Entwarnung geben, das ist die Metaebene, die den Hass in die Gesellschaft trug. Dieselbe menschenverachtende - im wahrsten Sinne des Wortes - Ausdrucksweise, die menschliche Sorgen und Nöte an sich und gesellschaftliche Entwicklungen in Gänze ignorierte, hat uns über die Jahre verroht und radikalisiert, uns zu Einzelkämpfern mit traurigen Einzelschicksalen werden lassen. Die Auswirkungen des Hasses, seien es Terrorakte oder hassverzerrte Fratzen vor Asylbewerberunterkünften, nehmen ihren Anfang an der Börse und an ihrer Resistenz gegenüber politischen Entwicklungen und den Auswirkungen für die Bürger. Sie ist ein Totalitarismus der Scheißegal-Mentalität, denn es zählt ja nur der stabile Kurs und die Dividende. Ob die im kontinentalen Terror oder im Wohlstand für alle entstehen, ist dabei - nett formuliert - nur nebensächlich.

Wer am Abend eines solchen Anschlages die Börse heranzieht, um Normalität zu suggerieren, der holt die menschenverachtende Ausdrucksweise eines Zeitgeistes ans Mikrofon, die uns erst dorthin verfrachtete. Eben ganz genau wie eine Fracht. Denn mehr sind wir aus Sicht der Börse alle nicht. Wer an einem solchen Tag durchatmet, weil das, was wir »die Märkte« nennen, sich wieder mal einen Dreck um menschliche Tragödien kümmerte, der hat noch immer nicht verstanden, dass diese Märkte die antreiberischen Kräfte einer globalen Fehlentwicklung sind, die uns in Spaltung und gegenseitigen Hass stürzen. Die unbeeindruckte Börse ist kein moralischer Gradmesser, um unsere Art zu leben zu rechtfertigen, sie ist der Ausdruck einer Lebensart, die keine Rücksicht nimmt auf Menschenleben. Sie ist ein Terrorismus der börsennotierten Nichtbeachtung.

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... wenn man trotzdem lacht

Montag, 11. April 2016

»Ich finde auch in Deutschland können Reiche und Arme, wenn es denn sein muss, gut zusammen arbeiten. Sieht man bei der AfD, Rassismus als gemeinsamer Nenner.«
- Abdelkarim Zemhoute in  »Die Anstalt« -

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Gespräche mit einem Mann von gestern

Samstag, 9. April 2016

Wir sprechen seit mittlerweile vielen Jahren über beinahe alle politischen Themen. Es hat sich daraus eine Freundschaft entwickelt. Keine Meinung schätze ich so hoch, wie die seine, wie die dieses Mannes, den ich hier namenlos belasse. Was mir stets imponierte ist seine Gabe, die Dinge abzuwägen, Urteile anhand von Fakten zu fällen. Er vertritt linke Positionen, ist aber keiner dieser Spinner, die hartnäckig auf Linientreue pochen würden. Ihm sind schließlich das Leben und die Menschen bekannt. Weil er dergestalt einschätzt, weil er die Sachlage und die conditio humana im Auge und im Sinn behält, habe ich ihn immer als einen Jünger einer Vernunft kennengelernt, die sich nicht in weltfremder Orthodoxie verbucht. Sein Wort war mir nicht heilig oder so, aber ich rief es mir ab, wenn ich die politische Situation unerträglich fand. Meistens traf er den Nagel ja dort, wo man ihn treffen sollte, wenn man ihn in der Wand versenken wollte. Aber in letzter Zeit scheint es mir, als haue er öfter daneben. Nicht weil er etwa unfähig geworden wäre, nicht weil seine Dialektik versagte: Ich glaube ernstlich, die Welt ist mittlerweile eine andere.

Provokant gesagt: Er ist ein Mann von gestern in einer Welt, die sich massiv verändert hat und noch dabei ist, sich noch dramatischer zu wandeln. Denn er geht von Mechanismen aus, die früher halbwegs griffen, sich an rationalen Mustern orientierten. Das scheint aber ein globales Auslaufmuster zu sein, ein regelrechter Anachronismus. Wo er noch mit der Vernunft haushält, da haben sich die politischen Figuren und Abläufe schon lange mehr oder weniger davon verabschiedet, mit dem Verstand arbeiten zu wollen.

Vor bald zwei Jahren fing »sein Stern zu sinken« an, formte sich sein »Niedergang« heraus. Damals ging es um die Ukraine und Putin. Alles lief auf Konfrontation, auf erweitertes Säbelgerassel hinaus und wir besprachen die Lage. Er antwortete: Der Westen pflegt nur Maulheldentum, niemand greift die Russen wirklich an. So unvernünftig sind nicht mal Merkel und Kollegen. Sagten sie vor Napoleon und Hitler auch immer, kokettierte ich. Nun gut, er behielt in der Weise recht, dass sie keinen heißen Krieg anbahnten. Aber kalt ist er weiterhin. Rational führen sie sich gleichwohl nicht auf. Sie legen es wider aller Ratio auch weiterhin darauf an.

Ende des letzten Jahres ging es um Trump. Ich sagte, er mache vielleicht das Rennen. Niemals, antwortete mein Freund. So dumm seien die Republikaner dann doch nicht. Er argumentierte mit Wahlkampftaktik und wandte die Logik denkender Menschen an. Einer der Latinos, Schwarze, Frauen, Moslems und Schwule angreift, könne niemals eine Nominierung erhalten. Das wäre taktischer Selbstmord. Wer soll ihn denn wählen? Das leuchtete mir ein. Wie es hingegen kommt, lesen wir jetzt sukzessive in den Gazetten. Von wahltaktischer Vernunft ist da keine Rede mehr.

Bei der AfD schätzt er es ähnlich ein. Bis zur nächsten Bundestagswahl sei die keine große Nummer mehr. Jetzt müsse sie nämlich liefern in den Ländern. Und da setzt es dann wohl aus. Diese Einschätzung mag zwar nicht bestechend sein, aber ihr wohnt eine Nüchternheit inne, die einen gesunden Realismus verrät. Logisch und vernünftig betrachtet trifft es zu. Aber was, wenn der Geist der Zeit nicht mehr analytisch ist? Wenn er nicht mehr sachlich tickt, sondern sich dem irrationalen Wutbürgertum, der Vernunftsentfremdung und der emotionellen Kurzschlußreaktion verschrieben hat?

Und dass es so ist, liegt auf der Hand. Konklusion auf Grundlage von Beobachtung und Empirie sind nicht nur out, sondern gelten mittlerweile als Ausdruck eines antiquierten Bewusstseins. Wer so argumentiert und erklärt, entstammt einer vergangenen Tradition. Ist quasi gestrig, hangelt sich von Beurteilung zu Beurteilung, ohne noch Chancen auf Richtigkeit zu haben. Die Ratio ist abgemeldet, es wütet das dumpfe Gefühl einer Ära, die nicht mehr denken will, sondern handelt, ohne es vorher mit dem Gehirn versucht zu haben.

Mein anachronistischer, weil vernünftiger Freund kommt aus Gestern. Wir alle kommen von dort, sofern wir dieses Ding in der Schädelhöhle weiterhin für Vernunftsübungen beanspruchen wollen. Falls nicht: Willkommen im Heute, wo alte Regeln des politischen Abwägens nichts mehr gelten. Ich telefoniere aber gerne mit dem Mann von gestern. Für mich ist er auch morgen noch jemand, der eigentlich recht hätte, wenn heute nicht all diejenigen dominieren würden, die unrecht haben. Lass uns bald mal wieder der Logik frönen, ich rufe dich an.

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Parabel von zwei toten Außenministern und wie sie ihr Amt sahen

Freitag, 8. April 2016

Innerhalb von zwei Wochen verstarben zwei ehemalige deutsche Außenminister, die ihre politische Heimat in der FDP hatten. Dieser Zufall lässt einen Vergleich zu, der den Wandel des politischen Amts von Verantwortungsbereitschaft hin zum plumpen Karrierismus skizziert.

Im Leben gibt es häufig merkwürdige Entwicklungen, kuriose Koinzidenzen, die wie von einem unsichtbaren Drehbuchautor erdacht scheinen. Und nicht nur im Leben ist das zuweilen so, sondern gelegentlich fallen auch Sterbedaten so zusammen, dass sie wie ein Wink wirken. Ein solcher Zufall ereignete sich jetzt im März, als die zwei ehemaligen Außenminister Westerwelle und Genscher, die überdies alle beide ihren politischen Werdegang bei den Liberalen verorteten, verstorben sind. Der eine ging jung, der andere starb in einem Alter, in dem Sterben kein Überraschungsmoment mehr sein dürfte. Zwei Generationen von FDP-Politikern gerieten so noch einmal kurzzeitig in den Fokus der Öffentlichkeit; zwei Generationen politischer Verantwortungsträger ehrte man mit Biopics und Nachrufen. Der Unterschied zwischen den beiden medialen Andenken war so augenfällig, dass man damit dokumentieren könnte, welche Entwicklung das politische Amt genommen hat. Der Tod der beiden arbeitet fast wie ein Gleichnis auf den Niedergang jenes Berufs hin, der eigentlich im Dienst der Allgemeinheit steht. So wird der Zufall der zeitnahen Tode zu einer Parabel über Amt und wie man es ausfüllt.

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Es gibt keine Alternative, Herr Gabriel!

Mittwoch, 6. April 2016

Die Analyse nach den Landtagswahlen, die AfDer-Show-Party gewissermaßen, gebar doch eine Überraschung: Denn sie traf weitestgehend ins Schwarze. Man hatte die Sozialdemokratie der letzten Jahre und Jahrzehnte als Verursacher dieses Resultates der Urnengänge benannt. Sozialdemokraten mahnten und selbst von Seiten der Union wurde attestiert, dass die völlige Anpassung der Sozialdemokraten an die neoliberale Agenda ein wesentlicher Faktor ist, weswegen die Menschen sich jetzt eine Alternative dort suchten, wo es überhaupt keine Alternative geben kann: Bei denen, die in einer gestrigen Welt leben und somit keinen Plan haben, wie man die heutige Welt regulieren könnte.

Ja, selbst der große Vorsitzende Gabriel tirilierte zögerlich was über Spaltung im Lande und badete seine eigene Stimme in Überzeugung. Am Wahlabend wohlgemerkt. Danach legte er sich in die Kissen und schlief eine Nacht drüber und als er wieder erwachte, da war alle Verzagtheit wie fortgeblasen, denn im Traum war ihm eine Erkenntnis erschienen: An ihm und an seiner Partei könne es nicht liegen. Er wolle daher auf Kurs bleiben und überhaupt, das Freihandelsabkommen werde auch die Sozialdemokratie wieder fest in den Sattel schnüren.

Jede Privatperson, die sich so offenbar und bewusst und mit einer verstörenden Wonne Selbstschaden zufügte, die sich masochistisch bis aufs Blut ritzte und kokett auf dem Geländer eines Balkons balancierte, würde man zwangseinweisen. Die Sozialdemokraten laufen aber immer noch frei herum und erzählen aller Welt, dass sie richtig damit liegen, sich nachhaltig zu schaden, sich auch weiterhin grobe Schäden zuzufügen. Vielleicht gebiert ein Leben im Masochismus eben einen alternativlosen Blick auf alles, sodass man sich gar nicht mehr denken kann, wie es ist, auch mal ohne zu leben, wie es ist, statt zu verwelken ein bisschen aufzublühen. Und falls doch Stimmen laut werden, die künden, dass die Sozis nun endlich wieder das sein sollten, was sie mal waren, dann hortet Schmerzengel Gabriel seine Entourage um sich, die einhellig im Chor tönt: Wir machen weiter so! Wir liegen richtig! Wir sind auf einem guten Kurs! Selbstverleugnung war noch immer der erste Schritt zur Verschlimmbesserung.

Es gibt aber eine Alternative - und die ist alternativlos. Ein Rücktritt. Nämlich der von diesem Parteivorsitzenden. Fürs erste wäre das TINA. Dass der AfDer mehr und mehr an Deutungshoheit erlangt, ist das Produkt einer Partei, die einst angetreten war, um als Alternative gegen das Establishment, gegen Konservatismus und Ungleichheit zu agieren, und die diesen Anspruch im Laufe der Jahre, speziell der letzten Jahre, völlig in Rauch hat aufgehen lassen. Wenn die Sozialdemokratie keine Alternative mehr sein will, erzeugt die gesellschaftliche Dynamik andere Alternativen. Die können entweder adrett wie die Linkspartei aussehen oder aber etwas Koprophages wie diese neue Alternative an sich haben. Jedenfalls ist die Unterlassung der Sozialdemokratie immer auch mit Surrogaten als Ventil verbunden, aus denen dann der Wind abgelassen wird. Luft entweicht dann dort wie aus dem After - und den schreibt man neuerdings mit großem D in der Mitte.

Wie auf der Plakette am Heck von Autos, die in Deutschland gemeldet sind und denen man nachsieht. Und so ein Nachsehen hat nicht nur Gabriels Partei, sondern die gesamte Gesellschaft, wenn er nicht endlich davonfährt. Sodann sollten die Sozialdemokraten aufhören, den Namen ihres Chefs etymologisch zu verklären und Gavri-El übersetzt als »Mein/Unser Held und Gott« wahrzunehmen. Klar, wenn man ihn reden hört über Freihandel und Waffenlieferungen, dann klatscht man sich die Hand an die Stirn und sagt »Mein Gott, ist das ein Held!«, aber man sollte das nicht ganz so wörtlich nehmen.

Kurz und gut, die Analysen waren da und noch immer beurteilen Kommentatoren den Aufstieg der Menschenfischer und Petryjünger als ein Produkt sozialdemokratischen Versagens. Keines kurzfristigen, sondern eines strukturellen Versagens, das eine ganze Generation von Bürgern exkludiert, pathologisiert und teils sogar kriminalisiert (Stichwort: »Parasiten und Sozialschmarotzer«) hat. Man weiß also durchaus, woher das alles kommt, wo ein Vakuum entstand, in das die Rechten sich einnisten konnten. Und wenn man etwas weiß, sollte man handeln. Wieso zieht man eigentlich nicht nochmal den spiritus rector von einst heran, als man Agenda 2010 als New Labour verkaufte und macht sich jetzt einen Linken zum Parteivorsitzenden?

Nach den Landtagswahlen wusste man woher es kam und es wurde angesprochen. Denn »alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist«, wie es AfD-Mitglied Joachim Paul gerne und oft so vortrefflich formulierte. Oder sagen wir wahrheitsgetreuer: Wie er es zu manchen Anlässen zitierte. Denn der Spruch stammt von Lassalle, von einem Vorgänger Gabriels gewissermaßen. Wenn man weiß, woran es liegt, sollte man die politische Kleingeisterei beenden und den obersten Kleingeist und seine Agenda vor die Türe setzen. Sage am Ende keiner mehr, man habe die Gefahr zwar gesehen, wusste aber nicht, wie man ihr begegnen sollte. Doch, das wusste man. Für alle, die in zwanzig Jahren noch Internet-Fragmente sichten, um die Stimmungslage von dazumal zu verstehen: Wir wussten es. Die Sozis wussten es. Alleine ihnen fehlte die Unbequemlichkeit, sich zu verändern. Es gab Alternativen zur Alternative.

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Aus fremder Feder

Dienstag, 5. April 2016

»Sich fügen heißt lügen.«

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Zur Verstärkung des Lügenpressenmythos

Montag, 4. April 2016

Über dem schmalen Grat im Gespräch mit der AfD.

Es ist gut, wenn man die Positionen der ‪‎AfD‬ und von ‪Frauke Petry‬ durchleuchtet und auch als Interviewer kritisch von Angesicht zu Angesicht bleibt, sie löchert und nicht mit hohlen Phrasen davonkommen lässt. Ein englischer Fernsehjournalist namens Tim Sebastian wurde unlängst für sein Interview mit der Alternativvorsitzenden gelobt. So führe man Interviews richtig, hieß es von vielen Seiten. Davon könnten sich deutsche Journalisten eine dicke Scheibe abschneiden. Endlich mal einer, der keine Hofberichterstattung mache. Doch das Lob ist viel zu positiv, Sebastian hat kein Paradestück an Journalismus, er hat journalistischen Kolorismus betrieben.

Koloristische Gemälde schimmern munter in reichlichen Farben. Alles ist bunt und den Meistern dieser Schule gelang es, die Reichhaltigkeit der Töne zu einem Blickfang werden zu lassen. Doch die Dominanz der Farbe unterband oft die zeichnerische Detailiertheit, erdrückte feine Konturen und zersetzte das Licht- und Schattenspiel. Aus der Ferne generiert ein solches Werk seine Faszination, je näher man rückt, desto ungenauer werden die Schemen, desto mehr wirkt es, wie ein unkontrollierter Anklatsch von Farbklecksen verschiedener Formen und Farben. In etwa so hat Sebastian journalistisch gearbeitet. Mit einigem Abstand kann man seine Gesprächsführung sicherlich meisterhaft finden. Je näher man die Sache aber betrachtet, desto deutlicher wird dabei, dass er die andere Seite jener Medaille ist, in der »Haus- und Hofberichterstatter« eingestanzt ist.

Nein, das war nur bedingt eine Sternstunde des Journalismus. Auch wenn man dies jetzt allerorten so kommentiert. Denn es wurde viel zu plakativ geführt, gab keinen Raum zur Entfaltung des Gefragten und trotzte der Interviewten nichts an Inhalten ab, was ohne lautmalerische Vorfärbung des Interviewers nicht ohnehin schon klar gewesen wäre. Bei jeder Antwort hatte man das Gefühl, dass der Fragesteller nachrief: »Aha, jetzt habe ich Sie aber, Sie schlimmer Finger!« Es klang anklägerisch und zuweilen auf Statement-Fang versteift. Sebastian wirkte wie ein Stichwortgeber, der an die Macht der Selbstentblößung einer solchen Gesprächspartnerin nicht glaubte. Lieber setzte er nach, unterstrich ihre Aussagen sensationsträchtig, rhetorisierte sich zu einem Gesprächspartner, der gar kein Gespräch wollte, sondern lieber einen Dialog monologisierte. Statt dass er Lockvogel war, der Sentenzen ohne die Zurschaustellung seiner eigenen politischen Haltung, aus dem Gegenüber herauskitzelte, versuchte er ein Glöckchen für die pawlowsche Hündin zu sein. Und wenn sie nicht gleich speichelte und kläffte, klingelte er etwas wilder und rief dazu, sie soll doch endlich parieren.

Natürlich, Journalismus muss auf den Zahn fühlen, darf aber nicht vorsagen oder den Gefragten gar in eine Rolle zwängen, die man für ihn auserkoren hat. Er muss ergebnisoffen ans Werk gehen, ganz besonders auch dann, wenn er ein eigentliches Bauchgefühl zum Ausgang eines Gesprächs schon verinnerlicht hat, wenn er sich also vornimmt, mit seinen Fragen den Gegenüber zu entkleiden. Dann reißt man nicht an den Klamotten wie irre, sondern bringt den Gesprächspartner Schritt für Schritt behutsam dazu, dass er selbst ablegt. Wie Frost bei Nixon einst. So entlarvt man am ehesten und am nachhaltigsten. Ein Journalist, der allzu plump herangeht, um Statements zu erhaschen, die sensationell oder empörend sein sollen, der macht sich der »Aufforderung zum Statement« schuldig und die macht wie eine geharnischte Aufforderung zur Straftat jedes spätere Gerichtsverfahren zunichte. Offenbarungen mit der moralischen Brechstange sind nur bedingt glaubhaft. Man sollte dergleichen sprudeln lassen. Aber Sebastian verhinderte eine solche Quelle.

Nur weil er jemanden selbstgefällig interviewte, den man als Mensch von Vernunft nicht leiden kann, ist seine Herangehensweise nicht gleich vorbildlich. Wenn man glaubt, dass man die AfD auf diese Weise für die Typen, die sie wählen, unglaubhaft macht, dann täuscht man sich. So treibt man denen eher mehr Leute zu, weil es bei solchen Interviews ganz leicht so aussieht, als ob da jemand in die Falle gelockt werden soll. Auf diese Art nährt man den Mythos von der Lügenpresse, die angeblich von den Besatzungsmächten gleichgeschaltet wurden, um das Aufbegehren des deutschen Volkes zu vereiteln. Vielleicht ist der Umgang mit dieser Partei momentan das größte metajournalistische Problem. Man kann sie ausladen und mundtot machen und unterstützt sie so als Opfer, macht aus ihr die unterdrückte Stimme des Widerstandes. Oder man spricht mit ihr wie gehabt mit moralischem Zeigefinger und zelotischem Anspruch und muss sich völlig berechtigt der Parteilichkeit bezichtigen lassen.

Man sollte sie reden lassen, sie ganz normal und entspannt befragen, durchaus auch konfrontativ, aber die Fallen darin so einbauen, dass diese Leute auch zu sprechen beginnen. Sie müssen eingelullt sein durch die Normalität, die der Medienbetrieb ihnen gegenüber an den Tag legt. So schafft man Räume, in denen sie sich entblöden, dämliche Sätze abzusondern. Und wenn sie sie gesagt haben, dann sollte der Interviewer keine Finger in die Wunde stecken, einfach wirken lassen, vielleicht mit einer kleinen rhetorischen Pause. Sokratisch werden. Dazu braucht man aber richtig gutes Personal, richtig gute Journalisten. Willemsen ist ja nun nicht mehr. Der hätte gewusst, wie er es herauskitzelt. Demütig und so, dass der Gesprächspartner im Mittelpunkt steht - und nicht der Startalker.

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Im Wartebereich

Freitag, 1. April 2016

Aber ich war zuerst da, mokierte sie. Sie kam nochmal an die Aufnahme zurück und beschwerte sich, weil andere früher als sie in den Behandlungsbereich gerufen wurden. Andere, die viel später kamen. Die Erklärung, dass diese Leute auf andere Fachärzte warteten, nicht wie sie, auf den Internisten, kümmerte sie herzlich gar nicht. Der Internist sei nämlich gerade sehr beschäftigt, eben seien zwei Rettungswagen angekommen mit ziemlich dringlichen Notfällen hinten drin. »Bin ich etwa kein Notfall?«, erwiderte sie. Bestimmt, antwortete ihr der haarige Typ hinterm Tresen, aber die eintreffenden Notfälle seien jetzt brisanter und schließlich gäbe es auch nur begrenzte Mittel an Personal. Sie zog wieder ab, schimpfte über die Zustände und würde in etwa zwanzig Minuten erneut auf der Matte stehen, als ob das den Ablauf auch nur im Ansatz beschleunigen könnte.

Der Wartebereich war überfüllt, alle möglichen Leute hockten hier, um sich entweder Schmerzen, Beschwerden oder Zipperlein begutachten zu lassen. Manche kamen auch mit Grippe, gehörten eigentlich zu einem Hausarzt, aber verstopften den Betrieb der Notaufnahme und beklagten sehr, dass sie so lange warten mussten und der Alte mit dem Blasenkatheder früher hereingeholt wurde, obgleich er viel später eintraf. Man sagte ihm, der brauche einen Urologen, er jedoch einen Internisten. Alle belauerten sich, man protzte still mit seinem Leid; ein Wettkampf, wer am kränksten ist, entbrannte unmerklich. Wirklich Kranke und kaum Lädierte maßen sich. Und wer konnte, der ließ seine Angehörigen ausschwärmen, um Druck zu machen, die Aufnahme anzuspornen, jetzt endlich in die Gänge zu kommen, den Arzt vom tatsächlichen Notfall, der älteren Dame mit dem Schlaganfall, wegzuholen, um sich endlich des Kopfschmerzes des leidenden Ehemanns, Kindes oder Elternteiles anzunehmen.

Schon bei der Anmeldung wollten sie wissen, ob sie lange zu warten hätten. Ja, antwortete man, das sei eine Notaufnahme, außerdem sei gerade Stoßzeit, wenn Sie hinter sich blicken, sehen Sie ja, wie die Ambulanzen hier hereindrücken. Manche nickten. Andere sagten nichts. Verständnis kam in einem von zwölf Fällen auf. Grundsätzlich war es den Leuten aber egal, sie sahen durch die Glasscheibe teilweise zu, wie ein Rettungsteam einen offenen Schädel hereinkarrte, bestanden aber darauf, in der Reihe zu bleiben, in der Hierarchie des chronologischen Aufrufens nicht nach hinten gesetzt zu werden. Ein Hierarchie, die es gar nicht gab, die aber in den Köpfen der sich gegenseitig beäugenden Patienten wie eine auf Naturgesetze basierte Weltordnung vorherrschte. Wenn dann ein verstauchter Knöchel nicht das medizinische Personal in Ehrfurcht verfallen ließ und nicht spornstreichs Himmel und Hölle und das dazwischen in Bewegung gesetzt wurde, um die Beschwerden postwendend zu lindern, weil man eben gerade mit anderen, teils brisanteren Notfällen zu tun hatte, variierte die Spannbreite der Reaktionen zwischen Enttäuschung und Pampigkeit. Manchmal war es eine Mischung aus beidem.

Der Wartebereich war keine Zone, in der kranke Menschen sich darauf verständigten krank zu sein und den Wettbewerb bis auf weiteres einzustellen, man einigte sich dort nicht darauf, jetzt in einer Notsituation zu stecken, aus der man das Beste machen musste. Es war die Zone von Konkurrenten und Rivalen. Arbeitsunfall gegen Bruch, Bauchschmerzen wider die bösen Blicke von Leuten, die ihr Areal zu verteidigen schienen. Jeder war sich dort selbst der Nächste. Soll doch ein anderer leiden, daran kaputtgehen, solange ich nur schnell und effizient behandelt werde. Dass ich früh genug zurück bin, um noch gerade rechtzeitig zur Soap zurück zu sein, ist allemal wichtiger, als der Vorzug einer Person, die richtige gesundheitliche Probleme an der Grenze zum dauerhaften Schaden hat.

Wenn es allen schlechter geht, so ein häufiger Einwand, dann würde endlich etwas politisch geschehen. Denn Massenelend bedeute ja auch Massenmobilisierung. Falls eine große Gruppe Not litte, dann geschähe ein allgemeiner Ruck. So hört man das nicht selten unter Trinkbrüdern. Es ist aber nur ein resignativer Fatalismus, der Entbehrung zu einem Antrieb besserer Verhältnisse verklärt. Ein Blick in jene Notaufnahme, in jede Notaufnahme zeigt vermutlich ganz gut, dass jeder für sich und nur für sich selbst leidet. So gibt es kein Einfühlen, keine Solidarisierung. Leid und Schmerz, Armut und Not führen zu Vereinzelung und zum Fortbestand des Elends. Überall dort wo es den Menschen schlecht geht, reift nicht zwangsläufig etwas Gutes heran. Manchmal ist das Schlechtergehen eben nur exakt das und nicht mehr. Bei Bauchschmerzen denkt man in erster Linie daran, wie die eigenen Bauchschmerzen vergehen können und nicht, wie der Bauchschmerz der Menschheit eingestellt werden könnte. Entbehrung ist kein Antrieb; Entbehrung ist der begünstigende Faktor des Egoismus.

Wenn man wie Bukowski aus dem Rinnstein säuft, dann will man sich zunächst aus der Gosse befördern. Und so sind seine Geschichten immer auch Geschichten von ganz unten, in denen es an Solidarität fehlt und jeder versucht, sein Glück alleine am Schopf zu packen. Und wenn die Verstorbenen in Fernsehserien nicht erstarren wollen, wenn die Toten walken, um sich an den Lebenden zu weiden, dann will man selbst überleben, wird zur exklusiven Gruppe und bestimmt kein besserer und hilfsbereiter Menschenschlag. Sitzt man in der Notaufnahme, so will man eilig kuriert werden. Jeder für sich. Not macht sprichwörtlich erfinderisch - aber auch einsam.

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Anstaltslos sittlich

Donnerstag, 31. März 2016

Am Tag, als in Brüssel Menschen starben, diktierte das Öffentlich-Rechtliche mal wieder Pietät. Man sagte die »Die Anstalt« ab. So viel zur Normalität, die man nach Terrorakten stets so wortreich verteidigt.

Wir lassen uns also nicht beirren, unsere Art zu leben, nicht von terroristischen Aktionen ausknipsen. Wenn wir jetzt damit beginnen, nicht mehr das zu tun, was wir immer taten, dann haben die Terroristen gewonnen. So oder ähnlich klingen die Kommentare nach jedem Anschlag, den wir jetzt als europäische Gemeinschaft erleiden. In der Betroffenheit nach Explosionen und Gewehrsalven gibt sich dieser Kontinent noch vereint; so einhellig, wie er es in anderen Fragen schon seit Jahren nicht mehr ist. Im Entsetzen ist man versöhnt, obgleich man sich kontinental schier unversöhnlich hinter nationalen Eigennutz verschanzt. Jedenfalls impft man uns ein, dass auch viele Tote kein Grund seien, einfach aufzuhören, den westlichen Stil nicht weiterhin zu pflegen. Daher an alle da draußen: »Steigen Sie auch morgen in die U-Bahn! Schauen Sie den Börsenbericht und den Tatort!« Dass nichts mehr so ist, wie es mal war, so wie einst die »Bild« nach den Anschlägen auf das WTC titelte, kommt heute als Parole nicht mehr in Frage. Weitermachen! Aber nur ein bisschen. Das Amüsement stellen wir jedoch mal lieber ein. »Die Anstalt« bleibt geschlossen.

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La principessa

Mittwoch, 30. März 2016

So weit sind wir gekommen, jetzt rekrutiert diese Frau tatsächliche Stimmen aus dem Wählerlager, das sie vorher nie wählte. Neulich konnte ich einem Gespräch gebildeter Leute aus dem Mittelstand lauschen. Eigentlich hätten sie nie Merkel gewählt, sagten sie. Sie fanden sie weder sympathisch noch politisch attraktiv. Sie waren stets für die Grünen, stimmten auch mal für die Sozis. Aber nun wollten sie, auch und vor allem um gegen diesen AfD-Wahnsinn ein Zeichen zu setzen, ihr Kreuzchen dort setzen, wo es der Kanzlerin helfen könnte. Man müsse nämlich geradezu exemplarisch die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin krönen und sie mit ihrer Stimme unterstützen. Bei der nächsten Bundestagswahl müsste man aus Solidarität mit ihrer humanitären Politik quasi Merkelist sein. Diese Frau mag zuweilen plump wirken, aber sie schafft es auf die eine oder andere Art und Weise immer, auf den Füßen zu landen.

Die Symbolpolitik, von jeher der einzige Aktionismus aller Merkel-Regierungen (an dieser Stelle wurde mehrfach darüber berichtet), scheint nun zu ihrer Vollendung zu gelangen. Jetzt, da die Frau in die schlimmste Krise ihrer Kanzlerinnenschaft geraten ist, schafft sie es doch tatsächlich, Wähler anzusprechen, die sie nie gewählt haben. Die Welcome-Kanzlerin, die sich Randzonen-Despoten hält, die es zu keinem Welcome mehr kommen lassen, die Abschottung mit allem Mitteln betreiben sollen, wird nicht als höchst doppelzüngige und unlautere Person wahrgenommen, wohl aber als Kastell gegen die Sturmstaffeln der Giftmischer am rechten Rand einer an sich nach rechts pendelnden Mitte. Das ist das alte Kanzlerinnen-Prinzip, das seit Anbeginn ihrer Richtlinieninkompetenz wirkt. Neben allem, was die politische Landschaft seit Jahren bietet, kann man gar nicht anders als brillieren.

Es ist das »Dicker-Mann-plötzlich-schlank«-Theorem, das sich bei ihr seit jeher entfaltet. Wenn sich ein dicker Mann neben einen stellt, der doppelt so dick ist, dann nimmt er für den stillen Beobachter quasi ab, denn neben einem Koloss aus Fett wirkt man auch als dicke Person ganz schnell so, als habe man eine Schlankheitskur gemeistert. Wenn man einen Idioten neben einen noch größeren Idioten positioniert, dann wird man den weniger idiotischen Kerl immer wie einen Lichtblick wahrnehmen. So läuft das mit Merkel. Neben der AfD sieht die Frau auch dann nach Hoffnungsschimmer aus, wenn sie hierzulande Selfies mit Flüchtlingen macht, während sie synchron dazu für eine durchaus gewaltsame Vereitelung weiterer Selfie-Jäger einsteht.

Es ist halt schon ein großer Vorteil, wenn man nie so einen richtigen politischen Kurs mit strikter Marschroute hatte. Denn da kann man sich zwangsläufig immer irgendwie in die Rolle derjenigen begeben, die gerade etwas besser aussieht für die Allgemeinheit. Und wenn der Teil der Allgemeinheit, der mit ihrem realpolitischen Wirken der letzten Jahre, mit dieser Melange aus europäischer Zersplitterung und Neoliberalisierung des Abendlandes, plötzlich abspringt und sie verdammt, dann hilft es halt auch durchaus, wenn man an seiner Stammwählerscholle nicht zu sehr haftet, einfach durch Augenwischerei auch mal andere Kreise für sich begeistert und für eine Stimme bei der nächsten Wahl rekrutiert.

Die AfD ist die beste Erfindung für ihren Machterhalt, denn plötzlich sieht sie wie eine Alternative in ihrer eigenen Alternativlosigkeit aus. Man votiert für sie, weil man damit glaubt, dem Rechtsruck ein Schnippchen zu schlagen. Machiavelli hätte seinen »Fürsten« heute keinem Medici gewidmet, sondern dieser Frau Merkel. In »La principessa« hätte er für die Nachwelt festgehalten, wie man seine Macht sichert und ausbaut, wenn man nur nicht zu programmatisch ist und inhaltlich flexibel bleibt.

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Der Tod eines Toten

Dienstag, 29. März 2016

Deutsche Fotothek
Dancyger war polnischer Jude und hatte Auschwitz überlebt. Er kam um die Gaskammern herum. Lebte weiter. Eine Million oder mehr ließen dort ihr Leben. Er war eigentlich ein Toter. Jetzt steckte er in einem anderen Lager. Für Displaced Persons. Nicht vergleichbar mit dem Todeslager von vormals. Man hat sich in der neuen Unterkunft ein jüdisches Dorf aufgebaut. Es organisiert, so gut es ging. Strukturen geschaffen. Samuel Dancyger war nur einer von vielen dort, die die Shoa überlebten, die aus dem Rachen der Vernichtung sprangen, um noch eine zweite Chance zu erhalten, doch noch ein Leben geschenkt zu bekommen. Ihm und den anderen wurde das Geschenk des Weiterlebens zuteil. Damit war nicht zu rechnen gewesen.

Sicher wird da immer auch die Hoffnung innerhalb Auschwitz' gewesen sein, man hofft als menschliches Wesen ja stets bis zum letzten Augenblick. Irgendwo wird man immer spekuliert haben, dieser Hölle zu entkommen. Sich neu einzurichten in der Welt. Wo auch immer. Nie mehr Existenzangst im eigentlichen Sinn des Wortes haben zu müssen. Vielleicht seine Frau finden, weitere Kinder kriegen, was arbeiten, sich das Abendessen schmecken lassen. Keine großen Sprünge, nur Sicherheit und keine SS, die jederzeit abführen und exekutieren darf. Kein Schlaf mehr in überfüllten Betten, kein Gerangel um ein trockenes Stück Brot. Wieder als Mensch gelten, kein Tier sein. Anzüge tragen, gebügelte Hemden und Binder. Nicht dieses zerrissene Stoffzeug, in dem schon ein anderer Toter steckte. Samuel Dancyger mag das erhofft haben und er hat es geschafft. Er traf tatsächlich wieder seine Frau und seine Kinder hier in Stuttgart.

Nun saßen sie in der Reinsburgstraße im Westen dieser Stadt und waren sicher vor dem Zugriff deutscher Uniformträger. Die neu gegründeten Polizeieinheiten des besetzten deutschen Länder hatten keine Berechtigung, die von den Alliierten geführten DP-Lager mit ihrer Präsenz zu beunglücken. Und die Alliierten selbst ließen im Großen und Ganzen die Displaced Persons selbst die Verwaltung in die Hand nehmen. Das war günstiger und wahrscheinlich auch praxisorientiert. Im Vergleich zu Auschwitz war diese Stuttgarter Lagerrealität schon paradiesisch. Es gab nicht viel zu essen, aber mehr als für Deutsche.

Das mag die Razzia der Stuttgarter Polizei innerhalb der Lagers begünstigt haben. Man unterstellte den dortigen Juden, dass dort Schwarzmarktwaren gelagert seien. Man beantragte die Durchsuchung bei der Militärregierung, erhielt wohl eine zögerliche Erlaubnis und drang ein. Die jüdischen Überlebenden wollten sich allerdings nicht schon wieder von Deutschen durchsuchen, gängeln, kontrollieren lassen und so eskalierte es an jenem Tag vor exakt siebzig Jahren, am 29. März 1946. Ein Polizist erschoss Dancyger im Gerangel. Auschwitz hatte er überlebt, die Kugel eines Angehörigen der Polizei, die für ihre rassistischen und antisemitischen Anschauungen bekannt war, riss ihn jedoch aus dem Leben. Die »minderwertigen ausländischen Elemente« (Originalton des Polizeichefs in den Berichten) hatten es mit demselben Feind in neuer Aufmachung zu tun.

Dancyger war ein Toter bis Januar 1945, ein Toter mit Unterbrechung. Zwischen dem Ende des Konzentrationslagers und dem März des Folgejahres entwand er sich dem programmierten Tod. Dann war er es doch. Erinnert werden soll hier daran, dass die Stunde Null nur bedingt eine war. Seine Tötung steht für die Einsicht, dass gegen Rassismus und Hass auch keine bedingungslose Kapitulation gewachsen ist. Wachsamkeit ist und bleibt stets notwendig. Auch wenn man das Grauen überwunden hat. Auch wenn alles vorbei scheint, so ganz ist es nie vorbei.

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Die Würde des Neonazis ist unantastbar

Freitag, 25. März 2016

Er ist sich keiner Schuld bewusst und erschien mit Hitler-Gruß vor Gericht. Weil seine Haftbedingungen angeblich gegen die Menschenrechte verstoßen. Auch wenn es schwer fällt, auch dieses Ekel hat Menschenwürde verdient.

Anders Breivik hat Menschenrechtsklage eingereicht. Er fühlte sich isoliert und nicht nach humanitären Bedingungen inhaftiert, seine Menschenrechte würden nicht respektiert. Also tagt nun ein Gericht, um die Vorwürfe zu prüfen. Am Tage, da die Medien verstärkt über die Beschwerden des Massenmörders berichteten, konnte ich via Facebook rege Empörung wahrnehmen. Seine Opfer hätten auch keine Wahl gehabt, las ich da. Wie käme er also nun auf den Trichter, dass es ihm besser ergehen sollte, als allen seinen Opfern? Mitleid könne er keines erwarten. Und Menschenwürde? Wo war sie denn, als er in Massen tötete? Es war mal wieder zum Erschaudern, ich habe – was in der Natur meines Wesens liegt – viele linke Sympathisanten unter meinen »Freunden« und Followern. Und dennoch galoppiert hier diese Haltung, die ins tiefe Mittelalter gehört.

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Wettbewerber des Hasses

Mittwoch, 23. März 2016

Was jetzt eintritt erinnert an eine Challenge, einen geistigen Unterbietungs- und radikalisierten Überbietungswettbewerb. Das Schreiben, das die Behörden in Dreieich und Neu-Isenburg erhielten und in dem Erschießungen angedroht wurden (»Hört auf damit euch so stark für Muslime zu engagieren, andernfalls beginnen wir mit Erschießungen bei Angehörigen dieser Volksgruppe [...] Finden unsere Forderungen kein Gehör so werden wir mit Erschießungen von Kommunalpolitikern weiter machen«), ist nur ein trauriger Höhepunkt. Es scheint, als müsste jetzt jeder Hampel mal abchecken, wie weit er gehen kann. Diese Leute sind ja im Taumel, im Gefühl eines Sieges. Für sie scheint jetzt jedes Statement quasi legitimiert. Nationale Revolution halt. So nannten schon mal welche ihren eintretenden harten Kurs.

Für alle anderen war es eine Machtergreifung. Und prompt radikalisierte sich die Öffentlichkeit der moribunden Weimarer Republik, ohnehin verroht und abgestumpft, gleich nochmals. Alle Hassprediger und Hasspapageienpapageien krochen aus ihren modrigen Kellergeschossen, hielten Abgesänge auf die Sozialisten, auf Juden und auf alle anderen, die man nicht so gut leiden konnte. Das waren fürwahr andere Zeiten. Aber was so oft identisch scheint, das ist der Umstand, dass immer dann, wenn sich die misanthropische Haltung zu einem nationalen Kreuzzug mit einigem Erfolg aufmacht, dann politisiert sich die Blödheit dergestalt, dass sie meint, jetzt sei gewissermaßen alles was sagbar ist, auch erlaubt und ohne Konsequenzen in die Öffentlichkeit zu posaunen.

Es ist ja Aufbruchstimmung, denken sich diese Wettbewerber der Unterbietung. Sie machen das mit Klarnamen, auch weil sie meinen, im Namen eines höheren Rechts zu sprechen. Und wenn dieses moralische Recht, das sie da wittern, auch noch politische Mandate in nicht zu knapper Zahl erhält, dann brechen alle Dämme, dann sprudelt die Menschenverachtung nur so über und ist vor Glück über und über benebelt, als dass man mal auch nur für einen Augenblick annehmen könnte, man würde hier etwas androhen oder postulieren, was justiziabel sein könnte. Diese Glücksberauschten glauben ja ernstlich, dass sie nun alles in der Hand hätten und einem etwaigen Richter verschwörerisch zublinzeln könnten, worauf der natürlich einlenkt und jetzt ahnt, er müsse für die größere Sache das Verfahren ohne Ergebnis einstellen.

Der orthographisch und grammatikalische Schreck von Dreieich und Neu-Isenburg droht ganz ungeniert mit Terrorismus, weil er wahrscheinlich gar nicht richtig begreift, dass er sich zum Terroristen macht. Nein, für ihn ist die Sache klar: Jetzt kann man sich rauswagen, jetzt gehört er zu den Gewinnern des Moments. Er vermutet, dass er auf den moralischen Rückhalt einer erwachten Nation baut. Man weiß recht wenig über das Trio, das ausländische Mitbürger und eine Polizistin tötete und von dem nur noch eine Frau übrig ist. Man weiß jedoch, dass sich diese drei Personen moralisch schadlos hielten, indem sie sich einredeten, sie würden ihre Taten auch deswegen begehen, weil die stille Mehrheit des Landes solche Vorgehensweisen nicht nur tolerierte, sondern sogar verhalten forderte.

Sich Rückhalte zu erspinnen, das ist die Grundlage der Radikalisierung. Jede ideologische Radikalisierung braucht eine Basis von Personen, zu der man blicken kann, während man abrutscht und die man sich dann als Adressat imaginiert, bei all den Dingen und Brachialsprüchen, die man so tut und absondert. Jetzt glauben eben diese Neonazis und ihre Parteigänger, dass sie siegessicher in eine Zukunft knobelbechern können, in der sie sich austoben dürfen. Denn sie haben ja Rückhalt, satte Zugewinne bei Landtagswahlen und ein gutes Ergebnis bei der Bundestagswahl in Aussicht. Da wird man doch nicht nur mal sagen dürfen - da wird man doch auch mal drohen dürfen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Und so entsteht ein Wettbewerb der Radikalos, ein Turnier der Gewaltsteigerung und eine Regiment der Verrohung. Grausamer, schonungsloser, rabiater. Das ist olympische Motto für viele derzeit.

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... wenn man trotzdem lacht

Dienstag, 22. März 2016

»Wir brauchen dringend 'nen dritten Weltkrieg. Guido Knopp ist mit den ersten beiden fast fertig.«

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Die eigentliche Alternative für Deutschland wäre eine richtige Sozialdemokratie

Montag, 21. März 2016

Wie vor den Kopf gestoßen, waren alle Parteien am letzten Montag nach den Landtagswahlen. Bis auf die Sieger. Wie kam es nur dazu, dass eine Gruppe, die sich euphemistisch Partei nennt, wo sie nur Menschenverachtung exekutiert, so erfolgreich bei den Wählern ankam? Sigmar Gabriel postete seine Geknicktheit, er schrieb unter anderem: »Protest wählen löst nicht ein Problem in unserem Land. Im Gegenteil, es spaltet die Gesellschaft.« Dazu fällt mir nur ein Wort ein: Heuchler. Zumal er einen Tag danach in einem Interview sagte, dass nun nichts geändert werden müsse. Denn die Spaltung der Gesellschaft ist nicht das Ergebnis der AfD-Wahl, sondern die Ereignisse, die davor stattfanden, die spalteten die Gesellschaft und führten zum Rechtsruck. Besonders der Sozialdemokratie muss man den Vorwurf machen, Hauptschuldige an dieser Entwicklung zu sein. Denn sie weigert sich vehement, sich von der Union abheben zu wollen.

Sie verharrt auf konservativem Kurs, bleibt strikt bei der Betriebsverwirtschaftung der Gesellschaft, wirbt für Freihandelsabkommen, betreibt Kriegspolitik und so weiter. Die Geschichte ist hinlänglich bekannt. Die Menschen wollen aber Alternativen zur merkelschen Alternativlosigkeit. Jetzt haben sie eine falsche Alternative als Option gezogen. Das nur, weil eine richtige nicht angeboten wurde. Dabei bräuchte dieses Land dringend einen Kurswechsel unter der Führung einer normativen Linken. Doch ein solcher Wechsel gelingt nicht ohne eine Sozialdemokratie, die diesen Namen im besten aller Sinne verdient. Sie muss moderne Brandtreden halten, um diese AfD wirkungslos zu machen. Wie man an der Wählerwanderschaft in Sachsen-Anhalt erkennen kann, sind deren Wähler ja nicht per se Nazis und rechte Bestien, es sind Linkenwähler darunter, Leute, die noch fünf Jahre zuvor bei den Sozis ein Kreuzchen gemacht haben, Arbeitslose und in Altersarmut darbende Rentner. Letztere klassische »Abnehmer« eines linken Kurses. 75 Prozent der AfD-Wähler haben diese Partei nicht wegen ihrer inhaltlichen Aufstellung gewählt. Dreiviertel der Stimmen landeten bloß aus Protest dort. Die parlamentarischen Spaßguerilla von »Die Partei« nennen als einen Punkt ihres Programmes »Inhalte überwinden«. Genau das haben die AfD-Wähler jetzt getan. Und wenn man dieses Programm bei der falschen Partei anwendet, dann ist es eben nicht mehr witzig.

Aber wohin sollen sie mit ihrer Stimme? Die Linkspartei ist ein ohnmächtiger Faktor, keine Massenbasis, sie braucht eine neue Sozialdemokratie, die bereit ist progressive Politik im Sinne der Menschen zu machen. Das ist letztlich eine Erkenntnis aus den Resultaten der drei Landtagswahlen. Die SPD wurde in den letzten zwei Dekaden scharf angegriffen, danach polemisierte man nur noch an ihr herum und ein resignativer Ton machte sich breit. Die Sozis könne man eh vergessen. Ich habe mich auch daran beteiligt, neulich erst noch. Aber Tatsache ist: Wir brauchen sie. Nicht so, wie sie jetzt ist, keine Schröder-, keine Gabrielpartei, keinen Merkeldackel, nicht rücksichtsvoll als Genossen der Bosse, sondern strikt als progressives Element linker Politik. Nur mit der SPD kann ein nachhaltiger Linksruck geschehen, nur mit der SPD außerhalb merkelscher Sphären und neoliberaler Alternativlosigkeiten lässt sich diese Alternative aus der Petryschale eingrenzen.

Womit wir beim Thema wären, denn wenn Gabriel, diesem alten Demokraten, wirklich um die Demokratie und um eine Neuausrichtung der Politik gelegen wäre, müsste er von der Obstkiste hinter seinem Podium herabsteigen und seinen Rücktritt einreichen. Mit ihm sollten gleich alle Zwanzigerzehner gehen, all die Verschlimmbesserer des Postschröderianismus, um den Gewerkschaftern und den progressiven Geistern der Partei wieder zur parteilichen Deutungshoheit zu verhelfen. Der erste Schritt, die AfD einzugrenzen, das wäre ein Rücktritt Gabriels und seiner Entourage; der zweite Schritt würde daraus bestehen, schnellstmöglich ein neues Programm zu verabschieden, in dem die Bürger wieder als Menschen, nicht nur als Konsumenten, vorkommen. Ein Bekenntnis zur Volkswirtschaft und seiner Regularien und kein Betriebswirtschaftshandbuch mit laxen Rahmenbedingungen ...

Die Leute wollen weg von diesem Kurs, sie votieren mittlerweile schon den Teufel, um überhaupt Bewegung in die Sache zu bekommen. Die Linkspartei ist ja keine Option, denn auch die Sozis haben schön daran mitgewirkt, diese Partei als Wolf im Schafspelz zu verunglimpfen. Jetzt hat sich die Entwicklung so verschärft, dass eine Anti-Kampagne gegen rechte Gruppierungen nicht mehr wirkt. Das Pulver der Kleinhaltung alternativer Parteien ist verschossen. Denn als es links ein kleines Alternativangebot gab, waren es alle vereint, auch die Sozialdemokraten, die es vereiteln wollten. Nochmal vereiteln sie etwaige und angebliche Alternativen nicht.

Ich erinnere mich, es ist Jahre her, da fragte ich Albrecht Müller von den NachDenkSeiten, wieso er nicht einfach aus der SPD austrete. Wortgetreu bringe ich die Antwort nicht mehr zusammen, aber sie lautete in etwa so: Weil es hoffnungslos wäre, gäbe es einen Kurswechsel in der Partei. Dann wäre ja niemand mehr da, der mit Sozialdemokratie was anderes meint als all jene, die jetzt am Ruder sind. Damals fand ich das unbefriedigend, ich war zu jung, verstand nicht richtig. Heute und gerade nach dem massiven Rechtsruck, verstehe ich es: Ohne Sozialdemokratie, die auch eine solche ist, wird es keinen Kurswechsel geben. Nur mit einer richtigen Sozialdemokratie kann man gesellschaftlich nach links wenden. Und solange sie weiter das tut, was sie jetzt seit Jahren tut, wird man die AfD als politischen Faktor betrachten müssen.

Sie ist ohne Übertreibung, nicht unbedingt die Kreatur Merkels, sondern einer gescheiterten Partei, die sich noch immer sozialdemokratisch nennt. Der Merkelismus mit seiner parteilichen Einheitsfrontpolitik, hat die AfD entstehen lassen; die SPD, die dieses Spiel lustig mitspielte, hat die AfD-Erfolge verursacht. Mit frommen Sprüchen, wie jenen des Herrn Gabriel, kriegt man das nicht mehr gebacken. Konsequenzen müssen her. Neuausrichtung. Besser jetzt als zu spät. Aber lieber schreibt man eitel Facebook-Statements und twittert seine Besorgnis und wirbt weiter für TTIP und hält den europäischen Kurs nach merkelscher Theorie. Die eigentliche Alternative für Deutschland sollte die SPD und die Linke sein. Sie wäre es auch, wenn man das früher begriffen hätte. Und nu haben wir eben eine andere und das macht einen Linksschwenk nicht einfacher. Unter Gabriel ist er eh nicht geplant ...

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AfD-Wähler, die unter der AfD nichts zu wählen hätten

Freitag, 18. März 2016

oder Diese Leute nicht mit Vorurteilen zu sehen, stellt auch eine Kulturleistung dar.

Der alte Mann schleppte sich in die Straßenbahn, lehnte seinen Stock an die Haltestange und kramte eine Bildzeitung aus seiner Einkaufstasche. Er wirkte ungepflegt, sein Haar war strähnig, hatte Zähne wie Sterne, gelb und weit auseinander. Auf seinem Hemd klebten die Überreste einer Mahlzeit. Ein jüngerer Mann entschuldigte sich, er würde ihm ja seinen Sitzplatz anbieten, aber er sei erst kürzlich am Knie operiert worden. Die Alte fragte nach, hörte vermutlich schlecht, winkte dann jedoch ab, er wollte ohnehin stehen, so behindert sei er ja noch gar nicht. Der Jüngere entschuldigte sich nochmals, erwähnte nochmals seine OP. Wahrscheinlich wollte er seine Story loswerden. Er trug schmutzige Jeans und sein Blick schien ungewaschen und stumpf. So quatschten sie ein wenig belanglos vor sich her. Nach wenigen Sätzen deutete der Alte auf einen Text in der Zeitung, es ging um die AfD, um die berechtigte Angst der Politiker, darum, dass diese Regierung fortgejagt werden müsse und die AfD hoffentlich an die fünfzig Prozent bei der nächsten Wahl bekommen sollte. Der Jüngere nickte, keuchte etwas Unverständliches durch das schwarze Loch in seinem Gesicht und beide ergossen sich in wütenden, aber rhetorisch unbeholfenen Floskeln.

Das waren die ersten AfD-Wähler, die mir tatsächlich und bewusst begegnet sind. Zwei abgeranzte Kreaturen, wie sie nur der Moloch einer Großstadt ausspucken kann. Zwei Organismen aus Dreck und Speck, wie sie nur in der Urbs darben können, ohne provinziell gemustert zu werden. Der eine wahrscheinlich ein vorzeitig gealterter Frührentner, der langsam der Verwahrlosung anheimfiel; der andere einer, der irgendwelchen Räuschen nacheilte und schon lange in eben derselben vor sich hin gammelte. Die Art ihrer Rede verriet, dass sie sich nicht sonderlich viel aus Literatur oder Bildung ganz generell machten. Sie lebten ihr Leben, hielten sich über Wasser, jagten dem kurzen und wankelmütigen Glück eines Alltages nach, der schon zufriedenstellte, wenn er sie nicht auffraß, sie irgendwie überleben ließ.

Die Wohlstandsgesellschaft hat ihre Gesichter. Auch diese beiden gehören dazu. Sie sind die Verlierer, die Gewinne ermöglichen. Nachvollziehbar wütend, nachvollziehbar voller Hass auf diejenigen, die vermeintlich noch schwächer sind als sie. Man braucht Adressaten seiner Unzufriedenheit. Und all die Krawattenträger in der Straßenbahn, die aus ihren Hochhäusern herunterkommen, um zwei Stationen weiter Mittagspause zu machen, jagen diesen Figuren zu viel Respekt ein, als dass sie dorthin ihre Enttäuschung zustellen würden.

Vor Jahren schrieb ich darüber, dass es einer Kulturleistung gleichkomme, sich im Alltag nicht in Vorurteile und ins Rechtsextreme zu verstricken. Jeder von uns ist grundsätzlich voller Ressentiments und Ansichten, die nur bedingt menschlich sind. In Gedanken würgen wir die Wichser, die uns über den Weg laufen; wir machen sie nieder, sind Helden unserer Phantasie, selbstgerechte Totschläger, sinnieren uns Strafen für diejenigen aus, die uns ärgern. Das ist menschlich und dies zu leugnen wäre nur unmenschlich und eine nicht normale Überethik. Ich schrieb damals, dass das Rechtsradikale in uns schlummert, es aber zu bändigen, das ist Zivilisationsauftrag und Kulturleistung. Aber wenn man am Boden einer Zivilisation herumkrebst, brechen auch solche Errungenschaften weg. Man holt die schlechtesten Seiten aus sich heraus, kultiviert den Menschenhass, wo er kanalisiert gehörte.

Gewissermaßen hatte ich im Nachgang dieser kurzen Geschichte in der Straßenbahn Verständnis für beide. Ich rechtfertigte es nicht, konnte es aber nachvollziehen. Im Augenblick aber, da ich dieser beiden Männer lauschte, wuchs nur meine Wut und mich packte Abscheu. Der Alte dürfte in den Augen der elitären Bonzen aus dieser Partei, auch nur ein Krüppel sein, den man zu nichts gebrauchen kann. Und der andere, der junge Mann, den werden sie zwangseinweisen oder zwangsarbeiten lassen. Je nachdem, was günstiger ist. Ich spürte, dass ich diese Dummheit, als Lamm zum eigenen Schlachter zu kutschieren, nicht begreifen konnte und wie es mich zornig machte.

Dummer alter Mann, fünfzig Prozent für diese AfD und du bist noch weniger als jetzt. Blöder junger Idiot, dich haben sie sicher am Wickel, denn du bist das, was sie ganz sicher nicht wollen für ihr neues Deutschland, dachte ich bei mir. Und überhaupt, wenn ich es mir recht überlege, empfinde ich es als Beleidigung, dass ich als Teil der Allgemeinheit für Leute wie euch aufkommen muss, Steuern bezahle, damit ihr halbwegs überlebt, um dann in öffentlichen Verkehrsmitteln über Parteien zu schwärmen, die den Hass und die Verkleisterung sozial- und rechtsstaatlicher Gedankengänge und die Abkehr von Menschen- und Bürgerrechte an sich, predigen. Sozialkassen dafür, dass ich mir diese Wahlbereitschaften anhören muss? Damit diese Leute bestimmen, wo es langgehen soll? Aber was wäre die Konsequenz? Ihnen das Wahlrecht entziehen? Die AfD würde das bei Arbeitslosen wollen. Wäre ich nur etwas dümmer, müsste ich die AfD wählen, damit sie so einer nicht mehr wählen kann. Aber der junge Knieoperierte wusste davon natürlich nichts. Die Dummen, die zersetzen unser Land, man sollte ihnen wenigstens alle Mittel strei...

Und dann wurde es mir bewusst. Auch ich muss zuweilen hoffen, dass der Zivilisationsauftrag an mir nicht versagt, muss Kulturleistung vollbringen. Bei dem einen schlägt das Rechtsextreme durch, beim anderen der Neoliberalismus in ihm. Jeder muss sich hie und da in den Griff kriegen, muss die blanke Wut an die Leine nehmen und seine Mitmenschen weiterhin als Menschen betrachten, auch wenn es schwer ist. Ich hielt mich im Griff, sagte nichts, dachte es mir bloß, überdachte nochmal und sah ein, dass Wut normal ist, aber man sich davon nicht leiten lassen dürfe. Wenn das noch der Alte und der Junge einsehen würde und all die anderen, die Protestwähler werden, dann hätte sich die AfD erledigt, weil sie am gelungenen Zivilisationseffekt gescheitert wäre. Aber der Lack ist bekanntlich dünn und Wut wieder ein Ratgeber, dem man folgt.

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Von Blindheit und Sehen

Donnerstag, 17. März 2016

Empathie und Empirie bedingen manchmal einander. Wir leben in einer Welt der Vereinzelung und verlernen zunehmend, uns in andere hineinzuversetzen. Auch ein Grund, warum man mit Parolen gegen Geflüchtete punktet. Vielleicht brauchen wir einfach mehr Erfahrungen am eigenen Leib.

Für anderthalb Stunden war ich vollkommen erblindet. Ich hatte ja schon viele Museen erlebt, in denen es faktisch nichts zu sehen gab. Aber dieses hier, das »Dialog im Dunkeln« im Frankfurter Ostend, war mit Abstand das beste aller Museen, in denen es absolut nichts zu sehen gab. Man drückte uns einen Blindenstock in die Hand, gab uns einige Anweisungen, wir sollten zum Beispiel die zu ertastenden Wände als Orientierung verwenden, und schon lotste man uns, eine Vierergruppe, in die absolute Finsternis. Es war tatsächlich so stockdunkel (kommt dieses Wort eigentlich von jenem Stock, den man vor sich hin und her wedelt?), wie ich es nie zuvor gekannt hatte. Dort empfing uns unser Guide, Andy mit Namen, eine angenehme Stimme, wir sahen ihn ja nicht. Später erfuhren wir, dass er blind ist. Er war der einzige Sehende in den Räumlichkeiten, durch die er uns führte.

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Die Antinativen, die Systemfrage und ihre Homogenität

Mittwoch, 16. März 2016

Trump behauptete wieder mal, dass alle Politiker Lügner seien. Die Teeparty betätigt sie so schon seit einigen Jahren. Die Alternative aus der Petryschale setzt ebenfalls da an: Politiker hätten uns an den Rand des Zusammenbruches regiert, daher müsste nun die AfD ans Ruder. Ähnlich feierte man den noch amtierenden Bundespräsidenten einst. Das sei nämlich einer, der nicht aus der Politik käme, was dem Amt nur guttun sollte. Und hin und wieder gefiel sich der Mann aus Bellevue in der Rolle des frischen Newcomers, der denen da oben mal zeigt, wie Herr Normalwähler tickt. Die Bürger für Frankfurt warben auf ihren Plakaten im letzten Kommunalwahlkampf fast identisch. Sie erklärten, dass die Politik versagt habe, weswegen sie es jetzt richten müssten. Politik, die mit Anti-Politik gemacht wird. Es ist auch so ein Konzept in hochgradig politischen Zeiten, ausgerechnet mit Unpolitik punkten zu wollen.

Der Anti als Held. Ein mehr oder weniger - wahrscheinlich weniger als mehr - zeitgenössisches Konzept. Man kann es gut am Charakter moderner Serien ablesen. Tony Soprano. Walter White. Jetzt ist er in der Politik angekommen. Das heißt, er will hinein, denn er gibt vor, noch gar nicht dort angelangt zu sein. Dort sind andere. Und die sollen nun verdrängt werden durch Helden, die dem Metier, in das sie streben, nicht nur fremd sind, sondern fremd bleiben wollen auf Amtszeit. Das Anti-Movement, die Anti-Politiker, Anti-Parlamentarismus und Anti-zu-den-Althergebrachten, die laut »Schluss mit der politischen Kaste!« rufen und je nach Radikalisierungsfaktor auch »Lügenfresse! Lügenfresse!« schreien, streben nun ins Politische und zeitigen einigen Erfolg.

Das zur Schau gestellte Gegenteil des gegenwärtigen Systems, bestehend aus Filz und Korruption, Lobbyismus und elitärem Dünkel, Arroganz und Abgehobenheit, ist geeignet dazu, um als alternatives Angebot, als aussichtsreiche Wahlkampagne herzuhalten. Man braucht keinen Inhalt, das Anti, dieses bloße griechische Präfix, der von Substanz entleerte Antagonist an sich, reicht vollkommen aus, um als alternative Option akzeptiert zu werden. Ein eigenes Konzept ist überflüssig, nicht zu denen zu gehören, die »da oben« zu bashen, sich selbst gekonnt als Widersacher zu allem aufzuführen, was bislang auf der Bühne geboten wurde, ist der Ansatz vieler dieser Anti-Figuren. Sie sind so gesehen keine Alternative, sondern Antinativen.

Vom Namen her, vom Popanz. Eigentlich sind sie es ja nicht. Sie streben in einen Betrieb, den sie ablehnen, ergreifen die Mittel, die sie für völlig verrottet halten und mutieren früher oder später zu denselben Apparatschik-Bestien, die sie jetzt noch als ihre Antipoden hinstellen. Sie weilen gewissermaßen in dem System, das sie verbal ablehnen, in einem Zustand der Homogenität. Sie sind involviert und integriert, wollen an die Posten, die sie jetzt als überflüssige Einkunftsmaschinerie aufgreifen. Sie stellen fürwahr eine Systemfrage, aber nicht, weil sie das System auf Meta-Ebene für reformbedürftig halten, sondern weil sie es nur missbraucht glauben. Die neoliberale Stussrichtung der AfD ist hierfür Beispiel. Systemfrage bedeutet bei den Antinativen nichts Fundamentales, es bedeutet einfach nur, einen Abklasch von Systemrhetorikfragerei zu liefern. So zu tun, als glaubten sie an das Überkommene eines Systems, das sie an sich aber für sich gebrauchen wollen, sofern sie an die Tröge öffentlicher Ämter hinwühlen können.

Sie sind Antipoden des Augenblicks, Leute, die mit dem Anschein von Anti-Stimmung auf Menschenfischfang gehen, die als Rebellen Wirkung erzielen wollen, obgleich sie angepasst genug sind, die Möglichkeiten demokratischer Systeme für sich auszunutzen. Die durchaus kritikwürdige Kaste von Politikern, die das Primat ihres Fachs aufgegeben haben, erleichtern solchen Anti-Helden den Zugang zur Öffentlichkeit. Aber all die antinativen Bewegungen, die man jetzt so erblickt, sind ja nicht Neulinge im Politbetrieb oder Widersacher der Wirtschaftseliten. Sie kommen von dort und gehen wieder dorthin zurück. Sie bewegen sich in denselben Gefilden, begehen dieselben Wege und haben ähnliche Denkmuster, vor allem auf ökonomischen Gebiet. Sie sind keine Alternative zur Ökonomie, sondern nur deren perverseste Wucherung, die schlimmste Ausbeulung einer Idee, die sich schon unter dem gegenwärtigen Personal in den Parlamenten menschenverachtend gibt.

Ob nun Trump, AfD oder Kommunalparteien, die denen da oben den Marsch blasen wollen: Alle sind sie nicht Anti, sie sind Homo, ein homogener Haufen kapitalistischer Kreaturen, denen Bürger- und Menschenrechte zunehmend als lästig und zu teuer vorkommen, die Debattenkultur als zeitaufwändig und daher als Gefährdung der Wettbewerbsfähigkeit abtun. Es sind wahnsinnige Buchhalter des Zeitgeistes, keine Systemfrager, sondern Bejaher desselbigen. Ähnliches erlebte man während der Zwanziger- und Dreißigerjahre in Europa. Überall Anti-Stimmung zur Demokratie. Dieses Phänomen hieß Faschismus. Heute wollen sie wieder gegen Plauderbuden und gegen »die Politiker« vorgehen und vergessen dabei, dass sie selbst Politiker sind und daher Debatten brauchen, wenn sie nicht Diktatoren werden wollen.

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Aus fremder Feder

Dienstag, 15. März 2016

»Mein Vater sprach immer davon, die drei großen Übel zu überwinden: Armut, Militarismus, Rassismus. Schauen Sie, wo wir heute stehen.«
- Martin Luther Kings Sohn in einem Interview -

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Die öde Wissenschaft, die jetzt Lifestyle ist

Montag, 14. März 2016

Klickt man bei der Onlineausgabe des »Stern« auf den Wirtschaftsteil, so kann man unter anderem einen Bericht über die »jüngste Milliardärin der Welt« lesen. Wie sie lebt und liebt und wie es sich da oben so atmet. Beim Spiegel kriegt man unter dem Label »Wirtschaft« etwas über Christian Lindners ersten Porsche erzählt. Letzteres hat man nach einigen Tagen zur Politik verschoben, wohin es wahrscheinlich thematisch auch nicht passt. Komisch, war Wirtschaft nicht mal etwas völlig anderes? Seit wann sind Stories im Stile von »exklusiv« wirtschaftsrelevant? Oder ist das die Vollendung der ökonomischen Dekadenz, in die wir uns sukzessive manövriert haben?

Die Wirtschaft oder Ökonomie behandelt die Gesetzmäßigkeiten der Bedürfnisbefriedigung oder eben etwaiger Fehlstellung. Sie handelt ab wer mit wem und mit was und wieviel. Arbeitsplätze, Ressourcen und Vertrieb. Welches Produkt wird wie hergestellt und wo abgesetzt. Woher kommt die Nachfrage? Ist das Angebot ein Angebot oder doch nur eine Luftnummer? Es geht um Besteuerung oder deren fahrlässiger Unterlassung zur allgemeinen Leerstellung öffentlicher Kassen. Wirtschaft fragt, ob Regulierungen installiert und Gesetze getroffen werden müssen, um gesellschaftliche Entwicklungen in diese oder andere Richtungen zu lotsen. Wie ist die Wirt-Gast-Beziehung und sind unsichtbare Hände wirksam oder braucht es zupackende Hände, die man sehen und spüren kann? All sowas ist das, was man Wirtschaft nennt und was die Wirtschaftsressorts diverser Zeitungen behandeln sollten - und vielleicht auch mal behandelt haben. Früher.

Nun geht es aber auch um den Lohn des Wirtschaftens in diesem Bereich. Darum, was man mit der Kohle machen kann, wenn man sie erwirtschaftet hat. Wie man dazu kam, ist dabei nicht mehr wesentlich. Man hat - und das ist Auszeichnung genug, um als Wirtschaftsikone mit Lebemann- und Lebefrauattributen durchzugehen. War vorher mal das Wie, Woher und Wieviel von Bedeutung, gibt es heute eine Subkategorie des Fachs, die sich mit dem »Was kauft er sich denn?« oder »Wie großartig es sich davon leben läßt!« befasst. Wo es um wirtschaftliche Spieler gehen sollte, um Unternehmen, Arbeiter, Zwischenverdiener, Ausbeuter und wahlweise faire Geschäftsmänner, da geht es bei dieser Kategorie der Wirtschaftsberichterstattung nur mehr um die Wirtschaftlichkeit reicher Leben, um den Stolz wirtschaftlich gediegener Herrschaften.

Diese perverse Nabelschau von Menschen, die sich was leisten konnten, obgleich sie vielleicht nicht mal was geleistet haben, ist eine »Errungenschaft« der Neunzigerjahre. Als alle Welt mit einem Fingerschnippen zu Reichtum kommen wollte, sich börsennotierte und der Achtziger-Yuppie plötzlich eine Lebenseinstellung für Massen, eine neue Mitte und kollektiver Zeitgeist wurde. Damals ging es los mit Starmagazinen, mit dem Leben der Schönen und der Reichen zur besten Sendezeit; plötzlich wollte jeder hineinschauen in den grenzenlosen Reichtum, die obszöne Wirkung von unermesslichem Geldnachschub beobachten. Das hat sich bis heute in den Wirtschaftsspalten mannigfaltiger Qualitätsmedien gehalten. Denn seit damals lehrt man uns, dass Wirtschaften ja nichts anderes sei, als die Früchte seiner Arbeit zu ernten. Und wieso sich keinen Rassehengst davon kaufen? Oder einen Flitzer?

Man muss von Wirtschaftsjournalisten nicht erwarten, dass sie klassenkämpferisch fragen, ob der Lebenstil verschiedener Personen verdient ist oder doch nur Produkt der Arbeitsleistung anderer. Jedenfalls nicht in den oben genannten Blättern. Sie bedienen ein Gesamtpublikum und müssen nicht sozialistisch einwirken. Aber sie müssten und dürften eben auch nicht über solchen Lebensstil schreiben und das Ganze dann unter dem Label der Wirtschaftsberichterstattung laufen lassen. Das ist Lifestyle, eine dieser neueren Spalten der allgemeinen Berieselung mit Nichtigkeiten. Linders Porsche hat neben neuen Brüsten eines C-Stars zu firmieren, nicht dort, wo man über die Zahlen eines Automobilkonzerns berichtet; die Pferdenärrin passt in die Spalten, in denen es um Bohlens neueste Innovationen am Gespielinnenmarkt geht, nicht neben Berichten über Indizes und Ökonomenexpertisen.

Aber scheinbar ist Ökonomie heute viel mehr, ein Lebensgefühl halt. Nicht mehr öde Wissenschaft. Sondern geile Daseinsfreude der Gewinner. Über die Verlierer verliert man nur sterile Worte. Sie könnten ja auch einfach reich werden; Ökonomie ist doch, das wissen wir seit den Yuppies, eine Chance für jedermann. Man muss sich nur anstrengen, dann klappt es auch mit Porsche und Wellenreiten. Wer nie dazu kommt, der kann eben nicht wirtschaften. Und darüber muss man im Wirtschaftsteil ja auch nicht schreiben, nicht wahr ...

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... shame on me!

Freitag, 11. März 2016

Über Scham, über Beschämung, über Schande . darüber wird derzeit viel gesprochen. Es sind Floskeln, die häufig vorkommen in diesem Deutschland, das um eine »Alternative« ringt, aber sich offenbar vermehrt für eine weitere Alternativlosigkeit (nach der merkelschen) entscheidet. Facebook verkommt zu Shamebook, in dem viel zu viele darlegen, dass sie sich für dieses Land und einige der darin enthaltenen Figuren schämen. Wegen Clausnitz. Pegida. AfD. Seehofer. Und Petryhöckegaulandstorch. Wegen des Rechtsruckes halt. Wegen Polizei, die Flüchtlinge aus Bussen zerrt. Dieses vorauseilende Schamgefühl ist Quatsch. Welche Verantwortung zwingt uns denn dazu, den Stolz zur Schau getragenen Antihumanismus zu entschuldigen und uns dafür zu schämen? Wir Anständigen können doch nichts für die Unanständigen!

Sich für irgendwas oder jemanden zu schämen, das setzt Verbundenheit voraus. Ein Wir-Gefühl. Eine Zugehörigkeit. Es gibt mittlerweile zwar den Begriff des »Fremdschämens«, eine Wortschöpfung, die es vielleicht erst seit Casting-Shows und Dschungelcamps gibt, der daher erst seit sieben Jahren als Begriff im Duden festgesetzt ist. Aber das Fremdschämen beschreibt nicht das Unwohlsein, die Peinlichkeit und die Wut, die beim »Sich-für-jemanden-schämen« eigentlich eintreten. Fremdschämen ist in erster Linie ein Amüsement aufgrund anderer, ist der wohlige Zustand dessen, nicht ganz so blöd zu sein wie jener, der sich gerade zu Idioten macht. In diesem Kontext geht es nicht um das Wir, nicht um eine irgendwie geartete Verbindung zu dem, für den man sich eben fremdschämt. Da bin ich und dort der andere, der mit mir nichts zu tun hat, der mich aber für einen kurzen Augenblick berührt, tangiert, sich zu meiner Freude herabwürdigt und mich so emporsteigen lässt. Die klassische Beschämung hingegen baut auf Verbindung und »Bekanntschaft«. Wir müssen uns mit denen, für die wir uns schämen, auf die eine oder andere Weise eins fühlen, identifizieren. Als Gemeinschaft sehen, in dem jeder von uns als Mitglied fungiert.

An dieser Stelle beginnt das Problem. Denn eine Verbundenheit mit denen, die jetzt lautstark dem Rechtsruck frönen, kann ich für mich (und sicher viele andere auch) zum Beispiel gar nicht feststellen. Seit Jahren plärren sie gegen Ausländer, Schwule, Linke und Arbeitslose. Seit Jahren rückt auch das, was wir die gesellschaftliche Mitte nannten, immer weiter nach rechts. In dieser Gesellschaft fühle ich mich seit Jahren nicht mehr wohl. Und seit endlosen Jahren gibt es für mich die da drüben und mich hier, gibt es die Rechten und die Vernünftigen (die nicht mal links sein müssen, sondern einfach nur bei Verstand), die populistisch aufgewiegelten Stumpfsinnsbürger und die Aufgeklärten. Die Bildzeitungsleser und die Leute mit Karte der Stadtbücherei. Welche Begründung hätte ich also, mich für Leute zu entschuldigen, mich ihrer zu schämen, wo ich doch schon so lange keine Verbindung mehr zu ihnen verspüre?

Clausnitz beschämt uns also derzeit. Vor einiger Zeit hieß Clausnitz noch Heidenau. Wir schämen uns vor der internationalen Gemeinschaft für Dörfer. Für sächsische Dörfer, die uns vor einiger Zeit noch böhmische waren. Für sächsische Dörfer, die jetzt neuerdings ja auch hessisch zu sein scheinen. Wer kennt Zwingenberg, Hüttenfeld oder Hähnlein? Dörfer von der Bergstraße, die mit über 18 Prozent AfD wählten? Wer kennt Lindenfels oder Ober-Klein-Gumpen im Odenwald? Über 14 Prozent dort. Wir schämen uns für die provinzielle Ansichten einiger Menschen, die uns quasi immer fremd waren, die wahrscheinlich stets mehr oder weniger gegen Randgruppen plärrten. Wie hätte man sich je mit solchen Gesellen identifizieren können, als dass wir nun verantwortungsvoll sagen könnten: »Gott, ich schäme mich ja so!«

In moralische Sippenhaftung für die da drüben und die da unten will ich nicht genommen werden. Das hatten wir schon mal. Fool me once, shame on you. Fool me twice, shame on me, sagen die Amerikaner. Sollten wir erneut für die Unarten und Untaten solcher Leute Beschämungen zeigen, dann shame on me. Erneut zu sagen, dass man sich schäme für das, was geschehen sei, ist eine Farce. Geschichte wiederholt sich nur als solche. Die sollten sich schämen. Nicht wir anderen. Aber die schämen sich ja nicht, das geht ihnen völlig ab.

Wir müssen uns nicht schämen. Nicht für uns, nicht für die. Fremdschämen geht auch nicht, denn das klappt nur, wenn ein anderer etwas Dummes macht. Das tut aber keiner von denen. Sie machen etwas Kriminelles. Zwischen dumm und kriminell ist dann doch noch ein Unterschied. Schämen ist Quatsch. Wir sollten diese Leute, wann immer sie uns namentlich habhaft werden, direkt den Behörden melden, dem Staatsanwälten Meldung machen, gerne auch den Justizapparat überlasten. Wer hetzt und aufwiegelt, für den schämt man sich nicht. Den versucht man justiziabel zu machen. Strafanzeigen stellt man hier.

Scham bringt keinen vor Gericht. Und diese Art von Scham von Deutschen wegen anderer Deutscher hat ja auch was seltsam Nationalistisches. Was Nationalfamiliäres. Und das ist heute, in Zeiten, da es solche Reinheiten weniger denn je gibt, überhaupt kein Ansatzpunkt mehr. Die Scham ist etwas, was man in der Unterhose stecken hat. Ansonsten ist sie nur ein dummer Spruch. Schämst du dich noch oder zeigst du schon an?

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Machen Sie ne Therapie, Frau Steinbach!

Donnerstag, 10. März 2016

Alle watschen nun Erika Steinbach wegen ihres Tweets ab. Das von ihr getwitterte Foto indischer Frauen, die ein blondes Mädchen begaffen, ist aber familiäre Verarbeitung. Überhaupt scheint alles, was sie zur Flüchtlingsdebatte absondert, eine Projektion ihres Schattenarchetyps zu sein.

Die Frauen eines indischen Dorfes stehen um einen Blondschopf. Sie machen große Augen, beugen sich zu ihm herunter, einige lachen ob der Exotik. Das Bild kursierte schon einige Jahre in etwaigen sozialen Netzwerken. Völkische User posteten es gerne. Nun auch Erika Steinbach, ehemalige Vertriebenenpräsidentin. Sie überschrieb es gleich noch mit dem griffigen Slogan: »Deutschland 2030«. Völlig nachvollziehbar die Reaktionen darauf. Dass das einer Person, die in ihrer Partei als Sprecherin für Menschenrechte und humanitäre Hilfe fungiere, nicht würdig sei, ist zweifelsfrei richtig. Es ist ferner Panikmache. Das Bild ist zudem komplett aus dem Zusammenhang gerissen, denn es entstand in Indien und zeigt damit eigentlich das, was Steinbach sich scheinbar wünscht: Eine relativ homogene autochthone Gesellschaft, die Minderheiten verspottet – und eben nicht das glatte Gegenteil dessen, wie sie mit dem Posting suggerieren möchte.

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Republikaner, die in Zügen sitzen

Mittwoch, 9. März 2016

Kürzlich berichteten »Spiegel« und »Manager Magazin« von Deutschlands Pendlerströmen. Die Bereitschaft einen Arbeitsplatz, der 100 oder mehr Kilometer von der eigenen Haustüre entfernt ist, täglich aufzusuchen, sei in den letzten zehn Jahren sprunghaft angestiegen. Man darf sich also nicht wundern, dass wir in einer entsolidarisierten Gesellschaft leben. Denn lange Fahrtwege, immer auf dem Sprung zu sein, um die geplante Bahnverbindung doch noch zu kriegen, Stress in der Arbeit, zähe Stunden in Abteilen oder auf Autobahnen und ein Leben, das kaum in den heimischen Wänden stattfindet, erzeugt einen Typus, der für soziales Engagement und Solidarität wenig Energie aufwenden kann. Der Pendler ist mehr als andere mit sich selbst beschäftigt.

Das behauptet jedenfalls Claas Tatje, als er »Unterwegs in der Pendlerrepublik« war. Eine seiner darin vorgebrachten Thesen und Befunde war, dass Solidarität und Mobilität nicht zusammengehen. Kommunen, in denen sich die Bevölkerungsstruktur stark aus Pendlern zusammensetzt, würden demnach viel häufiger unter allgemeiner Desinteresse leiden, unter fehlenden Engagement in Gruppen und Vereinen, natürlich leidet auch das Ehrenamt darunter. Die res publica, die öffentliche Sache also, verwaist unter dem Zugriff langer An- und Abfahrtswege.

Tatje führt das nur kurz aus, er weist gewissermaßen darauf hin und belegt es noch kurz mit Studienergebnissen. Dann hangelt er sich zum nächsten Punkt seiner inhaltlichen Agenda. Aber zurück bleibt doch die Frage, was die Entsolidarisierung der letzten Jahre und Jahrzehnte mit dem Zeitmanagement zu tun hat, mit Wegen und Wartezeiten, mit Zugabteilen und Staus. Wobei das eigentlich gar keine Frage ist, sondern sich relativ logisch erschließt. Der öffentliche Raum braucht, wie alle anderen Interessensgebiete auch, die Zeit der darin enthaltenen Subjekte. Mangelt es daran, verwaist der öffentliche Auftrag jedes Einzelnen. Wenn es an Zeit und Energie der Vereinsmitglieder mangelt, schließt ein Verein eines Tages das Kassenbüchlein und trifft sich nicht mehr. Die res publica kann das nicht. Sie wird weiterbetrieben ohne das allgemeine Interesse.

Über die Weimarer Republik sagte man, dass sie eine Republik ohne Republikaner gewesen sei. Das trifft mit anderen Vorzeichen auch auf diese Berliner Republik zu. Damals mangelte es an Republikanern, also an Menschen, die sich als Entscheider in öffentlichen Dingen fühlten, weil sie es nie gelernt hatten - heute mangelt es an Republikanern, weil sie in Zügen und Staus festsitzen, keine Zeit, keine Kraft mehr haben, weil sie sich verausgaben auf ihren Weg zwischen Arbeitsplatz und Wohnort, viele hundert Kilometer in der Woche abspulen und danach den Feierabend als sich berieselndes Zeitkontigent betrachten, in dem für komplexe gesellschaftliche Themen lieber kein Termin reserviert sein sollte.

Dass wir vereinzeln und uns entsolidarisieren, das wissen wir schon wesentlich länger, hat mit dem Druck am Arbeitsmarkt zu tun. Das ist die etwas oberflächliche Betrachtung des Phänomens. Spezifischer gesprochen sind es Überstunden und das Pendeln, die etwaige Republikaner zu Einzelkämpfern im neoliberalen Sinne des schlanken Staates werden lässt. Nicht, weil sie das bewusst so wollten, sondern weil sie die Müdigkeit und Ausgelaugtheit dazu zwingt. Sie sind Produkt ihrer Lebensumstände und je mehr für eine mobilisierte Gesellschaft getan wird bzw. je großzügiger die Politik das Pendeln subventioniert, desto eher schwindet die Kohäsion der res publica, wird sie zur Waisin, zum Spielplatz von Interessensgruppen, die nicht im Sinne aller Öffentlichkeit entscheiden, sondern ihrer eigenen Bevorteilung wegen politisch streiten.

Tatje stellt die Pendler nicht als Opfer hin. Viele entscheiden sich bewusst für ein Häuschen im Grünen und einen Arbeitsplatz 120 Kilometer weiter. Sie wissen sehr wohl, was sie tun, wenn sie es tun. Aber darum geht es im Moment nicht. Je mehr Arbeitnehmer räumlich (und zeitlich) flexibilisiert werden, desto mehr driftet die republikanische Idee ab, kommt es zu entsolidarisierten und vereinzelten Konzepten, in denen Hilfebedürftige auf sich alleine gestellt bleiben. Desinteresse beflügelt solche Entwicklungen. Und der Pendler ist, ohne von Einzelfall zu Einzelfall entscheiden zu wollen, a priori ein an der öffentlichen Entwicklung, an der Allgemeinheit, am sozialen Miteinander eher desinteressierter Zeitgenosse. Was ihm abgeht sind Kraft und Zeit. Pendeln zehrt aus. Es ist das Pendeln des neoliberalen Zeitgeistes.

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... wenn man trotzdem lacht

Dienstag, 8. März 2016

»Und die Merkel ist an allem schuld. Seit zehn Jahren lese ich jetzt diesen Schwachsinn in allen Zeitungen. Die Merkel ist schuld an unserer Lähmung und an unserer Lethargie. Und dass wir so apolitisch sind. Was? Die hat ja eine Zauberkraft, die Frau Merkel. Das ist ja ungeheuerlich. Und was stellen wir uns aus für ein erschütterndes Zeugnis, wenn wir uns von einer Frau Merkel lähmen lassen können. Was sind wir für Weicheier. Man hat oftmals den Eindruck in Deutschland, dass die Leute im Grunde enttäuschte Demokraten sind, im Grunde ihres Herzens Royalisten, die sich einen König wünschen, damit sie ihn doof finden können. [...] Wegen der Merkel gehen wir nicht mehr zur Wahl. Das könnte uns passen. [...] Bei mir hat der Zauber nie gewirkt von der Frau Merkel zum Beispiel. Ich gehe immer trotzdem noch zur Wahl. Ganz eigenartig so eine Immunität.«

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