Der Tod eines Toten

Dienstag, 29. März 2016

Deutsche Fotothek
Dancyger war polnischer Jude und hatte Auschwitz überlebt. Er kam um die Gaskammern herum. Lebte weiter. Eine Million oder mehr ließen dort ihr Leben. Er war eigentlich ein Toter. Jetzt steckte er in einem anderen Lager. Für Displaced Persons. Nicht vergleichbar mit dem Todeslager von vormals. Man hat sich in der neuen Unterkunft ein jüdisches Dorf aufgebaut. Es organisiert, so gut es ging. Strukturen geschaffen. Samuel Dancyger war nur einer von vielen dort, die die Shoa überlebten, die aus dem Rachen der Vernichtung sprangen, um noch eine zweite Chance zu erhalten, doch noch ein Leben geschenkt zu bekommen. Ihm und den anderen wurde das Geschenk des Weiterlebens zuteil. Damit war nicht zu rechnen gewesen.

Sicher wird da immer auch die Hoffnung innerhalb Auschwitz' gewesen sein, man hofft als menschliches Wesen ja stets bis zum letzten Augenblick. Irgendwo wird man immer spekuliert haben, dieser Hölle zu entkommen. Sich neu einzurichten in der Welt. Wo auch immer. Nie mehr Existenzangst im eigentlichen Sinn des Wortes haben zu müssen. Vielleicht seine Frau finden, weitere Kinder kriegen, was arbeiten, sich das Abendessen schmecken lassen. Keine großen Sprünge, nur Sicherheit und keine SS, die jederzeit abführen und exekutieren darf. Kein Schlaf mehr in überfüllten Betten, kein Gerangel um ein trockenes Stück Brot. Wieder als Mensch gelten, kein Tier sein. Anzüge tragen, gebügelte Hemden und Binder. Nicht dieses zerrissene Stoffzeug, in dem schon ein anderer Toter steckte. Samuel Dancyger mag das erhofft haben und er hat es geschafft. Er traf tatsächlich wieder seine Frau und seine Kinder hier in Stuttgart.

Nun saßen sie in der Reinsburgstraße im Westen dieser Stadt und waren sicher vor dem Zugriff deutscher Uniformträger. Die neu gegründeten Polizeieinheiten des besetzten deutschen Länder hatten keine Berechtigung, die von den Alliierten geführten DP-Lager mit ihrer Präsenz zu beunglücken. Und die Alliierten selbst ließen im Großen und Ganzen die Displaced Persons selbst die Verwaltung in die Hand nehmen. Das war günstiger und wahrscheinlich auch praxisorientiert. Im Vergleich zu Auschwitz war diese Stuttgarter Lagerrealität schon paradiesisch. Es gab nicht viel zu essen, aber mehr als für Deutsche.

Das mag die Razzia der Stuttgarter Polizei innerhalb der Lagers begünstigt haben. Man unterstellte den dortigen Juden, dass dort Schwarzmarktwaren gelagert seien. Man beantragte die Durchsuchung bei der Militärregierung, erhielt wohl eine zögerliche Erlaubnis und drang ein. Die jüdischen Überlebenden wollten sich allerdings nicht schon wieder von Deutschen durchsuchen, gängeln, kontrollieren lassen und so eskalierte es an jenem Tag vor exakt siebzig Jahren, am 29. März 1946. Ein Polizist erschoss Dancyger im Gerangel. Auschwitz hatte er überlebt, die Kugel eines Angehörigen der Polizei, die für ihre rassistischen und antisemitischen Anschauungen bekannt war, riss ihn jedoch aus dem Leben. Die »minderwertigen ausländischen Elemente« (Originalton des Polizeichefs in den Berichten) hatten es mit demselben Feind in neuer Aufmachung zu tun.

Dancyger war ein Toter bis Januar 1945, ein Toter mit Unterbrechung. Zwischen dem Ende des Konzentrationslagers und dem März des Folgejahres entwand er sich dem programmierten Tod. Dann war er es doch. Erinnert werden soll hier daran, dass die Stunde Null nur bedingt eine war. Seine Tötung steht für die Einsicht, dass gegen Rassismus und Hass auch keine bedingungslose Kapitulation gewachsen ist. Wachsamkeit ist und bleibt stets notwendig. Auch wenn man das Grauen überwunden hat. Auch wenn alles vorbei scheint, so ganz ist es nie vorbei.

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