#Aufschrei der Dummheit

Dienstag, 9. September 2014

Besonders während der vergangenen Weltmeisterschaft in Brasilien hatte das nebenstehende Banner bei Facebook Hochkonjunktur. Man wollte damit wohl all denen, die dem nationalistischen Fanatismus nicht folgen wollten und Bedenken anmeldeten, deutlich machen, dass man die Vergangenheit nicht nur abgelegt, sondern sich darum auch nicht zu scheren hat. Über 22.000 mal wurde es mittlerweile geteilt. Auch auf meiner Startseite bekam ich es mehrmals angezeigt. Einige meiner »Freunde« hatten es geteilt. Dass sie sich so auch vom Auftrag der Gestaltung eines künftigen Weltethos »emanzipiert« hatten, fiel ihnen vielleicht gar nicht auf.

Mitunter zieren das Banner entblößende Kommentare. Beispiel: »Rischdisch. Wir müssen jetzt endlich mal unser maul aufmachen. [...] Also schluss damit jeden retten zu wollen erst mal ans eigene volk denken. Also schluss mit Almosen für Schmarotzer und die wo ihr land in den Abgrund reiten.« Oder dieser, der ausdrücken möchte, dass man es entspannt sehen sollte: »was juckt heute die amis noch was sie mit den indianern oder den negern gemacht haben?« Ein anderer empfiehlt zum Beispiel solchen, die »Soldaten sind Mörder« sagen, als Staatsfeinde zu behandeln. Und einen jungen Kritiker machen sie auf der persönlichen Schiene fertig, verspotten die gymnasiale Bildung des »Jüngelchens«. Er könne ja nichts dafür. In den Schulen wiehere heute außerdem der linke Zeitgeist und man würde nur allerlei gutmenschlichen Unsinn gelehrt bekommen. Nettes Völkchen in diesem aufgeklärten Medium Facebook - das muss man schon sagen.

Die Mehrzahl dieser Leuchten rechtfertigt sich damit, dass sie nicht schuld sei. Stimmt. Das sind die Leute auch nicht. Hat aber auch niemand behauptet. Es sind ja nicht mal alle schuld, die vor 1945 geboren wurden. Selbst die nicht, die damals schon erwachsene Menschen waren. Was dieses polarisierende Banner aussagt, ist ja eigentlich viel perfider. Es distanziert sich nicht von den Beschuldigungen - es entschuldet. Es spielt gekonnt mit Schuld und Schulden. Letzteres soll für die Spätergeborenen nicht gelten. Anders gesagt: Wir schulden der Welt keine kollektive Verantwortung für das, was damals geschehen ist. Und demgemäß sind die Ereignisse jener Zeit kein Auftrag und keine Mahnung an die nachfolgenden Generationen. Man schuldet der Welt schließlich nichts, ist befreit von der Bürde, das politische und gesellschaftliche Handeln an den menschenverachtenden Affekten jener Jahre zu messen. Sarrazin schuldet mit seiner Eugenik der Welt schließlich auch einen Scheiß. Bürgerwehren gegen Roma auch nicht. Das Banner fordert die Loslösung von dieser ethischen Bezugnahme auf die unmoralische Geschichte Deutschlands im letzten Jahrhundert. Schwamm drüber.

Wir sollen also aufhören darüber nachzudenken, woher wir kommen und in die Zukunft blicken. So in etwa die Botschaft. Wer aber blind für die Vergangenheit ist, wird sich nicht in die Zukunft vorantasten, sondern blind vorpreschen. Dieses aufgemotzte Motto hat nicht mal entfernt etwas mit Party-Patriotismus zu tun. Es ist eine Absage an das Erbe dieser Republik, etwas, das ganz gut zum neuen Verantwortungsdiskurs einiger Politiker passt. Einige Facebookianer haben aber wohl ihre Freude über die Nationalelf mit Geschichtsrevisionismus gepolt und sind reichlich stolz drauf. Bewusst oder unbewusst. Die sozialen Netzwerke haben den Stammtisch, an dem solche Parolen früher bei einem ordentlichen Schluck formuliert wurden, ganz schön groß werden lassen. Facebook ist letztlich auch nur ein Wirtshaus.

Hier weiterlesen...

Der vom Westen traumatisierte Süden

Montag, 8. September 2014

Ja, die Kritik an Israels »Außenpolitik im Inneren« erzeugte antisemitische Auswürfe. Diese gilt es hierzulande zu verurteilen und, falls justiziabel, zu verfolgen. Aber hinter dem Antisemitismus können sich diejenigen, die Israels Vorgehen moralisch legitimieren wollen, nicht verstecken. Was im Nahen Osten geschieht, ist ja nicht einfach nur ein Konflikt. Hier verläuft eine Frontlinie zwischen dem Westen und denen, die den Westen zu hassen gelernt haben.

Insofern ist der Einsatz in Gaza mehr als nur eine Auseinandersetzung zwischen dem Staat Israel und den Palästinensern. Nicht einfach nur ein Bürgerkrieg zweier Seiten, die sich gegenseitig zu beweisen suchen, wer mit diesem Konflikt begonnen habe. Es ist ein Stellvertreterkrieg, wenn man so will. Einerseits ein westlicher Staat, der weitestgehend die Solidarität seiner westlichen Partner genießt - und andererseits ein Volk des Trikont, das vielfältig Erfahrungen mit westlichen Mächten machte und von den blockfreien Staaten Verständnis erhält. Die palästinensische-arabische Ablehnung Israels und die dazugehörige Aggression lässt sich schlicht nicht bloß mit einem  »tief verwurzelten Antisemitismus« oder gar »muslimisch begründeten Judenhass« begründen. Dahinter steckt viel mehr. Es ist die Ablehnung, ja der Hass auf den Westen, der in arroganter, doppelmoralischer und zynischer Art mit dem Trikont herumspringt.

Jean Ziegler schrieb vor einigen Jahren genau zu diesem Thema ein Buch. Es hieß: »Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren«. Er vertritt darin die These, dass die Völker des Südens schwer traumatisiert seien durch die Verletzungen des Kolonialismus, der Sklaverei und der Ausbeutung. Zu diesem Trauma gesellt sich die Arroganz und die moralische Überheblichkeit des Westens, die im Kollektivempfinden dieser Völker Hass verursachen. Den aufgeklärten Anti-West-Kurs mancher Länder in Südamerika, sieht er ebenso als Produkt eines emanzipatorischen Dranges, wie all die radikalen Bewegungen des Südens. Dass aber beispielsweise der IS keine Alternative für ein Gelingen des globalen Miteinanders sein kann, steht auch für Ziegler fest.

Im Nahen Osten verläuft eine dieser »weichen Stellen« zwischen Westen und Süden, sozusagen eine Fontanelle, die ständig Gefahr läuft, eingedrückt zu werden. Wenn die muslimische Welt rumort, weil Israel den Gazastreifen attackiert, dann ist das nicht einfach nur irgendein islamischer Antisemitismus oder Judenhass, der die Menschen dazu bringt, sondern es diese abermalige Aktion des Westens gegen den Süden, dieser weitere westliche Angriff auf die trikontinentale Würde, die wütend werden lässt. Und es ist Ohnmacht. Ziegler erzählt, dass die Menschen der südlichen Hemisphäre schon lange nichts mehr vom Westen erwarten. Sie haben diese Heucheleien satt. Glauben den westlichen Verheißungen von »Demokratie« und »Menschenrechten« nicht mehr. Am Fallbeispiel von Nigeria erläutert Ziegler, wie der Westen und seine südlichen Eliten eines der an Rohstoffen reichsten Länder der Welt so sehr ausplündern, dass es zu den ärmsten Ländern der Welt gezählt werden muss.

Warum stellen sich ausgerechnet viele Linke auf Seite Palästinas, verteidigen die Hamas und wenden sich gegen Israel? Diese Frage haben sich in den letzten Wochen einige gestellt. Das sei der strukturelle Antisemitismus der Linken, war eine beliebte Antwort. Natürlich gibt es auch Linke, die antisemitisch eingestellt sind. Meist unbewusst. Allerdings ist das nicht die vollumfängliche Antwort darauf. Die politische Linke steht deshalb gegen diese israelische Politik, weil sie diesen globalen Krieg des Westens gegen den Süden dahinter wittert. Der Gazastreifen ist nicht einfach nur ein Konfliktherd, sondern eben eine Zone des Aufeinandertreffens der historisch bedingten Benachteiligten gegen die Liga derer, die seit Jahrhunderten die restliche Welt unter sich aufteilen.

Man muss gewisse radikale, ethno-rassistische oder tribalistische Exzesse nicht gutheißen. Sie aber einfach als Barbarei abzutun, als das in die Welt gekommene Böse, das jetzt beweise, wie gut der Westen doch letztlich sei, das gehört ins Spektrum des spezifisch westlichen Rassismus. Der Islamische Staat ist eben nicht nur das Böse - er ist eine Reaktion auf die doppelzüngige Politik des Westens. Die Hamas ebenso. Sie ist in weiten Teilen judenfeindlich und will programmatisch die Beseitigung Israels - ohne diese Exzesse zu entschuldigen: Auch das sind Früchte des Hasses auf den Westen. Das muss man zumindest verstehen. Ohne es gleich gutzuheißen.

Es sind halt Ausgeburten dieses wirtschaftlichen Weltkrieges, den der Westen gegen den Süden führt. Mit radikalen Antworten gießen südliche Gruppierungen freilich Öl ins Feuer. Aber andererseits zeitigen Traumata manchmal irrationale Verhaltensmuster. Taliban, IS oder Hamas, aber auch simbabweanische Schlägertrupps oder die Raza cobriza, sind solche Muster. Sie sind insofern vom Westen geschaffene Geister, sind Reaktionen und sie einfach nur als »das Böse« zu etikettieren, ist zu plump und wie gesagt Teil eines rassistisch geprägten West-Chauvinismus. Die Terrorangst des Westens wird nie ein Ende finden, wenn er nicht aufhört, sich als »universelle Weltmacht« zu begreifen. Wenn er einsieht, dass er Traumata verursacht hat und diese immer weiter vertieft und mit seiner Haltung die Gemüter des Südens zum Kochen bringt, dann kann dieser Planet auch ohne Fanatiker »organisiert« werden. Aber nur dann.

Hier weiterlesen...

Säuseln, nicht plärren

Samstag, 6. September 2014

Er hat nicht »wie Hitler« gesagt. Das läuft bei ihm viel perfider. Reden kann er ja. Das hat er gelernt. Er sagt dabei nur so wenig. Das hat er gelernt. Wenn er dann aber doch mal redet und dabei was aussagt, dann möchte man sich die Ohren zuhalten. Oder ihm den Mund. Auf alle Fälle gehört schon etwas sublime Redekunst dazu, einen Hitlervergleich anzubringen, ohne das Gleichnis »wie Hitler« zu verwenden. Und das auch noch bei einer Veranstaltung, die als Gedenken an Hitlers Angriffskrieg gedacht war und nun den Präsidenten eines Landes gleichsetzt, das wesentlich unter weiteren Überfällen Hitlers gelitten hat.

Die Mehrheit westlicher Beobachter nennt seine Rede couragiert und einen »wichtigen Beitrag«. Sie ist aber nicht mehr als jene Art von softer Anfeindung, wie man sie zu allen Zeiten von Menschen kannte, die ihre Kriegsbereitschaft nur allzu gerne hinter Friedensmummenschanz verkappten. Kriegstreiber geifern doch nie, bekommen nie weite Augen und kriegen hochrote Köpfe. So stellt man sie sich als Klischee vor. Noch jeder, der ein Volk an den Krieg heranführte, tat dies als jemand, der völlig im Besitz seiner vernünftigen Kräfte ist. »Wir wollen ja nicht, aber man zwingt uns.« So und ähnlich klingt der Schmus aller Kriegshetzer. Sie säuseln und plärren nicht. Sie murmeln ihn im Versuch von Sachverstand herbei. Pauken und Trompeten nutzen sie nicht. Leise macht man mobil. Das sollte man bedenken, wenn man die Leisetreter, die zwischen den Zeilen für Militäreinsätze sind, heute so beobachtet. Als ob sie keine Kriegshetzer wären, nur weil sie so pianissimo theoretisieren. Gerade deshalb sind sie es!

Sonst schreien sie immer »Hitlervergleich!« und »Das geht zu weit!« oder »Das geht ja mal gar nicht!« Aber im aktuellen Falle fällt es offenbar gar niemanden auf, dass da einer stattfand. Fand er gar nicht? Der Präsident hat ja nur von Diktatoren gesprochen? So ganz allgemein? Aber was ist es denn bitte dann, wenn man dieses Memento mori zu Hitlers Krieg nutzt, um die aktuelle Situation damit zu kommentieren und zu vergleichen? Er sagte doch sinngemäß: »Liebe Leut', heute denken wir an Hitler und seinen Krieg und jetzt ist da schon wieder einer, der es ihm gleichtut.« Wenn ein Hinterbänkler solche Vorträge hält, um mal Aufmerksamkeit zu bekommen: Geschenkt! Aber ein Bundespräsident, der zu einer Veranstaltung mit dem Inhalt »Nie wieder!« geht, um dann hinzuzufügen »nur mit Abstrichen«, der ist untragbar und unhaltbar. So dreist war er noch nie. Bisher hat er zwischen seinen Widersprüchen immer Pausen gemacht, hat heute so und morgen so gesprochen. Jetzt spricht er heute so und heute so. Aber gut, was ereifere ich mich eigentlich? Das musste ja so kommen. Man kennt den Mann ja mittlerweile zur Genüge.

Deshalb will ich es auch möglichst kurz machen. Es ist ja auch Wochenende und man will noch was einkaufen gehen. Ich sage nicht mal mehr seinen Namen. Er wurde hier schon viel zu oft geschrieben; er hat beinahe eine eigene Taste auf der Tastatur seiner Kritiker. Man kennt die Denke dieses Mannes ja hinreichend. Er hat sich in seiner Amtszeit enttarnt. Und dieser Herr Präsident ist ja nicht über Nacht in Danzig kriegerisch geworden. Deutsche Christen haben doch zu allen Zeiten mit süßer Zunge von sauren Dingen gesprochen. Deutsche Christen? Hoppla, habe ich jetzt etwa auch gleichgesetzt? Und das auch ganz ohne das H-Wort oder NS-Nennung. Soll ja vorkommen. Haben schon ganz andere gemacht. Zuletzt in Danzig.

Hier weiterlesen...

Der unbeschwerliche Schiss, der uns dank Kanzlerin glückt

Freitag, 5. September 2014

Über das Glück, das nur bedingt mit der ökonomischen Lage korreliert.

Ich stand in diesem spanischen Laden herum und blätterte aus Belustigung in einer dieser deutschen Postillen umher, die sie hier verkauften. Schrecklicher Schund. Mir stach jedoch die »Zahl der Woche« ins Auge: »50 Prozent der Deutschen sind so zufrieden wie nie zuvor«. Aha. Eine aktuelle Studie des »Institut der deutschen Wirtschaft« soll das ergeben haben. »Algo más, Señor?«, fragte der Verkäufer. Ich blickte auf, legte die Zeitung weg, sagte »No, gracias, eso es todo« und zahlte. Brot und Serrano-Schinken, das sollte reichen, ich brauchte nicht mehr.

Die Situation in Spanien ist mies, kam mir in den Sinn, als ich aus dem Laden trat. Überall verkaufen sie jetzt Wohnungen zu Schleuderpreisen. Und das in bester Lage. Ganz bewusst habe ich die Gespräche mit einigen Spaniern auf »la crisis« gelenkt. Viele verdienen weitaus weniger als vorher, Urlaub ist für sie beispielsweise ein ferner Luxus aus vergangenen Tagen. Und in der Zeitung las ich parallel, dass jeder zweite Jugendliche dort ohne Ausbildung oder Arbeit sei. Die Tochter meiner Cousine zum Beispiel hüpft von Arbeitsgelegenheit zu Arbeitsgelegenheit. Sie hält sich so über Wasser, wie man das im Deutschen so schön bildlich sagt. Und das in einer wirtschaftlich eher gesunden Region. Gleichwohl habe ich viele Menschen getroffen, die nicht zu Tode betrübt wirkten. Ja, ich sah durchaus viele glückliche Spanier. Zufriedenheit. Wohlbehagen.

Alles halb so schlimm? Nein, das will ich damit nicht sagen. Armut ist noch lange kein Segen. Aber was heißt es schon, wenn man jetzt liest, dass irgendein Volk glücklich sei? Eigentlich gar nichts! Schon gar nicht, wenn es von Monat zu Monat immer glücklicher wird, so wie es in Deutschland der Fall ist. Hier arbeiten Anstalten zur Glücksvermessung täglich daran, dass ein solches Resultat herauskommt. Was aber Wirtschaft und Glücksempfinden miteinander zu tun haben, erschließt sich nicht wirklich. Mag auch die Ökonomie die Basis sein, wenn eine dieser Anstalten klingelt und fragt, wie glücklich man sei, dann denkt man erstmal an das private Glück, das kurzfristig gedacht ja völlig ohne die wirtschaftlichen Zusammenhänge auskommt. Man betrachtet sein Leben und sortiert danach sein Glücksempfinden.

»Zuhause im Glück« heißt ja dann auch eine Sendung auf irgendeinem Privatsender. Ein Titel, der blendend in unsere Zeit passt. Sie feilen alle am gesellschaftlichen Unglück, machen den Arbeitsmarkt zu einem Hort von Unzufriedenheit, aber im eigenen Zuhause kann das Glück noch herumlungern. Schön beschränkt auf die eigenen Zimmer, in der Gemütlichkeit der Privatheit, schafft man sich ein Plätzchen der Behaglichkeit. Ja, dieser Serientitel hat einen geradezu biedermeierlichen Touch.

Passend dazu die Empfehlung, die unter der »Zahl der Woche« in jener Postille stand: »Sind Sie eher unzufrieden? Schreiben Sie täglich drei Dinge auf, die Sie erfreut haben. So entdecken Sie das Glück der kleinen Dinge wieder neu.« Hm, wenn man diesen Ratschlag befolgt, dann kann selbst dem größten Unglück noch etwas abgewonnen werden. So notiert sich der bettlägrige Krebspatient, dass er heute zwei Minuten länger beim Toilettengang ausgehalten hat. Welch Freude! Und übrigens, der Joghurt war heute im Sonderangebot! Was für ein Glückstag! Ach Unglück, selbst du kannst ein Glücksfall sein!

Nach diesem fast schon esoterischen Prinzip arbeiten aber dann auch all diese Institute, die das Glück vermessen und es dann irgendwie mit der guten (Wirtschafts-)Politik in Verbindung bringen wollen. Die fragen bei Leuten an, die eben noch den Ratschlag mit den Notizen des Glücks kleiner Dinge beherzigt haben, die also aufgeschrieben haben: »Heute satter und unbeschwerlicher Schiss. Hämorrhoiden geben Frieden.« Und die so beseelt dann sagen: »Klar, ich bin zufrieden, manchmal auch richtig glücklich.« Und dann schieben die Glücksmesser es flugs der Merkel und ihrer Politik in die Schuhe. Dass es dem problemlosen Stuhlgang zuzuschreiben ist, ahnt ja keiner. Darauf kommt es ja auch nicht an.

Insofern können all diese Spanier, die mir begegnet sind, auch einfach nur so glücklich gewirkt haben, weil sie gut geschissen haben. Dass sie aber deshalb gleich auf die Folgen der Austeritätspolitik, mit der sie es zu tun haben, scheißen, muss man nicht annehmen. Glück und Ökonomie sind halt zwei Begriffe, die man nicht einfach so zusammenbringen kann. Wetten, dass es auch in Nordkorea glückliche Menschen gibt! Und Kubaner leiden Mangel an vielen Gütern, werden aber älter als Deutsche und scheinen immer zufrieden zu sein. Wie kommt das? Ich bin mir sicher, wenn man einen Insassen von Guantánamo fragte, wie er sich heute fühle, dann würde man an manchen Tage hören: »Heute bin ich glücklich, meine Peiniger haben mich unbehelligt gelassen. Kein niederknien, kein erzwungenes Spuken auf den Koran und es gab sogar schweinefleischfreies Essen.« Und wenn an einem Tage viele solcher Insassen nicht gefoltert wurden, könnte man als Schlagzeile formulieren: »Immer mehr Guantánamo-Insassen so glücklich wie nie!«

Glück ist ein Momentaufnahme und kein ökonomischer Faktor. Man kann in der Hölle für Momente glücklich sein und im Himmel durchgehend unglücklich. Ich bin es leid, ständig von Studien zu lesen, die des Deutschen Glück erwähnen und es den jeweils amtierenden Regierungen in die Schuhe schieben. Gestern meldete das Radio wieder so eine Glücksbotschaft. Wenn man dauernd wiederholen muss, dass man glücklich ist, dann stimmt da was nicht. Ich kannte da mal so ein redseliges Dummchen, das hat ungefragt der halben Welt regelmäßig berichtet, wie glücklich es mit ihrem Gatten ist. Am Schluss ist die Frau zu einem anderen geflüchtet und hat ihn sitzen lassen. Kundgetanes Glück bedeutet gar nichts.

Hier weiterlesen...

Ein Plädoyer für den Tapetenwechsel

Donnerstag, 4. September 2014

Vor einigen Wochen hat Katja Kipping ein Recht auf Urlaub für alle gefordert. Auch für Arbeitslose. Man warf ihr daraufhin Populismus und das reißerische Ausfüllen des Sommerloches vor. Möglich. Aber man sollte mal sachlich darüber nachdenken.

Ich bin wieder hier. War nur mal kurz im Urlaub. Nein, keine Angst, ich langweile jetzt nicht mit Urlaubsbildern und dergleichen. Aber dass ich mal zwei Wochen die Tapeten gewechselt habe, tat mir richtig gut.
Hier weiterlesen...

Hier weiterlesen...

Wynetta, Cindy, Schantall und der neue Snobismus

Mittwoch, 3. September 2014

Heidemarie Brosche fand es vor einiger Zeit »ungehörig und empörend«, wie sich die Mittelschicht über das Prekariat lustig mache. Und es stimmt, der Klassismus dominiert das Weltbild von Leuten, die scheinbar immer jemanden brauchen, auf den sie herabschauen können. Erst am Montag saß da zum Beispiel wieder so eine seltsame Professoren-Type bei »Plasberg«, die Hartz-IV-Empfängern die Fähigkeit der Zubereitung von Speisen aberkannte. Einfach so. Ohne große Erklärung. Sie hätten diese Fertigkeit nicht. Weiß man doch, oder nicht? Wie kommt der Mann nur auf diesen generalisierenden Unsinn?

Brosche schrieb damals, dass dieser neue Snobismus gewissermaßen auch der Erfolg des Proll-TV sei. Dort lassen unter anderem Schreihälse nach Drehbuch erkennen, dass die Unterschicht ein ganz mieser Haufen zu sein scheint. Wer dort einschaltet, der fühlt sich gleich besser, weil er sich sagen kann: »Hey, um diese Leute steht es viel schlimmer als um uns. Die haben keinen Funken Würde im Leib. Die habe ich mir wenigstens noch bewahrt.«

Ich möchte ergänzen: Das ist nur die halbe Wahrheit. Das andere Schaufenster in die Lebensart der Unterschicht basiert auf den Stand-Up von etwaigen Kunstfiguren. Sie machten die Verachtung gegenüber dem Prekariat auch salonfähig. Die neueren »Schantall-Schakkeline-Kevin-Büchern«, die Brosche erwähnt, eine Form von Erbauungsliteratur für den besseren Teil der Gesellschaft, die in leichter Sprache geschrieben ist, damit der Konsument von Scripted-Reality-Shows sie auch lesen kann, runden das Angebot an inszenierter Gosse bestenfalls nur noch ab.

Die Urmutter der gemimten Unterschichtenschlampen, die zur allgemeinen Belustigung der Mittelschicht dienen, hieß Waynetta Slob. Owen Jones schreibt in seinem Buch »Prolls. Die Dämonisierung der Arbeiterklasse«, dass man diese Figur erstmals 1990 sah. An ihrer Seite hat sie einen Gatten, der ganz zu ihr passte. Wayne und Waynetta seien die »Proto-Prolls«, denn sie seien »nichtsnutzig, vulgär, sozialleistungsabhängig und verkommen«. Waynetta sei zu einem Synonym für faule, kinderreiche, ungebildete und schmarotzende Frauen aus dem Prekariat geworden. »Immer mehr Waynettas! Dreimal so viel Krankengeld für Frauen wie für Männer unter New Labour«, titelte zum Beispiel die »Daily Mail«. Die Kunstfigur hatte es geschafft. Ihr Vorname war plötzlich Allgemeinbegriff.

Owen berichtet unter anderem auch, dass die Nutzer der Internetseite »ChavScum«, was übersetzt so viel wie Proll-Abschaum heißt, von dieser »komödiantischen Aufbereitung der Unterschicht« beeinflusst seien. Dort liest man dann kurze Statements wie »Scheiß-Sozialabschaum« oder »soziologische Analysen« wie jene, dass »eine Prolette [...] in ihrer Gruppe als unfruchtbarer Freak [gelte], wenn sie mit 17 noch keine Kinder habe«. Jemima Lewis vom »Telegraph« verteidigte diesen neuen Snobismus allerdings, denn er habe »edle Ziele im Blick: Bildung, Zielstrebigkeit, Höflichkeit.« Owen fasst zusammen, was sie in ihrer snobistischen Verteidigungsschrift meint: »Wer die unteren Schichten hasst, tue ihnen einen Gefallen: Er ermutige sie, ihren bedauerlichen Verhältnissen zu entfliehen und sich endlich zu benehmen.«

Die deutsche Waynetta nennt sich indes Cindy und kommt aus einem östlichen Berliner Bezirk. Sie tritt gewaschener auf als das britische Vorbild, kommt aber über einen Jogginganzug nicht hinaus. Außerdem ist sie Single. Arbeitsscheu ist sie jedoch wie Waynetta. Und wie die Britin bestreitet sie ihren Lebensunterhalt von Sozialhilfe und denkt gar nicht daran, das jemals ändern zu wollen. Kochen ist für sie das Aufbacken von TK-Gerichten. Aha, da haben wir es ja: Daher hat dieser Professor bei »Plasberg« seine Erkenntnisse. Er hat Cindy aus Marzahn gesehen. Ilka Bessin, die Erfinderin dieser Cindy, muss Waynetta Slob vorher nicht unbedingt gekannt haben, denn ihre Figur ist durchaus anders gelagert. Sie bedient aber letztlich dasselbe Publikum, das mit Klischees und Ressentiments durchs Leben geht und sich dort bestätigt fühlt.

Demgemäß ist diese Frau aus Marzahn nicht für wenige Zuschauer ihres Stammsenders RTL zum Synonym für Hartz-IV-Empfänger geworden. Cindy trat als wandelnder Gemeinplatz auf. Sie rekrutierte Vorurteile, um ihre Kunstfigur zu untermauern und machte damit die Kunstfigur in den Augen ihres Publikums zu einer Art Abklatsch realer Arbeitsloser. Die Leute, die diese Form des Humors mögen, sitzen da, prusten los, schlagen sich auf die Schenkel und sagen: »Genau so ist es! Genau so ist es!« Indem sie eine Arbeitslose so spielt, wie sich ihr Publikum Arbeitslose denkt, erhebt sie sich zur Anklage gegen erwerbslose Lebensentwürfe. Diese sind letztlich nicht als gescheitert anzusehen, weil etwa die Gesellschaft und der Arbeitsmarkt keine Chancen mehr für diese Leute hergeben, sondern weil sich diese Leute alle Chancen durch ihre Art selbst verbauen.

Die Proll-Karikatur greift nicht die Sorgen eines Sozialhilfebeziehers auf. Nicht der Irrsinn der Bürokratie, die Lächerlichkeit der Armut innerhalb einer reichen Gesellschaft, die auch zum Lachen zwingen könnten. Nein, dergleichen birgt kein Potenzial für Lacher bei einer Klientel, die Armut für einen persönlichen Makel hält. Nur indem man dem Armen eine gewiefte Dreistigkeit, eine geschäftstüchtige Ausgebufftheit und einen materiellen Hedonismus auf Kosten der Allgemeinheit unterstellt, regt man Gelächter an, das hernach dazu dient, die Realität der Armut mit dieser »Drehbucharmut« zu verwechseln. Schauspiel, das die Realität gedanklich ersetzt oder anreichert, ist ja nicht selten. Sie kommt bei uns allen vor. Pontius Pilatus war wohl kein milder Präfekt, wie er in so vielen Stücken dargestellt wurde. Und wenn ich mir Napoleon vorstelle, hat er die Gesichtszüge von Christian Clavier, der den Korsen vor vielen Jahren mal so stilsicher spielte. Man verwechselt ganz leicht mal Schauspieler mit realen Figuren, Cindys mit wirklichen Arbeitslosen.

Diese Proll-Stereotype haben im wesentlichen ihren Teil dazu beigetragen, die allgemeine Stimmung gegen Menschen zu wenden, die im unteren Segment der Gesellschaft darben. Die gesellschaftliche Solidarität und der Partizipationsgedanken wurden zu guten Stücken auch von solcherlei Mittelschicht-Comedians ausgehöhlt, die sich die Schwächsten der Gesellschaft aussuchten, um auf ihrem Rücken Lacher und Gagen einzustreichen. Sie sind so gesehen die belustigende Speerspitze eines snobistischen Weltbildes, in dem die Eigenverantwortung als ein heiliges Wort hochgehalten wird, auf das man bloß schwören müsste, damit alles wieder gut wird, um aus den Niederungen der Gesellschaft wieder herauszukommen.

New Labour kam als Agenda 2010 nach Deutschland, Waynetta gewissermaßen als Cindy. Ein politisches Konzept, das darauf ausgelegt ist, ganze Bevölkerungsteile zu stigmatisieren, schafft nebenher wohl ganz automatisch Kunstfiguren, die das Stigma aufgreifen, um es zur unterhaltsam präsentierten Verachtung der Opfer einen solchen Politik zu machen. Diese »Künstler« spielen zwar Outlaws, nehmen aber eine staatstragende Rolle ein. Die allgemeine Ignoranz gegenüber Armut, die zu einer Art Sozialstaatsdoktrin wurde, findet in ihrem Wirken Ausdruck. So gesehen haben sie die von den Eliten an die Mittelschicht weitergereichte Armutsverachtung ebenso verursacht. Und im Falle Cindy von Marzahns kann man attestieren, dass sie dafür belohnt wurde. Heute turnt sie völlig witzlos auch im ZDF herum. Das kann man als gesellschaftliche Anerkennung werten.

Auch wegen dieser lustigen Unterhaltung mit verlotterten Arbeitslosen kann man heute ohne Widerworte Hartz-IV-Empfänger pauschalisierend als Leute hinstellen, die dies oder das nicht können. Oder eine privat finanzierte Schule für Kinder aus Hartz-IV-Familien gründen. Denn dass man alles Machbare tun müsse, um den Kindern Wege aus der Sozialhilfe-Karriere der Eltern zu weisen, ist uns doch allen mittlerweile klar. Cindy hat uns doch mehrfach erklärt, wie das geht: Wer einmal die Segnungen des Regelsatzes erfahren hat, der rät auch seinen Kindern, dass sie zum Jobcenter gehen sollen. Das Leben ist gut am Boden der Gesellschaft, nicht wahr.

Mindestens die Hälfte unseres gesellschaftlichen Kollektivwissens über Hartz-IV-Bezieher haben wir sicherlich von den Cindys und Schantalls, die man uns unter die Nase reibt. Die Briten wissen es von Waynetta und wer weiß von welcher Figur noch. Die andere Hälfte steht bei uns in den Presseerzeugnissen - vor allem von Springer. Und ob die dortigen Journalisten ihre Eindrücke nicht auch von Wynetta, Cindy oder Schantall hatten, werden wir nie erfahren. Aber annehmen können wir es.

Hier weiterlesen...

Aus fremder Feder

Dienstag, 2. September 2014

»Die westlichen Staaten praktizieren, was Maurice Duverger den ›äußeren Faschismus‹ nennt. In den Grenzen ihrer Territorien sind sie echte Demokratien. Doch die demokratischen Werte, die die Grundlage ihrer Verfassungen bilden, hören an den Grenzen auf.
Gegenüber den Völkern des Südens praktizieren sie das Gesetz des Dschungels, das Faustrecht des Stärkeren, und vernichten jeden, der sich ihnen in den Weg stellt.
[...]
Fernando Quispe, Ollanda Humaila und die Propheten der Raza cobriza verkörpern diese Gefahr in den Anden, die Salafisten und die Taliban in der islamischen Welt.
Wenn der Westen in seiner Blindheit verharrt, werden die tribalistischen Fanatiker, die rassistischen Propheten den Sieg davontragen. Sie zerstören die Emanzipationsbewegung und mit ihr die Hoffnung auf einen Sieg über die gegenwärtige kannibalische Weltordnung.«
- Jean Ziegler, »Der Hass auf den Westen« -

Hier weiterlesen...

Aus, aus, aus!

Freitag, 15. August 2014

In eigener Sache.

Zu guter letzt wollte ich noch was zu diesem Satz aus der »Welt« schreiben: »Wenn es die Supermacht Amerika nicht gäbe, um wie viel höher wären die Leichenberge auf der Welt.« Wenn er ernst gemeint ist - und das befürchte ich -, dann beinhaltet er die Akzeptanz von Leichenbergen, denn er sagt auch, dass ein kleinerer Berg von Leichen akzeptabler ist als ein größerer. Dabei sagen uns die Herren der westlichen Welt immer wieder, dass die Aufrechnung von Toten nicht statthaft sei. Und wollte man Leichenberge nach Auschwitz nicht sogar völlig für die Zukunft ausschließen? Was ist aus diesem Ideal nur geworden? Gysi beantwortete das ganze Dilemma neulich in einem Interview so, dass die Vereinigten Staaten mit ihrer Irakpolitik ja erst die günstigen Umstände für radikale Bewegungen geschaffen haben. Aber man liest ansonsten nichts von diesen ungenießbaren Früchten des amerikanischen Anti-Terror-Krieges.

Jedenfalls wollte ich darüber schreiben. Aber ein homogener Text wollte nicht entstehen. Und je mehr ich darüber nachdachte - über meine stotternde Schreibe ebenso wie über den Irrsinn, worüber ich so zu schreiben pflege -, desto müder wurde ich. Immer dieser Irrsinn. Warum habe ich es ständig damit zu tun? Wieso schreibe ich keine Liebesgeschichten? Meine Sätze wollten mir nicht gelingen, weil ich mich dauernd fragte: Für was? Wieso dieser ewige Scheiß, der kein Ende nimmt? Immer wird es noch verrückter, noch unglaublicher. Ständig legt irgendein Idiot einen Satz nach, den man sich letzten Sonntag noch nicht mal denken konnte. So wie der mit den Leichenbergen. Wo ist der Ausgang aus diesem globalen Irrenhaus? Alles verklumpte in meinen Gedanken, ich bekam keine Ordnung mehr hin, chaotisches Wirrwarr. Geistige Verstopfung. Dann sah ich in Gedanken überall Leichenberge und leichenschänderische Typen, die daneben standen und die überschauliche Höhe der Berge lobten. Sie sagten: »Übersichtlich. Man kann noch mit den Fingern zählen. Schön ist es auf der Welt zu sein.«

Es war echt widerlich, wie sich da alles zu einer Blockade versuppte. Nichts ging mehr. Nur immer diese Leichenschänder kamen mir in den Sinn. Und deswegen dachte ich mir nach einer Weile: Das muss ein Ende haben. So schnell wie möglich. Ich mag nicht mehr. Holt mich hier raus. Dieses Spiel sollte endlich aus sein. Aus, aus, aus!

Und deshalb lege ich den Stift nieder. Lass es sein. Befreie mich von dieser Tortur. Türme von der Geistesgestörtheit dieser Welt in die Schläfrigkeit hinüber. Justiere meinen Spam-Filter, lasse nichts mehr durch. Für zwei Wochen. Urlaub eben. Seit Jahren mal wieder weg aus Deutschland. Oh, wie werde ich es vermissen! Meine Flaute kam jedenfalls gerade richtig. Oder kam sie nur, weil mir die Aussicht auf Urlaub unterbewusst die Schreiblaune dämmte? Keine Ahnung. Seid mir nicht böse. Ich brauche die Pause. Benötige Abstand zu dem ganzen Irrsinn, dem ich mich ganzjährig schriftlich widme. Sofern mir nichts widerfährt, werde ich Anfang September zurück sein. Solange werden die Irren auch ohne meine Kommentare auskommen. Wenn ich zurück bin, wird die Welt noch genauso beschissen sein. Oder noch schlechter. Mir geht die Arbeit nicht aus.

Wer mag, darf
»ad sinistram« trotzdem unterstützen. »ad sinistram« oder, seien wir ehrlicher: mich. Ich schiebe es gerne auf »ad sinistram« - das klingt weniger anzüglich. Ihr müsst wissen: Mir selbst geht es eigentlich nicht ums Geld. Die anderen wollen immer welches von mir. Unterstützung geht entweder per Paypal (siehe rechte Seitenleiste) oder über den gewöhnlichen Bankweg. Meine Kontodaten teile ich auf Nachfrage gerne mit. Da ich aber nur sporadisch online bin, werde ich nicht umgehend reagieren können. Entschuldigt diese kalkulierte Unzuverlässigkeit.

Herzlichen Dank möchte ich an dieser Stelle mal wieder an alle richten, die mich seit langem und regelmäßig nicht nur ertragen, sondern sogar unterstützen. Danke auch an alle, die dies künftig tun wollen. Bis bald.

Hier weiterlesen...

Wir brauchen nicht nur mündige Verbraucher!

Donnerstag, 14. August 2014

Schüler sollen verstärkt zu kritischen Konsumenten gemacht werden. Während sie kritisch Kaufentscheidungen fällen, zwischen vergleichbaren Produkten abwägen und das Preis-Leistungs-Verhältnis begreifen sollen, bleibt deren Heranbildung als kritische Staatsbürger ein nebensächliches Ziel.

»Die Verbraucherbildung ist an den Schulen auf dem Vormarsch«, schreibt die »Frankfurter Allgemeine«. Grundsätzlich ist dagegen ja auch gar nichts zu sagen. Kritische Konsumenten sind durchaus notwendig. Ein wenig Mündigkeit in dieser Frage schadet absolut nicht. Nur ist es schon seltsam, dass man die »Macht des Verbrauchers« zu einem progressiven Bildungsauftrag theoretisiert, während man die eigentliche »Macht des Bürgers« weiterhin in jenem lahmen Unterricht erstickt, der wahlweise Sozialkunde, Gemeinschaftskunde oder PoWi heißt. Dort lernen die Schüler die Mechanismen dieses »besten aller möglichen Systeme« kennen und erfahren wie die »Konzernokratie« tickt, die man allerdings aus nostalgischen Gründen »Demokratie« nennt. Die Macht des Staatsbürgers, so erfährt man dort mehr oder minder, endet immer dort in Ohnmacht, wo sie das Profitstreben der Wirtschaft auch bloß touchiert.

Hier weiterlesen...

Die ethische Konzeptlosigkeit der Weltgesundheitsorganisation

oder Pragmatismus ist keine Ethik.

Liberia wird experimentelle Ebola-Mittel erhalten. Die Weltgesundheitsorganisation behauptet, dieser Schritt sei ethisch vertretbar. Doch das ist ein Irrtum. Er ist zwar durchaus menschlich verständlich. Aber im Sinne jenes Teilgebietes der Philosophie namens Ethik ist dieser Schritt mindestens strittig.

Die Ebola-Epidemie greift um sich. Viele Menschen haben bereits den Tod gefunden - und viele werden ihn wohl leider noch finden. Die Eindämmung gestaltet sich schwierig. Es ist aus menschlicher Sicht völlig nachvollziehbar, dass man jetzt auch nach Strohhalmen greift und Präparate für den Kampf gegen die Krankheit zulässt, die noch nicht umfassend geprüft wurden. Aus altruistischen Gründen kann man diesen Pragmatismus rechtfertigen. Bürokratische Spitzfindigkeiten sind kaum vermittelbar, wenn einem die Patienten wegsterben. Nach demselben Prinzip greift ja auch mancher Schwerkranker auf Mittel zurück, die von Schulmedizinern als Humbug angesehen werden. Das ist wohl ein ganz normaler menschlicher Affekt. Man muss ihn wahrscheinlich akzeptieren. Die Ratio steht in Notsituationen hintan. Manchmal zählt einfach nur noch, dass irgendwas gemacht wird. Egal ob sinnvoll oder nicht.

Ethisch im eigentlichen Sinne ist dieses ganz spezielle Handeln der WHO aber nicht. Denn unter ethischen Kategorien ist diese Zulassung potenziell ein durchaus schwerwiegender Eingriff in die menschliche Würde der jeweiligen Patienten. Im Rahmen der Menschenwürde kristallisierte sich ja unter anderem eine Ethik der körperlichen Selbstbestimmung und des Respektes vor dem Körper des Nächsten heraus. Dabei handelt es sich um ein Konzept, das es moralisch und praktisch verbietet, etwaigen körperlichen Schaden am Mitmenschen in Kauf zu nehmen. Daher zum Beispiel die strengen Auflagen im Lebensmittel- und Pharmabereich. Erst wenn ausgeschlossen ist, dass der Eingriff »in den Körper« oder »in die Psyche« eines Patienten oder Kunden, keine Folgeschäden (oder sagen wir lieber: statistisch betrachtet eine geringe Aussicht auf Folgeschäden) zeitigt, entspricht es etwaigen Vorstellungen von (Menschen-)Würde.

Sich nun damit herauszureden, dass die Körper der Ebola-Patienten schon Schaden genommen hätten und es quasi nicht schlimmer werden könne, ist wiederum emotional verständlich, aber streng ethisch betrachtet kein Argument für die Aufgabe dieses »Konzepts der Würde«. Man kann es drehen und wenden wie man will, rein ethisch gesehen, ist es nicht begründbar, warum nun afrikanische Patienten Testpersonen für Mittel sein sollen, die noch nicht ausreichend geprüft sind, während an anderer Stelle Präparate vorenthalten werden, weil man sie noch nicht auf die Menschheit loslassen möchte. Wenn das ethische Konzept, wonach jedem Menschen grundsätzlich körperliche Unversehrtkeit und der absolute Respekt vor Schadensbewahrung zusteht, plötzlich aufgeweicht wird, um einem »Pragmatismus der Stunde« freie Bahn zu lassen, dann kann man schon von so einer Art ethischer Konzeptlosigkeit sprechen.

Ich will der Weltgesundheitsorganisation nicht unterstellen, dass sie diese Ethik unüberlegt für den Moment und für den gegebenen Fall aufgibt. Aber ich will festhalten, dass eine ethische Vertretbarkeit nicht zutrifft. Eine menschlich bedingte allerdings schon. Letztlich gilt, was Ernst Toller leitmotivisch sein Leben lang begleitete: Der Handelnde macht sich schuldig. Immer und immer wieder. Tut er es nicht, geht er unter. Die WHO besteht ja auch nur aus handelnden Menschen. Und wenn die Erlaubnis des Gebrauchs unzureichend getesteter Mittel dazu führt, dass die Epidemie abklingt, dann fragt keiner mehr nach ethischen Grundsätzen.

Notwendig wäre es dann jedoch trotzdem. Denn auch dann wäre dieser Schritt nicht ethisch vertretbar gewesen. Ethik lässt sich ja nur bedingt am Ergebnis ablesen. So war sie philosophisch betrachtet nie gedacht. Denn wenn aus etwas Schlechtem als Nebenprodukt Gutes entsteht, dann ist die Schandtat noch lange kein ethisch motiviertes Handeln. Hätte die Weltgesundheitsorganisation gesagt, dass dieser Schritt emotional vertretbar ist, dann hätte ich eher zugestimmt. Auch wenn ich dann an die Pharmaunternehmen gedacht hätte, die sich jetzt die Hände reiben können. So einen Feldversuch am lebenden Objekt hat man dort ja nicht ganz so oft.

Hier weiterlesen...

Die Offenbarungen des Krieges

Mittwoch, 13. August 2014

Nein, man kann im Grunde nichts über die Kriegs- und Krisenherde schreiben, die sich derzeit global auftun. Nichts über die Ukraine, den Nordirak oder den Gazastreifen. Wie will man als kleiner Blogger, der nicht über die nötigen Quellen und Kanäle verfügt, besser machen, was beim großen Journalismus, der viel weitreichendere Mittel besitzt, schon nicht richtig klappt? Der berichtet zwar ohne Unterlass, schmückt aber seine Nachrichten immer häufiger mit Floskeln wie »offenbar«, »mutmaßlich«, »nach Berichten« oder »angeblich sollen« aus. Nichts Genaues weiß man nicht. Aber erzählt wird es trotzdem.

So wie Freitagfrüh, als die Mehrzahl der Medien erklärte, dass die Hamas offenbar die Waffenruhe gebrochen habe. Nach Berichten der israelischen Armee seien zwei Raketen abgefeuert worden. (Der Bericht war ein Tweet eines Sprechers der israelischen Streitkräfte.) Angeblich soll aber nach ersten Angaben niemand verletzt worden sein.

Ständig diese einschränkenden, diese entkräftenden Zusätze. Aber das ist im Krieg normal. In ihm ist die Wahrheit die erste Geschädigte. Die Frage aber ist viel mehr, wie man über dergleichen berichten kann, ohne gleich in einen »Offenbar-Journalismus« zu verfallen, in eine Berichterstattung, die zwischen Spekulation und wahrem Sachverhalt nicht mehr unterscheidet, weil plötzlich auch wahr ist, was spekuliert werden kann? Berichterstatter, die heute den Einmarsch russischer Verbände für eine Frage der Zeit halten und morgen erklären, dass ein etwaiger Einmarsch nicht zu erwarten sei, kann man irgendwann auch nicht mehr ernstnehmen. Wer Auspizien betreibt, wo er beglaubigte Informationen weiterreichen soll, muss mit Einbußen an entgegengebrachtem Respekt wohl leben.

Klar, diese Sprache des Offenbaren ist weitaus sympathischer, als all diese tönenden Wochenschau-Stimmen von früher, die ohne einen Anflug von Zweifel die Situationen an der Front vollumfänglich erfasst zu haben schienen. Man will eben nicht mehr so klingen wie diese lächerlichen Berichterstatter, die so klangen, als seien sie die Herren der Wahrheit und nichts als der Wahrheit. So funktionierte Propaganda eben damals. Ein Mindestmaß an Skeptizismus ist allerdings schon notwendig. Aber wie vermittelt man seine skeptische Haltung so, dass die Konsumenten sie auch begreifen und vor allem, dass sich Offenbar-Meldungen nicht verselbständigen und plötzlich zu Ereignissen werden, die wirklich so geschehen sind, nicht weil sie geschehen sind, sondern weil die ganze Welt davon spricht?

Denn dass die Hamas nach Berichten offenbar die Waffenruhe gebrochen habe, das war nur eine kurze Weile offenbar und vermutlich. Etwas später war es schon in die Wahrheit übergegangen. Also schenkte man sich skeptische Zusätze und sagte, dass die Hamas die Waffenruhe gebrochen habe. Punkt. Was oft genug wiederholt wird, wird zur Wahrheit. Aus den sadistischen preußischen Offizieren, die in den alliierten Medien des Ersten Weltkrieges vorkamen und denen man unterstellte, sie töteten Kinder mit bloßer Hand und vergewaltigten Frauen bevor sie sie erstechen, wurden nach diesem Muster zum Beispiel Figuren für die Nickelodeons und letztlich Wahrheiten, an denen man nicht mehr zweifelte.
 
Eine zufriedenstellende publizistische Lösung dieses Dilemmas wird es nicht geben. Im Krieg ist der Berichterstatter immer jemand, der etwas erzählen soll, wovon er nur randständig etwas wissen kann. So richtig im Geschehen ist er natürlich nicht. Niemand weiß in einem solchen Szenario ganz genau, was gerade vor sich geht. Objektivität schwindet, wenn man um sein Leben rennt. Und in Zeiten, da Medien und Militär eine Synthese eingegangen sind, wird der Berichterstatter ohnehin nur zum Abnehmer militärischer Informationen und letztlich auch zum Instrument militärischer Interessen.

Aber was spricht denn eigentlich dagegen, einen Tweet eines Militärs einfach mal zu ignorieren? Man muss doch nicht gleich Meldungen mit »offenbar«, »nach Berichten« oder »angeblich sollen« um sich werfen. Einfach mal zurücklegen, abwarten was kommt, auf Bestätigung warten und sich von mehreren Quellen bestätigen lassen. Und dann abwägen und sich fragen, ob die Quellen seriös sind, Eigeninteressen haben und dergleichen mehr. Dann schleicht sich am Ende vielleicht doch noch manche Falschmeldung ein. Ganz sicher ist man da nie. Aber man minimiert diese Fülle an informativer Uninformiertheit, die seit Wochen und Monaten den Medienbetrieb bestimmt.

Das ist der Grund, warum ich zu all diesen Kriegsgeschehen nichts schreiben will. Einer sagte mir: »Warum schreibst du kaum was zur Ukraine und zu Russland?« Ich antwortete nur: »Weil sich mir der Kopf dreht und ich nicht weiß, worauf ich meine Meinung bauen soll. Überall dieses Durcheinander an Meldungen, ich kann nicht unterscheiden, was Meldung, Propaganda oder einfach nur Dramatisierung ist.«

Ich kann darüber schreiben, was diese Kriege aus unserer Gesellschaft machen, denn in ihr stecke ich tief drin. Aber was genau geschieht, wer wo bombardiert und wer angefangen hat, das kann ich unmöglich wissen, es sei denn, ich glaube irgendwelchen Tweets. Manchmal sollte man, wenn man keine Ahnung hat, einfach nur die Finger stillhalten.

Hier weiterlesen...

Zu Ohren gekommen

Dienstag, 12. August 2014

Neulich landete ich beim morgendlichen Kaffee im »ZDF Morgenmagazin«. Sie brachten ein spektakuläres Video aus Australien. Da rutschte ein Fahrgast mit seinem Bein zwischen U-Bahn und Bahnsteig und kam nicht mehr heraus. Prompt halfen die Passanten, kippten mit vereinten Kräften den Waggon, sodass der Mann sein Bein befreien konnte. Schwelgerischer Kommentar der Morgenmagazin-Tante: »Hach, die Australier halt.« Da war es wieder, dieses Stereotyp vom Sonnyboy, Surfer und gutherzigem Crocodile Dundee. »Singen können die alle«, die Neger. Griechen sind bekanntlich faul. Und Australier sind immer gut drauf, hilfsbereit und nett - was erwiesenermaßen an Sonne, Strand und Meer liegt.

Die »pazifische Lösung« ist jedoch auch australisch. Dabei handelt es sich um den Abwehrmechanismus Australiens gegenüber Flüchtlingen, die ins Land wollen. So wie afrikanische Flüchtlinge in Lampedusa ihrer ungewissen Zukunft harren, so landen asiatische und ozeanische Flüchlinge in Insellagern, die dem australischen Festland vorgelagert sind. Dort dürfte manches »coole Surferherz« als Sicherheitsangestellter seinen Dienst tun. Viele Flüchtlinge verweilen dort über Jahre. Stacheldraht und ein privater Sicherheitsdienst hindern die Leute, aufs Festland überzusetzen. Einen Rechtsweg gibt es für die Insassen des Lagers nicht. Sie müssen hoffen, dass sich die Situation in ihren Heimatländern ändert, um eventuell zurückkehren zu können. Es ist theoretisch nicht ausgeschlossen, dass ein Flüchtling in diesem »australischen System« den Rest seines Lebens verbringt.

Unschuldig eingesperrt, abgeschnitten vom Rest der Welt, behandelt wie Schwerverbrecher: Menschenrechte sind hier nicht viel wert. Auf den Inseln vor Australien gilt die australische Verfassung nicht - wir kennen das ähnlich im Falle Guantánamos und der Vereinigten Staaten. Im Jahr 2000 gab es dort einige Revolten, bei denen sich Flüchtlingsgefangene selbst in Brand steckten und sich mit Messern verletzten. Dies alles geht natürlich inklusive einer erhöhten Selbstmordrate ab. Wolfgang Benz behauptet, dass diese »pazifische Lösung« in Europa ins Auge gefasst wurde, als man die europäische Asylpolitik umgestaltete. Man hat gewissermaßen die neue deutsche Härte gegen Asylsuchende der frühen Neunzigerjahre mit dieser australischen Variante gepaart.

Nein, ich will damit nicht sagen, dass die Australier alles herzlose Rassisten sind. Aber nur aus diesen australischen Sonnengemütern, wie man das hierzulande gerne als australisches Stereotype nennt, besteht dieses Land am anderen Ende der Welt wohl auch nicht. Siehe Asylpolitik; siehe den Umgang mit den Aborigines. Es sind halt Menschen - wie überall. Sie helfen einem Verunfallten und schauen weg, wenn jemand seine Heimat verliert. So viel anders sind die Deutschen dann auch nicht. So viel anders wird wohl keine Gesellschaft der Welt sein. Gäbe es nur nette australische Surfer, so gäbe es vielleicht auch keine »detention camps«.

Hier weiterlesen...

Die, die den alten Kerl im Nachbarhaus erschossen

Montag, 11. August 2014

Wer nach den letzten Jahren immer noch glaubt, dass die Abwesenheit von Polizei bei Veranstaltungen grundsätzlich ein Risikofaktor sei, der hat wohl die Entwicklungen verpennt. Polizeiabsentia ist keine Gefahr, ihre Präsenz war es in letzter Zeit viel häufiger. Ohne sie wäre manches in Stuttgart und Frankfurt anders verlaufen.

Letzte Woche erklärte die Polizei in Nordrhein-Westfalen, dass sie aufgrund zu hoher Kosten ihre Leute aus Bundesligastadien abziehen wolle. Riesige Aufgebote wird es beim Fußball nicht mehr geben, es sei denn, es zeichne sich ein Spiel mit Konfliktpotenzial ab. Daraufhin das übliche Szenario in der Presse: »Droht den Fans das Chaos?«, konnte man lesen. »Das kann, das darf nicht so bleiben«, ereiferte man sich im beliebtesten Revolverblatt der Republik. Der Untergang des kickenden Abendlandes war deutlich aus den Texten filterbar. Ohne Hundertschaften glaubt man den Zusammenbruch des öffentlichen Friedens schon am Horizont zu sehen.

Wenn nicht immer und überall alles die Polizei regelt und beobachtet, dann glaubt man in Deutschland schon das Ende der öffentlichen Ordnung erreicht zu haben. Ohne regulative Macht, die stets vor Ort ist, meint man alles im Chaos enden zu sehen. Die uniformierte Exekutive, die patrouilliert und Präsenz zeigt, ist das Ruhekissen der Deutschen. Aber es ist nur ein altes Märchen, denn in den letzten Jahren war das Gegenteil der Fall.

In Stuttgart sorgte die Polizei dafür, dass ein friedlicher Protest mit Verletzten und einem Erblindeten endete. In Frankfurt wandte sie eine Leberwursttaktik (»in die Mitte hineinstechen, damit sie am Ende auseinanderplatzt«) an, die der Berliner Polizeipräsident 1967 schon gegen Studenten als Empfehlung herausgab. Polizeiübergiffe häufen sich. Mal erschießt man einen Mann in einem Berliner Brunnen; mal überwältigt man mit brachialer Gewalt einen Passanten, der nicht gleich spurt. In meinem Nachbarhaus wurde vor einigen Jahren ein Mann von der Polizei erschossen, der psychisch krank war. Er habe in seiner Wohnung randaliert und drei Beamte sahen keinen anderen Ausweg als den Gebrauch der Schusswaffe. Er wurde nach Medienangaben 67 Jahre alt. Ermittelt wurde nur sehr zögerlich bis gar nicht.

Amnesty International meldete schon vor Jahren, dass Polizeigewalt in Deutschland stark im Kommen sei. Und dass »mutmassliche Misshandlung und unverhältnismässige Gewaltanwendung« kaum Ermittlungen nach sich zögen. Transparenz gäbe es keine. Man decke in einen solchen Verdacht geratene Beamte eher noch.

Nein, ich will hier nicht die Vulgarität des RAF-Slangs bemühen und eindimensional behaupten, dass alle Bullen Schweine seien. Nein, das sind sie nicht! Viele von ihnen sind selbst nur das Instrument »höherer Interessen«, werden irgendwo hingestellt und bekommen den Auftrag, den Knüppel mächtig niederrauschen zu lassen. Gleichzeitig scheint die Polizei heute aber auch interessanter für Menschen zu sein, die ihre kleine, vom Staat verliehene Macht, gerne an anderen ausleben. Eine Ausbildung, die die »Kraft der Arroganz gegenüber dem Bürger« zulässt, wo eigentlich Bürgernähe gefordert wäre, tut ihr Übriges. Die Mehrzahl derer, die zur Polizei gehen, sind - und waren wohl nie - Leute mit Vorliebe für Gerechtigkeit. Da man die Gerechtigkeitsdebatte aber heute für überholt ansieht, muss auch die Polizei kein erhöhtes Interesse an »Gerechtigkeitsjünger« mehr aufweisen.

Grundsätzlich wollte ich nicht von einem Polizeistaat oder der durch und durch verlotterten Staatsgewalt sprechen. Aber dass man gleich den Niedergang des öffentlichen Friedens beschwört, nur weil die Polizei nicht mehr in voller Montur vor die Stadien dieser Republik zieht, das ist einfältiges Sicherheitsdenken und bestätigt nur, im welchen Paralleluniversum mancher Empörte zu leben scheint. Dass nämlich Absentia, also die Abwesenheit von Polizei, auch deeskalierend wirken könnte, auf die Idee kommt man im Staate polizeilich bewachter Biederleute eher nicht.

Denn wie viele fühlen sich mittlerweile durch die Präsenz von Polizisten mit Helm auf dem Kopf, Schild am Arm und Schlagstock im Halter bedroht? Mir wird trotz kühler Ratio flau im Magen, wenn ich bei Veranstaltungen solche Polizisten, die eher einem »Militär für das Inland« gleichen, in die Menge gaffen sehe. Wie mag es da manchem emotionalisierten Fan ergehen, wenn er aus dem Stadion kommt und durch so ein Spalier marschieren muss? Weniger bringt manchmal vielleicht mehr.

Hier weiterlesen...

Als Oblomow nicht aus dem Quark kam und die Leute selbigen redeten

Freitag, 8. August 2014

Nach diversen Schlagzeilen fachsimpeln die Leute gerne. Einer sagte mir, dass die in den Nachrichten verbreitete Zunahme psychischer Erkrankungen eine Modeerscheinung sei. Früher habe es das alles schließlich auch nicht gegeben. Man hat das Tief mit Fleiß und Disziplin überwunden und hart angepackt. Es sei Anzeichen der Verweichlichung, dass jetzt so viele Menschen »Psyche hätten«. »Ah ja«, antwortete ich und ging weg. Was will man sich mit Arschlöchern streiten?

Wir haben da einen Kollegen, der seit Monaten nicht mehr zur Arbeit kommt. Er hat wohl depressive Phasen. Immer wieder gibt es Teile der Belegschaft, die ihm das ankreiden. Würde er sich nur zusammenreißen und aufrappeln, dann wäre seine Depression ganz schnell vorüber, heißt es von manchem. Sind sind aber taktvoll, denn solcherlei Ratschläge haben sie für ihn nur in seiner Abwesenheit. Einer hat nun erfahren, dass der schwermütige Kollege täglich bis Mittag pennt. »Kein Wunder, dass es nicht besser wird.« Dass das nicht die Ursache, sondern die übliche Folge von Depressionen sein kann, sollte vielleicht mal irgendeiner erwähnen und erklären. Ich nicht, ich habe auch da nichts mehr dazu gesagt. Man muss wissen, wann man mit Streit noch etwas bewegt oder sich nur noch aufreibt.

Wieder jemand anderes hat mir vor einigen Wochen erzählt, dass eine Führungskraft aus dem Konzern, in dem er arbeitet, verlautbaren ließ, dass der so genannte Burnout keine Sache sei, die man sich in der Arbeit einhandle. Der Burnout-Patient infiziert sich gewissermaßen daheim damit. Er kommt ausgebrannt aus seiner Wohnung und seinem Privatleben und glaubt dann irrtümlich, es sei eine Art Arbeitsunfall geschehen. Wahrscheinlich wollte diese Führungskraft nur mal klarstellen, dass das Privatleben reduziert werden sollte, um am Arbeitsplatz bei voller Gesundheit erscheinen zu können. In manchen »Leistungsträgern« schlummert tatsächlich noch immer eine latente Bereitschaft zum Gulag. 

Ich glaube zwar auch nicht, dass der Burnout eine komplette Arbeitserkrankung ist. Viel mehr spielen da verschiedene Komponenten des modernen Lebens mit hinein. Wobei Gontscharows »Oblomow« zu belegen scheint, dass es ausgebrannte Zeitgenossen auch schon gab, als dieses moderne Leben noch nicht den Takt angab. Aber Erscheinungen wie lange Arbeitswege, Hektik auf allen Wegen, Menschenaufläufe, dazu private Verpflichtungen oder familiäre Probleme, die in Zeiten der Hetze nicht mehr adäquat behandelt werden, können einem schon zusetzen und desillusionieren. Dieses Phänomen ist aber eben nicht ausschließlich privat. Und da die Menschen jeden Tag zwischen sieben und zwölf Stunden für die Arbeit aufbringen müssen, dürfte dieser Faktor natürlich primäre Ursache sein.

All diese Ratschläge und Empfehlungen, die man Leuten mit psychischer Erkrankung angedeihen lässt, erinnern mich immer an ein bestimmtes Lied der »Biermösl Blosn«: »Sind Sie ein armes Würschtel, Sozialhilfeempfänger? / Haben Sie bei der Bank schon seit längerem einen Hänger? / Macht Sie die nächste Ratenzahlung schon bang und bänger? / Dann werden Sie doch einfach reich / dann werden Sie doch einfach reich / und zwar nicht irgendwann, sondern am besten gleich / am besten gleich.« So simpel kann die Welt manchmal sein. Man muss sich halt nur wahlweise für den Reichtum oder für die seelische Gesundheit entscheiden, nicht wahr?

Worauf ich hinauswill: So richtig weiter sind wir nicht. Gut, die Menschen gehen nun mit ihren psychischen Geschichten zum Arzt, nehmen diese Symptome ernster als früher. Aber Verständnis bekommen sie von ihrem Umfeld noch immer nicht uneingeschränkt. Eine harte und raue Arbeitswelt, in der man nur durch schroffen Einsatz von Ellenbogen weiterkommt, erlaubt solche Kinkerlitzchen nicht. Das färbt auf alle Marktteilnehmer ab, sodass eben auch Kollegen das seelische Dilemma als übersensible Anwandlung abtun, die man gefälligst hintanstellen soll. Die zur Schau getragene Unaufgeklärtheit in dieser Frage präzisiert bloß, dass auch Kollegen in diesem System knapper Jobs und gewollter Prekarisierung nur Gegenspieler sind.

Von überall her kommen diese Unverständigen und Besserwisser, die einem erklären, dass seelisches Ungleichgewicht Eigenverantwortung sei, eine Frage schlechten Charakters oder einfach nur ein hypersensibilisierter Auswuchs, den man sich nicht leisten darf. Sie raten heutigen Schwermütigen wie zu Oblomows Zeiten Arbeit und geregelte Struktur. »Mensch, steh' auf, die Sonne scheint, raus aus den Federn, nur keine Traurigkeit vorschützen!« Als sei der eigene Antrieb etwas, was man auf Knopfdruck auslösen könne. Wie der Prokurist in Kafkas »Die Verwandlung« stehen sie vor Gregor Samsas Türe und mokieren sich, dass man »leichtes Unwohlsein sehr oft aus geschäftlichen Rücksichten einfach überwinden« müsse. Sie sind wie diese Leute von gestern. Noch nicht im Heute angelangt. Immer noch die alten Lieder singend. Stell dir vor es ist medizinischer Fortschritt - und keiner kapiert es.

Hier weiterlesen...

Die Sozialrebellen

Donnerstag, 7. August 2014

Wer jetzt glaubt, dass Christine Haderthauer fertig sei, der hat die Mechanismen des bayerischen Establishments nicht begriffen. Affären und Skandale schaden nicht – sie sind Initiationsritus. Wenn man den richtig managt, sitzt man in Bayern fester im Sattel denn je.

Die sogenannte »Modellauto-Affäre« ist natürlich ein dreckiges kleines Geschichtchen, in der Dreistigkeit, elitäre Impertinenz und Bereicherung auf Kosten eines Dritten sich zu einem Lehrstück in Sachen Geschäftstüchtigkeit mausert. 2,6 Millionen Euro haben die Haderthauers mit Modellen verdient. Der Künstler, ein in Haft sitzender Mörder, erhielt dafür lediglich 200 Euro im Monat. Die ganze Affäre ist eine bodenlose Frechheit, ein abermaliger Beweis, wie sich als moralische Instanzen aufführende Menschen aus dem Establishment, völlig unmoralisch verhalten. Eine weitere Hoeneßiade aus dem Süden.

Hier weiterlesen...

Das schröderianische Menschenbild

Mittwoch, 6. August 2014

Die Sozialdemokraten haben sich in den letzten Jahren rhetorisch stark darum bemüht, ihren Schröder-Geruch loszuwerden. Man sei vom strikten Agendakurs abgekommen, habe eingesehen, dass vieles was damals reformiert wurde, nicht richtig klappt oder aber grundsätzlich Verschlechterungen mit sich gebracht habe und möchte sich daher heute wieder als eine progressive Kraft verstehen. So in etwa gab sich die alte Dame jedenfalls häufig.

In jenem Diskurs, der als eine Art von Emanzipation vom schröderianischen Erbe angesehen wurde, ging es vor allem um das Menschenbild, das diese Partei vertritt oder doch vertreten sollte. Muss man den Menschen durch Anreize ansticheln? Ist er ein infantiles Wesen, das ständig verfolgungsbetreut gehört? Wieviel Mündigkeit kann man ihm erlauben? In Hartz IV kulminierte letztlich auch diese Frage nach dem Menschenbild. Man definierte es in etwa so: Der Mensch ist faul, wenn man ihm keine Hürden in den Weg legt. Er muss angetrieben und drangsaliert, muss zu einem »anständigen Leben« gedrängt werden. Die Sozialdemokratie nach Schröder wollte eine politische Ausrichtung sein, die Hartz IV mit einem menschlicheren Antlitz ermöglichen sollte. Das heißt, sie gab vor, das im Sozialgesetzbuch II manifestierte Menschenbild, ansatzweise abwandeln zu wollen. Der arbeitslose Mensch sei ja keine rechtlose Verfügungsmasse des Verwaltungsapparates, sondern auch ein Bürger.

Theoretisch jedenfalls. Im Wahlkampf jedenfalls. Praktisch sieht es anders aus. Gabriel hat neulich etwas bei einem Kongress der Energiebranche konventionelle Kraftwerke gesagt: »Was der Kapazitätsmarkt nicht werden kann, ist so was wie Hartz-IV für Kraftwerke: Nicht arbeiten, aber Geld verdienen.«

Es kann ja sein, dass die heutige SPD alle Auswüchse der Agenda 2010-Zeit nicht mehr teilt. Sie hat vielleicht eingesehen, dass die Aufbruchstimmung bei Anbeginn von Hartz IV unberechtigt war, dass dieses Verwaltungsprogramm von Erwerbslosen einen Niedriglohnsektor stützt, den man rückblickend als eigentlich gar nicht (mehr) gewünscht ansieht. Viele Einzelschicksale, die durch die Medien gingen, haben den wiehernden Amtsschimmel auf Basis von Hartz IV verdeutlicht und auch der SPD nahegelegt, dass da vieles völlig falsch lief und auf reinem Arbeitgeberinteresse basierte. Aber das Menschenbild, das hat sich offenbar nicht verändert. Für den Vorsitzenden der Partei sind Arbeitslose immer noch Leute, die für ihren Müßiggang entlohnt werden.

Das ist nicht nur ein rhetorischer Lapsus, eine coole Floskel vor Unternehmern. Da schwingt ein verankertes Gesellschaftsbild mit. Der Arbeitslose ist jemand, der Geld ohne Leistungserbringung bekommt. Dass er Opfer ökonomischer Entwicklungen und politischer Entscheidungen ist, hört man aus solchen Vergleichen eher nicht heraus. Aber man hört auch heraus, dass es den Arbeitslosen ja an sich nicht übel geht. Die müssen nicht früh aufstehen, verdienen aber trotzdem Geld. Nein, liebe Kraftwerke, so ein paradiesisches Dasein ist für euch nicht drin!

Dass beim Mindestlohn Hartz-IV-Empfänger temporärer ausgeschlossen bleiben, haben die Sozialdemokraten mit politischen Zwängen erklärt. Mehr sei mit der Union nicht möglich gewesen. Gabriel legte nun nach und macht deutlich, dass die gesellschaftliche Gruppe der Langzeitarbeitslosen auch keine moralische Lobby oder gar Sympathie in der Parteispitze zu genießen scheint. Das schröderianische Menschenbild ist noch aktiv, wirkt noch nach. Hartz IV ist zwar in der Form schiefgelaufen und brauche neue Ansätze, aber dass die Menschen, die in diesem System feststecken, ganz sicher »schwierige Personen« sind, um es mal vorsichtig zu formulieren, das scheint als »Wahrheit« weiterhin das Menschenbild zu bestimmen.

Es ist dasselbe Menschenbild, dass unlängst mal wieder einen FDP-Simpel auf den Plan rief, Hartz-IV-Empfänger in Gebiete am Stadtrand auszuweisen. Banlieus seien keine Zumutung, um Sozialhilfeempfänger von denen zu trennen, die ihr Geld selbst verdienen, meinte Lindemann sinngemäß. Von Gabriel zu Lindemann ist es von der Geisteshaltung in dieser Frage gar nicht mehr so weit..

Das Menschenbild der schröderianischen Reformjahre tickt immer noch. Es scheint das einzige, was aus jenen Jahren geblieben ist. Schröders Erbe ist das »Gerücht über die Arbeitslosen«. Seine politischen Nachkommen, die sich von ihm distanzieren, sind mit dieser Agenda herangewachsen. Sie haben Schröders Satz, wonach es »ein Recht auf Faulheit« nicht gibt, noch immer im Kopf und verbinden dies mit Arbeitslosen. Früher hat man Faulheit in dieser Partei mit den Rentiers, den Abstaubern, Kapitalisten, reichen Erben und Adligen verbunden. Damals hätte Gabriel auf die zurückgegriffen, um »das süße Nichtstun« bildlicher zu machen. Heute holt man bei den Sozis die Leute heran, die Hartz IV beziehen. Einen etwaigen Vergleich mit Obermann kann man sich auch unter Sozis nicht mehr vorstellen. Denn solche Leute sind ihnen näher als die, die sie in die Lebenskrise gestürzt haben.

Hier weiterlesen...

Kurz kommentiert

Dienstag, 5. August 2014

»Dass die Ebola-Epidemie in Westafrika schon mehr als 730 Tote gefordert hat, haben sich die Verantwortlichen in den Ländern auch selbst zuzuschreiben.«
- Peter-Philipp Schmitt, Frankfurter Allgemeine am 1. August 2014 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Meine Güte muss es das Blatt des deutschen Konservatismus nötig haben, das deutsche Gesundheitswesen mit den medizinischen Katastrophen in »Liberia, Guinea, Sierra Leone, aber auch [den] ›klassischen‹ Ebola-Ländern Kongo und Uganda« vergleichen zu wollen. Gegenüber Ländern, die ökonomisch nicht in der Lage sind, eine Infektionskrankheit in den Griff zu bekommen, kann man glänzen und natürlich ein wenig überheblich sein. Schmitts kurze Analyse ist Balsam für die Seele aufgeklärter Konservativer aus dem Westen. Wenn er so tut, als sei in den genannten Ländern Informationspolitik die halbe Miete im Kampf gegen Ebola und ähnliche Krankheiten, dann ist er zwar einseitig, aber genau das liest man bei der »Frankfurter Allgemeinen« besonders gerne.

Das mit der Informierung ist natürlich überzogener Unsinn, der nicht die Wurzel der Probleme ist, sondern der Ablenkung von ihnen gilt. Mal von der Tatsache abgesehen, dass Informationen in den genannten Ländern nicht einfach über Massenmedien kommunizierbar sind. Aufklärung ist ein Zustand, der in ökonomisch gesünderen Gesellschaft funktionieren kann. Dort wo Armut, Hunger und informative Mittellosigkeit herrschen, ist sie als Empfehlung nichts weiter als Arroganz. Aber so begegnet der Westen diesen Entwicklungsländern ohnehin am liebsten.

Man darf bei aller Sorge ja nicht vergessen, dass diese Länder eben nicht unabhängig die Versorgung ihrer Bürger unterlassen. Sie sind freilich nicht unschuldig - aber sie tun es eben auch, weil die Mittel fehlen und weil die Erträge für etwaige Ressourcen in die Industrieländer abwandern. Westliche Konzerne leiten ihren Unrat aus der Kautschukproduktion in Liberias Abwässer und Menschen erkranken. Ist das medizinische Problem also rein hausgemacht? Wollen die westlichen Profiteure auch hier eine gute Informationspolitik verwirklicht sehen? Ähnlich sieht es bei der Ausbeutung der Rohstoffe in Sierra Leone aus.

Nein, so einfach wie Schmitt kann man es sich nicht machen. Aber gut, wahrscheinlich diente das Bashing afrikanischer Entwicklungsländer auch eher dazu, die konservative Seele zu streicheln. Denn so ist Ebola nur deshalb in der Welt, weil Afrikaner keine Aufklärung betreiben. Selbst schuld. Ach, wie gut wir es doch bei uns haben.

Hier weiterlesen...

Sankt Ion, komm und rette uns!

Montag, 4. August 2014

Sanktionen. Wir brauchen Sanktionen! Jetzt mal gegen Russland und Putin. Sanktionen zu fordern hat man in Deutschland ja einstudiert. Jahrelang hat man sie gegen Arbeitslose gefordert. »Härtere Sanktionen« war das Schlagwort schlechthin. Und so gut wie jeder wusste sie zu fordern. »Sanktionen verschärfen!«, rief man im Namen von Law and Order. Wie so mittelalterliches Gelichter, das aufgewiegelt fordert: »Bestraft ihn, bestraft den Sünder!«

Neulich sagte mir einer, er halte es für geboten und notwendig, dass man Sanktionen für Zuwanderer umsetze. S-a-n-k-t-i-o-n-e-n! Ob er so ganz genau wusste, was das Wort eigentlich bedeutet? Strafandrohungen für Leute, die sich das »Verbrechen« leisten, nach Deutschland kommen? Für manchen handelt es sich bei diesem Schlachtruf wohl um einen neuen Heiligen, den man anruft? Sankt Ion? Ein kanonisiertes elektrisch geladenes Teilchen? Heiliger Molekül errete uns? Sankt Ion zieh die Zügel an! Und rette uns vor den Bösen! Sind diese Sanktionsschreie das neue »Himmel hilf« oder »Och, du heiliger Bimbam«? Verzweiflungsrufe? Was steckt hinter dieser Sanktionswut?

Ich habe mal einen alten Spanier, der Deutschland und die Deutschen gut kannte, nach einer Eigenart der Deutschen gefragt. »Was ist denn so eine deutsche Masche?«, fragte ich ihn. Und weil er nicht gleich rausrücken wollte, forderte ich ihn auf: »Dímelo; sag es mir.«
   Er schaute mich an und lächelte. »Die rufen immer gleich die Polizei. Oder drohen mindestens mit ihr. Wenn sie aus dem Fenster gucken und jemanden am Briefkasten herumstochern sehen, dann rufen sie ›Polizei, Polizei!‹ und nicht ›Hau ab!‹. Das ist für mich typisch deutsch.«
   Ich nickte. Ja, da war was dran.
   »Und dass sie einen immer gleich auffordern, ihre Fragen schneller zu beantworten, das ist auch so was Deutsches.« Er stierte mich an, während er das sagte. Keine Ahnung warum.

Die Polizei hat heute keinen guten Ruf mehr. Aber irgendeine Instanz muss man doch anrufen. »Sanktionen, Sanktionen!«, rufen sie wohl daher heute. Das hat so was Schicksalhaftes, klingt unabwendbar und verspricht Strafe. Nach Sanktionen zu rufen ist im Grunde derselbe durch den Pöbel oder Mob brandende Affekt, den man zu allen Zeiten und in allen Kulturen zu hören bekam und bekommt. Die einen rufen »Steinigt sie, steinigt sie!« oder »Auf den Stuhl mit ihm! Auf den Stuhl mit ihm!« und anderen schreien »Teeren! Teeren!« und schieben nach: »Federn! Federn!«

So wie der Haufen rachsüchtiger Bauern dereinst angebliche Hexen anschwärzte und dann Strafe forderte, oder wie die Rotten von Todesstrafenbefürworter vor Gefängnissen stehen und »Tötet ihn! Tötet ihn!« rufen, so beschwört die Masse aus Journalisten und Leser eben »Sanktionen!«. Diese Rufe sind nichts anderes wie das in der Massenpsychologie attestierte »Zurücktreten des Gehirnlebens«. In der Masse »steigt der Mensch also mehrere Stufen von der Leiter der Kultur hinab.« Er wird in ihr »ein Triebwesen, [...] ein Barbar.« (Gustave Le Bon, »Psychologie der Massen«) Völlig unfähig, die Forderungen zu erklären oder sie mit Argumente auszuschmücken. Der Mensch in einer Masse, die Schlachtrufe plärrt, mag als Individuum gebildet sein, in der Masse der Schreihälse wird er zum Instrument von Parolenschwingern, denen er nachplappert und deren Thesen er daher für richtig erachtet.

Exemplarisch dafür ist diese ewige Wiederkehr von »härteren Sanktionen«, die im Hartz-IV-System in strikter Regelmäßigkeit gefordert werden. Was sollen sie bringen? Alle schreien danach. Aber bringen solche Verschärfungen Arbeitsplätze? Selbst wenn wir nur einen kurzen Moment davon ausgehen würden, dass das Narrativ vom »faulen Arbeitslosen« stimmte: Bringen härtere Sanktionen was? In vielen Bundesstaaten der USA gibt es die härteste aller Sanktionen für Mord? Aber merkt man das an der Mordquote?

Fragt der Sanktionswütige in der Masse je nach solchen Hintergründen? Fragt er, wohin Sanktionen gegen Russland steuern? Nein, er fordert nur mit, weil alle es zu fordern scheinen. Die Sanktionsschreier sind im Grunde der Mob, der früher am Pranger auf dem Marktplatz vorbeidefilierte, mit dem Finger deutete und der die vollzogene Strafe für noch immer nicht hart genug hielt.

Hier weiterlesen...

Putz dir die Nase und geh weiter!

Samstag, 2. August 2014

Die »Diktatur des Klickariats«.

»Ich weiß nicht mehr genau, wie ich dazu kam, ad sinistram zu liken«, schrieb mir einer an die Pinnwand, nachdem ich ein kritisches Filmchen zur braunen Präsenz bei Montagsdemos geteilt hatte. Dass ich in der dann folgenden Diskussion eben nicht sehr respektvoll mit einem Verteidiger der Veranstaltung umging, hat ihm nicht gefallen. Er fand das »sehr traurig und wenig sympathisch«. Daher: »Dislike. Schade.«

Was wollte der Mann von mir? Drohte er mir Liebesentzug an? »Wenn du das traurig findest«, antwortete ich ihm, »dann putz dir eben die Nase und geh weiter.« Facebook ist ein freies Neuland.

Ich habe es ja schon mal gesagt: Leute, ich bin kein Spiritual Leader. Und schon gar keiner, der sich von
»seinem Gefolge« auferlegen lässt, welche Ansichten er zu verbreiten hat. Spart euch also diese  »Diktatur des Klickariats«. Es ist schön, wenn ihr meiner Meinung seid. Aber falls nicht, ist das auch in Ordnung. Ihr müsst deswegen nicht den Scheißestürmer heraushängen lassen. Ich nehme das zur Kenntnis, wenn ihr eure Kumpel antreibt, sie sollten mich mal disliken. Aber sonst auch nichts. Soll ich weinen? Zurückrudern? »Bitte, bitte, habt mich lieb« betteln? Sind das die Verhaltensnormen, die sich da mancher von »kritischen Geistern« wünscht?

Später hat mir dann ein anderer einen Clip unter meinen Text gepostet. Darin trat ein Doktor aus Nordrhein-Westfalen auf, der erklärte, dass sein kleines Friedenstrüppchen anfangs gegen diese Mahnwachen mit geschniegeltem Messias war. Aber jetzt habe sich etwas geändert: »Wir haben uns bewegt!« Herrgott, lachte ich da köstlich auf. »Ich mich auch, Doktorchen«, rief ich dem Kerl in dem Clip zu, »ich hab mir eben den Sack gekratzt!« Was hat der Poster gemeint? Dass ich aufjuchze und Abbitte leiste?

Was ich sagen will? Hm, keine Ahnung, wenn ich ehrlich bin. Vielleicht, dass ich niemanden erziehen will und auch nicht erzogen werden will. Und wenn es jemanden nicht gefällt, dass ich bestimmte Ansichten nicht teile oder gegen bestimmte Veranstaltungen bin, dann bitte, da ist der Like-Button, den man auch zum Disliken verwenden kann. Mir sind Leser eh lieber als Liker.

Hier weiterlesen...

Wer ist eigentlich dieser Taliban, der sich in Deeskalation übt?

Freitag, 1. August 2014

Diesmal hat es die »Bildzeitung« geschickter eingefädelt als in den Jahren zuvor. Sie hat einen nützlichen Idioten als Vorhut geschickt, der sich auf so bodenlos primitive Art und Weise über den Islam und Moslems äußerte, dass nur der Chefredakteur selbst entkräften und richtigstellen konnte. So wollte man sich wohl einen pluralistischen Anstrich verpassen und sich gleichzeitig noch als so etwas wie die »Stimme des Anstandes« aufführen. 

Die Debatte über den Islam ist aber natürlich abermals entbrannt. Nur diesmal spielt die »Bildzeitung« nicht die Rolle der Stichlerin und Aufwieglerin, jetzt macht sie auf seriös, will nach eigenen Bekunden eine solche Auseinandersetzung »nicht führen, nicht befördern und nicht herbeischreiben«. Klar, doch, Diekmann und Kollegen wollen solche Debatten nicht führen. Aber die anderen sollen mal schön. Und der Stammtisch natürlich auch, der Fests kurzen Einwurf sicher nicht so falsch fand.

Indem man eine neuerliche Islam-Debatte kurz anreißt und dann per Erlass des Chefs wieder kassiert, holt man das Thema wieder aufs Tapet. Man gaukelt Widerwillen vor, aber freut sich dennoch, dass man mal wieder davon spricht. Schön passiv rührt man die »Islam-Kritik« an. Hält sich zurück, sagt: »Aber wir doch nicht.« Sollen die anderen ein bisschen Geplänkel machen, Fests Sätze zerfleddern. Irgendwas bleibt immer hängen. Denn die »Bildzeitung« ist derzeit das Blatt des Burgfriedens. Das Land muss geeint sein, der Russe steht zwar nicht vor der Türe, aber wir stehen bei ihm vor der Türe. Also bitte keine unnötigen Debatten. Und wenn, dann sollen sie die anderen führen.

Diekmanns Einwurf ist natürlich lächerlich. Seine Zeitung hetzt seit Jahren gegen Muslime in Deutschland und in der Welt. Sie kolportiert jedes Gerücht über den Moslem, gibt Trommlern ein Sprachrohr und bauscht jede Beleidigung, jede Volksverhetzung auf und macht aus ihr eine »mutige Wahrheit«.

Wenn Diekmann schreibt, dass es bei der »Bildzeitung« stets »eine unverrückbare Trennlinie zwischen der Weltreligion des Islam und der menschenverachtenden Ideologie des Islamismus« gibt, dann lügt er ganz ungeniert. Diese Trennlinie hat es nie gegeben. Man hat die Muslime in Deutschlands immer als die subversive Kraft des islamistischen Terrors in Deutschland angesehen. Man las unter anderem: Junge Muslime möchten nicht integriert sein und neigten zu Hass auf Deutsche. Sie tendierten aufgrund ihrer Erziehung zu einer autoritären Einstellung. So und ähnlich pauschalisierte man über Jahre hinweg. Und nun auf einen Schlag seien Pauschalurteile nicht mehr zulässig?

Mensch, Nikolaus Fest, dich hammse richtig verarscht. Hast nur das seit Jahren aktive Programm in einige Zeilen gegossen und bist nun der Depp. Komisch ist, dass dieser Sohn des Historikers Joachim Fest schon 2008 einen ganz ähnlichen Artikel zum Islam verbreitete. Auch in dem hat er die Grenzen zwischen Moslems und islamistischen Terroristen verwischt. Er verspottete diejenigen, die behaupteten, dass der wahre Islam ganz anders als radikal sei. Sei er eben nicht! Man konnte schon herauslesen, dass der Islam für ihn die Keimzelle von Gewalt und Terror war. Das Islambild in Deutschland sei nicht falsch, befand er damals. Die Leute stellen ihn sich nicht irrtümlich als mittelalterlich und als Brachialgewalt vor. Diese Religion sei eben wirklich anfällig für diese Auswüchse. In einem Nachtrag zum Text schrieb er dann noch, dass er »keine grundsätzliche Kritik am Islam« übe. Diekmann schritt damals aber nicht ein. 2008 fiel in die Hochzeit der Hetzerei gegen Moslems. Da war es noch opportun, einen wie Fest als kritischen Denker durchzuwinken.

Jugend- und Ausländerkriminalität war auch so ein Thema in all den Jahren bei der »Bildzeitung«. Vor allem junge Muslime seien auch hier besonders aktiv. Das liege am Machismo im Islam, konnte man lesen. Er fördere die Verrohung und sei im Keime gewaltbereit. Das waren die zentralen Thesen, die sich immer wiederholten. Wo war da die Trennlinie? Jeder muslimische Kleinkriminelle war immer zugleich jemand, der im Vorhof islamistischen Terrors stand, jeder Muslim war per se bereit für alle Schandtaten. Dass ein Schläger mit muslimischen Hintergrund einfach nur aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommen könnte, so wie sein deutscher Kollege, las man in der »Bildzeitung« nicht.

Ich weiß gar nicht, wie man das in einige Zeilen packen soll, das dieses Blatt seit Jahren zur Agenda hatte. Man muss da eine lange Liste abarbeiten. Nur einige Beispiele: Muslime seien stärker von Arbeitslosigkeit betroffen und hätten seltener einen Schulabschluss. Da fand man mit Sarrazin zusammen, der das für eine genetische Angelegenheit hielt und von Diekmanns Zeitung gefeiert wurde. Man erfand sich den »Islamrabatt«, der weismachen sollte, dass Moslems über der Gerichtsbarkeit stehen. Und dass »Ehrenmorde« eine Option für jeden muslimischen Vater oder Bruder seien, wusste doch jedes Kind. Der Typ mit deutschem Pass, der seine Frau erdrosselte, weil sie ihm Hörner aufsetzte, hatte wohl keine Ehre, die er sich mit dieser Tat zu erretten hoffte, oder wie? Und dann die Vorurteile, die man stets bediente. Noch vor vier Monaten bot man einem weiteren Trommler ein Forum, interviewte einen Mann, den man als einen mutiger Streiter für die Wahrheit feierte. Akif Pirinçci wurde gefragt, was er von muslimischen Mitbürgern halte. Antwort: Sie machten den Deutschen Angst, »... ihr flegelhaftes Benehmen, ihre Arroganz und das ständige Handaufhalten bei Papa Sozialstaat...« Diekmann, warum sind Se da nicht eingeschritten? War das nicht auch schrecklich pauschalisiert?

Komm, Diekmann, lass jetzt stecken! Es ist zu spät. Niemand nimmt Ihnen mehr ab, dass es ernst gemeint ist. Vor einigen Jahren wären Sie mit diesem Vollbart nicht mal in ein Flugzeug gekommen. Denn jeder Vollbartträger war ein Taliban und Dschihadist. Auch, weil die »Bildzeitung« (aber nicht nur sie alleine) Stereotype entwarf und Ressentiments verfestigte. Man war ja auch für die Rasterfahndung und findet bis heute nichts daran, wenn in Bus und Bahn racial profiling stattfindet. Irgendwie muss man ja Gewalttäter und kleine Fahrkartenpreller erkennen können. Vollbärte waren so ein Mittel für erstere Klientel. Wer so in die Kontrolle lief, der musste sich schon erklären. Besonders dann, wenn er einen Namen trug, der nicht so ganz nach deutschem Muster war. Murat Kurnaz und Khaled al-Masri waren auch vollbärtig. Das war aber freilich nur ein Indiz, um die beiden zu verschleppen. Auch die »Bildzeitung« hat an diesem Klima der Hysterie mitgewirkt.

Man hätte vor Jahren nach der oberflächlichen Lektüre dieses islamfreundlicheren Textes aus der Feder des vollbärtigen Diekmann nur abgewunken und gesagt: »Wer ist eigentlich dieser Taliban, der sich in Deeskalation übt?« Das Aussehen machte eine ganze Weile jedes noch so gute Argument zunichte. Diesbezüglich haben sich die Zeiten geändert. Jetzt, da jede Wurst einen Bart trägt, ist das kein Indiz mehr. Der Ablehnung des Islam ist nun wieder mehr so eine innere Angelegenheit, keine Sache von Äußerlichkeiten mehr. Außer bei der Bahn, da ist es immer noch wichtig, wie jemand aussieht. Aber das führt jetzt zu weit.

Hier weiterlesen...

Eine nostalgisch ausgefüllte Erinnerungslücke

Donnerstag, 31. Juli 2014

Vor 100 Jahren trat das Deutsche Reich in jenen Krieg ein, der der Erste Weltkrieg werden sollte. Schon am Wochenanfang erinnerten einige Gazetten mit Fotostrecken und Rückblicken daran. Zeitgleich beweisen sie aber auch, dass man aus solchen Retrospektiven nichts lernt.

Eigentlich ist die derzeitige Situation ein Treppenwitz der Geschichte. Seit einigen Wochen erinnern die großen Magazine und Zeitungen an das Europa vor 100 Jahren, das an der Schwelle zu einem großen Krieg stand. Journalisten beschrieben unter anderem den herrlichen Sommer 1914, wie die Menschen weitermachten, in Cafés oder auf Spaziergänge gingen und das stille Privatglück am Rande des Weltenbrandes genossen. »Und plötzlich leuchtete die Welt«, beschrieb der »Spiegel« diese Situation.

Hier weiterlesen...

... wenn man trotzdem lacht

Mittwoch, 30. Juli 2014

»Man hat manchmal das Gefühl, die einzige Verfassung, die unsere Parteien wirklich interessiert, ist ihre eigene finanzielle.«

Hier weiterlesen...

Ach, läge Bremen nur am Rhein und Kiel an der A9!

Dienstag, 29. Juli 2014

Nordlichter, zieht euch warm an! Was auf europäischer Ebene von Nord nach Süd geschieht, will Bayerns Finanzminister Söder im Inneren vom Süden in den Norden transportieren. Er fordert »einen Solidarpakt nach EU-Vorbild«. Dabei ist das Modell des Fiskalpakts vieles, aber sicher nicht solidarisch.

Tja, liebe Bremer, Schleswiger und Holsteiner, euch hat Söder im Blick. Weil er den Länderfinanzausgleich für eine ausgewiesene Ungerechtigkeit gegenüber jenen Ländern ansieht, die für strukturschwächere Länder aufkommen müssen, will er das ganze Konzept hellenisieren. Möchte er also den Begriff von Solidarität neu definieren: Wer erhält, der soll bluten. Beim Christsozialen klingt das natürlicher hübscher. »Leistungsanreize setzen und Auflagen zulassen« nennt er dieses Prinzip, das in Griechenland, Portugal und Spanien drastische gesellschaftliche Konsequenzen nach sich zog. Nur so könne man dort Reformen erzwingen.

Steigt dann auch in Bremen die Selbstmordrate? Nehmen HIV-Erkrankungen zu und werden notwendige Medikamente knapp? Erhöht sich in Schleswig-Holstein die Zahl der Totgeburten? Wieviele bleiben ohne Sozialleistungen, ohne Krankenversicherung, ohne Job? Wohnen dann wieder mehr Mittvierziger bei den Eltern, weil sie sich ein eigenes Leben nicht mehr leisten können?

Vielleicht will es Söder nicht ganz so derb. Unter Deutschen muss ja ein Mindestmaß an Sittlichkeit gewahrt werden. Das merkt man schon an der Sprache. Griechen waren für diese Sorte von Politikern ja faul, lebten ein nicht mehr zeitgemäßes Leben oder hingen in der Hängematte herum. So spricht man aber nicht von Norddeutschen. Das tut man einfach nicht.

Doch warum nicht anregen, die dortigen Kommunen weiter schleifen und Renovierungen von Kindergärten oder den Haushalt für Stadtbüchereien auszusetzen? Wer Tranchen vom Rettungspaket aus Bayern erhält, der muss schließlich beweisen, dass er gewillt ist, irgendwo Gelder einzusparen. Die Austerität klappt ja auch in Griechenland so fein. Weshalb nicht an der Weser?

Dieser Mann fordert die Auflösung eines Solidarbegriffs, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland und Europa entstand. Die neue Solidarität ist eine Pistole, die man vorhält. Strukturausgleiche werden zu Erpressungsversuchen. Monika Maron schrieb in einem kurzen Aufsatz, dass die Westdeutschen ihr »eigenes Wohlergehen nur noch als eine gerechte Folge ihrer ehrlichen Arbeit ansahen, nicht aber auch als einen geographischen Glücksfall. Läge Schwaben an der Oder, läge Leipzig am Rhein«, dann hätte es vielleicht mehr Proteste in Stuttgart als in Leipzig gegeben.

Die Passage beschreibt in etwa, warum es Ausgleichsfonds gibt. Sie sind nicht etwa unsolidarisch, sondern eben der Ausgleich für unausgeglichene Bedingungen. Läge Kiel an der A9 als Ausgangsbasis für den Handel in alle europäischen Himmelsrichtungen, wäre Bremen im Dreieck zwischen Rhein, Main und Neckar entstanden und müsste sich nicht mit der wirtschaftlich wesentlich uninteressanteren Weser begnügen, dann sähe manches anders aus. Die Gnade der strukturell begünstigten Geburt sollte man nie mit »ehrlicher Arbeit« verwechseln. Die tun nämlich auch andere und kommen auf keinen grünen Zweig.

Wer Standortnachteile jetzt auch noch mit Austeritätskriterien versehen will, gerade so, wie wir es in Griechenland beobachten konnten und noch können, der verschärft diese Unausgeglichenheit drastisch. Der will ein Gemeinwesen als einen öffentlichen Raum deklarieren, den sich die Mehrheit nicht mehr zu betreten leisten kann. Söder will keinen neuen Solidarpakt, sondern die Entsolidarisierung nun auch im Inneren.

Hier weiterlesen...

  © Free Blogger Templates Columnus by Ourblogtemplates.com 2008

Back to TOP