Im Parallelen

Montag, 28. April 2014

Der bayerische Justizminister Bausback möchte die »Paralleljustiz« in den Griff bekommen. Damit meint er das, was am rechten Rand zum Beispiel auch als »Islam-Rabatt« bezeichnet wird. Schon ulkig, dass ausgerechnet ein Mann aus der CSU als Macher in »Parallelitäten« auftritt.

Seine Partei betreibt in ihrem Bundesland immer irgendwie Paralleljustiz. Entweder lässt man lästige Zeitgenossen wider allen besseren Wissens wegsperren. Oder man sorgt für die Strafbefreiung für Parteigänger und Gönner. Ausnahmen gibt es natürlich. Aus der Hoeneß-Nummer kam man dann doch nicht mehr raus. Von Strauß über Streibl und Stoiber bis hin zu Seehofer arbeitet diese Staatspartei immer eng mit einer Justiz zusammen, die parallel an dem vorbeiurteilt, was eigentlich vom Gesetz vorgesehen wird. Wenn sie überhaupt urteilt. Manchmal tut man ja auch alles, damit es erst gar nicht zu einer Involvierung der Justiz kommt.

Und falls doch, dann wird das Verfahren verschleppt, ins Lächerliche gezogen oder man empfiehlt dem Angeklagten, plötzlich an Amnesie zu leiden. Das ist so ein bisschen, wie die Mafia ihre »Paralleljustiz« gestaltet. Der Consigliere flüstert, dass man auf unwissend machen soll und man tut dann genau das. Im Gegenzug will man im Bayern der CSU schnelle Urteile bei unpolitischen Fällen. Wie im Fall Rupp beispielsweise. Dessen Familie wurde verurteilt, weil sie das Familienoberhaupt zerstückelt und den Schweinen zum Fraß vorgeworfen haben sollen. Es gab Geständnisse. Jahre später tauchte aber die Leiche und sein Auto in der Donau auf. Wie man zu Geständnissen kam, hat sich fast keiner gefragt. Man wollte um jeden Preis einen schnellen Erfolg und ein schnelles Exempel statuieren. Wenn aber einer wegen Wirtschaftskriminalität vor einem Richter steht, dann zieht sich das in die Länge und kaum jemand hat daran was auszusetzen.

Die CSU ist nicht nur paralleljuristisch - sie ist überhaupt so eine Parallelgesellschaft. Auf kommunaler Ebene entscheidet man beispielsweise an öffentlichen Ausschreibungen vorbei, erteilt dem »guaden Spezl« den Auftrag und erklärt aber dann öffentlich, dass der Wettbewerb zu den wichtigsten Dingen der leistungsorientierten Gesellschaft gehört. Sie sieht auch nicht so genau hin, wenn parteinahe örtliche Unternehmer »Parallelwirtschaft« betreiben. Die res publica findet auf dem kleinen Dienstweg statt. Das System CSU ist eine Parallelschaltung zum normalen Leben. Es läuft im wirtschaftlichen Parallelbetrieb.

Bayerische Innenminister sind von jeher Beispiele einer »parallelen Innenpolitik«, die sich schwertut, im Rahmen gesetzlicher Vorgaben zu bleiben, weil sie gerne auf den Putz haut und als Betätigungsfeld »harter Hunde« missverstanden wird. Überhaupt ist dieses Bayern der CSU ein Bundesland, das sich gerne in Parallelität zum Föderalismus, Länderfinanzausgleich und Bildungspolitik stellt.

Man kann sagen, alles was es öffentlich gibt, gibt es hinter den Kulissen auch nochmal parteiintern. Die CSU ist eine Partei in Parallelbewegung. Für sie ist das übliche Programm der Gesellschaft nicht immer bindend, sie hat sich ein gegenüberliegendes Konzept angeeignet, gewissermaßen ein Paralleloprogramm. Jemand der wie Bausback aus diesem Milieu kommt, könnte natürlich tatsächlich ein Fachmann für »Paralleljustiz« sein. Aber verlogen ist es trotzdem, dass der Mann jetzt auf Friedensrichter Einfluss nehmen will, während in seinem Bundesland einige Richter immer wieder parteigenehme Urteile fällen oder die Justiz an der Aufklärung parteinaher Delikte vorbeirecherchiert.

Komisch, dass man in diesem Land nur immer von nationalen oder kulturellen Parallelgesellschaften spricht, die klassenspezifischen Parallelgesellschaften aber einfach ausblendet. Letztere sind weitaus mächtiger und fügen dem Gemeinwesen deutlich mehr Schaden zu. Dieses Schattensystem, das es in vielen Bundesländern und Kommunen gibt, aufzulösen und das Gewaltmonopol des Staates wieder einzurichten, das wäre die viel brennendere Sorge. Und nicht, ob ein Richter Rücksicht auf die kulturelle Herkunft eines Gewalttäters nimmt und die dann mit vier Monaten weniger Haftzeit verrechnet.


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Traktat wider die modernen Manichäer

Freitag, 25. April 2014

oder Über die Gefahr anzunehmen, man würde unter den Guten auf Erden leben.

Die deutschen Medien scheinen im Dualismus aufgegangen zu sein. Für sie gibt es ganz offensichtlich nur noch zwei Entitäten: Gut und Böse. Mit dieser Zweiheitslehre erklären sie Weltpolitik.

Ob man nun in der »Frankfurter Allgemeinen«, der »Zeit« oder ganz klassisch in der »Bildzeitung« zur Lage in der Ukraine blättert; ob man die »Tagesschau« oder »heute« oder eine politische Talkshow zum Thema Rußland einschaltet; ob man sich einen Bericht zu Putin bei öffentlich-rechtlichen oder privaten Radiosendern antut: Der dualistische Kernpunkt und Leitgedanke ist immer derselbe. Er schwingt mal geflüstert, mal markerschütternd mit, wird aber nie in Frage gestellt. Zwei Substanzbegriffe sublimieren das weltpolitische Zeitgeschehen in einen Antagonismus, der sich zwischen »dem Guten« und »dem Bösen« abspielt. Und beide werden verortet: Gut ist hier und sind wir, böse ist dort und sind die anderen. Das ist im Wesentlichen die Reduktion der aktuellen Berichterstattung. Mehr Extrakt als diese »diese letzten Prinzipien, die die Welt begründen und gestalten« ist kaum noch.

Vor einiger Zeit war dieser Dualismus zwar auch schon spürbar, wenn zum Beispiel im Zuge neuer Weltgeltungspolitik über Auslandseinsätze der Bundeswehr geschrieben wurde. Aber ein wenig Zwischenstufe, die die moralische Rigorosität auflöste und damit das weltpolitische Geschehen wieder von Kategorien befreite, mit denen man keine politische Berichterstattung führen kann und sollte, gab es dann doch noch. Dass Politik die Kunst des Machbaren sei, hat man zwischenzeitlich oder in Zwischentönen immer wieder akzeptiert. Diese Akzeptanz scheint nun aber ad acta gelegt. Außenpolitik findet nun im Rahmen eines moralisch-dualistischen Korsetts statt. Sie ist eine fast manichäische Angelegenheit, in der die zwei Naturen des Lichts und der Finsternis miteinander ringen und in absoluter Gegnerschaft zueinander stehen.

Die Manichäer glaubten, dass seit Anbeginn das unversöhnliche gute und böse Prinzip die Antriebsfedern des Seins seien. In der Welt und im Menschen wähnten sie diese Prinzipien schuldhaft vermischt. Aber erst durch die Trennung der Entitäten könne Erlösung geschehen. Insofern könnte man fast etwas polemisch festhalten, dass wir ins »Zeitalter der Erlösung« eingetreten sind. Denn jetzt scheint Gut und Böse sich zu entwirren und die Reinheit der Prinzipien erreichbar.

Diese Kritik an der moralischen Interpretation des Weltgeschehens heißt natürlich nicht, dass Ethik kein Fach sein darf, welches in der Politik und der Dokumentation des politischen Geschehens nicht vorkommen soll. Soll sie ja durchaus. Was wäre Politik ohne moralische Grundfragen? Was ein Journalismus, der ethische Normen einfach überspielt? Nur darf keine Ethik unter dem Eindruck fest verteilter Rollen betrieben werden. Das bedeutet, »gut« kann nicht grundsätzlich »hier« und »wir« sein und »schlecht« nicht »dort« und »die anderen«. Ein moralisches Attribut ist niemals eine Ortsangabe. Man muss flexibel bewerten. Die grundsätzliche Gleichsetzung der eigenen Standpunkte mit dem Guten ist intellektuell fadenscheinig und überdies eine Gefahr.

Denn eine solche Berichterstattung erschwert die Gelassenheit, die notwendig wäre, die Dinge objektiv zu begutachten. Und sie animiert dazu, den politischen Kontrahenten erst gar nicht verstehen zu wollen. Indem man sich selbst als »das Gute« adelt, ordnet man der Gegenseite automatisch die Rolle des apriorischen Bösen zu, das nicht nur Fehler macht, sondern quasi böse ad naturam ist. Die Sublimierung des Weltgeschehens in diese beiden ethischen Kategorien ist heimtückisch. Sie macht die Konfrontation zu einer Glaubenssache und ernennt »unsere Interessen« zu einem Sujet, über das gar nicht mehr diskutiert werden muss.

Bis vor einiger Zeit waren »unsere Interessen« in den Medien noch Thema. Manche verteidigten sie, andere fragten, ob das denn wirklich alles sein müsse, um diese Interessen zu befriedigen. In der Berichterstattung zu Russland und der Ukraine haben sich »unsere Interessen« so vergeistigt, dass sie zu einer Grundsätzlichkeit geworden sind, über die man nicht spricht. Über Interessen spricht man nicht mehr - man hat sie. Wir sind in Begriff, über den Grad der Rechtfertigung hinwegzueilen. Jetzt geht es nur noch darum, das Gute in der Welt zu gewährleisten. Das aber potenziert die Konfrontationsbereitschaft; denn Sachgründe und neutrale Analysen ermahnen zur Ausgewogenheit, aber Berichte in Stile von Licht und Finsternis legen die Konklusion schon vorher fest. Im Kampf gegen das Böse ist Phlegma schließlich nicht chic. Das Gute verdeckt so die monetären Interessen und fegt die niederen Beweggründe weg, die in diesen Motiven liegen. Das Hehre kommt zum Vorschein.

Genug Philosophika jetzt. Bei so einer Phraseologie wird einem ja die Milch sauer. Aber es gibt Dinge, die kann man schlecht alltagssprachlicher ausdrücken. Nur so viel noch: Ich habe genug davon, dass ich dauernd denken soll, ich lebe zwischen den Guten dieser Welt. Für die islamische Welt und neuerdings für Russland sind wir das Konsortium des Bösen. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit. Irgendwo dazwischen ist auch Russland oder die islamische Welt zu finden. Wir sehen uns in diesem Dazwischen nur nicht gegenseitig, weil wir uns eine dualistische Nebelmaschine angeschafft haben.

Ich habe hier, im Land des Guten, genug erlebt um sagen zu können: Glaubt mir, auch hier gibt es viel Dunkelheit - wenn man auf der falschen Seite des Lebens steht und man den Lichtschalter nicht ertastet. Und wenn man ihn dann doch mal erfühlt hat, dann funktioniert er nicht. Die westlichen Bündnisse reagieren jetzt auch nicht gerade wie Sonnenscheine. Dass die Medien ihre Einseitigkeit dennoch manichäisch aufrechterhalten ist ein Problem. Woher sollen die Stimmen der Mäßigung denn kommen, wenn nicht durch sie? Eine Medienlandschaft, die so eindimensional berichtet, ist ein großer Stein in jenem Mosaik namens »Gefährdung des Friedens«, an dem jetzt so eifrig gearbeitet wird.


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Linke Leute von rechts

Donnerstag, 24. April 2014

Im Umfeld der neuen Montagsdemonstrationen tummeln sich tatsächlich viele Menschen mit rechts eingefärbten Ansichten. Fast gefährlicher sind aber jene Stimmen der Bewegung, die verkünden, die Zeiten von Links und Rechts haben nun endgültig passé zu sein.

Jutta Ditfurth behauptet seit einigen Wochen, dass die neuen Montagsdemonstrationen für den Frieden von antisemitischen und rechten Parolen begleitet werden. Einige Initiatoren würden etwaige Slogans nicht nur dulden, sondern dort selbst in »antisemitischer Kodierung« sprechen. In einem Interview mit der »Kulturzeit« erklärte sie letzte Woche genauer, was hier heranwächst.

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Die Kanzlerin, die man per Gesetz für unfotographierbar erklärt

Mittwoch, 23. April 2014

Dass nach der Geschichte mit Edathy eine Verschärfung kindlicher (Fast)-Nacktbilder folgen würde, das war ja fast klar. Wieder mal neue Grauzonen und Rechtsunsicherheiten, die diese regulierungswütige, nur in wirtschaftlichen Grundfragen auf Laissez-faire spielende Republik erzeugt. Wer jetzt seine Kinder beim Planschen ablichtet, der sollte unter Umständen ein dickes Fell und eine Rechtsschutzversicherung haben. Denn ob es nicht einem Posing gleichkommt, wenn sie sich da in Badehosen am Becken aalen, ist dann juristische Auslegungssache. Aber dass auch gleich noch »bloßstellende Bilder« jeglicher Machart strafrelevant werden sollen, verschärft die ganze Grauzonen-Prüderisierung nochmals um ein ganzes Stück.

Wo fängt Blöße bitte an und wo ist sie Normalzustand? Jeden stellt etwas anderes bloß. Den einen ein dummer Gesichtsausdruck, den anderen ein Glas Wein in der Hand oder der sich dunkelblau abhebende Schweißfleck im Achselbereich eines hellblauen Hemdes. Mancher befindet einen dummen Gesichtsausdruck womöglich sogar als Anzeichen für Intellekt. Ein konkretes Beispiel gefällig? Damit kann ich dienen: Wenn die Kanzlerin mal wieder eines ihrer bekannt dummen Gesichter macht und einer betätigt genau dann den Auslöser seines Fotoapparats: Wie will man das denn werten? Die Frau gibt sich quasi ständig die Blöße. Die Fotos ihrer Entstellung sind Legion. Immer dann flankiert sie ihre intellektuelle Bloßstellung quasi synchron mit physischer Blöße. Trotzdem ist sie in dem Moment auch sie selbst. Ja, wahrscheinlich ist sie gerade in diesen Augenblicken ganz besonders sie selbst.

Warum also die Arbeit von Fotojournalisten so sehr in die Grauzone hineinkriminalisieren? Wenn sich dann noch ein Richter mit Realitätsbezug findet, endet ein etwaiges Gerichsverfahren in der Sache etwa so:
   »Herr Anwalt, richten Sie Ihrer Mandantin, der Kanzlerin, bitte aus, dass sie nun mal so aussieht wie sie aussieht. Das ist nicht Bloßstellung, bloß der Eindruck, den sie in dem Moment vermittelte. Sie können es doch dem Fotographen nicht vorwerfen, dass sie zuweilen so gewöhnungsbedürftig guckt.«
   »Herr Vorsitzender, der Mann hätte ja nicht auslösen müssen.«
   »Herr Anwalt, Ihre Mandantin hätte auch kein blödes Gesicht machen müssen.«
Deswegen frage ich ja: Wo fängt Blöße an? Es gibt Leute, die sehen immer bloßgestellt aus. Sogar wenn sie ganz im Gegenteil aussehen möchten. Meist stellt sie dieser Versuch erst recht bloß. In der Bundesregierungen finden sich viele dieser Sorte. Man dürfte sie also gar nicht mehr bildlich erwähnen. Aber die Öffentlichkeit hat schließlich einen Anspruch auf Fotos von »Personen der Zeitgeschichte«. Was wiegt letztlich mehr: Dieser Anspruch auf Information oder das Bloßstellungsverbot?

Es ist doch immer dasselbe, wenn deutsche Regierungen anfangen wollen, die komplexen Erscheinungen der neuen Medien regulieren zu wollen. Dann schaffen sie keine Rechtssicherheit, sondern einen Komplex, in dem man zwischen »strafrelevanter Handlung«, Legalität oder Grauzone kaum unterscheiden kann. Die gesamte Debatte um das Leistungsschutzrecht war schon derart marmoriert mit grauen Nischen, dass es ein einziges Grauen war. Und überhaupt ist es ja nicht so, dass man gegen die Verbreitung von (bloßstellenden) Fotos durch Dritte, heute nichts machen könnte. Persönlichkeitsrechte gibt es heutigentags schon. Warum jetzt dieses »Seht-her-wir-handeln!«, dieses wichtigtuerische Dramatisieren?

Was jetzt im Abklang der Edathy-Geschichte geschieht, ist die Etablierung von Prüderie und Spießigkeit. Es sind beabsichtige Gesetze, die nicht durchdacht sind, sondern einfach in einer Art von »spätviktorianischen Geist« entworfen wurden. Noch mehr Regeln, die nicht klar sind, sondern Auslegungssache. Noch mehr interpretatorische Arbeit. Noch mehr Gerichte und Juristen, die deuten und umdeuten, die die Bloßstellung entkräften oder beweisen wollen. Und wieder mal ein Minister, der durch halbgaren Aktionismus und hausbackener Moralapostelei auffällt.

Fotographiert den Mann ja nicht - er ist auf seine Art ein Bloßgestellter. Schon als er damals beim »Focus« in seinem Blog »Maas-Arbeit« pro Schröder und seine Reformen schrieb, stellte er sich bloß. So jemanden kann man nicht mehr knipsen, ohne dass man ihn bloßstellt. So kopflos wie er jetzt herumfuchtelt mit Gesetzesplänen, die ihm die Kommentarspalten und die Meinungsmacher einflüsterten, entstellt er sich doch chronisch. Die bestehenden Gesetze hätten völlig ausgereicht. Und ein Kind in Badehosen macht noch keinen Porno.


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Zu Ohren gekommen

Dienstag, 22. April 2014

Neulich überflog ich einen Artikel bei »Focus Online«. Es ging um Steuerverschwendung und schon im ersten Absatz wurde der »Bund der Steuerzahler« genannt. Weiter hinten stand dann: »... Urteil des BdSt ...« Ich fragte mich, was das das für ein Organ ist. Und in welcher Kammer fällt es Urteile? Aber der »Focus« erklärte natürlich alles. Schon weiter oben hatte er das Kürzel erläutert. Als er schrieb »Bund der Steuerzahler«, setzte er es dahinter in Klammern. Wikipedia bestätigte, dass es sich offenbar um die übliche Abkürzung handelt. Die Recherche per Suchmaschine ergab, dass es nicht besonders oft von Medien verwendet wird.

Dieses »BdSt« lässt den Betrachter im ersten Augenblick annehmen, hier handle es sich um etwas hochgradig Staatliches, um eine offizielle Stelle gar. Und wenn die ein Urteil fällt, dann muss daran doch etwas sein. BdSt: das liest sich irgendwie wie StGB oder BVerfG, wie ein Verfassungsorgan oder wenigstens eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Dabei handelt es sich nur um einen eingetragenen Verein, der als Lobbyverband wirkt. Aber diese Anordnung von Groß- und Kleinbuchstaben, wie man sie hierzulande offiziellen Stellen und Institutionen verleiht, macht amtlich und leitet die allgemeine Amtsgläubigkeit auf diese Privateinrichtung um. Auch ohne Kürzel glauben ja viele, der »Bund der Steuerzahler« sei eine amtliche Einrichtung, die von amtshalber Verlautbarungen herausgibt. Aber mit dem Kürzel glaubt man es eben noch fester und gibt sich eine Autorität, die ein eingetragener Verein gar nicht haben dürfte.

Dieses Spielen mit »amtlichen Stilelementen« erinnert mich ein wenig an Wallraff, wie er verdeckt im Callcenter tätig war, als dortiger Agent kleine Lokalitäten anrufen musste, um denen eine völlig überteuerte Tafel mit dem Jugendschutzgesetz anzudrehen und zum Einstieg ins Gespräch sagen musste: »Ich rufe im Auftrag des deutschen Jugendschutzes an.« Das klang nach was und schüchterte die Geschäftsbesitzer ein. Vor allem die, die mit der rechtlichen Situation nicht ganz vertraut waren oder nicht so gut Deutsch sprachen. Wallraff wies in seiner Reportage ausdrücklich darauf hin, dass man gezielt mit Konstellationen wie »deutscher Jugendschutz« hantiere. So denken viele, sie hätten es mit einer Behörde zu tun und nehmen an, sie hätten der Anordnung des Callcenters Folge zu leisten.

Und wieviele haben den Berichten des BdSt schon »Folge geleistet«? Darauf vertraut, dass er es gut und seriös meint? Und sich beim Anblick des Akronyms bestätigt gefühlt, dem Verein unbedingten Glauben zu schenken? Die INSM ist das ganz falsch angegangen. Die PR-Leute hätten ein Gemisch aus Groß- und Kleinbuchstaben verordnen sollen. Außerdem fängt man mit einem B oder einem St an - das wirkt einfach amtlicher.


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Wir waren die, die Kirsten eine schlimme Kindheit bereiteten

Samstag, 19. April 2014

»Na klar, die Kinder heute sind viel brutaler«, stellte er wieder mal fest. »Auf den Pausenhöfen geht es zu wie im Krieg. Die Kinder machen sich heute alle gegenseitig fertig. Das gab es bei uns früher noch nicht«.
   Dauernd liegt er mir mit solchen Weisheiten in den Ohren. Das geht mir auf die Nerven.
»Haste vergessen, wie es bei euch war?«, fragte ich ihn und fügte hinzu: »Hey, bei uns hättest du nicht Mäuschen sein dürfen. Wir waren richtige Schweine.«
   Kinder waren immer erbarmungslos. Das ist eine der wenigen Konstanten in der Welt. Und dann dachte ich an Kirsten.

Sie zogen sie an den Haaren, rissen an ihrem Pullover, entwendeten ihr die Brille, warfen ihr Federmäppchen quer durchs Zimmer. Immer wenn unsere debile Lehrerin den Raum verließ, stürzten sie sich auf sie. Mit leisem Gebrüll. Bereit alles an Niedertracht zu geben, was in ihnen steckte. Sie heulte leise vor sich hin, hielt aus, muckte nie auf, wischte sich die Tränen von den Wangen. Ich habe das Mädchen keine drei Sätze sprechen hören - und das in vier Schuljahren. Das war nicht Mobbing, das war die systematische Zerstörung einer Kindheit. Jede freie Minute ohne Aufsicht der Lehrkraft, war nicht eine gewonnene Minute, wie bei uns anderen Kindern. Bei ihr war es eine weitere Zeiteinheit ihres Martyriums. Mir tut dieser Anblick heute noch in der Seele weh.

Kirsten stammte offenbar aus schwierigem Elternhaus. Sie war nicht sehr modisch angezogen. Die Brille war bieder. Die Haare strähnig. Einzelgängerin. Keine Schönheit. Aber wer ist das schon? Wenn man schöne Menschen näher kennenlernt, werden auch sie häufig hässlich. Nach vielen Jahren der Qual war sie plötzlich weg. Keiner wusste wohin. Sie erschien nicht mehr im Unterricht. Auch Nachfragen bei der Lehrerin halfen nichts. Ich denke noch oft an sie. Lebt sie noch? Leidet sie noch heute darunter?

Auch ich war so eine Bestie. Nur ein bisschen anders. Aber nicht besser. Ich war nämlich keiner der aktiven Schweine. Ich habe lediglich still teilgenommen. Wenn die Lehrerin wieder zu ihren Beruhigungspillen ins Lehrerzimmer lief, dann stieg auch für mich die Spannung. Es war, als sehe man dabei zu, wie einer Fliege langsam die Beine ausgerissen werden. Oder als ob man eine Maus rektal mit einem Strohhalm aufbläst. Wie lange macht sie es noch? Kann sie mit zwei Beinen fliegen oder mit zerrissenem Darm laufen? Kann sie mit einem Flügel gehen oder atmet sie noch, wenn es sie zerrissen hat? Die Grausamkeit, mit der sie über sie kamen, sie verspotteten und schlugen, ihr den Schwamm ins Gesicht drückten und sich ihre Tränen mit Resten von Kreide und Wischwasser mischten, erregte uns Kinder allesamt. Wir waren Schweine.

Ich stand nicht auf und gebot Einhalt. Wer war ich denn, mir das zuzutrauen? Am Ende hätten sie mir so zugesetzt. Dem Fettsack und Ausländerkind. Nee, dann lieber lauthals lachen, klatschen, Freude haben und das Mitleid, das auch in Kindern erblüht, mit aller Gewalt unterdücken. Mitläufer sein. Gewissenlos und ignorant. Hohn und Spott als Komplizenschaft. Sie hat es bestimmt verdient. Bestimmt. Ganz bestimmt. Aber der Zweifel blieb stiller Begleiter dieser Faszination des Quälens. Nur nicht weich werden und weiterhin lachen. Mein Vater hätte sich meiner geschämt. Wie schon sein Vater sich für ihn?

Das sollte ich dem Kerl mal erzählen, wenn er wieder von den heutigen Kindern spricht, als wären die das defekte Endglied in einer Kette ansonsten anständiger Generationen. Klar, Fäuste haben wir ihr nicht in den Magen gerammt. Wir waren brutaler. Haben ihr systematisch ihre Würde genommen. Die Kindheit. Die gute alte Zeit von damals. Sie war in ihrer Gegenwart auch ganz schön fies und dunkel. Es tut mir leid, Kirsten.

Wenn ich so zurückdenke, sehe ich mich dabei, wie ich mir den Schwamm, mit dem diese Miststücke des Mädchens Gesicht wischten, schnappe -  und ihn den Peinigern ins Gesicht drücke, bis er ihnen zum Arsch wieder rauskommt. Das sind ganz sicher Phantasien auf Grundlage von Gewissensbissen. Und wer steckt mir den Schwamm in die Fresse? Ich sehe mich ferner in der Schulbank sitzen und Kreidereste von Stirn und Nase kratzen. Die Lehrerin kommt zurück ins Zimmer, sieht es, wie sie es bei Kirsten immer gesehen haben muss, und fährt ohne darauf einzugehen mit dem Unterricht fort. Lehrer waren damals auch schon gerne ignorante Ichlinge.


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Bitte keine Gespräche mit »interessanten Gesprächspartnern« mehr!

Donnerstag, 17. April 2014

Vor einiger Zeit ist mir Timur Vermes' »Er ist wieder da« zwischen die Finger geraten. Das Buch ist streckenweise wirklich schaurig. Aber weniger wegen dieses zurückgekehrten Hitlers. Diejenigen, auf die er trifft, und die wie ganz normale Medienleute beschrieben sind, machen den Roman so gespenstisch. Denn sie lehnen den Fliegenschissbart nicht ab, sondern finden ihn einfach nur »originell« und »entlarvend«; geben vor, es mit einem »interessanten Gesprächspartner« zu tun zu haben. Eine lausbübische Freude befällt sie, wenn sie ihn zu »krassen« Statements bewegen können. Und ganz so falsch liegt er ja nicht mit seinen Ansichten, dieser »spannende Zeitgenosse«, sagen sie dann so, als habe er in seinen Tiraden irgendeine profunde Wahrheit versteckt.

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Wie aus einem Wörterbuch der Unmenschen mit Bildern

Mittwoch, 16. April 2014

Einen »Dorftrottel« und »Schwachsinnigen« nennt er den vermutlich irrtümlich des Mordes an der kleinen Peggy Verurteilten. Klar, zweiteres zumindest sagt man in der Juristerei immer noch. Die hat bis heute wenig Respekt vor den Menschen und bedient sich häufig weiterhin einer Sprache, die wie aus einer anderen Zeit entsprungen wirkt. In der Psychologie redet man allerdings nicht mehr von »Schwachsinnigen«. Dort gilt der Begriff als diskriminierend und nicht dem Umstand der Imbezillität angemessen. So hat der irrtümlich Verurteilte, den Franz-Josef Wagner als »Dorftrottel« und »Schwachsinnigen« bezeichnet, mit drei Jahren eine Hirnhautentzündung erlitten, durch die er schwere geistige Schäden davongetragen hat. Die Titulierung ist bei einer solchen privaten Tragödie also wirklich mehr als taktlos und geradezu inhuman. Bei der »Bildzeitung« aber völlig normal. Sie wirkt manchmal wie das von Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind veröffentlichte »Wörterbuch der Unmenschen« - nur mit Bildern, Brüsten und Wetterbericht.

Über »(getarnt) Schwachsinnigen« hat man schon mal ganz unverfänglich reden können. Das war, als man auch über »selbstverschuldete Fürsorgeempfänger« beriet oder »Arbeitsscheuen« ihren Müßiggang austreiben wollte. Hört sich das nicht alles bekannt an? Ein wenig anders schreiben sie es heute schon. Wer sagt denn bitte heute noch »Fürsorgeempfänger«? Aber »selbstverschuldet« ist als Adjektiv geblieben. Man kann ja keine ganz neue Sprache erfinden. Irgendwo muss man ja anknüpfen.

Neulich erst wetterte Thilo Sarrazin in jener Zeitung, dass es nichts »an den Problemen [...] ändere«, dass man nun »Roma« und »Sinti« zu den »Zigeunern« sage. »Zigeuner«: Das war auch so eine »unerwünschte« Gruppe in jenem Deutschland damals. Es gehörte zum guten Ton nach dem Krieg und bei wachsenden Bewusstsein über die Dimension der Kriegsverbrechen, diese Gruppe bei ihrem richtigen Namen zu nennen und nicht mit despektierlichen Bezeichnungen zu konfrontieren. Das gebot der Anstand und die Menschenwürde. Heute darf man das scheinbar schon mal beanstanden, denn das »gesunde Volksempfinden« habe nun die Nase voll von dieser politisch-korrekten Lingual-Diktatur. Von diesen »Zigeunern« liest man in der »Bildzeitung« öfter mal, dass sie sich nicht integrieren können, unfähig für ein gemeinschaftliches Leben seien. »Gemeinschaftsunfähige« war damals ein anderes Wort für die »Asozialen«.

Dass dieses oben genannte »gesunde Volksempfinden« damals schon Anlass dafür war, die ganzen »Tippelbrüder«, »Schwachsinnigen« oder »selbstverschuldete Fürsorgeempfänger« zu erziehen, versteht sich freilich von selbst. Man hat in diesem Land immer schon was auf das gehalten, was das Volk so will. Heute kann man über dieses kollektive Empfinden noch bei der »Bildzeitung« lesen. Immer dann, wenn Politik mal wieder einen Blankoschein für ihre Ausländerpolitik braucht oder wenn es gegen strukturelle linke Mehrheiten in Parlamenten geht.

Wäre es vor - sagen wir - 15 Jahren eigentlich möglich gewesen, einen durch Hirnhautentzündung geschädigten Menschen im Vorbeigehen einen »Schwachsinnigen« zu nennen? Hätte das im Jahre 11 vor Sarrazin schon jemand so ungeniert geschrieben? Und wenn ja, was hätte er an Kritik einstecken müssen? Ist der Zeitgeist also wirklich so viel linker geworden, wie das dieselbe Zeitung behauptet? Oder ist es nicht eher das Gegenteil?

Das zu beanstanden ist aber keineswegs eine Frage der politischen Korrektheit, wie das die Freunde »offener Worte« oft kritisieren. Einen Menschen nach einer Krankheit mit cerebralen Folgen als »Schwachsinnigen« zu bezeichnen ist nicht einfach »so dahingeschrieben« oder sollte auch nicht die »political incorrectly-Normalität« einer Gesellschaft sein. Jedenfalls nicht, wenn es um einen konkreten Menschen geht. Es ist eine Taktlosigkeit mit unmenschlichem Unterton. Beleg für eine verrohende Wortwahl, die die beschriebenen Menschen vergegenständlicht und diskreditiert. Dass Juristen zuweilen noch so vor Gericht sprechen, entschuldigt allerdings nichts. Franz-Josef Wagner sieht ja nicht gerade aus wie ein Anwalt.


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... wenn man trotzdem lacht

Dienstag, 15. April 2014

»Immer wieder gibt der Mensch Geld aus, das er nicht hat, für Dinge, die er nicht braucht, um damit Leuten zu imponieren, die er nicht mag.«

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Quatschbehauptungen von Konservativen, dass Soziologen nur Quatschbehauptungen aufstellen

Montag, 14. April 2014

Dieser »Islam-Rabatt« ist ja nicht einfach ein Geschenk an Täter muslimischer Herkunft in Deutschland. Er lässt sich soziologisch begründen. Aber für die Neokonservativen ist Soziologie ja eine Erfindung von Gutmenschen. Nicht wahr, Akif Pirinçci?

Über den hat man sich kürzlich sehr gewundert. Über ihn und das ZDF, das so einen rechten Faxenmacher einlud, damit er dort seine Thesen verbreiten konnte. Aber alles was er da so preisgab, mag es noch so fäkal gewesen sein, findet sich auch in jenem anständigen Teil der Gesellschaft, der jetzt vorzugsweise via »Bildzeitung« über »Islam-Rabatte« vor Gericht schimpft. Pirinçci reimte sich im ZDF irgendwas von »Quatschbehauptungen von Soziologen« zusammen, die sich den »Blödsinn« nur ausdenken, weil sie Geld vom Staat bekommen. In jenem Dialog mit der Moderatorin ging es um Türken, die sich in Deutschland nur vermeintlich zerrissen fühlten zwischen Herkunft und Lebensumfeld. Aber eben nur vermeintlich, denn Pirinçci spricht als Türke für alle Türken und sagt: Alles Unsinn! Zwar sagte er es so nicht, aber vermutlich dachte er an den »linken Zeitgeist«, der die Soziologie überhaupt erst möglich macht. Eventuell glaubte er aber auch mit der Floskel »grün-rot-versiffte Politik« genau das ausgesprochen zu haben.

Wenn nun die konservative Presse und weite Teile der Union vom »Islam-Rabatt« sprechen oder erklären, es dürfe »keinen Rabatt für Täter geben, die sich auf religiöse Motive berufen« (Bosbach), dann sagen sie mit feineren Worten, was Pirinçci vor sich herstammelte. Nämlich: Soziologische Erkenntnisse sind Quatsch. Besondere Zwangssituationen, die sich aus einem Leben zwischen zwei Weltansichten und kulturellen Realitäten ergeben, sind nur das Geflunker von Erforschern des sozialen Verhaltens und daher auch Quatsch.

Dass es Wechselwirkungen und Kollisionen geben kann zwischen dem, was die islamische Sicht auf die Dinge und der Ideologie des Westens angeht, wird abgetan und nicht anerkannt. Man winkt ab und sagt »Quark«. »Wir sind eine Willkommenskultur. Wer will, der kann. Man muss doch nicht zerrissen sein.« Wenn das mal so einfach wäre. Das sind die Behauptungen von Leuten, die nichts von Kulturschocks wissen; das Blabla ignoranter Zeitgenossen, die die Welt bereist haben, sich aber überall gut angepasst haben. Dass die Welt aber grundlegend eurozentrisch oder westlich tickt, auch dort wo Europa und der Westen nicht ist, nehmen sie in ihre Wertung nicht mit auf.

Und es ist im übrigen ja auch nicht so, dass dieser populistisch stilisierte Begriff des »Islam-Rabatt« zu Strafbefreiung führt. Die Täter werden ja bestraft. Die Richter berücksichtigen nur, dass da jemand aus »zwei Welten« kommt und dass es Verwerfungen zwischen den kulturellen Realitäten geben kann. Das heißt nicht, dass man ihm zugesteht, dass er nicht zurechnungsfähig ist. Es heißt aber wohl, man sollte das Umfeld des Täters verstehen, um nachvollziehen zu können, ob es Aspekte gibt, die ihn entlasten. Jemanden, der aus Eifersucht seine Frau tötet, prüft man ja auch. Man will wissen, was genau die Eifersucht entfesselte und gesteht ihm zu, dass die Umstände ihn vielleicht tatsächlich überfordert und Frau mitsamt ihren Geliebten ihn durch Taktlosigkeit angestachelt haben. Deswegen wird er nicht freigesprochen. Man bezieht nur die Umstände mit ein.

Diese juristische Praxis basiert auf einem soziologischen Weltbild, in dem Täter nicht per se schlecht oder böse, sondern immer auch Produkt ihres Milieus, spezieller Lebenslagen oder Eindrücke sind. Deswegen sind sie noch lange keine Opfer. Aber eben auch keine Teufel. Es gehört zu einem aufgeklärten Weltbild, Täter nicht einfach in den Kerker zu sperren, sondern sie auch begreifen zu wollen. Nur so entwickelt sich Gesellschaft weiter und kann eventuell präventiv vorgegangen werden. Das klappt natürlich nicht immer.

Schon vor über einem Jahr schrieb ich von Buschkowsky, so wie er »sein« Neukölln beschrieb, als »Chronisten seines eigenen Versagens«. Ich kritisierte ihn dafür, dass er den Menschen aus Neukölln vorwarf, sie hätten größtenteils falsche Arbeits- und Moralvorstellungen. Aber in einem Milieu, das von der Politik über Jahre vernachlässigt wurde, gilt ganz besonders, »dass Dynamiken nicht frei wählbar entstehen, sondern durch gesellschaftliche Momente determiniert sind«. »Die Eigenverantwortlichkeits-Rhetorik der Marktradikalen«, schrieb ich außerdem, habe der »Soziologie [...] das Wasser abgegraben«.

Nicht umsonst nannte ich diesen Text damals im Untertitel
»Das Scheitern der Soziologie«. Und genau unter diesem Motto läuft der neokonservative Rollback. Sie haben der Aufklärung den Krieg erklärt und machen die Soziologie, die sie als dezidiert politisch links verorten, zu einer Voodoo-Lehre, die man ganz schnell beenden sollte. »Gutmensch« oder »Islam-Rabatt« sind Kampfbegriffe zur Erlangung dieses Ziels. Sie beschwören ein längst überholtes Weltbild der gnadenlosen Härte, in dem nur der Kerker und Kettenhaft angemessene Antworten auf Verbrechen waren. Resozialisierung als Grundrecht lehnen sie ab. Als Gnadenakt können sie sich sie vorstellen - aber nur im besten Fall.

Sie haben so gesehen nicht nur ein gespaltenes Verhältnis zum Sozialstaat, sondern eben auch zur Soziologie und der Resozialisierung - zu allem, was das Soziale im Namen trägt. Also den »socius«, den Gefährten oder das Gesellschaftliche. Die Hölle, das sind für sie immer die anderen. Und Soziologie ist ja immer auch die Lehre von den anderen. Nur gehen sie mit dem Motto »Ich bin so, warum können die anderen nicht auch so sein wie ich?« an die Sache heran. Und genau so funktioniert die soziologische Betrachtung nicht.

Das erklärt, warum sie nicht auf andere zugehen können. Sie sind sich der eigene Maßstab. »Egomanie« könnte man das auch nennen. Und wie so ein islamischer Mörder fühlen sie sich eben gar nicht. Das ist so wie Buschkowsky »mein« Neukölln sagt, aber keine Ahnung hat, wie man sich als Hartz-IV-Empfänger oder Ausländer in Deutschland so fühlt. Und wer Gesellschaft so begreift, der begreift Gesellschaft nicht. Blöd nur, dass diese Leute Gesellschaft gestalten dürfen.


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Lösch deinen Account und hör auf den Hofnarren zu spielen!

Samstag, 12. April 2014

Ich werde euch keinen Namen nennen. Nicht jetzt und nicht auf Nachfrage. Das geschieht aus Loyalität. Was ich sagen will, kann auch namenlos gesagt werden.

Boethius prägte in seinem »Trost der Philosophie« ein Zitat, das mir neuerdings immer einfällt, wenn ich bei dieser hier namenlosen Person in der Facebook-Pinnwand stochere: »Si tacuisses, philosophus mansisses.« (»Wenn du geschwiegen hättest, wärst du Philosoph geblieben.«) Facebook und Konsorten bedeuten viel in diesen Tagen. In der Serie #Aufschrei der Dummheit schreibe ich manchmal davon. Über Klick-Aktivisten, Banalisierung und asoziale Vernetzung gibt es einiges zu berichten. Eines kommt dieser Tage für mich und sicher auch für andere noch hinzu: Es gibt Leute, die wir Linken verehrt, die wir als Koryphäen des linken politischen Spektrums geachtet haben, und die sich just in dem Moment entzaubert haben, da sie via Facebook in unser tägliches Leben traten. Als Figuren in den alten Medien flößten sie uns Respekt ein - in der Echtzeit der Social Media jedoch enttäuschen sie uns.

Mir geht es vor allem um eine Person. Was habe ich ihre Bücher geliebt. Sie verschlungen. Neue Bücher sofort erstanden. Auch damals, als mir der Regelsatz kaum Spielräume für Buchkäufe ließ. Ich sah sie in politischen Talkshows. Bei Plasberg, Illner und Maischberger, später auch bei Lanz und im österreichischen Fernsehen. Sie machte meist eine gute Figur. War beredt, frech und hatte Fakten und Argumente zur Hand. Diese charmante Unmanierlichkeit gefiehl mir immer sehr an ihr. Ihre Meinung war fast immer meine Meinung. Wie sie den Gauck in einer dieser Talkshows kritisierte! Mit welcher Verve! Diese Lebhaftigkeit mochte ich an ihr. Vor Jahren saß die Person mal mit einigen Frauen (unter anderem Nina Hagen) zusammen in einer Runde. Es ging um den alten Traum der Feministinnen: Eine Frau an der Macht. Und damals kam in Deutschland gerade eine Frau dorthin. Sie ist es bis heute geblieben. Sie aber sagte, das Weibliche sei kein Kriterium. Da müsse schon mehr kommen. Dann wedelte sie einfach weiter unbeeindruckt mit einem Fächer vor sich hin.

Lange ist sie schon dabei. In den letzten zehn, zwölf Jahren kam sie mir näher, obwohl sie schon Jahre vor meiner Politisierung politisch war. Sie blieb es bis heute - wenn auch im kleineren Rahmen. Sie blieb gefragt. Man wollte wissen: »Wie war das damals mit der Parteigründung, an der sie beteiligt war? Und wie sehen sie die Partei heute?« Man holte ihre Meinung ein. Für die Konservativen, damit sie was zum Pikiertsein hatten - bei uns Linken, weil sie was zu sagen hatte. Und was sie zu sagen hatte! Soziologisch betrachtet war sie richtig gut. Ist sie es bis heute noch. Sie kritisiert den Kapitalismus angemessen. Vielleicht manchmal zu polemisch. Aber verdammt, das muss gelegentlich sein in Zeiten, da man Aufmerksamkeit nur noch erlangt, wenn man aus der grauen Masse heraussticht.

Und dann landete diese Person, deren Namen ich hier und heute nicht nenne, bei Facebook. Sie könne sich nicht mehr verweigern, schrieb sie. Über diese These kann man streiten. Ich freilich nicht - bin ja selbst dabei. Bin nicht glaubwürdig. Aber dort ist sicher nicht alles schlecht. Aber darum geht es ja gar nicht.

Anfangs empfahl sie noch ihre Bücher und meldete, dass sie heute da und morgen dort sei oder bei irgendeiner Pappnase im Studio saß, dem Mainstream Paroli bot. Irgendwann entdeckte sie, dass sie ihre »Freunde« auch agitieren konnte und fing an zu erziehen. »Lest den nicht!« und »Der ist antisemitisch!« las man bei ihr. »Das ist faschistoid!« Sie wusste, was man lesen soll und wovon man die Finger lassen sollte. Manchmal war das berechtigt - manchmal haltlos oder einfach nur einem Bauchgefühl geschuldet. Sie hat es geschafft Leute als Antisemiten zu bezeichnen, eine Erklärung zu liefern und trotzdem nichts Konkretes gesagt zu haben. Sie honorierte auch Texte anderer Schreiber, in denen Kaffeesatz gelesen wird und die zum Beispiel erklären, dass »Ostküste« ein rechtes Chiffre für »internationales Finanzjudentum« sei. Man kann es auch übertreiben! Natürlich war sie dann auch gegen »Occupy«, weil diese Bewegung Fehler in ihrer Argumentation hatte. »Occupy« war für sie wohl nicht zu hundert Prozent mit den richtigen Parolen durchgetaktet. Die »Bildzeitung«, die sie verachtet, sah das sicher nicht viel anders.

Zuletzt erzog sie ihre »Freunde« dazu, diese neuen »Montagsdemos« und ihre Macher zu ächten. Esoterisch und neurechts seien sie. Das mit der Esoterik klingt bei manchen dort tatsächlich ein wenig danach. Aber die Sozialdemokratie beschwört seit Jahren esoterisch eine Wahrnehmung ihrer Partei, die nur sie selbst von sich hat. Ohne Eso-Gequatsche geht es heute vermutlich gar nicht mehr. Und seien wir ehrlich, mancher von »Die Linke« klingt hin und wieder auch wie einer aus »Astro-TV«. Von dieser Esoterik spannt sie den Bogen zur Barbarei. Vielleicht nicht ganz unberechtigt. Teilweise klingen ihre Einwürfe aber arg konstruiert. Deswegen müssen sie aber nicht grundsätzlich falsch sein. Sie klingen trotzdem leicht paranoid.

Wenn es nur um ihre Kritik gegangen wäre, könnte man damit leben. Ich bin da auch kritisch. Doch dabei ließ sie es ja nicht bewenden. Die Person fing an Empfehlungen auszusprechen, wen man zu »entfreunden« habe, um auch weiterhin als aufrechter Mensch durchs Leben gehen zu können. Und wer nicht spurte, den »entfreundete« sie. Schließlich wollte sie ja rein bleiben. Mein Gott, Deutschland, bist du und die deinen nur als Erzieher und Blockwart denkbar? Selbst die Linken geben sich bei dir und in dir als spießige Lehrmeister. Entspannt geht es wohl nicht? Ich schrieb vor langem schon von der »Unmöglichkeit reinen Lebens« - seht das doch endlich ein, ihr Linken in Deutschland. Entkrampft euch, der Mensch ist fehlbar und lebt in der Zwiespältigkeit, in der Diskrepanz wie es sein soll und wie es letztlich ist. Jeder von uns hat Punkte, in der er sich unglaubhaft macht. In der linke Theorie mit kapitalistischer Wirklichkeit kollidiert. Und jeder von uns kennt in seinem Umfeld Leute, die politisch fadenscheinig bis semi-kriminell sind und reißt ihnen deshalb noch lange nicht den Kopf ab, sondern versucht mit ihnen irgendwie auszukommen. Jedenfalls bis zu einer bestimmten Grenze. Das ist auch eine Frage des Stils.

Ich lese den von der Person abgewickelten Unsinn, den Erziehungsterror, die totalitäre Gesinnungsprüfung und sage nur leise vor mich hin: »Schweig und sei weise. Hör auf, ich will dich weiter respektieren können; dich nicht als fanatischen Savonarola in Gedanken tragen müssen.« Aber ich befürchte, es ist zu spät. Für mich und meine Gedanken. Und für sie. Da kommt sie nicht mehr raus. Sie hat sich entzaubert. Ihr Mysterium ist entschlüsselt. Ihre Aura dechiffriert. Ihr Nimbus entschleiert. Ohne Facebook hätte sie weiterhin geschwiegen und klüger ausgesehen. Wie ein satter Buddha hätte sie gethront. Wie ein Philosophenkönig. Jetzt wirkt sie nur wie der Hofnarr, der zu Füßen dieses Königs sitzt. Sei so gut, lösch' deinen Facebook-Account und werd' wieder philosophisch. Es fühlte sich viel besser an, als man nur selten was von dir vernahm. Sich rar machen: Das stand dir so ausgesprochen gut. Viele Intellektuelle haben es genau so gemacht. Nur reden, wenn man was gefragt wird, haben sie sich als Motto gegeben. Und auch dann nur knapp antworten. So bleibt man jemand mit Aura. Wenn man aber erst merkt, dass das Vorbild nicht nur ein Mensch, sondern auch noch ein Stinkstiefel ist, dann verpufft die Aura wie ein Tropfen Wasser in heißem Öl.

Ich bleibe loyal. Nenne deinen Namen nicht. Als Reminiszenz. Weil es immer so gut war, dich zu lesen. Ich merke mir dich als Namen auf Büchern. Ich rede mir ein, dass die Person, die deinen Namen trägt, gar nichts mit dir zu tun hat. Vielleicht bist du nur ein fehlgeleiteter Algorithmus von Facebook, ein Streich, den mir dieses beschissene Social Media spielt und in Wirklichkeit bist du doch der Menschenfreund und Philosoph, den ich mir immer vorgestellt habe. Wenn du dich schon vom Sockel wirfst, stemme ich mich wie ein Sisyphos dagegen.


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Ein Tag im Leben eines vom Profit Verfolgten

Freitag, 11. April 2014

»Ich hätte Hoeneß eine sehr hohe Strafe zahlen lassen, aber nicht eingesperrt«, sagte er zu mir.
   Mir lief fast der Kaffee aus den Nasenlöchern. Na ja, nicht schade drum.
   »Aha?«
   Ich hatte meinen Kollegen eher als vernünftigen Menschen kennengelernt.
   »Was haben wir denn jetzt davon, dass er in den Knast geht? Er kostet Geld. Hätte man ihn lieber mit der doppelten Steuerschuld belastet, dann hätte jeder was davon.«
   Das klang logisch. Ich gebe es ja zu. Aber ist Strafe und Rechtssprechung mittlerweile auch etwas, was man der bestechenden Logik von Kosten und Nutzen unterziehen darf?
   »Und wenn einer mit viel Geld einen tötet? Soll er dann enteignet werden und kann frei bleiben?«
   Er nippte am Kaffee und gab keine Antwort.
   »Strafe kann doch nicht nach dem, was gerade nützlich wäre, gestaltet werden. Du liegst völlig daneben, Norbert.«
   Die Pause lag in den letzten Zuckungen und er machte sich auf den Weg. Wahrscheinlich kam es ihm gelegen. Seine innovative Ansicht war ein Rohrkrepierer.
   »Und der, der nicht genug Geld hat, um sich freizukaufen, was geschieht mit dem?«
   Ich wollte ihn noch fragen, ob der einen billigen Kredit beim Jobcenter kriegt. Aber da war keine Zeit mehr zum Schwatzen. Ich schüttete meinen Kaffee in den Busch und bedauerte die Pflanze dafür. Wir Menschen sind alle grausam zur Natur. Jeder so wie er gerade kann.

Kurz nach Feierabend ging es mal wieder um Fußball. Der übliche Zeitvertreib der Männer am Arbeitsplatz. Und dass ich den FC Bayern München verabscheue und mich über eine baldige Niederlage im Europapokal freuen würde, wissen sie alle.
   »Komischer Bayer bist du - freust dich, wenn die verlieren«, spöttelte einer und versuchte sich bayerisch anzuhören.
   »Dabei sollte jemand wie du, der dem anderen Verein in München anhängt, doch ein Interesse am Wohl der Bayern haben. Das tut der Stadt gut und den Menschen in der Region auch. Und den Sechzgern!«
   Man muss als jemand, der die Bayern immer verachtet hat, also neuerdings für die Bayern sein, weil deren Erfolg ökonomisch wertvoll ist. Meine Güte, dachte ich mir, was ist nur aus der Passion der Leute von heute geworden? Ökonomisch denkend bis in den Zeitvertreib hinein.
   »Das sind ja auch Arbeitsplätze, die so ein erfolgreicher Verein entstehen lässt«, fügte Norbert hinzu.
   »Ja. Komm, zahl deine Rechnungen bitte nicht mehr und stabilisiere so Arbeitsplätze der Inkasso-Industrie. Sei so gut.«
   Einer grinste nach diesem Einwand. Die anderen nuckelten am Kaffee und sprachen von der Eintracht und vom FC Bayern.
   Ich ging dann heim. Mich drückte ein Text und wenn ich denn nicht gleich rausließ, würde er mir im Hirn steckenbleiben und meine Verdauung belasten.

Daheim angelangt musste ich zuerst mal auf die Schüssel. Ich hasse es, wenn der Schiss vor dem Schrieb kommt. Aber das kann man schlecht ändern. Ich nahm den Willemsen mit aufs Klo. Las dort weiter in seinem außerordentlich lesenswerten Buch »Das Hohe Haus«. Darüber wird noch zu berichten sein. Ich stolperte über eine Passage, in der eine Parlamentarierin über die »Kultur- und Kreativwirtschaft« redet und sie als »eine der wichtigsten Zukunftsressourcen in unserem Land« bezeichnet. Daher heiße es, in Kulturschaffende zu investieren, »um so Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft auch in Zukunft zu erhalten«. Willemsen macht sich auch so seine Gedanken dazu und schreibt: »Auch hier wird deutlich: Die Frage der Zukunft ist synonym für Rendite. Flankiert von einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche, gibt der Zustand der Wirtschaft die Idee dessen vor, was Zukunft ist. Ja, selbst auf kulturellen Gebiet setzt man auf Wachstum und Gewinnmaximierung. Warum nicht auf Beständigkeit oder Vergangenheit?«

Ist das Leben insgesamt nur noch als Profit denkbar? Dass die Leute im Bundestag gar nicht mehr anders können, als so zu ticken, muss man wohl verschmerzen. Diese Leute kommen ja nicht raus. Stubenhocker entwickeln sich manchmal komisch. Dass aber normale Typen mit dieser Logik vom Profit argumentieren, das macht doch nachdenklich. Die Berieselung vieler Jahre hat Wirkung gezeigt. Leben ist kein Akt zwischen verschiedenen Schauplätzen mehr, in dem verschiedene Grundprinzipien walten, sondern das Grundprinzip ist nun überall dasselbe. So gestattet man der Justiz eben nicht mehr die Prinzipien »Strafe« und »Sühne« - sie werden durch eine »profitablere Wahrnehmung« ersetzt. »Gerechtigkeit« muss sich wieder lohnen! Und was sich nicht rechnet scheint unhaltbar zu sein.

Nachdem ich abgedrückt hatte versuchte ich mich an einem Text, landete dann aber über Umwege bei einem Artikel über die »Pisa«-Studie. Ich sondierte auch die Kommentare, die mitteilsame Leute drunter angebracht hatten. Da ging es ganz schnell wieder um Geld und ob das Geld auch dort, wo man es fordert, wirklich Nutzen abwerfen würde. Mancher wollte mal wieder »unsere Kinder fit für den Arbeitsmarkt machen«. Ein anderes Bildungsideal scheint es gar nicht mehr zu geben. Dabei gehen die Kinder doch nicht zur Schule, um dann mal fit für einen Arbeitgeber zu sein, sondern um etwas zu erfahren, Wissen zu sammeln, um für sich selbst fit zu sein. Das hat auch etwas mit Würde zu tun. Aber Würde ist ohnehin so ein Begriff, der sich so schlecht ökonomisch deuten lässt.

Wieder mal so ein Tag, an dem mir das Leben nur als Profit begegnete. Als dann mein Kind abends beim Essen erzählte, dass es mit der Halbwüchsigen von gegenüber nicht mehr befreundet sein will, weil sie ständig Ärger macht und es seine Ausführungen mit »Was habe ich davon?« beendete, da war das Maß voll.
   »Wenn sie dich nervt - gut. Dann bin ich froh. Die bereitete dir bislang nur Kummer. Aber was du davon haben solltest, das verstehe ich nicht.«
   »Bringt mir ja nichts«, antwortete es nun »ausführlicher«.
Ich schaute es etwas ratlos an und kaute auf den Reis herum.
   »Freundschaften geht man nicht ein, damit sie einem was bringen. Und man beendet sie nicht, weil sie einem nichts bringen.«
   »Weiß ich doch, Papa.«
   »Und warum sagst du das dann so?«
So weit haben wir es gebracht. Selbst Zwischenmenschliches wird nach Mehrwert sondiert und der Nutzen hochgerechnet.
   »Entweder man mag sich oder man mag sich nicht. Das ist die Grundlage für Freundschaft.«
   Fast hatte ich nun den Drang, meinem Kind diese Freundschaft wieder einzureden. Aber dieses Mädchen von gegenüber ist ja nicht ohne, wiegelt ständig Kinder gegeneinander auf und erpresst überall Anerkennung. Armes Ding eigentlich.
   »Mensch, Papa, ich weiß das doch. Und ich mag sie nicht, also bringt mir das nichts.«
Auch wieder wahr.

Ich ging an diesem Tag früh zu Bett. Ich war geschafft und wollte mehr von der Nacht haben. Eine Stunde Schlafprofit rausholen. Gewinn machen. Einen Überschuss erschlafen. Meine Kosten nicht durch Wachsein erhöhen und meinen Nutzen schlafend mehren. Es sollte ein Bombengeschäft sein. Aber ich erwachte abgekämpft und matt. War immer noch müde. Was hat mir das frühe Zubettgehen gebracht? Damit hatte ich nichts gewonnen. Nur einen weiteren Tag in der Profitlastigkeit. Aber wenigstens war ich heute kraftlos genug, die ganze Profit-Rhetorik zu überhören.


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Welchem Anspruch dient der Traktor auf vier rohen Eiern?

Donnerstag, 10. April 2014

Die Einstellung von »Wetten, dass..?« ist nur auf den ersten Blick vernünftig begründet. In Wirklichkeit kommt hier eine Marktlogik zum Tragen, die in einem System der Gebührenfinanzierung gar nicht greifen müsste.

Klar, das Konzept ist veraltet. War es vielleicht immer. Und es war nie besonders spektakulär. Aber in den Achtzigern und Neunzigern war man halt mit wenig zufrieden. Wenn dann noch ab und zu ein Michael Jackson Einzug hielt, dann schaltete man gerne ein, war selig und nahm an, die beste aller möglichen Unterhaltungen gesehen zu haben.

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Die Finanzkrise, an der die ökonomischen Dummköpfe schuld haben

Langsam wird es lästig, die Lächerlichkeit dieses Bundespräsidenten ständig wieder zu konkretisieren. Aber er lässt ja nicht locker. Sein Auftritt auf dem Bankentag war mal wieder denkwürdig.

Gauck legte dar, dass die Finanzkrise aus einer Wechselwirkung zwischen gierigem Bankwesen und Bürgern in »ökonomischer Apathie« hervorging. Hätten die Bürger mehr wirtschaftliche Ahnung und Interesse an den Zusammenhängen, so hätten Banker nicht den erarbeiteten Mehrwert und die Arbeitsplätze von abhängig Beschäftigten verjuxen können. Und man hätte den Leuten keine faulen Kredite angedreht, weil sie das falsche Spiel sofort durchschaut haben würden. Sie hätten dann vermutlich gesagt: »Ich will nen sauberen Kredit - her damit!« Oder wäre es dann etwa nicht so gewesen? Vereinfacht - oder mit Gauck - gesagt: Wer nicht beschissen werden will, »der muss sich informieren und in Finanzfragen kompetener werden.« So einfach ist das manchmal. Nicht die Finanzwirtschaft mit ihrem endlos Drang nach Renditen trägt die Verantwortung, sondern der dumme Bürger, der sich hat nach Strich und Faden verarschen lassen.

Der Mann klingt wie einer jener ganz besonders gescheiten Leute, die arrogant auf Opfer von Trickbetrüger herabschauen. »Also wie kann man einem Fremden nur Geld geben?«, fragen sie herablassend. »Mir würde sowas ja nicht passieren; ich durchschaue sowas gleich. Wie kann man nur so dumm sein? Im Grunde selber schuld wer sich so verarschen lässt.« Dieses »Ich-bin-zu-gelehrt-um-betrogen-zu-werden« kann man ja noch verstehen, wenn man bei »Aktenzeichen XY« zusieht, wie leicht sich mancher aufs Kreuz legen lässt. Aber die Leute, die Banken und Realwirtschaft in die Krise rissen, waren eben keine betrügerischen Klingelputzer, sondern Personen, die von der Politik als »ehrliche Makler« deklariert wurden. Und was hätte mehr Ahnung von Ökonomie da schon geholfen?

Man darf nicht ungerecht sein, Gauck hat nicht nur die Verantwortung an die Bürger weitergeschoben, sondern auch die Banker kritisiert und erklärt, dass nicht alles, was legal ist, auch ethisch vertretbar sei. Er appellierte mal wieder: Du sollst nicht! Man bekommt bei ihm den Eindruck, er sieht die Finanzkrise als Betriebsunfall an, nicht als systematische Immanenz. Ein bisschen was von der »zu viel Gier« mit frommen Sprüchen zügeln: Und schon sind wir aus dem Schneider. Und wenn dann auch noch die Bürger mündiger werden, weil sie die Wirtschaft plötzlich besser verstehen, dann kann Vergleichbares nie mehr geschehen.

Damit ein Anfang gemacht wird, sollten Schulen Wirtschaft lehren, findet der Bundespräsident. Das hat die »Bertelsmann-Stiftung« auch schon vor Jahren gefordert. So richtig ein solches Schulfach auch sein mag: Wenn jemand wie Gauck, der eingeschworene Hohepriester des BWL und der »Jeder-schaue-auf-sich-selbst«-Doktrin, dergleichen fordert, dann hört man die Nachtigall schon trapsen. Ob er findet, man müsste dann auch Marx und Keynes lehren? Oder nur Hayek und Friedman? Und wenn die »INSM« noch Bücher spendiert, steht dann da drin, dass das Gemeinwesen wie ein großer Betrieb ist, bei dem man die Ausgaben drosseln muss, um den Gewinn zu steigern?

Ja, langsam wird es lästig, die Lächerlichkeit dieses Bundespräsidenten immer wieder zu käuen. Aber was soll man denn machen? Er gibt ja keine Ruhe. Wenn er einfach nur nichtssagend eloquent wäre. Aber er ist höchst aussagend eloquent. Und das ist das Problem mit diesem Mann. Wie lange haben wir wohl Zeit, bis er uns wieder im Geiste dieses Neokonservatismus vollsülzt?


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Unsere Erdoğans müssen ja auch dauernd berichtigt werden

Mittwoch, 9. April 2014

Das türkische Verfassungsgericht hat nun also der türkischen Regierung widersprochen und die Twitter-Sperre aufgehoben. Das ist doch ein Beweis dafür, dass die Türkei gar nicht von einem Diktator regiert wird - und das wiederum belegt: Die Türkei ist nicht so viel anders als Deutschland. Beide leiden unter dem gleichen Typus von Politiker.

Zuletzt musste man geradezu den Eindruck erlangen, dass sich die Türkei unter Erdoğan in die Diktatur verabschiedet habe. Der deutsche Medienbetrieb ließ diesen Eindruck jedenfalls entstehen. Der erzählte, dass dieser Mann sämtliche demokratischen Strukturen und Prozesse aufgehoben habe. Und schon man sah ihn mit Hitlerbärtchen auf Plakaten und hierzulande fragte man sich, ob dieser Vergleich nicht etwas zu harsch sei. Dass die Türkei aber diktatorisch geführt würde, stand bei solchen »ästhetischen Fragen« gar nicht zur Debatte. Denn trotz allen war klar, dass Erdoğan sein Land in einen Zustand führe, in dem Demokratisches, das vom Volk ausgeht, drakonisch bestraft würde. Und als er die Netzwerke kappte, war sich dieser deutsche Irrwitz, bestehend aus sich gut ergänzenden Politikern und ihrer Journalisten, darüber einig: Jetzt baut er seine Diktatur aus.

Demokratisches wurde aber auch schon in Deutschland schwer misshandelt. Und übermäßig harten Polizeieinsatz kennen wir hier ebenfalls. Darüber wurde schon mehrfach geschrieben. Man muss das jetzt an dieser Stelle nicht nochmals aufwärmen. Aber was genau ist das für eine Diktatur, in der ein Verfassungsgericht richtigstellen und aufheben darf, was der Tyrann vorher noch beschlossen hat? Stellt man sich Diktaturen nicht ein wenig anders vor?

Nein, hier zeichnet sich ab, dass Erdoğan einer dieser Sorte von Machtmenschen ist, die wir auch in diesem Lande haben. Eine überdrehte Machtfigur, die ihre Gönner und Geschäftspartner in Stellung bringt und sich selbst für sakrosankt erklärt. Ein Politiker, der im Wahn seines politischen Höhenflugs vergessen hat, dass es neben ihn auch noch demokratische Elemente gibt, die den Staat gestalten können und sollen. Wir haben es hier mit einem von der Wirtschaft delegierten Machtokkupator und Autokraten zu tun, der den harten Mann spielt, um der Oligarchie seines Landes Sicherheit und Kontinuität zu Füßen zu legen.

Solche haben wir in Deutschland auch. Um ein Beispiel zu nennen: Erdoğan sagte zur oben genannten Entscheidung des Verfassungsgerichts, dass er sich zwar beugen werde, aber daran festhalte, dass die Sperre von Twitter eigentlich notwendig sei, um ausländischen Einfluss zu beschränken. Als das Bundesverfassungsgericht vor Jahren entschied, dass der Abschuss eines entführten Flugzeuges verfassungswidrig wäre, sagte der damalige Innenminister dieses Landes rotzig, dass er es trotzdem veranlassen würde, wenn es dazu käme. Das klang damals viel weniger einsichtig als bei Erdoğan jetzt. Ob wohl der türkische Ministerpräsident auch erwägt, die Rechte der Verfassungsrichter zu beschränken? Die hiesige Regierungspartei jedenfalls denkt darüber nach, denn die Verfassungsrichter haben für ihren Geschmack zu oft dazwischengefunkt und sich als unkalkulierbarer Faktor erwiesen.

Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder nennen wir die machtgeilen Gestalten, die fortwährend ihre Grenzen austesten und die Demokratie damit stutzen, überall dort, wo sie an der Spitze eines Landes stehen, einfach mal »Diktatoren«. Und dann sind damit auch die Merkels, Schäubles und Kauders gemeint. Oder wir lehnen uns mal nicht so weit aus dem Fenster und sagen uns: Das sind die üblichen Typen, die es im Zeitalter der Postdemokratie nach oben spült - keine Diktatoren, wie man sie klassisch kennt, sondern einfach nur Opportunisten und Karrieristen, die aus Selbstliebe wie auch aus Gründen der Gönnerzufriedenstellung, Entscheidungen treffen und durchboxen, die standhafte Demokraten völlig verschrecken. Gefährliche Aushöhler der Demokratie, neoliberale Agendamenschen und Narkoseärzte am Solidaritätsprinzip zwar - aber keine völlig losgelösten Alleinherrscher, bei denen sich die Macht einzig konzentriert und die daher fast unantastbar sind.

Man kann wohl sagen, dass die Türkei nicht an einem Diktator leidet, sondern sich wie alle zeitgenössischen Staaten mit Führungsgestalten herumschlägt, die das Gemeinwesen als Selbstbedienungsladen der Eliten betrachten. Wer die Situation in der Türkei aber »verdiktaturt«, der kaschiert Verhältnisse, die in Deutschland nicht viel anders sind. Die türkischen Verfassungsrichter zeigten an, dass es demokratische Abläufe noch gibt und sie sogar umgesetzt werden. Sie entlarven damit, dass Erdoğan kein Diktator ist. Und sie sagen indirekt damit auch: Packt euch mal an eurer eigenen Nase, ihr in Deutschland. Eure Erdoğans müssen ja auch dauernd kontrolliert und berichtigt werden.


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Aus fremder Feder

Dienstag, 8. April 2014

»Wer sich nicht mit Politik befaßt, hat die politische Parteinahme, die er sich sparen möchte, bereits vollzogen: er dient der herrschenden Partei.«
- Max Frisch, Tagebuch 1946-1949 -

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Die Energiewende, die so seltsam bewusstlos blieb

Montag, 7. April 2014

An den Tag, da die letzte Bundesregierung verlautbarte, sie würde nun nach Fukushima doch für den Atomausstieg sein, erinnere ich mich nur noch schemenhaft. Nahmen diese Energiewendehälse damals schon das Wort »Energiewende« in den Mund? Ich weiß es nicht mehr. Was ich aber noch weiß ist, dass es optimistische Stimmen gab, die glaubten, jetzt käme endlich ein »Green Deal«.

Kam er aber nicht. Man skizzierte zwar einen Plan, wie man auf erneuerbare Energien umschwenken könne. Die Skizze war aber nicht besonders aussagekräftig. Aber ein »Green Deal«, so habe ich das damals verstanden, sollte so eine Art Paket mit vielen verschiedenen Ansätzen sein, wie man sich von Atom- und Kohleenergie verabschieden könne - aber zentral sollte darin vor allem sein, dass ein neues Bewusstsein für Stromverbrauch und energierelevante Fragen erzeugt würde. Sozusagen eine politisch forcierte Aufbruchstimmung, wie das der »New Deal« seinerzeit auf anderer Ebene auch war. Doch genau zu dieser Bewusstmachung kam es nie. Die Energiewende blieb stets seltsam bewusstlos.

Sie wurde zu einem bürokratischen Akt, der auch in der Öffentlichkeitsarbeit mit einem schnell langweilenden Duktus für Fachleute auffuhr. Die damals so große Hoffnung ist eine reine »Energieverwaltung auf Grundlage der Inkaufnahme weiteren Wachstums des Strombedarfs« geworden. Ein biederer Verwaltungsakt, der Menschen so wenig sensibilisiert und begeistert, wie er Projekte »jenseits der Art der Stromerzeugung« gestaltete. Hat man je etwas davon gelesen, dass diese Regierung neben all der natürlich notwendigen fachlichen Besprechung der (Erzeuger-)Situation, auch über Stromersparnisse und effizientere Elektrogüter unter Beibehaltung der Lebensqualität und des Lebensstandards beraten lässt?

Die Unterbindung von »Sollbruchstellen« und somit die Verpflichtung zu größerer Langlebigkeit bei Elektroartikeln, die fast punktgenau mit Ablauf der Garantiezeit den Geist aufgeben, wäre ein dringende Maßnahme im Zuge einer solchen »Energiewende« gewesen. Dergleichen hätte man mit der Heraufsetzung der Garantiezeit erreichen können. Ferner sollte man stromeffiziente Produkte nicht nur durch Kaufanreize fördern, sondern auch die Produzenten zum Bau solcher Artikel zwingen. Strafsteuern auf Stromfresser wären hierzu eine Option gewesen. Standardmaßnahmen wie die Bereitstellung von Geldern zur Forschung oder die Aufnahme von Ökologie in die Lehrpläne der Schulen hätten selbstverständlich sein müssen. Dort hätte man vielleicht erfahren, dass eine dezentrale Stromversorgung eine realistische Chance auf nachhaltige Energieversorgung birgt. Dieser Lehrinhalt wäre freilich mit der Wirklichkeit kollidiert und hätte den Interessen der Wirtschaft nicht gedient. Letztlich hätten noch symbolische Programme das ganze Konzept abgerundet. Warum leuchtet beispielsweise Frankfurts Skyline so völlig grundlos in die Nacht hinein? Weshalb Lichtmittel aus Gründen der Repräsentanz speisen, während Familien aus dem unteren Lohnsegment ihre Stromrechnungen nicht mehr begleichen können? Von den Gratifikationen für »stromintensive Betriebe« soll gar nicht erst gesprochen werden.

Aber klar, in einem lobbyistischen System sind solche Maßnahmen, die über die bloße Verwaltung und Umverteilung der Stromherkunft hinausgehen, nicht vorgesehen. Vielleicht auch gar nicht möglich. Der Stromverbrauch soll ja gar nicht sinken. Das könnte ja Arbeitsplätze kosten oder, was viel schlimmer wäre, die Profite der Energie-Konzerne schmälern. Und die Elektronikbranche würde wüten, wenn sie plötzlich nachhaltigere Produkte fertigen müsste - so verdient man ja kein Geld in einer Welt, in der Wachstum das oberste Gebot ist. Dann schon lieber Ressourcen verbraten und Absatzzahlen künstlich pushen. In kapitalistischen System sind Veränderungen, die fair und ökologisch zugleich sind, kaum umsetzbar. Und ohne soziale Komponente ist gesunde Ökologie wertlos.

Marx meinte ja, er hätte Hegel richtiggestellt, als er behauptete, dass das Sein das Bewusstsein bestimme. Im Falle dieser »Energiewende« ohne Elan und Begeisterung mag es wohl schon auch so sein, wie Hegel es dachte: Das Bewusstsein bestimmt auch das Sein. Oder aber es ist so, wie ich es neulich auf einer Postkarte las: »Das Sein verstimmt das Bewusstsein«. Der Zustand dieser Wende ist so deprimierend verlaufen und wird auch jetzt nur als bürokratischer Akt verschlimmbessert, dass kein Bewusstsein für diese eigentlich epochale Umstellung der Lebensgrundlagen entstehen kann. Da können nur Verstimmungen auftreten. Und die seelenlosen Parlamentarier, die das Konzept runterspulen und verfachlichen, tragen dazu bei, dass Energie-Verdrossenheit herrscht und die »Atom-Frage« noch nicht vom Tisch ist. Wenn sie heute eine Kampagne zum »vernunftbasierten Zurück zur Atomkraft« starten, würde sich eventuell sogar ein breiter Konsens in der Bevölkerung finden. Spätestens dann wäre klar, dass die Bemühungen zur Veränderung gescheitert sind.

Gescheitert sind, nicht nur, weil der Strom beständig teurer wird, sondern auch deshalb, weil kein Gefühl für die Notwendigkeit und aufklärerische Basisarbeit am Volk geleistete wird. Und weil die, die das Land gestalten sollen, mit einer Begeisterung ans Werk gehen, die man sonst nur im Wartezimmer von Zahnärzten sieht. Das überträgt sich und wird zum Lebensgefühl. Slogans von milliardenschweren Konzernen wie »Wir gehen VoRWEg« sind kein Beleg für Aufbruch, sondern einfach nur Kopfgeburten von Werbetextern. Ein Stimmungsbild zeichnen solche Sprüche nicht.

Diese Losung hätte sich mal die Regierung am Beginn der Wende verinnerlichen sollen und ein großes Paket geschnürt, anhand dem die Menschen erkannt hätten, dass da ein Epochenwandel ansteht und eine neue Energiezeit anbricht. Und das auf allen Ebenen des Alltagslebens. All das unterblieb, weil man es verwaltungsmäßig anging. Da haben das starre Ritual des Parlamentarismus, wie man es als Zuschauer im Bundestag erleben kann, auch auf den Geist der Reform abgefärbt. Wie soll so auch Begeisterung aufkommen und mit Herzblut an die Sache herangegangen werden? Wo Verwalterseelen das Land gestalten, da wird die Gestaltung verwalterisch umgesetzt. Und wenn dann auch noch Krämerseelen mitmischen, dann muss das Verwalterische möglichst günstig abgewickelt werden.


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Ob das mit uns noch mal was wird?

Samstag, 5. April 2014

Letztens schickte mir einer eine e-Mail. Darin ein offener Brief an Putin. »Magste nicht unterzeichnen?«, fragte der Absender. Ich überflog das Ding und mir wurde leicht übel. Nicht wegen dem Inhalt an sich. Manche Ansicht ist ja nicht falsch. Aber der arschkriecherische und verherrlichende Duktus - nee, sowas unterschreibe ich nicht.

Ich habe mich vor vielen Jahren geweigert, einen vorgefassten Brief an Markus Söder zu unterschreiben, weil der schon so staatstragend mit »Sehr geehrter Herr Staatsminister für Umwelt« überschrieben war. Keine Ahnung, um was es damals ging. Ich habe es vergessen. Die Anrede war mir jedenfalls schon zu viel. Der Typ hat doch einen Namen, habe ich gesagt. Schreibt doch »Sehr geehrter Herr Söder« oder »Hallo Söder« - der Mann ist ja nicht mal mein Minister, ich wollte ihn ja gar nicht. Die, die jetzt Putin anschrieben, überstellten ihren Brief an »Seine Exellenz« und wiederholten mehrfach im Text »Sehr geehrter Herr Präsident« und endeten »mit vorzüglicher Hochachtung«. Gehts auch weniger servil?

Für so was Hündisches habe ich nichts übrig. Das ist nämlich keine Frage des Respekts, sondern der Selbstwahrnehmung. Da kann das Gesagte noch so verständig daherkommen. So bin ich nicht dabei. Es kommt darauf an, als autonomer Mensch aufzutreten, als jemand, der sich nicht von Posten und Ämter beeindrucken lässt. Das war stets das linke Verständnis von Welt und Autorität - und mein Verständnis. Es mag zwar Leute geben, die in der offiziellen Hierarchie höher stehen. Aber buckeln und arschkriechen muss man deswegen noch lange nicht. Selbstbewusst zu sein und aufrecht gehen: Das sind die Werte aufgeklärter Menschen. Wenn man dieses Verständnis aufgibt, dann gibt man auch die Ideale auf, für die man eintritt.

»Seine Exellenz« - ich lach' mich noch immer kaputt. Fortschritt, du Märchengestalt. Dich hat es nie gegeben. Mal abgesehen bei Mobiltelefonen und Kloschüsseln und einiges mehr. Aber wenn Aufklärung mit den Floskeln der Untertänigkeit einhergeht, dann klärt sie nicht auf, sondern trägt zur Verklärung bei und ist nicht mehr das, was sie sein will. Woher kommt denn dieser Drang bei manchem, diesen Kerl jetzt anzuhimmeln? Etwa als Reaktion auf die unqualifizierten Reden, die »uns« nicht Mainstream-Schwimmer als »Putin-Versteher« bezeichnen? Leute, lasst euch doch nicht so diktieren. Lasst die Einfältigen doch quatschen. Ihr müsst ihnen doch nichts beweisen. Man kann doch wohl Putin verstehen und ihn trotzdem angemessen distanziert behandeln.

Ich indes distanziere mich genauso von den Schwachköpfen dieser Regierung und den ganzen Atlantikern, die die Krise immer mehr ausufern lassen. Und ich distanziere mich aber auch davor, dass Putins Russland als hervorragender Gegenentwurf zum Westen stilisiert wird. Ist es nicht. Alles mehr oder weniger dasselbe Fabrikat. Alles geführt von Leuten, denen es lediglich um wirtschaftliche Interessen geht. Wenn ich was nicht leiden kann, dann Bigotterie. Würde sich der Außenminister hinstellen und sagen: »Wir sind Arschlöcher, lasst uns die Arschlöcher im Osten bedrängen«, ich würde gar nicht viel kommentieren. Dann würde der Mann ja nur sagen, was sich für jeden unabhängig denkenden Menschen schon lange als Wahrheit manifestiert hat.

So gesehen distanziere ich mich von der gesamten Menschheit - von dem Teil der Menschheit, den ich wahrnehme und der nur aus denkfaulen Idioten und Hysterikern zu bestehen scheint und der immer auf irgendeiner Seite stehen möchte. Ich brauche eine Auszeit von ihr. Abstand. Rückzugsmöglichkeit. Beziehungspause. Aber das kenne wir ja, sobald zwei eine solche Pause vereinbaren, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Bruch erfolgt. Ob das mit uns noch mal was wird?

Noch was in eigener Sache: Wer mag, darf ad sinistram auch unterstützen. ad sinistram oder, seien wir ehrlicher: mich. Ich schiebe es gerne auf »ad sinistram« - das klingt weniger anzüglich. Ihr müsst wissen: Mir selbst geht es eigentlich nicht ums Geld. Die anderen wollen immer welches von mir. Unterstützung geht entweder per Paypal (siehe rechte Seitenleiste) oder über den gewöhnlichen Bankweg. Meine Kontodaten teile ich auf Nachfrage gerne mit. Ich nenne Euch dabei sogar »Exellenz«, wenn Ihr wollt. Na ja, wollen wir es nicht übertreiben. Vielen Dank an dieser Stelle an alle, die mich seit langem und regelmäßig nicht nur ertragen, sondern sogar noch unterstützen. Und auch an alle, die es künftig tun wollen.


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Bekenntnisse eines Kerls, der sich den Wahnsinn leistet, Bahn zu fahren

Freitag, 4. April 2014

Letzte Woche beklagte sich die »Gewerkschaft der Lokführer« (GDL) darüber, dass Zugbegleiter immer häufiger Angst vor Gewalt am Arbeitsplatz hätten. Ich hörte dem Sprecher der GDL bei einem Radio-Interview zu und erinnerte mich, wie ich auf einer der letzten Zugfahrten dem Zugbegleiter am liebsten meine Faust in seinen Bauch gerammt hätte.

Zu mir war der Mann ja freundlich. Mein Ticket sah er nur aus der Ferne an, winkte ab. Ging weiter. Ohne Lächeln, aber das braucht es auch nicht. Aber der Schwarze, der versetzt vor mir saß, der wie ich mit seinem Ticket wedelte, den nahm er sich mal genauer vor. Er warf einen ganz ausgiebigen Blick darauf und fragte nochmal nach, wo er denn eingestiegen sei. Der Mann antwortete und der Bahnwart guckte nochmal auf das Ticket. Und nochmal. Schaute sich noch mal den Besitzer des rechteckigen Pappstreifens an und wirkte einige Momente etwas phlegmatisch. Als wüsste er nicht, was er tun sollte. Er zögerte noch ein bisschen, gab das Ticket aber dann wortlos zurück. Dabei schien er fast wehmütig. Ja, irgendwie enttäuscht. Den nächsten Fahrgast, einen der aussah wie er selbst, fertigte er im Vorübergehen ab.

Wer sich so benimmt, dachte ich mir, der soll auch Angst haben müssen am Arbeitsplatz. Der sollte gar keinen Arbeitsplatz haben, wo er auf Menschen trifft. Warum hat er mich nicht so genau geprüft? Ich will verdammt nochmal auch so genau geprüft werden! Nur weil ich weiß bin und aussehe wie einer seiner fetten Kumpel vom Stammtisch, muss er mich doch nicht im Vorbeigehen abhandeln. Ich hätte natürlich patzig werden können. So einfach ist das heute aber nicht mehr. Vor einiger Zeit stand eine junge Frau einem schwarzen Mann bei, der von zwei Bundespolizisten in der Bahn gegängelt wurde. Zivilcourage sei das aber nicht gewesen, sagte ein Gericht, eher Behinderung der Polizeiarbeit, weswegen das Abführen der Frau mittels Polizeigriff auch in Ordnung gegangen sei.

»Du kannst dir nicht vorstellen, was ich heute am Frankfurter Bahnhof gesehen habe«, sagte meine Frau, kaum dass sie zur Türe hinein war.
   »Ich weiß doch, der Cookie-Laden am Eck ist zu. Hast du mir gestern schon erzählt.«
   »Quatsch! Da war ein Farbiger, der in den Zug einsteigen wollte und vor dem Waggon standen einige Schaffner beim Plausch. Plötzlich sagte der eine zu dem Farbigen, er soll sein Ticket herzeigen. Der Mann verweigerte aber.«
   »Warum sollte er auch das Ticket vor Abfahrt zeigen?«, fragte ich.
   Er bezahlt ja nicht für das Betreten des Zuges. Wäre dem so, hätte ich schon oft einen Zug illegal betreten. Wie oft habe ich jemanden geholfen, den Koffer zu verstauen, mich nochmals verabschiedet und dann noch mal an Bord gepisst. Braucht man da schon ein Ticket? Das mag vielleicht bahnregulär sein, aber menschlich ist es nicht. Und in diesem Fall war es sogar rassistisch.
   »Das war so ein junger Schaffner und der meinte dann auch irgendwie, dass er bei bestimmten Gästen genau schauen muss. Aber der Mann verweigerte, stieg ein und der Schaffner quatschte einfach weiter mit seinen Kollegen.«
   Vermutlich hatte er keine Lust auf Trubel und fand sich dann noch mordsmäßig großzügig, einen Neger einfach so einsteigen zu lassen.
   Sie nannte diesen Zugbegleiter »so einen Wichser« - wenn sie schon mal sowas sagt, muss sie wirklich beeindruckt gewesen sein von dieser Szene. Wäre es nicht irgendwie verständlich, wenn ein solches Benehmen zu einem Gewaltausbruch führte? »Immer feste drauf, Schatz, ich halte seine Kumpels auf Abstand ... und wir spielen Bonnie und Clyde.«

Der Wichser hat den schwarzen Fahrgast natürlich geduzt. Diesen Mechanismus kenne ich ja noch von früher, als mancher Typ meinte, er könne meinen Vater grundsätzlich duzen, weil er ein Ausländer sei. Ich bin ja nun kein großer Freund des Siezens, aber wenn es üblich ist, dann muss es bei allen üblich sein. Ich bin doch auch höflich und sieze, wenn ich sage: »Sie Wichser gehören nicht von der GDL verteidigt, es wäre viel mehr schön, wenn Sie wirklich Angst hätten zur Arbeit zu gehen.«

Dieser Sprecher von der GDL war ohnehin so ein leicht beleidigter Typus. Dass es seinen Kolleginnen und Kollegen so ergehe, habe mit den Fahrgästen zu tun. Die lassen es manchmal grundlegend an Respekt fehlen, sagte er mürrisch. Erst auf Nachfrage gab er auch der Bahn eine Teilschuld, weil die Fahrgäste manchmal viele Stunden ohne Informationen am Bahnsteig stehen läßt. Deshalb muss man aber sicherlich keinem eins in die Fresse geben. Dagegen bin ich auch. Eigentlich auch, wenn sie rassistisch profilen. Aber dass es einem in den Fäusten juckt, das kann ich in so einem Fall eben verstehen.

Das hat mich dann wieder ernüchtert, dass es meistens nur die wirklich schlechte Informationspolitik der Bahn ist, die zu solchen Ausrastern führt. Klar, es ist wie immer: Meine Verspätung ist schlimmer als der unmenschliche Übergriff auf meinen Nächsten. Und wenn man doch was sagt, dann bringt man sich in die Klemme. Der Zugbegleiter kann ja anweisen, dass man am nächsten Bahnhof aus dem Zug entfernt wird. Keine Seltenheit bei »Querulanten« und »Störern«. Aber was sagt man in einer solchen Situation auch? Man ist so vor den Kopf gestossen, dass man perplex ist. Und bis einem doch was einfällt, hat der Typ seinen Herrenmenschenarsch schon weitergeschoben.

Manche Zugbegleiter leiden nicht zu viel, sondern viel zu wenig an ihrer beruflichen Situation. Manche bräuchten tatsächlich welche auf die Backen. Gewalt ist keine Lösung. Aber bei solchen widerwärtigen Typen löste sie wenigstens die Verbitterung, die nach solchen Erlebnissen des Bahnalltages entsteht. »Uhhh, jetzt tickt er aber aus«, wird mancher sagen. »Nu wird er aber geschmacklos.« Kann sein. Mir egal! Dass ich den Rassismus in Phantasieuniform irgendwie respektieren muss, kann man aber nicht von mir verlangen. Schade um all die anständigen Zugbegleiter. Schade aber auch, dass all das bahnuniformierte braune Gesindel nicht mehr Angst haben muss in dieser ach so zivilisierten Mobilitätsgesellschaft.


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Fröhliche Verbraucher, die traurige Arbeitnehmer sind

Donnerstag, 3. April 2014

Die Wirtschaftsressorts großer Zeitungen sind betriebswirtschaftlich geschulte »Tendenzbetriebe«. So verbreiten sie tolle News für Verbraucher, vergessen dabei aber, dass diese Verbraucher auch Beschäftigte sind, für die es weniger Grund zu Freude gibt.

Unter »Wirtschafts-News« findet man bei »Focus Online« dieser Tage mal wieder frohe Kunde: »Preisschlacht der Discounter« und natürlich »... die Verbraucher profitieren«. Das zeigt mal wieder ganz gut, wie »Wirtschaft« in vielen Redaktionen dieses Landes verstanden wird: Als ein »Gesamtorganismus«, in dem alles mit allem zusammenhängt, ganz sicher nicht. Verkettungen nimmt man dort nur so beschränkt wahr, wie Betriebswirte gesamtgesellschaftliche Verflechtungen berücksichtigen – nämlich kaum. Sein Betrieb ist sein Kosmos – und vielen Wirtschaftsjournalisten reicht es augenscheinlich, nicht zu allumfassend zu berichten.

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Lazarus mit Kalaschnikow

Mittwoch, 2. April 2014

Ich muss an dieser Stelle mal wieder etwas Positives melden. Kommt ja leider nicht oft vor. Aber ab und zu muss man auch das Gute sehen. Was habe ich nicht schon über die Deinstallierung des paritätischen Gesundheitssystem geschimpft. Aber die Ärzte, die gehören trotzdem immer noch zur globalen Elite des Fachs.

Neulich kam mir dieser Gedanke, als ich diese Frau sah, die schon fast am Ende war. Sie war quasi tot. Haben nicht vor einigen Jahren diverse (Boulevard-)Gazetten gemeldet, dass sie mit dem Leben kämpfe? Am Limit war sie im Knast auf alle Fälle. Und ihre Tochter informierte die Welt gedeihlich darüber, dass Mama am Ende sei, wenn sie nicht bald aus dem Gefängnis käme. Alle Welt machte sich Sorgen. Wie lange hält sie noch durch? Internationale Besucher meldeten: Ja, sie ist sehr sehr krank. Dann kam die Meldung, dass sie frei sei und man schob sie im Rollstuhl vor und war ein bisschen gerührt, dass sie es doch geschafft, dass sie doch überlebt hatte.

Dann ließ sie sich schnell in einem deutschen Krankenhaus von deutschen Ärzten behandeln. Ihr Glücksfall! Heute kann sie schon wieder schimpfen und drohen und irgendwelchen »Dreckskerlen Kugeln in den Kopf« wünschen. Selbst mit der NATO kann sie schon wieder ganz schmerzfrei anbandeln. Fast auferstanden von den Toten möchte sie Tote sehen. Selten war jemand so schnell so geheilt wie sie. Und die Frau ist nicht mal krankenversichert in Deutschland. Wie gut muss es erst denen gehen, die es in diesem Lande schon sind?

Die Welt hat sich wahrlich verändert. Wir empfinden nicht mehr so, wie noch Menschen vor mehreren Jahrzehnten empfunden haben. Früher hat einer seine Hand auf die Stirn eines Lahmen aufgelegt und auf ihn eingeflüstert - und der Typ warf seine Krücke weg, sprang in die Luft, rief »Juhu!« und bestieg den nächsten Hügel. Heute setzt sich ein so wundersam Geheilter in einen Sessel, verbreitet Hysterie, will einen Krieg beginnen und erzählt der Welt via geheimdienstlichen Mitschnitt, dass er für Mord und Totschlag schon wieder bereit ist.

Was hat eigentlich Lazarus getan, als ihn Jesus von den Toten erweckt hatte? Dass er Drohungen ausstieß, konnte ich nirgends lesen. So ein Tod schlaucht ja auch. Ich vermute, er hat es sich gut gehen lassen. Heute hätte er sich vielleicht eine Kalaschnikow gekrallt und mit Kopfschüssen gedroht. Auferweckte sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Aber die Ärzte sind besser geworden.


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Kurz kommentiert

Dienstag, 1. April 2014

»Fast jeder Deutsche möchte gerne reich sein. Dennoch sind Wohlhabende hierzulande nicht wohlgelitten. Dabei würden mehr Reiche dem Land durchaus gut tun.«
- Maximilian Weingartner, Frankfurter Allgemeine vom 29. März 2014 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Es gibt Kommentatoren, die sich für nichts zu schade sind; die Argumente aufführen, die gar keine sind und deshalb Schlussfolgerungen ziehen, die so haarsträubend geistesabwesend wirken, dass man sie für einen verfrühten Aprilscherz halten könnte. Schlussfolgerungen übrigens, die gar nicht am Schluss gezogen werden, sondern vorher schon fest standen und noch ein wenig Sachgrund suchten, um als Erkenntnis abgesegnet werden zu können. Ein solcher Kommentator ist Weingartner und eine solche apriorische Erkenntnis ist die, dass viele Reiche notwendig seien für das Wohl aller.

Weingartner beginnt ja schon völlig hanebüchen. Alle wollen reich sein, behauptet er. Deswegen spielen auch so viele Menschen in Deutschland Lotto. Die träumen nämlich alle von einem Leben als Reicher. Das alleine ist schon vermessen. Die meisten werden wohl nicht deshalb spielen, weil sie sich gerne ein Etikett »reich« anheften wollen, sondern weil sie die Schnauze voll davon haben, arm zu sein, sich herumschubsen lassen zu müssen; weil sie abends wachliegen, darüber sinnieren, wie sie die nächste Autoreparatur bezahlen wollen oder was sie tun sollen, falls der laut knarrende Kühlschrank morgen doch den Geist aufgibt. Es geht nicht um Reichtum, sondern um die Flucht aus einem Zustand, in dem Geld immer zu knapp ist. Und überhaupt: Spielen denn nicht auch reiche Leute Lotto? Wenn ja, wie erklärt der Mann denn dieses Phänomen?

Sodann bedient er sich im bekannten Arsenal der Argumente. Reiche zahlen nämlich so viele Steuern, dass man sie eigentlich lieben müsste. Wenn es sie nicht gäbe, wäre der Sozialstaat am Ende. Je reicher, desto besser. Von der Beitragsbemessungsgrenze der Krankenversicherung zum Beispiel, die den Beitragssatz deckelt, sagt er kein Wort. Sollte jemand aus reichem Hause gesetzlich versichert sein, bezahlt er also immer prozentual weniger als jemand, der einen üblichen Lohn bezieht. Aber das nur als Beispiel. Dass nämlich viele Reiche nur wenig Steuern bezahlen, hat man neulich vor einem Münchner Gericht erfahren und wie es aussieht, war das nur die Spitze eines polgroßen Eisgebirges. Währenddessen sinken die Durchschnittslöhne, wächst die prekäre Beschäftigung an und werden Arbeitnehmerrechte geschliffen. Und trotzdem liebt sie keiner, die Reichen, die im Fernsehen von Villen und Traumreisen erzählen? Die ihre Kinder von den Kindern der Habenichtse separieren und selbst auch wenig mit den »Human Ressources« zu tun haben wollen. Warum nur sind sie »nicht wohlgelitten«? Weingartner kann das alles gar nicht fassen.

Natürlich weiß Weingartner, dass man nun auch noch den politisch-ökonomischen Gegner verunglimpfen muss. Daher schreibt er: »Die Umverteiler ziehen alle Register«. Angriff ist immer dann die beste Verteidigung, wenn man unter starken Abwehrproblemen leidet. »Die Umverteiler«? Man hört förmlich, wie bei diesem Wort die Nase verächtlich gerümpft wird. Was bitte ist daran verwerflich, wenn Menschen, die von den gesellschaftlichen Errungenschaften und von den Erkenntnissen der Menschheit gesamt profitierten, auch wieder etwas von ihrem Profit zurückführen an die Basis, die ihnen den Erfolg ermöglichte? Nein, Weingartner geht es nicht darum, eine Lanze für die Reichen zu brechen, er stilisiert sie zu den Säulen des Sozialstaates, den sie großzügig unterhalten, um damit indirekt auch für die Eigenverantwortung zu plädieren. Denn wenn er meint, wir könnten mehr Reiche vertragen, dann spricht er getreu dem Motto: Wenn alle reich wären, gäbe es keine Armen mehr. Oder besser gesagt: Dann müsste man keine Armen mehr alimentieren.


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