De dicto

Dienstag, 21. August 2012

"Aber nur die Gemeinschaft von Mann und Frau ist auf die Hervorbringung von Kindern angelegt. Sie ist Keimzelle der Gesellschaft. Daher wird sie als Institution geschützt."
- Reinhard Müller, Frankfurter Allgemeine vom 13. August 2012 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Lassen wir mal beiseite, dass es durchaus richtig ist, die Familie als Institution zu schützen - und lassen wir auch beiseite, wie wir als Gesellschaft den Familienbegriff interpretieren wollen, ob nun homosexuelle Paare mit oder ohne Kinder Familien sein sollen oder nicht. Es soll hier um etwas Grundsätzliches gehen: Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft zu benennen ist nämlich ein beliebtes Vorurteil, das sich wissenschaftlich nicht bestätigen läßt.

Die Anthropologie und die Evolutionsbiologie geben durchaus nicht vor, dass Mann und Frau als Keimzeile aller Gesellschaft zu sehen sind. Der Blick auf vom Menschen artverwandte Spezies läßt Rückschlüsse zu, dass die Erziehung und Anleitung der Jungen, einst nicht einem Paar, sondern der Gruppe übertragen wurde. Die Paarung ergibt zwar den Nachwuchs, aber die Kinder gehörten letztlich nicht Mann und Frau, modern gesagt: das Sorgerecht lag nicht bei den Eltern, sondern wurde vergesellschaftet. Die Kinder hatten auch keine explizite Bindung zu den Erzeugern, schliefen nicht abends selbstverständlich in deren Nestwärme und wurden nicht ausschließlich von jenem Weibchen gestillt, das die Mutter war, sondern von einem mehrerer Weibchen, die nicht abgestillt hatten. Richard David Precht schreibt, dass dies mit dem Einzug der Liebe zwischen Männchen und Weibchen einen Abbruch fand, weil Liebe immer auch Absonderung von anderen und damit Exklusion von lästigen Dritten bedeutet. Damit ändert sich an der Keimzelle, die Müller ja zitiert, nichts. Nicht die klassische Familie nach dem Schema "Mann, Frau und Kinder" ist Keimzelle, sondern der archaische "kommunistische Impetus", Fürsorge als Gesellschaftsauftrag zu leisten.

Auch diese These ist natürlich nicht hundertprozentig sicher; sie ist auch nur eine Vermutung. Eine jedoch, die im Hinblick auf Beobachtungen schlüssiger erscheint und die nicht sehr gut in ein Lebenskonzept passt, in dem Eigenverantwortung und soziale Vereinsamung wesentliche Stützpfeiler sind. Hätte nämlich der Mensch ursprünglich Erziehung als Verantwortung für die gesamte Gesellschaft begriffen, wäre er also in seiner Keimzelle ein Kommunist, so würde das bedeuten, dass der homo neoliberalis in einem nicht artgerechten Zustand weilte, kein richtiges Leben im falschen finden könne. Der Mensch ist freilich flexibler, existenzialistisch gesagt, kann er das sein, was er sich einzubilden meint; als Wesen, das sich selbst reflektiert, ist ihm die Selbstdefinition gegeben und die kann in alle Richtungen ausschlagen. Niemand will heute seine Kinder vollauf der Gesellschaft übertragen - denn der heutige Mensch definiert sich (auch) über seine Kinder. Das muß kein künstlicher Zustand sein, sondern ist dieser Gabe zur Selbstdefinition geschuldet.

Dass aber kommunistische Impulse nicht per se ideologisch sind, sondern der conditio humana entsprechen, das reicht aus, um dem konservativen Leitbild von der Keimzelle der Gesellschaft immer wieder Auftrieb zu geben. Denn es darf nicht sein, was nicht sein soll. Mit der Familie aus Mann, Frau und Kindern läßt sich die Hierarchie einer Gesellschaft sauber und ein wenig naturalistisch erklären. Richtig muß dieses Konstrukt aber deswegen noch lange nicht sein. Und ist es vermutlich auch nicht...



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Wasser bis zum Hals

Montag, 20. August 2012

Zwei Ereignisse jährten sich dieser Tage. Beide traten vor zehn Jahren in die Welt. Beide wurden in den Medien stark thematisiert. Beide wurden jedoch voneinander gesondert abgehandelt, nicht zusammengelegt.

Vor zehn Jahren war ein großer Teil des deutschen Ostens landunter. Vor zehn Jahren entschloss man sich, die Vorgaben der Hartz-Kommission, jene die die Nummern I bis IV trugen, in die Realität umzusetzen. Das sind zwei Geschichten, die sich voneinander geschieden ereigneten und doch miteinander verbunden sind. Während dieser Kanzler zum Anfassen mit Gummistiefeln durch den Osten watete, Siegerpose hier, Verständnis heuchelnd dort, während er für die Betroffenen präsent war, hemdsärmelig und mit einstudierten Sorgenfalten, während er einen guten Eindruck hinterließ, adelte man die Zielsetzungen einer Lobbyistengruppe, die man euphemistisch Kommission nannte, zu einem Gesetz. Fast war es so, als hätte man diese Sozialreform verdeckt unter Wasser gegurgelt, im Schutz der Brühe, die sich über Land und Felder, in Häuser und Geschäfte goss. Das Hochwasser umspülte den Sozialabbau etwas, machte ihn zur Marginalie, machte ihn zum Kritikpunkt für Pedanten, in einer Zeit, da doch offenbar so viel wichtigere Sorgen das Land quälten.

Der gummigestiefelte GröRaZ, der größte Reformer aller Zeiten, versprach im Hochwasser unbedingte Hilfe, uneingeschränkte Solidarität, wie er es knapp ein Jahr zuvor schon mal formuliert hatte - damals in einer anderen Angelegenheit. Es ist ein Hohn, denn ausgerechnet im Osten tat er dies, dort wo Hartz IV später einschlug wie nirgends, dort wo einige Zeit danach, als die Vorgaben der Kommission bereits ins SGB gemeißelt wurden, an den Menschen gespart werden sollte, versprach er nun keine Knauserigkeit, versprach er Großzügigkeit. Wenn das Wasser bis zum Hals steht, wird geholfen, war seine Botschaft - wenn es einem wirklich, flüssig, nass bis zum Hals steht, nicht metaphorisch. Dem Arbeitslosen aber, dem das Wasser sinnbildlich bis zum Hals steht, versagte man nun etwaige Ansprüche. Der Kanzler watete mit Solidaritätsbekundungen auf den Lippen durch die Lande; ein wenig später, das Wasser war schon lange wieder weg, da watete er durch Parteikundgebungen und entsagte dabei jeglicher Solidarität gegenüber Menschen, die sich nicht aus eigener Kraft ernähren können oder dürfen.

Mythen haben beide Ereignisse geschaffen. Die Bundeswehr wusch sich rein im Dreckwasser, schleppte Säcke, machte Kriegseinsätze vergessen, Ist ja eigentlich ne hilfreiche und dufte Truppe!, wie man das damals so las. Arbeitslose wurden als faul und ungepflegt abgestempelt und man sagte ihnen nach, sie hätten ihre Situation selbst herbeigeführt. Ressentiments in dieser Richtung gab es immer, aber Hartz IV hat es zur Populärmeinung gemacht, zum Gegenstand von Vorabendserien. Hartz IV ist nicht lediglich Armut per Gesetz, es ist auch Vorurteil per Gesetz, denn dass der Bedürftige ein fauler Strick ist, läßt sich zwischen den Zeilen des SGB II immer wieder herauslesen. Denkt man an die Bundeswehr, so sieht man auch junge Säckeschlepper vor dem geistigen Auge; denkt man an schlecht bezahlte Säckeschlepper, so stellt man sich Hartz IV vor - und das ist eine progressive Haltung, denn normalerweise denkt die Öffentlichkeit bei Hartz IV nicht ans Schleppen, sondern ans Schlafen.

Es war, als habe der Kanzler bedürftigen Menschen damals ein letztes Mal Hilfe zugesprochen. Es sollte unbürokratisch Hilfe herbeieilen, auch finanzielle Hilfe - dem war nachher freilich nicht ganz so. Doch damals versprach er noch Geld, wenig später nahm er es diesen teils so strukturschwachen Gegenden per Gesetz wieder. Heute geplanter Zuschuss, morgen geplante Sanktionen; heute den Fleiß der Wiederaufbauer lobend, morgen die Faulheit der Langzeitarbeitslosen in derselben Region; heute Solidarität, morgen die Entsolidarisierung zum Thema der Kanzlerschaft erheben. Es war, als habe die im Hochwasser stampfende Richtlinienkompetenz geahnt, dass er einmal noch, nur noch einmal, solidarisch sein darf, einmal noch die Strukturschwachheit stützen darf, bevor er ihr die Stütze wackelig macht.

Hochwasser und Hartz. Beides sind Schlaglichter einer selbstgerechten Kanzlerschaft, die selbst heute, Jahre danach, nach vielen Jahren a.D., noch immer überzeugt davon ist, dass sie richtig gehandelt habe, dass sie es genau so gemacht habe, wie es sein sollte. Hochwasser und Hartz - beides gehört zusammen; das Hochwasser überspülte Hartz und Hartz wurde für viele zum nicht ablaufenden Hochwasser...



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Man wird doch nochmal halten dürfen

Freitag, 17. August 2012

oder: das Politische im Unpolitischen.

Ich habe niemals die Ansichten meines Lebensgefährten geteilt. Nein, wirklich nie. All die Jahre habe ich sie nicht geteilt. Sie sind mir allerdings auch nicht zuwider, gebe ich ganz offen zu. Er hat halt seine Ansichten - alle Menschen habe ihre ganz eigenen Ansichten. Das muß man respektieren. Aber ich habe meine eigenen Ansichten.
Sie wissen aber, dass er Ansichten hat, wie Sie dazu sagen, die weniger Ansichten, als Volksverhetzung, die Vorstufe zu verbrecherischen Maßnahmen sind. Er ist Mitglied oder war Mitglied einer Partei, die Moslems für minderwertig und dessen spiritus rector, ein Mann namens Horst Mahler, Juden als Entwicklungsstufe hin zum Menschen bezeichnete.
Ich sag ja, jeder hat seine Ansichten, ich teile sie nicht. Man muß das respektieren. Toleranz ist auch in einer Beziehung sehr wichtig.
Sie respektieren es also, dass er einer Ideologie nachläuft und nachäfft, die Menschen dazu bringt, andere Menschen mit Raupen zu vergleichen, wie es eben dieser Mahler getan hat? Teilen Sie diese Ansichten, wie Sie es nennen, denn überhaupt?
Jeder hat so seine eigenen Ansichten. Ich teilte nie alles, was er so sagte und erzählte. Ich las ja auch nie seine Bücher; Mahler sagt mir jetzt nichts, aber Broder kenne ich und Sarrazin; den ersten Autor mochte er nicht, der sei kriecherisch. Ich habe die nie gelesen, ich lese nur Liebesromane. Wir lesen abends immer zusammen; er seine Philosophen, wie er immer sagt, und ich meine Schnulzen. Da kann ich am besten abschalten.
Teilen Sie seine Ansichten?
Nicht so wie er. Ich habe andere wie er. Dass ich aber so wissenschaftliche Aufsätze wie Sarrazins nicht für ganz falsch finde, kann man mir nicht vorwerfen. Ich kenne ja nicht alles von dem, aber was ich so gelesen habe, war doch sehr schlüssig. Habe ich in Tageszeitungen gelesen und die fanden das ja auch gut, was der geschrieben hat. Aber ich teile seine Ansichten nicht, ich kenne sie noch nicht mal ganz genau.
Man munkelt, Sie seien auf Kundgebungen oder zumindest bei einer Kundgebung dabeigewesen. Stimmt das? Wenn ja, warum waren Sie dort?
Ich habe ihn begleitet. Wir sind doch ein Paar, man muß doch miteinander was unternehmen. Das gehört sich so. Ich habe ihn begleitet und er ging dafür abends mit mir in eine romantische Komödie mit Jennifer Lopez; Beziehung ist ein Geben und Nehmen. Ich war da nur dabei, aber ich teile nicht seine Ansichten. Und er war im Kino dabei, aber er teilt meinen Filmgeschmack nicht. Das ist doch dasselbe irgendwie.
Sie hielten sich demnach abseits, während er marschierte - verstehe ich das richtig?
Meistens ja, zwischendrin hielt ich mal ein Transparent für ihn fest; er hatte doch noch Schmerzen, Bänderdehnung vom Sport in der Kameradschaft. Man wird doch nochmal halten dürfen! Man wird doch seinen Lebensgefährten noch mal stützen, sein liebevoll gebasteltes Transparent hochhalten dürfen! Ich habe es ja nicht mal richtig gelesen, ich hielt es ja nicht aus Überzeugung sondern aus Fürsorge hoch.
Stellen Sie sich nur mal vor, da wäre eine Parole wie "Deutschland den Deutschen!" draufgestanden - komische Fürsorge, nicht wahr?
Ich weiß echt nicht, was er da draufgeschrieben hat. Keine Ahnung. Ich teile ja seine Ansichten nicht und da kümmert es mich wenig, was er da schreibt. Wenn das draufgestanden hätte, wäre es blöd gelaufen, aber auch nicht so schlimm. Deutschland ist ja das Land der Deutschen - es wäre also nicht mal gelogen gewesen, sondern eher sowas wie plausibel.
Lassen wir das mal so stehen. Was, wenn Sie eine rassistische Parole hochgehalten hätten? Fühlten Sie sich dann nicht ausgenutzt?
Nein, weil ich kann ja nichts für das, was er denkt und glaubt. Ich finde nicht, dass man Menschen rassistisch begegnen darf. Wenn man Nationalitäten nicht mag, sollte man ihnen einfach gar nicht begegnen. Das gehört sich so. Aber wenn er sowas denkt, dann ist das seine Ansicht und ich respektiere das.
Ist man nicht ein wenig für seinen Partner verantwortlich? Für die Wahl desselben ebenso wie für das, was er so tut und macht? Wenigstens moralisch?
Ich sagte doch oft, "Hör mal, das finde ich nicht so!" Und er hörte zu und vertrat seinen Standpunkt. Das tat er zwar immer schlüssig, aber ich finde das natürlich trotzdem falsch, weil ich das nicht so sehe. Wir haben Standpunkte diskutiert und ich finde, wenn man Standpunkte diskutiert, dann ist das sehr demokratisch ausgeführt.
Sie halten es für demokratisch, wenn ein Antisemit mit jemanden, der nicht antisemitisch eingestellt ist, eine Diskussion führt? Es dient also der Wahrheitsfindung, wenn jemand mit Menschenverachtung mit Menschen diskutiert, die er verachtet?
Jeder darf doch denken, was er will. In der Demokratie ist das so.
Eine Demokratie, die Antidemokraten zu Wort kommen läßt, die das demokratische Klima zu vergiften trachten, halten Sie weiterhin für eine Demokratie?
Aber diese Leute, die aus dem Umfeld meines Freundes kommen, die reden doch nur. Keiner hat jemals einem anderen Menschen was Körperliches angetan. Man darf Worte doch nicht überbewerten. Es wird so viel geredet den ganzen Tag. Und man kann doch letztlich über alles reden.
"Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen. Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal." Kennen Sie das? Es ist aus dem Talmud. Etwas, das Ihr Freund mit Sicherheit nicht liest oder überhaupt kennt. Ich glaube nämlich nicht, dass Worte nur Worte sind.
Das ist Ihre Ansicht und Sie dürfen eigene Ansichten haben.
Als einer der Autoren, die Sie vorher nannten, ein Buch veröffentlichte und viel Entrüstung stattfand, da verteidigten ihn auch unpolitische Menschen mit den Worten, "Man wird doch nochmal sagen dürfen!" Sie gleichen denen.
Dazu kann ich nicht viel sagen. Vielleicht fanden die Leute nur, dass der Mann etwas gesagt hat, was nicht schlimm sein kann, weil es viele so denken oder sehen.
Wenn viele den Pogrom denken, dann ist er nicht falsch? Pluralitätsprinzip bis in den Tod?
Aber in der Demokratie ist es doch so, dass Mehrheiten entscheiden...
Ist es nicht so, dass es Qualitäten von Ansichten gibt? Es gibt zum Beispiel die Ansicht, dass Mord etwas ist, das es zu bestrafen gilt - und es gibt die Ansicht, dass der Mord nicht falsch sein kann, einfach deshalb, weil der Mensch dazu fähig ist, ihn zu begehen. Sind das Ansichten gleicher Güte, auf Augenhöhe?
Ich kann für die Ansichten meines Freundes gar nichts. Es ist nicht fair, mich dafür verantwortlich zu machen. Dass ich das Transparent hochgehalten habe, beweist gar nichts. Ich finde es nicht korrekt, wenn man Menschen für ihre Ansichten verurteilt, an den Taten sollen sie gemessen werden. Ich finde es ja auch nicht richtig, wenn man jemanden ausgrenzt, weil er bei einer linken Partei ist zum Beispiel.
Sie werden lachen: Ich auch nicht. Ich finde auch nicht richtig, wenn man jemanden verurteilt, wenn er bei einer linken Partei ist. Ich finde es aber wohl richtig, wenn man jemanden verurteilt, weil er bei einer rechten Partei ist. Die einen predigen Verbrechen, die anderen wollen soziale Teilhabe. Das ist ein Unterschied, das kann man nicht vergleichen. Aber wir kommen vom Thema ab; ich würde gerne wissen, ob Sie nicht der Ansicht sind, dass man durch Schweigen und Ignoranz gegen gewissen Ansichten, sich mitschuldig macht?
Sie fragen nur immer; ständig fragen Sie nur. Es sind doch nicht meine Ansichten, Mensch! Jetzt frage ich Sie was. Was halten Sie denn von Leuten, die mit einem Mörder liiert sind? Es gibt Frauen, die verlieben sich in Männer, die im Todestrakt auf die Vollstreckung warten. Machen die sich nicht mitschuldig?
Das ist etwas anderes. Erstens, weil ein Mörder im Trakt sühnt, was jemand, der in einer rechtsextremistischen Partei oder in einer Partei der bürgerlichen Mitte, der gegen Bevölkerungsgruppen hetzt, ja eben nicht tut. Und es ist etwas anderes, weil der Mord keine ideologische Tat ist, die sich auf den generellen Hass gegen bestimmte gesellschaftliche Gruppen baut, sondern aus etwaigen anderen Motiven heraus begründbar ist.
Er hat jemand getötet, die Verfechter von Ansichten, die Sie verurteilen, haben das nicht!
Nicht in der Tat, aber die Ansicht ist der Schlüssel dorthin; sehen Sie diesen Norweger an, der sich radikalisierte, weil er diverse Verfechter solcher Ansichten las und für geistige Wegweiser hielt. Er gab das selbst zu. Ansichten, die rassistisch sind, die antisemitisch begründet, die nationalistisch aufgefächert werden, sind nicht der Mord, das stimmt. Sie weisen allerdings dorthin. Sie sind nicht die Bombe oder das Messer, aber sie sind der Grund, warum man Bombenzubehör kauft oder sein Springmesser wetzt.
Sie unterstellen Menschen Straftaten, bevor sie diese überhaupt begehen.
Ich unterstelle nicht, ich zweifle nur an ihren Ansichten und ich zweifle an Ihrer Ansicht, jede Ansicht sei eine Ansicht. Wachhaft bleiben - das ist auch so ein demokratischer Wert.
Für mich ist demokratisch, denken und sagen zu können, was man mag. Für Sie ist es seltsamerweise demokratisch, nicht denken und sagen zu lassen, was jeder für sich selbst möchte. Komisch, wie man Demokratie umwerten kann.
So sehe ich das leider auch...



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Ein Organ des ewigen Lebens

Donnerstag, 16. August 2012

Letzte Woche war im Hause Springer großer Organspende-Tag. Selten hat man so viele Menschen erlebt, die so voller Entzücken und auch Freude dem eigenen Ableben entgegenfieberten. Fast alle lächelten sie, fast alle trugen sie ihre Überzeugung in ihren Lachfältchen herum. Mancher Philosoph, nicht zuletzt mancher Theologe, mokierte schon vorher, dass wir in einer Kultur des Todes lebten. Eine Kulturleistung mag wohl sein, den eigenen Tod galant zu überspielen, Thanatos in die Gesellschaft einzuführen. Die Pop-Kultur hat schon lange auch von sensiblen Aspekten des Lebens Besitz ergriffen; das war und ist gar nicht immer negativ, dies hat auch vormals tabuisierte Themen entweiht und zugänglich gemacht, Einsichten geschaffen. Nur so poppig, so bunt und verzerrt, haben sich bislang selten Menschen dem eigenen Ableben gestellt. Dem Fatalismus, dem sich jedes menschliche Leben, endlich in seiner Konzeption, gegenüber sieht, trotzig die Stirn zu bieten, nicht zu verzagen, sondern die Begrenztheit, die Flüchtigkeit der eigenen Körperlichkeit wegzulächeln, gleicht beinahe schon jener metaphysischen Revolte, die Camus in seiner Essay-Sammlung "L’homme révolté" benennt.

Eigentlich ist diese Revolte noch viel fundamentaler, denn sie lächelt nicht nur über den Tod hinweg, sondern auch über den persönlichen Sterbensweg. Der potenzielle Organspender muß im Schoße einer Intensivstation sterben, was voraussetzt, eine sehr schwere Krankheit erlitten zu haben, um dort betreut worden zu sein. Nur so tritt der Tod bei lebendigem Leibe ein, wie Vera Kalitzkus dies in ihrem Buch nennt. Dieses im Springer-Medium postulierte Selbstbewusstsein gerät somit zur mutigsten metaphysischen Revolte, die man sich denken kann. Hier rebelliert man gegen die Unumgänglichkeit jeden Erdenlebens, erhebt sich gegen die Sterbenskrankheit, macht man sich zum Organ des ewigen Lebens der Menschheit, nicht des Menschen. Es ist nicht nur der eigene Tod, den man weglächelt, den man sich zivilcouragiert wegengagiert - man schmunzelt sich über einen "Leidensweg hin zum Tode" hinweg. Der fehlende offene Umgang mit der Transplantationsrealität legt vermutlich den Verdacht nahe, dass viele der lächelnden Rebellen gegen das Unabwendbare, gar nicht ahnen, wie ihr Sterben gestaltet sein muß, um als Organ in einem Fremden Dienst tun zu können. Aus dem Mut, sich in dieses aussichtslose Gefecht zu stürzen, wird so Naivität, unaufgeklärter Aktionismus, lachhaft in Pop-Art geschwungene Einfalt.

Die Komplikationen, die eine Kultur der routinierten Organspende aufwerfen, finden kaum Gehör. Die Debatte ist radikal, in ihr ist die Spende das Gute; die Weigerung, seinen Körper posthum als Biomaterial zur Verfügung zu stellen, versteht sie als Anzeichen von Boshaftigkeit. Wir sprechen wenig über das Leid nach dem Empfang eines Organes, über die dauerhafte Angst vor der Abstoßung, die beeinträchtigende Medikation, darüber, wie man sich fühlt, etwas Fremdes in sich zu tragen; etwas, das einem in Fleisch und Blut übergeht, das aber dennoch fremd und undefinierbar bleibt. Es ist ein Unterschied, ob einem eine Herzklappe eingesetzt wird, die in einem Unternehmen für Hospitalbedarf gefertigt wurde, oder ob das einzusetzende Objekt etwas ist, das in einem anderen menschlichen Körper gereift und gewachsen ist.


Es ist dieser fehlenden Auseinandersetzung geschuldet, dass sich hierbei fast schon witzige, weil in ihrer Einfalt tragische Sequenzen ergeben. Da werben Männer an der Schwelle zum Greisenalter mit Slogans wie "Jetzt erst recht!" - er will doch sicherlich noch ein, vielleicht zwei Jahrzehnte leben, er will dann doch sicherlich friedlich einschlafen, schnell sterben, im Kreise seiner Familie, zuhause vielleicht sogar. Was sind die verwelkten Organe eines Greises denn wert? Außer für ihn selbst, er liebt sie ja, denn es sind seine, sie haben ihn begleitet, mit ihm erlebt und gelitten. Solche Motivationen sind entweder schrecklich lachhaft und satirisch oder sie sind von Unwissenheit gezeichnet. Vielleicht ist es aber auch mehr, vielleicht ist diese seltsame metaphysische Revolte nicht nur dafür geschaffen, der Menschheit ein längeres Leben leerzuversprechen, sondern dem jeweiligen Organspender auch. Vielleicht ist die greisenhafte Bereitschaft, seine ausgemergelten Organe wenigstens theoretisch zur Verfügung zu stellen, so zu erklären: Um einen Teil des eigenen Lebens zu übertragen, um weiterzuleben, obgleich man eben nicht mehr lebt, gerade jetzt, wo der eigene Tod immer denkbarer wird, das ist der Strohhalm weiterhin nützlich, weiterhin lebendig zu sein. Das ist natürlich rational betrachtet blanker Unsinn. Aber welche irrationalen Impulse treiben den Menschen nicht alle dazu, sich dem Unausweichlichen nicht stellen zu müssen.

Ob nun richtig, ob nun falsch, das wird eine persönliche Frage bleiben. Der gesellschaftliche Umgang damit, die popularisierte Aufklärung, die den Menschen zum Biomaterial macht, die alle anderen Aspekte ausblendet, das ist aber zweifellos falsch. Die Verteufelung derer, die nicht spenden wollen, auch derer, die sich keine Gedanken dazu machen möchten, ist falsch. Es gibt, so hart das für Organbedürftige klingen mag, keinen Anspruch auf eine medizinische Hilfe, die sich auf den Tod anderer Menschen stützt - es gibt wohl die Möglichkeit, nicht aber den Anspruch. Aus dieser falschen Anspruchshaltung heraus treten Beißreflexe, die demjenigen, der nicht spenden möchte, zusetzen. Und diese Anspruchshaltung und die hieraus resultierende Belehrungsmoral sind ebenso falsch.



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Ridendo dicere verum

"Ein Deutscher ist großer Dinge fähig, aber es ist unwahrscheinlich, dass er sie tut: Denn er gehorcht, wo er kann, wie dies einem an sich trägen Geiste wohl tut."
- Friedrich Nietzsche, "Morgenröte" -

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Ein Streich gegen die Kunst

Mittwoch, 15. August 2012

oder: ein Aufruf gegen die Streichung des Künstlers aus unserer Gesellschaft.

Das Vorhaben des Bundesarbeitsministeriums, aufstockendes Arbeitslosengeld II für Selbstständige zu streichen, ist nicht nur ein Akt gegen die Grundsicherung kleinunternehmerischen Engagements - es ist gleichwohl ein gezielter Anschlag auf die Kunst.

Etwas über 14.000 Euro nehmen Künstler im Schnitt ein. Sagt die Künstlersozialkasse, die sich auf Zahlen derer stützt, die bei ihr versichert sind. Dabei ist zu konkretisieren, dass Künstler, die jünger als dreißig Jahre sind, durchschnittlich etwas mehr als 10.000 Euro einnehmen. Das sind wiederum Zahlen, die alle Künstler umfassen, in den jeweiligen Sparten sieht es anders aus: junge Musiker nehmen jährlich nicht mal 9.500, junge darstellende Künstler nicht mal 8.500 Euro ein. Großkotze der Kunst sind jene aus dem Bereich Wort - das sind Schriftsteller, Dichter, Bühnen- und Filmautoren, Lektoren, (Bild-)Journalisten und einige andere Berufe mehr. Im Durchschnitt nehmen sie jährlich 17.500 Euro ein, wobei die U30 des Bereiches Wort auch lediglich auf etwas mehr als 14.000 Euro kommt.

C. Spitzweg, Armer Poet in der Dachkammer
Wir sprechen hier vom Einkommen, nicht vom Gewinn - wir sprechen quasi vom Brutto des Künstlers. Und es ist der Gewinn, nicht das Einkommen, der auch für das Jobcenter maßgeblich ist, wenn der Künstler dort vorstellig wird, um seine Bezüge aufzustocken. Die Zahlen der KSK lassen ahnen, dass dort nicht wenige vorsprechen. Will man die Abdeckung der Grundsicherung mittels Arbeitslosengeld II für Selbstständige streichen, so betrifft das besonders die Künstler. Gestrichen werden nicht die Leistungen nach SGB II für Künstler, gestrichen wird die Kunst, wird der Künstler selbst. Denn der meldete dann seinen Freiberuf ab, um Existenzsicherung beziehen zu können. Von was soll er sonst leben?

Aufträge aus dem Ärmel schütteln kann er sich nicht - so funktioniert eine künstlerische Laufbahn nicht. Und was, wenn er doch mal Einnahmen erzielt, trotz Abmeldung als Künstler? Wenn er die seinem Jobcenter vorlegt? Unterstellt man ihm dann, wieder selbstständig zu sein? Streicht man ihm den Regelsatz zusammen? Der Künstler soll schweigen, soll ruhen - wer Arbeitslosengeld II bezieht, so will man dem Bezieher begreiflich machen, der hat keine Kunst zu fabrizieren. Nach dem Bewilligungsbescheid ein Gedicht zu schreiben, ist gefährlich!

Man könnte frech behaupten, dass dieser geplante Steich von der Leyens auf die Medienkampagne gegen Johannes Ponader, Geschäftsführer der Piratenpartei, zurückzuführen ist. Der ist Schauspieler und Theaterpädagoge und gab vor einiger Zeit zu, sein wenig üppiges Salär mit Hartz IV aufzustocken. Ein Aufschrei ging durch das Feuilleton. Einen Schmarotzer nannte man ihn; soll er halt mehr Aufträge annehmen, hieß es zynisch. Gerade so, als lägen die auf der Straße herum. Oder besser noch, er solle richtiger Arbeit nachgehen, etwas Gescheites tun, körperlich - Blut, Schweiß und Tränen. Nützlich sein... Die übliche calvinistische Verächtlichkeit gegenüber Schöngeistigkeit und Ästhetik, die keinen pekuniären Wert abwirft - jedenfalls keinen großen, keinen vermögenden pekuniären Wert. Eine Einstellung, die sich immer latent gehalten hat, die aber nun irgendwie zum Abschluss kommen soll.

Sicherlich, kürzlich noch schrieb unter anderem die geschätzte Julie Zeh, dass es in diesem Land eine extreme Künstlerfreundlichkeit gibt; sie sprach von Stipendien, von der Künstlersozialkasse und etwaigen Fonds. Alles richtig. Aber die Grundhaltung zur Kunst ist damit doch nicht erklärt. Man schätzt sie ja, man findet sie wichtig - aber der, der sie macht, der sie formt und singt, der soll verdammt nochmal so davon leben können, dass die Allgemeinheit für ihn nicht einspringen muß. Die Künstlerfreundlichkeit ist hierzulande doch bestenfalls die Freundlichkeit gegenüber Künstlern, die es geschafft haben, von ihrer Kunst zu leben; es ist die Freundlichkeit gegenüber gutsituierten Künstlern, die Freundlichkeit gegenüber Künstlereliten. Wie man Ponader angriff, hat doch gezeigt, wie man den Kunstschaffenden sieht, wenn er nicht von seiner Arbeit leben kann; hat gezeigt, um wieviel schlimmer man es wertet, wenn dazu noch politisches Engagement kommt. Von der Leyen will der Selbstständigkeit generell ans Leder - sie trifft damit aber verstärkt die Kunst. Haben Sie schon mal den mitleidigen und oft despektierlichen Blick gesehen, den man zugeworfen bekommt, wenn man auf die Frage, was man denn tue, mit Schreiben! antwortet? Und davon kann man leben?

Es gibt ein kulturelles Bedürfnis des Menschen. Künstler befriedigen dieses. In Zeiten geilen Geizes ist es Usus, allerlei Bedürfnisse möglichst billig, vielleicht sogar gratis befriedigt bekommen zu wollen. Den Künstler trifft diese Sparwut eher als den Metzger. Aber irgendjemand muß diese kulturelle Arbeit doch trotzdem leisten. Sie ist existenziell für den Menschen, für seine eigene Wahrnehmung, für die Verarbeitung der Welt, wie sie sich ihm zeigt. Kunst schafft Reize, Impulse, bildet die Welt in verdichteter, komprimierter Form so ab, dass sie wahrhaftig und manchmal sogar wahrhaftiger wird, dass sie auf einen hin und wieder ästhetischen Kern geschrumpft wird, auf einen, der Erklärungen liefert. Das muß doch jemand tun! Ist die Forderung, man solle sich richtige Arbeit suchen, nicht ein Hohn? Ist das etwa keine richtige Arbeit, etwa keine wichtige Arbeit?

"Ich bin oft arbeitslos und weiß dann nicht, wovon ich die Miete bezahlen soll. Ich bin froh, überhaupt noch Arbeit zu bekommen, muss nehmen, was ich kriegen kann. Es ist schwer, davon zu leben", sagte die Schauspielerin Silvia Seidel in einem Interview. Zugejubelt haben sie ihr in den Achtzigerjahren; mittlerweile ist sie tot - Freitod, nachdem sie vorher regelmäßig ihren Frust in Alkohol konserviert hat. Das war eine Frau, die schon früh ganz oben war - und dennoch war sie oft arbeitslos, dennoch hatte sie Existenzängste. Das ist das Los so vieler Künstler - und das soll nun noch verschärft werden, setzt sich die Absicht von der Leyens durch. Ganz schön bezeichnend, wenn zeitgleich in Zeitungen zu lesen ist, dass der Selbstständigkeit, eben auch der künstlerischen Selbstständigkeit das Aufstocken verboten werden soll und dass eine Schauspielerin, die von Existenzängsten getrieben war, die ihre oftmalige Arbeitslosigkeit beklagte, sich das Leben nahm. Makaber ist das! Und eigentlich paradox - diese Paradoxie immer wieder herauszuarbeiten, das ist die Aufgabe der Kunst. Der Journalismus schafft das nicht, kann er nicht, ist nicht seine Aufgabe - schon gar nicht, wenn er zum Schönalismus wird, der publizistisch zu schönen hat, was so unschön ist.

Es trifft ja nicht nur Künstler!, wird man nun einwenden. Stimmt. Auch um die anderen Kleinunternehmer ist es schade - schade um sie als Menschen, deren Vision dahinschmilzt oder sie selbst, wenn sie dennoch Kleinunternehmer bleiben, der zu wenig zum Leben hat, der also Existenzsicherung bräuchte, die er nicht mehr kriegt. Aber Künstler trifft es überproportional - und es trifft sie nicht nur persönlich, sondern es trifft uns gesellschaftlich, trifft uns kulturell, macht nicht nur den Selbstständigen arm, sondern uns alle, läßt uns alle geistig, kulturell und schöngeistig verarmen. Vielleicht ist die Absicht nicht direkt, den künstlerischen Müßiggang, den die bürgerliche Mitte immer schon kritisierte, einzudämmen. Aber er ist so ein schönes Nebenprodukt der Forderung von der Leyens. Endlich bringt man sie weg von ihrer Berufung und steckt sie in einen Beruf. Endlich werden sie nützlich, können wir sie allgemein monetären Gründen wegen verzwecken.

Was hier geschieht, ist die Gleichschaltung des Menschen vor kapitalistischen Interessen. Die Kunst hat in einer Dystopie, wie sie die gleichgeschaltete Gesellschaft ist, keinen Platz - nur wenn sie satte Märkte erschließt. Dann kann der Künstler ja auch davon leben - dann ist er zwar immer noch ein suspekter Mensch, aber doch wenigstens ausreichend mit Geld ausgestattet, um seine Seltsamkeiten nicht alimentieren zu lassen. Von der Leyens Forderung ist so viel mehr - sie ist ein Mordanschlag auf freie Kleinkunst!



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Ein wunderbares Versprechen

Dienstag, 14. August 2012

Joachim Gauck versteht unter Sozialstaat nur Transferleistungen, meint Albrecht Müller in seiner Schrift zum Bundespräsidenten. Neulich präsentierte er die Gedanken einer seiner Leserinnen; die meinte, nicht nur Gauck verorte den Sozialstaat als reine Transferleistungseinrichtung, weswegen es vielleicht wichtig und hilfreich wäre, dem Sozialstaatsbegriff eine aufklärende Schrift zu widmen. So weit soll an dieser Stelle nicht gegangen werden - keine ganze Schrift, aber einige Gedankensplitter sollten schon sein, denn der Sozialstaat ist wahrhaft mehr als nur eingereichte Einzugsermächtigung und Geldüberweisung. Er ist...

... makroökonomisches Werkzeug.

Heute hat man immer wieder den Eindruck, die Eliten kommen dem Sozialstaatsgebot nur deshalb nach, weil es das lästige Grundgesetz so vorsieht. Artikel 20 dieses Grundgesetzes, dort wo es heißt, dass die Bundesrepublik eine demokratischer und sozialer Bundesstaat sei, zählt für sie zweifelsohne zu den Nachteilen des Grundgesetzes, weil Demokratie und Soziales Geld kostet. Das ist aber nur eine eindimensionale Schau auf den Sozialstaat. Denn er ist nicht weniger als eine Art Sicherheit für die Wirtschaft.

Es ist weitestgehend dem Sozialstaat zu verdanken, dass in Not geratene Bürger nicht als Kunden wegfallen oder als Gläubiger zum Totalausfall werden - der Sozialstaat versorgt nicht nur bedürftige Bürger, sondern auch jene Unternehmen und Banken, die einem in Bedürftigkeit fallenden Bürger anhaften. Er sorgt dafür, dass die (Finanz-)Wirtschaft nicht massenhaft Zahlungsausfälle hinnehmen und abschreiben muß. Gäbe es ihn nicht, fiele der Erwerbslose als Stromkunde, der Kranke als Abnehmer notwendiger Medikamente, der finanziell klamme, dennoch in Rechtskalamitäten verstrickte Bürger als Mandant und insbesondere als Kunde aus, weil er sein ganzes Geld, sein Existenzminimum, in den Rechtshändel steckte, statt beispielsweise in die Tilgung eines kleinen Kredites.

Der Sozialstaat ist nicht nur sozial zu denen, die unmittelbar von ihm profitieren - er ist es weitschweifig auch zu all denen, die wirtschaftliche Interessen und Rollen im Leben dieser Bedürftigen einnehmen.

... Präventivschlag gegen Kriminalisierung.

Kein Land der westlichen Hemisphäre hat ein so unzureichendes, teils gar nicht vorhandenes Sozialwesen, wie das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wie die Vereinigten Staaten. Kein anderes westliches Land hält mehr Menschen im Gefängnis - vor zehn Jahren saßen mehr als 0,7 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes hinter Gittern; in Deutschland waren es etwas mehr als 0,1 Prozent. Die Zahlen mögen vielleicht etwas täuschen, weil in den USA seit einigen Dekaden etwaige Null-Toleranz-Gesetze verabschiedet wurden, die direkt ins Gefängnis lotsen - dass es aber Spannungen gibt, die auf fehlende Partizipation zurückzuführen ist, scheint nicht bezweifelt werden zu können. Überhaupt ist die Affinität zwischen einer Gesellschaft, die ihre Hilfebedürftigen nicht schützt und hoher Kriminalität, keine neue Erkenntnis. Die, die im Sozialstaat nur eine Transferleistung wittern, scheinen diese Binsenerkenntnis aber vergessen zu haben.

Ohne Versorgung von Menschen, die sich selbst nicht mehr - oder temporär nicht - helfen können, wächst der Zwang, sich notfalls auch illegal über Wasser zu halten. Denn erst das Fressen, dann die Moral. Woher nehmen, wenn nicht stehlen?, ist hierzulande eine populäre Sentenz - sie trifft zu. Der Sozialstaat schützt die Hütten der Armen, damit die Paläste der Reichen nicht besetzt oder eingerissen werden, könnte man etwas pathetisch sagen. Der soziale Friede, der dem Sozialstaatsgedanken innewohnt, hemmt das Anschwellen der Kriminalitätsrate.

... Psychopharmaka und Baldriantropfen.

Man stelle sich jetzt mal jemanden vor, der in einem Land, wie jenem der begrenzten Unmöglichkeiten, keinerlei Anspruch auf Hilfe hat. Da stellten sich abends Fragen, die man in Europa zuweilen schon vergessen hat, die man aber gerade wieder lernt. Was esse ich morgen? Schlafe ich in drei Tagen noch hier? Wie geht es weiter? Was, wenn die Schmerzen größer werden, ich aber nichts dagegen nehmen kann? Einige packen an, forcieren ihre Energie, werden in vollem Bewusstsein kriminell. Andere trauen sich das nicht, fressen in sich hinein, eignen sich eine Depression an. Man könnte fragen: Was ist dir lieber: Kriminell zu sein oder depressiv? Von was eine Lebensunlust wegtherapieren lassen? Und nachher entlädt es sich, wie so oft schon in Gewalt.

Der Sozialstaat heilt natürlich nicht die Tiefphasen des Lebens, die durch ihn gebändigt werden sollen - er therapiert beispielsweise niemanden, der durch einen ärztlichen Kunstfehler Folgeschäden erlitten hat. Hat dieser jemand Geld, braucht er den Sozialstaat nicht. Hat er keines, so zahlt der Sozialstaat die rechtlichen Mittel und die medizinischen Folgekosten. Und dies zu wissen, lindert doch ungemein - es gibt wohl nicht so viele Baldriantropfen in der Apotheke zu kaufen, wie man trinken müsste, um ohne diese Gewissheit ein halbwegs menschenwürdig Leben zu führen.

... das Vermögen und die Versicherung armer Leute.

Wie erwähnt, derjenige, der vermögend ist, der braucht den Sozialstaat nicht. Leute wie Gauck sind ja gerade nicht von ihm abhängig; fallen sie, so fallen sie in die Weichheit ihrer Rücklagen oder erhalten ein Pöstchen durch Vermittlung von Bekannten, damit sie sich über Wasser halten können. Diese Weichheiten haben die meisten Bürger nicht - Rücklagen sind schnell aufgebraucht und Bekannte können als Angestellte selbst keinen Arbeitsplatz vermitteln. Eigenverantwortlichkeit, dieses Schlagwort, mit dem man den Sozialstaat immer gerne madig macht, ist etwas, was sich nur leisten kann, der den Widrigkeiten des Lebens eigene Antworten (daher: Eigenverantwortung) entgegensetzen kann. Alle anderen brauchen Garantien, Rückversicherungen - und das bietet der Sozialstaat.

Er ist das immaterielle Vermögen armer Leute - etwas, was materiell Vermögende nicht brauchen. Er ist somit auch Statthalter der Freiheit - dass an Freiheitsrechten herumgedoktort wurde, wie bei Hartz IV und der Residenzpflicht beispielsweise, ist eine andere Geschichte.

... Hüter der Demokratie.

Es ist kein Zufall, dass im Artikel 20 des Grundgesetzes das Wort "demokratisch" und "sozial" in einem Atemzug genannt wird. Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Würde hier nur stehen, es sei ein sozialer Bundesstaat, so würde sich das Demokratische daraus ergeben - könnte man dort lesen, es wäre ein demokratischer Bundesstaat, ohne dass das Soziale erwähnt würde, so dürfte an der demokratischen Konzeption gezweifelt werden. Die Demokratie braucht mündige Bürger - es reicht nicht, wenn man ihnen beibringt, dass Meinungsfreiheit demokratisch sei; es muß auch die materielle Basis für solcherlei Freiheiten vorhanden sein.

Die Demokratie ist die Idee, der Sozialstaatsgedanke ist der Gegenstand, um es mit Platons Ideenlehre zu sagen; hier Ideal, der immaterielle Anspruch - dort das Körperliche, die materielle Basis. Beides gehört zueinander, auch wenn Philosophie und Theologie uns über Jahrhunderte beibringen wollte, dass die Idee immer mehr wiegt als der Körper. Nur ein Geist denkt schwer, wenn der Körper, in dem er wohnt, nicht ausreichend ernährt wird - und ein Körper, in dem der Geist zu kurz kommt, kann laufen, aber mündig im Sinne moderner Staatstheorie kann er niemals sein. Die Symbiose ist notwendig - wie die Phänomenologie die scharfe Trennung zwischen Immaterie und Materie aufzuheben versuchte, so ist der Artikel 20 des Grundgesetzes nicht weniger, als ein phänomenologischer Ansatz zur Demokratisierung - das Soziale ist notwendig, um das Demokratische zu ermöglichen.

... Auftrag und Anspruch einer reichen Welt.

Wirtschaftlicher Fortschritt gehört nicht nur denen, die ihn sich leisten können. Die gesamte Menschheit hat einen Anspruch darauf, am Fortschreiten menschlicher Schaffens- und Denkprozesse teilhaben zu dürfen. Pharmakonzerne forschen nicht für ihren unternehmerischen Profit, auch wenn es das hiesige System genau so sieht - sie forschen, um der Menschheit ein besseres Leben zu erlauben. Und da die Menschheit nicht nur reich ist, sondern vielmehr arm, ist es notwendig, die Teilhabe am Fortschritt systematisch zu ermöglichen. Das System hierzu heißt: Sozialstaat. Das ist vereinfacht gesagt, denn der Profitismus mancher Branchen kann natürlich mit dem Sozialstaat nicht aufgehalten werden - hier empfiehlt sich flankierend eine Politik, die dem Phänomen mit rigiden Mitteln Einschränkung auferlegt.

Nun haben Sozialstaaten nicht die ganze Menschheit unter sich. Aber weil er von der Idee her versucht, die Errungenschaften der menschlichen Spezies für alle Mitglieder derselben in seinem Wirkungskreis zu sichern, wäre er nicht ein Auslaufmodell, sondern ein Konzept für den gesamten Planeten. Mehr Sozialstaat schaffen, um mehr Teilhabe am Fortschritt zu erlauben!, könnte man populistisch als Parole ausgeben.

Menschlicher Reichtum ergibt sich nicht aus den Kontoständen reicher Damen und Herren - die Menschheit ist reich, wenn ihr Reichtum auf viele Köpfe verteilt wird. Einzelexemplare mit satten Geldern sind nicht Dokument dafür, dass es der Menschheit als solcher besonders gut geht. Dann geht es nur einzelnen Menschen gut, die nicht pars pro toto gewertet werden dürfen. Der Sozialstaat ist ein Auftrag, ja ist ein Anspruch an eine Welt, die es eigentlich mehr und mehr schafft, alle zu versorgen - er ist der Versuch, dass die Verteilung dieser Güter an alle gelingt, auch wenn man selbst nicht (mehr) die finanziellen Mittel hat, um als Mensch in der Menschheit daran teilhaben zu können.

... auszubauen, nicht einzustellen.

Wer natürlich nur die Gelder sieht, der kann leicht die Einschränkung des Sozialstaates fordern. Es handelt sich aber um erheblich mehr. Die Transferleistungen, die fließen, sind nur das Mittel zum Zweck, Mittel für Sicherheit, Frieden und den eigenen Anspruch, Teilhabe am Wohlstand zu ermöglichen. Leute wie Gauck sehen nur dieses Mittel, der Zweck ist ihnen schleierhaft - sie sind so auf Zahlenwerte fixiert, dass sie die wahren Werte des Sozialstaates gar nicht mehr zu erkennen vermögen. Der Sozialstaat ist nicht nur Geldleistung, die auf Konten gutgeschrieben wird - er ist vernünftig und mitmenschlich, spricht die Ratio wie das Gemüt an; sicher ist er jedoch kein Sentimentalität, die sich die Gesellschaft leistet. So sehen das Leute wie Gauck zuweilen, wenn sie von Transferleistungen sprechen - sie sagen mit so einem Unterton, der hörbar macht, dass sie dieses Geld an die Bedürftigkeit als sentimentale Opfergabe werten. Das ist dumm und spiegelt nicht wider, was Sozialstaat wirklich ist. Und weil er so viel mehr ist, gilt es ihn nicht einzuschränken, sondern ihn zu stärken und dort auszubauen, wo immer es möglich ist.

Albrecht Müller beschloss seine Ausführungen neulich damit, der Sozialstaatlichkeit nachzusagen, sie sei "ein wunderbares Versprechen". Das kann man nur unterschreiben - es ist so viel mehr als nur Geldtransfers auf Konten. Dass Müller zudem schreibt, dass "dieses Versprechen (...) in vielfältiger Weise verletzt und aktiv gebrochen worden" ist, muß man leider auch unterschreiben. Dabei gäbe es so viele Gründe, sich gegen diese Verletzungen und Brüche aufzulehnen.



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Nach den Anthropologischen Tagen

Montag, 13. August 2012

Das olympische Feuer zu London ist ausgeblasen. Der zurückgelassene Medaillenspiegel ist hierbei Abklatsch der europäischen Wirklichkeit; einer chauvinistischen Wirklichkeit, einer stammtischigen Wirklichkeit, wie wir sie als öffentliche Meinung kennen. In der ist es das arbeitsscheue Südeuropa, das nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sportlich hintendran ist. Der Chauvinismus, dieses gallige Nebenprodukt einer nordisch-kühlen Politik und ihrer Presseorgane, er schaut nun bestätigt in sein ehrenvolles Spiegelbild, in dieses Medaillenspiegelbild und glaubt sich als Wahrheit. Der Schnorrersüden - Griechenland, Spanien, Italien und Portugal - hat gerade mal 48 Medaillen um den Hals gehängt bekommen. Die Lega Nord jedoch, das sind Deutschland, Frankreich und England, sage und schreibe 142 - hundertzweiundvierzig und die Last der vernünftigen Umstrukturierung Europas zum Schutz vor den unedlen Wilden aus dem Süden; und natürlich baumeln auch Milliardenpakete wie Mühlsteine um den Hals.

St. Louis 1904

Der Chauvinist findet es schon ziemlich treffend, dass diese urwüchsigen, diese bequemen und trägen Völker, denen der moderne Mensch des Nordens ständig finanziell aushelfen muß... findet es als Bestätigung seiner Weltanschauung, dass diese primitiven Ethnien, die sich in Modernität geübt haben, doch darin kläglich scheiterten, so mies gegenüber dem rationalen und nützlichen Mensch des europäischen Nordens abschnitt. Gegen den Menschen der Lega Nord sind die schwächelnden Geblüte des Südens chancenlos. Man sollte ihn aus der Wertung nehmen, diese erfolglosen Menschentypus, ihn nur noch untereinander stümpern lassen. Es braucht für die Reinheit des hohen Sportes vielleicht eine Sezession, eine Abspaltung von den Südstaaten, um der Sklaverei zu entkommen, die sie für den Norden bedeuten - wie nutzlos sie sind, zeigt ja doch auch der Medaillenspiegel. Und wenn sie weiter mit der leistungsstarken Zucht aus dem Norden wettbewerben, dann ist auf Dauer keine Leistungssteigerung, kein Leistungswachstum denkbar. Die Fitten brauchen Fitte, damit sie Höchstleistungen erzielen können, dass sie sich zu neuen Rekorden treiben - messen sie sich mit denen, die zu schwächlich sind auf der Brust, so gewinnen sie zwar, bringen dabei aber nicht die beste Leistung. Das hat Darwin schon so ungefähr erklärt - und de Coubertin, Vater der modernen olympischen Spiele, war ein Knabe von neunzehn Jahren als der in Downe starb.

In den ehemaligen Südstaaten wurde einst, damals 1904 war das, gerade mal 22 Jahre nach Darwins Ableben, noch richtiges, noch seriöses Olympia zelebriert; in St. Louis war die Welt noch anständig konzipiert, denn da durften Moros, Patagonier, Cherokee, Sioux, Ainu und Pygmäen noch gesondert auflaufen. Die wurden seinerzeit zwangsolympisiert, was man dann unter dem aufgeklärten Titel "Anthropologische Tage" aufführte. De Coubertin  machte sich Sorgen, er warnte, dass der schwarze Mann bald den weißen Mann überholen werde - wohl ein Horrorszenario für den Herrenmenschen. Und das ist wirklich so eingetreten, zuletzt eben mit Bolt, der das schöne Konzept vom nordischen Menschen wieder mal zerstörte; ein Konzept, das schon 1936 von Owens in Grund und Boden gerannt wurde. Mittlerweile habe wir uns daran gewöhnt, wir wissen auch, dass eine Disziplin alleine, die allumfassende Überlegenheit der nordischen Bewegung, des Nordic Walking quasi, nicht ausmacht. Man muß alles sehen, einen Blick auf Tabellen oder Medaillenspiegel wagen. Bolt veranschlagte man kürzlich im Ersten übrigens optisch zwischen Strauß, Kamel und Leopard; unter all diese Wesen stand zu lesen, wie schnell sie die 100 Meter laufen - der schwarze Mann zwischen Getier: das war schön kalkuliert unglücklich gewählt. Und man ist froh, dass Bolt kein legendärer Hochspringer ist, sonst wäre er im Ersten unmittelbar neben allerlei Affentypen fotomontiert worden. Jeder hat halt so seine Stellung in der Welt...

Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen

Der Nordeuropäer ist zwar langsamer als der Schwarze, aber er ist im Teamsport so viel besser. Der Nordmensch ist ein Teamplayer, ein soziales Wesen, kann sich unterordnen, dienen, mitreißen und delegieren. Das kann der Schwarze nicht. Der Nordeuropäer ist zwar langsamer als der Schwarze, aber er ist so viel besser als der Südeuropäer. Und so hat sich der Schwarze auch unseren Respekt verdient, er kann ja was. Aber was können die Südeuropäer schon? Sie können nicht wirtschaften, können nicht richtig sporteln, können nur wimmern und schimpfen und von unserem Geld leben! Das muß auf Genetik zurückzuführen sein; dieser Ex-Senator hat das doch schon mal festgestellt in seinem Buch. Dieses südliche Unvermögen gehört vielleicht nicht bestraft, denn dafür kann Südeuropa nichts - aber es gehört doch abgesondert. Raus aus dem Euro - raus aus Europa - raus aus dem Medaillenspiegel und in eine eigene Kategorie rein, in eines wo Faulheit und Jammerei gefragt sind. Das wird man doch noch mal sagen dürfen! Schauen Sie sich doch nur an, was das für Menschen sind. Bekommen den Arsch nicht hoch und reißen ihn sich auf der Aschebahn auch nicht auf. Das zeigt doch, welchen schädlichen Charakter man am Mittelmeer antrifft. Das mediterrane Klima ist nicht gesund für den Menschen, es macht ihn träge und verdorben. Im ewigen Eis des Nordens ist der Nordeuropäer erstarkt - die Welteislehre ist also doch nicht völliger Humbug! Ein modernes Europa kann sich rückständige Völker nicht mehr leisten. Wir sollten Olympia boykottieren, wie weiland 1980 - damals, weil die Russen in Afghanistan einmarschierten, künftig, falls Südeuropäer doch weitere Einmärsche in Olympiastadien planen...

Die spalterischen Fliehkräfte, die Europa auseinandertreiben, werden immer stärker. Es ist nicht nur ein neuer Nationalismus, der sich formiert - es finden sich so viele rassistische Untertöne darin. Die Krise des Euro ist für die Öffentlichkeit keine, die sich ökonomisch erklären läßt, die sich aus Außenhandelsdefiziten der einen und -überschüssen der anderen rekrutiert, sondern einfach nur Ausgeburt charakterlichen Mangels und volkseigener Beschränkungen. Die Krise ist keine des Euro, es ist die Krise, die der Euro mit Völkern hat, die geistig nicht reif sind, mit ihm, mit Geld überhaupt umzugehen. Das ist eine esoterisch verbrämte Rassen-Ökonomie. Die eugenischen Taschenspielertricks, die mancher Autor hierzulande schon vor Jahren als Wissenschaft verkaufte, haben ihren Beitrag dazu geleistet, die Welt nicht als soziologisch erklärbares Milieu, sondern als Kampffeld von genetischen Prozessen zu begreifen. Sie förderten eine Sichtweise, wonach die Welt nicht aus Ursachen und Wirkungen und Folgen entsteht, sondern aus inneren und determinierten Abläufen. Eine solche Weltanschauung begrenzt sich selbst und macht den zukünftigen Weg, den Europa zusammen gehen könnte, zu einem begrenzten, grenzwertigen Ereignis...



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Sit venia verbo

Freitag, 10. August 2012

"Wenn gewöhnliche Bürger den Gürtel enger schnallen und weniger Geld ausgeben und auch der Staat weniger Geld ausgibt, wer soll dann noch amerikanische Produkte kaufen?
Auch deutsche Regierungspolitiker scheinen diese Logik nicht nachvollziehen zu können. Sie verweisen gern auf den Aufschwung des Landes seit Ende der 1990er Jahre und erheben ihn zum Modell, dem alle anderen zu folgen haben. Der Schlüssel für den deutschen Aufschwung war die Wende von einem Außenhandelsdefizit zu einem -überschuss, das heißt, Deutschland verkauft seither mehr ins Ausland, als es aus dem Ausland importiert. Das funktioniert natürlich nur, weil andere Länder (vor allem in Südeuropa) ein entsprechend größeres Außenhandelsdefizit aufgebaut haben. Heute stecken alle in Schwierigkeiten, aber es können nicht alle mehr verkaufen als sie selbst kaufen. Die Deutschen scheinen das nicht zu verstehen, oder vielleicht wollen sie es auch einfach nicht verstehen."
- Paul Krugman, "Vergesst die Krise!" -

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... zwei, drei, viele FDP!

Donnerstag, 9. August 2012

Ich weiß nicht, ob das seinerzeit als Scherz gemeint war oder nicht. Machte Bushido einen auf Hape Kerkeling, der weit von seiner humoristischen Bestleistung entfernt, als speckiger Rheinländer maskiert fiktiv als Kanzler kandidierte? Was wäre die politische Botschaft, die hinter einer solchen Aktion zu vermuten wäre? Der Wiener Aktionismus wollte provozieren, wollte das Happening zum Erkenntnisgewinn und zur Demaskierung gesellschaftlicher und systematischer Ungereimtheiten und Selbstgefälligkeiten nutzen. Welchen kognitiven Gewinn hatte man aus Kerkelings Parodie? Gab es einen? Und was wird uns Bushidos geplanter politischer Slapstick erkennen lassen? Oder ist es ihm ernst?

Nehmen wir es halt für einen Augenblick als ernste Absicht an. Es enthüllt sich, dass Bushido keine Auflockerung des Politbetriebes wäre, sondern die rappende Fortschreibung der FDP mit nuschelnden Mitteln...

Sprechsingender JuLi aus der Mittelschicht

Bushido erklärte in einem Interview gegenüber der BILD-Zeitung, er sei niemand aus dem Ghetto, er komme aus der Mittelschicht. Das kann man freilich niemanden zum Vorwurf machen; seine weiteren Aussagen flankieren aber die Erkenntnis, dass er eben auch aus dieser Mittelschicht heraus sozialisiert wurde. Mit all den üblichen Affekten und Engstirnigkeiten. Wenn man nun davon ausgeht, dass Bushido genau in jener Zeit aufwuchs und der Welt verständig wurde, da die geistig-moralische Wende den Alltag umkrempelte, da der Neoliberalismus, der im Gepäck sinnstiftenden Konsumismus und entfesselten Profitismus mitschleppte, seinen gesellschaftlichen Siegeszug antrat, so erklären sich auch Bushidos in und zwischen den Sätzen lauernde Ansichten.

Sein politisches Ziel lautet, und er traut es sich auch so zu sagen, dass er Regierender Bürgermeister Berlins werden möchte. Geschenkt, dass er politische und persönliche Ziele gleichsetzt - andererseits: genau diese Haltung ist es, die unsere Zeit ausmachen. Die Personalisierung, die zum politischen Inhalt, zur Botschaft wird, ist Anzeichen einer postdemokratischen Öffentlichkeit, die es bevorzugt, an der Oberfläche zu kratzen, ohne die unter dem Lack lauernden Kompliziertheiten zu touchieren. Gut ist, dass unter Bushidos politischem Lack ohnehin nichts Kompliziertes ausharrt.

Anreize schaffen! verwendet er als Floskel, wie es die Jünger des Marktes ehedem tun. Er bringt das mit der Integration von Ausländern zusammen, die freiwillig Deutsch lernen sollten - durch eben diese Anreize. Bushido bringt keine eigenen Themen an, er kopiert das vorhandene Repertoire, gestaltet nicht, sondern springt mit auf - für ihn sind die angeblich unintegrierten Ausländerhorden Sujet; er hinterfragt nicht, was wahr, was Legende ist. Der neoliberale Zeitgeist lebt davon, Themen auszulutschen, bis sie so wahr sind, wie er von Anfang an immer schon suggeriert hat, dass sie es sind. Dass der Rapper zudem die Frauenquote ablehnt, ist zunächst ja nicht unbedingt verwerflich - seine Begründung ist allerdings geprägt von den Arbeitsmarktexperten, die uns seit Jahren weismachen wollen, dass Arbeitslosigkeit nur eine Folge von mangelndem persönlichen  Engagement sei. Fehlender Erfolg auch, meint Bushido, wenn er Frauen empfiehlt, "Arschbacken zusammenkneifen und arbeiten", dann schaffen sie alles. Dass Selbstaufopferung, egal ob bei Mann oder Frau, nicht zwangsläufig zu einer besseren Arbeitsstelle, zu höheren Lohn und so weiter führt, hat Bushido noch nicht verstanden, denn er scheint die Situation auf dem modernen Arbeitsmarkt, die Prekarisierung, die Haltung einer "industriellen Reservearmee", nicht wahrzunehmen. Wer heute noch glaubt, dass Engagement Erfolg schmiedet, der ist in den Losungen der neoliberalen Propheten ordentlich verfangen und findet wahrscheinlich keinen Ausweg mehr.

Zwangsläufig werden neue Parteien immer Ef-De-Pe-oid

Der Rapper ist angekommen, schon bevor er sein Vorhaben, eine politische Partei unter seiner Leitung zu gründen, öffentlich machte. Im Smoking nimmt er Preise entgegen und die Kritik an der Gesellschaft, eigentlich das ureigenste Handwerk des Rappens, begrenzt sich auf einige Plattitüden. Die Gründung einer Partei, die wie eine radebrechende FDP auftritt, ist da nur folgerichtig. Jahre der Beschulung, in der wir mit Sozialdarwinismus und zu Vernunft erklärten Egoismen berieselt wurden, in denen man uns pädagogisch wertvoll angedeihen ließ, dass eine deregulierte Wirtschaft für jeden Vorteile böte, wenn man nur willig genug ist, sich auf die Anforderungen des Marktes einzustellen, Jahre voller Scheindebatten und emotionalisierter Ratio... all das nährt zwangsläufig Charaktere, die sich in ihrem angelernten Denken und unbewussten Opportunismus, für besonders clever und querdenkerisch halten.

Unumgänglich scheint es so, als dass neue Parteien, gegründet von Leuten, die die neoliberale Unterweisung als normalen Alltag erlebt haben, immer irgendwie marktkonform und -unkritisch, steuer- und abgabenfeindlich, elitär und arbeitsmoralingesäuert, Da-haben-Sie-mehr-von-Ihrem-Geld!-süchtig und egoman ausgerichtet werden; kurz gesagt: wie die FDP in Reinkultur, jedenfalls aber wenigstens von ihren Idealen angehaucht, also Ef-De-Pe-oid. Die Piraten klingen manchmal ganz ähnlich, sie treten zuweilen als Nerd-FPD auf - und ein etwaiger Streit zwischen Realos und Fundis wird unter Umständen die Tendenz dereinst verhärten. Bushido will eine rappende FDP, eine, die Steuern runter! nicht monoton in Mikrofone spricht, sondern rhythmisch singsangt. Eine Politik der gedankenschwanger gestikulierenden Hand - angelehnt an Schröders Politik der ruhigen Hand. Denn Bushido ist übrigens bekennender Fan dieses Ex-Kanzlers, gab er unlängst zu - und er wird es immer bleiben, meinte er hartnäckig...



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Nicht demokratisch - dumm!

Mittwoch, 8. August 2012

Ein kurzer Einwurf nur. Manchmal muß das sein. Der Fall Drygalla zeigt zweierlei. Erstens: Die Nähe zu rassistischen, antisemitischen, nationalistischen Kreisen, in denen Ausländer raus! und Deutschland den Deutschen! gängige Forderungen sind, ist nicht mehr weiter tragisch - und zweitens: Diese ideologischen Auswüchse scheinen in der bürgerlichen Mitte mittlerweile für so normal gehalten zu werden, dass man sich kaum was dabei denkt, wenn eine junge Frau mit einem Neonazi-Funktionär liiert ist. Und es zeigt sich, nennen wir es ruhig als nicht vorhergesehenen, als dritten Punkt, dass die breite Öffentlichkeit kaum zu einer dialektischen Denkweise befähigt ist.

Da liest man von Sippenhaftung und rhetorisches Blendwerk wird aufgefahren. Was wäre denn, las ich da, wenn man einen Cousin hat, der rechtsextremistisch engagiert ist. Ja, was soll denn dann sein? Für seine Verwandtschaft kann man nichts, Freunde und Lebensgefährten sucht man sich aus. Und die Partnerwahl, das wissen wir doch so halbwegs, erfolgt nie wahllos - der Zivilisationsmensch orientiert sich nicht nur an breiten Becken und mannhaftem Bizeps, er ist in seiner Wahl auch insofern determiniert, dass er sich bevorzugt in soziale Milieus bzw. in intellektuellen Fahrwassern zur Suche begibt, die ihm bekannt und vertraut scheinen.

Der Vorwurf der Sippenhaftung ist doch blanker Unsinn. Überhaupt geht es mir selbst nicht darum, ob es richtig war, dass Drygalla abreiste oder nicht. Was kümmert mich das Gerudere etwaiger Leute? Aber die Verlogenheit, mit der Drygallas Nähe zur braunen Szene vertuscht und schöngeredet wird, das ist mir mehr als ärgerlich. Meinethalben sollen Damen und Herren mit neonazistischen Lebenspartnern oder gleich Neonazis selbst bei Olympia teilnehmen - aber dann sollen sie es einfach ehrlich sagen. Dann stimmte auch die Tendenz, die man in den letzten Tagen deutlich zu spüren bekommt in diesem Lande...

Man kann also mit einem Nazi Tisch und Bett teilen - und es gilt dennoch, nicht an der Integrität des Nazipartners zu zweifeln. Und mehr ist es ja nicht; niemand will sie einsperren und kaum jemand wird es länger als drei Tage jucken, wenn sie ihren Sport, für den die Öffentlichkeit nur Interesse zeigt, wenn es Olympiamedaillen regnet, weiterbetreibt. Böse Zungen könnten nun sagen, dass das ja gerade der richtige Sport für ein braunes Gemüt ist. Er ist nicht kreativ und er fordert Schmerz und Selbstüberwindung auf lauten Zuruf eines Führers - das wäre aber gemein gegenüber solchen Rudererinnen, die keinen Neonazi zuhause warten haben.

Was sich bei dieser pikierten Toleranz der Öffentlichkeit zeigt, ist ein Demokratieverständnis, wie man es von ihr sonst eher nicht kennt. Geht einer in eine Moschee, in der schon mal ein radikaler Muslim geiferte, so unterstellt man ihm unumwunden, so sagen ihm Presse und Politik, Nachbarn und Bekannte nach, er sei irgendwie in diesem islamistischen Sumpf verstrickt. Jetzt aber angewiderte Blicke, herausgekehrte Toleranz, gekünstelte Liberalität - das erinnert so fatal an jene wehrlosen Demokraten, die sich in der Weimarer Republik mit Toleranzedikten und Verständnishaben, mit In einer Demokratie haben auch Antidemokraten Platz!- und Lasst die Faschisten nur machen!-Reden, zu überbieten wussten. Manche glauben, das sei demokratisch - ich glaube aber, das ist dumm. Skeptisch zu sein gegenüber einer Frau, die mit einem Neonazi lebt, das ist nicht linksfaschistisch, wie das mancher halbgare Gemütsfaschist meinen mag - es ist nur Ausdruck dialektischen Denkens. Und diese Fähigkeit war es immer, die das demokratische Wesen ausmachte.

Ein Gedanke, der sich dieser Fähigkeit wegen aufdrängt ist doch auch, dass es unwesentlich ist, ob der Kerl noch NPD-Mitglied ist oder nicht. Es rührt mich ja fast zu Tränen, wenn ich dieses sentimentale Geschwätz von Parteiaustritt des Lebensgefährten lese. Heißt denn Austritt aus der Partei auch, dass man aus der Menschenverachtung austritt? Bedeutet das, dass er dem Rassismus und Antisemitismus abgeschworen hat? 

Ich erkenne auch, dass selbst in linken Kreisen die Affäre um Drygalla heruntergespielt wird. Ich nenne jetzt keine Namen, das soll keine Abrechnung werden. Ich las jedenfalls irgendwo, dass während Söder gegen Griechenland moralisiert und die Medien dazu kaum Kritik anbringen, die Lappalie um Drygalla hochgepusht würde. Eine Lappalie ist die Sache aber sicher nur auf persönlicher Ebene - wie tolerant man mit der Peripherie der Neonazi-Szene öffentlich umgeht, das ist allerdings keine Lappalie mehr. Und das in Zeiten, da ein brauner Untergrund Menschen tötete, da man Wachsamkeit am Grabe dieser Toten schwor. Söder und Drygalla sind als Themen nicht gegensätzlich; sie sind eine Brühe. Sie zeichnen den Rechtsruck, die Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte nach.



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Eine Ökonomie von Schuld und Sühne

Als neulich beinahe jede Nachrichtensendung mit den Worten des bayerischen Finanzministers zur Eurokrise aufwartete, nämlich mit jenen, er befürworte einen Euro-Ausschluss Griechenlands aus pädagogischen Zwecken, um Spanien und Italien quasi zu warnen, da hätte man auch titeln können mit der Schlagzeile: Söder spricht sich für eine Ökonomie von Schuld und Sühne aus! Und genau das ist das Problem, das die herrschende Politik mit der Krise hat. Sie sieht sie als ein moralisches Strafgericht und hegt überhaupt die irrtümliche Ansicht, Ökonomie sei als moralischer Sport, als pädagogische Kampagne zu betreiben.

Wie Söder und Konsorten die Euro-Krise sehen, erinnert ein wenig an mittelalterliche Kirchenväter, die in Überschwemmungen und Blitzeinschlägen eine göttliche Strafe für ein sittenloses Leben der Betroffenen wähnten, und die daher zu einem gottgefälligen Leben erziehen wollten. Ökonomie als Strafe und Erziehung - mehr Inhalte finden sich bei Söder und Konsorten nicht. Man unterhält sich im öffentlichen Diskurs viel weniger über Maßnahmen und Lösungsansätze, sondern rezitiert immer und immer wieder das Dogma, dass die Euro-Krise als Strafkolonnie für die vermeintlichen Verursacher zu beheben sei - diese soll pädagogisieren, soll erziehen und schulen.

Es ist ja überhaupt im Trend, ja fast schon Lebensgefühl, wie Konservative wirtschaftliche Krisen immer schon für Strafen hielten - dass sie die Rolle der Erzieher übernehmen wollen, um weitere Strafen für die Zukunft zu vereiteln, versteht sich von alleine. Wie die katholische Kirche AIDS einst für die gerechte Strafe an sittenlosen Männern interpretierte, so ist die Krise des Euro die gerechte Strafe für die südlichen Länder der Eurozone. Wie katholische Priester damals eine Abkehr von der schwulen Sünde forderten, so fordern die Priester der Moralökonomie den Ausschluss Griechenlands aus der Eurozone. Und das nicht nur, um Griechenland zu bestrafen, sondern um andere Länder, die kriseln, zu verschrecken. Ihr Sünder kehrt um, sonst ergeht es euch wie Hellas!

Manche nennen solche markigen Sprüche Populismus. Und populär ist eine Weltsicht, in der die Sünde - oder das was man dafür hält - bestraft wird, ganz sicher. Nur ist fraglich, ob Leute wie Söder das nur von sich geben, weil sie damit die vox pöbuli bedienen - oder ob sie selbst inbrünstig an diese einfältige Schau der Welt glauben. Ökonomische Fragen sollten ja ökonomische Antworten bekommen - sie erhalten hierzulande allerdings nur moralische Einschätzungen und pseudoethische Abstrafungsrhetorik. Wahrscheinlich auch, weil die verantwortlichen Politiker und deren Dunstkreis mit ökonomischen Maßnahmen nur wenig anzufangen wissen; denn die Ökonomie ist oft nicht ganz deutlich, spricht von Prognosen, von Möglichkeiten, von Einschätzungen. Ganz anders die erbitterte Pseudomoral, sie ist eindeutig, sie kennt Schwarz, sie kennt Weiß, sie prognostiziert nicht, sie verurteilt im Vollbesitz moralinvergeistigter Kräfte.

Man hat den Eindruck, die Moralisten begriffen zwischen Süden und Sünden einen etymologischen Bezug. Als ob die deutsche Sprache uns einen althergebrachten Wink lieferte, wonach in jener Himmelsrichtung die Untat wohnte. Die Schuldzuweisungen, die man vernimmt, sind hanebüchen und bösartig falsch; die strukturellen Seltsamkeiten in Griechenland sind nicht Ursache, sondern eher Randerscheinung der Krise. Aber über ökonomisch sinnvolle Aktionen diskutiert man unter Moralisten nicht gerne, denn sie sind so unmoralisch und könnten bewirken, dass die, die man als Sünder erkannt hat, die Griechen eben, ohne Strafe davonkommen. Ökonomie ist leider kein Strafgericht - und das stinkt den Moralisten schwer.

Ein Exempel statuieren will Söder. Als Warnung für Südeuropa. Das ist pures Sendungsbewusstsein - und dieses geht immer mit rigidem Moralismus einher. Das deutsche ohnehin, es ging nie ohne einer Moral, die selbstgerecht genug war, sich als die oberste Instanz eines jeden sittlichen Wesens zu feiern. Dass sie unter ethischen Kategorien gar nicht moralisch, sondern zutiefst unmoralisch war, spielt in ihrem eigenen gesteckten engen Rahmen gar keine Rolle. Mit fast kantianischem Eifer machen sie kategorisch klar, dass man der Anstand ist, die Vernunft; und das tun sie befehlerisch, schroff auffordernd, imperativ eben - der kategorische Imperativ, wie ihn Eiferer verstehen, wie sie Kant missverstehen. Heraus kommt dann eine Sprache von Besatzern - man führt heute keine Kriege mehr, um zu besetzen, man macht es wirtschaftlich; man braucht keine Soldaten mehr, um die Besatzung hochzuhalten, man tut es mit fast schon eschatologischen Moralinbombardement.

Das hat übrigens wirklich etwas von Schuld und Sühne, vom gleichnamigen Roman Dostojewskis. Seine Hauptfigur Raskolnikow ist von sich und seiner Moral so selbstüberzeugt, dass er sich für ein Primat außergewöhnlicher Menschen über gewöhnliche ausspricht. Solche besonderen Menschen dürften und müssten, quasi als moralische Pflicht, gewöhnliche Menschen für höhere Zwecke gebrauchen. Verlangt das Söder nicht auch? Gebrauchte er die Griechen nicht gegen die Spanier und Italiener? Gebraucht er sie nicht, um seinem verstockten Moralgefühl Betätigung zu geben?

Natürlich sollte die Wirtschaft ethische Bedürfnisse befriedigen. Aber in Zeiten der Krise Ethik so zu interpretieren, als sei sie ein Bestrafungskatalog und ein Erziehungsmittel, hat damit gar nichts zu tun. Söder und Konsorten finden ohnehin, dass ethische Regulatoren in der Ökonomie kleingehalten werden sollen - man höre hierzu Söders Äußerungen zur Sozial- und Arbeitsgesetzgebung, die er für Eingriffe in den freien Markt und für Ballast hält. Da ist ihm zu viel Moral störend - aber um ein ganzes Volk zu verurteilen, um es als Exempel für andere Völker herhalten zu lassen, da ist ihm dieses ethische Geschwätz von Schuld und Sühne recht. Das ist nicht nur Populismus, das ist zelotenhafter Fanatismus...



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De auditu

Dienstag, 7. August 2012

Das Gegenteil von Vertrauen ist nicht Misstrauen - jedenfalls nicht ökonomisch gesehen. Man hört ja heute viel öfter als vorher, dass die Märkte Vertrauen hätten oder, öfter noch, dieses verlören. Sie misstrauen aber nicht. Zwar hört man das zuweilen auch, aber diese Feststellung ist falsch. Der polnische Ökonom Kalecki meint einst dazu: "In einem Laissez-faire-System hängt das Beschäftigungsniveau vor allem vom Vertrauen ab. Schwindet dieses Vertrauen, gehen die privaten Investitionen zurück und mit ihnen die Produktion und die Beschäftigung. [...] Damit erhalten Kapitalisten großen indirekten Einfluss auf die staatliche Politik: Alles, was das Vertrauen beeinträchtigen könnte, muss sorgfältig vermieden werden, da es eine Wirtschaftskrise verursachen könnte. Aber sobald der Staat lernt, das Beschäftigungsniveau durch eigene Investitionen zu heben, verlieren die Unternehmer an Einfluss. Daher wird die Verschuldung, mit deren Hilfe der Staat seine Maßnahmen finanziert, als gefährlich dargestellt. Die Doktrin der "gesunden Staatsfinanzen" hat einen klaren gesellschaftlichen Zweck, denn sie soll das Beschäftigungsniveau wieder vom Vertrauen abhängig machen."

Zwar leitet Malecki diese Zeilen damit ein, dass die Unternehmer staatlichen Aktivitäten gegenüber misstrauisch wären - aber es sind eben die Unternehmer, nicht die Märkte, die misstrauisch sind. Das Gegenteil von Vertrauen, ökonomisch gesehen, sind staatlich finanzierte Konjunkturprogramme. Das blinde Vertrauen in unsichtbare Hände, Selbstheilungskräfte und reinigende Krisen sichert den Unternehmern Geltung und Dominanz - jede staatlich finanzierte Investitions- und Konjunkturpolitik untergräbt diese Geltung und diese Dominanz wieder, weil sie das Vertrauen als Basis abschaltet und sich als selbst handelnder Part von vagen Annahmen, mehr ist Vertrauen ohnehin nicht, emanzipiert.

Es geht den Federführern der Staatsschuldendebatte nicht um spätere Generationen, die hoch verschuldet angeblich an den Rand der Handlungsfähigkeit geraten werden - sie müssten dabei ja auch sehen, dass nicht nur Geldschulden hinterlassen würden, sondern infrastrukturelle Wertgegenstände, die der Gesellschaft von Nutzen sind. Sie sorgen sich darüber, dass die Verschuldung durch vom Staat finanzierte Investitionen zum Ende der Vertrauensgrundlage führt, womit der Einfluss der Wirtschaft auf die Politik erschwert würde. Staatsschulden zur Rettung von Banken sind für die Unternehmer weniger tragisch, denn die Banken, die systemrelevant sind, sind nicht weniger als ein Stützpfeiler dieses Vertrauensgebäudes.

Die Unternehmer wollen, dass wir glauben. Vertrauen ist nicht mehr als Glaubenssache. Entweder man glaubt daran, dass man vertrauen kann - oder man verliert den Glauben. Staatliche Konjunkturmaßnahmen sind das Gegenteil. Sie sind weniger Glaubensfrage, sondern ökonomisch nachvollziehbar und kalkulierbar. Wenn man vom Vertrauen der Märkte spricht, dann spricht man von der spirituellen Grundverfassung dieses Wirtschaftssystems und der ihm unterstellten Politik, die sich weigert, eine Linie zu verfolgen, die von Glauben abrückt, zu mehr Stichhaltigkeit hinführt. Das so oft zitierte Vertrauen und das zerbrechliche Gerüst, das von Unternehmerhand bezahlte Wirtschaftsexperten um es herum aufbauen, ist der ausschlaggebende Punkt, weshalb man sich kaputtspart, anstatt zu investieren.



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Kollateralschaden eines falschen Umfeldes?

Sonntag, 5. August 2012

Schämen sich das Innenministerium Mecklenburg-Vorpommerns und der Deutsche Ruderverband eigentlich nicht, so einen paradoxen Unsinn zu verbreiten? Ich meine wie die sicherlich auch, dass niemand etwas für den Mist kann, den sein Umfeld verbreitet und anstellt. Aber es stimmt doch auch, dass man kann sich sein Umfeld aussuchen kann! Und ob man das Umfeld und den Lebensgefährten gleichsetzen kann, ob man so tun kann, als sei eine Liebesbeziehung nichts weiter, als das nicht abfärbende Eingebettetsein in Zweisamkeit, halte ich für grob fadenscheinig und für ein dümmliches Spiegelgefecht der oben genannten Entkräfter.

Wenn man mit Umfeld beispielsweise die Nachbarschaft meint, die rechtsradikales Gedankengut kultiviert, ohne explizit rechtsradikal organisiert zu sein, dann kann man darin, in diesem Umfeld schlechtweg leben, ohne davon nennenswert berührt, ohne davon geprägt zu werden. Mit solchen Leuten kann man durchaus sprechen, kann plaudern und versuchen, sich auf unpolitisches Terrain herauszuquatschen - ich erlebe das ja auch; nicht, dass ich es hier mit Neonazis zu tun hätte, nur mit der kleinbürgerlichen Mitte, die aber zu Arbeitslagern, kleinen Hitlern mit starker Hand und Umerziehungsschulen für Andersartige ähnliche Ansichten hegt, wie es der Neonazismus viel offener und aggressiver tut. Mittiges Kleinbürgertum und  Neonazismus haben zuweilen halt einige Schnittmengen. Mit diesen Leuten, die mein Umfeld sind, lebe ich unaufgeregt - ich stehe beharrlich zu meinen Anschauungen, wenn es denn im Gespräch mal politisch oder gesellschaftlich wird; die chronisch nachtruhestörenden Nachbarn, zufälligerweise Polen, sind unser leidiges Thema. Die sind für mich jedoch kein seltsames Volk oder Polacken oder Typisch Ostblock!, sondern einfach nur schlafraubende Ruhestörer; ihre Nationalität ist mir völlig egal - es kann doch keine Frage der nationalen Abkunft sein, wenn man so selbstsüchtig ist, die eigene Feierlaune dem nächtlichen Ruhebedürfnis des direkten Umfeldes vorzuziehen. Das formuliere ich auch so, wenn die nationale Dumpfheit doch im nachbarschaftlichen Gespräch durchbricht. Kurz gesagt, ich lebe in diesem Umfeld, aber es prägt mich nicht. Es ärgert manchmal, macht fassungslos oder belustigt - für dieses Umfeld kann man wirklich nichts!

Aber verdammt nochmal, ich könnte mir nie vorstellen, mit jemanden zu leben, in einer Beziehung zu leben, mit ihm aufzuwachen, einzuschlafen, mit ihm zu lachen, heulen, beizuschlafen, die Türe beim Toilettengang offen zu lassen, mit ihm alles zu teilen, was ich habe oder gerne mal hätte... kurz, mit jemanden unter einem Dach zu leben - erotisch, nicht platonisch unter einem Dach zu leben -, der solche nazistischen Einstellungen pflegt. Wie kann man denn nun sagen, dass die betroffene Ruderin von der politischen Ansicht ihres Lebensgefährten, eines NPD-Mannes, der einer Kameradschaft vorsteht, die sich mit der phantasielosen Spitzbübigkeit neonazistischer Typen Nationale Sozialisten Rostock nennt, davon völlig unberührt ist? Tangiert es sie denn nicht, dass ihr Kerl erst seinen Horst Mahler-Aufsatz zur Seite legen muß, um sie in den Arm nehmen zu können? Worüber spricht man denn in schwülen Sommernächten, die keinen Schlaf ermöglichen? Und was sagt sie, wenn ihr Kerl nicht schlafen kann, weil es lärmende Nachbarn aus Polen sind, die das bewirken? Bleibt er sachlich und sie damit von seiner politischen Motivation unberührt - oder plärrt er die übliche Suada hinüber, beleidigt und pöbelt er, mach rassistische Unzweideutigkeiten und hört sie dann einfach weg? Geht es ihr am Arsch vorbei, dass der böhmische Gefreite immer wieder lobenswert erwähnt wird? Ja kann man mit jemanden zusammensein, der angeblich so komplett andere Anschauungen vertritt?

Nein, ich will dieser Frau nichts unterstellen. Ich kenne sie doch überhaupt nicht. Man muß fair bleiben. Aber ich kenne sehr wohl die Standpunkte und Überzeugungen jener im Geiste braunbejackten, körperlich schwarzpolobehemdten Herren. So naiv, so arglos und gutgläubig kann man doch nicht sein, die Liebesbeziehung zu einem NPD-Funktionär als etwas isoliertes und luftleeres auszumalen, als eine Liebe, die von allem anderen abgetrennt scheint. Gerade die Liebe ist doch auch immer politisch - in ihr politisiert man. Es müsste sich ja im aktuellen Falle um eine Beziehung handeln, in der es entweder gar keine Gespräche gibt - oder sie kennt nur Gesprächsfetzen, die das Wetter betreffen. Das Fernsehprogramm wäre schon ein Problem, denn dann müsste man über die Rolle von Feindsendern auf deutschem Territorium sprechen... und vom linken Zeitgeist in den Medien.

Eva Braun wurde viele Jahre als das unpolitische Dummchen neben dem Führer erklärt, schreibt Heike B. Görtemaker in ihrem Buch. Sie meint, das sei vom Feminismus politisch gewollt gewesen, denn man hatte Interesse daran, das Weibliche als unbefleckter und unschuldiger einzustufen, um der holden und in Ämter kommenden Weiblichkeit eine neue, weil edlere Zivilisationsstufe andichten zu können. Aber Görtemaker beschreibt diese schwachen Frauen hinter diesen starken Männern - es waren kleinbürgerliche Frauen, die vom selben Hass und derselben Abneigung geplagt wurden, wie ihre Kerle in Phantasieuniform. Sie bestärkten sie, sie unterstützten ihre Gatten und Lebensgefährten und gaben moralische Stütze. Auch Braun tat dies. Politisch gescheit war sie nicht, aber die Beißreflexe und Affekte, die ihren Dolfi trieben, die waren auch die ihren. Mal bewusst, mal unbewusster. Dass sie nichts gewusst hätte, ist so ein Märchen, dem man nur den Vogel zeigen kann. Braun hieß nicht nur so, sie war es auch...

Um Himmels willen, die Ruderin ist keine Braun und ihr Galan kein fliegenschissbärtiger Führer. Nicht gleichsetzen, aber vergleichen sollte man schon. Es ist doch Augenwischerei, wenn man ganz trocken anmerkt, sie habe aber politisch niemals in diese Richtung getickt. Das klingt wie: Sie hat doch nichts gewusst! Wer solche Gerüchte verbreitet, der ist nicht naiv, der bereinigt eine Situation, die keiner Bereinigung unterworfen werden sollte - und der hält die Öffentlichkeit zum Narren.

Ich würde nicht behaupten, dass diese Frau so denkt, wie es ihr Lebenspartner tut. Ich möchte das eigentlich nicht schreiben müssen - alleine mir fehlt der Glaube. Aber ich behaupte es ja auch nicht, ich weise nur darauf hin. Denn dieser kleine Opferstatus, den man ihr zuerkennt, wenn man sie so zum Kollateralschaden einer falschen Beziehung, eines falschen Umfeldes macht, ist einfach nicht angebracht. Man sollte kritischer sein und fragen, was sie an einem solchen Kerl findet - und man sollte auch mal an Rostock-Lichtenhagen denken, als dort im August 1992 ein rassistisches Pogrom von der Polizei nicht unterdrückt, sondern teils toleriert, teils ignoriert wurde. Polizei und das rechte Gedankengut in Mecklenburg-Vorpommern; dort, wo die Ruderin Polizistin war, dort wo sie ihren Schatz kennenlernte. Sprechen wir doch mal darüber, bevor wir uns den naiven Einordnungen von Sportfunktionären und Ministerien unterordnen. Gibt es Schnittmengen zwischen Polizeischule und NPD-Kader? In Zeiten der NSU und der Mitwisserschaft des Verfassungsschutzes kein gewagter Gedanke...



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Kinder... leben!

Freitag, 3. August 2012

Sonnencreme und Grippeimpfung,
Vergiss den Schal nicht!
Wie schütze ich mich am besten, wie mein Kind?
Wie sichere ich mich, wie es ab?
Die Fährnisse des Lebens muß man doch abschalten können,
Die Spontanität planen.
Langeweile in durchdachte Zeitabfolgen bannen,
Kinder brauchen Struktur!
Zu tun haben, beschäftigt sein!
Und Handschuhe, vergiss sie nicht.
Man muß sich dich absichern im Leben,
Der Unabwägbarkeit zuvor kommen.
Leben ist gefährlich,
Wir brauchen deshalb eine Abfederung,
Wie brauchen nur eine Nachahmung davon.
So tun als ob, Leben imitieren,
Nur nicht hineinstürzen, nur kein Abenteuer.
Nur ja nicht kopflos hinein.
Wo ist die Pädagogik der Anti-Kopflosigkeit?
Alles muß gut durchdacht sein,
Und versichert.

Auflagen für heiße Herdplatten,
Sperrkeile gegen Einzwicken der Finger,
Unterhemdchen bei Frühlingslüftchen,
Man muß alles bedenken!
Gebrannte Kinder scheuen das Feuer,
Aber meines soll unempirisch,
Meines soll es lernen ohne Scheuen.
Verbrennungen tun weh,
Verbrennen auch die Seele.
Man muß doch schützen,
Damit sie was werden in der Welt.
Behüten, fernhalten von Sorgen,
Eine Kindheit im Goldfischglas,
Unter der Käseglocke, unter der Glucke,
Geborgen im vorausdurchdachten Leben,
Gemacht von sorgenvoller Elternmiene.
Lebensabklatsch halt.
Frei von Bitterkeiten, frei von Ungemach,
Frei von Nein und Einschränkung,
Frei von Nebengeburten, die das Leben gebiert.
Wetterberichte, Aussichten, Kartenlegen.
Sonst gehen wir ohne Jacke in den Regen hinaus.

Die Schutzindustrie warnt,

Alarmiert, rät ab, sensibilisiert.
Zu viel Leben kann zum Tode führen,
Im Sandkasten droht Krankheit,
Lassen Sie Ihr Kind nicht unbeaufsichtigt!
Eltern haften für ihre Kinder!
Entweder haften oder verhaften,
Rabeneltern sind: die ihr Kind auflaufen lassen,
Die bei Regen ohne Jacke Ausgang erlauben.
Die Planlosigkeiten verordnen,
Die dies auch noch Freiheit nennen.
Wer nicht behüten kann, soll verhüten,
Wer sein Kind nicht vor allem schützt,
Hätte sich mal besser schützen sollen.
Ganztagsklassen und -betreuung,
Kinder beschäftigen,
Stunden verplanen, organisieren,
Die Kindheit der betriebsamen gesellschaft anpassen,
Nur nicht zu viel Freiheit.
Die Gefahren des Lebens wegsperren,
Wegpädagogisieren, wegretuschieren,
Gefahren kosten Zeit und Geld und Nerven,
Stören die Produktivität,
Nur eine Nachahmung von Leben leben.
Langeweile: ein anderes Wort für Leben.




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Die Sprache der 67er

Donnerstag, 2. August 2012

Diese "inoffiziellen Informationen von Behörden" liest man ulkigerweise nur in Diekmanns Zeitung - sonst sind sie nirgends zu finden. Es sind inoffizielle Informationen, die vielleicht ganz offiziös von der BILD-Zeitung selbst stammen. Die lauten nämlich, dass sich das Occupy!-Camp aus "5 Aktivisten, 60 Rumänen, dazu 10 Alkoholkranke, 5 Junkies, 10 geistig Verwirrte" zusammensetze. Gruppen also, die von jeher keinen hohen Stand in der Redaktion dieses Blattes hatten. Man darf ohnehin von Glück sprechen, dass noch von Rumänen die Rede ist - in einschlägigen rechten Webpräsenzen, die so offenherzig schreiben können, wie es die BILD gerne täte, liest man etwas von Zigeunern und Ratten und hygienischen Untragbarkeiten - letztere zogen aber erst ins Camp, als die Zigeuner einzogen; es liegt also nicht am Nagegetier.

Was will uns Diekmann eigentlich sagen? Alkoholiker, Junkies und Verrückte - waren die Occupy!-Aktivisten das nicht von Anfang an irgendwie? Muß man nicht berauscht oder verblödet sein, wenn man die kapitalistische Welt nicht annimmt wie sie ist? Aber jetzt, da der Rückhalt in der Öffentlichkeit immer geringer wird, auch weil es vermutlich tatsächlich ein Hygieneproblem gibt, wie üblicherweise immer, wenn man zeltet, jetzt traut man sich auch, Occupy! derber zu beleidigen, zu verspotten und despektierlich zu machen.

Und dabei gab man sich doch so geläutert. Man wollte die Geschichte der eigenen Zeitung aufarbeiten, bemühte sich, die Zeit der Studentenunruhen zu verstehen, die Rolle des eigenen Mediums darin zu ordnen. Das geschah in den letzten Jahren verklärend, BILD entlastete sich selber, gab irgendwo aber auch zu, nicht immer glücklich agiert zu haben. Mit der Kriminalisierung der Studentenbewegung, den publizistisch verbreiteten Lügen, die Studentenschaft wolle den Terror manifestieren, war das Ambiente der kommenden Jahre bereitet, die Radikalisierung einer Splittergruppe und deren Gewaltbereitschaft unter der Abbreviatur RAF fixiert. So weit ging die Einsicht der letzten Jahre natürlich nicht - die war milder: BILD lag nicht immer richtig, aber auch nicht ganz falsch, lautete die Erkenntnis.

Man könnte sagen, BILD habe aus der damaligen Zeit nichts gelernt. Könnte man. Das wäre aber falsch, denn richtig wäre: Was hätte sie lernen sollen? Sie hat ja wenig falsch gemacht. Aber dieses Wenige wiederholt sie mal zu mal, gerade wieder, da sie das Occupy!-Camp mit einer polemischen, beleidigenden Wortwahl zu etwas macht, das es sich lohnt, auseinanderzuprügeln. Es ist die Wortwahl des Juni 1967, als man im Vorfeld des Staatsbesuches des Schahs von Persien die Demonstranten als Gesindel hinstellte und hernach, als Ohnesorg erschossen und viele weitere Demonstranten durch die Straßen West-Berlins gejagt wurden, die Gewaltbereitschaft der zuvor Verprügelten hervorhob. "... dazu 10 Alkoholkranke, 5 Junkies, 10 geistig Verwirrte" - das ist eine Phraseologie, die zu Ohnesorg weist; eine Sprachgestaltung, die Gewalt penibel vorbereitet, die den Schlagstock rechtfertigt, bevor er gezückt wird.

"Mit Bomben und hochexplosiven Chemikalien, mit sprengstoffgefüllten Plastikbeuteln [...] und Steinen haben Berliner Extremisten einen Anschlag auf den Gast unserer Stadt [Anm.: der damalige US-Vizepräsident Hubert Humphrey] vorbereitet", schrieb BILD im April 1967 - wahr war aber, dass einige Kommunarden Buttercremetorte, Weizenmehl und Joghurt vermischten, um es Humphrey an den Kopf zu klatschen. Albern vielleicht, aber immerhin sinnbildlich. Ist es nicht nur eine Frage der Zeit, bis die BILD-Redaktion "veranlasst", dass im Occupy!-Camp Sprengstoff gebastelt wird?

Diese Sprache der 67er in der BILD-Redaktion vergiftet, rechtfertigt es, dass Gewalt als ein probates Mittel gegen Menschen angewandt wird, die man zum Gesindel umschrieb. Den herrschenden Kapitalismus nicht akzeptieren: da muß man doch geistig verwirrt sein! Kann man da nicht zwangseinweisen? Ist da polizeiliche Gewalt nicht quasi geboten? Es war diese Sprache, die Ohnesorg erst erschoss und dann diabolisierte - und es war diese Sprache, die den "roten Rudi" zu einen "toten Rudi" machen sollte. Nikolaus Blome, Journalist bei Springer, tat sich besonders bei der "Aufarbeitung der historischen Rolle" seiner Zeitung hervor - was von der Aufarbeitung übrigblieb: Wir waren unschuldig, die Sprache von '67 kann ohne Gewissensbisse Programm bleiben!



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Sit venia verbo

Mittwoch, 1. August 2012

"Kann Kunst die Wirklichkeit beeinflussen? Kann der Dichter vom Schreibtisch her Einfluß auf die Politik seiner Zeit gewinnen? Es gibt Autoren, die diese Frage verneinen, ich bejahe sie. Alle Kunst hat magische Wirkung. [...] Kunst erreicht mehr als den Verstand, sie verankert sein Gefühl. Sie gibt dem verankerten Gefühl geistige Legitimation. Ich glaube darum, daß der Künstler nicht Thesen begründen, sondern Beispiele gestalten soll. Kunst gehört zu jenen seltenen geistigen Mitteln, verschüttete Instinkte zu erhellen, tapfere Haltungen zu schulen, spontanes Gefühl für Menschlichkeit, Freiheit und Schönheit zu vertiefen."

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