So, aus Schröderschem Geist, wuchs, von Merkel geschweißt ...

Freitag, 9. Januar 2015

Ein Auszug aus der Brockhaus Enzyklopädie, 27. Auflage 2078-2079.

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Als Schröderianismus-Merkelismus (SM) werden die von Otto Graf Lambsdorff, Gerhard Schröder und Angela Merkel begründeten Lehren mit ihren weltanschaulichen, philosophischen, ökonomischen, sozialwissenschaftlichen und politischen Inhalten bezeichnet. Sein ursprünglicher Begründer Lambsdorff ging von libertarianischen Fragen (Hayek, Friedman, Kontroverse um Rawls' Gerechtigkeitstheorie) aus. Er bemühte sich um die Einbettung dieser Fragen in einen sozioökonomischen Rahmen (freier Markt, Wettbewerb etc.) und setzte auf einen weltanschaulichen Ansatz (sog. »Lambsdorff-Papier«, in dem mit Hinweis auf Thatcher und Reagan von einer Alternativlosigkeit im Bezug auf die zu ergreifenden Maßnahmen, die Rede ist).

Der Schröderismus-Merkelismus wurde von seinen Kritikern als Weltanschauung der gesellschaftlichen Mittelschicht (kurz auch als »die Mitte« bezeichnet) bezeichnet, die sich selbst als alternativlos, ideologielos und klassenlos kategorisierte. Der SM war für die Volks- und Massenparteien stillschweigend verbindlich. In der Bundesrepublik war er wegen der führenden Rolle der Merkel-CDU in Staat und Gesellschaft die allein gültige Staatsideologie. Die Bezeichnung »Schröderismus-Merkelismus« war als Name in den Jahren seiner Existenz jedoch nicht gebräuchlich. Er ist ein Begriff der Geschichtsschreibung. Man sprach damals von »freier Marktwirtschaft«, »marktkonformer Demokratie« oder vom »Westen«. Einige Kritiker nannten die Weltanschauung auch »Neoliberalismus«, was aber ein globales Phänomen mit einschloss. Der Begriff entsprach nicht dem offiziellen Sprachgebrauch. Und der SM gebar auch spezifische Eigenarten, die die neoliberalen Lehren in anderen Ländern so nicht kannten.

Ein wesentliches Merkmal des Schröderismus-Merkelismus, das ihn laut Bekenntnis seiner Begründer von allen anderen philosophischen Lehren in der menschlichen Historie unterschied, war die praktische Umsetzbarkeit, das heißt seine unmittelbare Anwendbarkeit auf die ökonomischen Prozesse. Lambsdorff, Schröder und Merkel schufen zwar keine umfassende Erklärung der Welt, wie es anderen philosophischen Lehren gelang. Doch mit gelungenem Marketing und PR konnte dieser Makel vertuscht werden. Der SM war ferner als direkte Handlungsanleitung gedacht; das primäre Ziel aus Sicht seiner Gründer war die Befreiung der Menschen und Völker. Die konkreten theoretischen Grundlagen für die Durchführung dieser Vision und die Rahmenbedingungen für den anschließenden Aufbau des ungezügelten Kapitalismus stammten von linientreuen Kadern, die in Instituten und Initiativen lehrten und die Öffentlichkeit anleiteten. Sie bildeten Fortentwicklungen oder Präzisierungen des SM an und erklärten, dass nur die Ökonomisierung aller Lebensbereiche zu mehr Freiheit im Sinne des primären Ziels führe. Als probate Einzelschritte zur Verwirklichung galten Privatisierung, Deregulierung und ein minimaler Staat. Seine Kritiker kreideten dem SM das Anwachsen von Armut, Ungleichheit und die Aushöhlung demokratischer Prozesse an.

Der Schröderismus-Merkelismus war im Selbstverständnis und in seinen Auswirkungen also bei weitem nicht nur Philosophie, sondern ein universelles Konzept des Weltverständnisses samt abgeleiteter Gesetzmäßigkeiten für die (Sozial-)Wissenschaften bis hin zu konkreten Regeln für das menschliche Verhalten. Oberstes Leitmotiv blieb dabei immer die profitable Umsetzung aller Bereiche, die das menschliche (Zusammen-)Leben betrafen. Der Kanzlerkult war ein spezifisches Merkmal des SM. Besonders unter Merkel bildete er sich markant heraus. Der so genannte Bundeskanzler, ein Amt das noch aus Zeiten des Rheinischen Kapitalismus (Sozialstaatsmodell) stammte, stieg zu einer fast sakralen Figur auf, die moralische Instanz und Wächter zugleich war. Wegen der umfassenden Aussagekraft und Wirkung ist der Begriff Weltanschauung rückwirkend betrachtet durchaus angebracht

Der Schröderismus-Merkelismus der Bundesrepublik trug oftmals unverkennbar religiöse Züge. Einerseits hat das daran gelegen, dass sich frühe und späte Anhänger der Lehre auf die Kernaussage, auf die Zielstellung eines profitableren Lebens bezogen, ohne sich eingehend mit den philosophischen und theoretischen Hintergründen zu befassen. Eine solche Einstellung galt als erwünscht. Die Variante eines gewissermaßen aus dem Bauch heraus praktizierten Schröderismus-Merkelismus war unerbeten, barg er doch stets die Gefahr linker Ketzerei oder sozialen Mitgefühls. Andererseits war die philosophische Grundlage des SM nur wenig tragfähig. Selbst wenn man den Definitionen von Gesellschaft und Gemeinwohl folgte und die Hauptfrage nach deren Verwirklichung als zentrales Kriterium akzeptierte, reduzierte sich bei genauerem Hinsehen das Gedankengebäude doch auf eine Glaubensfrage ohne fundierten Sachgehalt.

Da es an zwingenden philosophischen - und überhaupt wissenschaftlichen - Beweisen für die Behauptung des Leistungsdrucks als existentem Mehrer des Gemeinwohls und der Gerechtigkeit fehlte (und bis heute fehlt), musste man an die Lehrmeinung glauben - oder seine Zweifel für sich behalten. So gelang es dem Schröderismus-Merkelismus sich zu internationalisieren und auf Europa abzufärben. Teils geschah das mit zartem Druck über Institionen, teils mit harten Repressionen und starken Eingriffen in nationale Belange europäischer Nachbarländer. Nach dem Krieg und der Abkehr von dieser Ideologie, griff die Schröderistisch-Merkelistische Partei Deutschlands (SMPD) die Lehren neu auf. Die Splitterpartei fordert Privatisierungen, Freihandel und Deregulierung und leugnet vehement das Scheitern und die Verfehlungen des historischen SM.

9 Kommentare:

maguscarolus 9. Januar 2015 um 13:35  

Du vergisst, zu erwähnen, dass nach diesem Krieg der profitable Teil von Europa ein Staat der USA wurde.

Danach war dann alles gut!

Anonym 9. Januar 2015 um 14:34  

Der Brockhaus wurde übrigens eingestellt:

"Endgültiges Aus für gedruckten Brockhaus.
Nach 200 Jahren ist eine Ära zuende: Regulär gibt es keinen druckfrischen Brockhaus mehr zu kaufen. Bertelsmann setzt jetzt seine Ankündigung um, das Lexikon nicht mehr zu vertreiben."

www.heise.de/newsticker/meldung/Endgueltiges-Aus-fuer-gedruckten-Brockhaus-2293661.html

Roberto De Lapuente 9. Januar 2015 um 16:52  

Ja, er wurde eingestellt. Aber 2028 haben sie ihn wieder ins Leben gerufen.

kevin_sondermueller 9. Januar 2015 um 22:55  

Logisch, das Internet wurde für den Plebs abgestellt. Sollen sie doch im gedruckten Brockhaus-Relikt nach Restinfos suchen …

flavo 10. Januar 2015 um 00:04  

Wow!
Ich bin nunmehr noch im Taumel, hervorgerufen durch das aufzubringende Lob für diesen Text. Ich glaube, mich hat noch nie ein Text von die so umgehaut.
Dieser hier sollte jedenfalls archiviert werden und späteren Generationen zur Lektüre angeboten werden: Thema Neoliberalimus und seine Widerstandskämpfer. Das hier ist wirklich getroffen, aber darüber hinaus verdient es tiefe Anerkennung, dass du vernittelst, dies nicht aus narzistisschen Gründen und zur ausschließlich zur allgemeinen unternehmung der selbst zur Aquirierungszwecken zu tun. Auch das Wort ist des Ruhmes würdig! In der heutigen Plastiksprache gibt es in der Tat Helden des Wortes.
Und damit gleich zu meinem Genußpol. Diese Helden finden sich ganz offensichtlich nicht in der Akademie. Den tiefsten Bauchsclag müssen ohne zweifel die Professoren philosphpischer Literatur hinnehmen. Kaum ein Fach ist rückständiger und konformer geworden als dieses. Noch vor dreißig jahren lobte man die Kyniker. Heute ist das ganze Fach im Hofstall eingezogen und fabuliert analytische Verse. Gemäß einem der letzen, die den Mut hatten den eigenen Verstand zu gebrauchen, muss nun durch das Dunkel des nichts gegangen werden bevor wieder das licht der Vernunft souverän oberhand gewinnen kann. Die Religion ist heute aufgeklärter: Papst Fraziskus ermahnt seine Kardinäle, dass man nicht am vatikanichen Hof ist, damit man Hofrituale erlernt. Man hat hingegen die christlichen Tugenden beziechnend deutlicher zu leben als an einem belangloseren Ort. Der Philosoph von heute hingegen nimmt getrost soziale Massaker in Kauf, nimmt Verarmung und dadurch stundenlang- und Tagelang zu ertragendes leid in Kauf, ehe er das Wort denn erheben Wolle. Er erhebt es aber nicht, er erhebt es nie! Er wird zum Rezipient der Klassiker und bringt alle energie darauf auf, die klassik in Interpretationsdisputen zu bewältigen. Keine Eule hat noch am helligsten Tage jene Abweseheit zu Tage gelegt, wie der akadamische Philosoph heute. An ihm gehört der Sparzwan angewandt, auf dass sich neues herausbilde, welches genährt ist von dem Drang mit Tiefe und Präzision das, was ist zu durchdringen, auch wenn dies den Schierlingsbecher zur Konsequenz haben mag. Sokrates, ja dieser Sokrates! Jene, die ihm nachzufolgen vorgeben, sollten auf die Leibhaftigkeit seines Schierlingbechers und seines Todes sich besinnen. Die heutige philosophische Akademie fände sich zweifellos auf der Seite der Sophisten wieder, auch wenn sie sich noch so scharf denkend deuchte.

kevin_sondermueller 10. Januar 2015 um 18:32  

Oh ja, @flavo – der zum Sophisten
mutierte Peter S. schrieb damals seine wirklich geniale »Kritik der zynischen Vernunft«.

Inzwischen ist dem Hirntod aller verbeamteten Denker erlegen …

Ute Plass 10. Januar 2015 um 18:49  

Dem ‘marktkonformen Geist’ der SM-Ideologie entsprang auch eine Bewegung mit Namen Pegida, die sich jedoch nicht gegen die sie knechtende Ideologie zur Wehr setzte, sondern ihre Unsicherheits/Ohnmachtsbefindlichkeiten auf Menschen anderer Herkunft, Hautfarbe, Religion oder anderen Geschlechts verschob. Durch ihr bewusstloses Agieren verhinderte sie einen notwendigen Emanzipationsprozess und trug mit zur Stärkung der grausamen SM-Politik bei.
Es bildete sich zwar eine Gegen-Pegida-Bewegung, die sich gegen Islamfeindschaft, Antisemitismus und Rassismus engagierte, doch gelang es dem SM-Regime sich auch des
Empörungspotentials der Gegenbewegung zu bemächtigen, indem es sich mit den Empörten verbal solidarisierte und somit einen Massenaufstand gegen die SM-Politik verhinderte.
Diese Strategie bewährte sich bereits im Jahre 2000 als der damalige Kanzler Schröder zum Aufstand der Anständigen aufrief, während in den Regierungsstuben bereits an der Agenda 2010 gearbeitet wurde, die viele Menschen in unanständige Verhältnisse stürzte. ;-)

Eulenspiegel 15. Januar 2015 um 12:04  

Leistungsdruck?
Max Weber. Protestantische Arbeitsethik. ??

Eulenspiegel 15. Januar 2015 um 12:13  

1. Hayek hat durchaus einen starken Staat gefordert. Diese Forderung ist leider nur nicht sehr deutlich und auch nicht sehr ausführlich formuliert.

2. Die Philosophie wird wie viele andere Wissenschaften heute von den Angelsachsen dominiert. Und was so richtig bornierte angelsächsische Profs so von sich geben - da kommt man eben nicht gegen an. Zumal verbale Schläge unter die Gürtellinie und das Nicht-Eingehen auf Argumente vor allem von den Angelsachsen praktiziert werden.

3. Wegen 2. sind leider jegliche Gedanken, die sich um das Wohl eines Gemeinwesen sorgen, verpönt. Denn dabei wird das Gemeinwesen absurderweise ausschließlich als Kollektiv von nicht miteinander verbundenen Individuen betrachtet, die auch ohne Gemeinwesen genauso gut überleben könnten. Die Absurdität der Idee, dass vergesellschaftete Individuen die Gesellschaft nicht brauchen, sondern auch ohne sie genauso gut leben könnten, geht vielen Angelsachsen dabei nicht auf. Die denken immer nur, wenn es um Gesellschaft aus politischer Sicht geht, dann müssen sie ganz ganz ganz viel zahlen.

Nun ja.

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