Der Wirtschaftsflüchtling und die, die ihm den Regen stahlen

Mittwoch, 7. Januar 2015

Wirtschaftsflüchtlinge. Man mag sie hierzulande nicht. Christliche Parteien haben was gegen Wirtschaftsflucht. Wenn einer abhaut, weil er in seinem Land von Häschern verfolgt wird, dann ist man zwar nicht entzückt, doch man wahrt noch die Contenance. Aber Wirtschaftsflüchtlinge? Entfliehen, weil man die Wirtschaft nicht in Schwung kriegt? Ein besser Leben sucht? Faules Pack - oder etwa nicht?

Quelle: IPCC
Ein bequemes Urteil für Leute, die im vom Klima begünstigten Europa leben. Wenn Albert Hammond ziept, dass es in Southern California nie regnet, dann kriegen wir gute Laune. In Wahrheit ist Trockenheit allerdings eine Katastrophe. Viele der Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken oder auf Lampedusa und vor den Zäunen Ceutas und Melillas warten, stammen aus den Zonen an den Rändern der Sahara. Vor allem aus Westafrika. Einer Weltregion, die nie durch besonders ausgiebigen Regenfall ausgezeichnet war. Die Niederschlagsrate sinkt seit Jahren (siehe Karte). Die allgemeine Klimaerwärmung trocknet die Subregion aus. It never rains in Western Africa. Und die Folge sind verdorrte Ernten und Hungersnöte. Ohne Wasser lassen sich keine Felder bestellen; ohne Nahrung keine noch so rudimentären Wirtschaftsstrukturen halten.

West- und Ostafrikaner sind, sobald sie die Flucht nach Norden antreten, per definitionem Wirtschaftsflüchtlinge. Wenige aus diesen Regionen werden durchaus auch von Schergen verfolgt. Doch viele gehen, weil sie in ihrer Heimat keine Perspektiven mehr sehen. Wo nichts wächst, da ist sesshaftes Leben nicht mehr denkbar. Das kann man niemanden zum Vorwurf machen. Schon gar nicht, wenn man gleichzeitig weiß, dass Europa und die USA knapp 60 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verursachen. Der gesamte afrikanische Kontinent schafft es hier gerade mal auf nicht mal drei Prozent. Gibt es da keine globale Verantwortung für die Menschen, die aufbrechen müssen, weil der westliche Lebenswandel ihnen den Regen raubt?

Die Legende will es, dass man glaubt, der Exodus der Afrikaner sei mit dem Wohlstand Europas als Prozess aufgetaucht. In dem Sinne also, dass die Afrikaner plötzlich sahen, was es in Europa alles gibt und sich auf den Weg machten. Das kann man so nicht stehen lassen. Es ist schon seltsam, dass die europäischen Institutionen bis heute nicht fragen, woher die Korrelation der Massenflucht mit der Zunahme klimatischer Veränderungen kommt. 1990 thematisierte ein Fernsehfilm dieses Phänomen bereits. Er hieß »Der Marsch«. Hat sich Europa seither Gedanken darüber gemacht? Das Vorhaben die Treibhausgase zu reduzieren in allen Ehren: Kurzfristig hilft das den Opfern der globalen Erwärmung aber nicht. Vertrösten wir sie solange? Sagen wir ihnen, dass es bald schon besser werden könnte? In 20 oder 30 Jahren vielleicht. Wenn wir die Pläne umsetzen. Wenn!

Quelle: dpa
Trotz Argumenten: Mit Verständnis begegnet man dem Phänomen der sogenannten Wirtschaftsflucht nicht. Die Reaktionen fallen gegenteilig aus. Man sagt provokant, dass der Wirtschaftsflüchtling einer sei, der seine Heimat nur verlässt, weil er ein besseres Leben für sich haben will. Nur? Als sei das ein Kinkerlitzchen. Als sei die Flucht über den afrikanischen Kontinent, organisiert von Schlepperbanden, die sich den Exodus fürstlich bezahlen lassen, eine Entscheidung, die man ohne Wimpernzucken trifft. Den Schleppern ist man in Europa dankbar. Und dann noch dieses »für sich«. Als gehe es dem Flüchtling um Gier oder um reine Glückssucht. So entsteht Ablehnung und der Eindruck, dass es Flüchtlinge zweierlei Sorte gibt. Die berechtigten Flüchtlinge, die dem Krieg entfliehen oder aufgrund von spezifischen Merkmalen verfolgt werden - und die Glücksritter, die das Asylrecht quasi missbrauchen und sich nur bedienen möchten am Wohlstand.

Man braucht immer die eine Hälfte der Elenden, um die andere Hälfte der Elenden in Schach zu halten. Hier sieht man das wieder mal besonders schön. Die eine Gruppe bekommt eine Aufwertung, weil die andere Gruppe kurzerhand eine Abwertung erfährt. Und es ist ein Kinderspiel, denn die Vorurteile gegen den Schwarzen sitzen ja tief. Und sie berühren zudem dessen Verhältnis zum Wirtschaften. Das habe er nämlich nicht, weiß man als weißer Europäer. Schwarze hocken nur im Schatten und entwickeln kein Engagement. Sie sind faul und suchen deshalb das gemachte europäische Nest. Jemand in meiner Verwandtschaft erklärte mir schon vor vielen Jahren, dass die Armut Afrikas ein Produkt allgemeiner Unfähigkeit sei. Sich regen bringt Segen, sagte er den damals noch dummen Jungen, der ich war. Aber wo bleibt der Segen, wenn es keinen Regen gibt? Überhaupt sind das Ansichten von Herrenmenschen, die geographische Privilegien genießen.

Der Wirtschaftsflüchtling ist kein wollüstiger Krimineller, der den Aufbau wirtschaftlicher Strukturen scheut, um sich in ein Wirtschaftssystem einzuschleichen, das andernorts schon erbaut ist. Er ist insofern kein Nesträuber, sondern hat ein durchaus berechtigtes Anliegen. Seine Heimat gibt nicht mehr genug her für alle. Man muss ihn als Opfer globaler Entwicklungen sehen. Während wir den Klimawandel mit immer wärmeren jährlichen Durchschnittstemperaturen wahrnehmen und sich die Mehrzahl der Menschen hierzulande darüber freut, auch im November noch kurze Hosen tragen zu können, zeitigt der klimatische Kollisionskurs in anderen Weltgegenden schon drastische Folgen. Nichts geschieht auf diesem Erdenrund im luftleeren Raum. Was geschieht geht uns alle an. Die Folgen für Westafrika sind auch unsere Folgen. Und wenn wir auch noch zu einem guten Teil aktiv dafür verantwortlich sind, dann sowieso. Auch dieser Text verursacht einige Gramm an CO2-Ausstoß.

Wer Wirtschaftsflüchtlinge kriminalisiert, der macht nicht nur Opfer zu Tätern, sondern auch die Verursacher der globalen Erwärmung zu Opfern. Dieser Diskurs ist daher nicht nur einfach unmoralisch und populistisch. Er ist tatsachenblind und faktenvergessen. Es ist das selbstgerechte Urteil von Menschen, die sich die Erde untertan gemacht haben, aber ihren Teil der Welt, Europa und Deutschland nämlich, abschotten möchten.

6 Kommentare:

Anonym 7. Januar 2015 um 07:06  

"[...]Es ist das selbstgerechte Urteil von Menschen, die sich die Erde untertan gemacht haben, aber ihren Teil der Welt, Europa und Deutschland nämlich, abschotten möchten[...]"

Mir kam gerade ein ganz bösartiger Gedanke - eine brutale Zukunftsutopie aus nicht-europäischer Sicht:

Wie wäre es denn wenn sich der globale Rest der Welt von uns Europäern abschotten würde?

Oder wenn man die neuzeitlichen Immigranten aus Europa alle in ihre alten Heimatländern zurückschicken würde?

Europa wäre doch ähnlich überbevölkert wie der afrikanische und asiatische Kontinent wenn die Ländern dieser Kontinente eine Mauer in Richtung Europa errichten würden, und wie oben erwähnt alle brutal in ihre alten Heimatländer abschieben würden....

Oder liege ich da falsch? Gibt es gar nicht soviele Ex-Europäer die auf dem afrikanischen bzw. asiatischen Kontinent leben?

Was meint ihr dazu? Man sieht sich doch immer zweimal im Leben, und ich würde mich daher nicht wundern, wenn irgendwann einmal ein Ex-Asylant bzw. eine Ex-Asylantin auf diese Idee kommen würde - Wäre dies nicht eine gerechte Form der Rache an Europa, und seinen Einwohnern?

Zynischer Gruß
Bernie



Anonym 7. Januar 2015 um 07:48  

Bravissimo! ein toller text zu jahresanfang.

epikur 7. Januar 2015 um 08:11  

Vergessen wird auch, das wir für die "Flüchtlingsproblematik" (wenn man sie denn so nennen will) eine große Verantwortung haben. Neokolonialismus, EU-Wirtschaftssanktionen und Dumpingpreise für Lebensmittel vor Ort, Sweat Shops, Ausbeutung etc.

Anonym 7. Januar 2015 um 09:06  

Nehmen wir einfach mal das verseuchte Niger-Delta in Afrika.

Wie wäre es, wenn die Afrikaner alle Ölgiganten aus dem Land jagen würden.

Oder die Plantagenbesitzer, die Land, Arbeiter in Afrika und Wasser mit Pestiziden verseuchen, damit in Deutschen und Europäischen Discountern an der Kasse auch im Winter Rosen verkauft werden können.

Ja, man trifft sich immer zwei Mal im Leben.

H. Ewerth 8. Januar 2015 um 11:25  

Sie sprechen mir aus der Seele. Viele Jahre lebte und arbeitete ich in Süd Afrika. Alle die Vorurteile die ich vorher im Westen gehört und gelesen hatte, konnte ich vor Ort in all den 10 Jahren die ich vor Ort war nicht finden.

Es ist schon erschreckend, wie die westliche Welt mit zweierlei Maß misst? Mit gerade einmal ca. 10% der Welt Bevölkerung den Rest als ihre Kolonie sieht und auch so behandelt? Nicht nur das der Regen dort mehr oder weniger fast nicht vorhanden, nein die westliche Welt hat auch durch sog. Freihandelsabkommen, dafür gesorgt, dass zig Bauern, Fischer ihre Existenzen verloren haben und immer noch verlieren.

Die sog. westliche Welt, führt völkerrechtswidrige Kriege in fremden Ländern, destabilisiert, entführt, foltert und mordet mit Drohnen, von denen waren wie viele Unschuldige Zivilisten? Das nennt man dann nach Lesart des Westens Kollateral Schäden? Kein Internationaler Gerichtshof interessiert sich dafür? Täglich sterben einhunderttausend Kinder an Hunger und deren Folgen von Hunger auf dieser Welt? Wo ist da der Aufschrei, die Empörung? Hier sind auch die Ursachen für den weltweit zunehmenden Terror zu suchen. Ein Imperium der Schande.

Anonym 8. Januar 2015 um 12:50  

Ich muss gerade mal an meinen Erdkundelehrer denken. Der erzählte uns mal ernsthaft, er würde aus Prinzip nicht für Afrika spenden, denn die geographische Lage vieler afrikanischer Staaten ließe es gar nicht zu, dass da so viele Menschen leben können. Also sei Hunger die logische Konsequenz um die Bevölkerung auszudünnen.
Den Vorschlag einer Mitschülerin, man könne diese Menschen ja bei uns ansiedelt quittierte er nur arrogant mit dem Satz: „Ach weiß du, wenn du erst einmal selber Geld verdienst und Steuern zahlst, dann gewöhnst du dir deinen naiven Idealismus auch ganz schnell ab.“
Merkwürdigerweise war es ausgerechnet unser Wirtschaftslehrer (Ich habe Abitur mit dem Schwerpunkt auf Wirtschaft nachgemacht) der uns die Zusammenhänge nahe brachte und ganz direkt meinte: „Lasst euch nicht einreden, der Afrikaner sei fauler als der Europäer. Es sind allein die wirtschaftlichen Grundvoraussetzungen, die diese Menschen so arm machen.“

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