Ich verachte ihre Meinung ...

Dienstag, 28. Mai 2013

Die brachiale Shitstorm-Mentalität des modernen Spießbürgertums treibt seltsame Blüten. Als Linker wird man da plötzlich zum Advokaten seiner politischen Gegner. So habe ich schon Christian Wulff und Jörg Kachelmann publizistisch verteidigt. Und nun auch noch Beate Zschäpe.

Eigentlich sind mir Wulff, Kachelmann und letztlich natürlich auch Zschäpe politisch völlig fremd. Ich komme aus einem anderen politischen und sozialen Milieu und kann mit deren neoliberalem oder gar rassistischem Weltbild, mit ihrem parteipolitischem Apparatschiktum gar nichts anfangen. Und trotzdem habe ich sie zuweilen schon gegen ein selbstgerechtes bürgerliches Weltbild "verteidigt", in dem sie zum Spielball billiger Affekte und inquisitorischer Haudrauf-Rhetorik wurden.

So war es also bei der Kampagne Springers gegen Wulff, bei Kachelmanns Vorverurteilung – und so ist es nun im Falle Zschäpes, die zur Bestie und zum Teufel stilisiert wird, als könne man ihre Mittäterschaft entmenschlichen; als sei die Bereitschaft zu Mord und Bombenbau, zu Hass und Amoralität nicht Teil der menschlichen, ja sogar der bürgerlichen Natur.

Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen – diesen irrtümlich Voltaire zugeschriebenen Satz würde ich nicht ganz unterschreiben. Denn mein Leben gäbe ich nicht. Und nicht alles was nach Meinung aussieht, muss ja Meinung sein. Ich bin nicht dafür, dass Zschäpe ihre "Meinung"verbreiten sollte. Aber meine auf Gerechtigkeitsgefühl und Maßhaltung bauende Publizität möchte schon, dass allenfalls liberale Ideale wie zum Beispiel nüchterne Unaufgeregtheit der Justiz, Verständnis für Entwicklungen oder analytische Sachlichkeit eingehalten werden. Ich verachte also ihre Meinung, aber ich bediene meine Tastatur dafür, dass diese Verachtung anständig und nicht zu emotional, zu totalitär geschieht, wie es das Klatschpressen-Spießbürgertum zuweilen liebt.

Mindestens so gefährlich wie Korruption, Sexismus oder Rassismus ist dieses Spießbürgertum, das sich im Anflug von political correctness aufschwingt, all diese liberalen Werte auszuhöhlen. Sie sind die Essenz einer Gesellschaft der Entrechlichung und der Marginalisierung. Sie rufen unreflektierte Shitstorms ins Leben, empören sich, ohne sich vorher eingehend darüber Gedanken gemacht zu haben. Sie sind vollgepumpt mit ihnen verabreichten Emotionen und bauen darauf ihr Rechtsempfinden auf. Eines ohne Maß und Ziel, ein selbstgerechtes Empfinden, das Arroganz von Angeklagten anmahnt oder die zur Hatz auf Sexualstraftäter aufruft.

Man muss ja keine geistig-moralische Nähe zur Zschäpe haben, um die Berichterstattung und die daraus entstehende empörte Öffentlichkeit als überzogen, als diabolisierend zu kritisieren, sich letztlich zu ihrem advocatus diaboli zu machen. Das totalitäre Weltbild der bürgerlichen Mitte und der bürgerlichen Medien, die sich ordentlich boulevardisiert haben in den letzten Jahren, ist mindestens genauso, wenn nicht sogar gefährlicher als jene Typen, die ich schon mal verteidigte. Denn wer, wenn nicht diese "anständigen Leute aus der Mitte", sind die Basis einer Gesellschaft, in der rechtsstaatliche Prämissen immer mehr als störend empfunden werden, in der der Beweis die Schuld ausmacht und nicht das dumpfe Gefühl in der Magengegend eines Spießbürgers?

Im Kachelmann-Prozess hatte die Öffentlichkeit die Unschuldsvermutung aufgegeben und nichts dabei befunden. Es galt als chic und juristisch nicht fahrlässig, ihn ohne konkreten Beweis als Vergewaltiger zu diffamieren. Mir ist der Mann nicht sympathisch gewesen, hatte er doch auch mal eine Weile Propaganda für die Neue Soziale Marktwirtschaft gemacht und für Deregulierung des Arbeitsmarktes geschwärmt – aber ich habe ein Faible für den aufgeklärten und unaufgeregten Rechtsstaat. Ebenso hegte ich nie besondere Sympathie für die potenziellen Sexualstraftäter, die Frau Guttenberg jagte. Aber zur Straftat aufzufordern, wie es in ihrer damaligen Show auf RTL II geschah, ist nun mal nicht rechtsstaatlich.

Der Totalitarismus des Spießbürgertums kennt da keine rechtsstaatliche Korrektheit. Er ist es, der mir manchmal gesellschaftszersetzender scheint, als alle Rassisten, Sexualstraftäter oder Terroristen zusammengenommen, denn er legt den Grundstein für diese "ganz großen Verbrechen". Und er gibt sich den Anstrich ethischer Unantastbarkeit. Er will ja nur das Gute, dafür kann man auch mal ein Auge zudrücken. Und er glaubt zudem, dass bestimmte rechtsstaatliche Normen nichts als gutmenschliches Talmi sind. Ich denke da an Til Schweiger, wie er einst Sexualstraftätern die Menschenrechte aberkannt sehen wollte und Zuspruch bekam.

Und ich muss mich indes ärgern, weil ich zunehmend Gestalten „in Schutz“ nehmen muss, die ich gar nicht in Schutz nehmen will. Dummes Gerechtigkeitsgefühl, das mich ins Spiel des divide et impera einstimmen läßt ...


14 Kommentare:

epikur 28. Mai 2013 um 08:20  

Ich denke, diese Entwicklung haben wir auch Hollywood zu verdanken. Kaum ein 100 Millionen Blockbuster kommt heute ohne Lynchjustiz, Selbstjustiz und vermeintlich ethisch legitimiertes Töten aus. Wenn Du moralisch im Recht bist, scheint es scheiss egal zu sein, was der Rechtsstaat oder die Menschenrechte dazu sagen würden.

Die Jugend wächst heute mit derlei Gedankengut auf. Meist ohne von ihren Eltern zumindest ein Minimum an Empathie und Aufklärung vermittelt zu bekommen.

altautonomer 28. Mai 2013 um 08:33  

Roberto Du sagst, dass Deine auf Gerechtigkeitsgefühl und Maßhaltung bauende Publizität schon möchte, dass allenfalls liberale Ideale wie zum Beispiel nüchterne Unaufgeregtheit der Justiz, Verständnis für Entwicklungen oder analytische Sachlichkeit eingehalten werden."

Dies an Personen wie Wulff, Kachelmann und Zschäpe zu verifizieren, ist sehr einseitig. Diesen sogenannten Rechtsstaat wünsche ich mir insbesondere auch in den Fällen der Verurteilung der LINKEN-Parlamentarier, die zu Geldstrafen verdonnert wurde, weil sie zum Schottern aufgerufen haben. Oder das Strafverfahren ggen den Pfarrer Lothar König, der bei einer Gegendemo bei einem Naziaufmarsch zur Gewalt aufgerufen haben soll. Warum erwähnst Du nicht die 78-jährige Sonja Suder und den 70-jährigen Christian Gauger, die wegen angeblicher Mitgliedschaft in den RZ seit Jahren in U-Haft sitzen.

"Dein" Rechtsstaat kann nämlich auch ganz anders!;-)

altautonomer 28. Mai 2013 um 08:39  

Nachtrag:
Auch ich verachte die Meinung der Medien, wenn sie sich darüber auslassen, dass Beate Zschäpe in einem normalen bürgerlichen Kostüm den Gerichtssaal betritt. Was haben die denn erwartet, das sie Springerstiefel und eine grüne Bomberjacke trägt und H A S S auf den Fingern tätowiert hat?

Wenn ich mir Bilder (nicht der staatlich orgaisierten Faschos wie SA, SS) der Nazis bei Hitler- bzw. Göbbelsreden ansehen, dann waren diese auch ganz schlicht und unauffällig normal gekleidet, während sie grölend den Arm zum Hitlergruss streckten.

Anonym 28. Mai 2013 um 09:52  

Warum fand sich kein Staatsanwalt, der bei der Frau von Guttenberg oder bei Till Schweiger, den Tatbestand der Volksverhetzung überprüfte ? - Das wäre mal Rechtssaatlichkeit gewesen.

piet 28. Mai 2013 um 12:05  

@anonym -Gibt´s ein Schweiger-Volk ? Anscheinend.

Anonym 28. Mai 2013 um 12:06  

Danke dafür. Ich finde mich in demselben Dilemma, nur, dass ich noch mehr bespuckt werde, weil ich auch noch für Meinungsfreiheit für Nazis eintrete, so wegen aufklärerischem Gedankengut und so. Ich bin kein Fan davon, Aussagen unter Strafe zu stellen, weil mir das viel zu sehr in Richtung Orwell'sches Gedankenverbrechen geht. Meinungen gesellschaftlich zu ächten ist viel besser, aber dafür muss man sich mit ihnen auseinandersetzen. Stattdessen haben Leute sofort Schaum vorm Mund... :(

Anonym 28. Mai 2013 um 12:26  

Hier wird das Thema Bürgerlichkeit versus Menschlichkeit angesprochen.

Wenn man sich bewusst macht, dass zum bürgerlichen Bewusstsein bereits eine Überheblichkeit gegenüber dem natürlich-menschlichen Bewusstsein gehört, dann wird einem klar, dass es sich hier um ein hierarchisches Rechts-Bewusstsein handelt. Rechts-Hierarchien beinhalten dualistische Wertvorstellungen und neigen zwangsläufig zu Dichotomisierungen (Einteilung der Welt in "schlecht" und "gut", in "minderwertig" und "höherwertig" etc.). Bürgerlichkeit bedeutet eine „Höherwertigkeit“ gegenüber der minderwertigeren natürlichen Menschlichkeit (ist nicht meine Meinung) und ein Bürger steht in der Hierarchie höher, als der Mensch.

Als Bürger hat man, sozusagen, das Recht die eigenen Rechtsansprüche, als normativ anzusehen und die Rechtsansprüche der Anderen („Nicht-Bürger“) zur Disposition zu stellen (inklusive Menschenrechte).

Das Problem im Fall Beate Zschäpe ist, dass mit einem bürgerlichen Rechtsbewusstsein über ein anderes rigides bürgerliches Rechtsbewusstsein geurteilt werden soll und „die brachiale Shitstorm-Mentalität des modernen Spießbürgertums“ müsste sich selbst in Frage stellen, wenn sie sich an den Maßstäben der Menschlichkeit orientieren würde.
Ich hoffe sehr, dass in diesem Prozess der Fokus auf die menschliche Verantwortung und auf die Menschenrechte gerichtet wird, in der Anklage, in der Vorgehensweise und im Urteil - die Menschenrechte, die den Opfern verweigert wurden durch ein bürgerliches Rechts-Bewusstsein.

Anonym 28. Mai 2013 um 12:26  

ANMERKER MEINT:

Ich bin auch der Meinung, dass sich ein Rechtsstaat darin beweisen muss, kann und soll, indem er "sine ira et studio" nach der größtmöglichen Wahrheit sucht und dann auch entsprechend urteilt. Da kann man nur hoffen, dass der vorsitzende Richter im NSUProzess der richtige Mann am richtigen Ort ist, was ihm ja immerhin nachgesagt wird. Dass die Boulevardpresse und auch so manch andere dem von ihr gezüchteten Sensationsgeilheitsjournalismus huldigt ist nicht verwunderlich und ohne Zweifel verwerflich. Auch dass in der Mitte unserer Gesellschaft der Nährboden bereitet wird, für Menschen wie Zschäpe kann nicht oft genug angeprangert werden. Til Schweiger ist da ein sehr gutes Beispiel, weil er außer seiner Dummbackenhaltung auch noch von der ARD den Steigbügel gehalten bekommt, von einem Mainstreammedium also, das sich ansonsten oft aufklärerisch und gesellschaftskritisch gibt. Durfte er doch in "seinem Tatort" genau den Spießer geben, den Du, Roberto, zu Recht an den Pranger stellst.

MEINT ANMERKER

Joerg Kachelmann 28. Mai 2013 um 12:28  

Ruehrend, dass ich nun ploetzlich nict mehr lnks genug sein soll. Seit ich 4 Jahre alt bin, lebe ich in einem Land mit heute 3% Arbeitslosigkeit, Mindestloehnen in allen wichtigen Bereichen und ja, keinem Kuendigngsschutz. All das verhindert Ausbeutung wie in Deutschland und ermoeglicht Vollbeschaeftigung anders als in Deutschland bei einer niedirigem Steuerbelastng gerade fuer kleine und mittlere Einkommen. Wer das Schweizer Erfolgsmodell einer angemessen bezahlten Beschaeftigung fuer alle als neoliberal ansieht, ist entweder dumm oder hat keine Ahnung oder ist ein Deutscher oder alles zusammen.

Roberto De Lapuente 28. Mai 2013 um 14:04  

Schon klar, Jörg. Die Schweiz, ein libertärer Feuchttraum. Erzähl doch mal was vom Wetter.

Hartmut B. 28. Mai 2013 um 19:37  

Danke Roberto für den Artikel.

Fast befürchte ich, dass die Richtung in das gleiche Schema fällt wie im link unter Anhang 2 angegeben.

https://eleboo.e-bookshelf.de/products/reading-epub/product-id/812155/title/Hitlers%2Bwillige%2BVollstrecker.html

So ähnlich entwickelt sich z.Zt. eine Pogromstimmung gegen Arbeitslose und alle Hartz IV Empfänger. - Und zwar von den mainstream Medien geschürt.

Anonym 31. Mai 2013 um 12:52  

Als "bürgerlich" gelte ich ehre nicht, muß mich also nicht unbedingt angesprochen fühlen...
Sehr noble Haltung, und durchaus angemessen für einen Rechtsstaat. Wo leben Sie? Da will ich auch wohnen!
Ich begrüße es immer, wenn jemand eine unabhängige Vorstellung davon hat, was einen Rechtsstaat ausmacht, denn das ist die Voraussetzung, zu erkennen, ob man nun selbst in einem lebt oder nicht.
Es ist ja nicht das erste Mal in der Geschichte, daß schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit (ich nenne mal nur Hartz IV, Frontex, Drogenpolitik)und andere Rechtsgüter zirkelschlußartig und verlogen damit gerechtfertigt werden, daß sie einem angeblichen, rein formell definierten Rechtsstaat entspringen.
Diese Differenzierung ist wiederum eine Voraussetzung, um die Angemessenheit von Shitstorms etc. am Kriterium "Rechtsstaat" zu prüfen.

margarete52 31. Mai 2013 um 14:04  

Danke für den Artikel. Mir sprichst Du aus der Seele.

Leider sind wir in Deutschland schon wieder soweit, dass ganze Bevölkerungsgruppen öffentlich diffamiert werden dürfen, oder sogar diffamiert werden sollen. Es gibt auch wieder eine besondere Bezeichnung für diese Menschen: "Die Unterschicht".
Auch Menschen aus anderen Ländern dürfen oder sollen wieder an den Pranger gestellt werden: "Die Südländer". Und ALLE machen wieder mit. Später will es keiner gewesen sein, oder es hat keiner gemerkt.

Alles wie gehabt, die Propaganda funktioniert aufs neue. Geschichte wiederholt sich doch!

Anonym 6. Juni 2013 um 18:25  

Und ich muss mich indes ärgern, weil ich zunehmend Gestalten „in Schutz“ nehmen muss, die ich gar nicht in Schutz nehmen will. Dummes Gerechtigkeitsgefühl, das mich ins Spiel des divide et impera einstimmen läßt ...

Sieh es anders: Du verteidigst damit einen Grundpfeiler eines Rechtsstaats.

@altautonomer

Nein, der König hat nicht zu Gewalt aufgerufen, das ist mal wieder eine der Lügengeschichten der auch so sauberen Polizei.

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/lothar-koenig-in-dresden-wegen-schweren-landfriedenbruchs-vor-gericht-a-902443.html

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