Nomen non est omen

Mittwoch, 22. Juni 2011

Heute: "Plagiatsjäger"

Nachdem von und zu Guttenberg durch das Internetportal Guttenplag bzw. Vroniplag des Plagiats überführt wurde, und die Stoiber Tochter Veronica Saß ihren Doktortitel abgeben musste, wurde nun der Europaabgeordneten der FDP-Fraktion, Silvana Koch-Mehrin, der Doktortitel aberkannt. Auffällig dabei ist, die Sprache unserer bürgerlichen Medien, wenn es um das Thema der Doktortitel-Erschleichung geht. So wird Vroniplag nicht als Aufklärungsplattform verstanden, die im Dienste der Wissenschaft agiert, sondern als Hort von "Plagiatejägern", die unsere vermeintliche "Elite" bloßstellen und stürzen will.

In einem Artikel vom 15. Juni 2011 auf SpiegelOnline wird mehrfach von "Plagiatejägern" gesprochen. In einer Dialektik, welche die vermeintlichen Abschreiber zu Opfern stilisiert. Anonyme Jäger verfolgen Koch-Mehrin, nehmen sie ins Visier und erlegen ihre Beute:
"Koch-Mehrins Doktorarbeit war vor gut zwei Monaten ins Visier der Plagiatejäger der Plattform VroniPlag Wiki geraten [...] kamen die anonymen Plagiatsjäger dann zu einem eindeutigen Ergebnis."
Die TAZ berichtet in einem Artikel vom 21. Mai 2011 vom Alltag eines "Plagiatsjägers" und lässt ihn in keinem guten Licht erscheinen. Das Adjektiv "anonym" soll die Feigheit der Aufklärer unterstreichen. Während sich also Politiker zu den Vorwürfen in der Öffentlichkeit rechtfertigen müssen und ggf. zurücktreten, verstecken sich die hinterhältigen Jäger im anonymen Web, so der Tenor:
"... vom Jagdfieber gepackt [...] Eine Elite am Pranger [...] seine anonyme Jagd [...] Lässt anonyme Online-User einer Elite auf die Füße treten."
Zeit-Online beweist, dass die Gleichschaltung der Medien nicht nur an den gleichen Themen, des Agenda Settings und der einseitigen Propaganda zu erkennen ist, sondern auch an der gleichen Sprache:
"Am Wochenende haben die üblichen Plagiat-Jäger im Internet wieder zugeschlagen [...] gegenwärtig erneut im Visier der Plagiatjäger."
In einem Blogbeitrag von Vroniplag hat sich ein Autor klar von der Begrifflichlichkeit des verunglimpfenden "Plagiatsjägers" distanziert:
"Liebe Presse,

Ich habe mich noch nie als »Plagiatjäger« bezeichnet. Ich lese Dissertationen und schreibe mir Plagiatsstellen raus. Ich will hier mal klarstellen, wer mich und die anderen Beitragenden hier zu »Plagiatjägern« ernannt hat: Das seid Ihr! Also hört bitte auf, so scheinheilig von »selbsternannten Plagiatjägern« zu sprechen."
Eine Doktorarbeit ist eine wissenschaftliche Arbeit, die neue Erkenntnisse bringen soll und in die Öffentlichkeit getragen wird. Sowohl Arbeit, als auch Titel sind öffentlich zugänglich. Insofern ist es durchaus legitim, wenn Doktorarbeiten von anderen diskutiert und besprochen werden. Würden im übrigen die Vroniplag-Macher ihre Anonymität aufgeben, würde in der Presse wohl zunehmend über die Überbringer als über die Botschaft berichtet werden (Stichwort: Medien-Personalisierung). Zudem würden sicher nicht wenige Aktivisten dann Probleme mit ihren Arbeitgebern bekommen. Die Begrifflichkeiten und die Sprache in der Presse stilisieren die Abschreiber und Titel-Käufer zu Opfern und die Vroniplag-Aktivisten zu Tätern. Einen ernsthaften Diskurs darüber, dass einige Politiker ihren Doktortitel unrechtmäßig erworben haben, findet man in den bürgerlichen Medien hingegen kaum.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

14 Kommentare:

Roberto J. De Lapuente 22. Juni 2011 um 08:25  

"In einem Artikel vom 15. Juni 2011 auf SpiegelOnline wird mehrfach von "Plagiatejägern" gesprochen. In einer Dialektik, welche die vermeintlichen Abschreiber zu Opfern stilisiert."

Es sei daran erinnert, dass dieses Land auch Nazijäger kannte - auch da war der Nazi ein Opfer, der gejagte Hase.

Stephan 22. Juni 2011 um 09:19  

Worauf sind wir Deutsche stolz? Wir sind stolz auf uns als das Volk der Dichter und Denker, auf Kant, Goethe, Schiller, Nietzsche und viele andere. Warum sind wir darauf stolz? ist es, weil diese Menschen ihrer Zeit das Gute des "Deutschtums" für die Welt in die Welt brachten? Ist es, weil uns andere Völker deswegen Aner- kennung und Respekt bezeugen? Ist es weil wir dank Deutschtümmelei mit Häme daraus schließen, dass sie das nicht konnten? Sind wir Deutshe wirklich stolz oder "nur" arrogant? Wären wir wirklich in der Lage uns in die Zeit Kants, Goethes oder Schillers zu versetzen und zu akzeptieren, dass diese Personen, Charaktere ebenso "aufmüpfig" für ihre Zeit waren, wie heute Plagiatejäger? Nein, statt dessen verklären wir diese Zeit und diese Personen zu Denkern und Dichtern, Aufklärern und was machen wir heute mit Plagiatejägern? Die Aufklärung ist in D und für D noch lange notwendig, denn es gibt immer noch viel aufzudecken, um zu sehen, was wir Deutsche nur allzugerne übersehen - dass das was zu Zeiten Kant´s und Goethe´s als Obrigkeit und heute als Eliten bezeichnet wird, weder unfehlbar, noch altruistisch, statt dessen eher korrupt, gewissenarm und arrogant ist. Die toten Fingerzeiger nennen wir resepktvoll Aufklärer, die gegenwärtigen nennen wir verächtlich Palgiatejäger. Wir Deutschen brauchen noch viel Aufklärung.

EuRo 22. Juni 2011 um 09:21  

Es ist ja auch immer noch ein Unterschied, wer da jagt und wer gejagt wird. Darum sind die, die laut Arbeitsvertrag beruflich mit der Jagd nach Verbrechern beauftragt sind auch inzwischen dazu übergegangen, verdachtsunabhängig zu jagen. Da trifft es dann alle. Auch ein Beitrag zur Gleichbehandlung...

Stephan 22. Juni 2011 um 10:40  

Mit Plagiat wird der Diebstahl geistigen Eigentums bezeichnet, im französischen bedeutet es literari- scher Diebstahl. Diebstahl ist die ungerecht- fertigte Aneignung fremden Besitzes und gilt seit Menschengedenken als Todsünde, die in jeder Religion geächtet und hart bestraft wird. Das Verbot du sollst nicht stehlen ist im jüdischen und christlichen Glauben elemetar. Moses erhielt es als eines der 10 Gebote von Gott pesönlich. Du sollst nicht stehlen ist ein wichtiger Baustein für die Sozialisation des Menschen um das geordnete Zusammenleben der Menschheit in Gemeinschaften zu ermöglichen.

Diebstahl ist aber auch fernab der Religionen und Mythen eine Verfehlung und wird von allen Völkern und Nationen dieser Welt als solches geahndet.

Plagiatejäger suchen also p. D. nach geistigem Diebstahl, sie suchen nach zerstörerischen Verfehlungen einer für das Zusammenleben von Menschen wichtigsten Voraussetzungen, durch ein Mitglied dieser Gemein- schaft. Plagiatejäger sind Ermittler, Aufklärer und sollten wir nicht stolz darauf sein, dass es sie gibt, zeigen sie uns doch, was zwar jeder vermutet, viele aber definitiv nicht sehen wollen und sollen, dass es auch inder Obrigkeit Charaktere gibt, die mit ihren Verfehlungen die Gemein- schaft elementar schädigen.

Im Gegenteil, wir halten es lieber mit Gajus Julius Cäser der vor rund 2000 Jahren schon meinte, „Ich liebe den Verrat und ich hasse den Verräter.“

Dabei läßt sich doch ganz leicht nachweisen, geistiger Diebstahl beeinrächtigt Pfründe, kann Existenzen bedrohen. Wie groß die Bedrohung sein kann, belegen die vielen Anwaltskanzleien, die sich auf Abmahnungen wegen illegaler Downloads aus dem www, spezialisiert haben.

Aber geistiger Diebstahl ist in erster Linie Respektlosigkeit vor den Leistungen eines Mitmenschen und das wirkt zerstörerisch, weil zersetzend auf eine Gemeinschaft. Plagiate sind also viel mehr als nur akutes abschreiben.

Plagiat ist zurückzuführen auf das lateinische plagium, das soviel bedeutet wie Menschendiebstahl, Seelenverkauf. Plagieren bedeutet demzufolge Menschenraub und das heißt in unserer heutigen Zeit Entführung, Kidnapping etc.

Spricht noch immer jemand von Kavaliersdelikt?

landbewohner 22. Juni 2011 um 11:37  

bei einer elite, die zum allergrössten teil auf diebstahl aller art spezialisiert ist, kann die verdammung der plagiatoren-enthüller nicht verwundern.

Natascha 22. Juni 2011 um 17:19  

"Es sei daran erinnert, dass dieses Land auch Nazijäger kannte - auch da war der Nazi ein Opfer, der gejagte Hase."

Richtig, Simon Wiesenthal wurde immer wieder so bezeichnet, ein Begriff der ihm aber selbst nie geheuer war. Recht, nicht Rache war seine Handlungsmaxime.

Das Schema des Jägers auf der einen und folglich der Beute auf der anderen Seite ist von Natur aus archaisch - ebenso wie die Rache.

Auch beim Aufspüren von Titelbetrügern geht es aber um Recht, nicht um Rache. Die Anonymität der ehrenamtlichen Ermittler sorgt dafür dass der Fälscher im Vordergrund steht und nicht der Ermittler, dessen politische Ausrichtung und Lebensumstände sonst bei prominenten Fälschern auf Schwachstellen und Rachemotive durchleuchtet werden würde.

Man denke nur an den Professor der Guttenbergs Fälschungen bekannt gemacht hatte, dessen flüchtige Verbindungen mit der Sozialdemokratie wurden auch immer wieder thematisiert in den konservativen Medien, so als ob das, selbst wenn es zuträfe, die Schuld des vergötterten Hansdampfs irgendwie mindern würde.

Deutschland bleibt eben ein Land in dem das größere Arschloch nicht derjenige ist der den Dreck verursacht, sondern derjenige der darauf mit dem Finger zeigt.

"Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant."
- Hoffmann von Fallersleben

antiferengi 23. Juni 2011 um 02:45  

@Stephan 9:19

Worauf sind wir Deutsche stolz? Wir sind stolz auf uns als das Volk der Dichter und Denker, auf Kant, Goethe, Schiller, Nietzsche und viele andere.

Ich verstehe das nicht. Ich merke nichts davon, dass wir stolz darauf sind. Ganz im Gegenteil. Ich merke nur, dass wir stolz darauf sind, mit Geld umgehen zu können. Also, dass musst du mir näher erklären.

Und die Dichter und Denker, - wo sind sie geblieben? Irgendwo in BWL und VWL stecken geblieben? Öhmmm?????

antiferengi 23. Juni 2011 um 02:54  

@Stephan
Noch eine kleine Episode aus dem alltäglichen Leben. Meine letzte Frage nach Kant, wurde an der Theke mit einer Gegenfrage beantwortet; "War das nicht ein Italiener, der tolle Bilder gemacht hat?". Hmmmpf. Irgendwie, -ist da was schief gelaufen, mit dem gnadenlosen Bildungsland Germany. Und die wollen Fachkräfte aus dem Ausland? Auweiha.

klaus Baum 23. Juni 2011 um 10:39  

Eine der von Dir, Markus, zitierten Formulierungen aus der Presse lautet: >>Eine Elite am Pranger.<<

Wie aber kann man Betrüger, Abschreiber, Täuscher, die unehrenhaft sich einen Titel erschlichen haben, als Elite bezeichnen?

Das man es tut, zeigt, wie verquer das Denken in den deutschen Leitmedien ist.

klaus Baum 23. Juni 2011 um 10:47  

@antiferengi: nicht fachkräfte aus dem ausland, sondern aus den Nicht-EU-Ländern.

Mit dem Stolzsein auf unsrre Dicher und Denker ist nicht der gemeine Mensch gemeint, sondern die offizielle Ideologie. Diese zeigt Goethe, Schiller, Kant herum: Sehr mal hier, Goethe und Schiller waren unsere Shakespeares, und die deutschen Philosophen sind eh unvergleichbar in der Welt ...

Die, die sich damit brüsten, haben in der Regel keine Ahnung, worum es in den Werken von Göthe, schiller, kant ging und geht.

Anonym 23. Juni 2011 um 20:39  

Wenn die vom medial-militärisch-industriellen Komplex aufgebaute Figuren als Betrüger enttarnt werden, genießen selbstverständlich die Täuscher und nicht die Aufklärer aus dem Volk das Wohlwollen der Herrschaften.
Eine Krähe hackt schließlich der anderen kein Auge aus!

Climate of Fear
Glenn Greenwald
http://www.salon.com/news/opinion/glenn_greenwald/2011/06/23/risen/index.html

Anonym 23. Juni 2011 um 22:11  

Im Berliner TAGESSPIEGEL (online 23.6.2011, heut Nachmittag sogar als Aufmacher) findet ein Lorenz Maroldt sogar der Grimme-Preis für "Guttenplag Wiki" nicht gut.
-kdm

Stefan 24. Juni 2011 um 12:03  

Wunderschön finde ich, wenn die Plagiierenden nach ihrer Enttarnung den Forschern, die ihre Arbeit ordentlich gemacht haben bzw. noch machen, eine politische Vertretung sein sollen...

hajomueller 26. Juni 2011 um 17:47  

Dieser Kommentar stand am Samstag in der Stuttgarter Zeitung:

Klasse, deutsche Denunziantentum muß unbedingt belohnt werden...
Was sind das für kleine Menschlein, die ihre Lebensaufgabe darin sehen anderen, sprich Prominenten, zu schaden bzw. Fehler nachzuweisen. Erbärmlich !

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