Deutsche Verhältnisse, europäische Verhältnisse

Donnerstag, 19. Mai 2011

Die Zentralisierung Europas sollte vorangetrieben werden. Das meint jedenfalls Kanzlerin Merkel. Diesmal plädiert sie für eine Gleichschaltung und Vereinheitlichung des Renteneintrittsalters. Auf welchem Niveau es in etwa liegen sollte, verrät sie indes nicht. Dass sie aber "griechische Verhältnisse" abschaffen möchte, betont sie ausdrücklich - womit auch eine Antwort gegeben werden kann: nicht griechische, aber deutsche Verhältnisse sind europäisch erwünscht. Nicht von den Europäern vielleicht, aber dafür von der deutschen Regierung.

Ob nun Merkel selbst oder nur Der Tagesspiegel davon spricht, dass in Griechenland mit spätestens "Ende 50 in den Ruhestand" gegangen wird, bleibt vage - die Zahlen dürften jedoch vermutlich aus einer dunklen Schublade des beBILDderten Boulevardjournalismus stammen. Die EU-Kommission kam kürzlich noch zu anderen Zahlen. Und nach denen unterscheidet sich das effektive Renteneintrittsalter zwischen Griechenland und Deutschland nur unwesentlich. Aber Zahlen tun dem Eifer der Kanzlerin freilich keinen Abbruch und so fordert sie ungehindert die europäische Einheit auch in Rentenfragen.

Nicht was die Rentenhöhe betrifft, versteht sich. Und auch nicht in der Metafrage schlechthin, der Grundlage jedes Renteneintrittsalters: der Lebenserwartung! Eine europäisch zentralisierte Lebenserwartung gibt es nämlich nicht - die wurde bisher noch nicht verabschiedet und sie scheint auch nicht auf der Agenda der EU-Politik zu stehen, sondern als eigene Angelegenheit der jeweiligen Nationen verstanden zu werden. Deutsche Verhältnisse zum Renteneintritt würde litauischen Männern letzte geruhsame Jahre rauben, denn die werden durchschnittlich nicht mal 65 Lenze alt. Lettische Männer hätten mehr Glück, denn sie würden bis zum Inkrafttreten der "Rente mit 67" noch zwei Jahre den Herbst ihres Lebens genießen können. Nach dieser Reform würden Esten noch ein halbes Jahre darben dürfen - Ungarn, Rumänen und Bulgaren gerieten in den großherzigen Luxus, noch ganze zwei Jahre Rentner sein zu dürfen. Hoffentlich sind sie dann nicht schon zu siech, um dieses Gnadengeschenk genießen zu können.

Nun kann man natürlich gepflegt darüber streiten, ob es nicht gnädiger wäre, baltische Greise oder solche aus dem "Ostblock", lange arbeiten zu lassen. Womöglich kämen sie dann besser über die Runden als als Rentner. Mit welcher Arroganz die deutsche Politik in Europa auftritt, ist mit Merkels verbaler Kraftmeierei aber dennoch unterstrichen. Deutsche Verhältnisse für alle!, das ist die Parole der deutschen Politik. Bravourstück ist freilich Deutschlands Asylpolitik, die man heute in ganz Europa praktiziert und die einen letzten Rest an Menschlichkeit ausgeweidet hat - jetzt ist eben die Rentenpolitik dran, nachdem Jahre der Exportweltmeisterschaft schon die Arbeitslosigkeit ins europäische Ausland exportierte. Deutsche Verhältnisse für alle! Was kümmert es da noch, dass litauische Arbeiter gar nicht alt genug werden, um jemals ein Renteneintrittsalter zu erreichen? Weil frühe Rentner Europa Geld kosten, muß gespart werden - auch wenn Osteuropäer dafür buchstäblich bis zum Umfallen schuften müssen. Wenn Osteuropäer ihre Rente nicht mehr erleben, dann rentiert sich das Rentensystem ja erst so richtig...

Europa als wirtschaftliche Einheit! Einig nun auch als Sozialsystem? Ein vereinendes Arbeits- und Sozialrecht will man hingegen nicht. Und eine zentralisierte Lebenserwartung kümmert ohnehin niemanden. Es schert doch den EU-Bürokraten nicht, dass ein Leben in Spanien nicht mit dem Leben in der Slowakei, das Dasein in Griechenland nicht mit dem Dasein in Nordnorwegen zu vergleichen ist. Und für die deutsche Kanzlerin gibt es lediglich, weil es ja nur Deutschland und Ausland gibt, "ein Leben im Ausland" - Ausland ist überall wo nicht Deutschland ist. Die Ausländer aus Europa sollten deutsche Maßstäbe anlegen, denn am deutschen Wesen soll... ach, dieses famose Sprüchlein erlebt auch heute noch Inflation...



16 Kommentare:

Anonym 19. Mai 2011 um 07:41  

Europäische Sozialhygiene halt in Gestalt deutscher Rentenregelhegemonie.

klaus baum 19. Mai 2011 um 07:54  

Was Du darstellst, ist ein weiteres Indiz für den Totalitarismus deutscher Prägung. Für dieses rücksichtslose Verfügen über andere, die sich dem Geldfluss in Richtung Reichtumsvermehrung (die Reichen müssen immer noch reicher werden) nicht völlig unterwerfen wollen.

Siebenstein 19. Mai 2011 um 08:33  

An Merkels Thesen wird die Welt verwesen.

Anonym 19. Mai 2011 um 09:41  

Merkel erinnert immer mehr an ihren politischen Ziehvater ihrer Jugendjahre - Erich Honecker.

Einziger Unterschied:

Sie regiert im Kapitalismus totalitär, und mit viel mehr Geld als im maroden Staatssozialismus östlicher Prägung, die Ex-SED-Tussy Angela Merkel.

Gruß
Bernie

Sprechautomat 19. Mai 2011 um 11:57  

"An Merkels Thesen wird die Welt verwesen."

Nicht doch! - Diese "Thesen" sind doch gar nicht ihre eigenen...

...sie stammen wahrscheinlich aus der Feder von Listig Mohn oder Unfriede Springteufel geäussert beim Kaffeekränzchen und gesprochen von der Frau, die den Titel Kanzlerin -selbsternannt auch gerne den Titel Staatsoberhaupt- trägt. ;-)

Wetten über die Urheberschaft dieser erneuten verbalen Entgleisung werden jedoch noch angenommen...

Siebenstein 19. Mai 2011 um 12:30  

Lieber Sprechautomat,

es ist mir natürlich bekannt, dass Merkel nicht über eigene Thesen verfügt, aber "An Merkels Thesen wird die Welt verwesen." reimt sich so schön. ;-)

Granado 19. Mai 2011 um 12:51  

Was soll man von einer Physikerin halten, die so schlecht mit Zahlen umgehen kann, obwohl mit solchem Thema promoviert wurde:
Untersuchung des Mechanismus von Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch und Berechnung ihrer Geschwindigkeitskonstanten auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden.
Naja, Zerfallsreaktionen, Bindungsbruch...

Anonym 19. Mai 2011 um 16:55  

Ach hätten wir doch endlich wieder ein Dasein.

Vielleicht ist es der (un)bewusste Neid auf etwas, das uns (und auch Vielen der Anderen) schon lange verloren gegangen ist.

Wir (und andere) existieren doch nur noch. Und immer mehr lassen wir uns von anderen und anderem leben. Standardisierte,digitalisierte, zertifizierte Klon-Standardware statt Menschsein.

landbewohner 19. Mai 2011 um 17:35  

der "volksmund" wusste schon vor der euro-einführung, daß die vereinigten europäischen banditen ein europa mit (damals) portugiesischen löhnen und deutschen preisen anstrebten. klartext: armut für alle. schmarotzerbande ausgenommen -europaweit. und wenn das merkel nun den häuptling macht, weil auch äussere feinde - so wie faule griechen -immer nützlich sind, genau wie innere - so wie faule hartzer - dann ist das aus ihrer sicht und auch mit den augen der neolibfaschos nur taktisch klug.
alles was die steigende wut von den elendsprofiteuren ablenkt, sichert das überleben der kriminellen eliten.

Kurt Tach 19. Mai 2011 um 18:59  

Wer einmal am Sakrament des Büffels gerochen hat, kommt davon nicht mehr los!
Habe gestern übrigens einen der letzten lebenden NS-Täter im Bräunungsstudio gesehen... Soviel nur zum Thema.

Anonym 19. Mai 2011 um 19:38  

Deutsche Verhältnisse für alle!

Niedriglohn und Hartz 4 soll Exportschlager werden, Rente gibts dann auch erst nach dem Ableben.

Trojanerin 19. Mai 2011 um 22:41  

„Nun kann man natürlich gepflegt darüber streiten, ob es nicht gnädiger wäre, baltische Greise oder solche aus dem "Ostblock", lange arbeiten zu lassen. Womöglich kämen sie dann besser über die Runden als als Rentner.“
Womöglich, wenn es überhaupt genügend existenzsichernde Arbeitsplätze gibt. Nicht nur „Merkels verbale Kraftmeierei“ ist zu kritisieren sondern auch der völlige Realitätsverlust. Hier erinnert Frau Merkel tatsächlich sehr an Erich Honecker. Die Frage nach dem Renteneintrittsalter und der Lebenserwartung ist eine zutiefst soziale Frage. Wenn man die Lebensarbeitszeit verlängern möchte, könnte man auch erst einmal versuchen, sicherzustellen, dass junge Menschen früher eine existenzsichernde, wertgeschätzte Arbeit finden. Die Realität sieht doch völlig anders aus. Es gibt Jugendarbeitslosigkeit und schlecht bezahlte Dauerpraktikanten.
Der Unterschied in der durchschnittlichen Lebenserwartung eines Bewohners eines Washingtoner Nobelvorortes und eines Bewohners eines Washingtoner Problemviertels beträgt 21 Jahre und ist damit genauso groß, wie der Unterschied in der durchschnittlichen Lebenserwartung zwischen den Einwohnern der Bundesrepublik Deutschland und den Einwohnern Kameruns. Die Fragen nach dem Renteneintrittsalter, der Lebensarbeitszeit, der Höhe der Altersrente, der für die Rentenberechnung anerkannten Tätigkeiten sind zutiefst soziale Fragen und können nicht nur unter ökonomischen Gesichtspunkten gesehen werden. Wenn man Letzteres tut, und ich gehe davon aus, das unsere Regierung das tut, dann entlarvt sie sich als ungerecht, unbelehrbar und unverantwortlich.
Also, die Regierung tut genau das, was ich von ihr erwartet habe.

Anonym 20. Mai 2011 um 08:12  

Die Beleuchtung des Themas "Rentenkürzungen" unter dem Aspekt der Lebenserwartung der Delinquenten ist für mich höchst aufschlusreich. Ein sehr guter Text.

Siebenstein 22. Mai 2011 um 13:24  

Hymne zur europäischen Revolution

http://www.youtube.com/watch?v=xhMRNji_1ug

Siebenstein 22. Mai 2011 um 19:04  

Lieber Roberto de Lapuente

Auf Anfrage über youtube, hat mir "vivesur" den Text des wunderschönen Liedes Basta ya ins Deutsche übersetz.
Vielleicht ein weiterer Impuls in die richtige Richtung


DEUTSCHE VERSION:
TEIL 1
Gewohnt zu konsumieren, gewohnt die Hypothek zu bezahlen, bis wir keine Luft mehr bekommen und uns das Wasser bis zum Halse steht.
Wir kämpfen jeder gegen jeden in diesem Spiel um Geld und Macht.
Manipuliert durch die Regierungen, die ihre Leute nur als Steuerzahler betrachtet, denen sie das Geld aus der Tasche ziehen können und  ihre eigenen damit füllen.
TEIL 2
Sie bezahlen damit schmutzige Kriege, die sie sich erst ausdenken müssen.
Es reicht!!!
Wenn einer will, kann er etwas ändern, schlaf nicht weiter,es bleibt nicht mehr viel Zeit, das Leben ist schnell vorbei
TEIL 3
Nach der Verfassung ist eine Wohnung ein Grundrecht und kein Objekt von Spekulationen, zwischen Emporkömmlingen und Bänkern fühlst du die Schlinge um den Hals, die dir keine Luft mehr läßt.
Wo bleibt die Freiheit, von der sie dir in ihren leeren Wahlversprechen erzählen,und wenn du ihre Versprechen einforderst, landest du wie ein Hund auf der Straße.
Es reicht!!!Es bleibt nicht mehr viel Zeit, das Leben geht schnell vorbei.

Siebenstein 22. Mai 2011 um 22:30  

Der Interpret des Liedes Basta Ya heißt: Luis Lara Salamanca

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