Nomen non est omen

Donnerstag, 17. Februar 2011

Heute: "Gehaltsvorstellung"
"Unter Angabe Ihrer Gehaltsvorstellung."
- eine häufige Formulierung in Stellenanzeigen -
Die Formulierung im Zitat stellt die Frage nach der eigenen finanziellen Wertigkeit. Die Phrase unterstützt die Vorstellung nach einer vermeintlich leistungsgerechten Bezahlung. Dazu müsste man aber Leistung seriös messen können. Leistet ein Manager mehr, als eine Putzfrau? Eine Krankenschwester weniger, als ein Banker? Wie misst man Leistung? An der Bezahlung? Dann dreht man sich im Kreis: Leistung ist gleich Bezahlung und Bezahlung ist gleich Leistung.

Gibt man eine zu hohe Summe als Gehaltsvorstellung an, wird man im Bewerbungsverfahren vermutlich gleich ausgesiebt. Will sich die Mensch-Ware vermeintlich günstig "anbieten", um an den Job zu kommen, sieht das beim Unternehmen und beim Personaler nach einem verzweifelten, sprich eher ungeeigneten Bewerber aus. Dennoch ist es offensichtlich, dass Unternehmen, die Verantwortung für die Lohndrückerei, von Anfang an gleich auf den Lohnarbeiter abwälzen.

Transparenz und Offenlegung von Gehältern hat in Deutschland keine Tradition. Viele Branchen, Unternehmen und Organisationen wehren sich erbittert dagegen. Als im Jahre 2006 die Offenlegungspflicht Politiker zwang, ihre Gehälter und Nebeneinkünfte der Öffentlichkeit mitzuteilen, klagten erstmal neun Abgeordnete beim Bundesverfassungsgericht dagegen. Heute werden Politiker-Einkünfte in drei Einkommensstufen öffentlich gemacht. Stufe eins erfasst monatliche Einkünfte von 1.000 bis 3.500 Euro, Stufe zwei Einkünfte bis 7.000 Euro und Stufe drei Einkünfte über 7.000 Euro. Hinzu kommt, dass viele Abgeordnete ihre Nebenjobs verschweigen. Von wirklicher Transparenz kann hier also keine Rede sein.

In Deutschland wird um das Gehalt ein großes Geheimnis gemacht. Bei sehr wenigen Stellenanzeigen wird der zukünftige Lohn erwähnt. Ja, man wird auch oft im Arbeitsvertrag dazu verpflichtet, mit den Kollegen und Mitarbeitern nicht über das eigene Gehalt zu sprechen:
"Über alle Geschäfts– und Betriebsgeheimnisse einschließlich des Inhalts der Gehaltsregelung ist Stillschweigen zu bewahren."
- eine häufige Formulierung in Arbeitsverträgen -
Viele Menschen reden auch nicht privat über ihr Gehalt: "Über Geld spricht man nicht", sagt der Volksmund. So als würde es der breiten Masse gar nicht um die blanken Scheinchen gehen. Die Geheimnistuerei um das liebe Geld offenbart den materialistisch verlogenen Zeitgeist in Deutschland. Aus Angst vor einem sozialen Unfrieden, vor Neid und Missgunst werden Gehälter weitestgehend geheim gehalten. Die "Gehaltsvorstellung" wird somit zum Synonym für den Sozialstatus.

Es würde offen gelegt werden, wie ungerecht und unfair die Menschen eigentlich bezahlt werden. Und dass es Verteilungs- und Lohngerechtigkeit in Deutschland nicht gibt. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit? Mindestlohn? Bezahlung, von der man leben und seine Familie ernähren kann? In vielen Branchen und Berufen Fehlanzeige. Stattdessen wird das Gehalt "ausgehandelt" oder folgt gänzlich anderen Kriterien. Vertragskultur nennt man das. Nur wie so oft, sind die Vertragspartner selten auf Augenhöhe. Der Lohngeber kann sich bei der derzeitigen Massenarbeitslosigkeit mehr erlauben und rausnehmen als der Lohnarbeiter, der nur seine Arbeitskraft, also sich selbst verkaufen kann.

Dies ist ein Gastbeitrag von Markus Vollack aka Epikur.

15 Kommentare:

Anonym 17. Februar 2011 um 11:31  

Ich will auch gar nicht, dass jemand weiß, wieviel ich verdiene. Das ist meine Privatsache! Wie gläsern wollen wir noch werden?

Anonym 17. Februar 2011 um 12:05  

Früher war es Ritual, über die Gehaltsvorstellung erst zum Ende des Vorstellungsgespräches zu sprechen (von beiden Seiten aus).

Heute möchten die potentiellen Arbeitgeber möglichst noch vor dem Vorstellungsgespräch die persönliche Gehaltsvorstellung kennen,um dann zu entscheiden, wer zum VG eingeladen wird.

Die Kostenfrage hat auch hier die Sinnfrage abgelöst. Es wird vom Arbeitgeber nicht mehr zunächst geschaut, was der Bewerber in seinem Gesamtpaket so alles zu bieten hat (oder nicht). Nein, die wichtigste Frage ist: Was kostet's.
Vermutlich müssen die Kosten dermaßen gedrückt werden, damit eigene Prämien weiter fließen.

Auch die Erwartung, das BewerberInnen ihre Berufsdaten in die Online-Datenbank des potentiellen Arbeitgebers reinkloppen, ist unter diesem Aspekt zu sehen, denn auch dadurch werden Personalkosten gesenkt: Der Bewerber mutiert zum kostenfreien externen Personalsachbearbeiter des potentiellen Arbeitgeber-Unternehmens. Das spart Zeit und Geld.
Dass die Personalauswahl via diese Online-Datenbanken dann nur noch nach bestimmten Filterkriterien (z. B. Gehaltsvorstellung, Alter, Gesschlecht) erfolgt, macht eine Gesamtbetrachtung der vollständigen Bewerbungsunterlagen obsolet. Auch das spart Zeit des Unternehmens.
Da fällt sicherlich so manch guter Kandidat durch's Rost. Sei es drum.

Die Gier regiert die sinnentleerte Zeit.

Daniel Limberger 17. Februar 2011 um 13:30  

Lieber Roberto,

hier herrscht ja ein ziemlich wirrer Standpunkt zum Verdienst im Kapitalismus. Wer lernen möchte, wie sich die sehr disparaten Verdienste der verschiedenen Berufe WIRKLICH erklären, der HÖRE mal hier hinein:

„Die Einkommen in der Klassengesellschaft: Wer verdient warum wie viel?“(Prof. Dr. Freerk Huisken, 4. 3. 2010, Bremen) >>>
http://doku.argudiss.de/?Kategorie=all#322

Liebe Grüßle :)

Daniel

Anonym 17. Februar 2011 um 13:43  

Bei 4,5 Mio Beschäftigten des öffentlichen Dienstes im Jahre 2006 läßt sich das Einkommen nutto wie bretto auf den Euro genau ausrechnen.

Anonym 17. Februar 2011 um 14:55  

Am Ende ist es nur die Knappheit bzw. Angebot und Nachfrage, die den Preis des Arbeitnehmers bestimmen...

Weder ist es die Leistung (sonst unterstellte man, dass Joseph A. am Abend 500-mal erschöpfter sei als der Dachdecker, da er ja das 500-fache verdient), noch ist es die (Aus-)Bildung als direkte Funktion (sonst würde der promovierte Taxifahrer mehr verdienen als seine nichtakademischen Kollegen).

Es ist nur die Knappheit einer bestimmten Fähigkeit und deren Nachfrage, die den Preis bestimmen.

_BB_

Anonym 17. Februar 2011 um 15:16  

Hach ja, die böse Wirtschaft.
Sie hat Euch nur viel von der Infrastruktur gebracht, auf die Ihr täglich zurückgreift.
Ich verstehe ja, wenn jemand sagt: "Ich wäre gern in den '50ern geblieben, also mit noch vergleichsweise wenig Kapitalismus."
Ich würde das nicht wollen.

Roberto J. De Lapuente 17. Februar 2011 um 15:32  

@ anonym von 15:16:
Lesen Sie den Text nochmals, bevor Sie sich lächerlich machen...

Anonym 17. Februar 2011 um 16:21  

Ich werde nie verstehen, warum die Lebenszeit des Einen mehr wert sein soll, wie die eines Anderen.

Leserin 17. Februar 2011 um 16:22  

Die Schweigepflichtklausel im Arbeitsvertrag ist nicht rechtmäßig, siehe http://www.iww.de/index.cfm?pid=1314&pk=135470&spid=1290&spk=1288&sfk=21 .
In der Pflege gibt es die interessante Entwicklung, dass in den Anzeigen das Gehalt sehr oft genannt wird, weil Fachkräftemangel herrscht, besonders im ambulanten Bereich.
Vielleicht ist das der Beginn einer Gegenentwicklung.

pillo 17. Februar 2011 um 18:51  

In Spanien konnten meine damaligen Kollegen gar nicht glauben, daß man hierzulande nicht übers Geld reden darf. Immer wenn die Lohnzettel kamen, öffnete man diese innerhalb der umstehenden Kollegen. Auch das Herumreichen der Abrechnungen war völlig normal. Die Liste mit den Bonuszulagen (benficios) der einzelnen Mitarbeiter hang für jeden sichtbar an einer Tafel aus. So wußte jeder vom anderen, was er verdiente. Und, war dies ein Problem? Für die Arbeiter und Angestellten jedenfalls nicht.

Anonym 17. Februar 2011 um 23:27  

Was dabei herauskommt, wenn man alle Löhne gleichschaltet, hat man in der DDR gesehen...
Und auf nichts anderes würden ja die Konsequenzen aus diesem Artikel hinauslaufen. Korruption in potenziertem Ausmaße inklusive.
Oder wie müßten die Konsequenzen lauten?

Anonym 18. Februar 2011 um 08:30  

Monika Lierhaus soll p. a. 450.000 Euro bekommen. Ich frage auch hier nach der Leistung, die dahinter steht. Ist das der Bonus für ihre körperliche Behinderung, dann sollten auch schnell mal die Behindertenverbände ihr Ansprüche in vergleichbarer Höhe anmelden.

Und die bisher als allgemein notleidend bekannten Zahnmedizner wollen nun 69 % (Prozent, nicht Euro wie bei Hartz 4)höhere Honorare, wobei man sich auch hier höchstwahrscheinlich auf "miese" 46 % entgegenkommen wird.

Anonym 18. Februar 2011 um 11:00  

Na bitte, hier ist er - der Gehaltsreport 2011:
www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,2828,744930,00.html

flavo 20. Februar 2011 um 18:06  

Die Menschen sind zu ähnlich ausgestattet als dass es gigantische Lohnunterschiede geben könnte. Wollte man sich am normativ Guten orientieren, an dem, was sein soll und halbwegs plausibel argumentierbar ist, dürfte es keine gigantischen Lohnunterschiede geben, freilich ein wenig ja, sagen wir in einem Spielraum bis max. 10000 Euro im Monat. Dass es gigantische Unterschiede dennoch gibt, resultiert aus Macht (legal und illegal) und Ideologie (symbolisch), Glück freilich auch. Das erste Glück: in die richtige Macht- und Ideologieecke geboren zu werden.

Anonym 27. Februar 2011 um 01:12  

In Gro-brittanien wird ganz selbstverstaendlich in den Stellenanzeigen das Jahresgehalt genannt.

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