De auditu

Freitag, 5. November 2010

Der Terror ist in Deutschland angekommen. Er hat sich über den Umweg der Sprache, in den Köpfen festgesetzt - nur stofflich ist er noch nicht in der deutschen Wirklichkeit angelangt. Der Terror ist jedoch anwesend: aufgrund Terrorgefahr schlägt man regelmäßig Terroralarm, um etwaige Terrorverdächtige von ihren Terrorplänen abzubringen; man berichtet überdies von Terrorcamps, Terrorflügen, Terrorpaketen, Terrorchefs und Terrormoscheen, die von Terrorexperten beleuchtet werden - am Ende klopft sich diese Republik auf die Schulter, weil wieder einmal ein Terroranschlag vereitelt wurde. Terror, der selbst zum Terror wurde...

Kuriose Komposita sind dabei entstanden. So zum Beispiel der Terrorexperte, der in den Medien auftritt um diverse Terrorpraktiken (noch so eine Komposition!) zu erklären und aufzeigen, der aber per definitionem auch auf der anderen, nämlich der terroristischen Seite stehen könnte, als ausgewiesene Kapazität und sachkundiger Bombenbauer etwa. Der Begriff hat sich allerdings verselbständigt, einen Terrorexperten aus dem terroristischen Lager nennt man eher Terrorchef - und dies, obwohl ein solcher gleich gut der Leiter eines fiktiven Ressorts Terrorismus bei einer Zeitung oder der Vorgesetzte eines Bombenentschärfungskommandos sein könnte. Es handelt´sich demnach um Begriffe, die trotz ihrer unkonkreten Haltung, dennoch zielgerichtete Verwendung finden.
Der Terroranschlag ist eine weitere höchst fadenscheinige Zusammenstellung. Der Anschlag für sich alleine bedeutete schon eine gewalttätige Handlung, die zielgenau gegen Mensch oder Material verübt wird - der Anschlag ohne eine Voranstellung verbreitet damit Schrecken. Terror ist mit Schrecken übersetzbar: aus dem Anschlag einen Terroranschlag zu konstruieren, ist in etwa so, als würde man dem Zwerg ein Klein- oder dem Riesen ein Groß- vorschieben. Eine effektheischende Komposition endlich, die dem Terrorhype (nein, nicht noch so ein Wort: davon liest man nämlich äußerst wenig!) gerecht werden soll.
Als besonders interessant erweist sich das Terrorpaket, wobei anzumerken ist, dass es auch ein Anti-Terror-Paket gibt - letzteres ist aber nicht etwa das Gegenteil, nicht etwa ein Paket gefüllt mit unterroristischen Keksen oder Büchern: es ist ein Substantiv, dass der heute beliebten Paketierung geschuldet ist; einer Paketschnürung, die mehrere Gesetze, Vorhaben, Pläne metaphorisch zu einem Paket verknotet. Das Terrorpaket ist eine Schachtel, in der Sprengstoff liegt; kein metaphorisches Paket: ein wirklicher Karton. Und in diesem Karton liegt, jedenfalls terminologisch, keine Bombe: es liegt der Terror darin - womöglich der gesamte Terrorismus dieser Welt. Es gäbe alternativ dazu den Begriff der Paketbombe, der aber in Tagen der Terrormania nicht herangezogen wird. Das Paket ist damit mehr als bloßer Sprengstoff, im Paket ist der Terror verpackt und damit die Möglichkeit, die kollektive Panik nicht gegen eine konkrete Bombe, sondern gegen den gesamten abstrakten Terrorismus zu wenden; somit mittels Panikmache eine Bereitschaft zu erschleichen, die weiteren Eingriffen in die Privatsphäre geduldig gegenübersteht.

Dort wo Terror herrschte, wäre die stete Bemühung terroristischer Wortvoranstellungen entbehrlich, sinnlos geradezu - man müsste nicht mehr pointieren, dass Terror oder Schrecken wütete, man spürte es ohnedies. Die Verterrorisierung der politischen Umgangssprache holt den Terror ins Bewusstsein, wenn schon nicht in die Wirklichkeit - sie holt ihn dergestalt in die Besinnung, als sei er unumwunden ante portas. Der Terror mit dem Terror soll eine latente Terrorstimmung verankern - wenn der Terror schon nicht ankommt, um etwaige Freiheitsbeschneidungen zu begründen, so muß er zumindest sprachlich eingebettet werden.



12 Kommentare:

Anonym 5. November 2010 um 09:45  

Soviel zum Tärrrrrrror:

http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2010/11/jemenitischer-al-kaida-anfuhrer-ist-ein.html

Anonym 5. November 2010 um 10:41  

"Der Terror mit dem Terror":

Wohl wahr!!

Ablenkungsmanöver und Nebelkerzen und -wenn wirklich reale Bedrohung-: die Ernte der eigenen Saat.

Und wovon soll diesmal (wieder) abgelenkt werden?

Fleur 5. November 2010 um 10:42  

"Dort wo Terror herrschte, wäre die stete Bemühung terroristischer Wortvoranstellungen entbehrlich, sinnlos geradezu"

So wahr... Sprache erzeugt eben und bildet nicht nur ab.

Anonym 5. November 2010 um 11:15  

Diese Angstmache mit dem angeblichen Terror ist doch ein geschicktes Spiel der Eliten, stellt sich doch bereits bei der ersten Terror- "Fanfare" ein großer Teil der "Mittelschichten", des Spießbürgertums in Reih und Glied hinter die Eliten als deren willige Werkzeuge, Abstimmungs-Vieh und Jubelperser.
Was wollen und brauchen die Eliten mehr?

Terror begeisterte Grüße von
Bakunin

Anonym 5. November 2010 um 13:56  

Ein Bekannter hatte vor Jahren als Tourist Israel besucht und war erstaunt, wie selbstverständlich dort mit dem doch allgegenwärtigen Problem des Terrors umgegangen wird. Zum Beispiel öffentliche Abfallkörbe seien alle mit einem äusseren Betonmantel umgeben, damit die Druckwelle einer allfällig dort deponierten Bombe nach oben verpufft und niemand verletzt wird. Diese Situation ist aber für Israelis kein Grund, auf öffentlichen Plätzen Angst zu empfinden.

Er erzählte auch eine lustige Geschichte aus dem nie auch nur entfernt mit Terror konfrontierten Zürich (ich kann sie nur noch sehr ungefähr wiedergeben): Israelische Politiker waren zu Besuch und verlangten Personenschutz durch die Zürcher Polizei. Diese marschierten schwer bewaffnet mit Maschinenpistolen auf und verbreiteten eine allgemeine Atmosphäre der Terrorangst. Einer der friedensverwöhnten Schweizer Polizisten kam plötzlich – und wohl ganz unbewusst - auf die gloriose Idee, seine Waffe mit einem deutlich hörbaren Klicken durchzuladen.
Das Ergebnis: Die Israelis warfen sich reflexartig auf den Boden, und ihr eigener, nicht als solcher erkennbarer Personenschutz zückte ihrerseits ihre – bis dahin unsichtbaren - Waffen und stellten professionell den verdatterten Schweizer Antiterror-Polizisten, und irgendwann klärte sich dann das Missverständnis.

Fazit: Es scheint in unseren Breitengraden ein umgekehrt proportionales Verhältnis von tatsächlicher Bedrohung durch Terror und der „German Angst“ vor Terror zu geben, und diese „German Angst“ wiederum führt zu objektiv irrationalem und damit konkret und tatsächlich brandgefährlichem Verhalten.

Anonym 5. November 2010 um 19:20  

Klasse! Ein klarer Fall für neusprech.org.!

Daniel Limberger 5. November 2010 um 23:08  
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Die Katze aus dem Sack 6. November 2010 um 06:32  

Ich gehe für mich mal davon aus, das dieser ganze Terrorhype nur die Vorhut ist. Wir steuern allmählich auf das 10. Jahr nach 9/11 hin. Bis zum Jahrestag dahin, wird mir noch so einiges an Terror um die Ohren fliegen, befürchte ich - ohne mich dabei konkret zu ängstigen.

Wieviel von diesem Terror wohl einige tüchtige Beschäftigte der Geheimdienste zu verantworten haben? Auf Anordnung oder wegen der Beibehaltung hochdotierter Vergütungsregelungen, Privilegien und Pensionen?

Und was, wenn sie es übertreiben, und das Ganze aus dem Ruder läuft? Wer wird dann die Konsequenzen für alles Weitere tragen? Wir alle?!

Anonym 6. November 2010 um 10:54  

Anonym Die Katze aus dem Sack hat gesagt...

"Und was, wenn sie es übertreiben, und das Ganze aus dem Ruder läuft? Wer wird dann die Konsequenzen für alles Weitere tragen? Wir alle?!"

Natürlich wir allel! Dafür sorgen schon die Wähler von CDU/CSU/SPD/FDP/"GRÜNEN" mit ABSOLUTER SICHERHEIT!

MfG Bakunin

endless.good.news 8. November 2010 um 08:10  

Man kann nur Widerholen, dass die meisten Terrorakte in Europa eben nicht von radikalen Muslimen sondern von Freiheitskämpdern in Spanien oder Nordirland durchgeführt werden

http://endlessgoodnews.blogspot.com/2010/10/alle-terroristen-sind-muslime-auer-den.html

Ebenso wird die linke Strömung verteufelt. Nur haben sich da unsere Herrn und Damen Poltiker verzettelt.

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=in&dig=2010%2F10%2F30%2Fa0169&cHash=0c2ed99734

Thomas 8. November 2010 um 16:59  

Die wahren Terroristen sitzen doch heute schon längst in unserer Regierung und terrorisieren uns mit ihrer Paranoia. Die, die sie als Terroristen bezeichnen, sind doch letztendlich nichts weiter als gemeine Verbrecher.

Anonym 8. November 2010 um 17:59  

Zm Thema Wortwahl und Strategie der Angst gibt es hier eine Menge Interessantes zu lesen : http://www.zeitgeist-online.de/exklusivonline/dossiers-und-analysen/230-das-guttenberg-dossier-teil-1.html (Teil1 und Teil2 lesen)

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