Fußball, Schach oder Halma? - Egal, Hauptsache national!

Dienstag, 24. Juni 2008

Ein europaweites Turnier und keinerlei Symbole europäischer Zusammengehörigkeit, dafür aber Symbole einzelner europäischer Mitgliedsstaaten, die nicht das Wir international faßbar machen, sondern ein nationales Wir proklamieren - statt eines einzelnen Wir, zeigen sich viele Wir-Sparten. Dies nährt die nationalistische Komponente dieser Fußball-Europameisterschaft. Ein proletenhafter Nationalismus freilich, einer, der sich auf niedere Instinkte, Ressentiments, dumpfes Parolenschwingen stützt, der sich nur dezent einem rassischen Denken hingibt. Statt Europaflaggen wehen nationale Flaggen - diese meist von angemalten, mit nationaler Symbolik überhäuften Fußballpatrioten geschwungen, die neben Flaggen auch mit dunstig-alkoholischen Fahnen ihrer nationalen Gesinnung frönen. Anstatt eines völkerverbindenden Festes, biedert sich ein in Nationen unterteilendes, Europa zerstückelndes Ereignis dem Betrachter an. Selbstverständlich weisen Apologeten der Spaßgesellschaft darauf hin, dass sich trotz Zerstückelungen Feststimmung einstellt, friedlich gefeiert wird. Doch latent schwelt ein "alter Nationalismus", der nicht verbindet, sondern eben trennt, Menschen in Nationalitäten kategorisiert, den Leiharbeitnehmer mit seinem Ausbeuter, den Fließbandarbeiter mit seinem Manager gleichsetzt, weil sie ja beide ein- und derselben Nation angehören. Die Nation als Überbrücker gesellschaftsimmanenter Gegensätzlichkeiten, als Kanalisierungseinrichtung für Konfliktpotenzial!

So aber jubeln die Massen nur ihrer nationalen Auswahl zu, setzen diese Verbandsmannschaften mit der Nation gleich - eigentlich spielt dort ja eine Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes und nicht die Bundesrepublik Deutschland - und scheren sich einen Dreck darum, ob der Bessere gewinnt oder nicht. Man nimmt gerne in Kauf, durch miese Leistungen, durch stetiges 1:0-Siegen mit darauf einsetzenden Catenaccio, das Finale zu erreichen oder besser noch: den Titel zu gewinnen. Zelebriert wird nicht Fußball, sondern das nationale Ehrgefühl. Da spielen diverse Auswahlmannschaften tristen, langweiligen Hauruck-Fußball, aber der angebliche Fußballanhänger kommt gar nicht auf die Idee, dem Fußball anzuhängen, sondern hofft und bangt für das Team, welches aus seinem Lande kommt, gleichgültig wie erbärmlich, langweilig, trostlos deren Auftritt ist. Er ist nicht Fußballfan, sondern Fan der Auswahl seines Landes. Hierzulande sieht man es lieber, dass sich die DFB-Elf ins Finale rumpelt, anstatt die technischen Raffinessen und herausragenden Spielzüge, die den deutschen Gegnern oft gelingen, als Wertschätzung des Fußballspiels zu besehen. Alleine daran läßt sich sehen, wie wenig verbindend der Charakter eines solchen Turnieres ist: Es geht nicht um eine europaverbindende Feierlichkeit, die man dem Fußballspiel zukommen läßt, sondern um den puren nationalen Zweck, dem jedes Mittel zum Erfolg heilig ist. Lieber sechs Siege, die von Befreiungsschlägen, Sperrketten, taktische Fouls und Zufallstreffern gezeichnet sind und somit den Titel sichern, als ein vielleicht erfolgloses Auftreten mit Direktpässen, technischen Leckerbissen und gekonnten Flügelläufen - dies ist die Devise! Eine Devise, die nicht den Fußball feiert, sondern die Nationalität hofiert.

Dies geht so weit, dass man beispielsweise türkischen Mitbürgern, die in diesem Lande leben und versichern, dass in ihrer Brust zwei Herzen schlügen am Mittwoch, weil sie sich einerseits dem Land ihrer Väter und andererseits dem Land in dem sie leben verbunden fühlen, dieses Gefühl des Zwiespalts abspricht. Hier soll nicht erläutert werden, dass auch jene türkischen Mitbürger sich nicht dem Fußball verschrieben haben, sondern ebenso nationalen Dünkel zum Leitmotiv ihres Betrachtens erheben - auch für sie gilt ja, dass sie keinerlei Interesse am Sublimen des Fußballspiels haben, keine Freude an der Beherrschung des Balls, sondern diesen oder jenen Sieg als nationalen Erfolg verbuchen, auch wenn in diesem oder jenen Erfolgsfalle der Ball die Spieler beherrschte. Ebensowenig soll hier erläutert sein, dass sie ja nicht den beiden Ländern zujubeln, sondern der DFB-Auswahl und der Auswahl der TFF (Türkiye Futbol Federasyonu). Wichtig in diesem Kontext ist aber, dass es immer wieder Stimmen gibt - und diese nicht zu knapp -, die verkünden, dass es solcherlei Doppelherzen, Zwiespalte also, gar nicht geben kann. Mit anderen Worten: Man hängt seiner Nation an, egal wo man lebt, egal ob man schon jemals innerhalb der bevorzugten Nation gelebt hat. Und: Man feiert kein Fest des Fußballs, sondern ein Fest des nationalen Fürsichseins, ein Fest des Separatismus. Der Fußball ist darin belanglos.

Entschlössen die Veranstalter sich dazu, nicht Fußball, sondern Schach spielen zu lassen - ohne Würfel, auch wenn Podolski das gerne so hätte - oder Halma im Mittelkreis, so wäre es den Anhängern auch billig. Die Sportart ist austauschbar, ersetzbar, verwerfbar. Die Formel 1 exisitierte hierzulande nur, solange Schumacher fuhr und gewann. Dann vereinten die "Anhänger" allerlei nationale Symbolik auf Schumacher und erklärten Ferrari zum deutschen Kulturgut. Solange Ullrich durch Alpen und Pyrenäen radelte, wenngleich zum ewigen Zweiten verurteilt, war die Tour de France kein internationales Ereignis mehr - gerade im Radsport gibt es eigentlich kaum nationale Ambitionen -, sondern ein nationales Getümmel, in welches sich viele deutsche Patrioten warfen.
Nie war der Sport im Mittelpunkt, wohl aber die Persönlichkeit, die man mit nationalen Stolz hat anreichern dürfen. In dieser Weise trifft es ebenso zu, wenn im Fußball Welt- oder Europameisterschaften ausgetragen werden. Angestachelt durch die Medien, wird so ein Ereignis zur nationalen Institution, der man sich nicht entziehen kann, ja gar nicht entziehen darf. "Du bist doch Deutscher!", heißt es dann. Oder: "Wir werden morgen gewinnen!" - Das gemeinschaftsverbindende Wir wird zum Ausdruck des klassenübergreifenden Zusammenhalts. Und plötzlich befinden sich Menschen im Fußballfieber, und nicht selten im -wahn, die außerhalb eines solchen Turnieres keinerlei Interesse am Fußballsport festmachen können. Aber wenn Deutschland spiele, so heißt es dann immer ganz selbstverständlich, dann müsse man natürlich seine Fußballaversion ablegen und Patriot sein. Warum man dies so sieht, wird hierbei nie beantwortet, denn Antwort setzt Nachdenken voraus - und über dergleichen Selbstverständlichkeiten denkt man doch nicht mehr nach. Und überhaupt: Wenn alle im Fußballwahn sind, dann wird daran schon etwas Wahres und Sinnvolles sein.

Es werden folglich, betrachtet man den vulgären Nationalismus dieser Tage, keinerlei Fußballfeste, wohl aber viele Deutschland-, Türkei-, Rußland- oder Spanienfeste gefeiert. "Fußball ist unser Leben", gilt schon lange nicht mehr. Die Fußballfans, so wie sie an Leinwände pilgern, gleichen den Heerscharen von angeblichen Katholiken, die den Papst bei seinen Deutschlandbesuchen hochleben lassen. Animiert durch Stimmungsmache, ohne Begriff für das Fußballspiel, freilich aber laut schreiend und bester Trainer von Welt seiend, geben sie ihrem nationalen Hochmut Ausdruck. Musterkatholiken hier, Musterfußballfans dort - die Medien geben vor, wann man was zu sein hat. Wenn dann die Europameisterschaft vorbei ist, dann schimpfen eben jene, die im Nationaltrikot, mit allerlei Flaggen garniert auf Plätzen herumlungerten und mit verzerrten Gesichtern "Deutschland, Deutschland" gröhlten, weil ARD und ZDF Unsummen für die Bundesligarechte ausgeben oder ein UEFA-Pokal-Spiel eines Bundesligisten in Lettland übertragen. Dann ist Fußball nicht angesagt und mit einem Bundesligisten läßt sich zudem kaum ein ungesunder Nationalismus befördern, den man dann wieder schamlos zur Schau stellen könnte.

7 Kommentare:

Anonym 24. Juni 2008 um 10:50  

Beim Nationalismus handelt es sich um die schlechte Ausdünstung von Leuten, die nichts anderes als ihre Herden-Eigenschaften haben, um darauf stolz zu sein.
Friedrich Nietzsche

Public viewing statt public participation...
Während gefühlte 110% schwarz-rot-gold beflaggt in jeder vormals gemütlichen Ecke rumtröten waren zum zweiten Wahlgang in Dresden gerade mal 33% zur OB-Wahl. Nun kann man sich über Sinn und Unsinn von Wahlen trefflich streiten, symptomatisch jedoch scheint zu sein, daß Öffentlichkeit, gemeinschaftliche Teilhabe an kollektiven, gesellschaftlichen Ereignissen nurmehr in der gemeinschaftlichen Veröffentlichung privater Vorlieben und Situationen besteht. Siehe auch reality soaps, öffentliches Handy-Telefonieren, unpolitische Spaßflashmob...
Politische Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist weder erwünscht noch opportun. Individualisierte "Selbstverwirklichung" , "Eigenverantwortung", kurz Egoismus steht auf dem Plan. Da der Mensch nun aber ein gesellschaftliches Wesen ist, sucht er offenbar nach Ersatz und findet ihn, konsumenten-freundlich aufbereitet, im circus maximus sponsored by coca-cola...
Hier läßt es sich gefällig stolz auf gemeinsam Erreichtes sein, ungeachtet der Unwesentlichkeit, daß nicht wir, sondern stelllvertretend "unsere Jungs" diese erbrachten, ungeachtet auch, daß "diese Jungs", mit uns und unserer Lebenswirklichkeit nicht das Geringste zu tun haben, ungeachtet der Tatsache, daß mit emotionalem Einsatz sondersgleichen nicht etwa die entgültige Beseitigung des Hungers auf der Welt, sondern ein zwischen zwei Pfosten trudelnder Ball gefeiert wird...
Rückeroberung der öffentlichen Räume für politische Inhalte ist das Gebot der Stunde, gern auch mit solch gut gemachten blogs, politisch motivierten flashmob-Aktionen (burger-Krieg statt burger-Kauf...), Durchbrechen der Meinungshoheit neoliberaler Nachbeter und pragmatischer TINA-Vertreter in Internet-Foren bspw. des Spiegel oder so, was weiß ich...
Jedenfalls: keine Resignation und kein als Pragmatismus getarnter Opportunismus!
Bitte.

Raze 24. Juni 2008 um 14:42  

Genau so ist es, leider. Mehr kann ich auch nicht sagen.

Markus 24. Juni 2008 um 22:31  

Vielleicht wäre dem Rumpelfußball etwas beizukommen, wenn man neben der Pflicht zu Ergebnisorientierung noch eine Kür für schönen Fußball einführen würde.

Was das nationale Getöse betrifft, könnte es auch so sein, daß Europa von vielen als zu abstrakt empfunden wird, um sich damit zu identifizieren, und man deshalb das heimische Land vorzieht und hochjubelt. Sicherlich aber auch deshalb, um sich selbst zu einem kleinen Star zu machen - viele haben ja sonst nichts anderes, an dem sie sich festhalten und aufrichten können.

robertito 28. Juni 2008 um 18:21  

Es ist doch nicht das Ziel Europa zu einem Volk zum machen, sondern vielmehr die Völkerverständigung zu fördern und die Völker sich näher kommen lassen. Und genau das passiert auch bei er EM, wenn einem zB Türken auf der Straße sagen "Super gespielt, den Elfmeter hättet ihr noch verdient" und man antwortet "ach komm, es war auch so ein Super Spiel". Da gibt es gegen mitfiebern/feiern mit dem eigenen Land doch nichts einzuwenden?!

Roberto J. De Lapuente 28. Juni 2008 um 19:19  

Pues Robertito, für Dich mag nichts dabei sein, für mich schon. Ich habe mit den Herren, die vorgeben für mich zu spielen, nichts gemein. Weder habe ich sie zum Fußballspielen geschickt, noch bekomme ich etwas von der Siegprämie ab. Die sind die, ich bin ich!

Splinter 30. Juni 2008 um 19:03  

Ein sehr guter Beitrag, dem ich nur zustimmen kann!
Ich bin durch Zufall auf diesen Blog gestoßen und werde in Zukunft ganz sicher öfter vorbeischauen!

Medienknete 2. Juli 2008 um 09:56  

[...] Fußball scheint also den meisten "Fans" gar nicht so wichtig zu sein - man könnte ihn vielleicht auch durch Schach oder Halma ersetzen - Hauptsache, "wir" werden am Ende Meister. [...]

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