BILD informiert!

Mittwoch, 4. Juni 2008

Seit geraumer Zeit wirbt die BILD-Zeitung damit, leider erst seit 1952 berichten zu dürfen. Gewagt könnte man das nebenstehende Plakat derart interpretieren, dass deshalb der Untergang der Titanic nicht verhindert werden konnte. Doch - ich traue es mich fast nicht zu sagen - die BILD hat 1912 doch davon berichtet! Diesbezüglich liegen mir Unterlagen vor. Wie diese Unmöglichkeit sein kann, weiß ich nicht in vollster Gewißheit zu beantworten. Wohl aber wie mir die Dokumente, d.h. die BILD-Ausgaben jenes Jahres, zugespielt worden sind. So begab es sich, dass ein stark verwirrter Mann sie mir übergab, dabei von Zeitreisen und Axel Springer und allerlei anderen Seltsamkeiten sprach, die gemeinhin keinerlei Zusammenhang zu haben scheinen. Meine Erklärung muß daher spekulativ bleiben. Womöglich handelte es sich um einen zeitreisenden Wissenschaftler des 24. Jahrhunderts, der Axel Springer seiner Zeit entrissen hat, um ihn einige Jahre vorher wieder auszulassen. Somit gründete Springer seine GmbH nicht erst 1946, sondern irgendwann vor 1912. Vielleicht sind die mir zugespielten Dokumente lediglich Relikte aus einer anderen, uns vollkommen unbekannten Zeitlinie, deren Echtheit wir in unserer Linie nie beweisen können. Doch wir wollen uns nicht mit dem Wie und Woher aufhalten, sondern kurz dokumentieren, wie die BILD seinerzeit vom 14. April 1912 - der Tag des Untergangs - berichtete, wie sie die Leserschaft informierte. Aber bevor ich beginne, sollten wir in uns gehen und aufrichtig gegenüber uns selbst sein und zur Sprache bringen, was sich uns im Innersten aufdrängt: Wir haben nie wahrhaft geglaubt, dass es eine Zeit vor BILD gab!

Bereits im Vorfeld berichtete man ausführlich über die Titanic. Einige Tage nach Fertigstellung des Ozeanriesen hieß es in der BILD: "Wir Europäer haben der Welt eine technische Meisterleistung geschenkt. Heute können wir nicht mehr behaupten, dass es die Engländer alleine waren, die dieses Schiff erbaut haben. Es waren alle Europäer, vereint im Fortschritt. Die Völker der Erde ziehen vor uns den Hut!" Und: "Jetzt kann man auf dem Ozean so bequem reisen, wie in einer Eisenbahn. Der Große See ist uns nun Untertan! Wir Menschen sind Ozean!" Am Tag der Jungfernfahrt brachte BILD zwei Doppelseiten zum - Orginalzitat - "einmaligen Weltereignis". Wie recht die BILD mit dieser Einmaligkeit hatte, wußte sie, obwohl sie sonst immer alles weiß, leider noch nicht. Schon Wochen vor dem Großereignis wurde über den enthemmten Luxus an Bord geschwärmt: "Werden Guggenheim und Astor das bordeigene Freudenhaus besuchen?" BILD-Fräuleins in knapper Bekleidung lächelten von der Vorderseite und wußten wochenlang nur zu sagen: "Ich fahre mit und angel' mir einen Millionär!"
Schon einen Tag nach Antritt der Jungfernfahrt, am 11. April 1912 also, trieb die BILD-Zeitung die Titanic - und namentlich Kapitän Smith - an, das Blaue Band für die schnellste Überquerung des Atlantiks zu gewinnen. Im überschwänglichen Artikel heißt es: "Schneller Titanic! Schneller! Wir wären enttäuscht, wenn so ein Luxusschiff nicht mindestens auch noch eine solche Kleinigkeit wie das Blaue Band gewinnt." Dabei wird der Direktor der White Star Line, Bruce Ismay, zitiert: "Ja, wir wollen das Band!" BILD erhob diesen Herrn darauf zum Sieger des Tages: "Soviel Wagemut gefällt uns!"
Ein gewisser Chefkolumnist Freiherr von Wagner romantisierte: "Wenn die Titanic eine Frau wäre, würde sie Erotik ausstrahlen, vor der ich nicht haltmachen könnte. Du, Titanic, wirst auch in hundert Jahren noch die erotischste Dame der Weltmeere sein." Ein anderer Kolumnist, Freiherr Müller von Vogg sah alles etwas politischer und meinte, dass man so eine technische Höchstleistung nur in einem Land entwickeln könne, welches so wie Großbritannien seine Gewerkschaften und sozialistischen Parteien kleinhält. "Der bitterböse Kommunismus im Deutschen Reich läßt Titanicen aller Art und Größen gar nicht zu!" Aber dennoch sei die Titanic eine "europäische Wunderbarkeit" und die Engländer müßten das einsehen, dürften diesen Erfolg gar nicht für sich alleine beanspruchen. "Wir sind doch völkisch verwandt!"

Am 16. April 1912, mit einem Tag Verspätung, berichtete die BILD dann vom großen Unglück. Irrtümlich dachte man, alle Passagiere seien ums Leben gekommen. Der Bericht erzählt minutiös: "Ein dumpfer Schlag! Allen ist schlagartig klar, dies muß ein Eisberg gewesen sein! Panik bricht aus! Das Pack in den unteren Abteilen will sich auf Kosten der Leistungsträger ins Obergeschoß retten. Tumult bricht aus. Schüße! Blut! Innerhalb von zehn Minuten ist der Spuk vorbei. Die Titanic liegt auf dem Grund des Ozeans. Wir alle sind fassungslos." Namhafte Reichstagsabgeordnete erklären in BILD, dass man nun uneingeschränkt Mitleid mit den Engländern haben müsse. Überhaupt: Schon einen Tag später fragt die BILD, ob dieses Unglück geschehen wäre, wenn das Schiff ein deutsches Produkt gewesen wäre. "Made in Germany haben die Briten als Warnplakette erfunden, um unsere deutsche Ware als billigen Ramsch zu kennzeichnen. Vor einigen Tagen wären sie froh gewesen, wenn sie unter dem Schlagwort Made in Germany hätten reisen dürfen!", urteilte Müller von Vogg. Gleichzeitig aber ein Lichtblick. Der Aufmacher am 17. April 1912 lautet: "Ein Wunder! Es gibt Überlebende! Tragödie mit Herz!" BILD-Kommentator Nicolaus von Fest erklärt, dass man die "Eisberg-Story" nicht für bare Münze nehmen sollte. "Man muß davon ausgehen, dass die Sozialisten der Erde eine ganz große Sauerei vertuschen! Der BILD liegen Fakten vor, wonach das Schiff sank, weil Sozialisten an Bord das Steuer übernommen haben." Man müsse nun einsehen, so fuhr er fort, dass wer kein Schiff steuern kann, erst recht kein Staatsschiff zu lenken weiß. "Die Titanic-Tragödie zeigt, dass die Jünger Marxens wahre Verbrecher sind!"

Wiederum einen Tag später wußte die BILD einen Schuldigen zu benennen, wenngleich man noch "vorsichtig" danach fragte. Der Direktor der White Star Line, Bruce Ismay, soll Kapitän Smith gedrängt haben, noch schneller den Atlantik zu überqueren. Das Blaue Band wäre die Krönung der Titanic-Erfolgsgeschichte. BILD meint: "Verantwortungslos!" Zudem wurde der Leserschaft mitgeteilt, dass Ismay ein engstirniger, arroganter und selbstsüchtiger Geschäftsmann ist. "Ein typisch englischer Snob!" Chefkolumnist von Wagner ließ es sich nicht nehmen, über Ismay zu schreiben: "Lieber Bruce Ismay, Sie sahen wie der sichere Sieger aus, wollten schnell sein, obwohl die Öffentlichkeit davon abriet. [...] Sie widern mich an! Das Teuflische an Ihnen ist, dass Sie so unscheinbar aussehen. Wären Sie eine Frau, ich würde auf Sie hereinfallen, aber dann eines Tages bemerken, dass ich neben einer Teufelin erwache." Fazit der BILD: Verlierer des Tages, weil "die unbändige Geltungssucht den Verstand ausgeschaltet hat!"
Ein weiterer Artikel befaßte sich derweilen mit dem englischen Debakel: "Es war niemals ein europäischer Geist, der dieses größenwahnsinnige Projekt beflügelt hat. Wieder einmal typisch britisch, so voller Dekadenz die Ozeane überqueren zu wollen. Zu den aufgedunsenen Gesichtern und der geschmacklosen Kleidung, kommt nun auch noch technische Unfähigkeit und Größenwahn dazu! Das ist typisch britisch. Germany is not amused!" Außerdem erklärte BILD, wie es zu dem tragischen Unglück hat kommen können. "Obwohl die Titanic unsinkbar war, geschah das eigentlich Unmögliche! Experten erklären warum! [...] BILD-Experte Mxxxx (Anmerkung: Name unleserlich): Ganz klar, das Schiff ging unter wie ein Stein. Jene Experten, die vom Auseinanderbrechen des Rumpfes sprechen, haben von Statik keinerlei Wissen." Und weil es schnell wie ein Stein sank: "Rettungsboote hätten auch da nicht genutzt! Es sind nur wieder ganz linke Stimmen, die den Menschen Rettung versprechen wollen, die ja eigentlich geradezu unmöglich war bei dieser Sinkgeschwindigkeit." Auf die Aussage eines deutschen Sozialdemokraten, der kundtat, dass das Titanic-Unglück zeige, wie blind der Fortschrittsglaube mache, urteilt die BILD: "Vaterlandslos waren sie ja schon immer! Und nun auch noch zynisch! Ein Fall für den Staatsanwalt! Hinter Gittern mit solchen Gesellen! Wer stoppt den roten Rxxxx (Anmerkung: Name unleserlich)?"

Nach und nach verging das Interesse am Thema Titanic. Und einige Monate später wurde Ismay rehabilitiert und von der BILD zu "Englands besten Unternehmensdirektor" gekürt. Nun könnte der Leser dieser Zeilen behaupten, dass dies alles schlecht erfunden sei. Erfunden ist so ein Szenario in Anbetracht der BILD-Zeitung aber nie. Wir aber fragen uns: Was hat die Berichterstattung zum Titanic-Unglück seinerzeit den Ertrinkenden und Erfrierenden gebracht? Oder sollte ich fragen, was es gebracht hätte?

14 Kommentare:

Christian Soeder 4. Juni 2008 um 16:41  

Ich mache es kurz: ganz große Klasse. ;)

Marco 7. Juni 2008 um 16:55  

Brillianter Post!

Tobias 9. Juni 2008 um 17:52  

Servus aus Nürnberg,

sehr schön geschrieben - und wahrscheinlich wäre es genauso "passiert".

Das Freiherr von Wagner ist zwar eine deutliche Abwertung jenes Titels, aber wenn Mister Wagner das ein oder andere Briefchen geschrieben hätte - wer würde dran zweifeln - er hätte seinen literarischen und leider auch noch täglichen Müll genau in der beschriebenen Art und Weise in die Welt getragen...

Eine Mini-Mini-Mini Kritik:

Das € Zeichen hinter dem Verkaufspreis .. mit Reichsmark (RM ) bzw. Reichspfennig (Rpf)wäre es noch "stimmiger"...

Aber man ist ja kein Pfennigfuchser .. ;)

Danke und Gruß

Tobias

Harry 9. Juni 2008 um 19:49  

Genialer Post.

Kurzweiliger Stil, kurzweiliges Thema, von hinten bis vorne stimmig und einfach wahr. Habe ich bereits witzig erwähnt?

Schön.

gerrit 10. Juni 2008 um 13:31  

dazu fällt mir das dinosaurier-plakat ein ("achtung meteorit"). ob sich der t-rex noch schnell einen atomschutzbunker gebaut hätte? wer weiß... ;)

Anonym 10. Juni 2008 um 15:52  

Ganz großes Kino. Leider weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll, ob dieser wunderbaren Analogie.

Wolli 11. Juni 2008 um 10:54  

Große Klasse! Es nützt zwar nichts, aber es trifft den Nagel auf den Kopf.

Dirk 11. Juni 2008 um 11:55  

einfach herrlich!

Ich sehne den Tag herbei, an dem das Bildungsniveau der Deutschen ein Level erreicht hat, daß es solche Schmierfinken unmöglich macht, weiterhin ihren Unrat zu verbreiten.

eko 11. Juni 2008 um 13:46  

schön zu lesen. als ich gestern am adam-und-eva-plakat von bild vorbei ging, überlegte ich mir:

Geiler Oben-Ohne-Sommer im Paradies.
Die vollbusige Eva zeigt sich ganz schön keck und versucht den Adam mit einem wohlschmeckenden Apfel zu verführen.
Welcher Mann kann schon dem frechen Früchtchen widerstehen?

Anonym 12. Juni 2008 um 04:45  

Der einzige Trost der bleibt ist, dass die Auflage der BILD noch schneller sinkt als die Titanic...

Anonym 17. Juni 2008 um 22:57  

Das ist ja schon Realsatire ^^
Wenn demnächst ein neues Mega-Schiff geplant wird, dann weiß die BILD ja, wo sie abschreiben kann.

Und zur Ergänzung von tobias' Anmerkung zur Stimmingkeit... EAN-Codes wurden in den siebzigern eingeführt ;)
Aber wer fuchst schon mit den Pfennigen ^^

Anonym 17. Juli 2008 um 12:28  

Applaus!!!!
Wunderbar!

TheIKE 30. September 2008 um 10:22  

treffend, witzig, geil!

Anonym 14. Februar 2011 um 14:53  

Echt witzig, hab mich sehr amüsiert weil man darin typisch Bildsichtweisen und Zitate wiederfindet. Daumen rauf!

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