Auch der Lincoln musst' mal pinkeln

Donnerstag, 7. Februar 2013

Als vor einigen Tagen Steven Spielbergs neuer Streifen Lincoln in die deutschen Kinos kam, berichteten die hiesigen Medien von der Bedeutung Lincolns für die Vereinigten Staaten. Sie zitierten Barack Obama, der meinte, ohne Lincoln wäre er nicht an der Stelle, an der er heute stehe. Sie bemühten nicht nur dessen geistige, sondern auch seine politische Nähe zu Abraham Lincoln und erklärten diesen ins Transzendente gesetzten US-Präsidenten der Bürgerkriegszeit zum Sklavenbefreier. Spielbergs Film zeige, so das cineastisch Feuilleton, dass politischer Mut die Weltgeschichte beeinflussen könne. Manche leiteten kühn ab, dass der Film eine Art Appell an Obama sei, ein leuchtendes Beispiel, in eine wackere Führerschaft hineinzuschlüpfen. Daniel Day-Lewis' (mal wieder) imponierende Darstellung brächte zudem die Stärke dieses Präsidenten sagenhaft auf die Leinwand.

Wenn deutsche Medien so berichten, dann greifen sie die Lobeshymnen eines US-amerikanischen Mythos, eines Heiligen der US-Geschichte auf, der den Abgleich mit der historischen Dokumentation nicht standhält. Lincoln war durchaus kein Abolitionist - für die Wiederherstellung der Einheit der Union brachte er den Norden der zuvor zerbrochenen Vereinigten Staaten gegen den abtrünnigen Süden in Stellung. Selbst erklärte er mehrmals, dass er für die Einheit der Union auch die Sklaverei akzeptieren würde. "Könnte ich die Union erhalten, indem ich alle Sklaven befreite, würde ich es tun; und wenn ich sie erhalten könnte, indem ich einige befreite und einige nicht, ich würde es gleichfalls tun. Alles was ich in Bezug auf die Sklaverei und die farbige Rasse unternehme, tue ich, weil ich glaube, es könnte helfen, die Union zu retten", schrieb Lincoln 1862 in einem Brief. Aber der Süden ließ sich nicht heimholen. Und um die europäischen Großmächte, die fast alle mit dem Süden sympathisierten, die dessen Selbstbestimmungsrecht betonten und dessen Baumwolle beanspruchten, für die Sache des Nordens zu gewinnen, erließ Lincoln eine Verordnung, in der es heiß, dass mit Beginn des Jahres 1863 alle Sklaven in den Rebellenstaaten als freie Leute anzusehen seien. Diese Verordnung galt kurioserweise nicht für loyale Sklavenhalterstaaten, die weiterhin der Union treu waren. So sicherte sich Lincoln auch den Zuspruch Europas und machte den Krieg von einer nationalen Separations- zu einer internationalen Gewissensfrage.

Die Legende verklärte diesen Coup. Später glaubte das kollektive Gedächtnis, Lincoln habe den Krieg primär aus Gründen der Sklavenbefreiung betrieben. Hieraus erwuchs ein Lincoln-Kult, der mit der historischen Wahrheit nicht immer in Einklang zu bringen ist.

Lincoln war ein Mensch. Ein Pragmatiker und Zauderer - ein Politiker. Er war zerrissen zwischen Idealismus und Wirklichkeit, zwischen seiner durchaus vorhandenen Abneigung zur Sklaverei und seiner fanatischen Liebe zur Union. Er war nicht, zu wem ihn der Diskurs macht, zu wem Obama und Spielberg ihn erklären möchten: ein Heiliger. Programme wie es nach der Abschaffung der Sklaverei für die Schwarzen weitergehen könne, hat er nicht entworfen. So gesehen hat sein plötzlicher Tod ihm die Blöße erspart, sich profunder mit der Materie auseinanderzusetzen. Er hat ja nicht mehr gesehen, wie die Freiheit der Schwarzen zu einer Form freiheitlicher Knechtschaft wurde. Wer sagt denn, dass er nicht auch pragmatisch gezaudert hätte, wenn es nach der Abschaffung Diskussionen um Schadensersatz und Entschädigung gegeben hätte? Aus Gründen der Einheit und der Friedenswahrung innerhalb der Union hätte er solche Vorhaben vermutlich ausschlagen und unterdrücken müssen.

Das sind nur Spekulationen. Keine Spekulation ist aber, dass Lincoln fehlbar war, zerrissen und so pragmatisch, dass er zugunsten eines Zieles das Untragbare erhalten hätte. Kurzum, Lincoln wandelte hienieden, er war menschlich und nicht der schon in seiner Epoche erkennbar große Mann. Memento te hominem esse; Bedenke, dass du ein Mensch bist - das musste ihm keiner zuraunen, das war ihm und seinen Zeitgenossen bewusst. Flapsig seine Profanie auf den Punkt gebracht: Auch Lincoln musst' mal pinkeln - so wie alle mal müssen. Der fast schon metaphysische Charakter seiner historischen Erscheinung, der nun mit Spielbergs Film nochmal gesteigert und zu einer symbolhaften Übertragung auf Obama verklärt wird, hat diesem Lincoln-Kult nochmals Auftrieb gegeben und ihn bis ins deutsche Kulturfeuilleton schwappen lassen.

Zugrunde liegt dem ein großer Irrtum, dem sich die klassische Geschichtsschreibung gerne hingibt. Nämlich dass Geschichte vorzugsweise ein Tummelplatz großer oder größenwahnsinniger Männer und neuerdings auch Frauen sei. Mit diesem Hintergedanken bringt man Obama und Lincoln auf einen Nenner. Er möge halt auch einer wie Lincoln werden - der Lincoln, den man sich vorstellt, den es so aber nie gegeben hat. Die Namen aber, die wir im Geschichtsbuch lesen, wären austauschbar. Geschichte ist nicht Galerie von Namen, sie ist Abbild gesellschaftlicher Denkmuster, von Ideologien auf Massenbasis und populären Einflüssen. "Wer baute das siebentorige Theben? / In Büchern stehen die Namen von Königen. / Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?", leitet Bertolt Brecht seine Fragen eines lesenden Arbeiters ein und hinterfragt dabei genau die Art von Geschichtsschreibung, die Lincoln zu einer unantastbaren Gestalt, einer Art Heiliger der USA und der Menschenrechte stilisiert.

Vielleicht ist es die tiefe Sehnsucht nach einen Tribunen von Grandezza, den der amerikanische Mythos Lincoln birgt. Eine Sehnsucht, die es nun auch in Filmbesprechungen und cineastische Kommentare schaffte und die zeigt: Ein Film ist halt eben nur ein Film. Ein auf Unterhaltung programmiertes Medium - auch das hat seine Berechtigung. Er ist nie Kopie von dem, was geschah und was er behandelt. Dass man diesem Prinzip aber auch in sich seriös gebenden Medien folgt und aus einem Film einen Auftrag an Obama destillieren will, ihn mit der vermeintlichen Standhaftigkeit einer seiner Vorgänger triezt, zeigt letztlich nur, wie spielend leicht man heute Fiktion und Wirklichkeit vermengt.



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Im Second Life der Redakteure?

Mittwoch, 6. Februar 2013

Was treibt eigentlich Zeitungen und TV-Anstalten dazu, fast täglich mit dieser Feststellung um sich zu werfen, ganz Deutschland diskutiere über dies oder jenes? Aktuell diskutiere dieses Land nämlich über Sexismus oder über die Frage, was Mann noch darf. Verwechselt man da in aller Bescheidenheit nicht Agenda Setting mit "ganz Deutschland"? Oder ist Deutschland nur noch das, was in den Zeitungen gedruckt und bei Jauch und Maischberger in Sprechhülsen gewickelt wird?

Wenn im Feuilleton, in Kommentarspalten und in einigen Weblogs über ein Thema fabuliert wird, wenn etwaige Fernsehsender ihre Talkmaster auf ein Thema ansetzen, das zuvor ebendort schon abgehandelt wurde, dann soll das schon ein ganzes Land in Diskussion sein? Das muss aber ein kleines Land sein. Oder es haben die, die es unter "ganz Deutschland" schon nicht mehr machen, die sich solche Aufmacher ersinnen, einfach nur ein sehr kleines Wahrnehmungsspektrum. Ist das repräsentativ für ein Land, wenn mögliche 300 Kommentatoren, das vielleicht Fünffache an Bloggern und eine Handvoll Talker mit jeweils vier bis acht Gästen über ein Thema quatscht?

Gehören die Leute im Bus, die neben mir sitzen, gehören meine Kollegen und Nachbarn, all die Eltern im Fußballverein meines Kindes, nicht auch auf irgendeine nicht näher zu definierende Weise zu Deutschland? Komisch nur, dass bislang keiner darüber in meiner Gegenwart diskutiert hat. Selbst der Zeitungsleser im Bus, der seine Zeitung weglegte, just ein Bekannter zustieg, quasselte von Fußballergebnissen und Opel, nicht aber vom Sexismus, obwohl er sicher kurz davor noch davon gelesen hatte - mindestens den übergroßen Bericht zu diesem Thema musste er doch wahrgenommen haben.

Was ist dieses Deutschland, das da als eine Verwaltungseinheit voll gleichgeschalteter Diskussion beschworen wird? Findet es noch im real life statt oder ist es schon völlig in seinen Kommentarspalten und den Denkmustern von Redakteuren und Meinungsmachern aufgegangen? Ist das Agenda Setting der Medien nichts weiter, als die festgesteckte und vorgefertigte Realität, in der dieses Land sich organisiert und diskutiert? Wenn ganz Deutschland diskutiert, wer bedient mich eigentlich beim Bäcker und wer hat neulich die Sparkasse ausgeraubt? Wie finden die Leute nur die Zeit, zwischen all den Diskussionen auch noch etwas Gewerbliches zu machen? Im Seniorenstift, in dem meine Großmutter lebt, scheint mir keine Diskussion zu was auch immer, je heftig entbrennen zu können. Wahrscheinlich liegt es nicht in Deutschland?

Gibt es Deutschland noch oder ist es mittlerweile schon das Second Life von Gazetten und Broadcast? Autosuggestionen irgendwelcher Hauptschriftleiter? Besteht dieses Deutschland nur noch im virtuellen Rundgang und ist bevölkert von Avataren, die sich von Redaktionsstuben aus einloggen? Ist denn überhaupt, man muss diese Frage bei all diesen Disharmonien zwischen Wirklichkeit und Anspruch mal stellen, das gemeinte Deutschland das, in dem auch ich lebe? Oder meint man damit durch die Blume gesagt, dass man gerne hätte, das alle das diskutieren, was gerade eine publizierende Minderheit als diskutabel festschreibt? Ist der verwendete Begriff "Deutschland" vielleicht gar nur eine Metapher für "Kommentarspalten, Kolumnen, Talkshows"?

Die Welt als Wille und Vorstellung? Oder wo ein Wille ist, ist auch eine Diskussion? Ich habe den Namen Brüderle nie im Bus gehört, nie beim Einkaufen, nicht beim Fußball oder unter Kollegen - sie kommen ohne ihn und dem angeblichen Tatbestand seiner Anmache aus. Viele von denen fühlen sich als Teil von Deutschland. Manchmal viel zu sehr für meinen Geschmack. Bekommen sie die deutsche Staatsbürgerschaft moralisch aberkannt, weil sie nicht diskutieren, was sie laut Redaktionen aber sollten? Und ist die Aussage am Schanktisch, "Haste das vom Brüderle gehört - je oller, je doller!" schon Diskussion? Definiert sich dieses Deutschland durch einen Diskussionspatriotismus, mittels dem Diskussion an Diskussion gereiht wird?

Ich habe gestern, obgleich ich in Deutschland war, keinen Gedanken an das Thema verschwendet, an dem ganz Deutschland gerade kaut. Bin ich noch in diesem Land oder ist es bereits weitergezogen? Habe ich mich aus dem Second Life, das Redaktionen wahrscheinlich mit der Wirklichkeit verwechseln, ausgeloggt? Haben sich die Menschen meines Umfeldes zur autonomen Region erklärt, weil sie offensichtlich nicht diskutieren?



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De dicto

Dienstag, 5. Februar 2013

"Deutsche Richter haben für vieles Verständnis:
Für Kinderschänder, die selbst angeblich eine schwere Kindheit hatten.
Oder für U-Bahn-Schläger, die im Vollrausch Menschen ins Koma geprügelt haben.
Rentner Heinz F. (85) aus Baden-Württemberg hoffte vergeblich auf Milde. Er muss 30 Monate ins Gefängnis.
Sein Verbrechen? Nach 58 Jahren Ehe tötete er seine schwer demenzkranke Ehefrau (84), weil sie ihn darum gebeten hatte.
[...]
Warum gibt es bei Gerichten volles Verständnis für Vollrausch – aber kein Verständnis für Liebe?"
- Christian Stenzel, BILD-Zeitung vom 1. Februar 2013 -
Zum Gesagten sei angemerkt: Was man hier zu lesen vorgesetzt bekommt, ist der übliche Sermon des Konservatismus, wonach die Rechtssprechung in dieser dem Linksruck unterworfenen Demokratie zuweilen zu lasch sei. Er suggeriert, dass in diesem Land der nachsichtigen Richter der sexuelle Missbrauch an Kindern geduldet und schwere Körperverletzung entschuldigt würde - und findet nebenher, dass zweieinhalb Jahre Gefängnis eine sehr schwere Strafe für die Tötung eines Menschen sei, wenn man denn aus Zuneigung tötete. Die U-Bahn-Schläger, auf die Stenzel anspielt, hatten jedoch vor mehr als einem Jahr Haftstrafen zwischen vier und sechs Jahren erhalten - eine höheres Strafmaß als der Rentner, ohne je getötet zu haben. Verfolgt man die Berichte in den Medien, so stellt man Haftstrafen zwischen fünf und zwölf Jahren für Sexualstraftäter fest, die sich an Kindern oder Jugendlichen vergriffen haben. Tötet ein solcher Täter seine Opfer zudem, ist die Sicherheitsverwahrung nach lebenslänglicher Haftdauer der Regelfall. Auch hier kann sicherlich nicht von zu viel Rücksichtnahme gesprochen werden.

Natürlich spricht Stenzel da ein dumpfes Grollen innerhalb der bürgerlichen Sphäre an. Til Schweiger wollte Sexualstraftätern mal die Bürgerrechte entzogen sehen, Frau Guttenberg verschwisterte sich mit einem Leib- und Brüstesender, um durch Verführung zur Straftat Tätern habhaft zu werden - und um hernach die Rechtssprechung zu schelten, die diese Art von Beweisführung gerichtlich nicht verwenden wollte. Zwölf Jahre Haft für den sexuellen Missbrauch eines Kindes ist für diese Leute nicht genug. Zwischen lebenslänglicher Kerkerhaft und Todesstrafe liegen die Forderungen üblicherweise. Für diese Leute ist wie für Stenzel auch, die Rechtssprechung in diesem Lande eine geradezu lauschige Veranstaltung, die Institution einer Täterschutzgesellschaft. Dieser Unsinn dient dazu, die Stimmen nach einer harten Hand, nach erbarmungsloser Ahndung zu fördern und die Abschaffung resozialisierenden Gedankenguts zu postulieren.

Dafür ist kein Mittel zu blöd. Jetzt ist es das verwirrende Beispiel eines Rentners, der seine demente Frau tötete und dafür viel zu hart bestraft wurde. Ist denn die Tötung, selbst wenn sie auf Wunsch erfolgte, keine Straftat mehr? Hat die Tat Freispruch verdient? Und Ungereimtheiten: Wie war es der "schwer demenzkranken Ehefrau" möglich, ihren Tod zu erbitten? Hat sie das vorher schon mal als Bitte geäußert? Und was zählt ein solcher Wunsch von gestern im Heute? Stenzel fragt verlogen: "Sein Verbrechen?" - und nennt dann die Tat. Soll diese rhetorische Frage suggerieren, dass das Verbrechen gar kein Verbrechen sei? Dass Sterbehilfe plötzlich moralisch legal ist? Wie sähe denn eine Gesellschaft aus, in der jeder nach Gutdünken, ohne notarielle und ärztliche Aufsicht, sterbehelfen dürfte? Und dann die Liebe, die er als Motiv bemüht. Natürlich kann es Zuneigung und Mitleid gewesen sein. Spielt bei so einer Entscheidung aber nicht stets auch ein egoistischer Impuls mit, die Befreiung von Sorge und Pflege? Und die Leere natürlich. Keine Kraft mehr zu haben, ausgebrannt zu sein, desillusioniert - auch das wären noch weitere Motive. Und überhaupt scheint Stenzel ein Lebensgefühl anzusprechen, das kein Problem damit zu haben scheint, lästiges und zeitraubendes Leben vorzeitig dem Tode zu übergeben - hier tickt eine Ökonomie der Nützlichkeit.

Stenzel macht es sich da schon ganz einfach - aber so einfach muss es wohl sein, wenn man belegen will, dass in diesem Staat das Verbrechen wohlgelitten ist, während die Tötung aus mitmenschlicher Güte heraus, gnadenlos bestraft würde, dass also immer die Falschen bestraft würden, während die Richtigen davonkämen. Zu dem Zwecke eine rigide Haltung und gnadenlose Bestrafung in die Rechtssprechung zu diktieren, ist jedes Mittel recht und billig. Auch die dreiste Lüge, dass in diesen Gefilden die reine Nächstenliebe den Straftäter in seine Arme schließt. Aber wer natürlich Lebenslänglich noch für zu kurz hält, der glaubt diesen Unsinn vermutlich wirklich.



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Quantitätsjournalismus

Montag, 4. Februar 2013

Spiegel Online berichtet: So erweise sich etwa das Kindergeld als "wenig effektiv". Das Ehegattensplitting sei "ziemlich unwirksam". Und die beitragsfreie Mitversicherung vom Ehepartner in der gesetzliche Krankenversicherung nennen die Gutachter sogar "besonders unwirksam".
Stern.de meint hingegen: Das Kindergeld erweise sich demnach als "wenig effektiv" [...] Das Ehegattensplitting sei "ziemlich unwirksam", die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern in der gesetzlichen Krankenversicherung sogar "besonders unwirksam".
Und der Focus Online geht noch weiter: Das Kindergeld erweise sich demnach als „wenig effektiv“ [...] Das Ehegattensplitting sei „ziemlich unwirksam“, die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern in der gesetzlichen Krankenversicherung sogar „besonders unwirksam“.

Diese Ausdrucksvielfalt bestätigt: Man weiß eigentlich kaum etwas über den Inhalt dieser Regierungsstudie. Nicht über die Zusammensetzung des Gutachterkreises und vermutlich noch weniger vom "vernichtenden Zeugnis", das ebenfalls alle Medien exakt so wiederholen.

Warum glaubt man eigentlich, es sei in irgendeiner Weise berichtenwert, etwas zu einer Studie zu veröffentlichen, die noch gar nicht veröffentlicht ist und daher auch keinen Überblick über die wirklichen Resultate erlaubt? Was soll das heißen, wenn man sagt, das Kindergeld sei "wenig effektiv"? Im Bezug auf was? Auf verkaufte Strampler? Oder auf das Wetter im Rheingau? Inwiefern ist das Ehegattensplitting "ziemlich unwirksam"? Schlafen gesplittete Ehegatten seltener miteinander und minimieren damit die Fruchtbarkeitsziffer? Und die Mitversicherung beim Ehepartner, die "sogar besonders unwirksam" sei? Aber wenn man als Ehepartner zum Arzt geht, dann wird doch die Mitversicherung sogar sehr wirksam - wie kann sie da jetzt unwirksam genannt werden?

Man weiß also nichts, schreibt aber dazu und tyrannisiert nebenher noch Fernsehzuschauer und Radiohörer mit stündlichen oder halbstündlichen Meldungen, die sich übrigens exakt wie die Berichte von Spiegelsternfocus anhören. Und weil das noch nicht reicht, skandieren einige Politiker gleich lauthals "Prüfstand", auch wenn sie nicht mehr wissen, als alle anderen. Was dem pawlowschen Hund sein Glöckchen, ist dem Steinbrück und einigen Liberalen sein "wenig effektiv", "ziemlich unwirksam" und "sogar besonders unwirksam".

Und während man so gar nichts Genaues weiß, soll der beabsichtigte Prüfstand vielleicht all diese Familienleistungen verschlanken. Vielleicht ist das Kindergeld aber doch so "wenig effektiv", weil es so niedrig ist oder die Mitversicherung der Ehepartner so "besonders unwirksam", weil man erst verheiratet sein muss, um in den Genuss der Mitversicherung zu geraten. Man könnte halt alles hineinspekulieren, wenn man nur möchte und wenn man nicht weiß, wie sich zwischen Tür und Angel vermittelte Urteile herleiten.

Ein entschleunigter Journalismus, der auch mal sensationelle Zwischenrufe aus Gutachterkreise ignorierte, wenn sie denn wenig substanziell sind, könnte Klarheiten schaffen. Diese hier gezeigte Qualität journalistischer Arbeit aber schafft nur eine Quantität an Gegenteil dessen.



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Minimal Moralia

oder Reflexe aus der schädlichen Lehre.

Du sollst nicht! ist der Appell derer, die das neoliberale Konzept, das darin enthaltene Menschen- und Gesellschaftsbild, für mit warmen Worten reformierbar halten. Vor einigen Wochen forderte der Bundespräsident in theologisch verquaster Manieriertheit die "Zivilisierung der Gier" und einen "aufgeklärten Kapitalismus". In einem durchderegulierten System ist aber mit Anstand nicht zu rechnen. Nun hat kürzlich auch die Arbeitsministerin zu besserem Benehmen aufgerufen und Arbeitgeber wie auch die Gewerkschaften aufgefordert, den allgemeinen Stress an Arbeitsplätzen zu bekämpfen.

Da in den letzten 15 Jahren die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen um 80 Prozent zugenommen haben, sehe sie nun Handlungsbedarf. Wiewohl sie erklärte, dass Arbeitgeber heute schon dazu verpflichtet seien, Vorbeugung zu betreiben. Wie so eine Vorbeugung in einem Klima aus Leistungs-, Kosten- und Arbeitsplatzdruck aussieht, blieb natürlich offen.

Denn das ist ja die Crux. Da ruft jemand zur Zivilisierung des Stress auf und betreibt munter seit Jahren eine Politik, die Stress verursacht. Hengsbach macht in seinem aktuellen Buch deutlich, wie die Finanzbranche auf die Beschleunigung des Alltages eingewirkt hat und eine Wechselwirkung einging. Beschleunigung meint hier nicht nur zeitlich, sondern auch den inneren Takt eines jeden Menschen, der dem repressiven Klima einer Ökonomie unterworfen wird, in dem er Humankapital, Konsument und Kostenfaktor zu sein hat, in dem er Stress im Beruf, Stress auf dem langen Weg zum Beruf und Stress im Home Office oder beim Einreichen des Antrages auf Aufstockung bei der Behörde erfährt. Einfach mal mit dem Finger schnippen und Entschleunigung und damit Entstressung gerade dort zu verlangen, wo sie als Bestandteil der neoliberalen Ökonomie gar nicht gewollt werden, ist schon ein Meisterstück an moralingetränkter Du sollst nicht!-Mentalität.

Der Stress und die psychische Belastung derjenigen, die keinen Arbeitsplatz haben und finden, ist dabei noch gar nicht erfasst. Sie generieren ja keine Fehltage am Arbeitsplatz, weshalb deren psychische Belastung vermutlich nur als Randnotiz und nutzloser Kostenfaktor eingestuft wird.

Wollte man tatsächlich den Stress aus den Betrieben bannen, so müsste in erster Instanz die Abhängigkeit der Politik von der Wirtschaft und speziell von der Finanzindustrie aufgelöst werden. Sämtliche Deregulierungen am Arbeitsmarkt, die Druck auf Belegschaften ausüben, weil sie Arbeitsplätze unsicher machen, Lohndruck erzeugen und eine Leistungsbereitschaft abverlangen, die auf Dauer nicht durchzuhalten ist, hätten von der Arbeitgeberlastigkeit abzurücken. Man müsste sich einer Ökonomie, die die Bedürfnisse der Menschen befriedigt und nicht Menschenmaterial als ihr Bedürfnis sieht, durch eine Stärkung des Primats der Politik, annähern.

Stattdessen tut die Ministerin eher das Gegenteil. Sie rügt Arbeitslose und spekulierte auch schon darüber, ob Hartz IV nicht zu verschärfen sei und setzt damit auch die Beschäftigten unter Druck. Die immer wieder aufkeimenden Debatten um die weitere Lockerung oder Beseitigung des Kündigungsschutzes kommentiert sie gar nicht. Sie gibt stattdessen warme Empfehlungen, das Handy nach Feierabend auch mal aus zu lassen, um für den Arbeitgeber mal nicht erreichbar zu sein. Eine mögliche gesetzliche Handhabe für Arbeitnehmer, deren Arbeits- und Freizeit aufgrund von Betriebsinteressen zusammengelegt werden, möchte sie aber offensichtlich nicht schaffen. Und zum Mindestlohn, der manche prekäre Existenz entstressen könnte, äußert sie sich gleichfalls nicht. Geringfügige Beschäftigung, Ausbund an Stress aufgrund fehlender sozialer Absicherung und weil Minijobber wegen niedriger Arbeitszeiten vom Betrieb höhere Taktzahlen vorgeschrieben bekommen, wurde unter ihrer Ägide ausgebaut. Kurzum: Die Zusammenhänge einer Beschleunigungswirtschaft und all der daraus erzielten gesellschaftlichen Stressfaktoren, scheinen ihr vermutlich nicht mal bewusst zu sein.

Aber wenn man sonst schon nichts Substanzielles dagegen tut, bleibt doch miminal die Moralia. Irgendwelche Reflexe einer schädlichen Lehre, die in den Köpfen derer spukt, die Entscheidungsgewalt hätten, wenn man dem Grundgesetz Glauben schenken darf. Doch die ergießen sich lieber in lauwarmen Reden und Empfehlungen, sind eben minimal ein bisschen moralisch, tunken die Verkrämerung des Alltagslebens mit Moralinbäuschen auf. Du sollst nicht! oder wahlweise Du sollst! sind die letzten Affekte einer Politik, die nur noch als eine Art Priesterkaste hinter der profanen Macht der Wirtschaft fungiert, die Legitimationslehren entwirft und jeglichen Handlungsspielraum an andere abkommandiert. In einem deregulierten System zur Einsicht aufzufordern ist nichts weiter als die Rolle einer Form von Lebensberatung eingenommen zu haben.

Minimal Moralia ist letztlich der Leitgedanke hinter postdemokratischer Politik. Als moralische Instanz darf sie wirken - gestalterisch ist sie nur, wenn es der Ökonomie dient - eigene Ziele und Absichten hegt sie nicht. Rahmenbedingungen schaffen! war vor Jahren das passende Schlagwort der Stunde dazu. Rahmenbedingungen schaffen und sonst nichts. Als habe Politik keine eigene Motivation zu haben, sondern nur rechte Hand der Wirtschaft zu sein. Die Arbeitsministerin, die laut Pressemeldungen Handlungsbedarf sieht, handelt jedoch gar nicht. Sie versteht ihre Politik nicht als Durchsetzung gesellschaftlicher Interessen und zielt nicht auf die Verbesserung des sozialen Miteinanders ab, sondern gibt sich als unverbindliche Beratungsstelle, verteilt Empfehlungen und macht kontemplativ in Moral, wo aktiv Taten nötig wären.



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Brüderle und Schwesterle im Geiste

Freitag, 1. Februar 2013

Da gibt es einen wilhelminisch gebarteten Fernsehkoch. Der tätschelt seinen Kandidatinnen gerne mal das Lendchen, macht anzügliche Bemerkungen über potenzielle Schäferstündchen nach der Sendung und ist ihnen nur im Brustbereich auf Augenhöhe. Indes ein rauschgoldengelgelockter Moderationsgreis an Samstagabenden seinen weiblichen Gästen talkend an die Schenkel griff, keine Chance ausließ, um auf Tuchfühlung zu gehen und stets durchschimmern ließ, dass er mehr Nähe zu "... einer schönen Frau wie Du es bist" (so sein vielmaliger O-Ton) wünsche. Dieses widerliche Verhalten geschah und geschieht vor aller Augen und erntet Applaus, erhält Lacher, findet man irgendwie galant und niedlich und unterhaltsam.

Ob das alles gleich sexistisch ist, kann hier nicht grundlegend geklärt werden. Es ist jedenfalls schon lächerlich, dieses zweideutige Palaver und dieses unbeholfene Gefingere als Beleg für eine Machogesellschaft, eine Sozietät des Sexismus herzunehmen. Da gibt dieser gelbstichige Fraktionsvorsitzende den angegrauten Galan, beehrt mit verbrauchten Altmännercharme und prompt hockt die Schwarzer beim Jauch und gibt die Sexismus-Präventionshelferin.

Ja ja, den Brüderle haben sie also bei jenem öffentlich-rechtlichen Sender als Thema politischen Talks gefunden, in denen Köche und Moderatoren mit exakt demselben Verhalten punkten und als Garanten von Quote galten und gelten. Diese Herren spielen in einer Liga mit dem Vorsitzenden der FDP-Bundestagsfraktion, sie sind ihm Brüderle im Geiste. Wenn aber der Koch grapscht, dass alle Lichter ausgehen, dann gilt das als onkelig und das Publikum findet seinen frechen Charme einfach umwerfend. Dem besagten Moderatoren sagte man einen gottgleichen Schalk nach, der immer dann aufblitzte, wenn er die Weiblichkeit nach allen Regeln des Doktorspiels auf seiner Couch befühlte.

Dieses als Sexismus bezeichnete Lebensgefühl einiger angejahrter Männer ist ganz sicher nicht das Bild des Mannes schlechthin. Und es ist ja nicht mal auf den Mann alleine zu münzen. Wenn diese oben genannten Figuren ihr abgestandenes Getatsche mit peinlichen Sprüchen von zivilisatorisch domestizierter Notgeilheit garnieren, dann prustet ja nicht nur triebhaftes Mannesvolk, sondern ein ganzes Publikum, mit allem was darin so an Geschlechtern sitzt, findet das ja lustig und unterhaltsam. Ach, was ist der Koch heute wieder ulkig! Und man könnte noch weitergehen und den Teil der Frauenwelt heranziehen, der sich gegenseitig berät, der untereinander empfiehlt, sich nett anzuziehen, um irgendeinem Mann aus irgendeinem Grund zu gefallen. Ist das nicht auch irgendwie sexistisch? Wenn so ein Brüderle im Geiste meint, ein Dirndl würde gut passen, dann ist diese genierliche Zote eines greisen Feuchttraums schon Sexismus. Wenn Frauen sich jedoch raten, ein Dirndl obenrum stattlich auszufüllen, das Holz anständig vor der Hüttn zu stapeln, um der Männerwelt ein Stimulus zu sein, dann ist das hingegen kein Sexismus. Keiner gegen das eigene Geschlecht gerichtet und keiner gegen das andere.

Das, was wir hier Sexismus nennen, ist nicht die Nische altbackener Kerle, die ihren Altherrenwitz als eine Form antiquierter Galanterie mit in diese Zeit genommen haben. Es ist ein Lebensgefühl, eine gesamtgesellschaftliche Gemütsstimmung, ein anzüglicher Konsens. Wenn man für die Unterhaltung tätschelt und Süßholz raspelt, dann nennt sich das Flirt oder Lockerheit. Und Männer für generell so beschränkt zu halten, schon beim Anblick enger Oberteile mit einer durch Blutzufuhr entstandenen Enge in der Jeans zu reagieren, ist nicht mal mehr sexistisch - das nennt man heute arrogant einfach ein Abbild der Wirklichkeit.

Denn bei Jauch ist man natürlich gleich bei der Sache gewesen. Aus dem abgeschmackten Herrenulk wurde gleich die allumfassende Sexismus-Debatte destilliert. Jetzt ging es nicht mehr nur um halblahme Anmachen und um altherrliche Poeme eines provinziellen Bonvivants - jetzt war der ganz große Sex thematisch zu schlachten. Frauen berichteten davon, wie die Männerwelt sie eindeutig mit Zweideutigkeiten zum Sexobjekt degradiere, wie sie angefingert und angefasst werden und wir immer noch in einem Land geifernde Lüstlinge lebten. Das Morgenmagazin legte tagsdrauf nach, fragte Passantinnen nach Sexismus-Definitionen. Wenn mir ein Mann ein schlechtes Gefühl vermittelt, ist das Sexismus, sagte da eine der Damen tatsächlich. So kann jeder Kerl zum Sexisten werden. Nochmal einen Tag später präsentiert dieses Morgenmagazin einen verkappten Reporter, der den Sexismus-Test machte. Dabei ging er in eine Boutique, ließ sich erst beraten und fragte die Verkäuferin dann, ob sie einen Kaffee mit ihm trinken gehe. Oho, dreister Sexismus du, was trinkst du gerne Kaffee!

Aber wenn mal wieder in einer Küchenschlacht der Kaiser-Wilhelm-Bart irgendeine "meine liebe Erika, wie wär's mit uns beiden" (so sein vielmaliger O-Ton, Name austauschbar) abschlabbert, ihr an die Filetstücke tastet und sie zu einem Stündchen hinter den Kulissen anschäkert, dann kann man mit dieser Peinlichkeit gesellschaftlich durchaus leben. Ebenso wie mit jenem Bericht im Morgenmagazin, der gleich nach dem Sexismus-Reporter ausgestrahlt wurde. Darin waren des Bahnradlers Robert Foersters Oberschenkel zentraler Punkt, ein ganzer Kerl sei das und aus dem Off tönten Salt 'n' Pepa und En Vogue mit ihrer Coverversion von What a Man. Das aber ist lediglich flapsige Berichterstattung ...

Diese Zeilen wollen Brüderles gebrechliche Galanterie, diesen Ausbund an gönnerhafter Konzilianz und herabschauender Arroganz, gar nicht beschönigen. Diese Unart, mit der er und einige seiner Brüderle (und Schwesterle) im Geiste, jeder Frau als Kompliment einen Abklatsch von Brunftgehabe und Avancen auftragen, ist peinlich und würdelos. Beschämend und unanständig - mehr allerdings schon nicht. Und andersherum ist es nicht minder blamabel, wenn Frauen à la Sex and the City Männer bewerten und männliche Geschlechtsteile im Geiste vermessen. Es hätte ja gereicht von Peinlichkeit und Fremdscham zu sprechen - aber nein, es muss ja immer gleich der ganz große Coup her; unter dem Label Sexismus machen wir es gesellschaftlich nicht mehr, wenn wir von peinlicher Anmache sprechen.



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Nomen non est omen

Donnerstag, 31. Januar 2013

Heute: Druck

Ein Gastbeitrag von Markus Vollack.
"Innenminister Friedrich macht Druck auf Asylbewerber aus sicheren Ländern."
- Spiegel Online vom 25. Oktober 2012 -
Als Druck bezeichnet man eine physikalische Größe, die Kraft auf ein Objekt verrichtet. Synonyme für Druck sind Stress, Zwang, Gewalt, Wucht, Spannung und Härte. "Unter Druck stehen" meint, unter dem Zustand einer großen inneren Anspannung zu leiden. In der Politik wird oft und gerne Druck, das heisst Gewalt, auf bestimmte Gruppen ausgeübt.

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Reaktionen einer Kanzlerin

Mit der potenziellen rot-grünen Koalition in Niedersachsen hat sich das Kräfteverhältnis im Bundesrat verschoben. Manche Journalisten verstiegen sich daher sogar zu der Aussage, dass es für Kanzlerin Merkel schwerer würde zu regieren. Dies scheint ein weit verbreiteter Schreibfehler oder Versprecher zu sein, denn in diesem Satz fehlt ein A. Von der linken Mehrheit im Bundesrat, die nun einige Journalisten zu sehen glauben, wollen wir hier gar nicht erst sprechen.

She's in the middle of a chain reaction

Merkel regiert nicht. Sie reagiert. Ein Buchstabe vermag manchmal über Wahrheit und Hirngespinst zu scheiden. Regere meinte im engeren Sinne lenken oder leiten. Aber sie ist weder Lenkerin noch Leiterin. Sie ist die Reactio in persona, sie reagiert, wenn sie Impulse aus der Finanzwirtschaft erhält und setzt um, was in etwaigen Vorstandsbüros beschlossen und dem politischen Personal mitgeteilt wird. Dieses Europa nach neoliberalen Prinzipien ist die von ihr gezeigte Reaktion auf Instruktionen. Jede weitere Sparmaßnahme gehört zur in Kauf genommenen Kettenreaktion der vielen Order von ganz oben, von den Bankstern und Finanzkonzernen, die man gemeinhin als den Markt bezeichnet.

Die Regierung Merkel ist eine Schimäre. Sie ist die Reaktion auf eingeflüsterte und mittlerweile eingepflanzte Mantras einer Ökonomie, die sich selbst als alternativlos geriert. Merkel regiert doch nicht - sie ist die Reaktion der Märkte, der reaktive Stoff, das die 0,1 Prozent umhüllende Reagenzglas. Nennt man es Regierung, wenn das Primat der Politik mit Bankern ausdiskutiert werden muss, wenn jede ökonomische Entscheidung auf die Kompatibilität mit den Märkten geprüft wird? Regiert man, wenn man pflichtschuldig Sozialabbau betreibt, Mehrwertsteuererhöhungen plant und vorauseilend den Wettbewerbsstaat ausruft, um den finanzindustriellen Größenwahn zu besänftigen? Ist es Regierung, wenn man die Marktrisiken der Finanzkonzerne sozialisiert und deren Gewinne privatisiert? Kann man von Regieren sprechen, wenn man Einflüsterungen wie solchen, man möge die Gesellschaft durchprivatisieren, erliegt und damit die Allgemeinheit schächtet?

Wer A nicht sagt...

Zitate wie jene, Merkel würde das Regieren erschwert, zeugen von Schönfärberei, von einem Interesse daran, sie als die Richtlinienkompetenz einer Politik zu stilisieren, die verheimlichend Armut erzeugt und diese Armut hinter Hochglanzbroschüren voller Selbstlob versteckt. Die Richtlinien gibt die amtierende Kanzlerin nicht vor - die werden in der Privatwirtschaft entworfen. Als Merkel noch durchregieren konnte, war das nicht anders. Auch da reagierte sie nur durch. Sie sitzt keiner Regierung vor, sie ist Kopf einer Reagierung - einer Abreagierung großmannssüchtiger Affekte ihrer spritiual leader. Von einer Regierung zu sprechen heißt demnach, am potemkinschen Dorf nicht zu rütteln. Wer das A nicht sagt und regieren statt reagieren begrifflich nutzt, der hat die Substanz dieser postdemokratischen Republik noch nicht durchdrungen. In der gibt es kein politisches Primat mehr, sondern nur noch politische Primaten. Das verschluckte A ist die Tünche für eine demokratische Kultur, in der Entscheidungskompetenz mehr und mehr in die Privatwirtschaft delegiert wird.

Ein A - es ist bloß dieses A an dem es mangelt. Nur dieses eine A fehlt bis zur Abbildung der Realität. Ob sie gegen die linke Mehrheit im Bundesrat durchreagieren kann? Welche linke Mehrheit? An dieser Behauptung fehlt wiederum so viel mehr als nur ein A ...



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Mächtig ergriffen

Mittwoch, 30. Januar 2013

oder Der Machtergreifung gedenken und die Machtergreifung betreiben.

Vor exakt achtzig Jahren haben sie ihn eingerahmt, ihn sich engagiert. Die übliche Tour des Konservatismus, den Pakt mit der Teufelei als etwas hinzustellen, das hochvernünftig und alternativlos sei. Das Teuflische hat sich seither verändert - die konservativen Gesichter auch. Die Masche ist aber irgendwie immer dieselbe.

Mächtig ergriffen sind sie am heutigen Tage. Auf den Tag genau achtzig Jahre ist es nun her, dass die Demokratie zu Weimar endgültig erlegen ist. Und gleichzeitig steht die Demokratie heute am Scheideweg, weswegen die im Gedenken schwelgenden Funktionseliten dieser Republik allerdings weniger ergriffen sind. Sie rufen Nie wieder! und schon wieder gibt es eine Gefahr, die man als alternativlos und hochvernünftig hinstellt. Eine ohne Fliegenschissbart und ohne Zuhälterfrisur. In einem Zeitalter, da alles auf Hochglanz gedruckt, in dem alles mit steriler Politur bepinselt, in der aalglatte Flächen, weiche Brüche und manierierte Kantenlosigkeit sowohl architektonisches als auch gesellschaftliches Renomée besitzen, sehen auch Gewaltmenschen ansprechender aus.

Machtergreifung nannten die Machtergreifer selbst ihren für damalige Verhältnisse legalen Aufstieg. "... alles ging streng "legal" vor sich, mit Mitteln, die durchaus in der Verfassung vorgesehen waren, "Notverordnungen" des Reichspräsidenten zunächst und schließlich einem Beschluß, die unbeschränkte Gesetzgebungsgewalt auf die Regierung zu übertragen, gefaßt von einer Zweidrittelmehrheit des Reichstages, wie sie für Verfassungsänderungen vorgesehen war", schrieb Sebastian Haffner dazu in seiner Geschichte eines Deutschen. Die heute gefährdete Demokratie wird nicht zum Opfer von illegalen Bestrebungen, sondern von legalisierten Zuständen. Auch sie ergreifen die Macht nicht, sie bekommen sie garantiert, gesetzlich zugeschustert - man rahmt die Marktradikalität ein, engagiert sie sich.

Der Vergleich hinkt natürlich. Muss er. Kaum etwas ist in der Geschichte vergleichbar. Man kann, wenn man genau sein will, nichts miteinander vergleichen. Alles Äpfel und Birnen und noch so viel anderes Obst mehr. Nichtsdestotrotz gibt es immer einzelne Positionen, die sich etwas gleichen, die Licht und Schatten auf das werfen, was sich aktuell ereignet. Marx täuschte sich, als er irgendwo bemerkte, dass sich "weltgeschichtliche Thatsachen und Personen" einmal "als große Tragödie" und ein zweites Mal "als lumpige Farce" ereignen würden. Richtiger wäre die Feststellung gewesen, dass sich Geschichte immer als Tragödie scheinwiederhole - und gelegentlich auch mehr als zwei Mal.

Unsere zeitgenössische Tragödie ist keine, die mit hasserfüllter Stimme spricht; keine, die von jetzt auf gleich ermächtigt wird; keine, die eine Führergestalt benötigt. Aber sie ist gleichwohl tragisch für viele Menschen. Und die Ermächtigungsarbeit, die Legalität als Mittel zur gesellschaftlichen Verankerung der Ideologie, aber auch die Exklusionsbestrebungen für einen Teil der Gesellschaft, machen einen dergestalt hinkenden Vergleich doch wieder zu einer gerechtfertigten Sache.

In einer Machtergreifung leben wir seit Jahren, vielleicht Jahrzehnten. Das Primat der Politik schwindet zusehends. Bundestagsabgeordnete sind mit Diäten bezahlte Angestellte der Privatwirtschaft; Regierungen sind der verlängerte Arm von Konzernen. Die Finanzindustrie und die Lobbyverbände allerlei Sorten griffen nach der Macht und halten sie seither schön fest - bloß geben sie es nicht zu. Wir befinden uns in einer Situation nach der Demokratie. Was uns blieb sind Demokratierituale, parlamentarisches Brauchtum und eine pseudopartizipierende Liturgie. Täglich leben wir mehr in Zeiten der Machtergreifung. Diese Ökonomie der Eliten will ihre Macht in Schulen, in Behörden und im Arbeits- und Sozialwesen etablieren und hat sie teils schon dort eingepasst und verschweißt.

Machtergreifung ist dauernd. Und heute denken wir mal an eine. Wir leben im Rückblick und verlieren unsere Gegenwart aus den Augen. Rückwärts immer, vorwärts nimmer. Natürlich ist die Rückschau existenziell. Man muss seine Vergangenheit kennen, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Binsensprüche natürlich - aber zutreffende. Wenn die Vergangenheit allerdings nur dazu dient, die gegenwärtigen Prozesse zu übertünchen, dann wird es verwerflich. An die eine Machtergreifung gedenken und die amtierende Machtergreifung betreiben ist eine Sauerei. Aber genau so läuft es immer. Vor Jahren betrieb man eine Art journalistisch angeleiteten Gesinnungs-Pogrom gegen Arbeitslose - danach war die Genetik der Araber dran - und im Bundestag repetierten sie am Holocaust-Gedenktag Nie wieder! Nie wieder! Diese Verlogenheit nennt man Verantwortung vor der Geschichte.

Auch so ein Vergleich verschiedener Obstsorten - aber er hat seine Berechtigung, denn einst nährte man erst ein Klima, dann kam es zur allgemeinen Stimmung, zum Befürworten und Wegschauen, dann zur Exklusion und später zum bis dahin Undenkbaren. Das Undenkbare war nicht einfach so in die Gesellschaft getreten, sondern vorbereitet worden. Nie wieder! appellieren und gleichzeitig die Vorbereitungen ungestraft und ungesühnt lassen, ist schon ein sehr perverser Gebrauch von Rückschauhalten. Ähnlich ist es nun bei der Machtergreifungschose.

Es gibt einen Stichtag zum damaligen Antritt der Dunkelheit. Eben dieser 30. Januar 1933 - in sechzig, achtzig oder hundert Jahren wird es an einen Stichtag mangeln. Die Machtergreifung der neoliberalen Ökonomie in jeden noch so banalen Lebensbereich, die Durchdringung der Lebensrealität mit Krämerjargon und einem unhaltbar biologistischen Menschenbild - all das wird nicht auf einen Tag gelegt werden können. Zu schleichend war der Prozess, zu still, zu abseits von den lauten Kanälen. Aber klar wird es dennoch immer mehr: Sie haben die Macht ergriffen. Ohne Notstandsgesetze durch den Bundestag beschlossen, dafür mit eingeflüsterten Notstandswarnungen in Hinterzimmern.

Zynisch gesagt: Man hat aus der Geschichte doch etwas hinzugelernt - nicht die Gesellschaft hat gelernt, nur die, die die Macht ergreifen wollen, haben ihre Lehren daraus gezogen und ergreifen die Macht nun effektiver als alle Machtergreifer vor ihnen.



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Sit venia verbo

Dienstag, 29. Januar 2013

"Der Mensch will von Natur nicht Geld und mehr Geld verdienen, sondern einfach leben, so leben, wie er zu leben gewohnt ist, und so viel zu erwerben, wie dazu erforderlich ist."

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Diese Zeit reißt viele Wunden

Montag, 28. Januar 2013

Quelle: Westend Verlag
Die Finanzbranche und speziell der Hochfrequenzmarkt haben die Kontrolle über Unternehmen an sich gerissen, daraufhin zur Steigerung des kurzfristigen Renditedenkens beigetragen, das nichts weiter als ein Kontrollinstrument ist, die Arbeit entregelt, die solidarische Sicherung zerstört und die Normalarbeitszeit quasi abgeschafft und somit die Privatsphäre der Menschen durchlöchert und treiben in letzter Instanz die Privathaushalte vor sich her. So jedenfalls lautet in nuce die These Friedhelm Hengsbachs zur Beschleunigungsgesellschaft. Ähnlich hatte es der ehemalige US-Arbeitsminister Robert Reich schon vor einigen Jahren formuliert. Für ihn waren die neuen Kommunikationstechnologien, die Zeitersparnis für jedermann versprachen und auch hielten, gleichermaßen auch Antreiber nicht nur marktimmanenter Prozesse, sondern hetzten als Impulsgeber letztlich auch die gesamte Gesellschaft vor sich her. Reich nannte das die Geburtsstunde eines Superkapitalismus, der nicht zuletzt auch die Demokratie gefährde. Hengsbach sieht das ganz ähnlich und fordert eine Rückkehr zur Gerechtigkeitsfrage.

In Die Zeit gehört uns analysiert Hengsbach das Phänomen Zeit und den Umgang mit ihr im Neoliberalismus. Er tut das als Ethiker, Soziologe und Philosoph.

Normierte Zeiteinteilungen und Handlungssequenzen waren stets zur Verfestigung der elitären Machtsphäre gedacht. Wie die Zeit zu ticken habe, wann etwas gemacht werden soll und wann nicht, das ist nicht nur einfach so in der Praxis und aus naheliegenden Gründen entstanden, sondern stets auch eine Frage der Machtverhältnisse, der ökonomischen Verteilung und der Produktionsarrangements gewesen. Die Zeit erhielt erst mit den Menschen eine Skala. Nun verröchelte sie nicht mehr ungemessen, sondern in Einheiten. Der Naturbezug und der Biorhythmus fand aber auch im Zeitalter der Uhr noch rudimentär Berücksichtigung, scheinen aber heute immer mehr ins Hintertreffen zu geraten. Der heutige Mensch der industrialisierten Welt lebt in der künstlichen Zeit, aber immer weniger in den in ihm schlummernden biologischen und evolutionär bedingten zeitlichen Prämissen. Die innere Uhr liegt immer weniger im Trend. So nehmen fest eingeplante wöchentliche Ruhezeiten ab, wird das Wochenende der Flexibilität am Arbeitsmarkt geopfert, werden Schicht- und Wechselschichtmodelle zum Standard und die Nachtarbeit zur Normalität. Der durch die Beschleunigungsdynamik entstandene Druck im Arbeitsleben erzeugte ein (noch) ungeschriebenes Gesetz der Allerreichbarkeit, dem sich Arbeitnehmer beugen sollen. Die Ruhe kann jederzeit gestört werden, wenn sie sich denn überhaupt je einstellt.

Die Deutsche Post garantierte letztes Jahr, dass Pakete, die bis zur Mittagsstunde des 22. Dezembers bei der Post abgegeben würden, auch wirklich an Heiligabend die Empfänger erreichten. Folglich stellte DHL auch am 23. Dezember 2012, einem Sonntag, Pakete zu. Diese Feiertagsarbeit gesellte sich zu den sowieso überlangen Schichten aufgrund des Weihnachtsgeschäfts. Vor vielen Jahren hätte die Bundespost vermutlich keine Garantie gegeben, allerdings freudlich darauf hingewiesen, Pakete zur Weihnachtszeit rechtzeitig zur Post zu bringen. Die beschleunigte Gesellschaft läßt eine solche Erinnerung zur Pünktlichkeit, die entschleunigen soll, gar nicht mehr zu. Der Paketzusteller ist auch dann pünktlich, wenn der Absender es nicht ist. Service nennt sich das. Und der geht zulasten der Angestellten.

Dies ist nur eines der vielen kleinen und größeren Beispiele des beschleunigten Alltages. Wie die Beschleunigung Stress erzeugt und Arbeitsverhältnissen eine Flexibilität abringt, die unnatürlich ist und die dennoch diesem Sog der Schnelligkeit unterliegt und psychische wie körperliche Folgeschäden verursacht, läßt sich fast überall aus den gesellschaftlichen Verhältnissen explizieren. Es ist ein alter Hut, wenn man wie Hengsbach auch auf die Zunahme psychischer Erkrankungen durch Zeit-, Kosten- und Anpassungsdruck und Mobbing, als makaberes Ventil zum Druckablassen gegen das schwächste Glied einer Gemeinschaft, oder auf die Verdichtung von Burnout-Syndromen hinweist - aber ein Beleg für die Beschleunigung scheinen diese Zahlen durchaus zu sein.

Ausschnitt aus Dalís
"Die Beständigkeit der Erinnerung"
Hengsbach stellt fest, dass wieder mehr gearbeitet wird. Zudem vermische sich Freizeit und Arbeitszeit immer stärker. Was er leider nicht berücksichtigt: Die Wege zum Arbeitsplatz und zurück sind für viele Menschen heute lang und zeitintensiv. Der Mensch ist somit mit seiner Erwerbsarbeit oft viel länger beschäftigt als es die reine Arbeitszeit auf dem Papier vorgibt. Gestaltete sich das Leben von lohnabhängig Beschäftigten früher noch nach privaten und beruflichen Aspekten, so arrangiert sich ein solches Leben heute verstärkt mit den Notwendigkeiten, Vorgaben und Nachteilen einer Arbeitsstelle. Auch zwei Stunden An- und zwei Stunden Rückfahrt sind nach den Geboten der Flexibilität und den Maßgaben der Arbeitsämter noch zumutbar. Die Politik stellt sich nicht gegen diese Beschleunigung und versucht nicht mal die Symptome abzumildern. Stattdessen kippen immer wieder Ladenschlussgesetze und erschweren es den Angestellten im Handel, die ohnehin schwierige Gratwanderung zwischen Familie, Hobby, Entspannung und Beruf gelingbar zu machen. Andere Aspekte der allgemeinen Beschleunigung, wie der stetige Kosten- und Lohndruck, dem die Menschen ausgeliefert werden, tun das Nötige dazu, dass das zur Ruhe kommen fast nicht richtig mehr gelingen mag. Immer mehr Menschen klagen darüber, dass sie nach Arbeitsende nicht mehr abschalten können. Sie sind so in der Beschleunigung, dass ein Abbremsen nur schwer umsetzbar ist.

Der immer maroder werdende, stets neuerdings aufs Tapet kommende Kündigungsschutz und ganz generell der Sozialabbau, sind gleichwohl Folgen dieser Kultur der Beschleunigung. Das Schwinden von Normalarbeitsverhältnissen zugunsten von Teilzeit- oder Minijobstellen ist dem Mantra der Flexibilität geschuldet. Die herrschende Ökonomie ist eine Ökonomie der Kälte, weil sie in steter Eile ist, keine Zeit hat, um darauf zu sehen, was einer Gesellschaft wichtig zu sein hat und was nicht. Der Markt ist der gehetzte Exekutor der sozialen Kälte.

Dieser eilige Rhythmus, der über den Hochfrequenzhandel alle Teile der Gesellschaft erfasst hat, mag nicht kalkuliert gewesen sein. Da er aber nun mal in der Gesellschaft ist, hat er sich sicherlich nicht als Nachteil für die Eliten der Wirtschaft erwiesen. Sie haben Interesse daran, den Takt weiterhin so forsch anzuschlagen. Entschleunigung ist deren Ziel sicher nicht. Sie normieren unsere Zeit, füllen sie mit Gehetztheit, takten den Alltag und reißen viele Wunden in Personen und Gesellschaftsgruppen, zerstören soziale Gefüge und erklären mit Unschuldsmiene, all das sei notwendig, um den Wohlstand zu erhalten.

Man kann nur hoffen, dass Hengsbachs soziologisch-philosophischer Abriss des Phänomens Zeit und des gesellschaftlichen Umgangs mit ihr, kein zeitloses Werk wird, sondern zur Abhandlung über einen Zeitgeist, der sich irgendwann wieder gedreht hat.

Die Zeit gehört uns. Widerstand gegen das Regime der Beschleunigung von Friedhelm Hengsbach ist im Westend Verlag erschienen.



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Ich habe leistungsfördernde Substanzen verschrieben

Freitag, 25. Januar 2013

Ich bin Lance Armstrong dankbar. Ich wollte in jenen Jahren Parforceritte sehen, schnelle Antritte am Berg, spektakuläre Aufholjagden, ein deklassiertes, in Sprengsel zerfahrenes Feld, das rackert und kämpft und zu den Dominatoren des Fahrerfeldes trotzdem nicht aufschließen konnte. Ich wollte sehen, wie jeder Attacke eine Riposte folgt und wie das Übermenschliche auf den Landstraßen in immer mächtigerer Übermenschlichkeit pedalierte. Und Armstrong hat mir und all den anderen Radsportbegeisterten genau das gegeben. Ich war die Nachfrage - er das Angebot.

Wir wollten Show und wir bekamen Show. Diese Show musste immer abenteuerlicher, immer epochaler sein. Die Giganten der Landstraße musste mit jeder Etappe und mit jedem Jahr gigantischer werden. Höher, schneller, weiter! Der Wettbewerb findet ja nicht nur zwischen den Sportlern statt, sondern auch im Buhlen um die Gunst von Zuschauern und Sponsoren. Gewinnt man zwei Bergankünfte und verliert bei der dritten Ankunft plötzlich drei Minuten auf den Konkurrenten, wirkt dabei nicht mehr besonders frisch, dafür abgekämpft und bleich, dann ist die Krise schon publizistisch vorbereitet, dann wird die Qualität hinterfragt und verkündigt, man sei doch kein so großer Champion wie angenommen. Und die Zuschauer sind natürlich ebenfalls enttäuscht, kraxelten sie doch extra Alpe d'Huez hoch oder verbrachten den ganzen Nachmittag bei Eurosport und dann tritt der Typ einfach nicht an, keine Attacke, stattdessen Langeweile und Leistungsvakuum. Wie oft kam der Angriff Ullrichs auf Armstrong nicht und man nannte ihn deshalb ein schlafmütziges und schlampiges Talent! Aus Jan wurde sodann ganz schnell wieder der Herr Ullrich. Wer nicht spurt, wer die Nachfrage nicht befriedigt, den straft man mit Liebesentzug. Der Wettbewerb innerhalb der strampelnden Konkurrenz ist fast schon ein Klacks - der Wettbewerb um die Gunst der Nachfrager, der Konsumenten und Showbegeisterten ist die wirkliche Tortur.

EPO sei dank bekamen wir unsere Show. Muskelpräparate und Eigenblut sicherten uns Entertainment. There's no business like show business. Um Schnelligkeit ging es gar nicht so sehr. Nicht um die messbare Schnelligkeit. Bei der Zielankunft interessiert alles, nur die gestochene Zeit so gut wie nicht. Der Anschein von Schnelligkeit war es, der uns beflügelte. Armstrongs Takt am Berg manipulierte uns, weckte den Eindruck bei uns, er tritt in die Pedale wie niemals zuvor und vielleicht niemals danach jemand. Man dachte, er fliege hinauf. Um Zahlen ging es nicht, nur um den Eindruck, um die vermittelte Sicht, um die Suggestion von Höher, schneller, schneller und noch schneller - und weiter. Die Gier nach augenscheinlicher Geschwindigkeit, nach nie zuvor gesehenem Spektakel, nach mindestens sensationeller Leistung - das war keine realistischer Anspruch der Öffentlichkeit, das war die Geilheit auf Show, auf Menschen, Räder, Sensationen!

Wenn wir Tickets für irgendeinen Komiker oder Kabarettisten erstanden haben, und dem stirbt einige Stunden oder auch Tage vor seinem Auftritt die Mutter oder seine ist Partnerschaft in fremde Betten entfleucht, verlangen wir dann nicht dennoch, dass wir auf unsere Kosten kommen? Der lachende Clown, dem zeitgleich die Träne seines privaten Unglücks über die Wange rinnt, ist ein dramaturgisches Leitmotiv, das diese Diskrepanz trefflich zeichnet. The show must go on - und nicht nur das: Die Show ist alles, ist das Leben, ist das was wir wollten seinerzeit. Man hat in dieser Gesellschaft einen marktwirtschaftlichen Anspruch auf Show. Show ist die Konstante. Wenn man nur Show vor Fakten legen kann, vor Lappalien, dann wirkt es gleich viel seriöser. Was war Armstrong anderes als ein Showmensch? Er und alle seine Strampelgenossen. Er und alle Sportler. Er und alle Radler, Läufer, Kicker, die am Montag lesen müssen, wie schlecht, wie beschissen und wie enttäuschend sie am Wochenende gesportelt haben. Sie bekommen entweder die volle Häme und Abneigung zu spüren oder die Liebe zu Füßen gelegt. Und manchmal geschieht beides binnen weniger Tage.

Ich mache mir nichts vor. Ich partizipiere an Armstrongs und Ullrichs und Contadors Gedope. Wie ich saßen Millionen vor dem Flimmerkasten, standen Hunderttausende an den Straßenrändern und warteten auf eine Show der Extraklasse, auf einen magischen Moment der Radsportgeschichte - wie an jenem Nachmittag, als Armstrong an einem Beutel eines Zuschauers hängen blieb, stürzte, aufholte und den Etappensieg mit zäher Leistung einfuhr; seither wartete ich jeden Tag auf ein Spektakel von mindestens dieser Güte und seither war eigentlich immer unbefriedigt zurückgeblieben. Nie mehr kam so ein Augenblick. Enttäuschung konnte ich mir da nicht verbeißen. Die Stimmen mehrten sich, dass das Pulk gelangweilt und satt und zu behäbig sei. Und wurde Ullrich Zweiter, so nannte auch ich ihn einen tragischen Verlierer, weil er in eine Epoche mit dem Texaner fiel. Ein tragischer Verlierer! Weil er Zweiter wurde! Nur Zweiter! Dabei war ich noch freundlich, andere hießen ihn zu dick, zu bequem und sportlich überbewertet. Ich und mit mir diese ganze selbstgerechte Fangemeinde, nicht der harte Kern passionierter Radsportler, die will ich aussparen, die lieben den Sport wirklich - wir, die wir uns mit dem Hype des Radsports plötzlich formierten, wenig Ahnung hatten, die Helden der Landstraße bewundern wollten und immer mehr und mehr erwarteten, haben verbotene Substanzen vorgeschrieben. In gewissem Sinne sogar durch erpresserische Erwartungshaltung verschrieben. Wir waren das Rezept dazu, eine seltsame Arznei- und Heilmittelverordnung. Wir zwangen niemanden, wir erteilten nur denjenigen Liebesentzug, die nicht mitspielten, die deshalb nur im Gruppetto zum Tourmalet keuchten. Nur! Schon wieder dieses Wort!

Mit Armstrong zusammen sitzt eine Journaille und eine Zuschauergemeinde Oprahs sich in Seriosität übenden Boulevardantlitz gegenüber.  
Haben wir je verbotene Substanzen genommen?, fragt sie uns. Antwort: Nein! Wir haben sie vorausgesetzt, weil wir absolute Leistung und absolute Leistungssteigerung erwarteten.
Bei allen sieben Tour-Siegen?, fragt sie weiter. Antwort: Nein! Schon vorher und auch danach und womöglich wieder, wenn es mal wieder ein Jahrhunderttalent wie Jan Ullrich gibt.
Hat das UCI davon gewusst?, fragt sie uns misstrauisch. Antwort: Sicher! Und den Medienhype, der in Maßlosigkeit und mit ahnungsloser Überheblichkeit losgetreten wurde, sogar noch entflammt. Es war doch schön, plötzlich als Sport im großen Stil wahrgenommen zu werden.

Machen wir es uns als Sportgesellschaften des Westens vielleicht einfach! Erst feiern wir diese Gladiatoren - dann lassen wir sie nicht nur fallen, sondern treten sie und überstellen sie dem Spott, der sich manchmal Journalismus nennt. Später schieben wir alle Schuld für Verfehlungen auf die Athleten. Als wäre Doping nichts, was nicht auch sozio-ökonomischen Mustern folgte; als wäre der Dopingsünder nicht auch immer ein Produkt eines ganz besonderen gesellschaftlichen Klimas der Überbewertung seines Sports. Es wäre zu viel, die Armstrongs als gesellschaftliche Abtretmatten zu bezeichnen, denn dazu haben sie meist zu gut verdient. Aber es ist auch zu wenig, uns als Teil des Spektakels für unschuldig zu erklären.



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Facie prima

Donnerstag, 24. Januar 2013

Heute: Der angebliche Tropendiktator, Hugo Chávez

Ein dicklicher Mann im Trainingsanzug. Pathetische Geste dennoch. Das ist Chávez, wie man ihn sieht und sichtbar macht. Er soll nicht bloß ein Tyrann sein, der im kommunistischen Wahn multinationale Konzerne enteignete, um die Ressourcen seines Landes nicht weiterhin zum Selbstkostenpreis exportieren zu müssen - er soll als die Karikatur eines Genussmenschen, den man Herrschsucht nachsagt, der in seiner peinlichen Maßlosigkeit abgebildet wird, um einen glaubhaften Diktator abzugeben, stilisiert werden. Die Peinlichkeit ist dabei ein Attribut, das man bemüht, um das Klischee des Tropendiktators zu reanimieren. Dick, schlecht angezogen und voller schmierigem Pathos.


Der Lamettadiktator paradiert, grüßt militärisch, küsst Kruzifixe. Komische Gestik inklusive. Er soll als die personalisierte Lächerlichkeit wahrgenommen werden, als Charakter läppischer Natur. Eine Auseinandersetzung mit Chávez als historische Erscheinung seines Kontinents wird mit Fotographien dieser Sorte untergraben. Chávez soll zur Erscheinung eines Typus modelliert werden, wie ihn Südamerika immer wieder ausspuckte. Berichte, die das bolivarische Venezuela behandeln, zieren das törichte Konterfei eines stets neu demokratischen gewählten Staatspräsidenten, der nicht als solcher wahrgenommen wird und dem man die Gesichtszüge als die eines Deppen betont.

Bilder des von Krankheit gezeichneten Chávez flankieren die Berichte höchst selten. Als glatzköpfigen, aufgedunsenen Mann kennt man Chávez nicht. Er ist zum Mann in Lametta und Trainingsrobe, zum fotographierten Tolpatsch, über dessen politische Motivation man nicht spricht, den man nicht als Menschen sehen soll, sondern als vergötterten Despot, berufen. Als solcher muss er gar nicht unbedingt selbst als Zierat diverser Artikel, die ihn behandeln, zur optischen Gestaltung herangezogen werden. Man bietet stattdessen Devotionalien an, Chávez-Bildchen, -Anhänger oder -Talismane. Die übliche südamerikanische Verehrung starker Männer, die nicht regimediktiert, sondern der lateinamerikanischen Tradition und des dortigen Synkretismus aus Profanie und Katholizismus geschuldet sind. Der vergötterte Chávez soll zeigen, wie maßlos seine Geltungssucht ist, wie weit er seinen Personenkult getrieben hat, wie selbstverliebt er sich umgarnen läßt.



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Mehr als die Gewährleistung von Werbepausenfreiheit

Mittwoch, 23. Januar 2013

oder Was die Rundfunkabgabe sein könnte, aber nicht ist.

Die NachDenkSeiten wittern eine Kampagne gegen die Rundfunkabgabe. Das dürfte zutreffen. Gewillt bin ich trotzdem nicht, die Abgabe zu leisten, tue es lediglich unter Zwang. Nicht weil ich grundsätzlich dagegen wäre, sondern weil ich die Abgabe für das, was man mir als Programm aufzwingen will, nicht aufbringen möchte. Prinzipiell aber ist zu sagen, dass zur Erhaltung von Qualität ein Abgabesystem besser geeignet wäre, als es eine sponsorenbasierte Variante ist. Theoretisch jedenfalls. Praktisch und programmatisch hingegen, also mit Blick auf das Programm, auf Sendeinhalte und den Unterhaltungsstil, ist die Frage der Finanzierung des Fernsehens, nicht relevant. Sie bildet sich kaum an dem ab, was man zu sehen bekommt.

Ich darf für ein von öffentlicher Hand finanziertes Fernsehen bezahlen, das wie der privatfinanzierte Boulevardmist aussieht, der vom Dritten abwärts ausgestrahlt wird. Wenn für mich Rundfunkabgaben überhaupt etwas bedeuten, dann nur, dass sie notwendig sind, um sich von Sponsoren und Zuschauerquoten unabhängig zu machen, ein Programm anbieten zu können, wie es die Privatsender in ihrer Abhängigkeit zur Quote und den daran klebenden Geldgebern, nicht liefern können und wollen. Rundfunkabgaben könnten als die bedingte Befreiung von betriebswirtschaftlichen Kennzahlen im Bezug zur Programmgestaltung angesehen werden. Bedingt wären sie insofern nur, weil es natürlich niemals eine völlig unabhängige Medienlandschaft gegeben hat und auch die Abgabe den Einfluss etwaiger Doktrinen nicht unterbindet. Der privatwirtschaftliche Einfluss könnte hingegen vermehrt schwinden und mit ihm eine Unterhaltungskultur, die auf Nichtigkeit, Groteskes, billigen Sex und der Pflege von Bullshit baut.

Rundfunkgebühren ohne betriebsökonomische Normen, ohne Schielen auf Kundschaft, die sich hier Quote nennt, ohne Ausrichtung an einen frugal-dümmlichen Massengeschmack, der sich via Privatfernsehen in die Kulturlandschaft dieser Gesellschaft geschlichen hat, und ohne die hiermit verbundenen Aufplusterungen von Randständigkeiten und Nichtigkeiten, könnte man als ein Stückchen Unabhängigkeit in einer ansonsten abhängigen Medienwelt verstehen. Sie könnten das per Lastschriftverfahren gegebene Versprechen für Qualität, Kultur und einigermaßen angewandte Neutralität sein.

Das ist leider nur ein Ideal, die Realität sieht anders aus. Wir haben es mit einer Art Privatfernsehen finanziert von der öffentlichen Hand zu tun, mit einer Programmkultur, die bei Pro7 klaut und bei RTL spickt. Prominente turnen und hampeln dort, Seichtigkeit durchzieht das Programm und Boulevardkonzepte bedienen eine Kultur, in der die gemachten Titten eines C-Starlets mehr bedeuten, als geplante Kürzungen im Sozialwesen. Quizformate im Abendprogramm sind der öffentlich-rechtliche Tummelplatz für halbwegs prominente Menschen. Es scheint ohnehin, dass bei ARD und ZDF nichts mehr ohne ein Team prominenter oder prominöser Clowns funktioniert, die den Zuschauer abendlich mit einer warmen Steppdecke aus Seichtigkeit einwickeln sollen. Vielleicht kann man mit einigem Zynismus noch den Polittalk als die kulturelle Erfindung der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nennen. Diese Sparte medialer Monotonie hat man kultiviert und zu einer Form von dadaistischer Kleinkunst gemacht, in der zusammenhanglos gestammelt und wirr gestottert wird - so lange, bis die endgültige Desorientierung den Zuseher ins Bett treibt, bis er sich mit Dada-Affekten die Welt erklärt.

Was ist eigentlich schief gelaufen mit der ursprünglichen Idee der Rundfunkabgabe? Die sollte verhindern, dass man sich als Anstalt Konzepte aufzwingen läßt, die vielleicht viel Publikum ziehen, die aber nichts mit Bildungsauftrag, guten Geschmack oder auch nur Unterhaltung zu tun haben. Das soll keine intellektuelle Unterhaltungsabneigung sein. Ganz im Gegenteil, Unterhaltung ist ja notwendig. Aber ist es unterhaltsam, Menschen bei der Verrichtung ihres Alltags anzugaffen? Sind wir schon so weit, dass das Bettenmachen oder das Kofferpacken ein Spektakel ist? Ist es Unterhaltung, wenn reiche Menschen auf Kreuzfahrt gehen und man beim Schlürfen von Cocktails zusehen darf?

Natürlich läßt sich das mit dem Aufkommen des Privatfernsehens erklären. Plötzlich hatten die von der Öffentlichkeit finanzierten Sender Konkurrenz. Und gerade da hätte sich diese Form der Finanzierung ausgezeichnet, gerade da wäre sie die Versicherung gegen die Durchseichtung gewesen, wenn man nicht damit begonnen hätte, auch hier die Betriebswirtschaftslehre einzubauen, Rankings zu erstellen, Quoten zu messen, Publikumssegmente zu analysieren. Die Rundfunkabgabe gibt es nach wie vor - ihre eigentliche Aufgabe aber, frei und ohne Einflüsse seitens des Zeitgeschmacks und natürlich der Wirtschaft (und stückenweise auch der Politik) zu wirken, erfüllt sie nicht mehr. Sie ist somit ein Relikt aus Tagen, in denen die organisierte Kulturalität auch im Kapitalismus noch die Freiheit fand, sich frei und aufklärend zu formieren. Heute ist sie gehetzt und beschleunigt, an Messungen und Quoten gebunden und damit letztlich unfrei geworden.

Rundfunkabgaben sollten Freiheit gewährleisten. Das würde dem Zuseher, aber auch dem politischen Bürger nutzen. In der heutigen Ausgestaltung sind diese Abgaben im Verbund mit der Betriebsökonomisierung des Betriebes, nur ein Ärgernis. Man zahlt für ein Programm, das man auch kostenfrei herzappen könnte. Dort jedoch mit Werbepausen. Wenn Rundfunkabgaben nur die Gewähr dafür sind, relative Werbepausenfreiheit zu ermöglichen, dann ist das zu wenig, dann ist das ein Missbrauch der eigentlichen Funktion.

Die Kampagne, die Albrecht Müller von den NachDenkSeiten sieht und die es tatsächlich gibt, ist einseitig. Sie stellt die Rundfunkabgabe für falsch und erpresserisch dar, weil der freie Markt solche Zahlungen nicht im Repertoire hat. Theoretisch jedenfalls. Und die Kampagneros können eine solche Abgabe nicht einstreichen, was ihnen natürlich stinkt. Sie sehen darin Wettbewerbsverzerrung. Nun wäre es an der Zeit zu erklären, dass die öffentlich-rechtlichen Medien keinen Wettbewerb brauchen, weil sie kein Teilnehmer auf dem Markt sind (oder sein sollten), sondern ein Angebot, das sich nicht an Verkaufspotenzial etwaiger Produkte orientiert, sondern an Bildungsauftrag und Kulturangebot, an gehobener Unterhaltung und Objektivität. Es kommt nicht darauf an, was man verkaufen kann, sondern verkaufen will. Dann müsste nur noch das Messkriterium der Zuschauerquote fallen, dann stimmte diese Aussage vielleicht sogar ein bisschen.

Die Kampagne schimpft auf die Rundfunkabgabe und ich tue dies auch. Die Gründe sind jedoch, wie gesehen, andere. Das macht die Sache kompliziert, weil man dann mit denen auf eine Stufe gestellt wird, die bei BILD gegen AbGEZocktheit wettern. Die Abgabe wäre aber keine Abzocke, wenn sie das wäre, was sie als Ideal verspricht. Ich zahlte gerne, wenn sie weiterhin zweckgebunden wäre.



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Über das, was sie nicht beim Namen zu nennen pflegen

Dienstag, 22. Januar 2013

Der Einsatzort klingt niedlicher, nicht so trocken orientalisch, so istanisch fern wie dereinst Afghanistan. Und 75 Prozent der Franzosen sind angeblich einverstanden mit dem Krieg, den sie militärischen Einsatz zu nennen pflegen. Kann ein solcher Zuspruch falsch sein? Was Mehrheit hat, das hat Vernunft. Und Kriege auf Grundlage von Mehrheiten, die die Funktionseliten des Staates moralisch unbelastet lassen, weil man nun die Verantwortung dem demoskopisch erfassten Volkswillen zuordnen kann, sollten geradezu exportiert werden, an denen sollte man teilnehmen.

Mit Afghanistan konnte man am Ende nicht mehr punkten. Die Basis fehlte, die Mehrheit wollte keinen Krieg mehr, den sie humanitären Einsatz zu nennen pflegten. Aber Mali! Das liest sich charmant, das scheint ganz possierlich. Unsere Jungs in Mali! Nett klingt das! Und auf die arbeitet das übliche und üble Feuilleton schon hin. Blome natürlich und einige FAZkes - und n-tv. Sogar der Bundestagspräses! Und sie nennen allesamt gute Gründe. Wenn es um Krieg geht, sind sie alle immer ganz innovativ im Begründen und Ergründen. Manche Gründe lesen sich sogar vernünftig. Menschenhandel zum Beispiel, der in Mali begünstigt wird, den will man ausmerzen. Aber dieser erzwungene Transfer von human ressources - um mal Neudeutsch zu bleiben - ist weder neu, noch ist er auf Mali beschränkt. Weshalb ausgerechnet jetzt intervenieren? Um Vertreibung und Flucht einzudämmen ist auch so ein Punkt, der so vernünftig und mitmenschlich klingt, wohl aber nur Lippenbekenntnis ist. Wo waren die Befürworter dieses Arguments im Sudan? Ist eine Intervention im Gaza-Streifen schon geplant?

Man sah schon Bilder im Fernsehen, da jubelten Malier (oder nun doch Malinesen?) den Franzosen zu, standen französischen Kettenfahrzeugen Spalier und tatsächlich: sie lachten, waren fröhlich, erleichtert ausgelassen. Immer wenn der weiße Mann kommt, freuen sie sich in Afrika, konnte man da meinen. Wer will da nicht auch als Held beteiligt sein? Freundlich empfangene Soldaten machen jeden Krieg, den sie Friedensmission zu nennen pflegen, zu einer mutmaßlich gerechten Sache. So war es immer. Als die Alliierten in Frankreich landeten und sogar als die Deutschen in Polen einmarschierten, konnte man bewegte Bilder der Freude sehen. Blumenmädchen und senile Greise, die dem Tötungshandwerk auf Durchreise sentimental oder freudig erregt zuwinken, gab es zu allen Zeiten, in allen Kulturen. Jeder Krieg war noch ein gerechter und jeder einmarschierende Krieger war noch immer ein Vertreter dieser Gerechtigkeit auf Blutbasis.

Auch ohne Islamisten herrscht in Mali die Vielehe für Männer. Ein islamischer Synkretismus regelt das dortige Zusammenleben. Die Tuareg erleiden das traditionelle Schicksal aller Nomadenstämme, sie werden verfolgt, kriminalisiert und als Fremdkörper stigmatisiert. Alles ganz ohne radikale Moslems. Wielange wird es dauern, bis die ersten Experten Mali als durch und durch fundamentalistisch brandmarken werden? Immerhin gibt es da die Polygamie und die Vielweiberei ist, wir wissen das aus Expertisen, typisch mohammedanisch! Geschenkt, dass es die auch in anderen afrikanischen Ländern gibt, in denen auch christliche Afrikaner in der historisch hergebrachten und sozio-ökonomisch bedingten Vielehe leben! Wer nun Islamist ist und wer stinknormaler Malier (oder Malinese?): Wie wird die Unterscheidung vonstatten gehen? Wann kommen die ersten Berichte von Missverständnissen, von schwerer Differenzierung und Kollateralschäden ans Tageslicht? War denn die Unterscheidung von Taliban und Afghanen ohne fanatischen Hintergrund je möglich? Was hat man denn gelesen über Männer mit Bärten, die inhaftiert und gefoltert wurden, und die letztlich gar keine Taliban waren, sondern einfach nur bärtig! Haarwuchs im Gesicht war kein sicheres Anzeichen, hat man dann irgendwann gemerkt und festgestellt: Die Differenzierung ist so schwer, wir haben wenig Überblick und verlieren ihn täglich mehr. Wird all das in Mali leichter sein?

Vermutlich glauben die Kriegstrommler, die nun allerlei Motive zum Kriegseintritt, den sie logistische Unterstützung zu nennen pflegen, in die Waagschale werfen, dass die Islamisten dort aussehen wie jene Typen um Usama bin Ladin. Zottelgebartet, in weißer Kluft, berberisch gebräunt - und deswegen schön vom gemeinen Malier (Malinesen?), vom gemeinen Schwarzafrikaner zu unterscheiden. Das sind natürlich die imperialistischen frommen Sehnsüchte nach einer einfachen Welt und Landkarte, auf der man herummarschieren kann, nach Gut und Böse, nach Unterscheidungskriterien für den weißen Menschen in der Fremde absteckend. Aber genau so lief es nie, wenn der Eurozentrismus mal wieder die Welt beglücken wollte. Schon Amerikas Ureinwohner waren für die Europäer ununterscheidbar. Im Kolonialismus war es nicht anders. Nama, Griqua, Herero: Alles Hottentotten! Wir wissen ja nicht mal genau, ob die Leute aus Mali Malier oder Malinesen sind! Es ist ja für einen Europäer normalerweise schon schwer genug, asiatische oder afrikanische Gesichter zu unterscheiden - andersherum ist es übrigens nicht anders. Das hat nichts mit Rassismus zu tun, sondern mit der Vertrautheit der Wahrnehmung und Erkennung und der Physiognomie, der Symmetrie und so weiter von Gesichtern, an die man gewohnt ist. Gesichter auseinanderhalten fällt ihm, dem Europäer, also schon schwer. Aber er will gleich noch soziale Gruppen unterscheiden können. Das ist die typische europäische, typisch westliche Bescheidenheit.

Immer schön einmischen, Gefüge zertrümmern, ohne ein Gefühl für die Geschichte und die Strukturen der Region zu besitzen. Optimisten meinten, Afghanistan sei eine Lehre gewesen, so naiv beteilige man sich nicht mehr an einem Krieg. Schön dumm, denn es war nur der Anfang von einer Strategie, den Verteidigungsfall vom Boden der Bundesrepublik auf ausländisches Terrain zu verlagern. Outsourcing innergesellschaftlichen Aggressionspotenzials, wenn man so will. Der Verteidigungsfall des Rechtsvorgängers der hiesigen Republik wurde schon 1941 auf russischen Boden verlagert - Begründung: Der Russe wäre sonst zuvor eingefallen. Der deutsche Konservatismus ist nur traditionalistisch, wenn er nun mal wieder vom Hindukusch schwatzt, der irgendwas mit deutschen Interessen zu tun haben soll. Hindukusch hört man heute wieder gerne und oft. Aber deutsche Gebirge kennt eine breite Masse der Bürger nicht. Der Hindukusch ist ein Begriff, aber hören sie Harz, so fällt ihnen nicht mehr ein als: Arbeitsmarktreform!

Ein Bundespräsident trat schon zurück, weil er genau so sprach, den Verteidigungsfall der Bundesrepublik auch sah, wenn weit weg irgendwelche wirtschaftlichen Interessen Deutschlands nicht befriedigt würden. Dann hagelte es spärliche und milde Kritik und der Kerl brach ein, schmollte und trat ab. Dass Mali nun Bundesgebiet sein soll, geht mit dessen damaligen Äußerungen konform. Der Hindukusch ist eben ein mobiles und flexibles Gebirge.

Das sind vielleicht so Typen, die nun in ihrer stockkonservativen Haltung Krieg! rufen, den sie Herstellung von Frieden und Demokratie zu nennen pflegen. Sie hätten gerne die Bundeswehr dort, um die Verhältnisse zu befrieden, schreiben jedoch auch turnusmäßig davon, wie wichtig es sei, Waffen zu exportieren. Das schaffe Arbeitsgelegenheiten und wenn es Deutschland nicht mache, mache es halt jemand anderes. Diese Hetzer im Zwirn verteidigen den Krieg und die Waffen, die zu Krieg führen. Was sie predigen hat keine Hand, keinen Fuß, ist vom Nihilismus zerfressen - und dann zucken sie auch noch blöde mit ihren Achseln und sagen, die Welt sei eben so, man könnte sie nicht ändern. Als Waffenexporteur Waffen verschiffen und gegen sie in den Krieg ziehen: Man könnte das psychopathisch nennen. Aber gemeinhin sagt man dazu wirtschaftlich vernünftig.

Nun eben Mali, weil nun dort der Hindukusch hingezogen ist. Und Mali liegt bald vielleicht schon im Iran oder sonstwo. Alles Hottentotten! Europa ist wieder mal überall interessiert. Und diesmal darf der Platz an der Sonne nicht zu spärlich ausfallen für jenes Land, das Europa ganz kauderianisch seine Sprache lehrt. Wir sind doch immerhin zu mehr berufen. Wir bringen die Neger auf Zack!



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De omnibus dubitandum

Montag, 21. Januar 2013

Bei der Landtagswahl in Niedersachsen, wählten...
  • ... 40,6 Prozent aller Wahlberechtigten gar nicht oder ungültig.
  • ... 21,1 Prozent aller Wahlberechtigten die CDU.
  • ... 19,1 Prozent aller Wahlberechtigten die SPD.
  • ... 8,0 Prozent aller Wahlberechtigten die Grünen.
  • ... 5,8 Prozent aller Wahlberechtigten die FDP.
  • ... 1,8 Prozent aller Wahlberechtigten die LINKE.
  • ... 1,2 Prozent aller Wahlberechtigten die Piraten.
Die rot-grüne Koalition hat somit einen Rückhalt von 27,1 Prozent aller Wahlberechtigten. Die schwarz-gelbe Opposition liegt mit 0,2 Prozentpunkten dahinter. Beide Seiten binden somit gerade mal etwas mehr als ein Viertel aller Wahlberechtigten an sich. Das gefeierte Wahlergebnis der SPD ist das zweitschlechteste Ergebnis des Landesverbandes.

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Postdemokratische zehn Prozent

Sonntag, 20. Januar 2013

Nur nicht grämen niedersächsisch Schwarz-Gelb. Auch wenn es vielleicht nicht klappt mit der Fortsetzung - du bist bestätigt. Gute Arbeit geleistet. Der Wähler hat so befunden. Also doch zehn Prozent für die Liberalen. Alles nur Panikmache vorher. Die Postdemokratie hat entschieden. Etwa 370.000 Wähler für die FDP heißen in der Postdemokratie auch dann zehn Prozent, wenn es einige Wähler mehr im Register gibt - 370.000 sind bei 6,1 Millionen trotzdem ein Zehntel. In der Postdemokratie ein ganz übliche mathematische Gleichung. In ihr wird aus einem Zwanzigstel schnell mal ein Zehntel.

Das Parteiprogramm stand auf der Kippe. Steuern runter! als Antwort auf alle offenen Fragen hat sich letztlich doch als richtig erwiesen. Mit Steuern runter! überzeugt man Wähler. Mit der Kontur gesenkter Steuern ist man immer noch ein Schwergewicht. Nichts war falsch, alles richtig. In der Postdemokratie gibt es keine Analysen, nur Zahlen. Und wenn die stimmig sind, stimmt auch das Gefüge innerhalb von Parteien wieder.

Was hat sich denn als Erkenntnis manifestiert? Dass die Liberalen immer mal wieder punkten können, auch wenn man sie inhaltlich mit zwei, drei Sätzen beschreiben könnte, wenn man das überhaupt noch will? Und was wenn sie nicht gepunktet hätten? Wenn einige der Prozentpunkte auf das Konto der Sozialdemokraten und Grünen gegangen wären? Auch dann wäre die Koalition in ihrer politisch-ökonomischen Ausrichtung bestätigt gewesen - nur unter einem neuen Namen, mit neuem Logo und dem wohligen Anschein von gesellschaftlicher Beweglichkeit und Mitspracherecht.

So kann man sich ärgern über eine undefinierbare Wählermasse, die eine Partei stützt, deren einziger Wert darin besteht, den Marktradikalismus in einer Offenheit zu vertreten, die die anderen Parteien sich nicht ganz so sehr zutrauen. Richtungsweisend ist in einem solchen Milieu postdemokratischen Naturells jede Wahl. Denn die Richtung wird immer gewiesen. Sie heißt Neoliberalismus. Frage ist nur, wer die Richtung vorgibt. Was aber ins Auge sticht ist, dass die viele Scheinoptionen, die man in die Urne stecken kann, gar nicht nötig sind. Man kann über Jahre nur innerparteiliche Zwiste ausfechten, inhaltliches Vakuum regieren lassen und den Sozialabbau und die Stütze hoher Einkommen als Allheilmittel vertreten und ist immer noch wählbar.

Insofern ist diese Postdemokratie nicht mal mehr auf Optionen angewiesen, die einem weismachen sollen, es gäbe Möglichkeiten, Alternativen und Ausflüchte. Dieser Popanz ist gar nicht mehr nötig. Der Ein-Ideologie-Staat brummt - ob mit Ersatzliberalen in grüner Montur oder nicht.



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Der Holocaust ist ein Missbrauchsopfer

Freitag, 18. Januar 2013

Jemanden für einen Antisemiten zu erklären, um ihn politisch mundtot, ihn gesellschaftlich untragbar zu machen, ist nicht nur eine fiese Masche, sondern eine faschistisch anmutende Ideologie. So wie antisemitische Kapriolen öffentlich geächtet und als unannehmbar angesehen werden, so müssen auch Anfälle von Schau, das ist ein Antisemit! gesellschaftlich verpönt sein - nicht zögerlich und bedächtig, sondern mit derselben Empörungsgewalt, mit der zuweilen - leider nicht immer! - Antisemitismus geahndet wird.

Letztes Jahr sollte Günter Grass ein Antisemit gewesen sein - Friedman nennt dessen Gedicht furchtbar, vermutlich nicht sprachlich betrachtet, sondern weil ihm der Inhalt nicht gefällt. Broder und das Wiesenthal-Zentrum benennen Augstein ebenfalls als einen. Leider (oder zum Glück) geht den Wiesenthalern die Arbeit aus, Altnazis gibt es kaum noch, sie überdauern nicht. Jetzt sind deutsche Linke - nennen wir Grass und Augstein mal so; für Broder und Konsorten dürften beide wohl radikale Linke sein -, die gejagt werden müssen. Der Vorwurf, die europäische Linke sei antisemitisch geworden, schwebt schon länger im Raum. Grund dafür ist die Kritik an der israelischen Politik, die leider viel zu oft aus Vertreibung und Totschlag besteht und eine internationale Kriminalisierung der Palästinenser betreibt.

Eine Preziose der Dummheit dürfte indes Wickerts Zensurvorwurf sein. Broder nach seinem Schweinsgalopp erstmal dem Schweigen zu überstellen, sei nämlich eine Zensur der Mutlosigkeit. Er nennt den kleinen bösen Mann sogar einen Polemiker, nennt ihn in einem Atemzug mit Heine oder Kraus. Wickert übersieht, dass diese beiden gegen die politische Agenda ihrer Tage polemisiert haben; sie haben ihre Polemik nicht benutzt, um pseudo-intellektuelle Gesinnungsherrschaft im Verbund mit der amtierenden political correctness zu errichten. Nicht die Zensur ist mutlos, wie Wickert das schreibt: Eine Polemik, die auf Staatsagenden baut, die weitestgehend mit dem konform geht, was eine breite Basis hat, ist mutlos. Und die Kritik an israelischer Politik ist immer noch tabuisiert und gilt gemeinhin als geschichtsvergessen und als Revisionismus. Die beiden Polemiker aus der deutschen Geschichte, die Wickert aufzählt, waren jedoch insofern mutig.

Man muss Leuten wie Broder vorwerfen, dass sie den Holocaust missbrauchen, um die Politik eines heute agierenden Staates für sakrosankt zu erklären. Ist das das viel bemühte Wahren des Andenkens? Kritiker an Israels Politik für antisemitisch zu erklären, mit Blick auf die deutsche Geschichte freilich, immer die Shoa mitschwingen lassend in der Abkanzelung kritischer Positionen? Was Friedman und sein Kollege da errichten, ist nicht weniger als ein Wohlfahrtsausschuss moralisch fadenscheiniger Scharlatane und publizierender Kraftmeier. Le terreur auf rhetorischer Basis ohne Guillotine.

Vom Holocaust kann Gebrauch gemacht werden. Das ist gut und richtig. Nämlich als Warnung, als Mahnmal, als Beweis dafür, zu welchen Verbrechen Menschen an Menschen fähig sind. Avraham Burg beklagt in seinem Buch Hitler besiegen: Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss, dass die Ideologie, den Holocaust als israelische Staatsdoktrin, als Gründungsmythos aufzuführen, endlich abgeworfen werden müsse. Diese Doktrin hat Israel zu einem selbstgefälligen Staat in Dauernotwehr gemacht, hat der Verhandlungsfähigkeit Israels nachhaltig geschadet und zudem die fundamentalistische Losung vom auserwählten Volk neu entflammt. In der dauerhaften Betonung der Singularität des Massenmordes an den Juden, zeigt sich diese Auserwähltheit, die neben sich das Leid beispielsweise der Sinti und Roma schluckt. Burg meint natürlich nicht, dass man den Holocaust vergessen sollte, wie das Broder in seinem Buch mit ähnlich klingenden Titel gerne gesehen hätte (sic!), sondern dass man ihn generalisieren muss. Er ist sicherlich ein Verbrechen Deutschlands gegenüber den Juden, aber er ist weiterführend auch ein Verbrechen Europas (aufgrund der bereitwilligen Hilfsvölker Deutschlands) gegenüber Sinti und Roma, Kommunisten, Homosexuelle und weitere Gruppen. Anders gesagt: Ein Verbrechen des Menschen am Menschen. Dies zu betonen, immer wieder zu mahnen, wenn mal wieder ein Volksverhetzer auftritt, zu warnen, dass Hetze der Beginn war, bevor der Blutrausch entfachte, das ist der Gebrauch von Holocaust.

Missbrauch hingegen ist es, wenn man ihn benutzt, um die Politik des heutigen Israel für unantastbar erklären zu wollen. Das linke politische Spektrum kritisiert tatsächlich viel stärker diese Politik, als es der Konservatismus tut. Diesen Umstand nennen die Beschützer israelischer Außenpolitik kurios, denn ausgerechnet die Linke sei doch traditionell weniger antisemitisch gewesen, sei humanistischer und grundsätzlich philosemitisch. Womöglich ist es aber so, dass die Linke die Generalisierung des Holocausts bereits vergeistigt hat und demgemäß israelische Politik gegen Palästinenser ebenfalls als brutale Akte des Menschen an anderen Menschen erkennt. Und die angeblich antisemitische Linke kritisiert nicht das Judentum, sondern Israel als Staat - der Antisemitismus ist also nicht auf die Linke übergegangen. Es ist der Popanz eines Antisemitismus, der aufgebaut wird, um Israel in seinen Handlungen als moralisch unantastbar zu halten.

Antisemitismus ist geächtet, kann manchmal auch juristisch geahndet werden. Das ist richtig so. Diejenigen aber, die mit Der ist ja Antisemit!-Beschuldigungen aufwarten, die den Holocaust zum Missbrauchsopfer machen, indem sie nicht sein Andenken waren, sondern ihn zum geschmacklosen Argument gegen jegliche Kritik an einem Staat benutzen, der kriegs- und gewaltbereit gegenüber seinen Nachbarn agiert, muss mindestens auch gesellschaftlich geächtet sein - und wenn möglich, sollte man diesen Missbrauch unter Strafe stellen können. Den Holocaust leugnen ist die eine Seite der Medaille, die Opfer für politische Zwecke zu verwenden, das ist die Kehrseite derselben Medaille. Normal Finkelstein nannte einen etwas anders gearteten Missbrauch mit der Shoa im Jahre 2000 übrigens eine Industrie. Und wie am Fließband wird die Shoa auch von Broder und Konsorten missbraucht, um die Staatsdoktrin vom dauerhaften Notwehrzustand zu rechtfertigen, Angriffskriege als Verteidigung und Atomwaffenbesitz als Vernunftakt hinstellen zu können.

Wer dies tut ist nicht nur politisch unverantwortlich, sondern beleidigt auch  noch das Andenken der Menschen, die damals den Tod fanden. Denen ist zu gedenken; ihr Tod sollte, wenn man schon einen Sinn herausfiltern möchte, eine bessere Welt zur Folge haben, und nicht als Rechtfertigung für sozialen Ausschluss, gesellschaftliche Isolation, Ghettos, Stigmatisierung und Krieg herhalten müssen.



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